Der Yankee als Erzieher.

Junge Völker und Kinder.

Die alte Erfahrung, daß junge Eltern sehr häufig bessere Erzieher ihrer Kinder sind als ältere und reifere, findet im Yankeelande eine auffallende Bestätigung. Die Yankees sind eben als Rasse und die übrigen Bürger der Vereinigten Staaten als Nation noch so kindhaft jung, noch so tief befangen in dem glückseligen Taumel des Kraftüberschusses, daß sie ihre klügsten wie ihre dümmsten Streiche mit der gleichen schönen Begeisterung verüben und mit reizender Naivität dem eigenen Verdienst gutschreiben, was sie oft doch nur glücklichen Umständen zu verdanken haben. Der leichte Erfolg, der den kraftvollen und rücksichtslosen Ausbeutern jenes jungfräulichen Kontinents voll ungehobener Naturschätze zu teil wurde, hat die ganze Rasse eitel, prahlerisch und sorglos wie Kinder gemacht, und diese Kindlichkeit ist bis auf den heutigen Tag die liebenswürdigste Eigenschaft des neuen Volkes. Es lebt in den Tag hinein, denkt kaum an morgen, grundsätzlich nicht an übermorgen, kennt keine Gefahr, erschrickt vor keinem Hindernis und tröstet sich über alle Schwierigkeiten hinweg mit dem Gedanken: Es ist noch immer gegangen und wird auch diesmal gehen! Weist ein Außenstehender auf offenbare Schwächen hin, so erwidert der Yankee gut gelaunt: „Nun ja, Sie mögen recht haben; aber Sie sehen ja, wir leben auch so, und wir leben recht gut!“ Man läßt sich alle Unbequemlichkeiten lachend gefallen und schickt sich in alles, da man an ein jähes Auf und Nieder von Überfluß und Mangel, von absoluter geistiger Öde und raffinierter Luxuskultur wie an die schroffen Übergänge von eisiger Kälte zu glü[pg 33]hender Hitze gewöhnt ist. Aus dieser Quelle entspringt der siegessichere Optimismus und die heiße Vaterlandsliebe des amerikanischen Volkes. Dem Yankee gilt ganz selbstverständlich alles Amerikanische als das Beste, das Größte, das Schönste in der Welt, und das jünglinghafte Renommieren mit all diesen Superlativen ist ebenso charakteristisch für die Nation, wie ihre Vorliebe für unsinnige Kraftproben, närrische Wetten, sensationelle Schaustellungen und lärmende Vergnügungen. Der Yankee bewahrt sich diese jugendlichen Eigenschaften bis in sein hohes Alter. Greise, die sich necken, puffen und balgen wie Buben, alte Damen, die sich wie Backfische anziehen, sind alltägliche Erscheinungen.

Kinderzucht.

Es versteht sich von selbst, daß so geartete erwachsene Menschen für das Denken und Empfinden der Kindesseele weit mehr Verständnis haben müssen, als das gesetzte, bequemlich würdevolle Alter der Kulturvölker unserer alten Welt, welches aus der Erfahrung von Jahrtausenden die vorsichtige Kritik und damit sehr häufig auch den steten mißmutigen Zweifel gelernt hat. Die geistige Überlegenheit hört auf, ein glücklicher Erziehungsfaktor zu sein, sobald sie zum geistigen Hochmut ausartet, und in diese Gefahr gerät sie ja in unserer alten Welt leider nur zu leicht. Wenn es andererseits richtig ist, daß der Einfluß der Kameradschaft die Jugend besser zu erziehen vermöge, als das Beispiel des Alters, so sind zweifellos junge Völker uns als Erzieher überlegen. Der Yankee vergöttert sein Kind. Erstens einmal, weil es überhaupt ein rarer Artikel ist, und zweitens, weil es den ungeheuren Vorzug hat, als Amerikaner auf die Welt gekommen zu sein. Man sollte eigentlich meinen, daß eine so stolze, exklusive Rasse wie die der Yankees darauf aus sein müßte, die Reich[pg 34]tümer ihres Landes und die vielen glänzenden Lebensaussichten lieber ihrer eigenen zahlreichen Nachkommenschaft zuzuführen, als sie den einwandernden, ihrer Meinung nach doch unendlich minderwertigen Fremdlingen aus aller Welt zuteil werden zu lassen. Wenn der Yankee dieser nahe liegenden Erwägung zum Trotz Neumalthusianer ist und folglich selten mehr als zwei Kinder hat, so erklärt sich das aus der eigenartigen Stellung, die die Frau im nördlichen Amerika einnimmt. Sie war in den ersten Jahrhunderten der britischen Kolonisationsarbeit infolge ihrer Seltenheit ein Gegenstand des beneideten Luxus und der unterwürfigen Verehrung. Der glückliche Besitzer einer jungen Frau nahm freudig alle Last der Arbeit auf sich, um seiner Gefährtin die Möglichkeit zu gewähren, ihre Schönheit, ihre geistige und körperliche Beweglichkeit bis ins Alter zu pflegen. Die Ansicht, daß es für den Mann die denkbar größte Schande sei, der schwachen Frau harte Arbeit zuzumuten, brachten die Kolonisten ja schon aus der britischen Heimat mit, und es ist begreiflich, daß sie unter den besonderen Verhältnissen des abenteuerlichen Lebens im neuen Lande noch verstärkt und sogar unvernünftig übertrieben werden mußte. So wurde also auch das Wochenbett unter die schweren körperlichen Leistungen gerechnet, die ein Mann seiner Frau nicht öfters zumuten dürfe, als der Bestand und die Interessenpolitik der Familie es unbedingt erforderten. So ist es erklärlich, daß bis auf den heutigen Tag Anglo-Amerikanerinnen, die ihren Stolz darin suchten, viele Kinder zu haben, äußerst selten sind. Die wenigen vorhandenen Kinder profitieren natürlich am meisten bei diesem Zustand. Bei der ungemein bevorzugten Stellung der Frau und bei den günstigen Lebensaussichten, welche nicht nur das begüterte, sondern auch das auf [pg 35]seine Arbeit angewiesene Mädchen in den Vereinigten Staaten hat, erklärt es sich, daß die Geburt eines Knaben durchaus nicht höher eingeschätzt wird, als die eines Mädchens. Eine vernünftige Säuglingskultur herrscht als gute englische Erbschaft über den ganzen Kontinent. Die Eltern sind von einer rührenden Geduld und Nachsicht den Kleinen gegenüber. Ein Kind zu schlagen gilt als unerhörte Roheit. Kinderzucht in unserem Sinne wird drüben wohl nur noch von manchen der eingewanderten Fremdvölker, vornehmlich in deutschen Familien versucht, aber meist vergeblich, denn schon die Kleinsten werden sehr bald durch den Vergleich belehrt, daß sie es nicht nötig haben, sich in dem freien Lande eine unwürdige Behandlung gefallen zu lassen. Deutschen Beobachtern erscheint das Yankeekind sehr oft als vorlaut, unziemlich respektlos und unerträglich ungezogen, wogegen die Yankee-Eltern das starke Hervorkehren des Eigenwillens in ihren Kindern als einen Vorzug ansehen und sich hüten, deren Selbständigkeit zu unterdrücken. Sie geben sich die erdenklichste Mühe, ihren Verkehr mit den Kindern auf den Ton der Kameradschaft zu stimmen und behandeln die unverschämten Gernegroße, sobald sie aus dem Alter der süßen Kindlichkeit heraus sind, in dem man mit ihnen wie mit Puppen spielen kann, wie Erwachsene. Infolgedessen emanzipieren sich die Kinder auch sehr frühe vom Elternhause, und zwar nicht nur in den untersten Ständen, wo die Notwendigkeit mit zu verdienen die lächerlichsten Knirpse oft schon zu selbständigen Unternehmern, zu fixen kleinen Handelsleuten macht.

Lügner und Duckmäuser.

Die öffentliche Schule gliedert sich in Kindergarten (diese deutsche Bezeichnung hat man allgemein übernommen), sowie Volksschule (Popular-School), Grammar-School, High-School und Colleges oder Universitäten. [pg 36]Das Hauptziel, namentlich der niederen Schulen, ist Erziehung zum Patriotismus. Da auch die Kinder sämtlicher eingewanderter Fremdvölker sofort für die Schule eingefangen werden, so bekommen auch die jungen, frisch importierten Deutschen, Slowaken, Griechen, russischen Juden, Syrer und Chinesen zunächst einmal den Grundsatz eingetrichtert, daß alles Amerikanische von unzweifelhafter Vortrefflichkeit sei. Die Verfassung der Vereinigten Staaten wird als höchste Leistung idealen demokratischen Bürgersinnes auswendig gelernt. (Sie ist übrigens tatsächlich nach Form und Inhalt ein Muster von Klarheit, Sachlichkeit und edler, vernünftiger Menschlichkeit.) Die kurze, krause und an erziehlichen Heldenbeispielen nicht eben überreiche Geschichte des Staatenbundes gilt als wichtigster Gegenstand des Studiums, die Geschichte der übrigen Welt dagegen als unbeträchtlich. So vernünftig und so schön nun auch dieser heiße Eifer in der Förderung der Vaterlandsliebe ist, so verführt er doch naturgemäß leicht zu ebenso gröblichen Fälschungen und Unterschlagungen von Tatsachen, wie bei uns etwa die konfessionell gefärbten Darstellungen der Kulturgeschichte. In einem sehr verbreiteten und hochgeschätzten Schulbuch, „History of the American Nation“ von Andrew C. Mc Laughlin, Geschichtsprofessor an der Universität von Michigan, das ich mir zu meiner eigenen Belehrung anschaffte, kommt zum Beispiel in dem 28 eng gedruckte Spalten umfassenden Index das Stichwort „German“ gar nicht vor! Der große und rühmliche Anteil, den die eingewanderten Deutschen sowohl als Kämpfer in den nationalen Kriegen wie auch als Kulturpioniere auf den verschiedensten Gebieten geleistet haben, wird völlig mit Stillschweigen übergangen und nur der Baron Steuben flüchtig als nützlicher militärischer Drillmeister erwähnt! [pg 37]Das ist ein etwas starkes Stück und will gar nicht dazu stimmen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit von dem Yankeevolke als vornehmster Grundsatz der häuslichen wie der öffentlichen Erziehungskunst laut verkündet wird. Man darf es wohl den Amerikanern glauben, auch wenn man nicht lange genug im Lande gewesen ist, um es durch die eigene Beobachtung genügend bestätigt gefunden zu haben, daß es ihrer Erziehung gelinge, feige Lüge und Heuchelei den Kindern schimpflicher erscheinen zu lassen, als selbst gefährliche Streiche des Übermuts und sogar Ausbrüche der Roheit. Der erwachsene Amerikaner lügt zwar, wenn es sein Vorteil erheischt, ärger als ein Gascogner und nimmt es, namentlich dem Staate gegenüber, auch mit seinem Eide durchaus nicht genau – seine Lügenkünste werden sogar, wenn er Geschäftsmann und Politiker ist, als smartness bewundert – aber das amerikanische Kind fühlt sich nicht so leicht zur Lüge veranlaßt, weil es nicht in steter Furcht vor Prügeln und sauertöpfischen Mienen aufwächst. Auch die Schule läßt keinerlei Duckmäuserei aufkommen und straft z. B. den Angeber mit Verachtung, anstatt ihn aufzumuntern. Die ganze Pädagogik geht darauf aus, das Ehrgefühl zu verfeinern und den Ehrgeiz anzureizen. Sie ist außerordentlich verschwenderisch mit Preisen und schmeichelhaften Belobigungen und sie straft vornehmlich durch Beschämung. Dadurch, daß sie die Leistungen körperlicher Tüchtigkeit kaum minder hoch einschätzt als die geistige Befähigung, schafft sie auch für die minder Begabten, aber wenigstens körperlich gewandten und mutigen Schüler eine Möglichkeit, ehrenvolle Auszeichnungen davonzutragen. Gute Schüler, die sowohl in den Athletiks wie in den Wissenschaften Hervorragendes leisten, kommen im Laufe der Schuljahre in [pg 38]den Besitz eines kleinen Museums von Ehrenflaggen und Wimpeln, silbernen Bechern, Medaillen, Diplomen, Bücherpreisen und dergl., und diese Trophäen aus der Schulzeit machen noch in höherem Alter den größten Stolz der Inhaber aus.

