Liebe und Ehe.

Spekulationsheiraten.
Rückzahlung der Erziehungskosten.
Unverbindliche Kurmacherei.
Die Liebe in der Öffentlichkeit.

So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so viele Geschäfts- und Familienbeziehungen die Völker diesseits und jenseits des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche wichtige grundlegende Verhältnisse die gröbsten Mißverständnisse. Was wissen wir Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen Milliardärstöchtern und europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen oder Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik über die Scheidungen in den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees über die Heiligkeit der Ehe äußerst frivol denken und ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt für gute gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemädchen nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus nächster Nähe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren, der dürfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und Gewohnheiten der paar Hundert Multimillio[pg 80]näre und denen der überwältigenden Mehrheit des übrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzufriedener und zu törichten Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können, wie irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionärs, die ganz in gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen Hetze von Vergnügen zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätigkeit aufreibt, dabei drei- bis viermal täglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen rücksichtslos befriedigen kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen unverwüstlich guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung irgendwie büßen. Die tollen Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerrütteten körperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken. Ebenso begreiflich ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der aufgehäufte Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und sie zu ersticken droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu zu führen pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsätze vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu erreichen trachten, was drüben für kein Geld zu haben ist, nämlich einen Abglanz feudaler Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich lächerlich zu machen, so kaufen sie diese schönen Dinge [pg 81]ihren ehrgeizigen Töchtern und füttern ihre Eitelkeit mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Europas wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas Prinzlein und Komteßlein auf ihren Knien schaukeln zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchenschacher. Man darf getrost behaupten, daß in keinem Lande der Welt den Töchtern eine größere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der jungen Männer mit einer fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist nämlich durchaus nicht Sitte, den Töchtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute machen hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehrzahl der Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwählten seiner Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich behaglich räkeln dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem eignen Verdienst gestalten. Dieser höchst vernünftige und gesunde Grundsatz führt zu der selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber auch viel früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine frühe Selbständigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die Lebensverhältnisse heute wenigstens noch so sind, daß ein junger Mensch, der etwas [pg 82]gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei uns zu einem leidlich anständigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau ernähren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der Häuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Mädchen suchen, das auch in einem praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Einkommen daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt noch nicht imstande wäre, von seinem Einkommen eine dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet weit draußen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft sich leisten kann. Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden Geschlechter stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge Europäer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein sehr großer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen menschenwürdigen Ersatz für die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein eingeführte Sitte. Es gilt nämlich in der Yankeefamilie als ganz selbstverständlich, daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie selb[pg 83]ständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernünftig ist, die geschäftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in aller Gemütsruhe, wie viel jedes einzelne Kind im Verhältnis zu den Aufwendungen, die für seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten davon, daß sich ein übel geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel weniger davon, daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis leide. Die Eltern spannen vielmehr ihre Kräfte aufs äußerste an, um ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, daß sich das aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden durch diese geheiligte Sitte von früh an in ihrem Pflichtbewußtsein und in ihrer selbstlosen Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon bedenklich mürbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männermaterial für den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantität auf Lager zu haben. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch der [pg 84]Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie kennt, indem nämlich das Fürwort thou, also das eigentliche du, nur noch in der Poesie und im Gebet angewendet wird, während you – gleich Ihr – schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei Hoch und Niedrig in den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es fällt also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen einer bloßen guten Bekanntschaft in höflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe markiert sich äußerlich gar nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuß gekommen sind, behalten übrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen, bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von jungen Mädchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fuße stehen; ein junges Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater, morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, übermorgen von ihrem Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber die Köpfe zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art, wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschäftigung, den Flirt, ausübt, wenig erbaut sein. Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene hinüber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese [pg 85]Verhältnisse wenig nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und darin rasche Fortschritte machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigentlich daran sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht, als bei uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann jahrelang ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Töchtern seines Kreises unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht groß darüber wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und ihn urplötzlich mit der Frage überrascht: „Was meinst du, Jim, wir könnten doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?“ Der jungen Amerikanerin geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der freie Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung in einer schwülen Stunde führen könnte, denn sie weiß ganz genau, daß der junge Mann, der einen solchen Vertrauensbruch begehen würde, der lebenslangen Ächtung in seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau, daß ihr Freund, falls sein Temperament ihm keine Ruhe läßt, außereheliche Freuden bei den leichten Mädchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen Anschauungen und Gewohnheiten erklärt es sich, daß in den Vereinigten Staaten der Typus Don Juan, der kecke Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlichkeit darstellt, weder dem Geschmack der Männer, noch dem der Frauen nach, sondern daß dieses Ideal viel[pg 86]mehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weiblicher Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schönen lächelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos sich hingebende und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mädchen würde nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine dumme Gans sein. Und dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer, dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, würde einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden. Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch gar nicht vor. „Das süße Mädel“, wie Schnitzler und ich es novellistisch verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertür der Übersetzung keinen Einlaß in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman „Das dritte Geschlecht“ liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische Übersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin gepredigte Philosophie der Liebe shocking ist. Überaus lehrreich war für mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama „The easiest way“ (der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter, der drüben als ein kühner Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines reichen Geschäftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der bürgerlichen Anständigkeit und dem behördlich approbierten heiligen Ehestand. Der Verfasser jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß [pg 87]solche gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden können, einem faulen, eiteln Genußleben zu entsagen. Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller Großmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Mädchen im Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische Begriffe war es, wie gesagt, schon eine ungeheure Kühnheit, solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt auf die Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für das Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen Standpunkt, den der Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluß entsetzte freilich die zarten Gemüter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die verlogene Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid und tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der modernen europäischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so spähen wir Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den uns vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebespärchen, welche in dunkeln Ecken von Biergärten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem Glase trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar im Eisenbahncoupé wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich fortwährend zärtlich tätscheln und heimlich drücken, dürften wohl drüben zu den Unmöglichkeiten gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahnhöfen Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich küssen sieht. Ob deswegen die Amerikanerin weniger zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen, wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhältnis mit einer solchen gehabt.

