Nachts.

Wie ich lache! Wie ich vor Vergnügen mein Taschentuch mit den Zähnen zerreiße. Das Gewitter ist vorbei. Draußen die nasse, funkelnde Erde – und während der rauschende Regen niederströmte, hat er ... Geduld, Geduld.

Im Salon. Er war da. Wir grüßen uns stumm. Ich setze mich an den Schreibtisch. Er blickt zum Fenster hinaus. Ich nehme ein Buch und beobachte ihn. Seine schwarzumränderten glutigen Augen, seine trockenen, zersprungenen Lippen ....

Draußen wetterleuchtets; die Berge sind verschwunden in dem bräunlichgrauen qualmenden Wolkendunst, über ein Kurzes wird der Sturm daherfegen. Ich klingle dem Diener, erteile den Befehl, Thüren und Fenster sorgfältig zu schließen. Er geht. Ich drücke einen Augenblick die Stirn an die Glasscheiben und mit einem leisen Seufzer:

Das wird ein böses Wetter.

Er wendet sich zu mir. Um seine Nasenflügel zuckt es wie gezwungener Spott:

Sie fürchten?

Nicht den Ausbruch des Gewitters. Nur sein Herannahen bedrückt mich unwillkürlich.

Ich gehe ein paarmal unruhig auf und ab.

Möchten Sie mir nicht etwas vorspielen? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.

Er verneigt sich und tritt an den Flügel.

Was soll ich spielen?

Das überlasse ich Ihnen.

Er sitzt einen Augenblick still mit tiefgesenktem Kopf. Dann fällt seine Hand wuchtig auf die Tasten ... die ersten Akkorde der Pathétique. Er kann spielen ... aber ich habe die Sonate zu oft gehört, selbst zu oft gespielt, als daß sie mich noch interessierte. Er kann mich nicht sehen. Eben beginnt er das Adagio. Sehr schön. Nur für mein Gefühl zu langsam, zu zart. Ich bin gespannt, ob er dem Presto die nötige Schärfe, ich möchte sagen ein gewisses sarkastisches Weh geben wird. Der erste Blitz – ein Krachen und Prasseln – mein Graf läßt sich in seinem Adagio nicht stören. Daß ihm nicht einfällt, ich könnte ohnmächtig geworden sein ...

Er ist zu Ende.

Wollen Sie mir nicht auch etwas vorspielen, gnädige – Frau? – – –

Ein paar übermäßige Akkorde, und weiter, weiter – sehnsüchtig träumende, wild erregte Volksmelodien, slavische! Und das trotzige Verlangen in mir, diesen Knaben zu zwingen, giebt meinem Spiele eine nie besessene Leidenschaftlichkeit, gesteigert durch alle Tollheiten moderner Virtuosität. Er steht neben mir; sein trockner heißer Atem fliegt mir über die Stirne. Ohne ihn zu sehen, fühle ich, wie er mit sich kämpft. Das schwüle, gewitterdämmrige Zimmer, die verhüllte Sinnlichkeit der Töne ... mit emporgehobenen Armen fällt er vor mir auf die Knie:

Thea!

Sein Herz sieht mich an und spricht zu mir. Ohne Worte. Und ich sitze still und traurig mit müden Augen vor ihm, bis er nach meiner Hand greift. Da stehe ich auf. Meine zitternden Finger drücken wie unversehens die Tasten nieder: E-Moll-Akkord.

Gute Nacht!

Er liegt noch immer auf den Knien. Sie – kommen doch morgen?

Natürlich, sagte ich innerlich, laut: Nein.

Oh! – Er faßt nach dem Herzen. Thea!

Ich erbebe und mache rasch einige Schritte.

Bitte – bitte!

Ich bin an der Thür. Ein Blick, ein Neigen des Kopfes, ein Hauch der Lippen:

Ja.

Er jauchzt auf und wirft sich vornüber, das Gesicht in den Teppich vergrabend. –

Vor zehn Minuten sah ich ihn im Mondschein im Garten herumrennen. Er hob eine Hand voll Rosenblätter vom Boden auf und preßte sie an seine Lippen. Ach diese Romantik!

Ich muß noch meine Toilette für morgen auswählen. Sie muß vorsichtig gewählt werden. Ich will morgen sehr blaß sein. Dazu brauche ich meine dunkelsten Korallen ...

26. Nachmittag.

Das war ein Tag – – –

Der Saum meines weißen Battistkleides ward naß, als ich durch den Wald ging. Unzählige schwarze Molche krochen vor meinen Füßen hin und her. Aus dem Waldboden stieg eine betäubende würzige und feuchte Wärme. Der See lag da wie ein dunkelgrüner Stein, auf welchem tausend boshafte Sonnenteufelchen Cancan tanzten.