Schülerverbindungen.

Sehr schwer ist es begreiflicherweise, den jungen Republikanern Disziplin beizubringen, denn die Abneigung gegen jeden Zwang liegt ihnen im Blute. Dazu pflegen sie im Durchschnitt auch noch erheblich temperamentvoller und lebhafter, ungebärdiger und eigenwilliger zu sein, als die Kinder der meisten anderen Völker. Man stelle sich eine junge Lehrerin (die Lehrkräfte sind zum überwiegenden Teil weibliche) einer großen Klasse von tobsüchtigen Buben und ausgelassenen Mädels gegenüber vor. Schlagen darf sie nicht, auch wenn sie körperlich imstande wäre, diese wilden Rangen zu bewältigen. Wüstes Anschreien ist auch verpönt; wie soll sie also mit einer solchen Gesellschaft fertig werden? Georg v. Skal erzählt in seinem Buche „Das amerikanische Volk“ ein hübsches Beispiel, wie solch eine schon fast verzweifelte junge Lehrerin ihrer besonders wilden Klasse Herr wurde. Sie erklärte nämlich der radaulustigen Gesellschaft, sie habe es satt, sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, sie möchten sich gefälligst allein regieren; sie gebe ihnen anheim, sich einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten und was sonst für Beamte notwendig seien, aus ihrer Mitte zu wählen und mache dann diese selbstgewählte Regierung für Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich. Und siehe da, der angeborene common sense, d. h. der Instinkt für das Vernünftige, brachte diese schwierige Gesellschaft ohne irgend welche Beeinflussung von oben dazu, den besten und gesittetsten Schüler der Klasse zum Präsidenten und den stärksten und gewalt[pg 39]tätigsten zum Vizepräsidenten zu erwählen. Der erstere suchte durch vernünftige Überredung einzuwirken, und der Vizepräsident, als Haupt der Exekutive, verprügelte eigenhändig die unbotmäßigen Elemente dergestalt, daß sie es bald vorzogen, sich widerspruchslos zu fügen. Die junge Lehrerin durfte sich bald einer Musterklasse rühmen. Die Selbstverwaltung spielt überhaupt eine große Rolle im amerikanischen Schulwesen. Schülerverbindungen aller Art werden nicht wie bei uns unterdrückt, sondern im Gegenteil begünstigt. Die Lehrer unterweisen diese Verbindungen in der Handhabung der parlamentarischen Formen und wachen nur darüber, daß keine unziemlichen oder unsinnigen Ausschreitungen stattfinden. Der schlimme Anreiz zur frühzeitigen Nachahmung eines studentischen Saufkomments fehlt den Schülern der amerikanischen Mittelschulen vollständig, da ein solcher auf den Universitäten nicht existiert. Und so läuft die Haupttätigkeit aller Schülerverbindungen auf Sport und Spiel, vornehmlich auf die Nachäffung des politischen Lebens im kleinen, auf Übung im Redenhalten und Debattieren hinaus. Der Erfolg ist denn auch der, daß der junge Amerikaner des Durchschnitts zum mindesten die rhetorische Phrase außerordentlich geläufig beherrschen lernt und daß die hervorragenden Intelligenzen sich spielenderweise zu vorzüglichen Rednern und schlagfertigen Debattern heranbilden. Der Lehrplan ist in den Elementarschulen durchaus auf das Praktische gestellt; es wird scharf gedrillt, viel auswendig gelernt und viel examiniert. Was jeder Mensch an Elementarwissen zum Leben unbedingt notwendig braucht, wird zuverlässig den im allgemeinen äußerst hellen und lernbegierigen Köpfen eingetrichtert. Nebenbei verrichtet aber die Volksschule noch eine höchst wichtige Kulturarbeit, indem sie auch die erwachsenen [pg 40]Einwanderer durch deren Kinder erziehen läßt. Selbstverständlich erlernen diese die englische Sprache sehr viel rascher und gründlicher als die Eltern und werden dadurch zu deren Lehrern. Aber sie werden auch zu Lehrmeistern ihrer Eltern in bezug auf Körperkultur, Hygiene und Manieren. Jedes Kind, das nicht sauber gewaschen und in properem Anzug zur Schule kommt, wird seinen Eltern heimgeschickt mit dem Auftrag, das Nötige zur Behebung solcher Mängel sofort vorzunehmen. Die heimgeschickten Kinder fühlen sich so beschämt durch diese Maßnahme, daß sie es in den meisten Fällen auch bei Eltern, die einem Volke angehören, dem die Pflege des Drecks ein Gegenstand religiöser Überzeugung ist, durchsetzen werden, daß um der Schule willen Seife, Zahnbürste, Kamm usw. mit der der angelsächsischen Rasse angeborenen Energie angewendet werden. In besonders schwierigen Fällen begleiten wohl die Lehrerinnen die armen Kinder solcher Schmutzfanatiker heim und reinigen und beflicken sie selbst vor den Augen der Eltern; oder die Angehörigen besonderer sozialer Hilfsvereine unterziehen sich dieser menschenfreundlichen Aufgabe. So lernen sich unzivilisierte Eltern vor ihren Kindern schämen und bringen es noch auf ihre alten Tage über sich, dem Weidwerk auf den eigenen Köpfen nachzugehen und die ehrwürdige Patina des wärmenden Drecks, den sie aus Europa oder Asien über das Weltmeer mit hinüber gebracht haben, den ungemütlichen Idealen moderner Hygiene zu opfern.


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Das Universitätsleben in der Union.

Studentenverbindungen.

