9. August.
Life is a comedy to those who think, a tragedy to those who feel. Ich denke. Das geschriebene Lebenskapitel muß doch einen Schluß bekommen.
Diese vierzehn Tage waren – dégoûtants. Und noch liegt's in der Luft wie Leichengeruch ...
Fritzl traf an dem verhängnisvollen Tag einige Stunden früher ein, als ich erwartet. Sehr braun und verwildert, besten Humors, und galanter gegen mich als je. Daraus schloß ich, daß er mit irgend einem hübschen Gebirgskind ein kleines Abenteuer gehabt. Er ist vernünftig genug, es nicht einzugestehen, sondern durch doppelte Liebenswürdigkeit gut zu machen. Ganz mein Grundsatz. Eine seiner ersten Fragen galt dem Grafen. »Wie vertragen?« Ich zuckte die Achseln:
Nicht gut, nicht schlecht. Heute ist er beleidigt. Er lud mich zu einer Tour nach Garmisch ein. Ich schlug natürlich aus, da ich Dich erwartete. Er muß übrigens bald zurückkommen.
Heinrich, der eben eintritt, bemerkt:
Entschuldigen Frau Baronin, aber der Herr Graf sind nicht nach Garmisch gefahren, sondern haben den Wagen abbestellt und sind in den Wald gegangen.
Fritz schaut verwundert auf:
Und nicht zum Mittagessen gekommen?
Ach, das thun der Herr Graf manchmal.
So – so –, dehnt Fritz vor sich hin. Als der Diener hinaus ist, meint er ein wenig mißtrauisch prüfend:
Ihr müßt Euch doch nicht glänzend vertragen haben.
Die Zeit vergeht im amüsantesten Geplauder. Es thut mir wohl. Fritzl gefällt mir besser als je. Da ist doch Chic, Raffinement. Ich bin ein wenig verliebt, lasse es ihn merken, und er ist entzückt. Die Rokokopendule schlägt mit ihrem hellen zitternden Stimmchen neun Uhr. Fritz fährt erschrocken empor.
Neun Uhr! Und Ossi noch nicht zu Hause! Es wird dem Jungen doch nichts geschehen sein?
Ich wehre ab:
Bitte Dich, was sollte denn – unartig ist er, weiter nichts.
Aber Fritz ist nicht zu beruhigen. Meine Gleichgiltigkeit beleidigt ihn fast.
Natürlich! Du kannst ihn nicht leiden. Aber ich habe den Jungen gern, sehr gern, und werde darum sogleich ...
Er ist schon hinaus. Ich höre Befehle, Anordnungen. Eine Viertelstunde später flammen am Rande des Sees Pechfackeln auf, die sich im Walde verlieren. Der Herr Baron haben auch aus dem Hotel und aus den Bauernhäusern Leute mitgenommen, erzählt Louison, während sie mich entkleidet. Ich schlüpfe in mein Negligé und blättere, auf der Chaiselongue liegend, im neuesten von Malot. Müdigkeit und Nervenabspannung lassen mich in einen tiefen unruhigen Halbschlaf versinken. Verworrnes Stimmengemurmel, dazwischen laute Commandorufe wecken mich. Ich fahre empor. Ans Fenster. Ein Menschenknäuel. Der Fackelrauch läßt mich nichts erkennen. Was ist geschehen? schreie ich hinunter. Eine breite bäurische Stimme antwortet: Tot.
Eine Minute später tritt Fritz ins Zimmer. Mit Erde beschmutzt, die Kleider in Fetzen gerissen, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Er wirft sich in einen Stuhl.
– – Wir haben ihn gefunden. In einer Schlucht oberhalb des Frillensees. Mit zerschmetterten Gliedern. Halb im Wasser liegend. Er ist verunglückt, oder ...
Er springt auf und packt mich mit einer schrecklichen Geberde am Handgelenk, unbarmherzig:
Thea, als ich mit der Fackel suchend am Rande der Schlucht hinging, blinkte mir aus dem Moos etwas Rotes entgegen. Ich bücke mich. Eine rote Perle, zwei, drei – da!
Er schleudert sie auf den Boden.
Deine Korallen! Wenn es – oh, oh, Deine Korallen!
Ich schaue starr zur Erde, fieberhaft überlegend, was ich sagen, am klügsten sagen ...
Thea, was hast Du mit dem unglückseligen Jungen gemacht? Wenn Du – ah, es wäre zu schändlich, zu schrecklich. Sag, sag Du's: Ist er verunglückt? – – –
Nein! – Heute Morgen gestand er mir seine tolle Leidenschaft, flehte mich an, ihm in die Welt zu folgen. Ich wies ihn zurück. Die Kette nahm er mit sich – als letztes Andenken.
Und das würdest Du mir verschwiegen haben, wenn ich nicht fragte?!
Ja. Hätte ich Dirs immer sagen wollen, wenn mir ein Andrer seine Liebe gestand ...! Wer trägt die Schuld? Ich? Ich habe Dich gewarnt am ersten Tag. Aber Du warst ja so sicher. –
Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen: Es ist ja wahr, wahr. Dann dumpf und gewaltsam:
Komm mit.
Er preßt mir die Knöchel zusammen und will mich fortziehen. Ich mache mich kühl und gelassen los:
Keine Beleidigung. Ich gehe allein.
Sein Zimmer. Er liegt auf dem Bett. Der zerschmetterte Unterkörper mit der seidenen Steppdecke verhüllt. Der Kopf ist unversehrt. Die nassen Haare weit von der Stirne zurückgestrichen. Und über diese wunderschöne Stirn läuft ein schmaler roter Streif. Das Gesicht ist finster schmerzlich. Auf den Lippen klebt ein wenig Blut. Ich stehe da und empfinde nicht viel mehr als den unangenehmen Eindruck des Leichenhaften. Fritz beobachtet mich:
Und kein Augenzucken, keine Thräne des Mitleids!
Thränen? Ich habe ihn gehaßt.
Und er ist für Dich gestorben! Geh, geh!
Boten werden mit Telegrammen nach Baadersee hinuntergeschickt; das Haus ist die ganze Nacht in Unruhe. Fritz weicht nicht von dem Toten. Einmal schleiche ich an die Thür. Sie ist halb geöffnet. Er geht ruhelos auf und ab. Mein armer Junge, flüstert er, und dann wieder: Und meine Schuld, meine Schuld.
Am nächsten Tage Telegramme aus Paris und München. Der alte Graf kann nicht kommen. Fritz möchte das Begräbnis übernehmen. Wo, sei gleich. Fritz lachte bitter: Der muß seinen Jungen ja recht lieb gehabt haben. – Anders der Bescheid des Professors. Er wird kommen.
Noch ein Tag und noch einer. Das Begräbnis. Auf einem tannenumrauschten Hügel am See. Eine Menge Menschen sind aus der Umgegend gekommen. Bauern aus Baadersee, Krainau, Garmisch und Partenkirchen. Und die Fremden, die sich gerade dort aufhalten. Ein Zeitungsreporter macht sich Notizen ins Taschenbuch. Alle sind sehr neugierig und sehr wenig betrübt, bis auf die Professorsfamilie. Ich war nicht wenig gespannt, meine ci-devant Rivalin zu sehen. Ein gescheit-hübsches, pikanterieloses Gesicht. Die Figur nicht übel, doch zu wenig geschnürt. Nur das Haar sehr schön und reich. Die Mutter gutmütig, natürlich, ein Muster von Anständigkeit, mit breiter Taille und Doppelkinn. Der Vater schweigsam und unhöflich. Nach der schrecklichen Grabrede des Dechanten von Oberkrainau gingen wir zurück in unsre Villa. Fritz hatte die Professorsfamilie zu Tisch gebeten. Man saß unbehaglich und appetitlos beisammen. Die Frau Professor konnte ihre Thränen nicht zurückhalten. Die Kleine weinte nicht. Das gefiel mir eigentlich. Fritz und der Professor sprachen zusammen.
Es war ein so begabter Junge. Ich setzte große Hoffnungen auf ihn. Noch zu leidenschaftlich und überspannt, aber ich dachte immer: Laß sich den Most auch noch so toll geberden, es giebt zuletzt doch noch 'nen Wein. Im Herbst wollte er seine Gedichte herausgeben, und nun ...
Ich habe alles, was sich in seinem Schreibtisch fand, zusammenpacken lassen, sagte Fritz. Und hier das Notizbuch, welches er in der Tasche trug – Ich erschrecke – man kann aber nichts mehr erkennen, das Wasser hat es vollständig ruiniert.
Ich atmete auf.
Das Mädchen flüsterte mit ihrer Mutter. Diese schien abzuwehren:
Warum denn, Jella, warum!
Ich bog mich hinüber.
Was möchte denn das Fräulein?
Ach – sie hat ihren Rosenstock, den Ossi so sehr liebte, mitgeschleppt – für sein Grab.
Ich hielt mich mit Gewalt ernsthaft.
Unser Gärtner soll es sogleich besorgen.
Nein, ich will es selbst thun.
Leise, aber sehr bestimmt kam es aus dem kleinen Mund. Sie stand auf. Eine gewisse Neugier ergriff mich.
Ich gehe mit Ihnen, liebes Fräulein.
Sie schien nicht sehr erfreut, machte aber ihren schüchtern anmutigen Fräuleinknix und ließ mich vorantreten. Wir kamen auf die Veranda.
Wo haben Sie denn die Blumen?
Ich muß sie aus dem Hotel holen.
Das kann ja der Diener.
Aber sie schüttelte das Köpfchen und flog davon. Ich schritt unterdessen zu dem frischen, ungeschminkten Grabhügel hinunter. Das Kreuz wird erst in einigen Tagen eintreffen. Die Kleine kam wieder. Mit einem unförmlichen weidengeflochtenen Marktkorb am Arm.
Den haben Sie von München hergeschleppt?
Ja.
Vorsichtig hebt sie einen großen, schönen Rosenstock heraus. Gloire de Dijon. Dann wühlt sie mit ihren Händen die Erde auf.
Mais, ma petite, Sie machen sich schmutzig.
Sie sieht mich erstaunt an: Was thut das?
Ich begebe mich jedes weiteren Einwandes. Und sie drückt die Erde wieder fest; schöpft in ein Blechgefäß Wasser, um die Pflanze zu begießen; wäscht am Strand ihre Hände rein. Nun steht sie am Grab. Die scharfe, heiße Nachmittagssonne huscht über ihr schwarzes Cachemirekleidchen, dessen Einfachheit von der Eile der Herstellung zeugt. Es sieht trostlos dürftig aus im Gegensatz zu den funkelnden Perlenagréments meiner schweren Atlasrobe. Plötzlich fällt die Kleine mit einem tiefen Schluchzen auf das Grab hin. Erschrocken will ich ihr emporhelfen. Aber sie krallt sich förmlich in die Erde. Ich muß sie gewähren lassen. Endlich richtet sie sich halb empor und schluchzt wie entschuldigend:
Ich habe ihn so lieb gehabt, so lieb! Und nun soll ich nicht einmal sein Grab in der Nähe haben, nicht manchmal zu ihm gehen und ihm Blumen bringen können.
Aber liebes Fräulein, Ihr Herr Papa hat meinem Mann auf seine Anfrage doch geantwortet, er sei dafür, den Grafen hier zu beerdigen. Hätte da nicht ein Wort von Ihnen ...
O, Papa hat mich gefragt. Und da habe ich gesagt – sie sollen ihn hier begraben. Nicht auf dem großen öden Friedhof mit den vielen andern. Er hat die Berge so lieb gehabt. Es ist auch recht selbstsüchtig daß ich darüber weine, aber –
Sie macht in schmerzlichem Heroismus einen kleinen harten Ballen aus ihrem Taschentuch und steht auf. Sie ist plötzlich wieder sanft und schüchtern.
Ich – möchte – zu Mama.
Wir gehen zur Villa hinauf, und sie sieht sich um, sieht sich fortwährend um mit den schmerzensgroßen Kinderaugen – c'est drôle!
Einförmig gehen die Tage weiter. Fritz ist höflich, eiskalt höflich gegen mich. Ich bin gleichmäßig ruhig mit glatter Stirn und klaren Augen. Ich lasse ihn völlig gewähren. In ein paar Monaten habe ich ihn so gewiß zurückerobert, als ich noch jung und schön bin. Ich bin ganz froh, daß ich etwas zu thun haben werde, und lege mir jetzt schon die Karten zurecht.
