Trost in Thränen.

Grablied auf Professor Koch.

Nach der Harfe greif’ ich wieder –

Und sie tönet Grabgesang,

Bittern Schmerzes Klagelieder

Zittern durch der Saiten Klang.

Ernst, in Wehmuth hingegossen,

Schwieg der Jünger Trauerschaar,

Weib und Kind, in Schmerz zerflossen,

Standen an der Leichenbahr’.

Ach! der Sänger, der gerungen

Treu für Gott und Vaterland –

Seine Saiten sind verklungen,

Die er schlug mit Meisterhand!

Der uns sang der Minne Sehnen

Und des Helden Sturmesdrang,

Und des Dulders stille Thränen

Und des Glaubens Siegessang! –

Mußt so früh den Tod Du finden,

Lebensmuthig, liederreich?

Wollten Dir die Schläf’ umwinden

Mit des Ruhmes Lorberzweig. –

Nicht bei Menschen, nicht hienieden

War Dein Hoffen, schön’res Loos

Ist der Treue dort beschieden.

Wo Du ruh’st in Gottes Schooß.

Wo die Stirne wird umkränzen

Der Verklärung Siegeskranz,

Und ein Engel Du wirst glänzen

In der Sel’gen Sonnenglanz’.

Luxemburg, 1. November 1859.

Ludwig Housse,
Prof. d. deutschen Sprache u. Literatur.

Meinen Eltern,
am Neujahrsmorgen 1825.

Wie einst Memnon’s Säule sanft ertönte

Bei Aurorens erstem Strahlenkusse:

So tönt mir auch dieses Jahres erster

Morgenstrahl Gefühle in die Brust,

Wie sie nur des Kindes Herz kann fühlen,

Wenn es sich an das der Eltern dränget.

Auf die Feder scheint die Morgensonne

Mir und ladet mich zum frohen Gruße.

Kaum, Ihr lieben, kann ich sie erwarten,

Die Minute, wo in Euren Armen

Inniger mein Herz dem Eurigen

Und der Zukunft ungewissen Tagen

Freudig wünschend dann entgegenschläget!

Nicht entweihen will ich durch die Feder,

Was die dankerfüllte Brust durchglühet,

Sagen nicht, wie Eure Elternliebe

Mich von meinem ersten bis zu diesem

Morgen mit des Dankes Hochgefühlen

Ewig an die treuen Herzen bindet;

Sagen nicht, was ich aufzählen weder,

Noch Euch je vergelten kann, – ach wenn ich

Mir dies denke, alle die Wohlthaten,

Mir zurück in meine Seele rufe:

Dann zerfließt (doch nur in meiner Seele),

Einer Thräne gleich, mein frommer Dank

In dem Meer der elterlichen Liebe,

Und das Ziel von allem meinem Streben

Ist: mich Eurer Liebe werth zu machen.

Schlummer nur sang einst ein Wiegenlied

Auf den kleinen Knaben nieder – und der

Kinderjahre gold’nen Traum; – er wußte

Noch nicht, wem er seine Freuden dankte:

Jetzt tönt ihm die Harmonie der Welten,

Der Natur, der heit’re Frühlingshimmel

Andere, erhabene Gefühle

In die Jünglingsbrust; – es weiß der Jüngling

Nun für wen des Dankes Zähre fließt!

Der die Welten schuf und die Natur

Und den heitern Frühlingshimmel, der das

Leben seinen Menschen gibt und nimmt,

Der auch diesen frohen Neujahrsmorgen

Ueber unserer Erde aufgeh’n ließ:

Er nur kennt der Herzen heil’ge Tiefen,

Hört mit Huld ihr Wünschen, Hoffen, – Beten!

Am Geburtstage meiner innigst geliebten Mutter

(am 9. April 1827).

Jubelnd kommt der frohe Lenz gezogen,

Flur und Haine bau’n ihm Ehrenbogen,

Ihn begrüßt der Lerchen Chor,

Und der Engel treuer Kindesliebe,

Der die Brust erfüllt mit süßem Triebe,

Schwingt mit ihnen sich empor.

Nimm es mit mein Herz zur ew’gen Ferne,

Du, mein Engel, wo des Himmels Sterne

Freundlich auf- und niedergeh’n,

Wo die Brüder dort in süßer Wonne

Und die heil’ge liebende Madonne

Nieder auf die Menschen seh’n.

Schwinge Dich zu ihrem lichten Throne,

Fleh die Heil’ge um die schönste Krone

Für ein edles Mutterherz:

Wenig Leiden und der Freuden viele,

Langes Leben, und am späten Ziele

Sanftes Scheiden himmelwärts.

Am Geburtstage meines Vaters

(während eines heftigen Gewitters geschrieben).

Glühend in des Mittags Schwüle

Schickt die Sonne ihr Geschoß,

Keuchend zieht das matte Roß,

Sucht der Bäume Schattenkühle.

Aller Lebensgluth beraubt,

Steht der Hain mit schlaffen Zweigen,

Und des Thales Blumen neigen

Traurig, farbenlos, ihr Haupt.

Einer Jungfrau gleich, die heimgegangen,

Schon im Sarge, noch geschmückt,

Wo der Tod von ihren Wangen

Noch die Rose nicht gepflückt;

Einem holden Frühling gleich

Mit unendlicher Blumenfülle;

Ohne das ewige Schaffen und Streben,

Ohne das blühende, liebende Leben,

Eine abgestorbene Hülle

Liegt der Erde weites Reich.

Sieh, da kommt’s in schwarzem Bogen

Dort im Westen hergezogen,

Wie das Schicksal, langsam, schwer,

Wälzt es sich am Himmel her.

Und des Aethers Azurschein

Hüllt in Nacht sich ein,

Und der Ewige naht

Auf dem Gewölke den Fuß,

Und die Sonnen und Welten auf seinem Pfad

Bringen den Jubelgruß. –

Da siehe, ganz helle,

Ein zuckender Strahl

Mit Gedankenschnelle

Erleuchtet das Thal.

Ein Funken seiner Glorie kündet

Des Herren Angesicht,

Der Herr sprach: zurück, die Hütte nicht!

Und der Funken hat nicht gezündet,

Und der Mensch danket und betet an,

Wie er sieht den Ew’gen nah’n.

Horch, da murmelt’s am fernen Himmel,

Gleich einem rieselnden Felsenbach,

Und murmelt näher und näher ohn’ Ende,

Und rollt jetzt lauter am Firmamente,

Und bebt in des Berges Schluchten nach,

Und donnert und kracht,

Und heult in die Nacht,

Als wären die Welten im Kampfgetümmel,

Als wollt’ im angstvollen Beben

Die Erd’ aus den Angeln sich heben,

Und ein Schlag, daß die Himmel zittern,

Hemmet des Donners furchtbaren Lauf,

Und des Eichbaums Aeste splittern:

Dampfend zu dem Himmel auf

Wallt des Haines Opfergluth

Ihm, der uns mit treuer Hut.

Schützt in Ungewittern.

Siehe, nun kommt der unendliche Segen,

Und es ergießt sich der rauschende Regen,

Ziehet dahin über Felder und Auen,

Sie mit erquickendem Leben zu thauen.

Freudig erhebet die Blume das Haupt,

Frisch hat der lachende Baum sich belaubt.

Holde Nachtigallen

Singen in dem Hain,

Hörnerklänge schallen,

Flöten und Schalmei’n,

Und es grünet die Weide,

Und die Heerden zieh’n

Mit harmonischem Geläute

An dem Anger hin.

Der Landmann sieht die Felder blüh’n

Und seiner Wiesen neu belebtes Grün,

Und sieht auf seinen Fluren

Des Vaters Segensspuren.

Zum Himmel hebt er die Hände gern

Und dankt dem Herrn.

Und ein Jüngling schmiegt sich an seinen Arm,

Drückt an die Brust ihn lieb und warm,

Blickt empor zu des Himmels Blau,

Sehnsucht im Auge und Thränenthau,

Will einen Kranz dem Vater winden,

Kann für das Herz nicht Worte finden,

Er schaut in den Frühling und findet sie,

Und beugt in kindlicher Andacht das Knie:

Du in ew’gen Fernen,

Vater über’n Sternen,

Höre mein Gebet!

Geber aller Freuden,

Du nur kannst es deuten,

Was die Seele fleht.

Herr, wie auf Dein Zeichen

Die Gewitter weichen,

Und die Wolken fliehen:

Also winke liebend,

Wenn Gewitter trübend

Seine Stirn’ umzieh’n.

Schaffen, Wirken, Streben

Sei das frohe Leben,

Das Du ihm verlieh’n,

Und durch Frühlingstage

Ohne Schmerz und Klage

Leite, Vater, ihn.

Deine Huld und Güte,

Ewiger, verhüte,

Kummer, Gram und Leid;

Kräfte gib dem Sohne

Zu dem großen Lohne,

Bis die Dankbarkeit

Einst in späten Zeiten

Unter Trauerweiden

Feuchten Auges steht,

Bis die Nebel sinken

Und die Fluren winken,

Wo die Palme weht!

Am Anfange der Osterferien.

1826.

Auf, auf, mein Herz, der Frühling ist da,

Laß schweigen das nächtliche Sehnen,

Hast wacker gekämpft, die Stunde sie naht,

Wo Kronen der Liebe dich krönen!

Auf, auf, mein Herz, die Lerche schwirrt,

Es senket der Lenz seine Flügel,

Auf, auf, nach der Heimath durch Wald und Flur,

Hinaus über grünende Hügel!

Warum so still, wenn die Freude Dir lacht?

Hast Du nicht dem Himmel vertraut?

Und hat der beglückende Frieden in Dir

Nicht gold’ne Palläste gebaut?

Hast Du nicht errungen das Wonnegefühl,

Gekämpft und gesieget zu haben?

Hast du in den niederen Gängen der Lust

Die Hoffnung der Eltern begraben?

Warum so still, wenn der Frühling Dir lacht?

Wenn himmlische Freuden Dir winken?

Bald sollst Du an liebender Vaterbrust

Die Wonne des Wiederseh’ns trinken!