Wer sich über die tiefsten Wesensunterschiede der amerikanischen und der europäischen Kultur klar werden will, der möge sich nur ordentlich umsehen auf den Stätten, wo die geistigen Werte in gangbare Münze umgesetzt und die großen Wechsel auf die kulturelle Zukunft ausgestellt werden, nämlich – auf den Hochschulen. Wer in Deutschland akademischer Bürger gewesen ist, dem muß zunächst unfehlbar der große Unterschied zwischen hüben und drüben in der äußeren Erscheinung der Studenten und Studentinnen auffallen. Abgesehen davon, daß selbstverständlich der groteske Typus des Studiosus Süffel, des bemoosten Hauptes mit dem Bierbauch und den aufgeschwemmten, kreuz und quer zerhackten Backen, sowie auch die des hochmütig blasierten ultrapatenten Korpsstudenten fehlt, sieht man sich auch vergeblich nach dem Typus unseres heißbeflissenen Jüngers der Wissenschaft um, nach den stubenbleichen Brillenträgern, den verträumten oder frühzeitig zergrübelten Denkerköpfen, deren Alter schwer bestimmbar und deren ungeschicktes, weltfremdes Gebaren mit der Reife und dem Ernst ihres Denkens und Redens oft in so drolligem Widerspruch steht. Drüben sieht man nur frische, derbe Jungens und Mädels; die ersteren häufig noch bärenhaft tolpatschig, die letzteren mit der ruhigen Sicherheit der früheren Reife ihres Geschlechts auftretend. Die sozialen Unterschiede der Herkunft machen sich nur in der Kleidung bemerkbar und in der größeren oder geringeren Zierlichkeit der Gliedmaßen und Verfeinerung der Manieren. Im Ausdruck der Gesichter herrscht aber eine erstaunliche Gleich[pg 42]artigkeit. Die Studierenden der beiden ersten Semester werden Freshmen genannt, der zweite Jahrgang Sophomors, der dritte Jahrgang Juniors, der vierte Jahrgang Seniors. Alle zusammen sind die Undergraduates, und was nach dem Graduieren, d. h. also nach dem Baccalaureats oder sonstigem Staatsexamen, noch weiter studiert, Postgraduates; als äußerliches Kennzeichen führen sie verschieden gefärbte Knöpfe auf ihren Oxfordbaretts oder gestrickten Wollkappen. Von der High-School kommen sie zwischen 17 und 19 Jahren zur Universität oder in die Colleges; aber nicht, wie bei uns, tut nun der junge Mensch einen gewaltigen Sprung aus der strengen Disziplin in die schrankenlose Freiheit, sondern nur einen bedächtigen Schritt vorwärts von einer strengeren zu einer freieren Schulgattung, denn auch auf der Universität und im College sind die jungen Leute einer Disziplin unterworfen, die ihre persönliche Freiheit immerhin beschränkt. Sie wohnen in sogenannten Dormitories (Schlafhäusern), wo sie, je nach ihren Mitteln, einzeln oder mit Kameraden zusammen hausen. Die Mahlzeiten nehmen sie gemeinsam in einer großen Halle ein, wo sie für billiges Geld eine einfache, nahrhafte Kost, aber nur Wasser zu trinken bekommen. An denjenigen Hochschulen, die beiden Geschlechtern gemeinsam dienen, sind für die Mädchen besondere Schlafhäuser und meist auch Speisesäle vorhanden. Ebenso auch besondere Gymnasien, d. h. Sporthallen, und besondere Spielplätze; dagegen häufig gemeinsame Klublokale, wo sie Tanzvergnügungen abhalten, Liebhabertheater spielen, Nachmittagstees oder Abendreceptions geben. Von jeder Aufsicht frei sind sie nur in ihren Vereinen und in ihren Bruder- oder Schwesterschaften (Fraternities und Sororities). Diese letzteren nehmen die Stelle unserer Verbindungen ein. Sie be[pg 43]zeichnen sich aber nicht nach Landsmannschaften, sondern mit Buchstaben des griechischen Alphabets, welche die Anfangsbuchstaben eines Wahlspruchs sind, den sie meist mit drolligem Ernst als ein großes Geheimnis bewahren. Nur die wohlhabenden Studenten und Studentinnen können sich die Mitgliedschaft in einer solchen Bruder- oder Schwesternschaft leisten, denn diese Vereinigungen besitzen eigne Häuser, in denen sie, zum Teil sogar recht luxuriös, wie Gentlemen und Ladies der besten Gesellschaft zusammen leben, essen und arbeiten. Selbst die bescheidensten dieser Verbindungshäuser sind mit allen modernen Bequemlichkeiten behaglich und gediegen ausgestattet. Man sieht also auch aus dieser Erscheinung wieder, wie das demokratische Prinzip der Gleichmacherei immer wieder von dem natürlichen Drange des Menschen nach aristokratischer Absonderung durchbrochen wird; nur, daß es in der großen Republik ein selbstverständliches Gebot anständiger Gesinnung ist, Vorzüge der Geburt und des Besitzes nicht durch anmaßendes Wesen gegenüber den vom Glück weniger Begünstigten zum Ausdruck kommen zu lassen. Man wird schwerlich jemals beobachten können, daß arme Studenten und Studentinnen, die sich durch Stundengeben, Schreiber- oder gar Handlangerdienste mühsam durchschlagen müssen, vor den Mitgliedern der reichen Verbindungen unterwürfig kriechen, oder daß jene sich diesen gegenüber einen überheblichen, unkameradschaftlichen Ton herausnähmen. In allen gemeinsamen Angelegenheiten halten die Studenten fest zusammen, und der Stolz auf ihre Alma mater äußert sich bei allen festlichen Gelegenheiten, namentlich bei den sportlichen Wettkämpfen mit anderen Hochschulen, in einem erfrischend jugendlichen Enthusiasmus. Jede Hochschule hat einen besonderen Cheer, d. h. Hochruf, nach [pg 44]Rhythmus und Melodie verschieden. Und mit diesem Cheer werden die beliebten Professoren und die sportlichen Siege gefeiert, bei den großen Wettkämpfen muß er gleich dem Kriegsruf wilder Völkerschaften zur Anspornung des Kampfeifers dienen. Wer einmal – etwa gar in dem berühmten Stadion der zwanzigtausend Menschen fassenden Arena von Cambridge bei Boston, einem Fußballmatch zwischen Harward und Yale beigewohnt hat, wird zeitlebens den Eindruck nicht vergessen. Jede der beiden Parteien hat ihr eignes Musikkorps, welches in den Spielpausen Studentenlieder und schmetternde Märsche zum besten gibt und während des Spiels jede bedeutsame Wendung, jede gute Augenblicksleistung des Einzelnen mit einem Tusch quittiert. Vor jedem der beiden Musikkorps sind Angehörige der betreffenden Parteien aufgestellt, welche, mit riesigen Sprachrohren bewaffnet, den College-Cheer intonieren und, wild mit den Armen fuchtelnd, meistens gänzlich unrhythmisch und unmusikalisch, den Tusch der Bläser dirigieren. Und dann fallen in diesen Heilruf nicht nur die Kommilitonen, sondern auch die anwesenden früheren Studierenden der betreffenden Universität und deren ganzer Anhang von Freunden und Verwandten im Publikum ein, und das mit einer Begeisterung und einem Kraftaufwand, daß dem unbeteiligten Fremdling darüber Hören und Sehen vergeht. Man springt auf die Bänke, man schwenkt Taschentücher und Kopfbedeckungen, wildfremde Menschen packen sich bei den Schultern und schütteln und stoßen sich, um einander aufmerksam zu machen auf spannende Momente oder sich zu größerer Begeisterung für die Sieger aufzurütteln. Und dabei sieht der Fremdling, der von dem Spiel nichts versteht, eigentlich nur einen in eine Staubwolke eingehüllten Knäuel grotesk bekleideter Jünglinge, [pg 45]der sich balgend auf dem Boden wälzt, wobei ein Individuum dem andern die Rippen eintritt, mit den Fäusten den Wind ausbläst (to blow the wind out) oder die schweren Sportstiefel unter die Nase feuert, bis sich einer mit dem eroberten Ball unterm Arm aus dem wüsten Menschensalat herausarbeitet und in weiten Sprüngen, wie ein junger Hirsch, unter dem betäubenden Jubel von zwanzigtausend bis zur Tollheit begeisterten Landsleuten über den Kampfplatz stürmt.

Sportliche Wettkämpfe.

In diesen Wettspielen der höchst kultivierten Jugend Amerikas erlebt man staunend bei dem traditionslosesten aller Gegenwartsvölker eine höchst eindrucksvolle Auferstehung der Antike. Die Schönheit und Anmut der nackten Griechen fehlt freilich völlig bei dieser unförmlich wattierten, mit Lederkappen und Fausthandschuhen ausgerüsteten Yankeemannschaft, aber die leidenschaftliche Teilnahme des ganzen Volkes, die diese Kraft- und Gewandtheitsspiele seiner Jugend zu einer nationalen Angelegenheit macht, kann auch im alten Hellas und im alten Rom nicht hinreißender gewesen sein. Die amerikanische Mutter ist auf ihren Sohn, dem beim Ballspiel das Nasenbein oder sonstige Extremitäten geknickt wurden, so stolz wie die Spartanerin, deren Knabe, ohne mit der Wimper zu zucken, sich mit Ruten bis aufs Blut peitschen ließ.

Der letzte Schliff. Technik und Wissenschaft.

