Inhalt.
| Madonna | [5] |
| Corriger l'amour | [27] |
| Platonisch | [95] |
| In der Mauernstraße | [115] |
| Milost pan | [139] |
Madonna.
Er war allein mit ihr. Seit zwanzig Jahren zum ersten Mal. Sie war tot. Er legte den Reisehut auf den alten Lehnstuhl und trat mit gefalteten Händen an die ungeschmückte Bahre. Das mädchenzarte Angesicht eines stillen tiefen Weibes ruhte auf dem schwarzen Totenkissen. In seinen Augen stieg ein altes unendliches Leid auf. »Wenn Du mich geliebt hättest, wie ich Dich!«
Er ging langsam durch das große, von lebendigem Sonnenlicht durchflutete Zimmer. Ueber dem Flügel hing in schwarzem Ebenholzrahmen die Sixtina. »Fräulein Maria von einem alten Freunde zum Andenken. 25. Mai« – stand in der Ecke. Auf dem Flügel lag die schwere Partitur seines letzten Werkes. Missa solemnis. Das Agnus Dei war aufgeschlagen. »So hat sie mich doch nicht vergessen«. Mit wehmutvoller Freude blätterte er die bekannten Seiten durch. Die Partitur mußte viel gespielt worden sein. Verschiedene Druckfehler waren auf kundige Weise ausgebessert. Am Rande standen allenthalben musikalische Anmerkungen. Er las sie langsam durch. »Wie richtig! Welch' vornehmes künstlerisches Gefühl. .... Freilich, hier wäre die Mollterz besser«. Er schrieb sich die Stelle in sein Taschenbuch und schlug die letzte Seite um. Da lag ein großes versiegeltes Couvert. In festen klaren Zügen stand sein Name und seine genaue Adresse darauf. »Nach meinem Tode dem Adressaten zu übergeben und nur von ihm zu öffnen«. Sein Eigentum. Sein ernstes altes Gesicht war von junger Glut übergossen. Von ihr! Er rückte einen Stuhl an die Bahre und brach langsam die Siegel auf. Feine weiße Papierbögen mit blauer Seide zusammengeheftet fielen ihm entgegen. Er nahm sie auf. Sie waren ganz mit schmalen festen Schriftzügen bedeckt, die einige Jahre alt sein mochten. Er las: –
»Wenn ich tot bin, sollst Du wissen, wie's gekommen ist.
Ich hab' Dich immer lieb gehabt. Als kleines Mädchen schon, da Du mich »Aennchen von Tharau« und »Jetzt geh' ich an's Brünnele« singen lehrtest. Aber ich wußte es nicht. Ich fand Dich alt und strenge und gar nicht hübsch. Gleichwohl weinte ich heimlich, wenn Du einen Sonntag nicht kamst. Halb aus unklarer Sehnsucht, halb aus sehr klarer Selbstsucht, denn Du brachtest mir stets ein Buch, eine Spielerei, ein Naschwerk mit. An meinem fünfzehnten Geburtstag schenktest Du mir die Sixtina und nahmst Abschied. Du wolltest nach Italien. »Werden Sie mir schreiben?« fragtest Du. Ich lachte. »Nein, ich mache zu viele orthographische Fehler«. »Die werde ich Ihnen korrigieren. Also schreiben Sie mir und wäre es nur, daß Sie etwas lernen. Sie haben es nötig, denn Sie sind sehr unwissend«. »Ich will aber nichts lernen. Ich bin hübsch und wenn mich einer heiraten will, geht's auch so«. Du sahst mich mit einem ganz strengen bösen Blicke an. »Ich finde Sie gar nicht hübsch«. Und Du gingst.
Meine gute nachsichtige Mutter nahm mich in die Arme und küßte mich. »Warum bist Du so unfreundlich gegen ihn? Er hat Dich so gerne«.
Jawohl. Aber ich wollte Dich nicht. Ich wollte einen jungen, lustigen, der meine orthographischen Fehler nicht korrigierte, und mir sagte, daß ich hübsch wäre.