„Wohl bin ich so still, ob die Freude mir lacht,

„Wohl hab’ ich dem Himmel vertraut;

„Wohl hat der beglückende Frieden in mir

„Die gold’nen Dächer gebaut;“

„Wohl schwirret die Lerche, es lächelt so klar

„Der Aether in freundlicher Bläue,

„Wohl nahen die Freuden, die himmlischen all’,

„Mit Kränzen der Liebe und Treue:“

„Doch ach, mein Harren und Sehnen ist hin,

„Das innig und heiß mich durchglühte,

„Ich kann nicht mehr wünschen, mein Hoffen ist hin,

„Gepflückt ist die köstlichste Blüthe.“

Ach! süßer entfloh’n, und ich wußte es nicht,

Im Harren und Sehnen die Stunden,

Die Frucht ist gereift, die Blüthe verwelkt,

Die Krone der Freude empfunden!

Am 8. December.

Sieh, wie buntes Schneegewimmel

Spielet durch den öden Himmel,

Und es heult der Stürme Wuth.

Ob auch mit erstorb’nen Lilienwangen

Die Natur im Schlummer ruht,

Ist mir doch ein Frühling aufgegangen,

Und (ich fühl’ es an dem Wogen

Dieser übersel’gen Brust)

In mein frohes Herz gezogen,

Reich an Blüthen, reich an Luft.

War nicht heute, freudig tönt’s die Laute,

Beben’s meine Saiten nach,

War nicht heute jener frohe Tag,

Wo Dein Blick dies schöne Leben schaute?

Ach, Geliebte, war’s nicht heute?

Wo ich, noch ein Knab’, an Deiner Wiege saß,

Und mein Lieblingsspiel vergaß,

Und der Schwester königlich mich freute,

Selig dir ins Auge blickte,

Ja, und dreimal glücklich war,

Wenn ich auf Dein kleines Lippenpaar

Dir den Kuß der Bruderliebe drückte?

Vierzehn Lenze sind geschwunden,

Doch des Knaben Liebe nicht.

Was ich damals schon empfunden,

Fühl’ ich noch in schönen Stunden,

Wenn Dein sanftes Angesicht

Treue Schwesterliebe spricht.

Hätt’ ich Hölty’s Lautenklang,

Ließe meine Saiten rauschen,

Daß die Engel mir im Himmel lauschen,

Säng’ ich meinen schönsten Hochgesang:

Nimmer würd’ es mir gelingen,

Meine Liebe Dir zu singen.

Wandle froh und glücklich durch Dein Leben,

Trau dem frommen, kindlich reinen Sinn,

Von den Engeln, welche Dich umschweben,

Sei die Sanftmuth Deine Führerin.

Unschuld, an der Liebe Hand,

Leite Dich zum bessern Land.

Ach, noch keinem Menschen war’s verliehen

Immer glücklich, immer froh zu sein!

Und soll über Dir auch eine Wolke ziehen,

Wohl, so sei’s im rosenfarbnen Schein,

Und sie senk’ in Freudenthränen sich

In Dein stilles Leben nieder.

Dann umlächle freundlich wieder

Dein entwölkter Himmel Dich!

Elegie
auf den Tod meines Kanarienvogels.

So bist auch Du des Todes Beute!

O namenloser Schmerz!

Auch Du, mein Glück und meine Freude,

Das einz’ge treue Herz?

Da liegst Du kalt und ohne Leben,

Geliebtes Thierchen Du,

Um Dein gesunk’nes Köpfchen schweben

Die Thränen süßer Ruh’.

Der frohe Lenz er kehret wieder

Mit seiner Blüthenlust,

Ihn grüßen nicht mehr Jubellieder

Aus Deiner frohen Brust.

Sonst, wenn die warme Frühlingssonne

Durch’s offene Fenster schien,

Sangst Du Dein Glück und Deine Wonne

In zarten Melodien.

Meiner kleinen Schwester,
an ihrem Geburtstage.

Spiele, holde Kleine

Mit dem gold’nen Sinn,

Durch Dein Rosenleben,

Spiele immerhin!

Schöne Blumen blühen,

Kleine, rings um Dich,

Lilien und Rosen

Duften rings um Dich!

Holde Vöglein singen,

Dir im Blüthenhain,

Deine Sonne leuchtet

Milden Purpurschein.

Himmel steh’n Dir offen,

Und herab zu Dir

Schweben kleine Engel,

Spielen gern mit Dir.

Winden mit Dir Kränze.

Deiner Locken Zier,

Pflücken mit Dir Blumen,

Freuen sich mit Dir.

Rufen die Gespielen,

Holde Kleine, Dir,

Bleib’, die Mutter weinet,

Bleibe, Kind, bei ihr.

Durch Dein Rosenleben,

Mit dem Engelssinn,

Mit dem frohen Herzen,

Spiele immerhin!


Ist mit der Freude doch der Schmerz im Bunde,

An Blüthen hängt der Thräne Silberschein,

Und mit der heitern schwingt die trübe Stunde

Sich durch der Tage bunt bekränzte Reih’n.

Das Leben ist gewirkt auf düsterm Grunde,

Es webt die Liebe nur die Blumen ein,

Und, wie sie zart von ihrer Hand gestaltet, –

Zu Deinen Füßen liegen sie entfaltet.

Betritt es nun das künstliche Gebilde,

Gern trägt die Blume Deinen zarten Fuß,

Es winkt die Rose Dir mit Frühlingsmilde,

Die Lilie ladet Dich mit sanftem Gruß,

Aus beiden weben sich die Lenzgefilde,

Durch die Dein Engel Dich geleiten muß.

Und glänzen Thränen je in Deinen Zügen,

Er wird sie Dir zu Diademen fügen.

Du hast ein ird’sches Leiden tief empfunden,

Das fern von Deinen Lieben Dich gequält.

Doch Kronen sind der Dulderin gewunden,

Und jeder Deiner Schmerzen ist gezählt.

Nun stehst Du da in blühendem Gesunden,

Von heller Jugend ist Dein Blick beseelt,

Und in dem ros’gen Aether Deiner Wangen

Ist uns ein neues Leben aufgegangen.

Schon wärmer strahlt die Sonn’ am Firmamente,

Bald kommt der Frühling aus dem fernen Land

Denn jugendlich, im Wechseltanz ohn’ Ende,

Umschweben uns die Horen Hand in Hand.

O daß der Lenz doch immer wiederfände

Im Kreise, die die Liebe Dir verband!

Das Lied verklingt, der Tag gebar sein Leben, –

Die Herzen nur, sie bleiben Dir ergeben.

Nachtwächter-Lied.

1831.

Hört, Ihr Herrn und laßt Euch sagen,

Ich bin der Nachtwächter von Freienhagen,

Hab’ Euch gesungen, wenn die Sternlein gelacht,

Hab’ Euch gesungen bei stürmischer Nacht,

Hört mein Lied Ihr Herrn und wacht!

Die Sternlein geh’n hinunter –

Halloh, Ihr Herrn, seid munter!

Die Glocke hat ein Jahr geschlagen!

Viel hat sich im Alten zugetragen.

Die Gemeinde hat sich ein neu Haus gebaut,

D’rin wohnt eine schöne Himmelsbraut,

Und das Fähnlein lustig vom Giebel schaut –

Wer reißt uns das Fähnlein herunter?

Halloh, Ihr Herrn, seid munter!

Bewahrt das Feuer und auch das Licht!

Und frevelt Ihr Herrn mit dem Funken nicht:

Ein Heerd steht in dem Gemeindehaus,

D’rin glüht eine Flamme Jahr ein Jahr aus,

Die bewahrt mir treu bei Sturm und Graus,

Behütet den heiligen Zunder!

Halloh, Ihr Herrn, seid munter!

Damit der Gemeinde kein Schaden geschicht!

Bewahrt treu und fleißig und schüret das Licht,

Das Haus umschleichet die Diebesbrut:

Sie wollen uns stehlen das heilige Gut,

Die Nacht ist dunkel, seid auf der Hut!

Die Sternlein geh’n hinunter –

Halloh, ihr Herrn, seid munter!

Und lobet Gott den Herrn!

Er sendet den Morgenstern!

Der lässet den Sturm auf der Erde weh’n,

Und die Sternlein auf und nieder geh’n!

Vertraut auf den Herrn in seiner Höhe,

Denn unser Gott thut Wunder –

Halloh, ihr Herrn, seid munter!

Es war mir heut’ Abend so einsam, so leer,

Als wenn ich von etwas geschieden wär’;

Mir war so betrübt, so wunderbar

Zu Muthe, weiß selbst nicht, was mir war;

Ich war verdrießlich und wußt’ nicht warum;

Aber ein Weh ging mir doch im Herzen herum,

Und wie nun der Herbstwind die Fenster schlug

Und das gelbe Laub durch die Lüfte trug,

Da blies fern, fern mit bebendem Ton,

Ein uraltes Lied ein Postillon.

Es handelt, ich hab’s einmal aufgeschnappt,

Vom Schatz, den einst der Postillon gehabt.

Es war nur ein Posthorn und ging mich nichts an,

Und des Postillons Schatz hat mir auch nichts gethan,

Ueberhaupt auch den Postillon kenn’ ich nicht,

Und doch hielt ich mir das Tuch vor’s Gesicht.

Gruß an die Heimath.

1838.

O was bewegt mir denn den warmen Busen,

Und warum schlägt mir denn das Herz so laut?

Es sind nicht Weihegrüße meiner Musen,

Nicht das Umfangen meiner lieben Braut.

Was soll, o Wanderer, dieses Zagen deuten?

Was trübt denn nun noch Deiner Freude Glanz?

Hab’ Muth, horch’ jener Abendglocke Läuten,

Es sind ja Töne Deines Heimathlands.

Wie oft hab’ ich in ewig weiter Ferne

Nach meinem Norden sehnsuchtsvoll geschaut,

Bei Nachts des Wagen siebenfachem Sterne

Die Grüße meines Herzens anvertraut.

Jenseit des Meeres dunkelblauen Wogen,

Dort, wo das Allah durch die Wüste klingt,

Fragt’ ich die Wolken, die nach Süden zogen:

Ist keine, die mir Gruß der Heimath bringt?

Und in der Pyrenäen Schreckensgründen,

Auf des Pelargus schauerlicher Höh’,

Im Schlachtgetös von tausend Feuerschlünden,

Vergaß die Seele nicht das tiefe Weh.

