Mittags.
C'est fait. Die Affaire beendigt. Ich bin wieder ruhig – bin ich. Aber ich habe mir geschworen, mich nie mehr mit diesen sogenannten idealen Naturen einzulassen, die nichts sind als überspannt und gesellschaftlich schlecht erzogen. Die Tragödienszene von heute Morgen hat mir ihre Lächerlichkeit im hellsten Lichte gezeigt.
Louison meldete den Grafen. Er trat ein. Im schwarzen Anzug. Ungewöhnlich korrekt gekleidet, mit ungewöhnlich tiefer Verbeugung. Als das Mädchen die Thüre wieder geschlossen hatte, warf er sich vor mir nieder. Ein wahrer Thränenstrom und dazwischen Jubel- und Schmerzenslaute: Mein Lieb, mein einziges Lieb, verzeih mir, verzeih mir! Ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Nur seine weiße Stirn. Das unnatürliche, blendende und doch bleiche Weiß echter Perlen, durchzogen von feinen, blauen Adern. Diese Stirn ist sehr schön, sagte ich mir. Es bestimmte mich, ein wenig mitleidig mit ihm zu verfahren. Ich ließ ihn sich ausweinen. Doch es währte nicht lange. Mit einem Ruck sprang er auf. Ich gewahrte erstaunt in seinem Gesicht eine sieghafte Entschlossenheit, einen starken hellen Willen. Er setzte sich und ergriff meine Hände. Er sprach, und auch seine Stimme klang tiefer.
Vergieb mir die Thränen. Es sollen die letzten sein. Der Knabe ist tot. Ich habe Dich, ich habe Dich durch die Welt zu tragen – dazu bedarf es eines Mannes. Und der Mann soll Dir mit der Kraft seines ganzen Lebens vergelten, was Du in dieser Nacht für den Knaben gethan hast.
Ich starrte ihn diesmal in Wahrheit völlig verständnislos an.
Was – was?
Und in steigender Hast, flüsternd, fast atemlos:
Du mußt fort, so rasch wie möglich. Ich bringe Dich nach München. Oder weiter. Leite die Scheidung ein, und dann, dann – Thea – unsere Hochzeit!
Ich entreiße ihm meine Hände:
Sein zum Tod erschrockener Blick gab mir meine Fassung wieder.
Ossi! Was fällt Dir ein! Ein solcher Streich! Ohne Stellung, ohne Geld eine Frau heiraten, die älter ist als Du!
Seine großen irren Augen bohren sich in mein Gesicht.
Thea – ich liebe Dich! Ich werde arbeiten.
Dein Vater, der Eclat –
Ich vertrete mein Recht!
Vous êtes fou!
Er hebt sich halb vom Sessel empor.
Nein. Aber – Thea, was sind das für Worte? Fühlst Du denn nicht, daß ich thun muß, was ich thun will?
Ich sehe nur, daß Du Dich ruinieren willst.
Thea, wenn ich nicht an Dir zweifeln soll, muß ich Deine Worte für Edelmut nehmen. Aber das ist ein falscher, ein schlechter Edelmut.
Und mit weißen, bebenden Lippen raunt er mir ins Ohr:
Was ich in dieser Nacht gethan, ist ein Verbrechen. Kann nur gesühnt werden durch die höchste Liebe, die den Menschen über alle irdischen Schranken, über sich selbst hinaushebt. Und diese Liebe muß den Mut zum Licht haben. Sie darf vor keiner ihrer Consequenzen zurücktreten – sonst, Thea, merk wohl, bin ich ein Schurke, ein gemeiner, erbärmlicher Schurke, ein Ehrloser.
Ich bin ganz kalt, gelassen.
Was Du da sagst, ist Unsinn. Du hast kein Verbrechen begangen, sondern nur eine Dummheit, die am besten durch Schweigen gut gemacht wird. Uns aneinander ketten, heißt, uns beide unglücklich machen. In zwei Jahren bist Du meiner überdrüssig, oder ich Deiner. Ich bin nicht gewöhnt, mich einzuschränken. Die Erträgnisse Deiner Liebesgedichte würden wohl kaum für das Parfum ausreichen, welches ich gebrauche. Unter solchen Umständen ist die höchste Liebe etwas durchaus Unhaltbares.
Sein Körper bricht zusammen. Er scheint tot zu sein. Nur die Augen leben noch. Endlich murmelt er:
Wer bist Du denn? Wer bist Du denn?
Und dann mit drohender Geberde und flehender Stimme:
Geh mit mir!
Nein.
– – – hast Du mich nie geliebt?
Nie.
Ich atme erlöst auf. Nun ists vorbei. Ich trete an den Toilettentisch und schütte mir ein wenig eau de Cologne aufs Taschentuch. Er sieht unangenehm grün aus; es ist ihm wohl sehr schlecht. Ich reiche ihm mein Tuch hin. Er stößt mich zurück. Sein Antlitz flammt.
Nie geliebt!! Aber meine Ehre zerbrochen. Weißt Du, daß ich nicht leben kann, so – so –. Was ich von je als das Schmählichste, das Niederträchtigste angesehen, ich hab's gethan. Und dann verkriechen? Feig verkriechen? Nein, nein! Er soll mich niederschießen wie einen Hund, wehrlos, ich gestehe alles –
Und verrätst eine Frau. Wie edel!
Einen Moment ist mir doch bange. Ich glaube, er stirbt. Auf seinen Lippen stehen zwei Blutstropfen. Ich fühle sehend, wie eisig seine Hände werden. Da lösen sich seine zusammengeklebten Finger. »Meine Ehre, meine Ehre!« Und in jähem Umschlag, rauh, brutal:
Wohl, wenn Sie den Mut haben, eine Dirne zu zu sein, so werde ich den Mut finden – ein ehrlicher Mann zu bleiben. A – Dieu, Baronin!
Welch infame Ironie! Sie trifft mich mehr als die rohe Beleidigung. Er schreitet weiß und kalt zur Thüre hinaus. Die schwere Portière fällt wie ein Grabtuch hinter ihm zu.