Fritz war öfters wieder fort. Aber keine Gebirgstouren. In München. Vor drei Tagen kündigte er mir den Verkauf der Villa an:
Ich kann nicht mehr hier bleiben. Das Grab da unten ist mir ein ewiger Vorwurf ...
Allein auf meinem Zimmer klatsche ich vor Freude in die Hände. Die Villa verkauft! Mein sehnlichster Wunsch erfüllt, nicht mehr in diese Einöde zu müssen.
Die Möbel sind teilweise schon fortgeschafft. In den Zimmern ist's jetzt in Wahrheit – bric-à-brac. Die Vorhänge sind herabgenommen. Ungehindert strömt das Sonnenlicht herein. Ich kann das große vergoldete Kreuz auf dem Grab dort unten sehen. Es ist ein Geschenk von Fritz. Er hat sich das nicht nehmen lassen. Und der Rosenstock hat eine Menge Blüten. Ich habe den zurückbleibenden Gärtner beauftragt, ihn zu pflegen. Warum sollt' ich nicht? Dafür bin ich gerade gutmütig genug.
Auf dem Boden liegt ein Haufen zusammengekehrter Papierschnitzel, Spitzen, Schleifen, Haarnadeln, Stecknadeln, Seidenfäden, eine Puderschachtel mit verschüttetem Inhalt – es sieht häßlich aus im vollen Sonnenlicht.
Was schimmert denn so?
Eine rote Perle ....
Platonisch.
»Sie lassen sich also nicht von mir lieben, kleine Eigensinnige?«
Sie streifte die weichen dänischen Handschuhe noch ein wenig über den Ellenbogen und schaute mit suchendem Blick auf den Requisitentisch.
»O ja, aber –«
»Aber?«
»Platonisch.« – Er lachte aufdringlich. Die Coulissenelegance seiner Haltung für einen Augenblick vergessend, steckte er die Hände in die Hosentaschen.
»Platonisch? Das ist ein weiter Begriff. Was verstehen Sie darunter?«
Die schmalen abfallenden Schultern des jungen Mädchens schienen noch tiefer zu sinken. Sie musterte mit melancholischer Bosheit die von der Schminke stark porös gewordene dunkle Gesichtshaut des Bonvivant.
»Etwas, was Sie nicht verstehen. Stumme Liebe.«
Der Schauspieler brach in ein rohes schmetterndes Gelächter aus und warf wie im Uebermaße der Lustigkeit seine Rolle zu Boden.
»Teufel noch einmal! Sie verlangen hübsch viel –«.
»Weil ich nichts verlange.«
Der Inspizient eilte erschrocken herbei. »Aber meine Herrschaften! So laut! Eben hat der Regisseur geklingelt. Uebrigens kommen Sie in der nächsten Scene, Herr Possanski. Und Sie auch, Fräulein!« Der Schauspieler hob die schmutzige stark zerlesene Rolle wieder auf, ohne den Staub abzuklopfen. Seiner Kollegin noch ein liebenswürdiges Lächeln und einen bösen Blick zuwerfend ging er nach dem Vordergrunde der Bühne.
»Kröte!« murmelte er vor sich hin. Die junge Dame war zurückgeblieben.
»Ich habe keine Requisiten,« wandte sie sich an den in seinem Buche blätternden Inspizienten. »Ich kann doch nicht selbst in die Requisitenkammer gehen.«
Der Inspizient sah sich um. »Wo sind denn all' die Kerls.... Aha, Klaus!«
Der baumlange Theaterarbeiter ließ die Versatzstücke stehen. Schon eine ganze Weile hatte er sie geräuschlos aus dem Wege geräumt, ohne in dem trügerischen Dämmer von Gas- und Taglicht bemerkt zu werden.
»Verlangen Sie in der Requisitenkammer einen Brief und eine Zeichenmappe. Aber rasch.«
Die anmutig herbe Stimme der Schauspielerin fügte hinzu: »Ich bitte.«
Ich bitte! Wie zwei kleine silberne Perlen fielen diese Worte in die großen abstehenden Ohren des ungeschlachten Burschen, und diese Ohren hatten vorher schon einiges aufgefangen von »platonisch« und »stummer Liebe«.
Der schweigsame Theaterarbeiter hatte das Gespräch wohl gehört. Für gewöhnlich besaß er gar keine Beobachtungskraft. Wenn nur die Kleine nicht gewesen wäre. Anfangs hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie war ja so sehr klein; gegen ihn. Er hatte über sie hinweggesehen wie der gemalte Mont Blanc im Manfred über die cachierten Felsstücke zu seinen Füßen. Aber gehört hatte er sie. Diese eigentümlich regungslose Stimme, die immer so unendlich viel zu verbergen schien. Er glaubte sie zu sehen, wenn er die Augen schloß, glaubte eine weite sonnenbeschienene Haide zu sehen. Das war seine Heimat. Von dorther hatte er die riesigen Glieder mitgebracht, gelbe Haare und tote tagklare Augen. Aber jene Stimme hatte sie lebendig gemacht. Er fing an, zu sehen. Das kleine Geschöpf mit dem weichen blassen Gesicht. Während der Proben machte er sich in ihrer Nähe etwas zu schaffen. Er schleppte die schwersten Dekorationsstücke zehnmal allein hin und her, nur um vom Theatermeister an keine andere Arbeit geschickt zu werden. Auf der letzten Galerie des Schnürbodens oder im dritten Versenkungsstockwerk horchte er mit Anstrengung auf ihre Stimme, auf ihre kleinen ruhigen Schritte. Die eintönige Musik derselben verfolgte ihn den ganzen Tag.
Abends bemächtigte sich seiner eine schwerfällige Unruhe, bis sie aus der Garderobe kam. Das sammtartige Weiß und Rot der Schminke, die feinen schwarzen Striche an Brauen und Wimpern machten ihr Gesicht lebhafter, leuchtender. Seine kritiklose Bewunderung fand sie so am schönsten. Er hatte sich ihre Photographie gekauft; ein schlechtes Bild in der beliebten Tischkantenposition. Das übermäßig retouchierte Gesicht lächelte wie die Vignette eines Cigarrenkastens. Wenn der Arbeiter spät Abends nach Hause kam, war es seine liebste Beschäftigung, bei einem qualmenden Lichtstümpfchen den Platz des Bildes hundertmal zu verändern. Im geleimten Muschelrahmen aus dem Fünfzig-Pfennig-Bazar sah es mit hochmütiger Gewöhnlichkeit auf die rauhen, zersprungenen Zimmerwände.
Morgens wickelte er es in einen blauen Papierbogen. In großen schwerfälligen Buchstaben war ein Wort darauf gemalt. Das einmal gehörte und halb verstandene Wort mit dem fremdartigen Klang. Es hatte in seinem Gedächtnis Wurzel gefaßt wie die Haideblüten im rauhen dunklen Boden seiner Heimat. Farb- und duftlos, aber mit hundert zähen kleinen Wurzeln, mit schmerzlicher Eigensinnigkeit. Dieselbe Eigensinnigkeit machte den langen Haideburschen verschlossen und einsilbig. Er lebte ganz in der Phantasie, ohne Phantasie zu haben. Im Theater verspotteten die andern Arbeiter seine Dummheit und beneideten seine Kraft. Die Schauspieler ärgerten sich heimlich über die unbewußte stolze Unverdorbenheit seines Wesens. Den Vorgesetzten war er nicht höflich und diensteifrig genug. Alle nannten ihn den Haidelümmel. Er wußte es nicht. Es hätte ihn auch wenig gekümmert. Aber seine Augen waren dunkler geworden und sein Schritt schwerer.
Es war eine Woche vor Weihnachten. Eine großartige Feerie sollte als Festvorstellung am fünfundzwanzigsten Dezember zum ersten Mal gegeben werden. Dornröschen. Nach den Vorstellungen mußte oft bis vier Uhr Morgens gearbeitet werden, um die neuen Dekorationen und Maschinerien fertig zu stellen. Die doppelt bezahlte Nachtarbeit ging schwerfällig und langsam von statten. Die übermüdeten Arbeiter schwatzten viel und tranken noch mehr, um sich wach zu erhalten. Beleuchtungseffekte sollten probiert werden. Zwei Arbeiter setzten neue farbige Gläser vor die Rampe. Die gähnende Unterhaltung klang abgebrochen ins zweite Versenkungsstockwerk hinab, wo Klaus unter Aufsicht des Maschinenmeisters ein Netzwerk von eisernen Stangen anbrachte.
»Warum geht sie denn Neujahr?«
»Wer's wüßte! Sie hat ihre Entlassung verlangt. Ich denk' mir, der Schwarze setzt ihr stark zu. Das ist ihre letzte Rolle. Dornröschen.«
Im Versenkungsstockwerk krachte etwas zu Boden. Die Erschütterung war so stark, daß den Händen des älteren Arbeiters eine rote Glastafel entfiel. Sie zersplitterte in tausend Stücke.
»Was ist denn los?« schrie er zornig hinunter.
»Nichts, nichts,« tönte es zurück.
Nach einigen Minuten kam der Maschinenmeister herauf. »Aergerlich! Der Klaus muß sich überarbeitet haben. Er scheint krank. Ich muß ihn fortschicken. Kommt ihr beide hinunter.«
Er war wirklich krank. Sie geht fort. Diese drei Worte hatten ihn aus dem dämmernden Zustand, in dem er dahinlebte, herausgerissen. Sie geht fort. Eine stille traurige Wut ließ ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und ab rennen bis es dämmerte. Er wurde so müde. Ein innerliches Weinen durchschütterte ihn. Aber seine Augen blieben trocken. Ohne eine Minute geruht zu haben, ging er morgens ins Theater. Es war die erste Probe von Dornröschen. Sie ging in ihrer lautlosen verschleierten Weise an ihm vorüber. Einen Augenblick hätte er sie am liebsten vor Zorn geschlagen. Dann versank die rohe Gewaltsamkeit seiner Natur in dem stärkeren Gefühl eines großen Leids. Sie geht fort. Sie geht fort.
»Ich gehe auch fort,« sagte er, spät abends in seine Kammer zurückkehrend. »Auf den Haidhof. Da ist's still.«
Er sah sie jetzt täglich. Auf den Proben. Er hörte, wie die Kollegen ihr jedesmal auf's neue ihr unendliches Bedauern über ihren Fortgang ausdrückten. Mit einem Aufwand von Herzlichkeit, dem man die Lüge anmerken mußte, wäre er auch weniger bühnenhaft gewesen.
»Lassen Sie sich an dem Abend nur ja einen Heuwagen kommen, sonst können Sie all' die Blumen und Kränze nicht fortschaffen,« sagte mit schiefgezogenen Mundwinkeln der Bonvivant. Die lächelnde Impertinenz seines Gesichts zeigte nur zu deutlich, daß er mindestens die Hälfte dieser Blumen und Kränze auf selbstgekauft taxiere. Und mit einem Wiederschein dieser Impertinenz, der sich je nach dem Rollenfach naiv oder intriguant äußerte, stimmten die Uebrigen bei. »Ja, die Blumen und Kränze!«
Während der Mittagspause überzählte Klaus sein Geld. Sie soll auch von mir einen Kranz haben. Den allerschönsten. Er hatte die grünen Dinger nach den Aktschlüssen oft auf die Bühne fliegen sehen, wenn die Leute im Zuschauerraum so erschrecklichen Lärm machten. Er hatte nie begriffen, was an diesen farbentoten Blätterkränzen schön sein sollte. Sie vertrockneten in wenigen Tagen. Dann mußte man sie fortwerfen. Sein Kranz sollte ganz anders werden. Groß, ungeheuer groß. Er wollte ihn selbst binden. Als Knabe hatte er beim Einzug der Gutsherrschaft an den langen Blumenketten mitgeholfen, die über der Schloßthür befestigt wurden. Er erinnerte sich noch an die bunten Schleifen, die zwischenhinein geflochten waren. So wollte er's auch machen.
