22.

L'affaire s'en va ... Fritz hat sich für fünf Tage verabschiedet. Er macht eine Tour nach Tirol. Gestern Abend teilte er es mir mit. Der Graf stand dabei.

Ich hoffe, Ossi, daß Sie der Baronin während meiner Abwesenheit Gesellschaft leisten.

Der Graf wurde rot – und schwieg. Das aigrierte mich.

Ich werde den Herrn Grafen in keiner Weise bemühen. – Ich klingelte. – Heinrich, Sie werden morgen dem Herrn Grafen hier, mir auf meinem Zimmer servieren.

Ich machte ihm eine förmliche Verbeugung. Mit einem ganz kleinen Blick bemerkte ich, wie er sich auf die Lippen biß. Ich lächelte innerlich. Ça commence.

Eine Stunde später trat Fritz in mein Boudoir.

Thea, Du warst unartig gegen den Grafen.

Nur Revanche.

Er ist schüchtern.

Nein, ungezogen.

Ich zerdrücke einen kleinen, roten Chenilleaffen, der an einer blassen Chrysanthemenblüte hängt. Fritz beobachtet mich. Ich fühl's.

Thea – ich werde meine Partie nicht machen.

Ich erschrak. Ich hatte mich unklug benommen. Das mußte wieder gut gemacht werden. Gleichgiltig, unbeweglich blickte ich vor mich hin.

Es ist nur Deine Pflicht, mich nicht allein zu lassen mit dem dummen Jungen.

Ich accentuierte die »Pflicht« sehr scharf; den »dummen Jungen« ließ ich fallen – eben weil er mir die Hauptsache war. Er sah mich an, drehte bedächtig die feinen Spitzen seines blonden Schnurrbarts:

Ich werde meine Partie doch machen.

Ich spielte die Zornige:

Wirklich? Nun dann bitte ich, sie sofort anzutreten.

Er küßte mir langsam beide Hände:

Sie sind reizend, Baronin.

Er ging.

Ich schlief sehr ruhig. Gegen vier Uhr weckte mich das Oeffnen der Zimmerthür. Fritz. Er beugt sich über mich. Ich stelle mich fest schlafend.

Madame – Mylady – Signora!

Ich rühre mich nicht.

Thea – hübschester kleiner Satan, der je –

Ich konnte das Lachen nicht mehr verbeißen, schlug die Augen auf. Er setzte sich auf den Bettrand und nahm meinen Kopf in seine Arme.

Ich gehe fort, Kleine. Sei artig während meiner Abwesenheit. Quäle den Grafen nicht. Ich habe Befehl gegeben, daß ihr zusammen diniert. Das Souper will ich Dir schenken.

Ich setze mich kerzengrade auf:

Ich werde nicht mit dem Grafen dinieren.

Die Erklärung nehme ich mit Vergnügen an; doch nur die Erklärung. Im übrigen wirst Du die Liebenswürdigkeit haben, meine Anordnung anzuerkennen.

Nein.

Mein liebes Kind, dies »Nein« ist gleichbedeutend für mich mit einer Blamage vor den Dienstboten. Und wenn ich auch duldsam wie ein Lamm bin – darin nicht.

Ich zerreiße die Picots an den Seidenbändern meines Nachtkleides.

Also ja?

J ... j ... ja.

Er will mich küssen. Ich vergrabe den Kopf in die Polster. Er küßt mich in den Nacken und lacht leise:

Baronin, ich nehme mir ein Andenken mit.

Ich schaue rasch um. Er hält eines meiner Morgenpantöffelchen in der Hand und mißt es mit Daumen und Zeigefinger.

Welche Nummer? Hm! 35!

Nein 33! rufe ich eifrigst. Er sieht mich komisch-ungläubig an: Wahr? Dann neigt er sich dicht zu mir:

Ich muß es doch wissen. Ich habe dies Cendrillonfüßchcn oft genug in der Hand gehabt. Adieu. –

Jetzt sitze ich auf der Veranda. Schreibend. Der Graf wird kommen. Ich habe eine Toilette gemacht, eine Toilette – –! Er versteht nichts davon, ich weiß es. Doch empfindet jeder Mann unwillkürlich den Zauber eines guten Ensembles.

Spitzen, nichts als Spitzen. Weich, weiß. Nachlässige Draperien von reizender Unregelmäßigkeit. Mein Gesicht habe ich nach meiner Toilette eingerichtet. L'air de petite fille. Das steht mir. Und grüßen werde ich ihn, grüßen – – so, daß er mich anreden muß.

