Zweiter Abschnitt.
Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.
Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des Matthäus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmückt haben, ist Bd. 3 auch das Eichstädter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da zwischen den Andächtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3, tom. II, 291)
und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thüre des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rüden angefallen wird; auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzählt Bischof Philipp († 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller Hunde angerufen. Es lässt sich indess dieses Attributthier der Heiligen als anderen Ursprunges und aus einer viel früheren Zeit nachweisen. Die Vorgeschichte des Bisthums Eichstädt spielt nicht in dieser Stadt, sondern in einem Orte, welcher römisch Aureatum heisst und schon seit Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den beiden Dörfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstädter Bischöfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach München gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll röm. Geschirrtrümmer und Reste von Brennöfen, deutlich unterscheidet man noch den Lauf der Römerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser 1620 von der Universität Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau vorstellte, zu deren Füssen, von Erde überschüttet, angeblich ein Hund liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Füssen, sind seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der Nehalennia, eines zwar von Römerhänden gemeisselten, aber deutschen Götterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
und in Wolfs Beiträgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer Kirche nicht, wo Walburgis frühestes Grab gewesen war. Panzer, bair. Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf den frühesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes, dessen herabhängende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Händen berührt werden. Man sagt, hier seien die Abkömmlinge des Rittergeschlechtes Hund begraben.
Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg führen dasselbe Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengöttinnen und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgöttinnen Frau Harke, Frau Gode und Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter (Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Töchter der Frû Gauden umbellen den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hündinnen. Colshorn, Märch. u. Sag. no. 75. Das Hündchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei steinernen Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde, welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. 289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die
Sage das überirdische Hündchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege hiefür: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das hölzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden steht gerade über der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwähnten Kapelle zu Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.
Ueber die Farbe dieses Hündchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das freundlich-wohlthätige Geleitsthier der schönen Weissen Frau ist es gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die des Gewitters feuerroth. So erklärt es sich in Mythe und Opfer. Der Rost, der während der Hitze der Hundstage das Getreide befällt, war dem Römer versinnlicht durch das Götterpaar des Robigus und der Robigo, die beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen Götterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in seiner Hülse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hündchen schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und Kornähre abzuwehren, weil man den glühenden Hundsstern für die Ursache des Getreidebrandes hielt. Erklärend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:
Für den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.
Aus ähnlichem Grunde musste in Deutschland der
Frohnknecht alljährlich zur Zeit der Hundstage die überalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt, Fastelabendgebräuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese für die Landwirthschaft gefährlichen Fristen vorüber, so vergötterte man das Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.), oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederösterreich wird am 28. Dec. (Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das wird das Wind- und Feuerfüttern genannt. Zerführt der Wind dies Opfer, so sind im nächsten Jahre keine schädlichen Stürme zu befürchten. Ein Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man müsse die Windhunde füttern." Birlinger, Schwäb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das eben angeführte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschädigen konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brôt, eȥ hat gesnîget. Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jägers Hackelberg in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter über an der Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so mildherziges Haus im Frühjahr drauf mit Milch und Butter reichlich gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten) jeder 4 Mietschen (französ. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd hät er zwen wind mit jm traben, denen söllent sy geben ain hûslaib. So bildet sich aus der Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein für jeden geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen,
so erhalten die oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspätzlein, die man in Baiern Nackete Hündlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen Tölpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hündlein wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. 2, 516. Von den die Saaten zerwühlenden Hunden des Windes sprang die Vorstellung über auf den Biss der wüthenden Hunde, hielt aber in beiden Fällen die Kornähre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht man im Felde zum ersten Male Roggen blühen (dies fällt auf Walburgistag), so nimmt man drei blühende Aehren und streicht sie stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden gebissen. Curtze, Waldeck. Volksüberlief. S. 402. Ein latein. Gebetbüchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen also beginnenden Hymnus:
Walburga venit: cedite
vesane grex, molossi!
Cedunt, pavent, obmutuit
os impotens latrandum.
Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst. Birlinger, Schwäb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nächsten Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenäus 4, 149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea canicida, canivora genannt war.
Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um thörichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische Butter auf ein Stück Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm entzwei, mach
ein Löchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit Brod zu, schmiere Meyenbutter drüber, lass es aufessen. Dies ist ao. 1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kühe toll; reissen an den Strängen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor ihnen stände und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen. Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermünze) auf Butterbrod, so sollen sie nicht toll werden.—Die Fortdauer dieses Brauches in Süddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der Ankenschnitten, sg. Ankebrüt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon verabreicht, damit es in keinen bösen Wind komme. Wir werden hievon im fünften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession von Beromünster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzählen von einem am Wolfshunger leidenden Mädchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere Nahrung mehr geniesst als Käse und Milch.
Sualaveldico in pago
Fuit quaedam faemina,
Quae languore fortissimo
Aegrotare coeperat.
Namque tam intemperata
Edendi ingluvies
Incessit semisanatam,
Ut nulla edulii
Abundantia valeret
A suis saturari,
Exhaustis jam parentibus,
Sed fame accrescente
Anxiata hinc dolore
Hinc pudore maximo.
Tandem divinitus tale
Occurrit consilium.
Rogat suos se deferri
Ad Walpurgae gratiam.
Quo delata, biduanis
Incumbebat precibus,
Quibus exorata virgo
Gradiendi miserae,
Qua privata diu fuit,
Sospitatem reddidit.
Bona quaedam monialis,
Vocato preabytero,
Benedici panem fecit
Redditque famelicae.
Quo gustato nequam illa
Fames voracissima,
Virgine sacra favente,
Coepit se subtrahere,
Sic paulatim decrescendo,
Ut prius accreverat.
Sic crescente fastidio,
Pro mira esurie,
Tandem nil aliud cibi
Praeter solum caseum,
Nihil de potu gustare
Nisi tantum lac poterat.
Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bändigung der Hundswuth gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe. So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigöttin muss nothwendig auch die Korngöttin selbst sein und als solche ist sie kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Büschel in der Hand, welcher Kornähren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre Dame de trois épis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Sätzen der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesäet auf Mariae Geburt und schosset vmb Waldpurgi" König, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142. "Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blüht, so wird er vor Jacobi nicht reif." Prätorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man diese Erbsätze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet ihren über das sündige Menschengeschlecht erzürnten Sohn, nicht alle Feldfrucht zumal zerstören zu wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu lassen, als genug ist für Hund und Katze, d.h. für ein ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur Muttergotteskirche von Dreienähren, die beim elsäss. Stifte Katzenthal gelegen ist. Ebenso lässt Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale
erwählt, mitten aus dem Winterschnee drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand trägt. Kaltenbäck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornähre brachen und vereinigten die römischen Brautpaare und benannten nach demselben den Eheabschluss stipulatio. Träumt man von geschnittnem Korn, so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der Aehrenbüschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom reitenden W. Jäger verfolgt wird, sie, der Frühlings-Genius der aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur entgehen, wenn man in ein Kornfeld flüchtet. So birgt nach dem färöischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen Verfolgung ins Fruchtkorn:
Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
Geschwind erwachsen in einer Nacht.
In des Ackers Mitte verbarg alsbald
Wodan den Knaben in Aehrengestalt.
Als Aehre ward er mitten ins Feld,
In die Aehren mitten als Korn gestellt:
"Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
Wenn du mich rufst, führ ich dich nach Haus!"
Neun Nächte vor dem 1. Mai (erzählt Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 44) ist die hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhörlich verfolgt von wilden Geistern und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lässt ihr daher im Hause einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafür legt sie ein kleines Goldstück auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig (golden), in den Händen trägt sie einen dreieckigen Spiegel
(der alles Zukünftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie auch ein anderer Bauer, welcher Regen fürchtend Nachts noch sein Getreide einführte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag). Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der Bauer willfahrt, als die Reiter vorüber brausten. Des andern Morgens fand er in den heimgeführten Aehren statt Roggen Goldkörner. Daher wird die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner, erzählt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trägt. Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Städten des bair. Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen Volksbelustigung gewesen.