Der Heerden Glocken auf den Felsenklippen,

Der Wasserfälle Sturz, der Vögel Chor,

Gefall’ner Kameraden bleiche Lippen,

Erzählten mir von meiner Liebe vor.

Doch jetzt, wo mich der Heimath Thäler grüßen,

Erneut sich alles Leid und alle Qual;

Kein Balsamkraut, den Schmerz mir zu versüßen,

Und keine Blume find’ ich in dem Thal,

Gestorb’ne Liebe und zerriss’ne Banden,

Zerschlag’ne Freuden und zertret’ner Keim –

Kaum hat mich Einer hie und da verstanden:

Ein Fremdling schied ich, Fremdling kehr’ ich heim.

Nur eins mißlang den finsteren Gewalten:

Von allem, was das Leben mir zerbrach,

Hab’ ich doch meine Harfe noch behalten,

Und manches Lied, das mir am Herzen lag.

Im fremden Lande singt sich’s nicht von Herzen,

Und alles Leid und Lied geht Hand in Hand;

Drum kommt, ihr meine Lieder, helft’s verschmerzen;

Sei mir gegrüßt, mein theures Vaterland!

So send’ ich Dir denn dieses ohne Zaudern,

Verstehst doch Du mich bis zum Herzensgrund.

Laß so mich oft mit Deinem Herzen plaudern,

Und währe nicht geschwätz’gem Dichtermund!

Mir ist als würd’ ich von des Lebens Schaudern,

Von all dem Weh mit einemmal gesund,

Als könnte mit dem wunderbaren Klingen

Mein Herz sich alte Freud’ und Lieb’ ersingen.

So ist’s, schien einmal Dir mit Morgenröthen

Das Ideal tief in die Brust hinein,

So bleibt’s Dir treu, das Leben kann’s nicht tödten;

Und bist Du elend, gramvoll und allein,

Dann ruft es Dir mit fernen Himmelsblicken,

Du siehst’s verklärt in rosenfarb’nem Schein,

Auf sonn’gen Höh’n weht seine heil’ge Fahne,

Und Himmelswahrheit liegt in Sängers Wahne.

Mein Engel.

Heut’ vor ’nem Jahr, in fremdem Land,

Da hab’ ich krank gelegen,

Da that mich keine liebe Hand

In meinem Fieber pflegen.

Bei Nacht im dunkeln Krankensaal

Hob ich die schwachen Hände

Und bat, daß Gott mir endlich ’mal

Den Todesengel sende.

Der thät wohl auf und ab mit Ruh’

Von Bett zu Bette wandern,

Drückt hier und da die Augen zu

Dem einen wie dem andern.

Das meine ward – ich war so froh –

Von Tag zu Tage trüber,

Doch ging an meinem Bett von Stroh

Der Engel stets vorüber.

Wie gern ich auch die matte Hand

Ihm hingegeben hätte,

Ein and’rer Bote Gottes stand

An meinem Krankenbette.

Er trocknet mit dem weißen Tuch

Den Schweiß von meinen Wangen,

Und hielt mir hin den irdnen Krug,

That ich den Trunk verlangen.

Er hielt mein Haupt, wenn ich es schwer

Im stillen Kampfe neigte;

Es war ja Niemand um mich her,

Der mir den Dienst erzeigte.

Hat mir erzählt gar lieb und gut

Von meinem Heimathlande,

Als ich in einer Fiebergluth

Der Mutter Namen nannte.

Ich hab’ den Engel nicht geseh’n,

Und Niemand konnt’ ihn schauen,

Doch muß ich seit dem Aufersteh’n

Auf seine Vollmacht bauen.

Sehnsucht nach dem Tode.

Sei mir gegrüßt mit Deinem herben Leide,

Der trüben Sehnsucht, die Dein Herz bewegt.

So lieb nicht wärst Du mir im Brautgeschmeide,

Als mit der Perle, die Dein Auge trägt.

Die Thräne ward das Erbtheil für uns beide,

Schmerz gegen Schmerz sei liebend aufgewägt;

So herzlich grüß’ ich einst mit bleichem Munde

Den stillen Engel meiner letzten Stunde.

Ich schmäh’ das Leben nicht, wenn ich’s verlasse:

Es war ein blüthenreicher Frühlingstag;

Glaub’ nicht, daß ich das süße Traumbild hasse,

Weil’s mich belügend sein Versprechen brach,

Und daß mein Auge nicht, wenn ich erblasse,

Zurück sich zärtlich zu ihm wenden mag.

Schwur meine Braut doch bei des Himmels Pforten –

Sie log – und bin ihr doch nicht gram geworden.

Das Leben ladet uns zu frohen Festen,

Den Bettler wie den König allzumal,

Viel schöne Blumen schenkt es seinen Gästen,

Kredenzt mit Zauberlächeln den Pokal;

Wie Nachtigallenlied aus Blüthenästen,

Zieh’n Melodien durch den gold’nen Saal,

Hörst sanfter Flöten sehnsuchtsvolle Reigen,

Weißt nicht, von wannen sie herniedersteigen.

Und wie sie zu Accorden sich gestalten,

Da wird’s Dir weh um’s Herz, fühlst Dich allein,

Und lauschest durch entzückend helle Spalten,

Und siehst in rosenfarb’nem Morgenschein,

Sich einen strahlenden Palast entfalten,

Den tragen mit Gesang der Engel Reih’n;

Sein Reich sind Sterne, Himmel seine Stufen,

Von wo die Töne Deinem Herzen rufen.

Du willst sehnsüchtig an die Bretter pochen,

Weil Dir ein himmlisch Schauen nicht genügt,

Mit einem Finger sind sie leicht zerbrochen,

Ein armer Tischler hat sie einst gefügt.

Ein Priester drüber sein Gebet gesprochen,

Und eine Brust war drunter eingewiegt.

Zerbrich sie, glücklich Kind, mit Deinem Traum!

Eil’ hin zum blüthenreichen Weihnachtsbaum.

Sieh, darum lieb’ ich dieses arme Leben,

Weil’s mir die Aussicht auf ein höh’res gibt,

Ich dank’ ihm, weil’s die Ahnung ihm gegeben:

Weiß ich doch nun, was meine Seele liebt.

Mit Sonnenpracht wird sich die Schranke heben,

Wenn jenes Fest des Lebens einst zerstiebt,

Und klopf’ ich heimlich an die Gruft der Väter

Mit müdem Finger an die morschen Bretter.

Ach! Alles wird ja seinen schönen Lügen

Zum Raub’, es gibt Dir nichts an ihrer Statt;

Trinkst Du aus seinem Kelch mit vollen Zügen,

So macht es Dich noch ärmer, leer und satt;

Nahst Du mit still bescheidenem Begnügen,

Verspricht’s Dir, was es nicht zu geben hat;

Es läßt Dich arm mit seinen Herrlichkeiten:

Sieh’, darum möcht’ ich gerne von ihm scheiden.

Und kommt sie einst, die ernste schöne Stunde,

Wo los mein Geist sich von dem Leben reißt:

Dann gebe Dir mein Engel davon Kunde,

Damit Du, wenn ich scheide, bei mir seist,

Mit einem Wort aus Deinem lieben Munde

Der Seele, wenn sie zagt, den Aufschwung leih’st;

Dann magst Du mir die müden Augen schließen,

Aus denen nunmehr keine Thränen fließen.

Tröst’ das gebeugte Haupt, wenn es im Jammer,

Im Mutterschmerz an Deine Brust sich legt.

Sag’ meinen Schwestern, daß in stiller Kammer

Der Bruder nun nicht einen Schmerz mehr trägt;

Du aber schaudre nicht, wenn Tischlers Hammer

Noch vor dem Herzen Deines Freundes schlägt,

Sieh aus dem Fenster ohne Thrän’ und Klagen,

Mich still an Deinem Haus vorüber tragen.

Reliquie eines Verschollenen.

Es gibt geheime Schmerzen,

Sie klaget nie der Mund,

Getragen tief im Herzen,

Sind sie der Welt nicht kund;

Es gibt ein heimlich Sehnen,

Es scheuet stets das Licht;

Es gibt verborg’ne Thränen,

Der Fremde sieht sie nicht.

Es gibt ein still Versinken

In eine inn’re Welt,

Wo Friedensauen winken,

Vom Sternenglanz erhellt;

Wo auf gefall’ne Schranken

Die Seele Hoffnung baut,

Und jubelnd den Gedanken

Den Lippen anvertraut.

Es gibt ein still Vergehen,

Ein stummer öder Schmerz,

Und Niemand darf es sehen,

Das schwer gepreßte Herz.

Es sagt nicht, was ihm fehlet,

Und wenn’s im Harme bricht,

Verblutend und zerquälet,

Der Fremde sieht es nicht.

Es gibt ein sanfter Schlummer,

Wo süßer Frieden weilt,

Wo stille Ruh’ den Kummer

Der müden Seele heilt. –

Doch gibt’s ein schöner Hoffen,

Das Welten überfliegt:

Da, wo am Herzen offen

Das Herz voll Liebe liegt.


Wenn draußen Baum und Strauch im Wetter wanken,

Und durch die Nacht des Sturmwinds Flügel weh’n:

Dann fühlt mein Herz geliebte Traumgedanken,

Gleich Todten in Kapellen, aufersteh’n.

Drin seh’ ich Heil’ge, die mir längst versanken,

Einher im Geisterlicht des Mondes geh’n;

Drin mauert ungeschickt mit hellen Zähren

Mein Engel an verfallenen Altären.

Ich höre Töne, lange nicht gekannte,

So lieblich, Stimmen gleich im Paradies,

Doch frag’ ich, wer mir aus dem Zauberlande

Die Himmelstöne wiederkehren ließ?

Und frug ich jene Heil’ge, wer sie sandte?

Und meinen Engel, wer ihn mauern hieß?

Die Traumgedanken all’, woher sie kamen?

Nennt Traum und Ton und Engel Deinen Namen.

Ach, jene Tön’, aus Aether zart gewoben,

Belauscht’ ich einst mit hochentzücktem Ohr;

Von Ahnung ihrer Göttlichkeit gehoben,

Schwang meine Psyche selig sich empor:

Da griff mich eine Riesenfaust von Oben,

Hinab mich schleudernd, den verweg’nen Thor,

Hinunter, wo sich ächzend und erblindet,

Tellurisches Gewürm im Staube windet.