Da kommt er. Sehr langsam. Ist ihm unbequem, daß er an mir vorbei muß. Sehr gut, sehr gut. Ich vertiefe mich eifrigst ins Schreiben. Uebers Papier hinweg sehe ich seinen schmalen Fuß ...

Halbe Stunde später.

Die Philosophie? Ich lache! Ah Herr Graf, sie wird Sie nicht schützen gegen Ihre zwanzig Jahre. Soll ich schreiben? Das eben stattgehabte Gespräch? Mir zuckt's und prickelt's in den Fingern. Also ... Der Graf kam die Treppe herauf. Ich kratzte zwanzig i-Striche nacheinander. Ich mußte ja schreiben. »Guten Morgen, gnädige Frau.« Mein Ohr seziert den Ton, in welchem er die vier Worte spricht. Schüchternheit und Trotz; so das Resultat meiner raschen Analyse. Ich hob den Kopf, dankte ihm, ohne zu sprechen.

Gnädige Frau ...

Ich sehe mit dem liebenswürdigsten Gesichtsausdruck an ihm vorbei. Er ist tötlich verwirrt.

Gnädige Frau, ich ... ich bin sehr ungeschickt.

Gewiß.

Er wird weiß bis in die Lippen. Noch siegt die Philosophie über seine gekränkte Mannheit. Das ist mir nicht recht. Ich muß ihn reizen, reizen, bis er sich vergißt und ....

Gnädige Frau, ich habe Sie gestern beleidigt.

Graf, beleidigen können Sie – mich nicht.

Einen Augenblick ist's sehr still. Dann macht er mir eine tiefe Verbeugung. Sehr unkorrekt, aber zum ersten Mal frei und natürlich.

Gnädige Frau, ich werde heute Abend abreisen.

Wenn Sie das für das Richtige halten –

Das Richtige?

Es dürfte zum mindesten ein sehr eigentümliches Licht auf mich werfen, wenn Sie nach dem ersten Tage des Alleinseins mit mir – abreisen.

Das trifft.

Ich – werde – bleiben.

Ich schaue von unten zu ihm hinauf und fange an zu lachen.

Aufrichtig, Graf, wir sind doch wie zwei Kinder. Nur, daß es bei mir verzeihlicher ist. Ich bin eine Frau. Sie, ein Mann, der Philosophie studiert hat ....

Er, sehr bitter: Aber keine Lebensart.

Nein. Ich habe es Ihnen schon zu verstehen gegeben.

Sehr deutlich!!!

So? Das kann Ihnen doch nur gefallen. Ein Philosoph, ein Verehrer der Wahrheit ...

Das bin ich.

Beweisen Sie es. Was unsere heutige Unterhaltung angeht – passons. Von heute an werden Sie ein wenig höflicher, ich ein weniger nachsichtiger sein.

Ja.

Mein Mann hat meinen gestrigen faux pas schon wieder gut gemacht. Wir dinieren zusammen.

Ich weiß.

Er hat es Ihnen schon gesagt? Desto besser. Heute Morgen winkte mir die angenehme Aussicht, in Ihrer Gegenwart keinen Bissen genießen zu können. Ich hoffe, es wird besser gehen, aber – –

Aber?

Appetitanregend sind Sie auch gerade nicht, Graf.

Ein schwaches, finstres Lächeln huscht um seine Mundwinkel.

Ich habe mich noch nie um diesen Ruhm bemüht.

Und ich, um eine Nuance wärmer als bisher: Wollen Sie es heute versuchen?

Nein!

Ah!

Gnädige Frau – – Sie – wollen – mir gefallen.

Einen Moment bin ich starr. Nur einen Moment. Vogue la galère.

Ja.

Er blickt mich mit unverhohlener Entrüstung an. Ich habe keinen Spiegel. Kann mich nicht sehen in diesem Augenblick. Doch weiß ich genau, wie ich aussehe. Sonnig. Lieb. Kindlich.

Ich will Ihnen gefallen. Ist das etwas Schlimmes? Ich will jedem Menschen gefallen. Ich bin mit Allen liebenswürdig, um Allen liebenswert zu sein. Mein Mann hat Sie gerne, Graf. Er hält Sie für eine besondere Natur. Soll ich mich da nicht bemühen, Ihnen zu gefallen?

Ich wende den Kopf so, daß mir die Sonne gerade in die Augen scheint. Ich habe sehr schöne Augen. Sie glänzen im Sonnenlicht wie Tautropfen. Und mit diesen Augen sehe ich ihn an ... er ist eine Weile ganz stumm.

Ich habe Unrecht gethan, gnädige Frau. Ich werde es gut machen.

Und langsam, langsam tritt er ins Haus.