Der junge Lustige kam. Unserem Hause gegenüber in einer einstöckigen Villa wohnte eine kluge alte Dame. Die beste Freundin meiner Mutter seit dem Tode des Vaters. Ich kam oft zu ihr hinüber, bewunderte die vielen Bilder an den Wänden, lauter berühmte Leute, wie die Vestvali, Daudet, die Goncourts, Flaubert und viele andere. Ein einziges Oelbild war da, aber ohne berühmten Namen. Ein schönes, fröhliches Jünglingsgesicht mit tolllustigen Augen und braunem dicklockigem Haar. Das war der Sohn der alten Dame. Ein junger Schriftsteller, der in Berlin lebte und eine neue naturalistische Zeitschrift herausgab. Diesen Sommer wollte er kommen und seine Mutter besuchen. Ich war sehr neugierig auf ihn. Er kam in der Nacht an. Am nächsten Tage hatten wir ihn und seine Mutter zum Mittagsessen gebeten. Ich hatte allein gekocht und den ganzen Tisch mit blühenden Junirosen geschmückt. Mein weißes Battistkleid hatte ich mir ein wenig kürzer gemacht. Die schwarzen Lederschuhe mit dunkelblauen Stahlschnallen sahen so hübsch aus, und ich hatte sehr kleine Füße.
Er war schöner als das Bild, fünfundzwanzig Jahre alt und von toller lebenatmender Lustigkeit. Wir neckten uns am ersten Tage, schlugen uns am zweiten auf die Hände und nannten uns am dritten Du. Die beiden Mütter wußten es, lachten und freuten sich. Wir waren den ganzen Tag beisammen und den halben allein. Er las mir seine Geschichten vor, die mich entzückten. Das war so leicht und unterhaltend, ich brauchte mir gar keine Mühe zu geben, um es zu verstehen. Manches fand ich ein wenig unanständig und sagte es ihm auch. Er lachte. Das wäre die realistische Schule, daran würde ich mich schon gewöhnen. Ich mochte mich aber nicht daran gewöhnen. Zu eitel und zu feig, es einzugestehen, log ich mich mit einem »wunderbar, großartig, meisterhaft« darüber hinweg. Die kluge alte Dame küßte mich und nannte mich ihr Töchterchen, wenn ich von dem Genie ihres Sohnes sprach, und was für ein großer Dichter er wäre. Eines Tages sah sie mir mit ihren schönen großen Augen fest ins Gesicht. »Möchtest Du ihn wohl heiraten?« Ich wurde sehr rot und wußte keine Antwort. Sie zog mich auf ihren Schoß. »Du bist das einzige Mädchen, dem ich ihn gönne. Ich habe Dich lieber als alle anderen. Es wäre mein größtes Glück«.
Ich hatte mich immer so gefreut auf das Heiraten. Da war's auf einmal. »Ja«, sagte ich ganz leise. »Aber noch nicht gleich. Ich möchte doch den Winter erst tanzen«.
Sie lachte glücklich. »Du liebes kindisches Ding. Jawohl sollst Du tanzen«. –
Drei Tage später standen wir auf unserer großen Schaukel, rings die dämmernde Sommernacht. Wir hatten uns beide müde gearbeitet und blickten nach den Sternen. »Wie blau der Himmel ist!« »In Italien ist er noch tiefer blau«, sagte er. In Italien! Ich dachte an Dich. Er wickelte meine langen Locken um seine Finger und flüsterte mir kaum hörbar ins Ohr: »Du bist ein liebes reizendes Geschöpf. Ich möchte Dich haben, ganz haben, so wie Du bist, mit dem kleinen Muttermal am Kinn und all den süßen kindischen Thorheiten. Willst Du mich?«
Ich war gar nicht verwirrt, fühlte mich nur sehr geschmeichelt und gab ihm mein übermütiges lachendes Ja. Dann liefen wir durch den Garten, küßten die Rosen und küßten uns. Ganz tief innen sagte etwas, daß ich mir die Sache doch anders vorgestellt hätte. Das war ja gerade so, als wenn ich meine wunderschöne große Schreipuppe küßte.