Du sollst verflucht sein und verdammt Dein Wesen,

Und Bettler sollen auf Dich niederseh’n,

Sollst keuchend Deinen Schritt, den schulgemäßen,

Im Kreis des menschlichen Getriebes geh’n,

Und nimmer in dem gold’nen Buche lesen,

Wo Deiner Träume süße Bilder steh’n;

Was Du gesä’t mit kindischem Begreifen,

Soll nicht im Staube Deiner Erde reifen.

Da faßte mich wahnsinniges Verirren,

Der Geist vergaß die knechtische Geduld,

Ich warf mich in der Sinne süßes Wirren,

Verhöhnte Menschenwitz und Götterhuld;

Ich warf mich in der Schwerter wildes Klirren,

Von Tod und Leben fordert’ ich die Schuld:

Sie blieben Schulden, weder Tod noch Leben

Hat meine Traumwelt mir zurückgegeben.

So kehrt’ ich denn zur fernen Heimath wieder,

Und fragte nach dem früh verlor’nen Pfad,

Da, wo im Kindergarten fromme Lieder

Sein erst’ Gefühl mein Herz gestammelt hat,

Bückt’ mich zum Sande, wo ich spielte, nieder,

Und zu den Blumen, die mein Fuß zertrat,

Und sucht’ aus Asche von erstorb’nen Flammen

Mit warmen Thränen meine Welt zusammen.

Da trat’st Du zu mir, nach so langem Meiden

Erschienst Du mir wie aus dem Zauberland,

Gabst mir die Klänge, die den Knaben weihten,

Und meinen Heiligen ihr Meßgewand,

Gabst mir das alte Spiel der gold’nen Saiten,

Die Kelle meinem Engel in die Hand,

Und gabst mir Alles, Alles freundlich wieder,

Und neue Ahnung zeugte neue Lieder.


Was treibt mich hin zu Dir mit Macht?

Was gab mich Dir zu eigen?

Was hast Du in mir angefacht,

Das ich Dir muß verschweigen?

Ach, was zu Dir mich zieht,

Kein Name nennt’s, kein Lied,

Und Töne können’s nicht bekunden,

Doch ewig hat’s mich Dir verbunden.

Und Deiner Stimm’ und Deinem Wort,

Wer gab ihm die Gewalten,

An meines Herzens tiefsten Ort

Gebieterisch zu schalten? –

Mich reißt’s mit trunk’nem Sinn

Zu Deinen Füßen hin.

Darf’s auch mein Auge nicht bekunden,

Doch ewig hat mich’s Dir verbunden.

Ich wünsch’ es mit geheimer Lust,

Und fürcht’ es doch zu sagen,

Wie lieb ich Dich in meiner Brust

Seit Monden schon getragen.

Verschmähtest Du mein Herz,

Verging’s im stummen Schmerz,

Es liebte Dich mit tausend Wunden,

Und ewig blieb es Dir verbunden.

Im Namen eines dreijährigen Kindes am Geburtstage seines Vaters.

Ich habe geschlafen,

Ein Kindlein süß,

Und habe geträumt

Vom Paradies,

Und habe geträumt

Vom himmlischen Spiel,

Und habe geseh’n

Der Engel viel.

Und einen mit langem

Gelockten Haar,

Der nahe dem Vater

Zur Rechten war.

Der hatte ein Auge

So mild und fromm,

Und sprach so freundlich:

„Mein Kindlein komm!“

Es sind die Kindlein

Mir immer fern,

Für wen Du bittest,

Den segn’ ich gern!

Ich schlug in die Hände

Und bat: Papa!

Und darauf erwacht’ ich,

Und Du warst da.

Die Waldmühle.

Was rauschet dort unter des Waldes Eichen?

Ein Gießbach ist’s mit geschwätzigem Mund,

Und unten, da liegt, umschirmet von Zweigen,

Die Mühl’ im blumigen Wiesengrund.

Da treibet des Wassers Stärke

Bei Tag und bei Nacht die Gewerke;

Es wälzt, von der tobenden Welle gefaßt,

Schwerfällig das Mühlrad seine Last.

Und kommt des Weges, bei nächtlicher Weile,

Der Wandrer gegangen, so hört er alsbald

Die Wasser schon rauschen in flüchtiger Eile,

Und höret der klopfenden Hämmer Gewalt,

Und sieht im Mondschein die Wogen

Zerstieben in glänzendem Bogen.

Doch kommt er näher, da faßt’s ihn an,

Ein leises Grauen den Wandersmann.

Denn, wo sich die tosenden Räder schwingen

Und wühlen im gährenden Wasserschlund,

Da hört’ er mit lieblicher Stimme singen,

Wie Geister tief unten im feuchten Grund.

Drauf sieht er mit eignen Augen

Einen Arm aus den Wellen tauchen.

Und ziehet heim, von Gedanken schwer,

Und erzählet Niemand die schaurige Mähr’.

Ein Töchterlein einst von wenig Jahren,

Das hatte der Müller mit Liebe gepflegt,

Er mochte das Kind als sein Kleinod bewahren,

Es war ihm vom Himmel an’s Herz gelegt.

Das spielt’ einst in friedlichen Träumen

Ganz nah, wo die Wogen schäumen,

Und pflückte sich duftende Blümchen ab

Am Rande vom tobenden Wellengrab.

Und wie es sich bückt, zieh’n fremde Gewalten

Das Kind tief hinab, wo die Strudel geh’n,

Und die Himmlischen können’s nicht mehr halten,

Und es sinket hinab, und es ist gescheh’n!

Schon wälzet das Mühlrad die Speiche

Zermalmend über der Leiche,

Und siehe, des Kindes purpurnes Blut

Färbt röthlich die schneeweiße Wasserfluth.

Dort, wo sich die Räder brausend schwingen,

Und wühlen im gährenden Wasserschlund,

Wo’s der Wandrer höret so lieblich singen,

Wie Geister tief unten im feuchten Grund,

Ist des Waldmüllers Kind begraben,

Das die Räder zermalmet haben,

Und spät, wenn die Wasser noch rauschen mit Macht,

Da klinget die Stimme ganz hell durch die Nacht.

Und es winket das Aermchen mit Liebesgeberde:

„Lieb’ Vater, lieb’ Mutter, was weinst Du so sehr?

„Hier unten ist’s freundlich, ist kühler wie Erde,

„Lieb’ Vater, lieb’ Mutter, o weine nicht mehr!“

Den Müller faßt es mit Grausen,

Wenn er höret die Stimme draußen.

In nächtlicher Stunde, bei Wetter und Wind,

Da singt das ertrunkene Müllerkind.

Schweizers Sehnsucht.

O wer kühlt dies bange Sehnen,

Das mich glühend heiß erfüllt,

Und in stille warme Thränen

Meine matten Augen hüllt?

Nicht mehr kann ich sie verhehlen

Diese Schmerzen, die mich quälen,

Die sich ewig mir erneu’n.

Wenn die junge Morgenröthe

Freundlich von dem Himmel lacht,

Hab’ ich einsam, still und öde,

Eine bange Nacht durchwacht,

Und der erste Purpurschimmer

Hat den süßen Frieden nimmer

In des Schweizers Brust gesandt.

Ach, ein Land nenn’ ich mit Zähren,

Wo der Morgen schöner brennt,

Auf der Alpen Hochaltären,

Am entflammten Firmament;

Wo die Andacht Blicke feuchtet,

Wenn die große Fackel leuchtet,

In der Morgenröthe Gluth.

Jene Höh’n, wo seit Aeonen

In der Ewigkeiten Schooß’,

Jungfrau und Sanct Gotthard thronen,

Der am Morgen, herrlich groß,

Es der Erde froh verkündet,

Daß die Opfer angezündet

Frommen Dankes für den Herrn.

Wo der Aar in reinern Lüften

Kühner seine Schwingen hebt,

Ueber bodenlosen Klüften

Ungewohnt der Wandrer bebt,

Wo von friedlich stillen Matten,

Bei des Abends kühlem Schatten,

Heerden mit Geläute zieh’n.

Am Geburtsfeste Seiner Hoheit des Kurprinzen
(von Hessen-Kassel).

1838.

Es zieht die Welt in schimmernden Gestalten

Mit Freude bald, und bald mit Nacht und Grau’n,

Durch eine Brust, wo höhere Gewalten

Der Poesie die lust’gen Zelte bau’n.

Und wenn des Schicksals Händ’ ein Herz zerspalten,

Und wenn die Engel d’rin im Fenster schau’n,

Ist’s allemal ein Herz, das unter Bangen

Das Schmerzgeschenk von der Natur empfangen.

Doch was ergreift das Lied mit mächtiger’m Tone,

Als jene weithin leuchtende Gewalt,

Die majestätisch stolz dem Fürstensohne

Mit Purpurstrahlen um die Schultern wallt?

Als jenes Wort, das von erhab’nem Throne

Wie Blitz durch Vaterlandes Thäler hallt?

Als jene Hand, von deren sanftem Winken

Die Segnungen des Friedens niedersinken?

Denn Engel in den lichten Bäumen weben

Mit frommen Händen eines Königs Kleid,

Und droben, über allem ird’schen Leben,

Wird von dem Herrn der Fürsten Haupt geweiht.

Um ihren Scheitel, hellumleuchtet, schweben

Wie Genien die Ideen der Heiligkeit,

Und Gott, damit des Frevlers Blick entkräftet,

Hat seinen Stern auf ihre Brust geheftet.

Doch Du, den schüchtern meine Worte nennen,

So nah’ mein Herz auch Deinem Throne ist,

Wie muß für Dich nicht die Begeist’rung brennen,

Daß Du mein Fürst und mein Gebieter bist;

Ein Land, das meine Kinderspiele kennen,

Ein Volk, das seine Treue nicht vergißt,

Und Thäler blüh’n um Deines Thrones Stufen,

Wohin mich Lieb’ und Pflicht zurückgerufen? –

Vom Baierland, der hohen Röhn entwunden,

Zieht stolz die Woge Deinem Schloß vorbei,

Und wieder, mir der Schwester treu verbunden,

Als ob es Beiden leid zu scheiden sei,

Hat sie alsbald Dein schönes Land gefunden,

Und üpp’ger Segen, wie ein stolzer Mai,

Begleitet sie, wo auf die reichen Auen

Der Pagenburg Ruinen niederschauen.

