I.
Ich sitz’ im Garten, die gold’nen Schleier
Des Morgens rauschen um mich her,
Und Alles prangt in stolzer Feier,
Als ob’s ein heil’ger Sonntag wär’.
Nichts hör’ ich hier vom Weltgetriebe,
Und hinter’n Bäumen liegt die Stadt,
Mit ihrem Haß und ihrer Liebe,
Und Allem, was sie Schönes hat;
Mit ihrem Verdruß und ihren Freuden,
Mit ihren Straßen grad’ und krumm,
Mit ihren großen und kleinen Gebäuden –
Und vor Allem mit dem Gymnasium.
Und hinter’n Bäumen liegt die Stube,
Die stille Zeugin meiner Geduld,
Der Wissenschaft Gold- und Silbergrube,
Mit dem tintenbefleckten Schreibepult,
Und mit den Prüfungs-Exercitien,
Und zumal mit den Büchern rings herum,
Den tiefgelehrten und den witz’gen
Und dem ganzen heiligen Classikerthum.
Dagegen blühen mir hier die Rosen,
Und auf jeder strahlt ein Diamant;
Hier reifen die Pflaumen und Aprikosen
Und die Trauben an der Raketenwand.
Und ein Heer von Astern und Georginen
Und die Sonnenblumen stolzen Wink’s,
Sie grüßen mich mit gnäd’gen Mienen,
Und die Schwalben pfeifen rechts und links.
Und Lorbern mehr, als wir Dichter haben,
Sie schießen aus braunen Kisten empor,
Und ein freies Bienchen verließ die Waben,
Und singt melodisch mir um das Ohr;
Und erzählt mir alte Geschichten, die wußt’ ich
Schon, als ich noch ein Knabe war –
Ich glaube, sie machen sich über mich lustig,
Die Blumen, die Schwalben und der Lorber gar!
Ach, freilich ist ja der ganze Garten
Eine große lebendige Poesie,
Und ach, es bleiben die Dichtungsarten
Bei der Biene summender Melodie!
Curies! ich habe keine Schule heute:
D’rum glaubt’ ich, daß es Sonntag wär’,
Und horch! es bringen fernes Geläute
Die Morgenwinde zu mir her.
So läutet denn, ihr fernen Glocken
Mir feierlich meine Ferien ein, –
Dann will ich mit der Biene frohlocken
Und fröhlich und frei mit den Schwalben sein.