Die Landschaft.

Sommerfrischen.

Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten, [pg 208]heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn – es fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen [pg 209]Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.

Kostspielige Ausrüstung des Touristen.

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in [pg 210]Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen entgegenschreit, daß Durham Bull der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter [pg 211]den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „camping out“. Aber auch dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.

Die Niagarafälle.

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen [pg 212]Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegten Union Jack zu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer kann so etwas schön finden!

Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts[pg 213]häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge[pg 214]waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.

Der Hudsonstil.

Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt [pg 215]er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten [pg 216]gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur [pg 217]vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden [pg 218]Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht einzuholen.

Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.

So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen [pg 219]Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“


[pg 220]

Dollaricas infamster Schurke.

Der Leithammel.

Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt – ein Hammel, und zwar der Leithammel in Armour & Co.’s Packing Company in den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine eingemenschte Bestie titulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauen[pg 221]erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.

Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den Stockyards von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein, [pg 222]statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.

Der Todessprung

Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver[pg 223]sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so [pg 224]würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?

Menschliche Niedertracht.

Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von [pg 225]Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck[pg 226]mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.

Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „The Jungle“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang kein corned beef mehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.

An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal [pg 227]das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl – a fine fellow – sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „Your Royal Highness“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.

Der Mittelpunkt der Hölle.

Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt [pg 228]heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste [pg 229]führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.

Schlachtverfahren beim Rindvieh.

Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens [pg 230]und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre [pg 231]und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.


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Baedekereien für Amerikafahrer.

Tragikomödien des Grünhorns.

Während meines Aufenthaltes in New York geschah es, daß ein aufgeweckter Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die etlichen 30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo das Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. Der Mann war in der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich auf seine derbe Faust, seinen klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiß und hatte guten Grund, anzunehmen, daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen können. Der Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt erzählt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, der es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug in die Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den Arm und führte ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur Subway, der Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Ästen die ganze Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas Petersen über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in einen der Riesenwagen hineinbugsiert war [pg 233]und nun in drangvoll fürchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu weinen an und schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. –“ Und dabei blieb’s; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nächsten Schiffe kehrte er tatsächlich wieder heim.

Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das sich auf seinen eigenen Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über die berühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann aufsuchen wollte. Und er kam auch über die Brücke, aber er verstand nicht, was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl auszusteigen; und ehe er sich’s versah, war er wieder auf der Brücke, denn die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in seinem unerforschlichen Ratschluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also auf der großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang. Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, da er sonst verhungert wäre.

Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser, so laß es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstößliche Wahrheit bestehen, daß du in Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu einem Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen Brett vorm Kopf in die Welt entlassen haben. Bist du [pg 234]aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer stürzen. Bist du ein armer Teufel, der drüben sein Glück machen will, so wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß die Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. „Let us try another chance“ sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnügen und zu deiner Belehrung dich drüben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld – noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften Menschen drüben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei uns. Für ein Seidel Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10 Liter hält, mußt du einen Quarter hinlegen, das ist M 1.–, und du wirst bald dahin gelangen, diesem Quarter nicht mehr wehmütig nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthält zwar Wasser, Malz und Hopfen und sieht schön braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine verlockende schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein Bier ist. Und dann wirst du auch bald finden, daß es sehr viel leichter ist, die schmalen, schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei uns daheim ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du mußt nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du überhaupt Gold zu sehen bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an irgendeiner Stelle wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der Knicker und Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre höchst verächtlich über die Achsel angesehen wird, kommst [pg 235]du auch schon aus dem Grunde nicht zum Sparen, weil die guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten Ranges gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, denen sich ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen kann, nach unseren Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du wirst bald davon zurückkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer unmöglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel und einem anständigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir übel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee schaden. Ein werter Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, daß der übliche Satz für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem belegten Brötchen mit einem Schnitt Bier, wofür er 70 Cent = M 2,80 bezahlen mußte. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und schob sie reinen Herzens dem waiter zu. Der starrte erst mit verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann lief er zum Oberkellner, beriet sich längere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen [pg 236]stand es in sämtlichen New Yorker Blättern, daß der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann, besonders wenn du aus München kommen solltest, wo die Kati schon für drei Pfennige danke schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und daß man das Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten durch zehn teilbaren Ziffer abrunden muß.

Unangebrachte Sparsamkeit.

Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen machen und brauchst dich doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren. Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für fünf Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit Bad, und wenn du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du für denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer reichlich zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest, auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so würde man das vielleicht als einen Mißbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars extra tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach Amerika?!

In der Lobby.

Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschäftlicher Treffpunkt, und die Lobby, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der [pg 237]Barbierladen im antiken Athen und Rom und wie das Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser haben sogar eine eigene Telephonzentrale für die Vermittlung des riesigen Gesprächsverkehrs innerhalb des Hauses wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was man dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren Städten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum Dachgarten, wo du in schönen warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den angrenzenden Restaurationsräumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen mit Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und quarren die Namen der Leute aus, für die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfänger, Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder neu ankommende Gast sich einschreiben muß, und stürzen [pg 238]sich auf ihn, sofern er nur irgendwie prominenzverdächtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen europäischen Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprächen der Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen erlauschen können, beschreiben die Toilette und das Gepäck reisender Künstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloßen Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute.