Die Scheidung.
Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.

Der Sinn für Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs gänzlich ab, was man daraus [pg 88]erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber freilich, was will eine Entführung in dem Lande der Freiheit groß bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den meisten Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht, einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge Mädchen heiraten bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß macht. Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen oder in der Kirche aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zuständigen Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungsgründe vorliegen. Mit diesem Schein geht man zum nächsten besten Pastor und läßt sich auf der Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben. Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen. Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt sich eben in einen weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert höchstens, daß er sich dort einige Zeit aufhalten muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben Yankees, die vielfach noch sehr puritanisch streng über die Ehe denken, die Scheidung so überaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier, wie so [pg 89]oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhältnisse des jungen Landes begünstigen das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsätze ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus noch nicht fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch über die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre nun diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmöglich gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert, so würde bald das ganze Land überschwemmt sein von verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten würden. So aber weiß jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich gröblich getäuscht, nun dann ist’s auch weiter nicht schlimm; eine Scheidung kostet nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungsmöglichkeit aus bloßer Veränderungssucht viel mißbraucht werden, aber sicherlich nicht so viel, wie ängstliche Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu bändigen. Das Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl des Mannes, besonders bei einer allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und zur Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen einen starken Schutzwall wider den rücksichtslosen Leichtsinn auf. Übrigens ist die Gefahr der unglücklichen Ehen [pg 90]auch schon dadurch herabgemindert, daß die ganze Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher über Liebe und Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist überhaupt dieses Volkes Sache nicht, es wird daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule abhängiger und darum in seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemüt als wir. Durch diese Gleichartigkeit fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund der Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer oder verzwickte Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele schwierigster Ehegesponse herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann für die Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt sich durch ihre nach unseren Begriffen oft unverschämten Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die Verehrung für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es dünkt ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Vergnügen, mit einer hübschen und eleganten Frau prahlen zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h. bis an sein Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann das viele Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgültig, denn für ihr gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider Industriekapitän, Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist. Der gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr davon ab, ob er einer mehr oder minder alten Familie angehört, die schon lange Wohlstand und Ansehen genießt, oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine gescheite und reizvolle Frau kann die gesellschaftliche [pg 91]Stellung ihres Mannes wesentlich verbessern, indem sie mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen, aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es darum auch für ihre vornehmste Pflicht, sich ihre Schönheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig beschränkt sind, dann können sie natürlich auch den geduldigsten Mann durch ihre törichten Ansprüche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen an seinen Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte Mühe zu geben, ihn bei guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersüchtige, keifende, den Hausschlüssel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den „Fliegenden Blättern“ wird man drüben nicht oft finden; dagegen ist die putzsüchtige, mit dem Scheckbuch des Gatten täglich die Warenhäuser heimsuchende und ihre Zeit in nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätigkeit verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden als bei uns. Es wäre aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die Fähigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man hört sogar nicht selten von jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien, die mit ihrem Erwählten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die Amerikanerin in beschränkten Verhältnissen beinahe so gut wie die Französin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die Frau, die nur unter furchtbarem Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu halten [pg 92]versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist, und, sobald sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Äußeres, ihre kleinen Talente und ihren Bildungstrieb vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht existieren – auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten würde, und ihre Töchter spielen Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninteressant sein, aber sie teilt doch meistens die glücklichste Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die leichte Anpassungsfähigkeit an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn er plötzlich zu großem Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschöpfen noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer bestimmt hat. Einige gefällige Amerikaner veranstalteten zum Vergnügen des Gefolges unseres Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime Abendgesellschaft – für jeden der Herren war ein gefälliges Chorusgirl eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Mädchen war so anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, daß die Herren glaubten, einer Einladung in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein und gar nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig kaschierten Frivolität machen konnten.

Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.

Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußerlichkeiten gering einschätzen und ihnen gegenüber die [pg 93]Gemütstiefe, die Pflichttreue, die enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Mütterlichkeit der deutschen Frau als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die Liebesfähigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht leugnen, daß durch Gesetz, Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand drüben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt.


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