Erst kaufte er bei einem Faßbinder einen elastischen Holzreifen. Groß wie ein Wagenrad. In einem Eisenmagazin Draht und eine feine Zange. Mit Herzklopfen öffnete er zuletzt die spiegelnde Glasthüre eines großen Geschäfts. Lauter ausgezeichnete Ware zu fabelhaft billigen Preisen. Eine blondgefärbte Ladnerin mit großen Nasenlöchern und falschen Korallenohrringen fragte ihn, was er wünsche. Blumen. Sie brachte mehrere Kartons herbei. Moderne Ballgarnituren in fahlen Farben und raffinierten Zusammenstellungen. Er schüttelte den Kopf. So nicht. So welche zum Kranz binden. Die Ladnerin sah ihn an. Es mochte ihr wohl einfallen, daß dieser blöde Riese im schmutzigen Leinwandkittel keine mit Glastropfen übersäten Ballgarnituren kaufen werde. Mit einem leichten verächtlichen Achselzucken, soweit es die übermäßig spannende Trikottaille gestattete, trug sie andere Kasten herbei. Das war das Richtige. Haufenweis zusammengebundene Papierblumen in schreienden Farben. Lauter naturgeschichtliche Unmöglichkeiten. Daneben glänzende, grünlackierte Blätter mit langen Drahtstielen und starkem Leimgeruch. Er wählte sich einen Berg von Blumen und Blättern aus. Zuletzt forderte er farbige Bänder. Die Ladnerin, jetzt mit dem Geschmack des Käufers schon besser vertraut, legte ihm ordinäres raschelndes Knitterband vor. Blau, rot, gelb, grün. Er ließ sich von jeder Farbe mehrere Meter abschneiden. Die Ladnerin sah ihm mit einem gemeinen prüfenden Blick nach, als er das Geschäft verließ, das große Packet vorsichtig im Arm haltend.
Am Weihnachtsabend band er den Kranz. Es war eine schwere Arbeit für seine harten großen Finger. Viele Papierblumen wurden zerdrückt oder zerrissen. Der fertige Kranz war von einer ungeheuerlichen Größe und Unregelmäßigkeit. Zwölf Schleifen mit lang flatternden Enden prangten in der Runde. Nach vielem Ueberlegen befestigte er rückwärts eine steife weiße Karte. Mit unendlicher Mühe hatte er wenige ungelenke Buchstaben darauf gemalt. Das Ganze ein Werk lächerlicher Geschmacklosigkeit. Er wußte es nicht. Mit dunkelglänzenden Augen betrachtete er den Kranz wieder und wieder. Sein wirkliches Leid verschwand in der naiven Selbstbefriedigung. Er dachte nicht mehr daran, daß sie fortgehe, sondern nur, daß sie sich mit diesem Kranze freuen würde. Er war getröstet.
Am nächsten Tag holte er seine Sonntagskleider hervor. Er wusch und kämmte sich so sauber, wie er's nur einmal in seinem Leben gethan hatte. Bei dem Begräbnis seines Vaters. Um vier Uhr nachmittags ging er ins Theater. Den Kranz trug er in ein großes Tuch eingeschlagen. Es dunkelte bereits stark. Er war froh darüber. Beim Portier gab er den Kranz ab. Erst ganz zum Schluß sollte er geworfen werden. Ein Herr habe ihn damit beauftragt. Er log zum ersten Mal. Er war feuerrot, stotterte und hätte in seiner Verwirrung beinahe vergessen, dem Portier den bereitgehaltenen Thaler zu geben.
Auf der Bühne lärmten die Arbeiter. Hinauf und hinunter schallten durch's Sprachrohr die Kommandorufe der Maschinisten. Der Theatermeister prüfte noch einmal die verschiedenen Versenkungen und las die im Buch des Inspizienten notierten Klingelzeichen nach. Der Abend war für ihn von großer Bedeutung. Er hatte eine ganz neue Mechanik erfunden, um die Dornenhecke aus der Erde wachsen und sie wieder versinken zu lassen. Aus dem farbduftigen Feenmärchen war eine geschminkte Feerie geworden. In acht Bildern, mit einem ungeheuern Aufwand von Farben und Beleuchtung, und eben darum ohne Duft und Licht. Dornröschen selbst kam erst im dritten Bilde. In den ersten beiden wurde ihre Geburt und Verwünschung mit Dekorationseffekten, Ballet und Musik gefeiert. Nachdem der Vorhang zum zweiten Male gefallen und das prächtige Königsschloß aufgestellt war, erschien Dornröschen auf der Bühne.
Alles drängte sich um sie. Die überschlanke Gestalt im Schleppkleid aus lichtrosigem Atlas, mit silbernem Gürtel geschürzt, einen schmalen Heckenrosenzweig wie ein Krönlein durch's Haar geflochten. Das fiel wie ein goldseidener Mantel über die Schultern bis hinab auf die Schleppe. Das Licht versank in der weichen glänzenden Fülle. Es war eine echte Märchenkönigstochter.
Sie stand in der Seitencoulisse und wartete auf ihr Stichwort. Ein wenig bleich und erregt, fröstelnd im scharfen Bühnenzug. Der Inspizient trat an sie heran. »Gleich, Fräulein.« Sie wendete sich zu Klaus, der dicht neben ihr stand. »Bitte, wollen Sie mir das Taschentuch halten, bis ich wiederkomme?« Er hatte keine Zeit, Ja oder Nein zu sagen. Das feine weiche Ding lag schon in seiner Hand, und Dornröschen trat aus dem Halbdunkel der Coulisse in den blendenden Bühnentag hinaus. Klaus hörte nichts von dem lärmenden Beifallsgetön, mit dem sie empfangen wurde. Er sah nicht, wie viele Kränze und Blumen zu ihren kleinen rosa beschuhten Füßen niederflogen. Er betrachtete nur das winzige weiße Spitzentüchlein. Er fühlte es nicht auf seiner hartgearbeiteten Hand. Der leiseste Hauch konnte es fortwehen und dennoch wagte er nicht, es fest zu fassen. Er hätte es zerdrücken können. Das machte seine Freude ängstlich. Er blickte nicht auf die Bühne, wo Dornröschen arme Kinder mit ihren Perlen und Edelsteinen beschenkte. Er atmete erst wieder auf, als sie in die Coulisse abging und das Tuch mit einem »Danke« entgegennahm. Jetzt besann er sich, daß er eigentlich zusehen wollte. Aber ein Schwarm von Kindern, Balleteusen und müßigen Zuschauern drängte ihn aus der Coulisse fort. Der Theatermeister rief ihn in die Versenkung. Mühselig kletterte er die dunkle gewundene Treppe hinunter. Die andern Arbeiter in ihren schmutzgetränkten Leinwandkitteln lachten über seinen Sonntagsrock. Zum ersten Mal ekelten ihn die vom Coulissenstaub fahlgrauen Gesichter. Er horchte nach oben. Wie ein unendliches jubelndes Lachen tönte es herunter: »Prinzeß Dornröschen spinnt, kann spinnen, spinnen.« Gleichzeitig das erste Klingelzeichen. Die Arbeiter packten die eisernen Hebel fester. Man hörte die gemachten Entsetzensrufe der Choristen, bis ein kleiner müder gebrochener Schrei mitten hinein klang. Die Königstochter hatte sich mit der verwunschenen Spindel gestochen. Dann wurde es still, totenstill. Ein zweites Klingelzeichen, und langsam durch die Kraft vieler schwer arbeitender Hände stieg die Dornhecke aus dem Boden vor den Augen der Zuschauer bis in den gemalten Himmel hineinwachsend.
Nun durfte Klaus wieder auf die Bühne. Er sah, wie das schlafende Dornröschen auf der Marmorbank in üblicher elektrischer Beleuchtung dem blausammtnen Prinzen als Traumbild erschien. Er sah, wie die Dornhecke zu blühen begann und der Theaterprinz sich in herrlicher Tapferkeit einen Weg durch die leinwandnen Dornen bahnte. Er sah, wie er mit dem erlösten Dornröschen auf goldenem Thron bis in die Soffiten hinaufschwebte, von bengalischen Flammen rot und grün beleuchtet, begleitet vom rasenden Klatschen des Publikums.
Der Applaus wurde auf jähe Weise unterbrochen. Es polterte etwas wie ein eisernes Gewicht auf die Bühne. Durch den Zuschauerraum ging ein schallendes Gelächter. Der Regisseur stürzte aus der ersten Coulisse an die elektrische Klingel: »Vorhang herunter!« Der Vorhang fiel. Alles rannte auf die Bühne. Klaus mit. Da lag sein Kranz.
Dornröschen war von ihrem Thron heruntergestiegen. Mit weißen starren Lippen betrachtete sie das Ungetüm. Die Meisten lachten. Die Damen trugen eine übermäßige Entrüstung zur Schau. Es sei unerhört, jemandem auf solche Weise den Abend zu verderben, ihn vor dem ganzen Publikum zu blamieren. Der Bonvivant hob den Kranz ein wenig in die Höhe. »Da ist ja auch ein Zettel. Ah – ah – ah!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Meine Herrschaften lesen Sie doch: ›Blathonisch‹!« Ein tief verächtlicher Blick aus den schlafdunkeln Dornröschenaugen traf ihn. Sie wandte ihm den Rücken und ging. Zwei Kolleginnen folgten ihr, mit einander flüsternd. »Du, was glaubst Du, von wem der Kranz ist? Von dem Schwarzen?« »Pst! Freilich«.
Armer Klaus! Er war allein auf der verdunkelten leergeräumten Bühne. Nur der phantastische, goldene Thron stand noch in der Mitte und die Coulissen zeigten die Bruchstücke der Dornhecke. Ganz im Hintergrund schliefen auf Holzbänken die Feuerwehrmänner. Die Schauspielerinnen kamen aus der Damengarderobe. Sie mußten über die Bühne gehen, um durch den Korridor zur Ausgangstreppe zu gelangen. Jetzt waren alle fort. Sie war die letzte. Sie ging gewöhnlich durch die vordere Bühnenthür. Da wartete er, an die große Donnerpauke gelehnt. Sie kam. In einen grauen Radmantel mit großem Pelztragen eingewickelt, das Köpfchen in einem weißen Tuch versteckt. Sie ging rasch und geradeaus blickend, so daß sie ihn nicht bemerkte, obwohl er eben unter der herabgeschraubten Gasflamme stand. Er mußte sie anreden. »Fräulein.« Sie wandte sich um, erstaunt, aber nicht erschrocken. »Wer ist ...? Was wollen Sie?« Er schwieg. In seinem Leben war ihm das Weinen nicht so nahe gewesen. Sie wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann zog sie mit einer kleinen ungeduldigen Bewegung den Mantel fester um sich. Das brachte ihn zum Reden. Stotternd, halb erstickt klemmte es sich zwischen seinen Lippen hervor: »Der Kranz.« Mit einer tiefinnerlichen Heftigkeit trat sie rasch auf ihn zu. »Sie wissen, von wem er ist?«
Er sah in ihre heißen zorntraurigen Augen und das Bekenntnis seiner Schuld stürzte in wirrem Durcheinander aus seiner Seele hervor. Er wußte nicht mehr, was er sprach. Es war eine Wohlthat, eine Buße, sich anzuklagen. Und doch hätte er sich nicht besser verteidigen können. Das schienen die zwei Augen ihm gegenüber auch zu glauben. Sie waren wieder still und klar geworden. Als er schwieg und die große Erregung noch wie eine rote Welle auf seiner Stirn auf- und abwogte, reichte sie ihm die Hand. »Wenn ich all' dies früher gewußt hätte, würde ich mich nicht gekränkt haben. Ihr Kranz ist mir jetzt der liebste von allen.« Er sah sie traurig ungläubig an. Es war ganz still geworden. Sie wußten nichts zu sagen und doch hätte keines gehen mögen. Endlich fragte sie: »Könnte ich Ihnen gar keinen Gefallen thun? Haben Sie keinen Wunsch?« Er schüttelte den Kopf und blickte sie unverwandt an. Es wurde immer stiller. War auf der totengrauen Bühne ein Märchenhauch zurückgeblieben, der einen unfühlbaren Zauber ausübte?
Sie hob sich ein wenig auf die Zehen. »Wie groß Sie sind«, sagte sie mit einem bewundernden Kinderlächeln. »Bitte, bücken Sie sich ein wenig – noch ein wenig – so ....«
Ueber die steinerne Treppe hastete ein kleiner herzklopfender Schritt hinunter. Wie er lauschte, der arme Glückliche, mit geschlossenen Augen, unbeweglich. Dornröschen hatte ihn geküßt. Das Licht huschte wie mit Elfenfüßen über den einsamen goldenen Thron. Dicht vor ihm lag eine zertretene blaue Papierblume ... platonisch.
In der Mauernstraße.