Ich bin erstaunt. Er ist nicht da. Ich setze mich und warte. Minute auf Minute – was soll das bedeuten? Ich werde unruhig. Und zornig. Diese Ungezogenheit. Immer noch nichts. Endlich – da ist er. In einem Zustand – das Haar hängt ihm rauh und wirr um die Stirne. Die Gesichtshaut spröde und fleckig. Die schlaffen, zersprungenen Lippen lassen die untere Zahnreihe frei. Mit beiden Händen in eine Dornhecke greifend bleibt er stehen. Ein schauerndes Schluchzen rinnt durch seinen Körper. Und wie von brutalem Jammer erwürgt, grollt es aus seiner Brust: Ich will nicht – ich will nicht!

Ich springe auf, will zu ihm. Er streckt beide Hände gegen mich aus.

Bleib – nicht zu mir – sonst – alles verloren. Ich wollt' nicht kommen. Dich nicht mehr sehen. Nur fort, nur fort. Deine Ehre, meine – und doch, und doch ...

Wie der Strom über die Felswand, so stürzt sein Blick an meiner Gestalt nieder. Ich halte die Wimpern tief gesenkt. Der lächelnde Triumph meiner Augen ist nichts für seine Qual. Und ich überlege auch. Soll ich ihn lassen? Gehen lassen? Le jeu est fait. Schach matt. Allein noch amüsiert mich seine Tollheit. Gefährlich? Ah bah! Ich bin meiner sicher.

Und er ringt mit sich wie ein Sterbender. Ein großes Schluchzen steigt ihm in die Kehle.

Leb wohl – leb wohl!

Und er geht, hat wirklich die Kraft – Das soll nicht! Leise, leise, mehr Klang als Wort:

Ossi! –

Doch er hört's. Mit einem Sprung ist er bei mir. Und ich schlage meine schimmernden Augen zu ihm auf:

Du!

Vergraben das Gesicht in die Falten meines Kleides, wortlos, nur süße wilde gebrochene Laute murmelnd; dann mit einem tolljauchzenden Schrei aufspringend, mich mit seinen Armen hoch emporhebend – dieser Knabe! Er preßt mich an seine Brust, küßt mich mit entsetzlicher Glut, mit taumelnder Innigkeit. Aber mein Körper bleibt kalt wie meine Seele. Ich empfinde keine andre Wollust, als daß seine atmende Trunkenheit an mir abrinnt, wie das Wasser vom glatten Leib einer Schlange. Er setzt sich auf einen Baumstumpf und hält mich auf seinen Knieen.

Wie schön du bist, wie schön! Ich habe nicht gewußt, daß ein Weib so schön ... ich habe ja keines gekannt. Nur ein Kind ... ach wie das vorbei ist, so vorbei. Nur du! Nur du!

Dann sieht er mich eine Weile stumm an. Wie ein Kind mit vorsichtiger Neugier sein Spielzeug, so berührt er meine Haare, meine Stirn, meine Wangen mit seinen Fingern. Dann mit seinen Lippen. Minutenlang ruhen sie auf den meinen, daß mir der Atem zu vergehen droht.

Weißt du, daß ich Gedichte an dich gemacht habe? Willst du sie hören?

Ich schlinge meinen Arm um seinen Nacken und er flüstert mir ins Ohr. Ueberschwängliche Poesie, für die mir jedes Verständnis abgeht. Aber meine Arme zittern und mein Mund haucht ihm zu:

Wie schön! wie groß!

Seine liebende Eitelkeit jauchzt auf, und wie einen farbigen Regen schüttet er mir rückhaltlos seine innersten Gedanken in den Schoß. Er hat Philosophie studiert. Aber er will ein Dichter werden. Ein echter Dichter. Nur das Große, Herrliche, Gewaltige will er den Menschen vorführen. Nun, da er mich gefunden, nun wird er das Höchste erreichen. Die Liebe, die Liebe! Die große, einzige, göttliche Liebe, sie ist ihm alles, Leben und Sterben.

So schwärmt und rast seine Phantasie. Aber in seiner Tollheit ist eine dämonische Kraft, eine Naturkraft, die meine Nerven unangenehm berührt. Ich winde mich aus seinen Armen. Unbändiges Flehen, zornige Thränen, maßlose Küsse ergießen sich über mich. Er läßt mich nicht eher fort, als bis ich verspreche, mich heute Abend im Dunkel noch einmal herzuschleichen.

Das letzte Mal. Denn morgen Nachmittag kommt Fritz. Er denkt freilich nicht daran.

Gegenwärtig fühle ich mich ordentlich müde von dem heute Morgen erlebten Sturm. Ich langweile mich nicht. Aber die Sache fängt an, mir unbequem zu werden. Es wird Zeit, daß ich die Karten zusammenwerfe. Der Spiegel zeigt mir mein fatiguiertes Gesicht. Dieu, wenn ein Fältchen zurückbliebe! Ich wäre untröstlich. Warum ist dieser Narr auch so unbändig in seiner Leidenschaft.