»Müssen wir's nicht der Mama sagen?« fragte ich. »»Nicht nötig. Die weiß es von selbst««. Sie wußten's beide von selbst und ließen uns noch mehr gewähren. Wir rannten stundenlang durch die stillen grünen Eichenwälder, plauderten von unserer künftigen Wohnung, zankten uns über die Tapeten, und heimlich langweilte ich mich oft unaussprechlich. Anfangs Oktober mußte er nach Berlin zurückkehren. Er war trauriger als ich. »Nächstes Jahr im Mai komme ich wieder, und dann ... Wirst Du mich nur nicht vergessen? Du bist so jung!«
Schreiben sollten wir uns nicht, zu meiner großen Erleichterung. »Solch' eine Correspondenz wird leicht langweilig«, sagte die kluge alte Dame. »Er hört von mir über Dich, und Du hörst von mir über ihn«. Ich war sehr zufrieden. Am fünften Oktober reiste er ab. Wir brachten ihn zur Bahn. Ich hatte mein schönstes Taschentuch mitgenommen, um dem Zug nachzuwinken. Auf dem Heimweg weinte ich ein wenig und kaufte mir drei große Aepfel. Die aß ich Abends auch auf.
In meinem Innern rührte und regte sich nichts. Ich langweilte mich in der ersten Zeit, da ich des vielen Alleinseins entwöhnt war. Da war niemand mehr, der viertelstundenlang vor mir auf den Knieen lag, mir die Hände küßte und mir erzählte, wie schön meine Augen und wie glänzend meine Haare wären. Die klassischen Bücher aus der alten Bibliothek meines Vaters verstand ich nicht. Meinen sehr mangelhaften Sprachkenntnissen durch Studien nachzuhelfen, wäre mir schon gar nicht eingefallen. Ich spielte ein wenig Klavier und arbeitete den ganzen Tag für meinen künftigen Haushalt tausend unnütze bunte Sächelchen: Zeitungshalter, Sofaschoner, Tintenwischer, Wandkörbchen und dergleichen. Am Weihnachtsabend traf ein Kästchen aus Berlin ein und eine Kiste aus Rom. In dem Kästchen war ein zierliches Armband aus glänzend farbigen Emailplatten. Von ihm. In der Kiste war der Moses des Michelangelo und ein ruhiger freundlicher Brief, der um kurze Nachricht über unser Befinden bat. Von Dir.
»Du mußt antworten und Dich bedanken!« sagte meine Mutter. Ich that es nicht. Ich war zu sehr mit meinem Armband und meinem neuen Ballkleid beschäftigt. Ich tanzte in diesem Winter zum ersten Mal, tanzte viel und fand mich immer hübscher und liebenswürdiger. Es sagten's mir ja Alle. Die kluge alte Dame schrieb von meinen Triumphen nach Berlin und las mir die Antworten ihres Sohnes vor. Ich hörte äußerlich mit großer Aufmerksamkeit, innerlich sehr zerstreut zu. Ich dachte immer weniger an den guten lustigen Jungen, oder nur in Verbindung mit meinem Brautkleide und den niedlichen kleinen Capotehüten, die ich als junge Frau tragen würde.
Meine Mutter hatte bei einem großen auswärtigen Geschäfte meine Aussteuer bestellt. Ich stickte mir Wäschehalter mit verschlungenen Buchstaben und dachte heimlich daran, die Hochzeit bis zum Herbst zu verschieben. Das Heiraten kam mir jetzt nicht mehr so lustig vor. Ich durfte dann nicht mehr tanzen, und das Tanzen war mir jetzt die Hauptsache.