Armer Junge! Er saß auf der ausgetretenen Schwelle und weinte große stille Thränen. Sie hatten seine Mutter begraben und ihn aus der kleinen sauberen Dachstubenwohnung fortgeführt. Zu entfernten Verwandten. Die wollten für ihn sorgen. Was sie eben sorgen nannten. Sie waren sehr arm. Er konnte mit ihnen hungern.
Seine Mutter war auch arm gewesen. Aber sie hatte ihn nicht hungern lassen. Sie hatte sehr viel gearbeitet und sehr wenig gegessen, um ihr blasses verkrüppeltes Kind mit einem Schimmer von Wohlbehagen zu umgeben. Früh morgens saß sie an ihrem zerbrochenen alten Nähtischchen und stickte mit feinem Leinenfaden Blumen und Arabesken in durchsichtige Batisttücher. Die schickte man ihr aus dem großen Weißwaarengeschäft. Das Geschäft war berühmt wegen seiner billigen Preise. Darum wurde die arme Stickerin sehr schlecht bezahlt. Abends, wenn ihre Augen zu brennen anfingen, nahm sie ihr stilles geduldiges Kind auf den Schooß. Sie erzählte ihm von seinem Vater. Der war Lehrer an der Antonyschule gewesen. So brav und so gescheit. Und so stolz. Er hatte nie eine Unterstützung angenommen. Er hatte gearbeitet – bis er sich zu Tode gearbeitet. Seine Frau dachte wie er. Am letzten Weihnachtsabend war die Versuchung freilich groß gewesen. Sie hatte kein Bäumchen für ihr Kind. Im ersten Stock wohnte eine vornehme alte Dame. Sollte sie bitten .... Sie stand mit thränenzitternden Augen vor dem kleinen Jungen. »Friedel, – soll ich hinuntergehen – soll ich – betteln?« Und mit sonderbar wildem Aufschrei hatte er sich vor ihr auf die Kniee geworfen: »Nein, Mutter, nein!« Im Frühjahr war sie gestorben. Mit der Arbeit in der Hand und einem Seufzer auf den Lippen: »Nur nicht betteln.«
Und ihr Kind saß auf der Schwelle und weinte.
Es war ein anderes Leben im Hinterhause der Mauernstraße als in der kleinen Dachstube. Der Oheim kaufte und verkaufte alle alten Gegenstände, vom rostigen Eisen bis zur gebrauchten Balltoilette. Er sprach heiser, von beständigem Husten unterbrochen. Auf den Versteigerungen hatte er sich die Stimme verschrieen. Er trug Leinwandhosen und einen Bedientenfrack. Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen können. Seine Frau war klein und zusammengerunzelt, beständig in Demut versinkend wie ein verprügelter Hund. Und die Tochter .... ein hübsches braunes Ding mit runden Armen und heißen Augen. Sie hatte gelacht, als der kleine Friedel zum ersten Mal mit seinen Krücken die steile Treppe heraufgestolpert kam. Sie hatte gelacht und sein verweintes Gesicht in ihre Hände genommen. »Er ist häßlich wie ein Maulwurf, aber ich werde ihn über die Treppe tragen.«
Sie trug ihn hinunter. Jeden Morgen, ehe sie in die Schule ging. Er saß auf der Schwelle und sah, wie das schleimige Moos in den Rinnsteinen wuchs. Schmutzige Kinder mit ungesunden blauroten Gesichtern spielten um ihn herum. Sie schrieen und zankten sich mit häßlichen gemeinen Worten. Das machte ihnen dieselbe tierische Freude, wie das Wühlen im Straßenkot. Auf die zersprungenen Asphaltplatten zeichneten die Größeren mit Kreide oder Kohle scheußliche Köpfe. Das seien die reichen Leute, sagten sie, spieen darauf und trampelten mit den Füßen auf ihnen herum. Sie waren böse, und schlimmer, sie wußten das Böse. Mit den übergroßen Augen des jungen Lasters sahen sie alles und bemerkten alles. Dann schlüpften sie in die dunkelsten Ecken zwischen den schiefen alten Häusern und erzählten sich mit innerlich fiebernder Stimme schlimme Dinge, oft durch schrilles Gelächter unterbrochen. Das Leben in der Mauernstraße war so faul und übelriechend, wie das Pfützenwasser in den Löchern der ausgebrochenen Pflastersteine. Tagsüber schillerte das Sonnenlicht in blau und grünen Spiegeln darüber hin. Nachts versanken die bleichen trostlosen Sternstrahlen in dem trüben Tümpel. Es war sehr traurig.
So dachte auch der lahme Junge auf der Thürschwelle. Er konnte nicht mit den anderen spielen und hätte auch keine Freude daran gefunden. Er wäre lieber in die Schule gegangen. Seine Mutter hatte ihn aus einem großen alten Buche schon Buchstaben und Zahlen gelehrt. Aber man hatte ihn nicht genommen. »Zu schwächlich«, sagte der Lehrer. »Noch ein Jahr warten.« Und er wartete. Er suchte aus den Lumpensäcken, welche der Oheim nach Hause brachte, die Seidenfleckchen heraus und packte sie in Cigarrenkisten. Er kehrte die dunkle dunstige Stube zusammen und schälte die Kartoffeln möglichst dünn ab. Er stopfte dem wilden lustigen Mädchen die Löcher im Rock und wichste ihr Sonntags mit großer Kraftanstrengung die Schuhe. Er wollte das Brot doch nicht ganz umsonst essen. Und noch ein Anderes war's.
Mit dem leidenschaftlichen Liebesbedürfnis eines kränklichen frühreifen Kindes hing er an dem schönen, bösartigen Geschöpfe, das ihn schlug oder liebkoste, je nachdem seine Laune war. Jeden Abend spähte er fiebernd vor Erwartung die von einer einzigen Gaslaterne erleuchtete Straße hinunter, bis er sie kommen sah. Einen gemeinen Walzer singend, sich lässig und herausfordernd in den Hüften wiegend, an jedem Arme eine ältere Freundin. Sie hatten alle drei die belebtesten Straßen der Stadt abgelaufen. Weniger um die strahlenden Schaufenster der großen Geschäfte zu betrachten, als um mit innerlichem Vergnügen die zweideutigen schmeichelhaften Scherze eines Vorübergehenden zu hören. Mit heimlicher unbefriedigter Erregung schlenderten sie langsam nach Hause. Die beiden Aelteren schlüpften scheu und geduckt in die Hausthüren, nachdem sie sich für den nächsten Abend verabredet hatten. Die Jüngste fürchtete sich nicht. Der Vater kam erst später, und die Mutter ... lieber Gott! Mit überlautem Singen tastete sie die steinernen Stufen hinauf, bis ihr Fuß an den wartenden Knaben stieß. Er faßte mit den von der Nachtluft starren Händen in den Saum ihres Kleides. »Ich hab' auf Dich gewartet.« »Dummer Junge! Wäre auch gescheiter gewesen, Du hättest Dich schlafen gelegt.« Aber sie nahm ihn doch auf den Arm, um ihn hinaufzutragen. Sie mußte über den finsteren Hof. Wenn sie über Kohlstrunken oder einen Haufen Kartoffelschalen stolperte, puffte sie den Kleinen. In einem Anfalle von Reue küßte sie ihn nachher mit unheimlicher Leidenschaftlichkeit. Keuchend unter ihrer Last langte sie in der moderdumpfen Stube an. Eine leise schwindsüchtige Stimme klagte aus den schweren Federkissen des Bettes hervor: »So spät, Kinder.« Das Mädchen gab keine Antwort. Sie gähnte und begann sich auszuziehen. Die Kleider warf sie auf den Boden. Der kleine Friedel legte erst die ihren sorgfältig glatt gestrichen auf den Schemel, dann auch seine eigenen. Sie hielt ihm die Füße hin. »Zieh mir die Schuhe aus. Die Strümpfe auch.« Und mit einer elastisch katzenartigen Bewegung sich in das Bett schwingend, suchte sie sich die bequemste Stelle dicht an der Wand aus. Sie wühlte sich mit Wollust in die dicken Kissen. Ihrem Schlafkameraden gönnte sie nur ein notdürftiges Plätzchen. Gut, daß er nicht viel brauchte. Sein magerer kleiner Körper drückte sich geduldig an die äußerste Kante. Sie versank nach wenigen Augenblicken in den tiefen Schlaf einer urgesunden, rücksichtslosen Natur. Der Knabe lag oft bis Mitternacht wach. Er betrachtete die vom Mondlicht versilberten Zahnreihen der Schläferin, und brachte sie vorsichtig in eine andere Lage, wenn sie mit dem Kopfe auf dem Arme ruhte. Das mache böse Träume, hatte seine Mutter einst gesagt. Seinen Schlaf bewachte Niemand.
Morgens weckte er sie. Ein unangenehmes Amt. Sie war kaum aus dem Schlaf zu bekommen und dann in sehr ungnädiger Stimmung. »Es ist noch eine halbe Stunde zu früh. Kannst Du keine Ruhe geben, boshafter Junge.« Während sie sich ankleidete, suchte er die verstreuten Schulhefte zusammen. Sie wusch und putzte sich wie ein Kätzchen, weniger aus Reinlichkeitsbedürfnis als aus Eitelkeit. Teilweise erstreckten sich ihre Bemühungen auch auf den kleinen Jungen. Sie rieb ihm das geduldige Gesichtchen, bis es von der schwarzen Pechseife feuerrot brannte. Mit dem zerbrochenen Kamme scheitelte sie seine dünnen weichen Haare. »Das steht Dir besser, als wenn Du sie ganz aus der Stirne gekämmt hast.« Und er schielte mit trübseligem Lächeln in die quecksilberarme Spiegelscherbe. Er wußte recht gut, wie häßlich er war.
Von seinem Frühstücksbrot gab er ihr die Hälfte. Die Mutter sah es manchmal und schalt. Dann lachte sie ihr halb böses, halb übermütiges Lachen. »Er darf nicht viel essen; er muß klein bleiben. Sonst kann ich ich ihn nicht mehr über die Treppe tragen.«
Manchmal traf sich's, daß die Kinder einen Nachmittag allein zu Hause waren. Dann schlichen sie hinauf ins Magazin. Ein langer, schmaler Raum mit halbrunden, dicht am Boden angebrachten Fenstern. Da befanden sich all die tausend Dinge, welche der Vater gekauft hatte, um sie wieder zu verkaufen. »Ich weiß, er hat gestern ein Ballkleid nach Haus gebracht«, sagte das Mädchen. Und sie suchten so lange, bis sie es in einer Kiste oder in einem Schrank entdeckt hatten. Sie jubelte. »Das zieh ich an. Friedel, Du mußt mir's zuschnüren. Schuhe sind auch dabei, schau nur!« Sie konnte nicht rasch genug in die zerknitterte Pracht schlüpfen. Das tief ausgeschnittene Kleid, zu weit für ihre kindliche Gestalt, fiel fast von den Schultern herunter. Die Aermel ihres grobleinenen Hemdchens sahen hervor. Die Schuhe mit den schiefgetretenen Holzabsätzen waren zu groß. Ins Haar hatte sie sich eine blätterarme Rose mit deutlich sichtbarem Wattekern gesteckt. Um den Hals eine Kette aus großen zersprungenen Wachsperlen geschlungen. Mit beiden Händen nahm sie das Kleid vorn in die Höhe, um gehen zu können. Sie war schön in dem jämmerlichen zigeunerhaften Aufputz. Das ungesunde reizende Schöne der schlechtverhüllten körperlichen und seelischen Nacktheit. »Trag mir die Schleppe«, befahl sie. Und er humpelte ihr nach, in der einen Hand die Schleppe, in der andern seine Krücke haltend. So zogen beide durch den staubdämmernden Raum, sie singend, er in stummer Bewunderung. Bis sie müde waren. Sie setzten sich auf eine der rissigen Kisten. Sie stemmte die Ellenbogen auf die Kniee und ließ den grünen Atlasschuh auf der Spitze ihres Fußes tanzen. Ihr kleiner Finger wies dem Knaben einen roten fettigen Fleck am Taillenausschnitt. »Das ist Schminke«. Er wußte nicht, was das war. »Damit macht man sich hübsch. Rote Wangen und rote Lippen.« »Wer hat's Dir gesagt?« »Die von Nummer 8. Das ist eine von's Theater.« »Was macht sie denn?« »Sie tanzt.« Sie spannte beide Hände über das Knie und beugte sich zurück. »Ob ich's auch könnte? Hübsch wär's.« Sie stand auf. Ein leiser versteckter Zug spielte um ihre Mundwinkel, während sie langsam das Kleid ablegte. »Pack's wieder ein.« Er legte sorgfältig ein Stück nach dem andern in die große Schachtel. Ohne Schuhe, im sehr kurzen zerflickten Unterröckchen, die Blume noch im Haar und die Perlen um den Hals, stand sie mit halb gehobenen Armen da, halblaut, aber scharf im Takte eine Tanzweise summend. Zögernd, versuchend folgten ihre Füße der Melodie. Erst vor, dann zurück, immer vereint mit der leicht gleitenden Bewegung des Oberkörpers. Nach wenigen Sekunden waren die Schritte rascher, sicherer, die Füße lösten sich vom Boden. Das atemlose Lachen, das von den weitgeöffneten Lippen klang, war nur die Einleitung zu einem Wirbel wilder Bewegungen. Feurig, sinnlich schön, aber ohne Weichheit, ohne Reinheit. Sie tanzte, bis sie sprachlos, schwindelnd niederstürzte. Der kleine Friedel kniete erschrocken neben ihr. Sie richtete sich atemringend in die Höhe. »Weine nicht.« Sie schlug ihn auf die Finger. »Ich kann das Weinen nicht leiden.« Langsam, liebkosend streichelte sie ihre Arme und küßte sich mit einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern. »Ich bin doch schön. Wenn ich nur schon stärker wäre –«
Drei Tage später war in der engen Stube großer Lärm. Die Mutter weinte, die heisere röchelnde Stimme des Vaters schalt und fluchte, der Knabe drückte sich krampfhaft ängstlich in eine Ecke. Das Mädchen stand ein wenig blaß, mit übereinander gebissenen Zähnen in der Mitte des Zimmers. Aber nicht die leiseste Erregung zitterte in ihrer Stimme. »Nächsten Monat komme ich doch aus der Schule ....« Der Vater ließ sie nicht ausreden. »Dann steck' ich Dich in ein Geschäft, wo man Dir aufpaßt.« »Das Fräulein wird im Theater schon auf mich Acht geben.« »Die soll erst selber auf sich Acht geben, die Person die ....« »Und im Theater bekomme ich jeden Monat fünf Mark. Im Geschäft geben sie mir im ersten Jahr gar nichts.« Fünf Mark! Das wirkte. Der Vater dachte daran, wie viel er sich plagen mußte, um fünf Mark zu verdienen. Wenn das dumme Mädel es für ein bißchen Springen und Hüpfen bekommen konnte – gut. Und er wollte ihr schon die Knochen entzwei schlagen, wenn sie sich unterstehen sollte ....