Diese hohe Wertschätzung der körperlichen Tüchtigkeit, die übrigens keineswegs nur auf das männliche Geschlecht beschränkt ist, trägt sehr viel dazu bei, dem amerikanischen Studentenleben sein durchaus eigenartiges Gepräge zu verleihen. Ich habe mir des öfteren erlaubt, amerikanischen Studenten gegenüber meinem Zweifel Ausdruck zu geben, daß diese Helden der Arena, diese Champions der Ballschläger, Ruderer, Wettläufer und [pg 46]Boxer auch in geistiger Beziehung Zierden einer wissenschaftlichen Anstalt seien, habe aber fast regelmäßig die Antwort bekommen, daß meine Zweifel durchaus unbegründet, vielmehr unter den hervorragenden Athleten häufig auch die tüchtigsten wissenschaftlichen Begabungen, zum mindesten aber die fleißigsten Büffler zu finden seien. Weit weniger sichere und selbstbewußte Antworten dagegen erhielt ich, wenn ich amerikanische Studenten nach ihren wissenschaftlichen Zielen oder gar nach ihrer Weltanschauung auszuforschen versuchte. Da hieß es meist: „Ach, darüber zerbrechen wir uns vorläufig den Kopf nicht. Wenn wir unser Examen gemacht haben, schickt uns die Regierung nach Portorico oder nach Haiti oder sonst wohin, da haben wir schon eine gute Stellung in Aussicht.“ Ein anderer sagt: „O, ich trete einfach in das Geschäft meines Vaters ein, da brauche ich keine andere Weltanschauung als die eines Gentlemans.“ Da die englische Sprache keinen präzisen Ausdruck für Weltanschauung kennt, so ist es überhaupt sehr schwer, einem jungen Amerikaner begreiflich zu machen, was man damit meint. Der Optimismus des jungen erfolgreichen Volkes sitzt ihm so tief im Geblüt, daß er kaum begreift, wie man sich von Zweck und Wert des Lebens, von der Vortrefflichkeit der bestehenden Weltordnung verschiedenartige Vorstellungen machen könne. Er fühlt nicht den mindesten Drang oder Beruf in sich, an diesen Dingen Kritik zu üben, weil er in der Anschauung aufgewachsen ist und sie innerhalb seiner jungen Erfahrung überall bestätigt findet, daß für einen Bürger der Vereinigten Staaten überall Raum und Gelegenheit zur erfolgreichen Betätigung seiner Kräfte und Talente gegeben sei. Eine solche Anschauung ist unzweifelhaft gesund für Leib und Seele – aber für die wissenschaftliche Erkenntnis ist sie nichts weniger [pg 47]als förderlich. Innerhalb dieser Zufriedenheit mit dem Gegebenen bleibt eben kein Platz für den fruchtbaren Zweifel und für die Unersättlichkeit des Forschers. Den amerikanischen Studenten im allgemeinen interessiert nur jenes positive Wissen, dessen unmittelbare praktische Verwertbarkeit ihm einleuchtet. Und wie der Zuschnitt aller amerikanischen Erziehungsanstalten, von der Elementarschule an, darauf eingerichtet ist, dem jungen Nachwuchs zu geben, was er braucht, wonach seine natürlichen Instinkte sich freudig drängen, so sind auch die Universitäten keineswegs darauf aus, Gelehrte zu züchten, sondern ihre Absicht ist vielmehr nur, dem Schulwissen den letzten Schliff, das refinement der höheren Kultur und den Fachstudien jene Vertiefung zu geben, die sie im praktischen Leben erst nutzbar macht. Der amerikanische Student glaubt an sein Lehrbuch und schwört auf die Worte seines Lehrers. Er lernt fleißig, ohne sich von Zweifeln beirren zu lassen, und beschränkt sich auf die Fächer, die ihm für seinen künftigen Beruf als notwendig vorgeschrieben sind. Überflüssige Wissenschaften nimmt er nur eben so mit, sofern er die Eitelkeit besitzt, als Schöngeist zu glänzen, und um sich von den Damen seines Kreises nicht in bezug auf allgemeine Bildung in den Schatten stellen zu lassen. Seinen Professor plagt auch keineswegs der Ehrgeiz, den Prometheusfunken schöpferischen Instinktes, der etwa in den jungen Köpfen seiner Hörer schlummern mag, zur hellen Flamme aufzublasen und die Methoden selbständiger wissenschaftlicher Forschung diesen zukünftigen Bahnbrechern nahezubringen. Er begnügt sich meistens damit, sein Fachwissen der Jugend mitzuteilen, und sorgt durch Abfragen und Aufgabenstellen dafür, daß sie sich dies Fachwissen gründlich einprägen. Er ist daher in weitaus den meisten [pg 48]Fällen nach unseren Begriffen selber gar kein Gelehrter, sondern eben nur ein Reservoir von Kenntnissen, ein Experte, ein Korrepetitor. Unter den überaus zahlreichen Professoren deutscher Abstammung, die es drüben als Universitätslehrer zu großem Ansehen gebracht haben, finden wir daher so manchen, der sich niemals wissenschaftlich betätigt hat und als einfacher Töchterschul-, Real- oder Gymnasiallehrer ausgewandert ist. Erweisen sich solche bescheidene Handlanger der Wissenschaft drüben als gute Pädagogen, bei denen die Kinder gern und gut lernen, so haben sie es nicht schwer, zu Hochschullehrern aufzurücken. Anstandshalber pflegen sie dann einen Leitfaden, ein Kompendium oder eine populäre Darstellung ihres speziellen Wissensgebietes zu verfassen. Im Colleg ist der freie Vortrag von seiten der Professoren durchaus nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme. Die meisten halten sich an ein Lehrbuch eigner oder fremder Erzeugung und pauken dies gewissenhaft den Schülern ein. Schüler bleiben die Studenten ja in der Tat, bis sie ihren akademischen Grad erreicht haben. Der Freshman birgt in seinem Schädel keineswegs jene beängstigende Masse verschiedenartigster Kenntnisse, deren Vorhandensein der deutsche Schüler im Abiturientenexamen nachweisen muß. In den philologischen Fächern, namentlich in den alten Sprachen, besitzt er kaum das Wissen eines deutschen Untersekundaners; in den modernen Sprachen, in Geschichte und Geographie weiß er vielleicht so viel, daß er bei uns das Einjährigenexamen bestehen könnte, und in den Realien etwas mehr. Wer also eine humanistische Bildung erstrebt, der arbeitet das Pensum unserer Obersekunda und Prima erst auf der Universität durch; die übrigen werfen sich von vornherein auf das Fach, aus dem sie später ihren Beruf zu machen gedenken. [pg 49]Es gibt besondere Drillanstalten für Juristen, für Mediziner, für Theologen – die letzteren werden von den einzelnen Denominationen (Sekten) auf eigne Kosten unterhalten. Am stärksten besucht und am glänzendsten ausgestattet sind die Institute für die technischen Berufe, die chemischen und physikalischen Laboratorien, die Maschinen-Ingenieurschulen, die Museen und Sammlungen für den Anschauungsunterricht der Geologen, Zoologen, Landwirte, Architekten usw. usw. Weitaus die meisten Universitäten sind im Grunde nichts anderes als technische Hochschulen, an welche eine philosophische Fakultät, eine juristische, medizinische oder theologische Fachschule angegliedert sind, ganz ähnlich wie ja auch bei unseren technischen Hochschulen Vorlesungen über Nationalökonomie, Literatur und Kunstgeschichte, über Philosophie und dergleichen, die allgemeine Bildung bereichernde Gegenstände gehalten werden. Es ist ja sehr begreiflich, daß vorläufig noch die weitaus überwiegende Mehrzahl der geistig regsamen jungen Leute in Amerika sich nach den Berufen drängt, welche noch auf lange Zeit hinaus die größte praktische Bedeutung haben werden. Für Hoch- und Tiefbauingenieure, Elektrotechniker, Maschinenkonstrukteure, Geologen, Schiffsbauer, Chemiker gibt es selbstverständlich in dem Riesenkontinent mit den großen, noch unerschöpften Möglichkeiten der Ausbeutung viel mehr zu tun, als für die Vertreter der reinen Geisteswissenschaften. Man hegt trotzdem eine an Ehrfurcht grenzende Hochachtung für die seltsamen Idealisten, welche, anstatt ihre Schöpfkellen unter die zurzeit noch üppig sprudelnden Goldquellen zu halten, den Durst ihrer Seelen mit transzendenten Betrachtungen stillen, und statt nach blanken Metalladern nach Regenwürmern graben. Es gibt auch in Amerika wunderliche Käuze, die imstande sind, sagen [pg 50]wir über das Alpha privativum im Griechischen dicke Wälzer zu schreiben, oder lange Jahre ihres Lebens der Erforschung irgendeines dunkeln Winkels der Geschichte zu opfern, an dessen Aufhellung keinem modernen Menschen das Geringste gelegen ist. Man bezahlt sogar solche Käuze – sie sind übrigens fast alle Deutsche – sehr gut und ist besonders stolz auf ihren Besitz – aus demselben Grunde, aus welchem man unerhörte Summen aufwendet, um allen möglichen alten Trödel aus Europa neben wirklichen Kostbarkeiten der Kunst in die privaten und öffentlichen Sammlungen Amerikas zu schleppen. Man will eben der Alten Welt beweisen, daß man sich in der Neuen den Luxus der Reliquienverehrung auch leisten könne und daß man keineswegs den übeln Ruf verdiene, ein Volk von Emporkömmlingen zu sein, das nur für materielle Dinge Achtung und Verständnis besitze.

Postgraduates.

Es ist charakteristisch, daß es drüben Privatgelehrte wohl überhaupt nicht gibt. Wer wirklich gelehrte Studien treibt, seien es auch solche, deren praktischer Wert nicht ersichtlich ist, kann sicher sein, in einer Universitätsstellung seinen Lebensunterhalt zu finden, sei es auch nur als sorgfältig unter Glas verwahrte Rarität. Es gibt also auch kein gelehrtes Proletariat, und das scheint mir denn doch ein Vorzug zu sein, um welchen wir das junge Land nur beneiden können. Jeder akademische Bürger ist imstande, die Kenntnisse, die er sich auf der Hochschule erworben hat, später praktisch zu verwerten. Der Staatsbeamte braucht nicht seinen Eltern bis in seine 30er Jahre hinein auf der Tasche zu liegen, der Arzt, der Rechtsanwalt, der keine Praxis, der Geistliche, der keine Gemeinde findet, braucht deswegen immer noch nicht zu verzweifeln, sondern sich nur einen Stoß zu geben und die Annehmlichkeiten einer östlichen Großstadt mit der Langenweile eines wild[pg 51]westlichen Standquartiers zu vertauschen, so wird er auch seine Rechnung finden; wenn nicht, so wird er eben Geschäftsmann, Farmer oder sonst etwas Vernünftiges. Seine Bildung braucht ihm dabei nicht hinderlich zu sein. Handel, Industrie und Landwirtschaft schicken ihre Söhne scharenweise auf die Universitäten, um sich dort allgemeine Bildung und nützliche Spezialkenntnisse zu erwerben. Das für die eigentliche wissenschaftliche Forschung in Betracht kommende Studentenmaterial bildet nur eine fast verschwindende Minderheit. Übrigens finden diese Leute, die sich dann wohl meist der akademischen Lehrtätigkeit widmen wollen, als Postgraduates auch in Amerika reichlich Gelegenheit, ihre Studien zu vertiefen und zu erweitern, denn es fehlt weder an hervorragenden Kapazitäten in fast allen wissenschaftlichen Fächern, noch an Lehrmitteln. Die Bibliotheken zumal sind überaus reich ausgestattet. Sollte aber ihr wissenschaftlicher Eifer sich auf Gebiete werfen, die in der Heimat noch zu wenig angebaut sind, so finden sie sicher Mäzene, die ihnen ein weiteres Studium im Auslande ermöglichen, wenn die eignen Mittel dazu nicht ausreichen sollten.

Der Professor im öffentlichen Leben.

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Frische und Freudigkeit, die uns bei der amerikanischen akademischen Jugend so vorteilhaft auffällt, die glückliche Folge der Klarheit und Sicherheit aller Verhältnisse drüben ist. Der junge Mensch kommt nicht als überfüttertes Geistesmastprodukt auf die hohe Schule; er hat nicht seine schönsten Jugendjahre an eine erzwungene Arbeit verloren, deren Nutzen er nicht einzusehen vermochte, und hat nicht seinen Charakter verdorben durch ohnmächtiges Zähneknirschen wider ein verhaßtes System und deren lebendige Vertreter; er kommt mit echt jugendlichem Vertrauen seinen Lehrern entgegen und braucht [pg 52]sich nicht vorzeitig mit der Schicksalsfrage zu quälen: wozu büffelst du nun eigentlich noch immer weiter? Wird dir dein Wissen auch ein sicheres Auskommen gewähren, oder wird die einzige Vergeltung für dein höheres Streben darin bestehen, daß du einst als abgetriebener alter Karrengaul an der Staatskrippe ein dürftiges Gnadenbrot findest? Wenn schon jeder gewöhnliche Amerikaner durch das Bewußtsein, daß ihm alle Wege offen stehen, zur höchsten Anspannung seiner Kräfte angefeuert wird, so muß dieser Auftrieb natürlich noch viel stärker sein bei den jungen Auserwählten der Nation, die ja den Wettlauf um die höchst erreichbaren Ziele bereits um viele Stationen näher an diesem Ziele beginnen. Der nicht akademisch gebildete Amerikaner schaut mit stolzer Verehrung zu jedem jungen Harvard-Yale-Columbia-Cornellman wie zu einem höheren Wesen auf, denn er weiß, daß diese strammen Burschen einst die Richter, die Ärzte, die Gesetzgeber seiner Kinder sein und daß ohne Zweifel geniale Erfinder, Kulturförderer großen Stils, auch wohl Präsidenten der Vereinigten Staaten darunter sein werden. Die hohe Wertschätzung des akademischen Wissens findet vielleicht ihren schönsten Ausdruck in der Bereitwilligkeit, mit welcher zu Reichtum gelangte Leute aus einfachsten Verhältnissen fürstliche Stiftungen für wissenschaftliche Zwecke machen. Sobald eine Universität in Verlegenheit ist, woher sie das Geld beschaffen soll für notwendige Neubauten, zur Bereicherung ihrer Bibliotheken und sonstigen Sammlungen, so braucht der Herr Rektor, dort Präsident genannt, nur ein paar notorische Millionäre der Stadt oder des Staates aufzusuchen, und er kann sicher sein, binnen kurzem die nötige Summe zusammenzubringen. Unsere Großindustriellen spenden ihre Hunderttausende, um den Kommerzienratstitel und schöne [pg 53]Orden zu bekommen; drüben sind sie zufrieden, wenn ein Collegegebäude, ein Laboratorium, eine Klinik ihren Namen trägt. Der Holzhändler Cornell hat die nach ihm genannte, jetzt hoch berühmte Universität von Ithaka ganz und gar aus eignen Mitteln aufgebaut und ausgestattet. Und dieses Beispiel hat so eifrige Nachahmung gefunden, daß heute schon die wissensdurstigen jungen Leute selbst der unkultiviertesten Bundesstaaten nicht mehr die engere Heimat zu verlassen brauchen, um höheren Studien obzuliegen. Es gibt jetzt schon eher zu viel als zu wenig Universitäten und Colleges[2]. Die große Wertschätzung akademischer Bildung seitens des ganzen Volkes äußert sich manchmal auch in einer Weise, die uns einigermaßen naiv erscheint. Die Amerikaner haben alle Resultate der wissenschaftlichen Forschung der ganzen Welt fertig herüber genommen, und ihre eigne Arbeit lief fast ausschließlich auf deren praktische Verwertung hinaus; folglich erscheint dem gemeinen Mann jeder Professor als ein moderner Hexenmeister, dessen Zauberkünsten alles zuzutrauen sei, und darum spielt auch der akademische Lehrer in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle, wie in Europa. Während z. B. in England der Gelehrte noch mehr wie bei uns in seinem Wirkungskreis als Lehrer und stiller Forscher eingeschlossen bleibt, wird er in den Vereinigten Staaten als sachverständiger Berater und tätiger Mitarbeiter zu allen öffentlichen Angelegenheiten heran[pg 54]gezogen. Er schreibt fleißig für die Tageszeitungen, er hält populäre Vorträge, er beteiligt sich an der Politik und wird gern von der Regierung zu wichtigen diplomatischen Betätigungen herangezogen. Der Cornell-Professor Andrew D. White ist nicht der einzige, der von seinem Lehrstuhl weg direkt auf einen Gesandtschaftsposten berufen wurde. Man sieht also nicht im Gelehrten einen weltfremden, in sich gekehrten Sonderling, sondern einen Mann der Tat, dessen reiches Wissen seinen Gesichtskreis notwendig erweitert haben muß.

