5½ Nachmittag.
Er kam mit einem Strauß tiefblauer Enziane aus dem Wald. Ich wartete seinen Gruß nicht ab.
Dieser Strauß! Ravissant! Wo haben Sie die Blumen gefunden?
Auf dem Weg nach den Thörlen. Da wachsen sie in Menge.
Sie lieben die Blumen?
Ja.
Ich auch. Stellen Sie sie hier ins Glas. Ich glaube, sie welken sehr rasch. Wollen Sie nicht Platz nehmen?
Er setzt sich. Sein Auge schweift mit einem vagen Ausdruck über den sonnenbestrahlten See. Zwischen den Enzianblüten kriecht ein Marienkäferchen. Ich setze es auf meine Hand und beobachte seine ängstlichen Spaziergänge. Auch er blickt auf das Tierchen. Die Sonne schimmert durch meine geschlossenen Finger. Sie zeigt jede Blutwelle in dieser kleinen schmalen Hand. Ich fühle, wie sein Blick an meinen Fingerspitzen haften bleibt.
Sind Sie schon lange von Wien fort, Graf?
Sechs Jahre, gnädige Frau.
Ihr Vater hat Sie nie in München besucht?
Nein.
Sie waren in einem Institut?
Nein. In einer Familie.
Das wußte ich gar nicht. Wohl bei Verwandten?
Bei Fremden.
Nun, ich bitte Sie, diejenigen, die einem Kreise angehören, können sich nie ganz fremd sein?
Es waren Bürgerliche.
Bürgerliche – Graf Lobkowitz?
Ich habe mich nie glücklicher gefühlt, als bei diesen Bürgerlichen. Ich habe ihnen sehr viel zu verdanken. Ich habe noch keine besseren Menschen kennen gelernt.
Nie habe ich einen Aristokraten in stolzerem Ton reden hören. Und dieser Ton wurde für das Lob Bürgerlicher verschwendet.
– Sie sind Demokrat?
Nein. Nur ein Mensch.
Wollen Sie mir nicht von diesen außerordentlichen Bürgerlichen erzählen?
Er schwieg.
Sie können damit ein gutes Werk thun. Mich bekehren. Denn ich habe bis heute keine große Sympathie für die Bürgerlichen gehabt.
Warum?
Genau weiß ich das nicht. Sie verstehen nicht, sich zu benehmen. Die Männer haben keinen Takt, die Frauen keine Grazie.
Lauter ästhetische Fehler, die Sie ihnen vorwerfen. Keine moralischen, keine Charakterfehler.
Aesthetische Fehler verletzen mein Schönheitsgefühl.
Das Schönheitsgefühl darf nicht richten, nur die Wahrheit.
Sie mögen Recht haben. Ich werde darüber nachdenken – was Sie mir wahrscheinlich nicht zutrauen. Doch jetzt erzählen Sie mir von Ihren bürgerlichen Freunden. Wie kamen Sie überhaupt gerade nach München?
Meine Mutter war tot. Mein Vater war nach Paris versetzt worden, wohin er meinen ältern Bruder mitnahm. Ich hatte gegen Wien eine unüberwindliche Abneigung. Das Münchner Gymnasium, die Universität, wurden meinem Vater sehr gerühmt, und ich freute mich, etwas Neues kennen zu lernen.
Und wie kamen Sie in jene Familie?
Durch die Empfehlung des Fürsten Kinsky. Professor Richter ist längere Zeit bei ihm gewesen.
Richter, Richter? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Professor Richter in Bayreuth kennen gelernt. Im Jahre 82. Bei Wagners. Er war sehr bekannt, geachtet und etwas gefürchtet. Er soll sehr grob sein können.
Wenn man eine ganz ungewöhnliche Aufrichtigkeit dafür nehmen will – gewiß. Professor Richter ist eben kein moderner Mensch.
Um das zu verstehen müßten Sie mir erst erklären, was ein moderner Mensch ist ... und ich möchte jetzt von jener Familie hören. Die Frau?
Ist eine echte Frau. Sie hat weniger Verstand als Gemüt.
Kinder?
Eine.
Ich horche auf. Diese seltsame kurze Antwort, der Ton ...
Eine Tochter? Sie heißt?
Gabriele.
Wie ist sie?
Sein Auge wird groß und licht:
Gut.
Das ist nicht viel, werfe ich übereilt ein. Er mißt mich mit einem unsäglich mitleidigen Blick.
Bei einem Weibe – alles.
Ist sie schön? –
Ich glaube nicht, daß er spricht, um mir Antwort zu geben. Er träumt die Worte.
Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken. Sie kann lachen und weinen. Sie will nicht anders sein als sie ist.
Das halten Sie für einen großen Vorzug?
Ja.
Dessen kann ich mich freilich nicht rühmen. Ich möchte immer anders sein, als ich bin. Denn ich bin mir lange nicht gut genug.
Das gehört nicht hierher. Ich habe mich falsch ausgedrückt. Man soll nicht anders scheinen wollen, als man ist.