Sie unterstand sich gar Vieles. Aber er wußte nichts davon. Denn sie war klug. Sie ging jetzt täglich ins Theater. »Balletratte« schrieen ihr die Kinder in der Straße nach. Dem kleinen Friedel wurde es bei dem Worte immer so sonderbar heiß und schwindlich. Er wußte nicht warum. Er hatte sich schon an so viele häßliche Worte gewöhnt. Er gebrauchte sie selbst. Er war ja ein Kind. Er hatte der Verdorbenheit nichts entgegenzusetzen. Nicht die bessere Erkenntnis, nicht die Kraft des Willens. Aus seinem Wesen war die unbewußte Feinheit gewichen, die sein häßliches Gesichtchen angenehm und rührend gemacht hatte. Um die Mundwinkel lagerte schon ein leiser Strich der Gewöhnlichkeit. Nur die Augen waren noch klar und sanft wie einst. Denn in ihnen schimmerte die Rettung des einsamen Kindes. Die große stille Liebe, ob auch für ein unwertes Geschöpf. Er ahnte es dunkel – und liebte sie. Er mußte jetzt noch mehr leiden als früher. Er konnte sie abends nicht mehr erwarten. Sie kam oft erst um zehn oder um elf Uhr nach Hause. Sie hatte »zu thun«.
War sie tags zu Hause, so achtete sie nicht auf ihn, sondern arbeitete. Sie machte stundenlang mit Armen und Füßen ein und dieselbe Bewegung. Der Knabe sah ihr schüchtern und geduldig zu. »Was machst Du da?« fragte er manchmal. Und sie erklärte herablassend: »Das ist ein Steh-Glissé und das ist ein Balancé und das ist ein Chassé.« Des öfteren wurde sie ärgerlich auf sich. »Ob ich mich nicht mehr in die Hüfte legen kann!« Dann arbeitete sie mit solcher Heftigkeit und Ausdauer, bis sie, mit weißen eisigen Lippen, auf einen Stuhl sank. Sie sah auch sonst nicht mehr so frisch aus. Unter den Augen schwammen mattblaue Schatten und die Lider waren von gelbbräunlicher Färbung. Sie fing an, sich zu pudern. Ihr Anzug war ein Durcheinander von Putz und Armseligkeit. Sie stahl ihrem Vater alle Augenblicke eine Schleife, eine zerknitterte Blume, ein unechtes zerbrochenes Schmuckstück. Sie kämmte sich die Locken tief in die Stirne, und verlängerte mit angebrannten Schwefelhölzchen ihre Augenbrauen. Sie wurde unzufrieden und verbittert. Die für die Uebungsstunden notwendigen Gegenstände mußte sie sich selbst beschaffen. Dazu reichten die fünf Mark monatlich gerade hin. Leinwandschuhe ohne feste Sohlen, bis weit übers Knie reichende Strümpfe, Gazeröcke und kurze weite Pumphöschen. Der kleine Friedel stopfte mit grober Wolle die rasch durchgetanzten Schuhe. Er nähte die abgerissenen Knöpfe ans Mieder, und die Bänder an die Höschen. »Genierhöschen«, sagte sie mit zusammengekniffenen Augen. Was er sich heimlich grämte. Er hätte das kleine Bild seiner Mutter darum gegeben, sie einmal wieder lächeln zu sehen. Sie lächelte nicht mehr. Den zeitweiligen Vorwürfen des Vaters setzte sie so herausfordernden Trotz entgegen, daß er anfing zu schweigen. Langsam verlor er die Gewalt über sie. Sie fürchtete ihn nicht mehr.
Eines Tages zeigte er seiner Frau ein feines Schmuckkästchen. »Da habe ich was billig gekauft. Schau her.« Er hielt ihr ein hübsches Armband aus doppelreihigen Granaten hin. Das Mädchen stand daneben. »Schenk mir's.« – »Bist Du verrückt? Das wird nochmal so teuer verkauft. Freilich, Dir schenken!« Er packte den Schmuck wieder ein und ging. Sie sah ihm starr nach. In ihrem Antlitz dämmerte der drohende Entschluß der Sünde. Der Junge faßte angstvoll ihre Hand. »Das Armband – ist das so teuer?« »Teuer! Wenn man's im Laden kauft – fünfzehn Mark. Ein Lumpengeld. O wenn ich wollte – nicht heimkommen, nur eine Nacht –« Sie biß sich erschrocken auf die Lippen. Aber der Knabe hatte begriffen. Die Kinder in der Mauernstraße begreifen so schnell. Er fällt vor ihr nieder. »O, Du, Du – das thust Du nicht. Ich versprech' Dir's – bis Weihnachten schenk' ich Dir das Armband – aber Du kommst heim, gewiß, Du kommst heim.« Sie versteht seine Worte, aber nicht den rasenden Schmerz, der seine Stimme entzweibricht. Ein letztes menschliches Empfinden, das Mitleid, regt sich in ihr. »Dummer Junge – was fällt Dir denn ein? Freilich komme ich nach Haus. Sei nur still!«
Er ist still. Sehr still. Er atmet kaum. Es thut ihm weh. Am nächsten Morgen steht er fröstelnd im nassen Novemberwind vor der Hausthüre. Sein weißes blutloses Kindergesicht ganz starr, ganz farblos. Er schleppt sich mühselig die schmutzige schwarze Straße entlang. An der Ecke bleibt er nochmals stehen. Sein Körper zittert vor innerlichem Schluchzen. Aber er geht weiter, biegt in die große lärmende Straße ein. Er geht betteln.
Tag für Tag. Die Vorübergehenden wissen nicht, welch' wehevolle Ueberwindung jede Bitte aus diesem kleinen schmerzverzerrten Munde ist. Es schaut ihm ja Keiner in die Augen. Sie blicken aus dem müden Gesichtchen wie zwei aus dem Herzen emporgewachsene Todesblumen. Denn er stirbt langsam. Er stirbt an der Schande.
Jeden Abend wechselt er seine kleinen Münzen in einem Bäckerladen. Die dicke gutmütige Frau hat so großes Mitleid mit ihm. Sie hat auch noch nie solch' seltsames Bettelkind gesehen. Als er am zweiten Abend kam, wollte sie ihm ein Stückchen Kuchen zustecken. Er dankte mit unverständlicher Heftigkeit. Und als sie es ihm mit Gewalt in die Tasche schieben wollte, fing er an zu weinen. »Nein, nein.« »Warum nicht?« »Ich will nichts für mich.« »Ist denn das Geld nicht für Dich?« »Nein.« »Für wen denn?« Er bleibt stumm. Auf dem Heimweg schleicht er sich regelmäßig an einem großen Juweliergeschäft vorbei. Da hat er im Schaufenster genau so ein Armband entdeckt wie jenes. Zwei Reihen Granaten mit schmalem goldenem Schloß. Auf einem Zettelchen steht der Preis notiert. Vierzehn Mark und fünfzig Pfennige. Soviel Geld!
Daheim fragt ihn Niemand, was er den ganzen Tag auf der Straße macht. Oft kommt er spät nach Hause. Sie wissen's gar nicht. Ob der kleine Junge im Bette liegt oder nicht, es kümmert sich Keiner darum. Und wenn er kommt, schleicht er so leise durch das Zimmer, daß sie ihn nicht hören.
Der Weihnachtstag. Er steht an der Staßenecke, frierend, in Todesangst. Er hat noch nicht genug. Wie flehend er seine von großen roten Frostbeulen bedeckten Hände den Vorübergehenden entgegenstreckt. Aber die haben's heute so eilig. Wer sieht solche kleinen Betteljungen. Der Weihnachtstag wird für ihn der schlimmste. Er hat nichts, gar nichts bekommen. Es ist dunkel geworden. Er hält sich an der schneeverwehten Mauer. Er geht nicht nach Hause, wenn er sein Versprechen nicht erfüllen kann. Ihm gerade gegenüber blitzt's und funkelt's im Schaufenster des Juweliers, sein Verlangen und seine Hoffnungslosigkeit nur vergrößernd. Das Menschengewühl hat längst nachgelassen. Die wenigen noch Vorübereilenden wagt er nicht mehr anzureden. Er fällt auf die Kniee und weint. Plötzlich fühlt er, daß Jemand neben ihm stehen bleibt. »Lieber Gott, Kind – warum weinst Du denn?«
Ein junges Mädchen steht neben ihm. Das rote Licht der Gaslaternen glitzert auf den Stahlknöpfen ihres dunkelblauen Tuchmantels. Er kann vor Schluchzen nicht reden. Sie hebt ihn mitleidig in die Höhe »Willst Du etwas? Kann ich Dir etwas helfen?« Er blickt auf, in ein schmales, freundliches Gesicht mit ruhigen, grauen Augen. Er faltet die Hände. »Das Armband – da drüben. Ich muß es haben. Und ich habe nicht genug.«
Sie stutzt. »Wofür brauchst Du denn ein Armband?« Er giebt keine Antwort, murmelt nur eintönig, herzzerreißend vor sich hin: »Das Armband – das Armband.« Sie faßt ihn bei der Hand. »Komm' mit.« Sie führt ihn über die Straße, gerade vor das Schaufenster. »Welches willst Du?« Er weist hin. »Da, da.« »Wie viel Geld hast Du?« Er giebt ihr ein schmutziges Papier. Darin hat er's aufbewahrt. Sie zählt es nicht, sieht ihn nur nochmals an. »Warte hier. Ich werde Dir das Armband kaufen ...« Ihm ist, als fiele der ganze große Sternenhimmel zu seinen Füßen nieder. Er sucht und ringt nach einem Worte. »Mutter, Mutter!« Er findet kein anderes. Das junge Mädchen kommt aus dem Laden zurück und steckt ihm ein feines buntes Schächtelchen in die Hände. »Da – das ist Dein Christkindchen. Nun weine nicht mehr. Gute Nacht.«
Nach Hause! Nur nach Hause! Durch die stillen, eisigen Straßen stolpert er atemlos dahin, nicht einen Blick nach den weihnachtshellen Fenstern hinaufwerfend. In der Mauernstraße ist's dunkel. Die Gaslaterne brennt noch. Er steht vor der Thüre und drückt angestrengt auf den rostigen eisernen Knopf. Er giebt nicht nach. Die Thüre ist verschlossen. Es schlägt neun Uhr. Was soll er thun? Klopfen? Rufen? Man wird ihn nicht hören. Und er fürchtet sich auch. Er will warten. Um zehn Uhr muß sie heimkommen. Sie hat sich heute morgen den Hausschlüssel von der Mutter geben lassen. Es sei abends noch eine große Probe, aber um zehn Uhr sei sie gewiß zu Hause. Er wartet. In die Ecke zwischen Thüre und Mauer gedrückt, in der Hand das Armband. Er hat es aus dem Schächtelchen herausgenommen, um es zu betrachten. Wie's funkelt! Er denkt an ihre Freude. Nur daran. Nicht an seine Schmerzen. Auch nicht an die Geberin. Nur an sie.
