Erster Abschnitt.

Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.

Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung.

Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat, sind nachfolgende.

Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der seligen Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber die erste umfassendere Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb 1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende,

von uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda 287.—Bollandisten tom. 3., 25 Febr.—Gretser, Vitae Sanctor. tom. X.—Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.—Alle nennenswerthe weitere Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2, 347 und 356.

Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete. Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster,

fügte demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell, an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer

der drei "Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.

Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.

Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae

extorqueri valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen, Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden später darauf noch zurückkommen.

Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein. Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig

ausgehauenen Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 († 1625); der spätere Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend; unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders.

Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb, folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu

fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei, und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[[1]].

Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher

1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da 1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.—Der Eichstädter Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.

So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im

Stande der Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege.

Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig, und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) fügt erklärend bei:

ûz dem sarksteine,

dâ inne lît diu reine,

vil heilic ol vlûzet,

des diu werlt vil genûzet.

der iht siecheite hat,

des wirt al ze hant rat,

als man ez dar an strîchet.

In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen verkauft wurde. Heute steht diese

"Oelkapelle" noch; einige Quellen olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.

Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen. Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe schwitzen müssen:

Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?

In cavea Martis num pugil illa fuit?

Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem—Unctus es quasi athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner 6. Homilie über den Brief an die Coloss.—Nork, Realwörtb. 3, 301.

Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger heilt:

Hinc quendam fastidiosum

Fame paene mortuum

Alloquens per visionem

Monet, ut de calice

Ejus biberet; quo facto

Esuriit solito.

Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft, welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des Herrn—und der Herr wird ihn aufrichten.

Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in

der Kaiserpfalz zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.

Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.—Auf folgenden Stichen erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in der Hand haltend:

Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.—P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.—Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt das Grabmal).—P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl. Walburgis. Regensb. 1708.

Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.

Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.

Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868) folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof; Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei Schwabach; Walpershof,

Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.

Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen, nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518.

Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird; 2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.

Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.

Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde, Brügge,

Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später noch zu handeln sein.

Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.

In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet.


FUSSNOTEN:

[1]

Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.

25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstädt in der Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.—20. März: Gretser l.c. pag. 907.

1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstädt; gefeiert in der Eichstädt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica. Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, Liturgia 4, 768.

4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstädt (Bollandisten ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. 522; zu Veurne, in der flandr. Diöcese Ypern: Gretser X, 912.

12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstädter Walb.kloster.