Akademische Vergnügungen.

Eine schöne Gepflogenheit, die wohl auch ihr gutes Teil dazu beiträgt, die geistige und leibliche Gesundheit der studierenden Jugend zu fördern, ist die, daß man die Hochschulen mit Vorliebe in Kleinstädte mit landschaftlich schöner Umgebung verlegt. Mit Ausnahme der altberühmten Universitäten von Boston, New York, Philadelphia, Baltimore, Washington und Chicago sind alle Hochschulen auf dem Lande. Der Campus, d. h. das Gelände der Universität, befindet sich außerhalb der Ortschaften, mit Vorliebe auf Anhöhen, die die ganze Gegend beherrschen, und auf denen noch ein üppiger alter Baumwuchs der schändlichen Waldvernichtung der ersten Ansiedler entgangen ist. Die Baulichkeiten sind nicht eng aneinander gedrängt, sondern in den wohlgepflegten Parkanlagen weit zerstreut, so daß die Studierenden auf dem Wege von einem Colleg ins andere immer reichlich Bewegung und frische Luft haben. Gelegenheit zu aller Art Sport ist selbstverständlich überall reichlich gegeben, wie man sich denn überhaupt einen Studenten, der nicht rudert, Ball spielt, wettläuft usw. gar nicht vorstellen kann. Die kleinen Städte bieten so gut wie keine Ablenkung oder gar gefährliche Versuchung für die jungen Leute. Was sie brauchen an edler geistiger Zerstreuung, [pg 55]an künstlerischer Anregung, das schaffen sie sich selbst in ihren Vereinen für Musikpflege, ihren Liebhabertheatern und festlichen Veranstaltungen. Studentische Gesang- und Instrumentalvereinigungen ziehen in der Nachbarschaft der Universität herum und verdienen sich ein hübsches Geld mit Konzerten, das sie nicht selten dazu verwenden, hervorragende Sänger und Virtuosen kommen zu lassen und ihren Kommilitonen vorzuführen, ja wohl gar hauptstädtische Theatertruppen und Sinfonie-Orchester. So ziehen beispielsweise die Lehrer und bevorzugten Schüler der Berkley-University von Kalifornien alljährlich in den Sommerferien in den Urwald, leben dort wochenlang in Zelten und Blockhütten, die zum Teil im Geäst der riesigen Mammutbäume (Sequoia gigantea) errichtet werden und betreiben während dieser Zeit die Einstudierung und Aufführung dramatischer Festspiele unter freiem Himmel. Bohemian Jinks nennen sie diese Freilichtspiele (etwa „zigeunerische Luftsprünge“ zu übersetzen), für die sie aus eignen Kräften Dichtung, Musik, Kostüme und Darsteller liefern. Während dieser heiligen Zigeunerwochen ist das andere Geschlecht strengstens verbannt, und es werden daher nach antiker Weise bei den Spielen die Frauenrollen von jungen Männern dargestellt. Im übrigen sorgt die an den meisten Hochschulen bestehende Coeducation (kurz Coed genannt) dafür, daß die jungen Leute auch in den abgelegensten kleinen Nestern die guten Manieren im geselligen Verkehr nicht verlernen. Die Studentinnen pflegen ihr eignes Gesellschaftshaus mit Schwimmbassin, Turnhalle, Ballsaal und Drawingroom zu besitzen. Dorthin laden sie ihre Freunde ein, wie auch umgekehrt die jungen Herren die Studentinnen zu ihren Unterhaltungen heranziehen. Fast jeder Student hat wohl unter den Kommilitoninnen sein best girl, mit dem er [pg 56]„geht“, wie man bei uns sagen würde. Diese Kameradschaften sind aber durchaus harmloser Natur, haben nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit der collage des französischen Studenten und verpflichten auch keineswegs zu standesamtlichen Folgen. Amerikanische Professoren wissen nie etwas von sittlichen Gefahren dieses ungenierten Verkehrs zu berichten; dagegen schieben viele von ihnen die Schuld an dem niedrigen Niveau wissenschaftlichen Geistes der Rücksichtnahme auf die weiblichen Studenten zu.

Wo die Frauen unter sich sind, haben sie es noch viel besser als an den gemischten Universitäten. Ich wüßte nicht, wo ein junges Mädchen mit starkem Bildungsdrange in der Welt besser aufgehoben wäre, als z. B. in Wellesley-College bei Boston. Wenn man den Studienplan dieser Frauenakademie durchblättert, erstaunt man über die schier fabelhaften Bildungsmöglichkeiten, die hier den Töchtern der Neuen Welt geboten werden. 17 männliche und 137 weibliche Professoren, Dozenten und Assistenten lehren an dieser überaus reich dotierten Hochschule. Um aufgenommen zu werden, muß die junge Dame im Englischen 3, in Geschichte 1, in Mathematik 3, Latein 4, einer zweiten Sprache 3, einer dritten Sprache 1 und in Botanik, Chemie oder Physik 1 Punkt nachweisen. Die Anzahl der Punkte bedeutet nämlich die Anzahl der Jahre, die der Schüler, bei durchschnittlich 5 wöchentlichen Stunden, auf den betreffenden Gegenstand verwendet haben muß, und durch ein Abgangszeugnis oder ein Examen muß er beweisen, daß er diese Zeit befriedigend ausgenutzt habe. Um einen Begriff von der Reichhaltigkeit der wissenschaftlichen Speisekarte zu geben, will ich hier nur die in der germanistischen Abteilung angekündigten Vorlesungen aufzählen:

Wissenschaftliche Speisekarte für Damen.

1.Elementarkursus, Grammatik, Übungen im Sprechen, Lektüre, Auswendiglernen von Gedichten.
2-4.Vorbereitungskurse für deutsche Literaturgeschichte.
5.Repetitions- und Erweiterungskurs für Grammatik und Stil.
6.Freie Reproduktion. Bühnendeutsch. Übungen im mündlichen und schriftlichen Ausdruck. Kritische Betrachtung deutscher, in Amerika erschienener Texte.
7.Übungen im schriftlichen Ausdruck im Anschluß an die Literaturgeschichte.
8.Geschichte der deutschen Sprache.
9.Umrisse der deutschen Literaturgeschichte (Götter- und Heldensagen).
10.Goethes Leben und Werke.
11.Das Drama des 19. Jahrhunderts.
12.Der deutsche Roman.
13.Literaturgeschichte vom Hildebrandslied bis Hans Sachs.
14.Literaturgeschichte bis Goethe.
15.Mittelhochdeutsch.
16.Die romantische Schule.
17.Lessing als Dramatiker und Kritiker.
18.Schiller als Philosoph und Ästhetiker.
19.Goethes Faust.
20.Schillers Leben und Werke.
21.Stilübungen.
22.Gotisch.
23.Die deutsche Lyrik und Ballade.
24 u. 25.Studien zur modernen deutschen Sprache.

Typus der Studentin.