Die rasche Schwester, die ihr Sachsen sandte,

Und der Kastal’sche Quell, der Marburg grüßt,

Der sanfte Strom aus nahem Bruderlande,

Die Welle, die auf gold’nem Grunde fließt,

Und jener Strom, an dessen Blüthenstrande

Die Winzer singen und die Rebe sprießt,

Sie zieh’n dahin mit träumerischen Grüßen,

Und winden schmeichelnd sich zu Deinen Füßen.

Aus Deinen waldigen Gebirgen dröhnen

Sturmwinde tausendjährigen Gesang,

Der seit den kräftigen Cheruskersöhnen

Durch alle vaterländ’schen Wälder drang.

Du neigst Dein Ohr, Du lauschest jenen Tönen, –

Es ist der Volkesliebe mächt’ger Klang,

Von dessen weithin brausenden Chorälen

Sie jetzt noch drüben über’m Rhein erzählen.

Wie Du da stehst in kräft’ger Jugendfülle,

Von sechs und dreißig Lenzen ausgeschmückt,

Von denen jeder in geweihter Stille

Mit einer Tugend Deinen Geist beglückt,

Und jeder seiner jugendlichen Hülle

Sanft eine neue Schönheit aufgedrückt!

Und so erhalte Dich in langen Jahren,

Der hoch gebietet über heil’ge Schaaren.

Wie du mit Weisheit sätest, also mächtig

Entsprieße nun die dunkel gold’ne Saat,

Und fruchtbeladen schatte segenskräftig

Der Baum, den Du gepflanzt auf Deinem Pfad!

So oft durch Deine Berg’ und Thäler prächtig

Der Lenz mit seinem neuen Jubel naht,

So bring’ er, wie des Orients Gesandten,

Des Glückes Gaben Dir aus Himmelslanden!

Und könnt’ ein Irrthum Dir die Liebe rauben,

Dir sagt’s Dein Muth, daß Du gefürchtet wirst.

Stolz auf dem Wagen, wenn die Rosse schnauben,

Stehst Du ein jugendlicher Trojafürst.

Doch wenn Du Liebe und Vertrau’n als Tauben

An Deinen königlichen Wagen schirrst,

So wirst Du unter siebenfarb’nem Bogen,

Ein Friedensgott, von Deinem Volk gezogen.

Nur klingend ist mein Lied dahin geflossen,

Die Worte hat der Sänger nicht bewacht,

Ein treu Gedächtniß hat er’s unverdrossen

Mit zagendem Gemüthe dargebracht;

Hat’s willenlos sich aus der Brust ergossen:

So zieh es hin, wo Deine Sonne lacht.

Mein Fürst! frag’ nicht, woher die Töne kamen,

Ich schrieb sie stolz in Deines Volkes Namen.

Mein Wunsch.

Ich wollte, ich hätte ein Häuschen im Thal,

Und nahe dabei eine Mühle,

Wo heimlich rauschet der Wasserstrahl,

Mit kreisendem Rade im Spiele,

Ein Gärtchen mit Bäumen und Blumen dazu,

Mit Tischen und Bank eine Laube,

Und vor mir die Birnen im Abendroth

Beim göttlichen Nectar der Traube.

Dann neben mir Rosen und, vernünftig und treu,

Einen Freund an der traulichen Stätte,

Ein lauschendes strickendes Weibchen dabei,

Das wäre, so wie ich’s gern hätte.

Die letzte Rose.

Wo sind sie, meine Schwestern, meine Brüder?

So strahlend, hell in jugendlichem Roth?

Die Erde nahm zurück die stolzen Güter,

Die Blume sank, weil sie der Sturm bedroht.

Wird doch mein eig’nes Haupt zur Stunde müder,

Um meine Wange haucht der frühe Tod.

Was mit mir lebt’ und blühte, sank darnieder,

Hin ist der Lenz, gestorben sind die Lieder.

Wo bist Du, schöner Zephyr, der die Wangen

So oft beim frühen Strahle mir geküßt?

Bist Du zu fernen Thälern hingegangen,

Wo nicht Dein Kuß die Trauernde vermißt?

Und wo bei Rosen, welche schöner prangen,

Dein leichter Sinn die Sterbende vergißt?

Komm einmal noch, eh’ meine Blätter sinken,

Die letzte Lieb’ aus meinem Kelch zu trinken.

Wo bist Du schnee’ge Jungfrau, Nievermählte,

Du schwesterliche Lilie, schönes Bild,

Der ich so oft in stiller Nacht erzählte,

Was tief mir im geheimen Busen quillt?

O wenn die Blume keine Freundin wählte,

Gäb’s Jemand, welcher ihre Sehnsucht stillt?

Gäb’s Jemand, welcher ihr Entzücken theilte,

Wenn Lieb’ und Freud’ in ihrem Kelche weilte?

Wo bist Du süßes Lied der Nachtigallen,

Das schmerzlich einst die Töne mir gereiht?

Ich lauschte Dir, und in den Laubenhallen

Verstandest Du mein Lieben und mein Leid.

Komm, traute Sängerin, die Blätter fallen,

Der Sturm raubt mir das bräutliche Geschmeid’.

Soll ich vergehen, einsam, unbesungen.

Und ist Dein Lied auf ewig mir verklungen?

Euch sei die letzte Thräne hingegossen,

Die auf dem welken Blatte sich noch hält,

Mein Kelch ist unentfaltet, kaum entsprossen,

In meinem Innern trag’ ich eine Welt,

Die unentweiht, geheimnißvoll verschlossen,

Mit mir hinab in’s Reich des Todes fällt.

Die Rose mag, von Lieb’ und Lied verlassen,

Mit unentweihtem Herzen früh erblassen.

Weh mir! der Sturm mit mächtigem Getose,

Er bricht hervor in unbarmherz’ger Wuth.

Umsonst umhüllen mich die weichen Moose,

Der Paladin, in dem die Rose ruht.

Wie? stamm’ ich nicht aus königlichem Schooße?

Und fließt nicht tausendfach ein fürstlich Blut

In meiner Adern zierlichen Geweben,

Die noch kein Vater wieder hat gegeben?

Drum, die Du wandelst dort auf grünen Wegen,

Die schlanke Huldgestalt, mir selbst verwandt!

Eh’ grausam mich entblättert Sturm und Regen,

Komm, pflücke mich mit Deiner schönen Hand!

So wird entzückend mich der Traum bewegen,

Daß ich die schwesterliche Lilie fand.

Dem Dichter gib die welke dann zum Erbe,

Daß unbesungen nicht die Rose sterbe.

Sonett.

Wenn ein Sonett auf Dich doch Jemand schriebe?

Wohl, Dir allein gehören diese Zeilen.

Vertrau’ ich gern doch dem Sonett zuweilen

Die heimlichen und die enthüllten Triebe.

Doch mein’ ich, daß es unvollkommen bliebe,

Je mehr ich auch an dem Sonette feile. –

Daß ich Dir lieber in die Arme eile

Mit einem Kusse meiner Bruderliebe.

Wohl geht’s mir öfters so mit solchen Dingen,

Die ich im Liede nimmer sagen mag,

Obwohl sie seit des Lebens erstem Tag

Wie angeboren meine Brust durchdringen.

Sie klingen ewig mir im Herzen nach,

Und doch kann ich sie nicht im Liede singen.

Sonett.

So eilst Du denn der Königsstadt entgegen,

Wird sich, wenn ihre Reize Dich umzweigen,

Zur Heimath liebend dein Gedanke neigen,

Und wirst Du deutschen Sinn im Busen pflegen?

Wo die Empfindung fremde Stempel prägen,

Wo Deines Vaterlandes Klänge schweigen,

Wird sich Dein Herz empfänglich für sie zeigen?

Und bleibt es treu den heimathlichen Schlägen?

O lebe wohl, viel hast Du hier erfahren,

Und trübe war, was auch Dir blühen mag,

Ich weiß es, Deiner Jugend Frühlingstag.

Doch Deiner Freunde Liebe folgt Dir nach,

Und bitten zu des Himmels heil’gen Schaaren,

Daß sie Dein Herz Dir und sich selbst bewahren.

Die Johannisblume.

Mein Leben glich einer Blume,

Dran hing manch schöner Tag,

Und jeder Tag war ein Blättchen, –

Bis das Schicksal die Blume brach.

Es pflückte meine Blättchen

Eins nach dem andern ab.

„Sieh her, ob Dir Dein Mädchen

„Die Liebe wieder gab:

„Sie liebt Dich,

„Sie liebt Dich nicht,

„Sie liebt Dich,

„Sie liebt Dich nicht,

„Sie liebt Dich doch.“

O mein Geschick, wie dank ich Dir!

Doch ach, warum spielst Du so grausam mit mir?

Nun steht mein Leben kahl und leer,

Kein Blättchen hat meine Blume mehr.

In der Ferne

Wohnt mein Glück,

Wie der Sterne

Gold’ner Blick.

In der Ferne

Wohnt mein Schmerz,

Ringt zum Sterne

Himmelwärts.

In der Ferne

Wohnt ihr Bild,

Und die Sterne

Grüßen’s mild.

In der Ferne

Wohnt mein Leid,

Sagt’s ihr, Sterne:

Lieb’ verzeiht.

In die Ferne

Schaut’ ich oft,

Hab’ zum Sterne

Treu gehofft.

Weit und ferne

Wohnest Du,

Ueber’m Sterne,

Meine Ruh’.

In der Ferne,

Dort und hier

Lieb und gerne

Bist Du mir.

Lieb und gerne

Du allein,

Ueber’m Sterne,

Wirst Du mein.

Ihrer Erlaucht der Gräfin von Schaumburg,

am 18. Mai 1839.

An Deiner Wiege standen höh’re Boten,

Ein jeder mit Geschenken für Dein Leben.

Sie schürzten den geheimnißvollen Knoten;

Dich sanft berührend mit den Zauberstäben,

Befahlen sie dem Glanz, dem morgenrothen,

Mit Schönheit Deine Glieder zu umschweben,

Und jeder hat die Tiefen Deiner Seele

Geschmückt mit einem himmlischen Juwele.

Der Engel Gaben sind Dir treu geblieben,

Sie strahlen hell, gleich Sternen in den Nächten;

Doch einer weihte Dich mit zarten Trieben,

Und eine Vollmacht trug er in der Rechten,

D’rin war Dein künftiger Beruf geschrieben:

In eine Krone Blumen einzuflechten.