Als die Ballsaison vorüber war, sank ich in die frühere trostlose Langeweile zurück. Ich quälte meine Mutter, ärgerte mich über die kleine Stadt, wo man so wenig Zerstreuung haben konnte, und wollte Reisen machen. Die kluge alte Dame nahm meine Unruhe und Unlust zu jeglicher Beschäftigung für Sehnsucht. »Ich werde ihm schreiben; er soll schon im April kommen«. Ich freute mich mit übertriebenem Lachen und Händeklatschen, bestellte mir zwei neue Kleider, und schrieb am Abend auf vieles Drängen der Mutter einen trockenen dürren Brief an Dich. Das Schreiben verursachte mir Mühe, die Worte mußte ich aus allen Winkeln meines Gehirns zusammensuchen, ich wurde ungeduldig und namenlos ärgerlich auf Dich. Ich wollte Dich kränken, ich wollte Dir wehthun, und von einem dunklen bösartigen Instinkt getrieben, schrieb ich ganz zum Schluß, daß ich mit einem wunderschönen jungen Manne verlobt sei und ihn ungeheuer liebe. Mit dem unliebenswürdigsten Händedruck preßte ich die Marke auf das Couvert und übergab ihn dem Mädchen. Aber der Gedanke an Dich ließ sich nicht so ohne weiteres fortschicken. Ich erinnerte mich an so viel, was früher gewesen, anders als jetzt gewesen. Ich dachte an mein lang vernachlässigtes Klavier. Ich versuchte zu spielen. Meine Finger waren schwer und unbehilflich geworden. Das reizte mich. Ich spielte – was sehr selten geschah – einige Tonleitern und langte mir schließlich einen Band Sonaten her. Ich schlug auf – das Adagio der Pathétique. Ich hatte es als Kind oft von Dir gehört. Einmal hattest Du mich bei der Hand genommen, mir lange in die Augen gesehen. Endlich sagtest Du: »Wenn Du ein echtes großes Weib werden willst, dann kannst Du es von diesen vier Seiten besser lernen, als durch alle Weisheit der Welt. In diesen Tönen atmet das schönste und reinste Frauengemüt«. Das fiel mir wieder ein. Ich spielte das Adagio. Es ging sehr schlecht, aber die wunderbare Musik siegte über meine Ungeschicklichkeit. Es begann etwas in mir zu zittern. Als ich zu Ende war, weinte ich. Ich weinte vor Ergriffenheit und weil ich leise, aber schmerzhaft deutlich empfand, daß ich nichts, gar nichts von dem Frauengemüt hatte, das in diesen Tönen lebte. Aber seit diesem Abende spielte ich viel, wenn es auch kein geregeltes und regelmäßiges Ueben war.
Nach fünf Tagen kam Dein Brief. Ich warf ihn damals ins Feuer. Weniger zornig über den kühlen traurigen Glückwunsch als über den einen Satz, der sich in mein Gedächtniß bohrte: »Ich glaube nicht, daß Sie ihn heiraten, denn Sie lieben ihn nicht. Sie sind noch ein Kind, kein Charakter«.
Ich sollte ihn nicht lieben, ich sollte kein Charakter sein! Jetzt wollte ich erst recht beweisen, wie sehr ich ihn liebte, was für ein Charakter ich war.
Er kam. Ich war liebenswürdiger gegen ihn als früher, und wärmer. Aber das Adagio der Pathétique spielte ich nicht mehr. Was die Hochzeit betraf, so hatte ich meinen Willen durchgesetzt. Erst im Herbst. Und noch war es mir zu früh.
Der Mai brachte sommerheiße Tage. Ich war seit dem letzten Jahre größer und stärker geworden, atmete tiefer und errötete sehr oft, ohne daß ich wußte warum. Die unnatürlich heiße Frühlingssonne machte mich tagsüber müde, während ich nachts vor den lauten Schlägen meines Herzens nicht schlafen konnte. Ich sagte es der klugen alten Dame. Sie blickte mich mit einem eigentümlichen Lächeln an, das ich nicht verstand.
Drei Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag saß ich mit ihm allein auf einem freien grünen Waldrain. Aus der Erde drang ein heißer feuchter Duft empor. Ich hatte den Kopf gesenkt. Plötzlich fühlte ich seinen Blick auf meinem Nacken ruhen. Eine brennende Empfindung und ein leichter widerwärtiger Schauer stieg in mir auf. Dennoch wandte ich mich, von einer bösen Neugier getrieben, zu ihm. Es war nur ein Moment, ein Blick – aber dieser Blick, der wie eine sinnlich zitternde Berührung über meinen Körper glitt – mir war's, als stände ich nackt, von unkeuscher Glut übergossen, in dieser freien, lichtvollen Natur – o Gott!
In der Nacht brach die Lüge meines Innern zusammen. Ich wußte, daß ich ihn nicht liebte. Aber was hatte ich für die Wahrheit geben müssen! Die Keuschheit meiner Seele, auf der jener Blick wie eine Entehrung brannte, nicht Entehrung vor Menschen, Sitte und Religion, aber Entehrung vor dem Höchsten, was es für ein Weib giebt, vor dem geheimnisvollen, gottähnlichen Gefühl der Reinheit. Das fühlte ich in jener Nacht. Ich lag da in stillem irrsinnigem Weinen – ich dachte an Dich. Und ich war noch feige. Drei Tage. Drei endlose verzweifelte Tage schob ich den entscheidenden Schritt hinaus. Da kam mein Geburtstag. Er brachte mir einen goldenen Ring, den Verlobungsring. Ich nahm ihn nicht.