Zehn Uhr. Nun wird sie gleich kommen. Wirklich Schritte ... Er beugt sich weit vor. Es ist nur der Mann, der die Laternen auslöscht. Sie nicht. Die Probe kann länger gedauert haben. Sie hat sich vielleicht verspätet. Sie wird schon kommen. Gewiß. Es wird immer kälter. Er steckt die Hände in die Hosentaschen und zieht abwechselnd die Füße empor. Ist das ein trauriges Warten in der schneehellen, todesstillen Winternacht. Von Viertelstunde zu Viertelstunde verfolgt er die dröhnenden Schläge der Turmglocke. Elf Uhr. Sie ist nicht da. Er weint nicht. Er drückt die Hände in die kleinen spitzigen Eiszapfen an den Mauervorsprüngen. Wem er umsonst gebettelt hätte, umsonst ...! Ihm ist, als müßte das Blut zu seinen entzündeten Augen herausspritzen. Und warten, warten, warten! Er kann vor Kälte nicht mehr ruhig stehen. Er humpelt die Stufen herunter und wankt hin und her. Mechanisch drei Schritte vor und drei zurück, den Kopf weit zurückgeworfen, zum silberschimmernden Weihnachtshimmel aufstierend.
Mitternacht. – Er wirft sich zu Boden, heult und beißt mit den Zähnen in die gefrorene Erde. Seine Krücken hat er weit von sich geworfen. Auf allen Vieren kriecht er zur Thüre zurück. Und liegt da – ächzend, wimmernd, sterbend. Er verliert das Bewußtsein. Eine rote, glitzernde Schlange mit goldenem Krönchen ringelt sich um seinen Hals. Sie erwürgt ihn. Er regt sich nicht einmal. Da knarrt's über den Schnee her. Er richtet sich krampfhaft wild empor. Seine flimmernden Augen sehen zwei dunkle, aneinandergepreßte Gestalten. Mehr kann er nicht erkennen. Er hört nur, hört – Worte, die ihm alles Blut in Thränen verwandeln. Umsonst!
Müde, schwankend kommt sie die Stufen herauf. Ihre tastende Hand stößt an den Knaben. Sie fährt zurück. Er streckt ihr die erstarrte Hand mit dem funkelnden Reif entgegen. »Da – Dein Armband. Weißt Du, ich – habe – gebettelt.« Er fällt schwer und steif vor ihren Füßen zu Boden. Er ist tot.
Milost pan.
| Personen: |
| William Stoneberg. |
| Katya Stanyek. |
| Ein Diener. |
Ein großes Zimmer. Im Hintergrund rechts eine Thüre. Vorn rechts ein geöffneter Flügel mit Notenheften und Partituren bedeckt. In der Mitte des Zimmers ein großer, runder Tisch. Darauf ein Schreibzeug. Rechts und links Stühle. Links vorn in einer Gruppe von Zierpflanzen eine schwarze Säule mit großer Beethovenbüste. Dicht davor ein kleiner Tisch mit zwei niedrigen Fauteuils. Weiter zurück links ein Fenster mit schweren Vorhängen. In der Mitte des Hintergrundes ein hohes Regal mit Partituren. Rechts und links davon Luftheizungsklappen. Die ganze Einrichtung schwer und dunkel. Es ist vollkommen Nacht.
Scene 1.
Die Thüre wird von außen aufgeschlossen. Stoneberg in Winterrock und Cylinder. Der Diener trägt eine Lampe und einen Violinkasten. Die Thür bleibt offen. Man sieht in ein kleines Vorzimmer mit einigen Rohrstühlen, Kleiderhaken und Schirmständern. Von ferne hört man ganz leise die spanischen Weisen von Sarasate mit Orchesterbegleitung.
Stoneberg (auf den Mitteltisch deutend): Hierher.
(Der Diener stellt den Kasten und die Lampe nieder, hilft dann Stoneberg den Ueberrock ablegen. Stoneberg ist in Frack und weißer Kravatte.)
Stoneberg: Ich kann hier bleiben, ungestört?
Diener: Ganz ungestört. Das Zimmer wird nur vor- oder nachmittags zu den Einzelproben benützt. Abends nie.
Stoneberg: Gut. Zünden Sie das Gas an. (Zieht die Handschuhe aus, reibt sich die Hände.) Unerträgliche Kälte.
Diener: Ich werde sogleich die Heizungsklappen öffnen.
Stoneberg (geht an eine der geöffneten Klappen, die Hände in die ausströmende warme Luft haltend, spricht mit rückwärts gewendetem Kopf zu dem Diener, der die Fenstervorhänge zuzieht und das Gas anzündet): Wie lange bleibt der Portier auf?
Diener: Nach Schluß des Konzertes noch eine Stunde. Aber wenn Herr Stoneberg wünschen, daß er länger ....
Stoneberg: Nein; so lange bleibe ich nicht. (Geht im Zimmer umher, bleibt vor dem Flügel stehen): Ah, ein Stoneberg. (Schlägt ein paar Tasten an und geht dann an den Mitteltisch, sucht einen Briefbogen und ein Couvert heraus, schreibt. Der Diener ist unterdessen mit dem Anzünden fertig geworden.)
Diener: Wünschen Herr Stoneberg noch etwas?
Stoneberg (schreibend): Warten Sie. (Der Diener geht ins Vorzimmer.)
Stoneberg (schreibend): Sie haben auch den Dienstmann bezahlt, welcher den Violinkasten aus meinem Hotel holte?
Diener: Ja.
Stoneberg (steht auf, wirft einen prüfenden Blick nach dem Diener, geht langsam im Vordergrund des Zimmers auf und ab, halblaut das Geschriebene lesend): »Gnädigste! Heute Abend habe ich mich überzeugt, daß Ihr Instrument der Künstlerin nicht würdig ist. Sie haben das Adagio des Beethovenkonzertes nicht gespielt, wie Sie es spielen können. Das Publikum hat es nicht bemerkt, wohl aber das Ohr eines Musikers. Ich habe mich daher entschlossen, Ihnen die in meinem Besitz befindliche Amati zu überlassen. Ich muß so unhöflich sein, Sie noch heute Abend zu bemühen. Ein vor wenigen Stunden erhaltenes Telegramm zwingt mich morgen früh fünf Uhr zur Abreise nach New-York. Darf ich Sie für wenige Minuten auf das neutrale Gebiet des Probezimmers bitten? Ich habe das Instrument holen lassen, Sie können es genau prüfen. Ihr bewundernder Verehrer William Stoneberg.« (Geht an den Tisch, schließt den Brief in ein Couvert, schreibt die Adresse, winkt dem Diener.) Gehen Sie ins Künstlerzimmer und warten Sie bis zum Schluß des Konzertes. Wenn Fräulein Stanyek kommt, übergeben Sie ihr diesen Brief und bitten um Antwort. Sollte sie es verlangen, so führen Sie die Dame her. Nun – (zieht seine Börse heraus) für den Dienstmann und Ihre Bemühungen.
Diener: Danke, gnädiger Herr. (Geht, schließt hinter sich die Thüre.)
Scene 2.
Stoneberg (allein. Klappt seinen Cylinder zusammen, trägt den Ueberrock auf einen Stuhl im Hintergrund, öffnet den Violinkasten). Wird sie kommen? Glaube wohl. Anstandsrücksichten kommen bei ihr nicht allzuviel in Betracht. Und wo sich's um eine Amati handelt, um diese Amati! – Aber warum lass' ich sie kommen? Um ihr die Amati zu überlassen? Ich denke nicht daran. Es wäre denn, daß sie einen Preis dafür zahlt, einen Preis ... ich glaube nicht, daß sie ihn zahlt. Aber versuchen. Und einmal will ich mit ihr allein gesprochen haben. Ganz allein. – Dies Geschöpf! Was zwingt mich zu ihr? Ihr Lachen, ihr großes tolles Lachen – und ihre schwermütigen Augen. Ich verstehe sie nicht. Gehört sie zu den Frauen, die nur deshalb reizend sind, weil sie sich an der äußersten Grenze bewegen? Ich habe viel Unpassendes von ihr gesehen, tausend Sonderbarkeiten wie die rätselhafte Gürtelkette, nie etwas Unschickliches. Bin ich noch deutsch-sentimental genug, daß ihre Begabung auf mein Gefühl wirkt? Zwanzig Jahre in Amerika und noch sentimental. (Pause.) Ob ich mir nicht Unrecht thue? Sentimental? Es könnte noch eine andre Regung dabei sein. Ich würde sie mir leichter verzeihen. (Die Musik verstummt. Man hört lange anhaltenden Applaus.) Zu Ende. Nun werde ich ja gleich wissen .... (Geht mit kurzen Schritten auf und ab, fährt sich ein paarmal erregt über die Stirne. Aergerlich): Daß mich so etwas noch nervös machen kann! Was ist's denn? Ein kleines Slavenmädchen von möglichst dunkler Herkunft. Aufgewachsen im künstlerischen Vagabundentum. Darin liegt meine Hoffnung. Und in der Amati. (Er nimmt die Violine aus dem Kasten, betrachtet sie. Es klopft.)
Stoneberg: Herein.
Scene 3.
Katya Stanyek (tritt ein, läßt die Thüre halb offen. Man sieht den Diener und eine ältere, einfach gekleidete Person. Katya ist in vollständig weißer Konzerttoilette. Nur an der Schulter und im Haar dunkle Rosen. Um die Taille eine feine, goldene Gürtelkette, deren Enden sich in einer Falte des Kleides verlieren. Lose um die Schultern geschlungen ein weißes Seidentuch. In der linken Hand hält sie Stonebergs offenen Brief und ein kleines Taschentuch. Sie ist etwas erschöpft, in starker aber verhaltener Erregung, spricht mit durchaus czechischem Accent, aber ohne Gewöhnlichkeit, mit weicher, ein wenig gebrochener Stimme.)
Katya: Bin ich da. (Tritt an den Tisch.) Also?
Stoneberg (verletzt, macht ihr eine ostentative Verbeugung): Ich habe die Ehre, meine Gnädigste, Sie zu begrüßen.
Katya (ohne darauf zu achten): Wie viele Geld verlangen Sie? Bitte – rasch.
Stoneberg: Gnädiges Fräulein, Sie nehmen die Sache sehr geschäftlich. Ich halte die Hergabe einer Amati für mehr als einen bloßen Handel. Zum mindesten ist dabei ein oder das andere Wort zu reden, welches die Dienerschaft nicht zu hören braucht. (Geht an die Thüre, schließt sie.)
Katya (folgt ihm mit den Augen): Ah – so! (Geht.)
Stoneberg (für sich): Was?! (Laut, mit halbem Lachen): Das hätte ich von Fräulein Stanyek nicht erwartet. Sie fürchten sich?
Katya (schon an der Thüre, wendet sich rasch um, mißt ihn von oben bis unten, greift einen Moment an die Gürtelkette): Nein. (Geht an den Mitteltisch, fest sich auf den Stuhl rechts, nimmt ihr Tuch ab.)
Stoneberg (nimmt den Stuhl links): Gestatten ... ... (setzt sich.) Gnädiges Fräulein, Sie befinden sich in einer ungewöhnlichen – bei Ihnen ganz ungewöhnlichen Aufregung. Ich halte mich für berechtigt, nach der Ursache zu fragen.
Katya (schweigt).