Demgegenüber stehen 45 Vorlesungen über englische Sprache und Literatur, 21 über Geschichte, 29 über Hygiene und körperliche Ausbildung, wobei Tanzen, Schwimmen, Gymnastik, Massage und dergleichen inbegriffen sind. Ferner 18 Vorlesungen über lateinische Sprache und Literatur, 11 über reine und 5 über angewandte Mathematik, 18 über Musik, 29 über Philosophie und Psychologie, 19 über Soziologie und Nationalökonomie, 6 über Astronomie usw. usw. Die jungen Mädchen dürfen aber keineswegs nach ihrem Belieben an all diesen Herrlichkeiten naschen, sondern der Studiengang ist ihnen vorgeschrieben, und sie können nicht zu den höheren Offenbarungen vordringen, bevor sie nicht durch Examina bewiesen haben, daß ihnen die niederen Grade geläufig sind. Damit sie aber frisch und bei guter Laune bleiben, haben sie reichlich Gelegenheit, sich in Wald, Wiese und Wasser zu tummeln und sich mit Tanz, Mummenschanz, Theaterspiel im Freien und auf der eignen niedlichen Bühne des Shakespearehauses nach Herzenslust zu vergnügen, auch nach dem nahen Boston in Theater und Konzerte zu fahren, so oft ihr Geldbeutel und ihre Zeit es erlaubt. Die jungen Damen aus reichen Familien besitzen, sofern sie Sororities angehören, ihre eignen Häuser innerhalb des Campus, die als griechische Tempel oder als Cottages sich darbieten. Das Gebäude des Shakespearevereins ahmt sogar sehr hübsch das Geburtshaus des Dichters in Stradford nach. Die technischen Fächer sowie auch Medizin, Juristerei und Theologie existieren nicht an dieser Akademie, die sich also darauf beschränkt, den jungen Damen eine humanistische, expansiv wie intensiv gleich bedeutende Bildung zu vermitteln. Wenn die Qualität der Lehrenden auch nur einigermaßen der landschaftlichen Schönheit der Umgebung und der Vortrefflichkeit aller praktischen Ein[pg 59]richtungen entspricht, so ist in Wellesley-College das gegenwärtige Ideal wissenschaftlicher Frauenbildung verwirklicht. Und Wellesley ist nicht einmal die einzige Anstalt dieser Art, sondern es gibt deren noch mehrere, die nicht minder reich ausgestattet und stark besucht sein sollen. Unter den Studierenden sind Töchter fast aller Bevölkerungsschichten vertreten, vorwiegend ist aber der Typus der derb gesunden, ein bißchen starkknochigen, rundlichen Farmer- und Bürgertöchter der städtischen Mittelschicht vornehmlich in den Universitäten mit Coed. Die reinen Frauenakademien werden dagegen von den Töchtern der vornehmeren Kreise vorgezogen. Es ist auffallend, wie selten selbst unter diesen letzteren die spezifisch amerikanischen Schönheiten sind. Das kommt daher, daß die Amerikanerin die Schönheit als einen Beruf für sich betrachtet, als ein Kapital, das unter allen Umständen sich reichlich verzinst. Die jungen Schönheiten suchen ihre Erfolge ausschließlich auf dem Parkett des Salons, und die nötige Fertigkeit zur Lieferung des seichten Salongeschwätzes, mit dem sich drüben die elegante Welt der Amüsierlinge begnügt, kann man sich allerdings ohne die Kenntnis antiker Sprachen und ohne philosophische Vorstudien erwerben. Es ist nicht zu leugnen, daß das amerikanische Salongeschwätz kaum auf der geistigen Höhe des englischen, dagegen noch beträchtlich unter der des französischen und deutschen Konversationstones der sogenannten guten Gesellschaft steht. Dagegen kann man von den Frauen der Kreise, in denen Arbeitskameradschaft zwischen Mann und Weib besteht, ohne weiteres voraussetzen, daß man mit ihnen wie mit gebildeten Menschen reden dürfe – und man wird sich selten enttäuscht sehen. Wohlhabende deutsche Eltern, denen daran liegt, ihren strebsamen Töchterchen, ohne sie gerade [pg 60]zu Gelehrten zu machen, eine solide weltläufige Bildung zu verschaffen, täten gut, sie auf die amerikanischen Frauenhochschulen zu schicken. Selbst wenn sie von dort nichts anderes mitbringen sollten, als einen abgehärteten geschmeidigen Körper, vernünftige Lebensanschauungen und eine Ahnung von allerlei wissenswerten Dingen, so würde das immerhin wertvoller für sie sein, als was die üblichen Pensionate der französischen Schweiz oder die Klosterschulen für die vornehme Welt ihnen zu bieten pflegen.

Das deutsche System. Bildungsdrang des Volkes.

Mir persönlich scheint überhaupt das ganze amerikanische Unterrichtssystem, und besonders das der Universitäten, gerade für uns sehr viel Nachahmenswertes zu enthalten. So will es mich ungemein vernünftig bedünken, daß die Zügellockerung der strengen Schuldisziplin zwischen dem 16. und 18. und nicht, wie bei uns, zwischen dem 18. und 20. Jahre erfolgt, und daß dann die überschäumende Kraft des ungebärdigen Jünglings bezw. des lebenshungrigen Mädchens nicht sofort in eine schrankenlose Freiheit hinausgelassen, sondern noch jahrelang mit echtem Wohlwollen und Verständnis für die Jugend geleitet wird. Es ist überaus bezeichnend, daß, wie die kürzlich von Dr. Alfred Graf veranstaltete Umfrage bei einer großen Anzahl bekannter führender Deutscher bewiesen hat, außer den späteren Philologen und einigen ganz wenigen Staatsmännern und Theologen, fast sämtliche Gefragten ihre Gymnasialzeit für die schrecklichste Erinnerung ihres Lebens erklärten; wogegen umgekehrt in Amerika schier ausnahmslos jeder gebildete Mensch auf seine Schüler- und Studentenzeit als auf die schönste seines Lebens zurückblickt. Mögen unsere höchsten Lehranstalten immerhin mit Fug und Recht sich für die besten Gelehrtenschulen der Welt halten, so darf doch nie außer [pg 61]acht gelassen werden, daß von den Tausenden und Abertausenden von Abiturienten, die alljährlich unseren Universitäten zustreben, doch nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl den inneren Beruf zum Gelehrtentum in sich trägt. Diesen wenigen mag allerdings die deutsche Universität die denkbar beste Anleitung zum eignen Forschen geben; um dieser wenigen Auserwählten willen aber wird die gewaltige Überzahl mehr auf das Praktische gerichteter Geister, aus denen zwar keine schöpferischen Gedanken, wohl aber viel nützliche Lebensarbeit herauszuholen wäre, durch ein System vergewaltigt, das notwendig in ihren Augen ein zeitlebens verhaßtes Schrecknis bleiben muß. Dieses System züchtet Nörgler und Hasser, es ist auch schuld daran, daß jener garstige Hochmut sich in den Köpfen der Auserwählten einnistet, der die herrschenden Klassen in eine dumme Volksfeindschaft hineintreibt und gänzlich schiefe Lebensanschauungen in ihnen groß zieht; es ist aber auch schuld daran, daß so viel hoffnungsvolle Jugend auf den Universitäten verbummelt. Sollte nicht schließlich ein junges Geschlecht von frohen, für die höchsten Berufe der Gegenwart gut ausgerüsteten Akademikern auch unserer Nation von größerem Werte sein, als die jetzige Überfülle an wirklichen und verunglückten Gelehrten? Ich bin überzeugt, daß wir durch eine teilweise Amerikanisierung unseres Systems von unseren alten Vorzügen nichts einbüßen würden. Methodik und Systematik der exakten Forschung werden, ebenso wie das künstlerische Element im wissenschaftlichen Betriebe, stets eine Besonderheit des deutschen Universitätslehrers und Studenten bleiben, einfach weil die Veranlagung hierzu altes Erbgut unserer Rasse ist. Die Amerikaner haben keineswegs darum bisher keine großen Philosophen, Dichter, schöpferischen Forscher hervor[pg 62]gebracht, weil ihr Schulsystem zu diesem Zweck nichts taugte, sondern weil sie bei ihrer Jugendlichkeit als Volk, bei der mangelhaften Mischung der verschiedenartigsten Rassenelemente, bei dem Fehlen einer kulturellen Tradition und bei der starken Inanspruchnahme aller geistigen Kräfte durch rein praktische Aufgaben überhaupt noch gar keine Möglichkeit gehabt haben, nach jener Richtung Begabung zu entwickeln. Eine selbständige Wissenschaft und eine nationale Kunst werden erst zu verlangen sein, wenn aus den verschiedenartigen Völkerschaften der Vereinigten Staaten wirklich eine neue Rasse geworden und die grobe Arbeit der Zivilisation soweit getan sein wird, daß alle feineren Geister für die Beschäftigung mit den vornehmsten Kulturaufgaben frei werden. Es wird alsdann viel Spreu hinweggefegt werden, aber an dem System des Hochschulbetriebes schwerlich viel geändert werden müssen. Die wissenschaftlichen Leistungen der Studierenden werden selbstverständlich gleichen Schritt halten mit denen der Lehrenden. Der einzige amerikanische Philosoph, dessen Ruf bisher durch die ganze Welt geklungen ist, Ralph Waldo Emerson, verdankt sein hohes Ansehen bei uns mehr der fein geschliffenen Form seiner vornehmen Weltweisheit, als dem Reichtum an neuen, fruchtbaren Gedanken; für Amerika ist Emersons Philosophie aber selbst heute noch zu hoch, weil sie die beliebten demokratischen Vorurteile lächelnd beiseite schiebt. Es wird aber sicher eine Zeit kommen, wo diese demokratischen Vorurteile nur noch bei der Masse zu finden sein werden, und wo die Freiheit der wissenschaftlichen Kritik sich überhaupt von keinem Vorurteil mehr Halt gebieten läßt, auch wenn es die Masse hinter sich hat. Dann erst können wir von dem amerikanischen Volke verlangen, daß es große Künstler und originale Denker hervorbringe. In [pg 63]den regsamsten Köpfen, in den tiefsten Gemütern dieses Volkes ist schon jetzt eine große Sehnsucht lebendig nach jener Zeit, in der seine Denker und Dichter nicht mehr nur die Resultate europäischer Arbeit nützlich verwenden, sondern selber Finder neuer Wege und Setzer neuer Ziele werden können. Das beweist der ungeheure Zulauf, welchen die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Vorträge der Wanderredner und besonders gemeinnützige Institute, wie die Sommerschule in Chautauqua finden, wo zu Zehntausenden unter freiem Himmel wissensdurstige Menschen jedes Standes, Alters und Geschlechts andächtig den Vorträgen der besten Gelehrten ihres Landes lauschen. Wir Europäer werden vielleicht noch auf ein ganzes Jahrhundert oder noch länger unseren Vorrang des weisen Alters behalten und der mächtig emporstrebenden Neuen Welt die Leitsätze für ihre eigne wissenschaftliche Fortentwicklung liefern. Aber wir wollen nicht vergessen, daß man von der Jugend immer lernen kann! Wenn wir das tun, wird die neue Rasse uns zwar einholen, aber schwerlich jemals überflügeln können. Wir werden an ihr alsdann keinen verhöhnten oder beneideten Feind, sondern vielmehr einen guten Kameraden besitzen, der uns in gleichem Schritt und Tritt zur Seite geht, denselben Höchstzielen wahrer Kultur nach.


[pg 64]

Öffentliche und private Moral.