Er verstand mich nicht, und als er mich verstand, fiel er vor mir auf die Knie. Er griff wie einst nach meinen Händen, aber der grauenvolle Ekel, der mein Gesicht erstarren machte, ließ ihn zurückfahren. Er ging, totenbleich, in trostlosem Zorn.
Sie versuchten mich zu überreden. Umsonst. Ich widerstand – nicht aus Charakterfestigkeit, denn – nur zu wahr, ich hatte noch keinen Charakter, sondern mit dem Eigensinne der Verzweiflung um ein ewig Verlorenes. O dies ewig Verlorene, dies Ungreifbare, Unnennbare....
Nun lebten wir ganz allein. Aus dem Häuschen drüben waren sie fortgezogen nach Berlin. Ich arbeitete. Ich hatte einen freundlichen alten Herrn zum deutschen Lehrer, der mit kleinem Kopfschütteln und großer Geduld meine unglaublichen Fehler verbesserte. Nach vier Monaten schrieb ich an Dich. Nicht mehr auf buntem parfümiertem Papier, auf einem einfachen weißen Bogen einen einfachen, orthographisch richtigen Brief. Zuletzt sagte ich, daß ich nicht mehr verlobt sei.
Seitdem schrieben wir uns regelmäßig. Du wurdest nicht müde, mir gute und treue Worte zu sagen. Meine Lebensanschauung habe ich aus Deinen Händen empfangen. Ich fing an zu verstehen, daß wir keinen Richter über uns erkennen dürfen, als das Ideal, das strenge, unerbittliche Ideal, nicht das nach den Forderungen der Menschen zugeschnittene. Ich fing an zu verstehen, warum ich ohne Schmerz und Vorwurf an jene thöricht-traurige Spielerei denken konnte, bis zu dem Augenblicke, wo ich innerlich schuldig geworden war. Das blieb. Das ließ sich nicht hinwegweinen oder hinwegarbeiten. Das blieb.
Nach drei Jahren kamst Du wieder. Ich war nicht mehr hübsch. Aber ich war still und gut geworden. Eine kleine Freude machte es mir, Dich mit allem zu überraschen, was ich gelernt hatte. Französisch, englisch und italienisch. Ich hatte die Klassiker gelesen und konnte auch schwere Bach'sche Fugen spielen. Du gabst mir Compositionslehre, um mir das Partiturlesen zu ermöglichen und meinem instinktiven Verständnis durch das theoretische nachzuhelfen. Ich weiß noch sehr gut, was Du bei den falschen Quinten und Oktaven sagtest: »Man hört sie oft nicht, sie dürfen aber doch nicht gemacht werden«. Ja .... man hört vieles nicht mit Menschenohren und sieht vieles nicht mit Menschenaugen, und doch darf es nicht geschehen.
Dein vierzigster Geburtstag kam. Du verbrachtest ihn bei uns. Ich hatte mittags in der Küche zu thun. Als ich etwas spät ins Eßzimmer kam, hörte ich Dich und die Mutter im kleinen blauen Salon reden. Wie es schien, ernsthaft. Ich wollte nicht stören. Ich nahm mir eine Arbeit. Durch die offene Thür klangen Eure Worte.
Die Mutter fragte: »Warum haben Sie nicht geheiratet?« – – – Deine Worte fielen wie schwere heiße Thränen auf mein Herz. »Ich möchte nur ein Weib lieben, das ich hoch über alle andern stellen, das ich als ein einziges, auserwähltes ansehen kann. Zu diesem Weibe müßte ich beten können, wie zur Madonna. Auf ihrer Stirne dürfte kein Hauch und in ihrem Herzen kein Fehler sein. Ich hätte sie zu lieb, um es ihr vergeben zu können. Bei dem Unendlichen darf es kein Begnügen und keine Nachsicht geben. Ich muß fraglos anbeten und mich in den Staub niederwerfen können: »Ich verdiene Dich nicht, aber ich kann Dich nur lieben, wenn Du bist wie das Licht selbst«. Solch' ein Weib habe ich noch nicht gefunden – ein Weib wie Ihre Tochter«.
Ich starrte mit weiten Augen in die große flammende Mittagssonne.
