25.

Andre Frauen würden heute erregt sein. Ich bin so ruhig. Ich spiele meine Partie vortrefflich. Schach dem König .... matt? Noch nicht. Das wäre auch schade. Wenn das Spiel zu Ende ist, werde ich gähnen. Mon petit comte – er ist so recht, was man einen idealen Menschen nennt, und darum würde er mich langweilen, wenn nicht .... Er haßt die Slaven und nennt sich von ganzem Herzen einen Deutschen. Aber sein Blut fragt nichts nach seiner politischen Ueberzeugung. Das ist so heiß, so wild, so echt slavisch ... ich hielt seine Hand eine Sekunde lang in der meinen. Seine Fingerspitzen brannten, pochten –

Wir haben im Homer gelesen, und ich war so begeistert. Wie er sich freute darüber! Ich habe auch eine Aufgabe: den gelesenen Abschnitt aus dem Gedächtnis schriftlich wiederzugeben. Ich bat darum. Er meinte, es sei zu schwer. Ganz recht. Er weiß ja nicht, daß ich weniger aus dem Gedächtnis als abschreiben werde.

Ja heute morgen ...

Dichten Sie? fragte ich.

Nein, nein, nein.

Ich lachte hell auf. So heftig sagen Sie das? Und dreimal? Nun weiß ich, daß Sie dichten. Darf man nichts sehen?

Er schüttelt stumm den Kopf.

Wie Sie wollen. Ich bin nicht neugierig.

Sie sind doch nicht böse, gnädige Frau?

Nein. Oder doch. Aber nicht der vorenthaltenen Gedichte wegen, sondern ... warum sagen Sie mir immer so steif, so kleinbürgerlich »gnädige Frau«? Warum nicht kurzweg »Baronin«, wie es in unseren Kreisen gebräuchlich? Sage ich denn »gnädiger Herr«?

Er sah mit einem schüchtern bittenden Blick zu mir auf.

Ich weiß es nicht anders.

C'est ça. Sie wissen es nicht anders. Sie haben zu lange in einer beschränkten, kleinbürgerlichen Umgebung gelebt. Sie haben dort mit den besten Grundsätzen das steifste Benehmen bekommen. Wenn Sie einmal Ihr Compliment sehen könnten!

Ich machte es ihm vor. Ein wenig karrikiert, die Füße auswärts wie zwei Windmühlenflügel, die Arme steif an den Körper gepreßt. Ich glaubte, er würde lachen. Er sah mich fest und ernsthaft an.

So mache ich es? Das ist wirklich nicht schön.

Wollen Sie es besser lernen?

Ja.

Gut. Ich werde es Ihnen zeigen; aber vorher machen Sie ein anderes Gesicht. Ich würde fragen, ob Sie beleidigt sind, wenn das nicht zu albern wäre.

Ich bin jedem dankbar, der mich auf einen Fehler aufmerksam macht.

Ah, so will ich es auch nicht. Dankbar – Fehler. Sie nehmen alles gleich au grand tragique. Ihr Compliment ist eine Ungeschicklichkeit, kein Fehler, daß ich es Ihnen sage, ist eine Pflicht und verdient keinen Dank. Oder wenn Sie mir danken wollen, revanchieren Sie sich. Ich weiß ja, daß Ihnen vieles an mir nicht gefällt.

Das ist wahr. Sie haben sehr viele Fehler.

Gesamtsumme?

Kann ich noch nicht feststellen.

Details?

Darf ich offen sein?

Welche Frage! Vite!

Ihr erster und größter: Sie können nicht deutsch.

Nicht – deutsch?

Nein. Fast jeder ihrer Sätze enthält ein unnötiges französisches Wort. Sogar jedes ihrer Worte hat einen französierten Klang. Ich habe immer die Empfindung, als setzten Sie Accents über die Vokale.

Und das gefällt Ihnen nicht?

Nein. Unsre deutsche Sprache ist so schön. Der fremde Aufputz steht ihr ungefähr so, wie der griechischen Chlamys eine moderne Schleifengarnitur.

Ich kann Ihnen nicht ganz Recht geben. Es giebt tausend französische Worte, für die der Deutsche gar keine Begriffe hat. Die französische Sprache tanzt, die deutsche geht. Doch werde ich Ihren Wünschen entgegenkommen. Machen Sie mich aufmerksam, wenn ich wieder – tanze.

Ich werde so frei sein.

Wie steif er das sagt. Es klingt sehr komisch und sein bleiches Gesicht hat sich ein wenig gerötet vor Freude.

Der Wind rauscht stärker durch die Bäume und wirft mir Blätter und kleine Zweige ins Haar. Das paßt mir. Ich schüttle sie rasch und energisch ab. Dabei fallen mir die Locken auf die Schultern. Ich weiß es sehr gut, aber ich sehe es nicht.

Jetzt beginnt Ihre Stunde. Stellen Sie sich mir gegenüber. So. Und nun geben Sie Acht. Vor allem zeige ich Ihnen die vier Positionen.

Ich hebe das Kleid ein wenig in die Höhe, um ihn meine Füße sehen zu lassen, und mache es ihm vor. Er macht es möglichst korrekt und möglichst ungeschickt nach.

Ja, ja, so ist es schon recht. Aber Sie müssen mehr auf Kleinigkeiten achten. Sie setzen die Füße viel zu viel auswärts – noch immer zu viel – ach warten Sie!

Ich trete rasch an ihn heran und bringe mit der Spitze meines Fußes den seinigen in die richtige Lage.

Nun treten Sie rechts in die zweite Position, ziehen den linken Fuß an, neigen den Kopf – nicht so tief, nicht so tief! – stehen wieder gerade und treten links einen Schritt zurück. Das wäre die Hauptsache. Jetzt muß aber erst die Leichtigkeit, der gewisse Elan –

Elan?

Pardon! Bitte noch einmal .... Gut – sehr gut. Nur Ihr Gesicht schaut so unliebenswürdig drein, lächeln Sie ein wenig, noch ein wenig ...

Er macht das Compliment zwei-, dreimal, er lächelt.

Nun werde ich Ihnen zur Belohnung ein schönes Damencompliment machen.

Während ich den Kopf neige, blicke ich zu ihm herauf ... o über seine erbleichenden Lippen, seine stockende Stimme.

Es ist schon spät, gnädige Frau.

Gnädige Frau?

Nun denn, Baro – – nein, ich kanns nicht!

Das war ein Schrei. Eine Minute lang – so still. Aug' in Auge.

So – nennen Sie mich – Thea.

Er wendet sich ab und birgt sein Gesicht an einem Baumstamm. Ich gehe langsam fort.

Er kam nicht zu Tische. Das war mir sehr angenehm. In seiner Gegenwart hätte ich zum mindesten einige Appetitlosigkeit zeigen müssen. Nach dem Diner schlief ich eine Stunde. Die unerträgliche Schwüle weckte mich. Ein Gewitter steht am Himmel; und in meinem Tagebuch. Ich werde in den Salon hinuntergehen.