24.
Morgens im Wald. Er war schon da. Ich stieg langsam den schmalen, steilen Weg hinab. Er lächelte – zum ersten Mal.
Wie schön es hier ist!
Nicht wahr, gnädige Frau?
Ich setzte mich auf die niedrige Holzbank. Er blieb stehen.
Es ist nur eine Bank da. Wir müssen uns schon vertragen.
Er nahm am äußersten Ende Platz.
Sie werden aus lauter Rücksicht so rücksichtslos sein, hinunterzufallen. Kommen Sie nur näher. Mir ist es peinlich, Sie in einer so unbehaglichen Situation zu wissen. Commençons!
Er zog ein geschmacklos gebundenes Buch aus der Tasche. Der grünblau marmorierte Einband allein hätte genügt, um mir eine Antipathie gegen den Inhalt einzuflößen. Der Graf schien verlegen.
Was haben Sie? Sind Sie Ihres Lehramtes müde, ehe Sie es angetreten?
Nein, doch überlegte ich, daß die Iliade eine gewisse Kenntnis der griechischen Götterlehre voraussetzt –
Die ich nicht habe, fiel ich ihm lachend ins Wort. Wollen Sie mir vor Beginn unserer Lektüre einen kleinen Vortrag halten?
Und er sprach. Gründlich, ernst, langweilig. Ich gab meinem Blick den Ausdruck der gespanntesten Aufmerksamkeit. Hie und da warf ich eine Frage ein, stellte sie absichtlich kindlich, ja kindisch. Er gab mir bereitwilligst Auskunft. Erst erstaunt über meine Naivetät, dann lächelnd. Schließlich mit der frohen Heiterkeit, die jeder Mann beim Geltendmachen seiner Ueberlegenheit empfindet. Und ich sah ihm in die Augen – – – fortwährend ... mit weichem, träumend lächelndem Blick ... o, ich habe ihn nicht umsonst vor dem Spiegel geprüft ... er sprach stockender, verwirrt, schwieg plötzlich.
Eine Minute lang saßen wir stumm einander gegenüber. Ich weltvergessen, traumumfangen – innerlich jede Geberde berechnend. Verlegen, errötend fuhr ich empor.
Sind – Sie nicht wohl?
Doch – doch.
Er stammelt und beugt sein flammendes Gesicht auf den blaugrünen Homer. Ich streife mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte hin und her und sehe zu Boden.
Ich mache mir Vorwürfe. Ich habe Sie zu lange reden lassen. Mein Egoismus. Aber ich will mich bessern. Heute wird nichts mehr gelesen. Schauen wir uns den Wald an. Er ist so schön. Und daß Sie nicht ganz aus Ihrer Lehrerrolle fallen – was ist das für ein Baum?
Ein Ahorn.
Sehen Sie, das habe ich gar nicht gewußt. Und wie heißt die prächtige rote Blume dort?
Das ist ein Türkenbund. Soll ich sie Ihnen holen?
Nein, nein. Das ist zu stolz. Das paßt nicht für mich. Wenn Sie etwas Kleines, Feines sehen, das können Sie mir bringen.
Und ich lasse mir von ihm alle Baum- und Blumenarten erklären. Ich baue aus Tannenzapfen Häuschen und spähe atemlos einem schwarzen Eichhörnchen nach. Graziös, kindlich, mit unterdrücktem Lachen und halblautem Jubel. Ich fühle, daß er mich unverwandt betrachtet. Ich fühle, daß er sich unwillkürlich immer dahin wendet, wohin ich gehe ... o ... o ...!
Ich sehe auf meine Uhr und erschrecke. Auch er.
Adieu, Graf. Auf Wiedersehen. Morgen. O es ist schön hier.
Ich springe davon. Ohne mich umzusehen, weiß ich, daß er mir nachschaut.
Bei Tische sahen wir uns wieder. Er war blaß. Ich blasiert und steif. Nicht seine Worte, der angstvolle Ton seiner Stimme fragte mich: Bist du denn wirklich das Kind, das heute Morgen mit mir im Walde war? Ich beachtete es nicht; sprach über Rennsport und Tanagrafiguren, über alte Spitzen und die Rhapsodien von Liszt.
Sie spielen Klavier, gnädige Frau?
Schlecht.
Ah – darf man Sie nicht einmal hören?
Einmal – vielleicht. Heute nicht. Spielen Sie?
Ja.
Ich fordre ihn absichtlich nicht auf. Es ist noch nicht an der Zeit.
Ich sitze in dem amerikanischen Schaukelstuhl, rauchend, ein Knie über dem andern. Er zerknittert zornig seine Serviette. Ich sehe ihn an und werfe die Cigarette fort.
»Oh – gnädige Frau!«
Der dumme Junge wird feuerrot vor Erregung. Dann läuft er davon.