Plätze, Strassen und Häuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den Festumzug eröffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone über dem Kopfe zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausübend. Heute gilt dorten nur noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In Niederösterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht, sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gärten und trägt die schon vorhin erwähnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern und Moosfräulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer über sein Ross legt und die
sich Sträubenden in Stücke reisst, hat sich in der französischen Legende zweimal verkörpert und kirchlich lokalisirt. Um die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem südfranzös. Dorfe Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen eines Flüsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jährlich im Frühling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem 10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die vergötterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frühling umherirrend sich dem Zephyr ergab und daher die Macht über die Blüthen der Bäume und Blumen bekam). Florina, ein Bauernmädchen aus dem Weiler Estourgoux, verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der Felseinöde des dortigen Cousathälchens, und als ein Versucher sie hier aufspürte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den gegenüberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in beiden ihre Fusstapfen zurück, die nun mit Kreuzen gekrönt sind. Unter grossem Zudrange des Volkes werden jährlich am 1. Mai die Gebeine der Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thälchens getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend aussehen, so hat noch stets ein günstiger Wind das Gewölk vertrieben, sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rücken pflegt. A. SS. Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.
Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trübungen
einer ursprünglich edleren Vorstellung von gütig gesinnten und für den Erntewachsthum bemüht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei näherer Untersuchung, emsig das Geschäft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbürgner Sage bei Müller, S. 382, stösst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mühle heimträgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er grüsst sie:
Gott vermîr ich iren danz,
Gott vermîr ich iren kranz!
Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des Mehles ledig wird!
Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schönwerth, Oberpfalz 1, 209); allein damit verbürgt er nur, dass man der Frühlingsgöttin nach überstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wächst im Korn schwarzer Raden, am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in abergläubischer Verdüsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby, Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des Schutzgeistes reinen Jünglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder Federflaums eine schöne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss, Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling Milchtrut,
anderwärts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wörtb. 62): so wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valküre galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allüberall ihren Schützling umflog, wesshalb noch der Fünfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. marevoet, an die Stubenthüren gekreidet wird, zwei in umgekehrter Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrättelein die Stallrosse und zöpft ihnen Schweif und Mähne, dass sie schwitzen; denn es ist gleichfalls nur die lächerliche Verschrumpfung jener himmlischen Valküre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt, Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der Nachtmahr zwei Sicheln gekreuzt vors Bette zu legen.
Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten; das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai einen reichlich geschmückten Maibaum überbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornähren mangelten: Grimm, RA. 128. 205. 361. Der oberpfälzer Bilmesschnitter pflückt drei Aehren vom fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune. Schönwerth 1, 432.
Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis Eulogienbroden.
Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den religiösen Zusammenkünften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein ähnlicher Brauch war nun
auch dem deutschen Heidenthum geläufig gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsächsischer Name Friedensbürgschaft hiess. In ihnen stand Einer für Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine natürliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Dürftigkeit geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbürgen dies, und ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, für die Mahlzeit derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering bevölkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite Märsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu können. Das Christenthum vermochte daher diese religiösen Mahlzeiten der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angelsächsischen Bischöfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man diese Feier der Heiden bestehen lässt, nur muss man ihr einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz mit grünen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der Sättigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat später vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den Kirchen der romanischen Länder an den Gedächtniss- und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain béni) überreichlich an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedürftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst erfolgten Begräbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Käse, Fische,
und Bier unter die Wallfahrer als Eulogie ausgetheilt (A. SS. saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getränk jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andächtigen gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsäcke und Trinkgeschirre werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der hievon handelnden Erzählungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten Brode. Hierüber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein kürzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein blindgebornes Mädchen zu Kempten hört Nachts im Traume sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grüne Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das Mädchen thats, überbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhühner am Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und das Mädchen war darüber sehend geworden (ibid. pag. 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hühner. Sie lassen nicht auf die gewöhnlichen Zinshühner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmässig fünfe der Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist nicht der Altar; es müssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch für heilsame Thiere gehalten (Schönwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines Symbol
der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Bräutel- und Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.
Puella quaedam ab ipsis
Heu caeca cunabulis,
Audita opinione
Virginis eximiae,
Desiderio flagravit
Veniendi maximo.
Quam quidam in visione
Nocturna submonuit,
Oratorium adiret
Tanti desiderii,
Oblatas mundas offerret,
Altari imponeret.
Quas illatas statim binae
Gallinae comederent;
Quibus pastae deservirent
Matris excubiis.
Venit, attulit, imponit,
Preces fudit intimas.
Astant duae moniales
Gallinae videlicet,
Praevisae in visione,
Quae oblatas colligunt,
Et requirunt diligenter
Quae, unde, cur venerit.
Quibus illa dum exponit
Singula veraciter,
Domino propitiante
Et beata Virgine,
Incognitum lumen coeli
Novis hausit oculis.