»Meine Tochter – Wissen Sie, daß sie verlobt war?«
»Ich weiß es. Aber gnädige Frau, halten Sie mich nicht für eine so kleine Natur, daß ich solch' einer äußerlichen Sache nur einen Gedanken schenken würde. Diese empfindungslose Kinderthorheit hat die Seele Ihrer Tochter nicht berührt. Sie ist rein – wie Madonna«.
Die Nacht! Ich sah Dich vor mir stehen und lag mit gefalteten Händen vor Dir auf den Knieen.
Ich liebe Dich – und kann Dir's nicht sagen, denn ich kann nicht mehr Madonna für Dich sein. Ich bin schuldig – und wenn ich's Dir gestehen könnte, so könnte ich mir's doch nicht von Dir vergeben lassen. Du darfst mir nichts zu vergeben haben, Du bist zu hoch dazu und ich liebe Dich zu sehr. Ich bin besser als die Anderen, aber nicht gut genug für Dich. Ich bin stolzer als die Andern, und liege hier vor Dir auf den Knieen: ich liebe Dich.
Ich habe Dir's nie gesagt. Ich konnte nicht, ich konnte nicht. Jener Blick stand nachtdunkel zwischen diesem Wort und mir. Ich ließ Dich gehen und sagte meiner weinenden Mutter: »Ich liebe ihn nicht. Nein. Nein«.
Mein lebendiges Leid hat sich nicht so leicht im toten Herzen begraben lassen. Manchmal wachte es auf und schrie mir mein Elend in die Ohren. Ich wurde älter und sah, wie die Menschen lügen und sündigen, ohne es für Lüge und Sünde zu halten. Ihnen mußte ich lächerlich sein. Aber mein Ideal mit den traurigen goldenen Augen sprach anders.
Die Mutter starb. Ich war ganz einsam. Ich hörte durch die Zeitungen viel von Dir. Dies und Deine Werke waren mein einziges Glück. Ich wußte auch, daß Du nicht geheiratet hattest .... Du konntest keine Madonna finden.
Ich lebe still weiter, freue mich, armen Menschen helfen zu können, und sterbe langsam. Ich liebe Dich zu sehr. Und nun, da lange fünfzehn Jahre vorbei sind, habe ich Dir diese meine Geschichte erzählt. Du sollst sie lesen, wenn ich tot bin. Zu meinem Begräbnis soll meine alte Pflegerin Dich rufen lassen. Ich weiß, daß Du kommen wirst.
Du sollst wissen, daß ich Dich geliebt habe, und doch solltest Du mich nicht Madonna nennen. Es wäre eine Lüge gewesen. Sage mir, daß ich recht gethan habe.
Nun weißt Du, wie's gekommen ist«. –
Das Abendrot hauchte seine Lichter auf die Stirne der Sixtina. Ein Abglanz fiel auf das Antlitz der toten Maria. Es war so ernst und herrlich rein, wie das der Himmelskönigin.
Er lag auf den Knieen und neigte sein Haupt auf ihre bleichen Hände. »Du hast recht gethan – Madonna«.
Corriger l'amour
Soll ichs? ... Es ist ein hübscher Junge und ich ennuyiere mich. Mein geliebter Gemahl ist den ganzen Tag in den Bergen. Er sitzt am See; schreibt seinem Aussehen nach Gedichte. Ich? ... was thue ich? Brauche möglichst lang zu meiner Toilette; lasse mir von der Köchin das Menu zeigen; sitze auf der Veranda und bilde mir ein, See, Wald und Berge zu zu bewundern. Voilà tout. Ah, meine Gnädigste, in solcher Stimmung ist's verzeihlich, ein Tagebuch zu beginnen! Fünfundzwanzig Jahre und ein Tagebuch! Lächerlich! Aber die Langeweile ... Dazu ärgerten mich die weißen, öden Blätter. Ich fing an, Spinnen und Fliegen darauf zu zeichnen. Und während ich es that, kamen mir die Gedanken ... Es ist wirklich ein hübscher Junge. Noch ein wenig blaß von seiner Krankheit. Und so gut erzogen, so rührend ungalant ...
Vor acht Tagen kam der Brief seines Vaters. Fritz las ihn. Ein-, zweimal. Dann schob er die Cigarette in den rechten Mundwinkel. Ah! macht' ich in Gedanken. Der will etwas. Die Cigarette wanderte wieder in den linken Mundwinkel. Mich geht's auch an? So! Pause. Ich sah auf die Badestatuette von Tabachi. Man sagt, ich sehe ihr ähnlich. Ich gähnte.