Stoneberg: Wenn Sie meiner Neugierde die Erklärung verweigern, so gewähren Sie dieselbe meiner Teilnahme. Ich helfe gerne – Ihnen. Was haben Sie?
Katya (in Thränen ausbrechend, wirft sich vornüber auf die Tischplatte): Hab' ich gespielt schlecht.
Stoneberg: Schlecht gespielt?! Heute? Sie haben mit einem Feuer, mit einer Leidenschaft gespielt, das Publikum –
Katya: Feuer, Leidenschaft, Publikum! Adagio habe ich gespielt schlecht. Und Narren da unten haben geschrieen Bravo. O, hätten ausgezischt mich, mir wäre nicht so unglücklich. Aber nehmen Lob und haben nicht verdient. Ist mir in Herzen, als hätte ich beschimpft Mutter Gottes.
Stoneberg: Ach, lassen Sie doch die Mutter Gottes aus dem Spiel. Sie thun dem Publikum Unrecht und sich. Haben Sie Ihre Ansicht vielleicht meinen Zeilen entnommen? Sie haben das Adagio ausgezeichnet gespielt. Nur meine hohe Meinung von Ihrer Begabung veranlaßt mich zu dem Glauben, daß Sie's noch besser können.
Katya: Sie sind Narr wie Andere. Wissen nicht, daß man spielt Beethoven schlecht, wenn man nicht spielt Beethoven vollendet.
Stoneberg: Demzufolge müßten freilich sämtliche moderne Virtuosen das Beethovenspielen aufgeben.
Katya: Ich nicht gehöre zu Ihre moderne Virtuose. Hexerei von große Technik haben keine Wert für mich, seit ich kann Hexerei. Weiß ich sehr gut, daß ich kann mehr als die Andere. Und hab' ich gesehen heute, daß ich kann gar nichts.
Stoneberg: Auf die Gefahr hin, mich wieder von Ihnen den – Narren beigezählt zu hören, erlaube ich mir nochmal die Bemerkung, daß Sie sich Unrecht thun. Sie haben den ersten und letzten Satz des Beethovenkonzertes gespielt wie – wie eben nur Sie es können. Wenn das Adagio Sie nicht ganz befriedigen konnte, so liegt die Schuld an dem Ton Ihres Instruments. Er ist groß, kräftig, aber ohne jene höchste Weichheit, jene innere Verklärung, wie sie einer – Amati innewohnt.
Katya (leise): Weiß ich lange wohl. Aber will ich nicht geben zu mir. Ist so jämmerlich, suchen Entschuldigen für Nichtkönnen von sich selbst.
Stoneberg: Also diese weibliche Schwäche haben Sie nicht. Nur thun Sie auf der anderen Seite zuviel. Und wenn Sie wirklich schlecht gespielt hätten, so verstehe ich noch immer nicht, warum Sie die Sache so tragisch behandeln, als ein solches Unglück.
Katya: Für mich – ist es Unglück.
Stoneberg (zuckt die Achseln).
Katya (mit tiefgesenktem Haupt, sehr leise beginnend.) Seit erstemal habe ich gehört einer Melodie von Beethoven, ist Herz geworden taub für andere Ton. Hab' ich gespielt viel andre Ton, weil ich wollte lernen. Wollt' ich warten, bis ich konnte ganz viel, um es zu machen recht für Beethoven. Aber wenn ich habe gespielt andre Ton, war es immer so leise in mir: Kde je – milost Pan? Wo ist – gnädiger Herr? O mein gnädiger Herr, hab' ich es gemacht schlecht!
Stoneberg (für sich): Interessante Komödie. Gut gespielt. Nur ihre Augen – ich darf nicht hineinschauen. Sonst fange ich an, ihr zu glauben ....
Katya: Ist ungeschickt von meine Mund, Ihnen sagen solche Worte. Aber bin ich so große Trauer.
Stoneberg: Und in solchen Fällen thut es den Damen wohl, sich auszusprechen. Bitte, sprechen Sie nur weiter. Einem Freund gegenüber –
Katya (sehr rasch): Sie nicht sind Freund von mir.
Katya: Weiß nicht so deutlich. Und Sie kennen gar nicht mich.
Stoneberg: Sie kennen mich auch nicht.
Katya: O ja.
Stoneberg: So?
Katya: Sie haben gewesen arm in Deutschland und haben verdient viele Geld in Amerika. Nun Sie haben gemacht Ihre Namen bis in die Hälfte amerikanisch. Stone-berg. Ihre deutsche Name ist Steinberg. Das ist nicht gefallen mir. Würde ich nie nehmen eine andere Nam' als die von meiner Vaterland.
Stoneberg: Mehr haben Sie mir nicht vorzuwerfen?
Katya: Doch. Ist mehr noch. Aber kann man nicht sagen es.
Stoneberg: Sagen Sie's nur. Meinen Ohren wirds nicht weher thun es zu hören, als Ihren Lippen es auszusprechen. Die Schellenkappe haben Sie mir vorhin schon aufgesetzt. Ich nehm's Ihnen nicht übel, wenn Sie mir auch noch die Pritsche in die Hand geben.
Katya: An die Uebelnehmen – die Uebelnehmen ist mir gleich. Werd' ich Ihnen sagen ganze Wahrheit. In Ihre Herz ist geblieben noch eine kleine Stück von deutsche Wald und so klare Blum'. Doch über sie stehen amerikanische Verstand, der ist so klug und haben eine große Sack mit Geld. Und über Wald und Blume und Verstand und Sack mit Geld ist gebreitet eine lange Teppich von Höflichkeit und ganz feiner Benehmen. Seit ich bin hier vier Wochen habe ich gesehen Sie vieler Abend in großer Gesellschaft. Haben Sie nie gemacht eine Fehler und haben nie gesagt besseres Wort als andre feine Herrn.
Stoneberg: Wissen Sie denn, Fräulein Stanyek, daß Ihre Worte eine große Schmeichelei für mich sind? Sie haben mich ja beobachtet, als ob ich Ihnen interessant wäre.
Katya: Hat man gesagt zu mir, Sie sind gewesen arm als kleine Junge. Sie sind gegangen ganz mit sich allein über Meer und haben gemacht Arbeit so viel und so gut, bis Sie waren reiche Mann, vor dem Leute haben Achtung. So hab' ich gehabt Aufmerken für Sie – weil ich war auch arm.
Stoneberg: Sie waren arm? Davon hab' ich nichts gehört. Aber sonderbare Dinge von Ihrer Herkunft. Eine sehr romantische junge Dame erklärte mir mit großer Bestimmtheit, Sie stammten von echt indischen Zigeunern ab. Der französische Gesandtschafts-Attaché äußerte sich mit liebenswürdigem Lächeln dahin, er hielte Sie für die Tochter eines ungarischen Magnaten; ein Dritter –
Katya: Haben Unrecht alle. Wahrheit weiß nur eine Mensch. Ich.
Stoneberg: Wollen Sie auch mir ein Geheimnis daraus machen?
Katya: Ja.
Stoneberg (erregt): Was haben Sie für einen Grund? Müssen Sie sich vielleicht der Wahrheit schämen?
Katya (schweigt).
Stoneberg: Reden Sie, ich bitte, reden Sie.
Katya: Habe ich keine Grund zu schämen mich, aber Grund Wahrheit nicht zu sagen. Sage ich ihr jetzt, so schreiben Sie morgen großer Artikel in Zeitung über Leben von Katya Stanyek.
Stoneberg: Ich werde schweigen. Mein Ehrenwort.
Katya: Ehrenwort? Habe ich gehört schon oft geben Ehrenwort und dann (macht die Bewegung des Entzweibrechens) – mitten entzwei. Nein. Ist nichts Ehrenwort.
Stoneberg: Sie mögen an manchen Menschen solche Erfahrungen gemacht haben. Ich halte denjenigen, der sein Wort bricht, für einen Schurken, dem nur eins übrig bleibt: sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Nochmals: mein Ehrenwort.
Katya (sieht ihn eine Weile stumm an): Sehen wohl, jetzt haben wieder gerauscht deutsche Wald in Ihre Herz. – Haben Sie gehört, was macht Böhme, wenn wird geboren eine Kind?
Stoneberg: Nein.
Katya: Rechts von Kind legt man Geige, links von Kind Beutel mit Geld. Greift Kind nach Geige, wird es Musikant. Greift Kind nach Geld, wird es Dieb.
Stoneberg: Es war schon klüger von Ihnen, nach der Geige zu greifen.
Katya: Habe ich müssen thun. Hat mir nur hingelegt Geige. Vater hatte keine Beutel mit Geld. War böhmische Musikante, wo ziehen hinauf hinunter an große Fluß Moldau. Hatte junges Weib mit Augen von Nacht und kleine Fuß. War nachgelaufen arme böhmische Musikante und geworden sein Weib ohne Ring an Finger und ohne Segen in Kirche. Ohne Segen! Auf Landstraße war geboren kleine Katya, auf Landstraße junge Weib war tot.
Stoneberg (ist ein wenig näher gerückt, beobachtet Katya mit wachsender Teilnahme): Und dann?
Katya: Dann hat Vater getragen kleine Mädchen auf der Rücken durch ganze Land. Waren Leute viel mitleidig, weil er war immer so traurig und hatte nur lieb kleine Katya. Hab' ich gelernt eher Singen wie Gehen. Und spielen auf Geige. Hat so geweint Vater als erstemal spielte ich ohne Helfen: Kde domov muj –
Stoneberg: Was heißt das?
Katya: Das ist schönste böhmische Volkslied und heißen: Wo ist meiner Heimat? Hab' ich es gesungen oft mit so heißer Gefühl und habe gehabt in Heimat so große Weh. Hab' ich gefürchtet mich, wenn kam weiße stille Schnee. War viel kalte Nacht und haben wir gehabt oft keine Bett zu schlafen. Aber bei Häuser, wo wird gemacht bunte Glas, liegt große Berg von Asche. Wird gefahren aus Ofen für Glas und ist warm. Haben wir uns gewühlt in warme Asche und geschlafen. Nach eine Nacht ist Vater geschlafen sehr lange. Hab' ich genommen Geige, gespielt Kde domov muj. Vater haben geschlafen weiter. Hab' ich gewußt, er war tot. Leute haben gesagt, Asche war zu heiß, haben gehabt in sich böse Dampf, arme Vater ist erstickt. Arme, arme Vater.
Stoneberg: Armes Kind.
Katya: Hab' ich wollen springen hinein in Grab zu meine Vater. Aber Leute haben gehalten mich. Hab' ich geschrieen wie wilde Tier und gebissen mit Zähnen vor meine Jammer. Ist gekommen alte Herr von Haus mit buntes Glas, haben gesagt, er will geben viele Geld, weil ist geschehen mir so große Unglück auf seiner Eigentum. Haben mich schon gehört spielen Geige seine Arbeiter. Haben gesagt zu alte Herr, er soll schicken mich in Praha und geben zu gute Lehrer von Geige. Haben er gethan. War ich noch so kleine Kind von sechs Jahre, haben er mich lassen bringen in Praha durch eine von seine Arbeiter. Eine junge Mensch mit guter Gesicht. Haben mich gebracht zu seine Mutter. Alte Frau mit Schnee auf Haar. Alte Frau war gut mit traurige Kind. Haben geführt zu berühmte Lehrer von Geige. Hab' ich nicht wollen spielen vor. Habe wollen spielen nie wieder, nie wieder. Alle Rede von alte Frau und berühmte Mann waren keiner Hilfe. Ist geschehen eine Wunder. Im Zimmer neben haben gespielt eine Hand einer Melodie .... oh .... bin ich gefallen auf Knie, habe gebeten berühmte Mann, mir geben Lehre, daß ich könnte spielen eine Mal in meiner Leben solcher Melodie. War Beethoven.
Stoneberg: Was ist das für eine Melodie?
Katya: Opus 90, zweite Satz. Nicht für Geige, nur für der Klavier. Aber war meiner Sehnsucht von dieser Tag zu spielen ihn auf Geige. Wollte ich spielen jeder Melodie von Beethoven auf Geige. Habe ich immer gehabt Zorn, daß er haben gedichtet so vieler Melodie für Klavier. Ist eine tote Instrument – – Aber glaube ich meine Erzählen gehen lange, zu lange, werden haben Langeweile.
Stoneberg: Nein. Ich möchte Ihnen zuhören – tausend und eine Nacht.