Thue ich das?
Ich glaube – ja.
Diese Worte sind zögernd und sein Auge ist traurig. Jetzt ist der Augenblick. Wenn ich ihn jetzt nur ein wenig ...
Man darf nicht immer scheinen, was man ist. Am wenigsten in der Welt. Wenn ich jedes Lächeln und jede Thräne zeigen wollte –
Thräne?
O ja. Sie wiederholen das Wort in so fragendem Ton ... ich habe schon bitter geweint. Nur durfte ich es nicht zeigen.
Er hat mir sein Antlitz voll und ernst zugewendet.
Ihrem Gatten?
Auch – ihm – nicht. Er würde mich nicht verstanden haben.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln:
Ich lebe in einer menschenreichen Wüste.
Ich habe Sie für glücklicher gehalten.
Das thun Alle. Und das ist's, was mich oft so tief verletzt. Sie beneiden mich um mein Elend.
Elend? Ist das nicht ein zu schweres Wort?
Vom allgemeinen Standpunkt aus gewiß. Was fehlt mir denn? Ich kann mir mit Konfitüren den Magen und mit französischen Stöckeln die Gesundheit verderben. Aber leider ist die Dame auch ein Weib. Und das Weib sehnt sich nach Licht und Luft, die Brust verlangt nach einem freien kräftigen Atemzug, nicht gehindert durch das seidene Corset der Convention.
Und doch, gnädige Frau, habe ich gerade bei Ihnen die peinlichste Beobachtung der äußeren Form gesehen.
Gewiß, so lange sie eine Rücksicht, ja mehr, eine Höflichkeit gegen unsere Mitmenschen ist. Convention nenne ich die Schranke, die meiner geistigen Ausbildung von Jugend an gesetzt wurde. Was habe ich gelernt? Fast nichts. Ich bekomme jetzt oft ein Buch in die Hand, das ich lesen und verstehen möchte. Dazu fehlt mir eine gewisse Vorbildung. Ich möchte eine Treppe hinaufsteigen, in der so und so viele Stufen fehlen.
Sollte sich das nicht gut machen, nachholen lassen?
Mein Mann hat zu viel andere Dinge im Kopf, um sich für diese zu interessieren. Allein, das gestehe ich offen, ist es mir nicht möglich.
Und wenn ich mich erbieten wollte, Ihnen zu helfen?
Sie sind sehr liebenswürdig. Danke. Ich glaube, es ist zu spät. Von Ihrem Standpunkt aus sind all meine Versuche doch nur Kindereien. Ein so ernster Mann darf sich nicht mit dergleichen abgeben.
Darf nicht? Es ist des Mannes würdigste Beschäftigung, dem nach Wahrheit Strebenden zu helfen.
Aber ich bin ungeschickt.
Desto mehr Freude wird Ihnen das Errungene machen.
Ich bereite Ihnen eine Plage ...
Sie machen mir eine Freude.
Bon. Ich nehme Sie an als Lehrer.
Womit möchten Sie beginnen?
Ich habe soviel von der Iliade gehört. Wollen wir sie morgen lesen, oder ist das noch zu schwer für mich?
Sie verraten einen vortrefflichen Geschmack. Wir können ohne alle Bedenken damit beginnen. Ich habe eine sehr gute Uebersetzung mit.
Und ich habe die von Fritz, denke ich im Stillen. Denn sonst hätte ich weder von Homer noch von der Iliade etwas gewußt.
Und wo soll die erste Stunde abgehalten werden? Hier?
Ich sehe ihn an.
Hier? Nein. Es wäre kaum der geeignete Ort. ... Die anmutige Neugier meiner Dienstboten – – Sie gehen jeden Morgen in den Wald. Kann ich Sie um zehn Uhr am Frillensee treffen?
Ich werde pünktlich sein.
Ich auch. Ich würde gerne früher kommen, aber meine Leute sind nicht gewohnt, mich vor zehn Uhr fortgehen zu sehen. Ah, über die Convention. –
Enfin – wir plauderten noch ein wenig. Das Abendrot überschimmerte meine weißen Hände. Sein Auge haftet auf ihnen – immer wieder.
Gute Nacht, gnädige Frau.
Felicissima notte. –
Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken ... seine erste amourette. Natürlich. Jetzt muß ich .... ah, Ihre Augen sollen nicht mehr glänzen, wenn Sie an jene denken. Sie sollen blitzen, flammen – für mich.
Ich bin sehr müde. Doch werde ich noch lernen. Für morgen. Die Iliade durchlesen. Er soll überrascht sein durch mein rasches Fassungsvermögen.
Diese Iliade! Affreux! Langweilig, geistlos. Kein Bonmot, keine pikante Bemerkung. Ich werde Mühe haben, das Gähnen zu maskieren. Meine Kenntnis der griechischen Geschichte erstreckte sich nur bis zur schönen Helena und Orpheus in der Unterwelt. A demain, mon maître; après-demain, mon esclave!