Die deutschen Zeitungskorrespondenten in den Vereinigten Staaten beklagen sich allgemein darüber, daß sie gezwungen seien, ihre Berichte den Vorurteilen der deutschen Zeitungsleser zuliebe zu färben und so dazu beizutragen, daß diese Vorurteile in Deutschland nicht aussterben. Daß sie Unglücksfälle nur kabeln dürfen, wenn sich über zehn Tote ergeben haben, ist ja eine ganz weise Beschränkung, aber daß sie sich genötigt sehen, immer nur sensationelle Fälle von wüster Korruption in der Politik, in der Rechtsprechung, im Gebaren der großen Truste, offenbare Verrücktheiten und groteske Reklamemanöver auf den Gebieten des Erfindungswesens, des Handels und Verkehrs, ja selbst der Wissenschaft, sowie schließlich gröbste Familienskandale aus der Welt der Milliardäre zu berichten, das ist doch recht bedenklich. Selbstverständlich sind gerade die guten Bürger jeder Nation überzeugt, daß die allgemeine Ordnung der Dinge, die öffentliche wie die private Moral in ihrem Lande besser sei als in irgend einem anderen; aber es tut doch nicht gut, diese natürliche Neigung zur Ungerechtigkeit durch die Presse, als durch das berufene Organ der öffentlichen Aufklärung, zu unterstützen; denn die Unterschätzung fremder und noch dazu rasseverwandter Völker kann unter Umständen doch recht üble Folgen haben. Sei es mir als einem Amerikafahrer, der Augen und Ohren gut aufgemacht und aufmerksam zugehört hat, wenn er wohlunterrichtete Leute drüben die Verhältnisse besprechen hörte, gestattet, mein bescheidenes Teil zur [pg 65]Aufklärung über die wichtige Frage der öffentlichen und privaten Moral in den Vereinigten Staaten beizutragen.

Geschäftspolitiker.
Achtung vor den Gesetzen?

Die Korruption in der Politik ist ein öffentliches Geheimnis und wird von niemandem geleugnet. Sie ist eine notwendige Folgeerscheinung nicht sowohl der republikanischen Staatsform, als der ungeheueren Ausdehnung des Landes und besonders des Umstandes, daß sich alle vier Jahre verfassungsgemäß ein Wechsel in den Personen der Machthaber vollziehen muß. Daß jeder neue Präsident, Gouverneur, Bürgermeister usw. seine guten Freunde und Verwandten in die einträglichsten und einflußreichsten Stellungen zu bringen versucht, ist menschlich begreiflich, und man braucht sich darüber nicht weiter zu entrüsten; aber die ebenso selbstverständliche Folge, daß der politische Ehrgeiz durch den dauernd tobenden Wahlkampf fortwährend in Atem gehalten wird, macht es dem vielbeschäftigten Staatsbürger natürlich unmöglich, den politischen Angelegenheiten seine kostbare Zeit zu opfern. Er muß notgedrungen diese Betätigung Leuten überlassen, die daraus einen Lebensberuf machen. Und so ergibt sich mit Notwendigkeit die Existenz der Geschäftspolitiker. Da selbstverständlich diese, die sogenannten Bosse, nicht vom Staat oder von der Gemeinde besoldet werden können, so schaffen sie sich ihre Einkünfte dadurch, daß sie sich für die Unterstützung bei Wahlen, für die Erlangung von öffentlichen Ämtern, von Privilegien und Konzessionen aller Art bezahlen lassen. Es leuchtet wohl ohne weiteres ein, daß sich nicht die Blüte der Nation, sondern nur machthungrige und geldgierige Streber zu diesem politischen Agenturgeschäft hergeben, und daß diese Leute nicht das geringste Interesse daran haben, dem intellektuell und moralisch hervorragendsten Kandidaten zum Siege zu verhelfen, sondern demjenigen, der [pg 66]am meisten zahlt. Da es nur zwei große politische Parteien, Demokraten und Republikaner, gibt, so ist alle vier Jahre die Chance eines völligen Systemwechsels durch den Sieg der Gegenpartei gegeben. Dann werden alle kommunalen Ämter, die ganze Beamtenschaft, vom Präsidenten bis zum Ofenheizer im Weißen Hause, an die Anhänger der siegreichen Partei vergeben. Wer den richtigen Boß am besten geschmiert hat, bekommt das Amt. Es ist klar, daß bei solchem System Staat und Gesellschaft niemals davor sicher sind, schlechte Beamte für noch schlechtere einzutauschen, und daß die öffentliche Moral dadurch schändlich verdorben wird. Trotz alledem wird auch bei uns niemand leugnen wollen, daß die Vereinigten Staaten bisher noch immer tüchtige, zum mindesten doch anständige Präsidenten gehabt haben, und daß in die obersten Stellungen wenigstens sehr selten oder nie ganz minderwertige Personen gelangt sind. Dieses scheinbare Wunder wird begreiflich, wenn man den hochentwickelten common sens, den gesunden Menschenverstand der führenden angelsächsischen Rasse in Betracht zieht. Der anständige Geschäftsmann und die höher gebildeten Klassen überhaupt kümmern sich um das schmutzige Gewerbe der Politik wenig oder gar nicht und ertragen mit dem glücklichen Gleichmut und dem guten Humor der Yankeerasse die tausenderlei offenbaren Ungerechtigkeiten und Widersinnigkeiten, die durch die Korruption entstehen. Sobald sie aber merken, daß die Bosse irgend etwas im Schilde führen, was gegen den guten Ruf des Staates, gegen die Sicherheit des Eigentums oder gegen den demokratischen Charakter der Verfassung geht, so tun sich ein paar einflußreiche Leute von tadellosem Leumund zusammen – die führenden Deutschen sind immer bei dieser Anstandspartei zu [pg 67]finden – und klären durch geeignete Maßnahmen die Massen der Wähler über den Unfug auf, der verübt werden soll. Und siehe da: immer gelingt es der Wucht der öffentlichen Meinung, wenigstens die gröbsten Schandtaten zu verhindern, die unmöglichsten Kandidaten beiseite zu schieben. Der Patriotismus ist dem Yankee angeboren und anerzogen; die Verfassung der Vereinigten Staaten wird als ein unübertreffliches Werk genialer Einsicht verehrt, und alle Gesetze, die das souveräne Volk durch seine Erwählten in den Einzelstaaten machen läßt, werden für vorzüglich gehalten. Das ewig verdrossene Nörgeln an den Gesetzen und öffentlichen Einrichtungen, jenes höchste Vergnügen des deutschen Bierbankpolitikers, kennt der Yankee nicht. Man respektiert die Gesetze und fügt sich sogar in Unannehmlichkeiten, wenn man einsieht, daß anders die Ordnung nicht aufrechterhalten werden kann. Im übrigen aber tut doch jeder, was ihm beliebt, und pfeift auf die Gesetze, wenn sie ihm nicht in seinen Kram passen. Man weiß, daß die Polizei nicht von ihrem Gehalt, sondern von den Schmiergeldern so rosig fett und robust wird; man weiß, daß sogar die Binde vor den Augen der Gerechtigkeit zuweilen aus lauter zusammengefalteten Dollarnoten besteht, aber man sieht selbst an den schreiendsten Mißständen schweigend vorbei, weil es sich so bequemer leben läßt, und weil der Gentleman sich nicht gerne die Hosenränder beschmutzt und daher den Pfützen lieber in weitem Bogen ausweicht. Solange sie seine persönliche Bewegungsfreiheit und seine geschäftlichen Unternehmungen nicht empfindlich stören, ist der Yankee mit den Gesetzen zufrieden und gönnt den zahlreichen Mitbürgern, die von den Mängeln dieser Gesetze leben, also den Politikern, Advokaten, smarten Geschäftsleuten und geistvollen Hochstaplern, [pg 68]ihr gutes Auskommen. Den gewaltigsten Machthabern der Industrie und des Verkehrswesens, den sogenannten Königen der Eisenbahn, des Silbers, des Stahls, des Petroleums können ja überhaupt die Gesetze nichts anhaben, wie es sich erst jüngst wieder in dem vorsichtig weitmaschig abgefaßten Urteil des obersten Gerichtshofes in Sachen des Öltrusts gezeigt hat. Mit jenen ganz großen Herren, in deren Macht es steht, die Bundesarmee gegen mißliebige Nachbarn mobil zu machen, oder in einer Anwandlung schlechter Launen unzählige Betriebe lahmzulegen, Hunderttausenden von Arbeitern ihr Brot vom Munde wegzureißen, mit denen hütet sich natürlich nicht nur der einzelne, sondern auch die Justiz der Einzelstaaten wie der Bundesregierung anzubinden. Machen sich aber die kleineren Machthaber irgendwie lästig, so versteht man ihnen selbst in dem Falle beizukommen, daß die Behörde gegen sie ihre Pflicht vernachlässigt.

Energische Selbsthilfe eines Damenklubs.