Die Vollmacht schloß er sammt dem heil’gen Worte

Still ein an Deines Herzens tiefstem Orte. –

Einst gab ein Fürst, umbraust von Sturm und Wetter,

Die Zügel seinem jugendlichen Sohne,

Und stolz, wie zum Olymp der Sohn der Götter,

Stieg er empor zum väterlichen Throne.

Er ward mit Weisheit seines Volkes Retter,

Lieb’ und Bewund’rung wurden ihm zum Lohne, –

Doch einsam, unter’m Fürstenstern verborgen,

Trug er sein Glück, sein Lieben und sein Sorgen.

Da kamen still in Deines Herzens Grunde

Die Engel, Deine Vollmacht zu entfalten,

Sie gaben Dir von Deinem Loose Kunde:

An uns’res Fürsten Seite mild zu walten,

Mit ihm vereinigt zu dem ew’gen Bunde,

In Liebe neu sein Leben zu gestalten.

Du folgtest muthig jenem heil’gen Rufe,

Trat’st gottvertrauend zu des Altars Stufe.

Nun, wenn das Wort vom Throne niederrauschet,

Schnell wie ein Wetterstahl aus Himmelsweiten,

Und still gewärtig jedes Ohr ihm lauschet,

Sind’s Deine Blicke, die es sanft begleiten;

Und wenn das Volk vom Fürsten Liebe lauschet,

Dann bist Du freudelächelnd nahe Beiden,

Dein Beruf, Dein Wirken und Dein Lieben,

Stand in den Sternen, als Du wardst, geschrieben.

Und heute wieder ist der Tag erschienen,

Wo einst zuerst Dich Lenz und Leben fanden.

Wie einst an Deiner Wiege, Dir zu dienen,

Die hehren Boten aus dem Himmel standen:

So grüßen jetzt Dich mit holdsel’gen Mienen

Geliebte Pfänder segensvoller Banden,

Und über dem erlauchten Haupte weben

Wie einst Gestirne Dein zukünft’ges Leben.

D’rin ist kein Schmerz, d’rin waltet keine Klage,

Ein Ton der Freude wird es hell durchklingen.

Wenn um des Fürsten Bild doch späte Tage

Die Lorber seines Ruhmes prächtig schlingen,

Wird in dem Vaterland der Enkel Sage

Das fromme Lied von Deinem Namen singen.

Denn was da lebt in eines Volks Gemüthe,

Das lebt unsterblich fort in seinem Liede.

Und wenn bei Deines Tages Freudenkerzen

Mein Lied es wagt, sich vor Dir hin zu gießen,

So wehr’ ihm nicht (es kam aus tiefem Herzen)

Das anspruchlose Spiel zu Deinen Füßen.

Doch frag’ die Töne nicht nach meinen Schmerzen,

Wenn sie Dich huldigend, bescheiden grüßen.

Mein Lied darf kühn um Deine Blicke werben, –

Des Dichters Leid muß mit dem Dichter sterben.

An Betty
nach der Flucht ihres Kanarienvogels.

O gebiete Deinen Thränen

Und erheit’re Deinen Blick,

Denn es führt kein banges Sehnen

Deinen Flüchtling Dir zurück.

Deine Liebe so zu lohnen,

Mochte freilich treulos sein,

Doch die Schuld wird dem Entfloh’nen

Gern Dein Edelmuth verzeih’n.

Sieh’, wie’s draußen in den Auen

Dort und dort so freundlich wird,

Und wie lieblich in den blauen

Höhen schon die Lerche schwirrt.

Sieh nur, wie die Knospen schwellen,

Wie das Leben neu erwacht,

Wie aus den enteisten Wellen

Uns der Lenz entgegen lacht.

Hat Dir nie in solchen Tagen,

Wenn der Frühling aufgeblüht,

Schneller auch Dein Herz geschlagen,

Wärmer Deine Brust geglüht?

O dann richte nicht zu strenge,

Denn auch ein Kanarienherz,

Glaube mir, ist nicht zu enge

Für der Sehnsucht bangen Schmerz.

Denke Dir den armen Kleinen,

Male Dir sein hartes Loos:

Fern von den geliebten Seinen,

Schmachtend, seufzend, hoffnungslos!

Und nun schwebt der Lenz hernieder;

Draußen in der freien Welt

Rufen tausend frohe Brüder,

Die kein enger Käfig hält.

Schon verschwunden war sein Hoffen,

Ach! bis jetzt sein einz’ges Glück, –

Ha! da blieb das Thürchen offen, –

O, ersehnter Augenblick!

Freundlich, in der Freiheit Schooße

Winkte Wonne, winkte Lust,

Und es reifte jener große

Entschluß in der kleinen Brust.

O, nun konnt’ er freudig singen,

Hüpfend bald von Baum zu Baum,

Bald die ungewohnten Schwingen

Übend in dem freien Raum.

Doch, wie kurz war nur die Freude!

Als das junge Morgenroth

Purpur auf die Fluren streute,

Fand es ihn erstarrt und todt.

Ach! und Wald und Flur vereinte

Sich zur Trauer und zum Harm,

Jedes kleine Hälmchen weinte

Eine Thräne, hell und warm.

’s ist gescheh’n! Er ist geschieden!

Seine zarte Stimme schweigt,

Und hinab zum ew’gen Frieden

Ist das kleine Haupt geneigt!

Drum gebiete Deinen Thränen,

Und erheit’re Deinen Blick,

Denn es führt kein banges Sehnen

Deinen Liebling Dir zurück!

Worte,
gesprochen vor dem Anfange der Komödie, welche die Kinder aus dem Wimez’schen Institute aufführten.

Aengstlich treten wir und schüchtern

In der Muse Tempel ein,

In der Göttin Heiligthume

Den bescheid’nen Kranz zu weih’n.

„Welch gewagtes Unternehmen!

Kränze von so kleiner Hand,

Die ein Chor von kühnen Mädchen

Am Altar der Künste wand!“

O verzeiht, auf Eure Güte

Hat das bange Herz vertraut,

Und auf Eurer Milde gläubig

All sein Hoffen aufgebaut.

Hebt auch schüchtern und mit Zagen

Sich empor der scheue Blick,

Gern vertraut die Seele wieder,

Und die Hoffnung kehrt zurück.

Darum täuschet, Ihr Geliebten,

Nicht dies kindliche Gefühl!

Muthig haben wir gerungen

Nach dem heiß ersehnten Ziel.

Und verkündet Euren Beifall

Nur ein Lächeln, sauft und leicht,

O dann ist ja tausendfältig

Dieses schöne Ziel erreicht.

Wo der Seligkeiten höchste,

Wo nur Dank und Freude wohnt,

Wo mit diamant’nen Kronen

Euer Beifall uns belohnt.

Gesang der Sterne.

Wir ziehen über Berg und Thal

Und über’s weite Meer;

Wir ziehen über Menschenqual

Und Menschenglück daher.

Wir kennen, was in stiller Brust

Sich vor der Welt verhüllt,

Und was mit namenloser Lust

Ein einsam Auge füllt.

Und wenn der Schmerz die Seele quält,

Wir geben ihr die Ruh’,

Und wenn die Lieb’ ihr Glück erzählt,

So hören wir ihr zu.

Wir schau’n auf manches kühle Grab,

An dem ein Mensch sich härmt,

Und schimmern in die Laub’ hinab,

In der die Liebe schwärmt.

Wir reden mit dem Gram und sind

Stets mit dem Kummer wach;

Die Thräne des Entzückens rinnt

Gern unter unserm Dach.

Wir schlingen in den luftigen Höh’n

Den stillen frohen Reih’n,

Und scheinen Ruh’ und Wiederseh’n

In jedes Herz hinein. –

Der Liebe Sehnen.

(Einer andern Melodie untergelegt.)

Wer deutet mir dies bange Sehnen,

Das mir so warm im Herzen glüht,

Das nur nach Dir mich ewig zieht,

Und oft das Auge füllt mit Thränen?

Verschwunden ist mein froher Sinn,

Mein gold’ner Frieden ist dahin.

Heraus mein Herz, aus Deinem Kerker

Voll Schmerz und doch voll süßer Lust!

Was pochst Du an die enge Brust

So bang und ängstlich immer stärker?

Könnt’ ich zerbrechen, was mich hält,

Und eilen in die freie Welt!

Dir möcht’ ich stets in’s Auge seh’n

Und in Dein Antlitz, engelrein;

Wie selig, selig muß es sein,

In Deinem Anschau’n einst vergeh’n,

Und flieh’n im fessellosen Lauf

Vom Himmel zu dem Himmel auf.

Dort zu den Sternen ew’ger Liebe

O könnt’ ich schwingen mich empor,

Und suchen in der Welten Chor

Das Ziel von meinem Sehnsuchtstriebe!

Ach, selbst die Unermeßlichkeit

Ist für mein Sehnen nicht zu weit.

Ich seh’ den Frühling niederschweben.

Heran mit Deiner Blüthenlust,

Heran an meine enge Brust,

Du Lenz mit Deinem jungen Leben!

Die Knospe schwillt, das Jünglingsherz

Ergreift der Sehnsucht Wonneschmerz.

Ihr Nachtigall’n im Blüthenhaine,

Ihr Fluren im verjüngten Grün,

Ihr Blumen, die so freundlich blüh’n,

O sagt es mir, warum ich weine?

Warum, seitdem ich sie erblickt,

Kein Frieden meine Brust beglückt?

Veilchenstrauß.

Kauft, schöner Herr, die Veilchen!

Zwei Kreuzer gebt ihr mir!

Ich steh’ ein langes Weilchen

Bereits vergebens hier.

Mein Vater liegt im Grabe,

Meine Mutter liegt im Grab.

Herr, für die kleine Gabe

Kauft mir die Veilchen ab!

Geh, kleine Dirne, raff’ Dich!

Die so viel Geld begehrt!

Das Sträußchen ist wahrhaftig

Kaum einen Kreuzer werth.

Aß heut’ noch keinen Krumen,

Und, Herr, mich hungert sehr.

D’rum nehmt sie, nehmt die Blumen!

Gebt mir den Kreuzer her.