Thea!
Fritzl?
Der Lobkowitz hat geschrieben.
So. Was?
Sein Jüngster, der Ossi, war krank. Nervenfieber. Hat sich beim Examen überarbeitet. Er möchte ihn auf's Land schicken; zu uns. Willst Du?
Wie alt ist der – Ossi?
Neunzehn oder zwanzig, weiß nicht recht. Also willst Du?
Neunzehn, zwanzig – nein.
Aber Thea!
Fritzl, sei vernünftig. Der Junge ist neunzehn, meinetwegen auch zwanzig. Ich bin hübsch. Wir leben hier sehr einsam. In acht Tagen ist er verliebt in mich bis über die Ohren und wir haben den Skandal.
Das ist Deine ganze Besorgnis? Möglich, daß er sich in Dich verliebt. Sicher, daß ich einen Skandal verhindre. Ich lasse ihn kommen.
Und er kam. Ganz anders, als ich ihn erwartet hatte. Schlank, brünett, mit der zigeunerischen Noblesse des slavischen Adels, aber zugleich schüchtern, linkisch, wie ein bürgerlicher Privatdozent. Keine Spur von savoir-vivre. Und sein Vater ist Gesandter! Ich interpellierte Fritz.
Wo hat der Lobkowitz seinen Jungen erziehen lassen?
Weiß nicht. Keinenfalls in Paris. Der Fred hat ihn zu viel Geld gekostet. Darum sollte der Ossi wohl desto solider werden. Ich glaube, er hat Philosophie studiert. Bist Du nun ruhig, daß er sich nicht in Dich verliebt?
Ganz ruhig, mein Herr Gemahl. Aber Sie hätten das nicht so spöttisch zu sagen brauchen. –
Mein philosophischer Graf sitzt noch immer auf seinem Felsen, dichtend ... Was gilts? Eine Spielerei von zwei Monaten – ce n'est que le premier pas qui coûte.
Soll ichs? – Ich werds!
21. Juli.
Ich las, was ich gestern geschrieben. Es amüsiert mich. Ich werde weiter schreiben. Ich langweile mich noch immer. Die – Affaire ist noch nicht im Gang. ... Sentimental wird mein Tagebuch nicht. In dieser Richtung bin ich ein Genie an Talentlosigkeit. Sentimental – Affaire – Genie – wie unlogisch ich durcheinander schreibe. Ah, laissons! Logik ist die schreckliche Begabung der gelehrten Frauen; ich kann sie nicht leiden; sie verstehen nichts von Koketterie. Ich bin nicht gelehrt; kokett? –
Ich spreche französisch, nicht mit schwerfällig-deutscher Institutsrichtigkeit, sondern so anmutig und unordentlich, als käme ich aus dem tiefsten Paris; englisch wie eine Lady, deren Augenbrauen weißer als ihre Haut sind; italienisch – man hat mich für eine Toskanerin gehalten. Weiter kann ich nichts. Oder von allem ein wenig. Natürlich spiele ich Klavier. Mit viel Technik und wenig sentiment. Manchmal phantasiere ich auch, cela veut dire, ich spiele eine unmögliche Melodie, dazu suche ich mir noch unmöglichere Akkorde. Kurz, es sieht in meinem Kopf aus wie in einem bric-à-brac-Laden. Ich weiß es ganz genau und mache mir gar nichts daraus. Die Grisettenwirtschaft solch eines bric-à-brac-Ladens ist weit interessanter als die anständige Steifheit wohlgeordneter Wohnzimmer. Ich habe mich in Paris mit Daudet, in London mit Gladstone, in Bayreuth mit Wagner aufs beste unterhalten. Ohne jede Gelehrsamkeit. Ein wenig Esprit, ein wenig Koketterie. Ich kenne all meine Fehler und finde sie alle reizend. Z. B. meinen Egoismus. Ich beweise ihn schon dadurch, daß ich nur von mir rede. Da ist ja noch – monsieur mon mari. Ich liebe ihn heute ebenso wie vor fünf Jahren an unsrem Hochzeitstage. Mittelmäßig. Warum ich ihn geheiratet? Er war zweiunddreißig Jahre, die Perfektion eines Kavaliers, sein Vermögen groß genug, um mir Toiletten à la Sarah Bernhardt und Diamanten à la Judic zu gestatten; und in mich verliebt! Sehr! Ich? ich wußte recht gut, daß mein Ministerpapa eine glänzende Einnahme, aber kein Vermögen habe. Die glänzende Einnahme wurde durch ein glänzendes Leben verbraucht. Meine Heirat mit Baron Gersewald war das Vernünftigste, was ich thun konnte. Ich that es.