Und jetzt! Ich bin lebhaft geworden; lebhaft vor Freude und Kampflust und Bosheit. Dieser kleine Graf! »Sie wollen mir gefallen!«

Ja, ja, ja, das will ich – und ich werd's.

Nachmittags.

Ich hätte nicht gedacht, daß ein Tagebuch so anziehend werden könnte. Mir.

Unser Diner – – C'est un drôle d'homme. Um was für Dinge er sich gekümmert hat. Ich wußte nicht recht, was für ein Gespräch mit ihm beginnen, und nahm darum den ersten besten Gegenstand auf.

Waren Sie schon in dem Gasthof zum Eibsee?

Ja.

Wohl alles sehr schlecht?

Nein, einfach.

Ich glaube auch von einem Pensionat Krinner gehört zu haben.

Ja, Pensionat und Künstlerherberge.

Künstlerherberge?

Es wohnen mehrere Maler dort. Außerdem sind nur noch zwei Bauernhäuser da. Eines ist uralt. Zigeuner sollen darin gewohnt haben. Die früheren Besitzer des Eibsees.

Und jetzt?

Wohnen ihre Nachkommen darin, derbe, dunkelköpfige Bauern.

Tiens, wie romantisch. Sie sind sehr unterrichtet, Graf.

Ich spreche manchmal mit den Leuten.

Können Sie sie denn verstehen?

Ich gebe mir Mühe.

So. Und verlohnt es sich der Mühe?

Ja. Diese einfachen sind die interessantesten Menschen.

Unter diesen »interessanten Menschen« sind wohl ein paar hübsche, schwarzhaarige Dirnen?

Die Mädchen sind sehr hübsch.

Ah, nun verstehe ich die Anziehungskraft.

Sie irren, gnädige Frau. Die Mädchen sind mir gleichgiltig. Aber es lebt in dem Hause ein vierundsiebzigjähriger Mann. Der Tonerl. Schwere Arbeit kann er nicht mehr verrichten. Er sitzt im Wald, bindet Besen und raucht seine Pfeife. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten. Er sei schon weit herumgekommen, erzählte er mir. Nach München? fragte ich. O nein, aber bis Tölz! Werktags geht er bei gutem und schlechtem Wetter in Hemdärmeln. Sonntags hängt er sich den Lodenrock über die Schulter und steckt sich eine Rose hinters Ohr. Das sieht zu seinem zusammengerunzelten Gesicht rührend komisch aus.

Ist er verheiratet?

Nein.

Ah, er denkt wohl ins Bäurische übersetzt: Marriage and hanging go by destiny?

Doch nicht. Das Heiraten sei nur für reiche Leute, erklärte er mir.

Sehr wahr. – Aber Sie essen gar nicht, Graf.

Ich bin nicht hungrig.

Nachdem Sie den ganzen Morgen im Wald waren?

Ich habe mir im Bauernhaus ein Glas Milch und ein Stück Brot geben lassen.

Das hätten Sie bei uns nicht bekommen?

Nein. Die Milch nicht so frisch und das Brot nicht so schwarz.

C'est un goût extraordinaire.

Wenigstens kein französischer.

Sie dehnen Ihren Patriotismus auch auf Nahrungsmittel aus?

Hie und da.

Jedenfalls sind Sie kein Anhänger Brillat-Savarins.

Wer ist das?

Sie kennen doch die »Physiologie des Geschmacks«?

Nein.

Brillat-Savarin ist der Verfasser. Ein französischer Professor.

Ich habe von dem Buch gehört. Gelesen habe ich es nicht.

Ich kann es Ihnen geben.

Ich danke sehr. Ich habe keine Zeit, es zu lesen.

Aber mit Bauern zu plaudern?

Ja.

Ah, Graf, mit Ihnen werde ich nicht fertig. Unsere Ansichten gehen zu sehr auseinander.

Es scheint.

Glauben Sie nicht, daß wir uns vereinigen könnten? Ich bin nicht eigensinnig.

Ich auch nicht. Nur überzeugungstreu.

Ueberzeugungstreu! Wie pathetisch! Diesen Tragödienton goutiere ich nicht. Gehen wir lieber zur Tagesordnung über – zum Marasquin crême.

Das Diner ist vorüber. Er wünscht mir, echt kleinbürgerlich: Gesegnete Mahlzeit. Ich begebe mich in mein Toilettenzimmer. Wie kann er nur mit einem Menschen plaudern, der nach Tisch weder Nagel- noch Zahnbürste gebraucht. Unbegreiflich.

Ich werde in den Wald gehen. Dann baden. Ob der Graf sich verpflichtet fühlt, mir späterhin noch Gesellschaft zu leisten – Ja? Nein?