Das Mädchen gab die Veilchen, –

Da fiel ’ne Thräne darauf –

Der Herr, der nahm die Veilchen,

Die Thräne mit in Kauf.

Und wie er kommt nach Hause –

’s ist kaum ’ne Stunde her –

Da blühet an dem Strauße

Kein einzig Veilchen mehr.

Die Farben, die sie trugen,

Sie sind verwelkt und blaß.

Er will den Duft versuchen, –

Da sind die Veilchen naß.

Da faßt’s ihn erst mit Leide,

Und d’rauf unheimlich an,

Er legt den Strauß bei Seite,

Sieht nie ihn wieder an. –

Tag der Vereinigung.

Wann kommst Du Tag mit Deinem heitern Glanze,

Der mir das Kleinod meines Lebens bringt?

Wann kommst Du Tag, der mit dem Myrthenkranze

Das theure Haupt der Einzigen umschlingt?

Wann wirst Du mir, Du sel’ger Tag gewähren,

Was meine heiße Liebe lang’ ersehnt?

Tag meiner Tage, der mit Freudenzähren,

Gleich Demantkronen, meine Sehnsucht krönt?

Ziel meiner Wünsche, meines ganzen Strebens!

Du Sohn des Himmels, wann begrüß’ ich Dich?

Tag meiner Liebe Du, Tag meines Lebens,

Wann schüttest Du das Füllhorn über mich?

Ach, wann mit Deiner leuchtenden Aurore

Flammst Du herab auf meinen dunkeln Pfad?

Wann öffnest Du mir jene gold’nen Thore,

Durch die dem Göttlichen der Mensch sich naht?

Wann wird der Seelenbund geheiligt werden?

Wann werd’ ich, Vater in den ew’gen Höh’n,

Mit Allem, was mir theuer ist auf Erden,

Vor Deinem heiligen Altare steh’n?

Dich bittend: segne Deine frohen Kinder,

Laß über ihrem Glück Dein Auge sein!

Wann wird, Allmächt’ger, Deines Worts Verkünder

Das ird’sche Bündniß durch den Himmel weih’n?

Ja, Gott, in Deinem Haus, in Deinen Hallen,

Wo die Gebete mit dem frommen Lied

In großen Tönen zu dem Himmel wallen,

Wo Glück und Schmerz, und Lieb’ und Buße kniet, –

An heil’ger Stufe, wo in sanftem Weinen,

Der Knab’ einst seinen Glauben aufgebaut,

Wann wirst Du dort auf ewig uns vereinen,

Wann giebst Du, Herr, dem Jüngling seine Braut?

Komm schöner Tag, nach dem die Wünsche ringen!

Denk’ ich an Dich, bin ich ein sel’ges Kind.

O zögre nicht, weil Deine bunten Schwingen

Mit Himmeln ach, so reich! beladen sind.

Du wirst den Muth dem heißen Streben lohnen,

Der fernen Sehnsucht den geduld’gen Schmerz.

Komm, sel’ger Tag, mit Deinen gold’nen Kronen,

Schütt’ Deine Himmel in mein glücklich Herz. –

Siehst Du, wo im Abendgolde

Feurig dort die Berge glüh’n,

Wo im stillen Aether holde,

Leuchtende Gewölke zieh’n,

Dort liegt der ersehnte Strand,

Meiner Liebe Vaterland.

Und wo auf den fernen Hügeln

Dort ein Traum der Wehmuth liegt,

Wo die Taub’ auf weißen Flügeln

Schwebend sich im Azur wiegt, –

Hinter dem Gebirge weit,

Meiner Sehnsucht schmerzlich Leid.

Der Bürgergardist.

Seht dort den Mann mit Waff’ und Wehr!

Er schreitet so männlich und fest einher;

Ihm schmückt eine weißblaue Binde den Arm,

Ihm blitzt das Auge nicht toll und wild,

Er schaut so ernst, er schaut so mild,

Als trüg’ er’s im Herzen groß und warm.

Wer bist Du, Krieger, ich sah in der That

So einfach im Schmucke nie einen Soldat?

Wem dienst Du, sprich, Du ernsthafter Mann?

„Mir blühet ein einfach und schönes Loos,

„Still herrscht meine Königin, heilig und groß,

„Ihr gehör’ ich im Leben und Sterben an.“

Wo liegt das Land Deiner Königin?

Hat’s viele der Männer von Deinem Sinn?

Stellt’s viele Regimenter in’s Feld hinaus?

„Das Land meiner Königin ist nicht weit.

„D’rin schaffet und baut sie für jegliche Zeit

„Geräuschlos dem Frieden ein goldenes Haus.“

So ist Deine Königin reich an Gold?

Was erhältst Du, glücklicher Mann, an Sold?

Wie stark an der Zahl ist das stehende Heer?

„Reich ist uns’re Königin, reich unser Lohn;

„Wir stützen als fleißige Bürger den Thron

„Und greifen als Krieger für ihn zur Wehr.“

So sprich denn, Du Mann in schwarzer Tracht,

Wer ist Deine große ausländische Macht?

Nenn mir Deiner Königin heiliges Land.

„Die Ordnung ist meine Königin,

„Für sie geb’ ich Glück und Leben hin,

„Und das Land ist Dein eig’nes Vaterland.“

Die Natur.

Ist auch der Mensch voll Tück’ und Lügen

Ist doch die Erde wunderschön!

Und grinst der Haß aus Menschenzügen,

Die Liebe lacht von Thal und Höh’n.

Wie bist Du sanft, Du stiller Frieden,

In dem die Erde grünt und blüht,

So fern von allem Schmerz geschieden,

Der in der Brust des Menschen glüht!

Wie bist Du sanft, Du Lied im Haine,

Du Zephyr, der die Aeste wiegt,

Du Grün der Saat im Abendscheine,

Du Blau, das auf den Bergen liegt!

Nimm Du mich auf mit Deiner Liebe,

Mit Deinem Frieden Du, Natur,

Wenn auch kein Herz auf Erden bliebe,

Er hätte Trost, bliebst Du ihm nur!

Das Deine schlägt so warm und ewig,

Und seiner Reinheit sich bewußt,

Natur, Du heil’ge, in Dir leb’ ich,

Und ruh’ im Tod’ an Deiner Brust. –

Vaterfreude.[7]

Juchheisa, mein Junge, komm, gieb mir die Händchen!

Juchheisa, mein Bübchen, nun hat’s keine Noth!

Auf’m Ohr die Haube mit rosigem Bändchen,

Vom Trinken die andere Wange roth.

Juchhe, nun tanzen wir, gelt? Du bist froh,

Wenn ich mit Dir tanze und singe so so,

Und erzähl’ Dir vom Wolf und vom Schaf’,

Und wiege mein Paul’chen in Schlaf.

Horch, ’s war ’mal ein Mann, und ein Lämmchen, ein kleines,

Und der Mann, der hatte das Lämmchen so lieb,

Es hatt’ ein weiß Kleidchen, so schneeig wie Deines,

Und es war auch ein Wolf, ein gar arger Dieb,

Der wollte das Lämmchen gern kaufen für Geld.

Nein, sprach der Mann, nicht für die ganze Welt!

Papa kennt das Lämmchen gar wohl,

Es ist ja sein lieblicher Paul.

Und wenn dann mein Jüngchen ist größer geworden,

Dann kriegt er ’nen Säbel, den hängt er sich um,

Und kriegt eine Mütze mit goldenen Borden,

Und auch eine Trommel, und trommelt trum trum!

Und auch eine Flinte und Pulver und Schrot,

Dann schießen wir beide den Wolf maustodt,

Und schlafen dann ruhig und wohl,

Nicht wahr Du, mein herziger Paul?

Und marschier’n, wie die Preußen, durch die Gassen,

Gehst aber nicht fort in den Krieg hinaus?

Willst aber nicht Vater und Mutter verlassen?

Sonst grämt sich Papa und Mama zu Haus.

Wollen lieber Schildwacht zu Hause steh’n,

Damit der Mama kein Leids mag gescheh’n,

Denn lieb hat Mama Dich, mein Paul,

Nun schlafe, mein Bübchen, schlaf wohl!

Dann reist auch Papa und Mama mit dem Kinde

In ’nem großen Wagen in’s deutsche Land,

Und Paul nimmt den Säbel mit und auch die Flinte,

Und schlägt seinem Großpapa derb in die Hand,

Und sagt: ich bin zwar von kleinem Schrot,

Doch schieß’ ich die Wölfe, wie Spatzen, todt.

Puff, puff! schießt der liebliche Paul,

Nun schlafe, mein Bübchen, schlaf wohl!

Nun schlafe und träume vom deutschen Lande,

Und träume vom Mann und vom Wolf und vom Schaf,

Und träume vom Säbel mit goldenem Bande,

Und reise und reise im süßesten Schlaf.

Wir schießen die Wölfe, ja ja, sei still!

Wir schießen so viel, als mein Junge nur will.

Nun schlafe, mein herziger Paul,

Schlaf, schlafe, mein Bübchen, schlaf wohl!

Am Geburtsfeste S. M. des Königs der Niederlande,
Großherzogs von Luxemburg.

1840.

Der Winter naht, es brausen Sturm und Wetter,

Verblüht sind längst die Wälder und die Flur,

Und eingesammelt hat die welken Blätter

Und schlafen geht die liebende Natur.

Ein Land nur gibt es, das wir alle kennen,

Da weht ein Frühling, still und ungeschaut,

Der, statt im Blüthenwalde der Ardennen,

In unsern Herzen seine Tempel baut.

Und dieser Frühling da ist uns’re Liebe,

Mit der das Land stolz seinen König nennt,

Das sind des Volkes kindlich frommen Triebe,

Die’s jetzt und ewig seinem Herrn bekennt.

Das ist die Hoffnungssaat, die aller Orten

Jung, grün und herrlich in dem Lande steht,

Und die Er jüngst mit königlichen Worten,

Mir reicher Huld in unser Herz gesä’t.

Du altes Land, das nach so bitterm Harme

Sich zu des Thrones Füßen treu gelegt;

Du stolze Mutter, die auf Riesenarme

Die Wiege seines Königshauses trägt;

Du tapf’res Land, das einst so groß gestritten,

Du schönes Land, wo Reb’ und Aehre blüh’n;

Du treues Land, das einst so viel gelitten,

Was sind die Wünsche, die Dein Herz durchglüh’n?