Ein hübsches Beispiel solcher demokratischen Selbsthilfe erlebten wir in St. Louis. Durch wochenlange Trockenheit war die Rauchplage daselbst unerträglich geworden. Im ganzen weiten Mississippi- und Missouritale herrschte herrliches klares Winterwetter. Die Sonne lachte frühlingsheiter vom wolkenlosen Himmel herab. Als der Zug aber in das Weichbild der Stadt einfuhr, verblaßte plötzlich die Sonne zu einem fahlgelben transparenten Fettfleck in einer Wand gleichmäßig grauen, schweflig riechenden Nebels, der selbst die nächsten Gegenstände nur in verschwommenen Umrissen erscheinen ließ. In den Häusern herrschte eine erstickende, verbrauchte Luft, weil man kein Fenster öffnen konnte, ohne daß sofort eine dichte Rußschicht, wie von einer schwer blakenden Öllampe, sich auf alle Gegenstände im Zimmer legte. Wenn man über die Straße ging, waren Kragen [pg 69]und Manschetten geliefert, und wenn man sich morgens sein Bad einließ, so schwamm eine schwarze Rahmschicht auf dem Wasser. Die Zeitungen waren voll von Entrüstungsartikeln über diesen schmachvollen Zustand. Überall erschollen laut die Stimmen der Sachverständigen mit Vorschlägen zur Beseitigung des Übels. Man erinnerte sich plötzlich wieder, daß es im Staate Missouri, ebensogut wie anderswo, vorzügliche gesetzliche Vorschriften gebe, welche die auf die einheimische Weichkohle angewiesenen Industrien zur Anbringung von Rauchverzehrungsvorrichtungen und ähnlichen Maßnahmen von erprobter Wirkung verpflichteten. Die Herren Fabrikbesitzer hatten aber bisher keine Lust gehabt, sich in Unkosten zu stürzen wegen dieser ärgerlichen Gesetze, denn sie hatten ja ihre Villen weit vor der Stadt in erfreulich reiner Luft. Und wenn der Wind einigermaßen günstig wehte, und hin und wieder ein Niederschlag den in der Luft herumfliegenden Kohlenstaub band, so konnten ja selbst die Leute, die in der Stadt wohnen mußten, ihre Lungen genügend mit Sauerstoff füttern. Es mußte wohl immer noch billiger sein, den polizeilichen Aufsichtsorganen gelegentlich gute Trinkgelder zu verabfolgen, als die vorschriftsmäßigen Umbauten zu bestreiten. Da geschah es in den Tagen unserer Anwesenheit, daß ein vornehmer Damenverein, der Mittwochsklub, die Sache in die Hand nahm. Um ein möglichst großes Damenpublikum für ihre Zwecke herbeizuziehen, kündigten sie mit gehöriger Reklame ein Konzert meiner Frau an. Vierzehnhundert Frauen und Mädchen aus den besten Kreisen wurden hierzu zusammengetrommelt und nach Schluß der musikalischen Darbietungen ersuchte die Vorsitzende die ganze Gesellschaft, noch da zu bleiben, um sich über die Beseitigung der Rauchplage auszusprechen. [pg 70]Es war alles so gut vorbereitet, daß in kurzer Zeit ein leitendes Komitee und eine große Anzahl von Offizieren und Mannschaften aus der Mitte der Damen heraus gewählt und die notwendigen Mittel zur Ausführung des Planes gezeichnet waren. Diese kleine freiwillige weibliche Polizeimannschaft übernahm es nämlich, mit List oder Gewalt in alle industriellen Betriebe mit Weichkohlenfeuerung einzudringen und nötigenfalls Tag und Nacht Patrouille zu gehen und Posten zu stehen, so lange, bis alle Mißachter der Gesetze zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, gebührend bestraft und die vorgeschriebenen Maßnahmen gegen den Rauch tatsächlich ausgeführt waren. Das Mittel soll einen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, denn vor energischen Frauen kapituliert der Yankee immer.

Disziplin im Straßenverkehr.

Die Zuversicht, daß aus allen Schwierigkeiten und Übelständen, wenn auch vielleicht erst im Moment der höchsten Gefahr, und wenn sie bis zur Unerträglichkeit gestiegen sind, ein Ausweg sich zeigen, von irgendwo die Rettung kommen muß, erhält dem Volke seinen optimistischen Gleichmut. Selbstverständlich erzeugt die Demokratie nichts weniger als Ehrfurcht vor Paragraphen oder Untertänigkeit vor Amtspersonen, ja, sie untergräbt sogar recht bedenklich die Disziplin, ohne die schließlich keine Ordnung irgendwelcher Art aufrecht zu erhalten ist. Die Warnungs- und Verbotstafeln, mit denen bei uns zu Lande unser ganzes Leben von der Wiege bis zum Grabe von den Behörden so rücksichtsvoll eingezäunt wird, kann man sich drüben fast völlig sparen, da sie doch keine Beachtung finden würden; aber wo der gesunde Menschenverstand einsieht, daß Vorsicht, Unterordnung, Geduld und Rücksicht auf den Nebenmenschen am Platze sind, da übt er sie auch ohne Warnungstafeln [pg 71]und ohne Einschüchterung durch säbelfuchtelnde Schutzleute aus. Dem Europäer fällt z. B. die ausgezeichnete Disziplin im Straßenverkehr der Großstädte sehr angenehm auf; nie hört man wild aufeinander los fluchende Kutscher im Wagengedränge; nie werden Schutzmannsketten durchbrochen, wo eine Absperrung notwendig ist; mit einem Wink des Fingers dirigieren die Posten an den Straßenkreuzungen den kolossalen Verkehr. Ohne Murren findet sich alle Welt mit der Einrichtung ab, daß um 6 Uhr abends alle Geschäfte geschlossen werden. In den Straßen- und Untergrundbahnen, in überfüllten Lokalen jeder Art macht jedermann bereitwillig Platz, so gut es geht. Am Weihnachtsheiligabend fuhren wir in der Neuyorker Subway. Da es um die Zeit des Geschäftsschlusses war, so waren die Wagen mit sitzenden und stehenden Menschen so voll, daß der berühmte Apfel nicht mehr zur Erde fallen konnte. Da drängte sich auf einer Station im letzten Moment noch eine alte Frau mit einem riesigen Schaukelpferd herein. Die Männer auf der hinteren Plattform schufen der Frau mit kräftigen Ellenbogen Platz, die ganze Menschenmauer geriet ins Schwanken, man trampelte sich gegenseitig kräftig auf den Zehen herum, die hervorragenden Spitzen der Kufen des Schaukelpferdes stießen einigen Passagieren in die Bäuche oder gegen die Kniescheiben – und dennoch zeigte sich niemand gekränkt oder nervös gereizt. Mit ein paar gutmütigen Scherzen ging man über die Unannehmlichkeiten hinweg; bei uns wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. Auch der eiligste Geschäftsmann wartet geduldig bei Verkehrsschwierigkeiten, bis die Passage frei ist, und niemals wird ein höher Gestellter versuchen, für sich Ausnahmemaßregeln durchzusetzen. Auch die strengen Polizeivorschriften im Interesse der öffentlichen Hygiene [pg 72]werden bereitwillig befolgt, weil der Nutzen jedem vernünftigen Menschen klar ist.

Die Prostitution.

Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche Fragen löst, die anderwärts der Polizei die allergrößten Schwierigkeiten machen und über die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee nämlich einfach dadurch, daß er erklärt, sie existierten gar nicht. Der Prostitution z. B. ist im Gesetze überhaupt nicht Erwähnung getan, und in den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Männern nennt man die Prostitution verschämt „das soziale Übel“ (the social evel), aber in der Öffentlichkeit erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals, weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und weil man annimmt, daß der Amerikaner überhaupt viel zu anständig sei, um irgendwelcher heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich jeder erwachsene Mensch, daß die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten, auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei hat dafür zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat also nicht nur die öffentlichen Häuser, sondern auch jede einzeln flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten beschäftigen müßten, so könnte es nicht ausbleiben, daß das Publikum auf diese Dinge aufmerksam würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. Folglich duldet es die Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane sich von den Übeltäterinnen dafür bezahlen lassen, [pg 73]daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafür entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden bewahren. Selbstverständlich erhalten solche Häuser keine polizeilichen Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien Prostitution. In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen, Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhäuser werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevölkert, und zwar vornehmlich mit – wahlfähigen Männern! Man bedient sich zu diesem Zweck der Namen längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten. Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen dem Boß für jede Gefangene einer solchen Lasterstätte ein Wahlzettel für seine Partei zu. Eine Folge dieser unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel in den Vereinigten Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschäfte, der weiße Sklavenhandel, blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen großen Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als in denen Südamerikas. Die dunkeln Ehrenmänner, die sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen, ausschließlich galizische, ungarische und rumänische Juden, führen der Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche Summen zu.

Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen: „The House of Bondage, by Reginald Wright Kaufmann“. Es dürfte wohl das erstemal sein, daß in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der Dichtung erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else [pg 74]Jerusalems „Der heilige Scarabäus“ messen, und es ist bezeichnend, daß der mutige Verfasser selbst mit dem größten Eifer betont, er habe in diesem Werke nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten wollen. Im Anhang des Buches sind all die behördlichen Aktenstücke abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behörden zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße an ihren Einkünften erleiden würden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen schönen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in vielen Tausenden von Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Töchter ja hauptsächlich gefährdet sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller geraten.

Öffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit. Beurteilung des freien Liebesverhältnisses.

Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in demselben Lande, in welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten in der gesamten Tagespresse kein Wort über ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben hier den für uns überaus seltsamen [pg 75]Fall, daß selbst der indiskreteste und von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der Journalisten aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung übt. Die verehrten Pilgerväter schon haben das Dogma aufgestellt, daß in den Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt, der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche Begierden zu verspüren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht sagt, daß seine smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt seien; aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller dürfen es nicht wagen, einen Yankee als Verführer der Unschuld hinzustellen. Die schärfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, müssen dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, daß es im Yankeelande eine pornographische Literatur überhaupt nicht gibt, daß die schlüpfrigen französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und der Import von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen höchstens auf ganz versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muß auch unbedingt zugegeben werden, daß der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre dem jungen Mann, zumal der gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße [pg 76]vorhanden sein dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee sich durch gewandtes Erzählen von Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und daß man selbst in intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des Alkohols schwerlich jemals die Sauglocke läuten hört. Es ist auch richtig, daß ein junger Mann von guter Familie, der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner Standesgenossen verfällt – aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Überzeugung das Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu fördern, die den weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt, und außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in allen gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in bezug auf die Erotik das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehörigen der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begüterte junge Mann, der die größte Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen würde, macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine fesche Maniküre, Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus dem Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen, wenn er nur von seiner Liebschaft kein großes Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein Mädchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft, die sich die beste zu nennen beliebt, [pg 77]dieselbe niederträchtige Doppelmoral wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten, aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glück und der Ehre anderer Mädchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf des verfluchten Schwerenöters dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den höheren geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der höheren Gesellschaft aufgenommen zu werden, falls es sich nur ladylike zu benehmen versteht; dagegen fällt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien Liebesverhältnisses drüben herrscht. Der Yankee hat für die illegitime Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der Ausdruck Sweetheart hat einen verächtlichen Nebenklang bekommen. Die amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet vor dem „Verhältnis“ des Deutschen oder vor der „Collage“ des französischen Studenten. Die amerikanische junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich liebenden deutschen „Gretchens“ oder der französischen Grisette nicht nur für shocking, sondern besonders für entsetzlich dumm halten; denn sie ist gewohnt, möglichst viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu gewähren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist folglich die poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses völlig unmöglich. Ein Autor, der dergleichen wagen würde, und sei er selbst ein Mann von anerkannter Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches schwer schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich un[pg 78]möglich machen. Ob bei dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu entscheiden, sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe viel dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns Europäern ja geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glück hat, sein geraubtes Schäfchen ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter Umständen sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren emporarbeiten; landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muß er gewärtig sein, daß er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu heiraten, oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem Ozeandampfer wachen scharfe Yankeeaugen über dem Benehmen der paarweise Reisenden, und wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenüber zu bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend jetzt schon als Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit und der vernünftigen Erziehung auszeichnet, so dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber müssen wir uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Überlegenheit mit einem großen Fragezeichen zu versehen.


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