Katya: Ist nicht mehr zu sagen vieles. Habe ich gespielt Geige ganze Tag und halbe Nacht. Nicht gethan andres, nicht gelernt andres. Haben keine Mensch mich erzogen. Als kam ich in große Welt war böse Gesellschaft. War ich oft in Gefahr, zu thun nicht gute Sache. Aber war dann in meine Ohr eine Zittern von Melodie von Beethoven und habe nicht gethan Unrecht. Ist meine Glauben, daß ich kann nicht mehr spielen Beethoven, wenn ich thue Sünde. Habe ich oft nicht rechte Benehmen, weiß ich wohl gut. Aber hab' ich in Herz Rechtes, weil bete ich zu große Genius. Er ist meine Heiland.
Stoneberg: Und dieser Heiland hat Sie bewahrt – in jeder Versuchung?
Katya: Ja. Denn hab' ich gelernt bewahren mich selbst. Sehen hier (zieht die Kette ein wenig empor. Am Ende derselben ist ein kleiner Dolch befestigt) kleine spitze Ding. Trag' ich seit lange Jahre. Ist Gefühl von Sicherheit. Habe ich geglaubt heute Abend Sie haben böse Sinn. Wäre nicht geblieben mit Ihnen ohne kleine Messer. Aber habe ich gehabt Unrecht. Sehe wohl, Sie sind nicht böse Sinn.
Stoneberg (ruhig, aber mit tiefer, innerer Bewegung): Sie irren sich, Fräulein Stanyek. Ich habe sehr bösen Sinn gehabt. Ich wollte Ihnen keineswegs die Amati geben –
Katya: Die Amati? Nicht die Amati? O wie können sagen Sie so harte Wort. Will ich Ihnen geben, was Sie verlangen, will ich Ihnen geben alles, was werde ich verdienen noch in viele Jahre, will ich lieber hungern, aber geben Sie mir der Amati, geben Sie mir!
Stoneberg: Ich werde sie Ihnen geben. Aber lassen Sie mich jetzt reden. Ich werde es schlechter machen als Sie, wenn ich auch die rechten Worte habe. Sie haben den rechten Ton. Der geht in die Seele tief hinein. Ich wußte nicht mehr, daß ich eine Seele habe. Durch Sie, durch Ihr Wesen, durch Ihr .... ja, sehen Sie, ich weiß wirklich nicht weiter – ich liebe Sie.
Katya (steht langsam auf, die Augen starr auf ihn geheftet).
Stoneberg (leidenschaftlich werdend): Ich will vor Ihnen nicht mehr lügen. Ich liebe Sie – seit dieser Stunde. Aber ich verlangte nach Ihnen, leidenschaftlich, ehrlos, schon viele Nächte. Ich hatte nur eine Begierde: Sie zu küssen. Jetzt habe ich nur einen Wunsch: vor Ihnen zu knieen.
Katya: Ihre Worte klingen gut, aber kann ich nicht geben Glauben. Lassen mich gehen mit Amati und geben mir Hand als gute Freund.
Stoneberg: Nein.
Katya: Dann Sie haben nicht Liebe für mich. Nur Leidenschaft.
Stoneberg: Ich habe die wahre Liebe für Sie. Nehmen Sie die Amati – als Brautgeschenk. Werden Sie mein Weib.
Katya: Ah – die Amati –
Stoneberg (leise): Werden Sie mein Weib.
Katya: Nein. Lieb' ich Sie nicht.
Stoneberg: Sie haben Vertrauen zu mir. Sie werden's lernen mir gut sein.
Katya: Lernt man nicht.
Stoneberg: Ich liebe Sie so unendlich –
Katya: Glauben Sie – aber ist nicht Wahrheit. Haben mir jetzt gesagt viel Worte mit schöner Klang, nicht eine Mal meiner Nam', weil steht meiner Nam' nicht in Ihre Herz. Er haben mir nur gesagt meiner Nam', haben geschrien meiner Nam' im Tod ....
Katya (eintönig): War arme Junge. Sohn von alte Frau, wo ich haben gewohnt in Praha. Haben mich sehr geliebt. Und ich – war ich jung und war er schöne Bursch, wär' ich vielleicht gelaufen mit ihm betteln auf Landstraße ohne Ring an Finger und ohne Segen in Kirche. Aber der gnädige Herr – haben er verlangt große Opfer und hab' ich gegeben ihm. Habe gesagt nein zu armer Junge. Bin gefahren hinaus in Welt und er haben geworfen sich vor der Pferde und geschrien meiner Nam': Katya, Katya! – Oh er haben geliebt mich recht.
Stoneberg: Aber begreifen Sie denn nicht, daß die Natur eines jeden Menschen sich anders äußert?
Katya: Ist nur eine Liebe. Liebe immer gleich.
Stoneberg: Ich mag's glauben, daß jener Ihnen seine Liebe anders gestanden hat. Ich glaub's nicht, daß er Sie mehr geliebt hat als ich. Ich mache Sie zu meinem Weib. Ich trete mit meinem Namen, mit meiner Ehre für das Weib ein. Das ist nicht wenig vor der Welt, denn die Welt kennt Sie nicht, wie ich. Und dennoch bin ich bereit, Sie auf meinen Armen wie eine Königin durchs Leben zu tragen, Allen zum Trotz.
Katya (leise): Ist Wahrheit, was er sagen. Sehr Wahrheit. Aber würde er nicht sagen mir, wenn er liebte mich.
Stoneberg: Glauben Sie mir nun?
Katya: Glaube ich, daß Sie würden haben wahre Liebe, wenn müßten leiden eine große, große Weh um mich. Jetzt – nein.
Stoneberg (wendet sich von ihr): Gute Nacht.
Katya (geht ein paar Schritte, wendet sich zögernd um) Und – der Amati – darf ich nicht nehmen ihr mit?
Stoneberg: Nein.
Katya (steht, mit sich kämpfend, an der Thüre): Der Amati – o der Amati – (Kehrt um). Bitte, schauen Sie mir in Gesicht. Habe ich Ihnen gesagt, daß ich nicht liebe Sie. Wollen Sie meiner dennoch?
Stoneberg: Ich will, ich will! Denn ich weiß, daß Sie mich lieben werden.
Katya: Wollen Sie helfen mir werden immer besser in meine Kunst?
Stoneberg: Ich werde ehrgeiziger sein als Sie.
Katya: Wollen Sie nicht haben Zorn, wenn ich mache Fehler in Leben und mit gute Wort mir sagen wie ich soll machen anders?
Stoneberg (neigt sein Haupt auf ihre Hände): Ich habe Ihnen nichts zu sagen.
Katya: So – so werd' ich sein Ihre Weib.
Stoneberg (fällt in wortloser Bewegung vor ihr auf die Knie): – Dank.
Katya: O nein. Wissen nicht, ob Sie haben Dank mir.
Stoneberg: Sie werden's nicht bereuen, Sie werden Ihr Wort nicht zurücknehmen?
Katya: Nein.
Stoneberg: Ich fürchte mich – ich fürchte mich, Sie zu verlieren. Sie – Sie werden mein Weib?
Katya (langsam): Meine Ehrenwort.
Stoneberg: Ihr Ehrenwort? Wissen Sie, was das bedeutet? Wissen Sie's?
Katya: O ja. Hab' ich jetzt Ring an Finger. Meine Ehrenwort.
Stoneberg (hält einen Moment stumm ihre Hand. Nimmt dann die Amati, giebt sie Katya): Ihr Brautgeschenk.
Katya (schreit auf, preßt die Geige in die Arme, küßt sie. In namenlosem Jubel): Mein, mein!
Stoneberg (für sich, auf Katya blickend): Mein.
Katya: O – o die kleine, braune Ding, wie ich ihr liebe. Wird sie helfen mir, wenn ich suche rechte Ton für gnädige Herr. Werd' ich können spielen, wie ich habe geträumt seit Jahre. Werd' ich finden eine Mal, eine Mal in meiner Leben Glück.
Stoneberg (für sich): Welche Schönheit, welche Kraft! Ich liebe – ich fürchte sie. Aber ich lasse sie nicht. Und müßte ich um sie ringen – mit ihr selbst.
Katya: Hab' ich einer großen Bitte an Sie. Kann nicht erwarten zu hören Amati. Möchte spielen Melodie, erste, die habe ich gehört von Beethoven als kleine Kind. Wollen begleiten mich auf Klavier. Bitte, bitte!
Stoneberg: Kind, großes Kind! Wenns Dir Freude macht – (Katya zuckt leicht zusammen). Aber ich kann den Satz nicht auswendig.
Katya: Wird sein hier unter Noten. Sehen wohl – hier Beethoven.
Stoneberg (nimmt den Band, setzt sich ans Klavier, schlägt auf. Katya behält von jetzt bis zum Schluß die linke Seite, zwar so, daß sie sich immer mehr der Beethovenbüste nähert).
Stoneberg: Ja, hier stehts.
Katya: Spielen immer zu. Geh' schon mit. Aber Tempo zu schnell nicht. So. (Taktiert mit dem Bogen.)
Stoneberg (spielt prüfend die ersten Takte): So recht?
Katya: Ja. Eins, zwei –
(Katya und Stoneberg spielen den Satz durch. Nach dem Schluß läßt Katya Bogen und Geige sinken, unbeweglich vor sich hinstarrend.)
Stoneberg (steht auf, sehr erschüttert): Heute habe ich die Melodie zum ersten Mal gehört. Sind Sie zufrieden mit sich – und der Amati?
Katya (reicht ihm die Geige hin): Da.
Stoneberg: Was soll das? Sie geben sie mir wieder?
Katya (wie in einer Vision unbeweglich): Habe ich gehört reden zu mir seine Stimme aus kleine, braune Ding und sagen gewaltige Wort. Von Sünde, die trägt nicht Namen von Sünde, von Verbrechen, die trägt nicht Namen von Verbrechen, von Schande, die trägt nicht Namen von Schande. Und will ich thun Sünde, will ich thun Verbrechen, will ich thun Schande.
Stoneberg: Was geht in Ihnen vor? Um Gotteswillen, sehen Sie mich an, einmal –
Katya: Will ich werden seine Weib! Und habe nicht Gefühl zu gehen mit ihm auf Landstraße betteln, hungern, sterben. Ah, ah, will ich reißen von mir meiner Ehre – denn keine Ring an Finger und keine Segen in Kirche kann machen mich zu seine ehrliche Weib!
Stoneberg (sehr bleich, atemringend): Sie – steigern sich mit aller Gewalt in eine Einbildung hinein. Wären Sie nur einen Moment ruhig, Sie würden fühlen, daß es vor allem Sünde ist, das Glück eines Menschenlebens zu zertreten.
Katya: Ueber Glück stehen Ehre und meiner Ehre sein mehr wert als Menschenleben tausend! Haben es gesagt gnädiger Herr zu mir, und sollen er haben nicht gesprochen für nichts.
Stoneberg: Und hat er Ihnen auch von Ihrem – Ehrenwort gesprochen?
Katya (aufschreiend): Meine Ehrenwort! (Sehr leise): Bitte.
Stoneberg: Reden Sie nicht! Bitten Sie nicht! Jeder Laut von Ihren Lippen macht mich unfähiger, Sie zu lassen. Ich könnte Sie sterben sehen, ehe ich Sie freigebe!
Katya (ganz gebrochen, fällt vor ihm auf die Knie): Seien Sie Erbarmen! Geben Sie mir wieder meine Ehrenwort!
Stoneberg: Nein.
Katya (hebt die gerungenen Hände zu ihm empor): Geben Sie mir wieder –
Stoneberg: Nie, ich schwör' Dir's, nie!
Katya (springt auf): So muß ich brechen meine Ehrenwort – mitten entzwei. (Stößt sich mit einer raschen kleinen Bewegung den Dolch in die Brust.)
Stoneberg: Nicht – nicht – o Gott!
Katya (steht noch einen Augenblick aufrecht): Meine gnädige Herr werden verzeihen mir. (Sinkt langsam an der Beethovenbüste nieder.)
Stoneberg (hat unterdessen die Thür aufgerissen): Rennen Sie zu einem Arzt, schnell, aber erst Wasser, es ist ein Unglück – (zu Katya zurückkehrend) – und mußte das geschehen – o Du, Du!
Katya: Lassen doch! Ist Bestes für mich, sterben für meine Glauben. Hab' ich gespielt deiner Melodie doch gut. Nicht wahr – milost pane? (Sie sinkt tot zurück.)
Stoneberg (beugt sich über sie, fällt dann vor ihr nieder): Katya, Katya!
Ende.
Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.
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