Du Herr der Welten, wollst dem König geben

Den mächt’gen Segen Deiner Vaterhand!

Du woll’st bekleiden Sein geliebtes Leben

Mit Deiner Gnade köstlichem Gewand,

Und Sein Gemüth durch Kraft und Weisheit segnen,

Damit Sein Ruhm erblühe weit und breit,

Damit Sein Heil und uns’res sich begegnen,

Und wir Dich loben bis in Ewigkeit!

Was sonst noch unser Herz bedrängt, wir sprachen’s

Noch jüngst an Seiner Thronen Stufen aus.

Frag’ Keiner, was uns Noth thut, denn es sagen’s

Ein Mann dem andern sich von Haus zu Haus.

Es thut uns Noth ein kräftiges Beschirmen

Der alten Halle, die uns einst gebar,

Des heil’gen Hauses, das in mächt’gen Stürmen

Die Wohnung Luxemburger Treue war.

Dies Haus sind uns’re Bräuche, uns’re Sitten,

Und jene Einheit, die daraus ersteht;

Das ist der Dom, für den wir oft gestritten,

Von dem die Fahne uns’res Volkes weht.

Daß Gott den Blitz von diesem Hanse leite,

Und daß der schlaue Feind es nie entweiht!

Denn eines Volkes köstlichstes Geschmeide,

Das ist des Volkes Eigenthümlichkeit.

Und steht es fest in seinen guten Fugen,

Dann schleicht vergebens sich der Feind hinein,

Dann kümmern nicht uns jene Wunderklugen,

Die uns verbieten, was wir sind, zu sein.

Doch, was wir lieben und was uns erkannte,

Das komm’ herein, dem sei der Weg gebahnt.

Willkommen d’rum, erhab’ner Fürst, im Lande,

Wenn Dich der Mai an Dein Versprechen mahnt!

Ludwig Philipp.[8]

Frieden, um den Preis der Erde Frieden!

Manche Nacht – Europa ist’s bekannt –

Wenn der Schlaf die Millionen Müden

In die Fesseln seiner Macht gebannt,

Und die Sterne Frankreichs niederschieden,

Hing die Wage noch in meiner Hand, –

Da wirft Gott mit einem Wetterstrahle

Meines Sohnes Leichnam in die Schale.

Frankreich! siehe jenen Tempel zittern,

Dem ich deine Zukunft anvertrau’t!

Sieh, wie klagend unter den Gewittern

Von der Zinne hoch der Genius schaut!

Muß mein eigner todter Sohn erschüttern,

Was auf deiner Söhne Grab gebaut?

Und ein unerklärliches Vergelten

Opfern meinen Sohn für deine Helden?

Auf dem Pflaster, das in Juliwettern

Du erzürnt zum Thron geschleudert hast,

In den Tagen, die wir gern vergöttern,

Und wo deine eig’nen Söhn’ erblaßt,

Muß ein Schlag das liebe Haupt zerschmettern,

Das, wie du, die Despotie gehaßt?

Frankreich, Frankreich, deine Tempel beben,

Und es bebt, ich fühl’s, mein eig’nes Leben.

Diesmal hat’s getroffen! Unter sieben

Traf nicht Einer das ersehnte Ziel:

Meine Brust ist unversehrt geblieben

Bei dem mörderischen Würfelspiel.

Gott hab’ ich’s mit Danke zugeschrieben,

Bis das Haupt von meinem Kinde fiel:

Da just war der Fleck, da stirbt mein Hoffen!

Sieben Kugeln! Diesmal hat’s getroffen!

Fahre wohl denn, du geliebte Leiche,

Bis wir ewig bei einander sind.

Auf die Wange, wo vom Todesstreiche

Noch das Blut entsetzlich niederrinnt, –

Einen Kuß noch auf die Stirn, die bleiche, –

Dann leb’ wohl, mein liebes, liebes Kind!

O! daß mir des Weinens Tröstung wäre!

Gott! ein Königreich für eine Zähre!

Ja, ich fühl’s an meiner Pulse Schlägen,

Du nimmst meine letzte Kraft dahin.

Willenlos auf meinen dunkeln Wegen

Folg’ ich, wie ein Kind, der Führerin.

Ferdinand, ich zittre dir entgegen,

Ahnung sagt es meinem tiefsten Sinn.

Lebe wohl, und daß dich Gott verkläre!

O! ein Königreich für eine Zähre!

Frieden, den ich Frankreich oft erhalten,

Meiner eignen Brust versagt ihn Gott.

Wie dies Haupt, wird Frankreich sich zerspalten,

Und der Julithron der Welt zum Spott.

Neue Kugeln warten auf den Alten,

Rächend steigt der Bourbon vom Schaffot.

Frieden, um den Preis der Erde Frieden!

Und der Alte scheidet gern hienieden!

Was ist des Deutschen Vaterland?[9]

Wie hat das Lied so schön geklungen,

Das einst Herr Arndt, der Dichter, sang,

Und das wir Alle mitgesungen

Bei drei und dreißig Jahre lang?

Das Lied vorn deutschen Vaterlande,

Wo an dem Rhein die Rebe blüht,

Und wo, dem deutschen Rhein zur Schande,

Am fernen Belt die Möve zieht.

Und wo wir mit Vergnügen sehen,

Daß alle Länder, groß und klein,

Wie sie im Buch bei Deutschland stehen,

Das Vaterland des Deutschen sein.

Der Deutsche Bund – Gott geb’ ihm Friede –

Hat immer, seit der Völkerschlacht,

Bei diesem geograph’schen Liede

Ein fürchterlich Gesicht gemacht.

Und als der Deutsche Bund entschlafen,

Wie ist das Lied dahergebraust!

Wie ist’s den Fürsten und den Grafen

Gleich Sturmwind um den Kopf gebraust!

Boch-Buschmann, unser Deputirte,

Sang’s oft zu Frankfurt auf der Zeil,

Und wenn er jetzt sich nicht genirte,

Er säng’ das Lied noch alleweil.

Gesungen ward’s in allen Städten,

In allen Gassen ist’s erschallt,

Auch haben zwischendurch Musketen

Als Accompagnement geknallt.

Wohin ich mocht’ durch Deutschland wandern,

Am Rhein und an der Donau Strand,

Hat einer stets gefragt den andern:

Was ist des Deutschen Vaterland?

Da sprach an einem schönen Tage

Zu Wien Herr Raveaux frank und frei:

Daß nunmehr auf die ew’ge Frage

Die Antwort schon gefunden sei.

Doch dieses war nur eine Flause, –

Noch heute ist es unbekannt,

Noch singen sie bei jedem Schmause:

Was ist des Deutschen Vaterland?

Arndt saß hernach im Parlamente

– Inzwischen war ergraut sein Haar –

Sein Votum zeigte, daß am Ende

Sein Lied auch eine Lüge war.

Ja, eine rechte schöne Lüge,

Viel schöner als die Verse sind.

Ich wünsche wohl, daß ich mich trüge,

Wenn mir die Thrän’ vom Auge rinnt.

Blau, weiß, roth.

(Melodie: Les Girondins.)

Gott grüß’ euch Vaterlandes Farben!

Du stolze Fahne, blau, weiß, roth!

Für die einst uns’re Väter starben,

Mit Dir geh’n wir in Kampf und Tod.

Dreifarbig Band, umschling’ das Land,

Führ’ uns zum Sieg an Gottes Hand,

Zum Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß, roth!

Das Blau bedeutet Treu und Glauben,

Treu Gott und unserm Vaterland,

Den Ruhm soll keine Macht uns rauben,

Wir dulden weder Schimpf noch Schand’.

O köstlich Gut! o heil’ge Glut!

Vernichtung der Tyrannenbrut,

Uns Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß, roth!

Weiß glänzt das Kleid der Seelenreinheit,

Drum sei verdammt der Lug und Trug!

Noch Keiner schwang sich auf zur Freiheit,

Wenn er die Schuld im Herzen trug.

Rein sei die Hand zu Gott gewandt,

Die Rettung heischt für’s Vaterland.

Uns Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß, roth!

Blutroth, Du letzte uns’rer Farben!

Wenn Du uns rufst in Schmerz und Noth,

Wie andere litten, wie andere starben,

So geh’n auch wir in Kampf und Tod.

Nimm unser Gut, nimm unser Blut,

Nimm’s hin, du niederträchtige Brut!

Ja, Sieg oder Tod!

Hurrah, es lebe blau, weiß roth!

Bei Sebastopol.

1855.

Die Geschütze krachen, die Schlacht erbraust,

Das Gewehrfeuer rollt, die Rakete saust,

Der Tod zermalmet die Braven.

En avant! Seht, Brüder, die Mine springt,

En avant! Vom Malakoffthurme winkt

Die Tricolorfahne der Zuaven.

Die Nacht bricht an, der Tod ist nicht müd’,

Die Redouten springen, und roth erglüht

Der Nebel über dem Hafen.

Und unten die Stadt ist ein Feuermeer,

Und droben steh’n auf den Bergen umher

Die Linien, Garden und Zuaven.

Da bringen sie eben von Brück’ zu Brück’

Die Verwundeten in das Lager zurück,

Die zerstümmelten blutenden Braven,

Und vor jeder Bahre, die kommt daher,

Präsentiren im Flammenschein das Gewehr

Die Linien, Garden und Zuaven.

Da tragen sie einen Sergeant-Major,

Der in der Courtine den Arm verlor,

Und den halben Schädel im Graben,

Und am Malakoffthurme commandirte er Halt,

Und richtet sich aufrecht, die blut’ge Gestalt,

Der Sergeant-Major von den Zuaven.

Von der brennenden Stadt der rothe Schein

Und das Licht, das die springenden Forts ausspei’n,

Beleuchten sein Antlitz erhaben.

Er entblößt sein Haupt, daß die Wunde klafft,

Und nimmt zusammen die letzte Kraft,

Der Sergeant-Major von den Zuaven.

„Nun fahr’ ich mit Freud’ in die and’re Welt,

„Der Feind entflieht, Sebastopol fällt,

„Im Flammenmeere begraben!

„Lebt wohl, Cameraden! Vive l’Empereur!“

Er stirbt, und es präsentiren das Gewehr

Die Linien, Garden und Zuaven.

Ferienweihe.