Fritzl ist heute wie vor fünf Jahren galant, liebenswürdig, verliebt. Wir leben in der größten Harmonie. Wir sind beide nicht eifersüchtig. Wir wissen beide, daß wir uns hie und da etwas vorlügen. Was die gegenseitigen Wünsche angeht, schicken wir uns ineinander. Vier Wintermonate in Paris, reizendes Hotel Place Vendôme, das ist für mich. Drei Sommermonate Eibsee, einsame Villa, das ist für ihn. Eine Laune meines seligen Schwiegervaters hat diese Bonbonnière in die Felseneinöde gestellt. Die Gegend entzückte ihn, doch nicht genug, um sie ohne Comfort genießen zu wollen. Fritz hat seine ersten Lebensjahre fast ausschließlich hier verbracht; wahrscheinlich ist seine Bergfexerei auf diesen Umstand zurückzuführen. Sie stimmt keineswegs zu seinem übrigen Charakter. Vor einigen Tagen fand ich in einem Winkel mehrere seiner Schulbücher. Besonders amüsierte ich mich über ein dickes Buch: Homer. Voller Tintenflecke und Eselsohren. Ich zeigte es Fritz. Weißt Du noch etwas davon? Er lachte: Kein Wort.
Mir ist der Aufenthalt hier nicht unbequem genug, um mich dagegen aufzulehnen. Die Luft, die Ruhe die Bäder sind der Gesundheit sehr zuträglich. Volle Gesundheit trägt wesentlich zur Verlängerung der Jugend und Schönheit bei. Ich möchte mir beides möglichst lange erhalten. Aber es ist schwer, hier zu leben, wenn man für sogenannte Naturschönheiten keinen Sinn hat. Fritzl ist tagelang in den Bergen. Ich glaube, er war schon ein dutzend Mal auf der Zugspitze. Die längste meiner Fußpartieen erstreckte sich nur bis nach Lermoos. Seitdem sitze ich lieber zu Hause oder mache kurze Spaziergänge an den Frillensee. Baadersee ist mir schon zu weit; dazu der Rückweg bergauf. Auch wohnen mir in dem kleinen Hotel zuviel Kaufleute und Commerzienräte. Ich befinde mich trotz der Langeweile immer noch am besten – chez moi.
Unser philosophischer Graf bleibt auch zu Hause. Das Bergsteigen ist ihm noch verboten ... L'affaire? Ist noch nicht im Gang. Zum ersten Mal weiß ich nicht, wie einem Menschen beikommen. Wir sehen uns Mittags und Abends. Morgens ist er von fünf Uhr ab im Wald; Fritz in den Bergen.
Punkt zwölf kommt der Graf zurück. Rasch, erhitzt, zerzaust. Er muß über die Veranda, an mir vorbei. Drei Schritte entfernt bleibt er stehen. Sein überkorrektes Compliment ist steif und ungeschickt. Er dreht seinen weichen Schlapphut in den Händen und wird ganz unmotiviert rot.
Wie haben gnädige Frau geruht?
Danke, Graf, gut. Sie?
Vortrefflich, gnädige Frau. Erlauben Sie, daß ich jetzt meine Toilette in Ordnung bringe.
Wieder ein eingelerntes Compliment. Er geht. So eilig als es mit der Höflichkeit vereinbar ist.
Bei Tisch führen Fritz und ich die Conversation. Der Graf spricht nur, wenn er gefragt wird. Wir fragen nicht mehr. Seine Antworten sind zu einsilbig. Auch wird er immer bis an die Haarwurzeln rot. Ich habe eine unwiderstehliche Lust, ihn durch boshafte Bemerkungen in Verlegenheit zu bringen. Fritz verbot es mir. Er hat ein faible für den Grafen. Warum, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht weil er ihn für gar so ungefährlich hält. Er ist es auch. Und doch ...