Jeder, der es irgend afforden kann, kehrt in den großen Hotels ein, selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen würde, und reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein Zimmer für sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und amüsant für jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und Luxus wird dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; ein Transparent leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe für dich in der Office sind, und was das Allererstaunlichste ist – jeden Abend wird dein Bett frisch bezogen, als ob du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht M 2 extra dem Hausschneider dafür bezahlen willst, und die Stiefel mußt du dir im Keller oder auf der Straße putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit einem Tip. Selbstverständlich kannst du [pg 239]auch im Office dein Bahnbillett und dein Gepäck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten mit dem Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir ein sehr feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich sicher geleitet und für dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts in die Hand zu drücken – er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.

Das Astorhotel.

Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in New York deine Schritte zunächst ins Astorhotel lenken, und du wirst gut daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus es ein intelligenter, tatkräftiger Deutscher drüben bringen kann. In dem Hotel der Gebrüder Muschenheim, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, findest du nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch für dein ästhetisches Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges gespielt wird, und im Grillroom etwas für deinen historischen Sinn, nämlich ein geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir über Leben und Treiben der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst lebendigen Anschauungsunterricht erteilt. – Kommst du aber weiter ins Land hinein, in die mittleren und kleineren Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in das Fremdenbuch einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer kleinen Stadt Wisconsins. Ich [pg 240]wurde mit meiner Frau in einem der besten Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel in diesem Zimmer fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn überhaupt vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich auch zu diesem Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin Platz finden. Da wir während unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten eingeladen waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am anderen Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren können, wenn man es uns noch verabreicht hätte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt gehen und in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu M 30.– für ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: „Ja, warum haben Sie denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar essen können, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben nämlich amerikanischen Plan hier.“ Und die ganze Menschheit in der Lobby quietschte vor Vergnügen über die lange Nase, mit der ich abziehen mußte. Jetzt also, lieber Leser, weißt du, was american plan ist.

Kundenfang der Eisenbahnen.

Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch sonst welche auffälligen Eigenschaften die Aufmerk[pg 241]samkeit der Reporter auf dich gelenkt hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung deines Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit deines eventuellen Schmieröls und außerdem deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen Folgen solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein Gentleman in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen Manieren befinden, der dir seinen Besuch macht und sich erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze Reiseroute auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den Beikarten für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natürlich baß erstaunt über diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst, wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da läßt sich ein zweiter, ebenso eleganter und liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, dir eine sehr unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft würdest du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels Lösung. Da zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall mehrere Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften ihre Kunden persönlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen kann. Diese starke Konkurrenz hat für den Reisenden das Angenehme, daß sich jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn du also zum Beispiel geborener Berliner bist und als solcher [pg 242]Wert darauf legst, deiner koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du während deiner Reise alles bemäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, den erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: „Wissen Sie, alter Freund, mit Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!“ Gegen Langeweile oder Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle recht nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewöhnten Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbücher sind für den Uneingeweihten sehr schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. Die einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in möglichst farbenfreudiger Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen über ein Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also zwölf solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; man wird aber, wie gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen betrifft, von den Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! Durch einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat dieser Marke wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet nichts, außer wenn du über einen Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein Mann durch den Zug und ruft: „Gepäck für Chicago!“, oder was es nun sein mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier. Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli auf, so mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung nicht für etwaigen Schaden verantwortlich [pg 243]machen willst. Willst du das nicht, so nimmt man dein Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders versichern. Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend.

Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Tätowierten.

Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden müssen deinen Staub schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man glück[pg 244]lich in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M. „das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im american style ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du [pg 245]also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. – Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich komfortabel.

Vom Küssen und von der Höflichkeit.

Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du [pg 246]in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme: „Let the ladys get out first!“ – und eine andere Stimme höhnte dagegen: „Let the Niggers get out first.“ Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater [pg 247]oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.

Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge, sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst lächelnd: „Hallo, Bobby, how do you do!“, worauf er gleichfalls winkt und ruft: „Hallo, Fritze, how do you do!“ Das ist praktisch und macht einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. [pg 248]Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen, so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein Schießhund.

Hemdärmeligkeit.

Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer –, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. [pg 249]Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10–5 Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.


[pg 250]

Was können wir von Amerika lernen?

Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen – was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert haben.

Das Rekordfieber.

Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die raum- [pg 251]und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von Amerika her der Rekordwahnsinn in die Welt gekommen. Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden [pg 252]Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack [pg 253]durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus amerikanisch an.

Ansteckungsgefahr des Snobismus.

Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter [pg 254]gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch weiter anstecken ließen.

Volkstümliche Bildungsbestrebungen.

Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte [pg 255]der minderwertigsten Leserschaft sogar der gelben Presse gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken und Museen, durch die University Extension und Ge[pg 256]winnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: „Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste bieten.“

Zähigkeit der Rassen.

Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, volkstümlich zu sein, denn wir sind ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte Europa für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter seiner Völker. Wie die Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß ist wie der eine Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische Rasse gibt es aber vorläufig noch lange nicht, und die Behauptung vereinzelter amerikanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte wohl als ein wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare Zeit hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden, Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich [pg 257]wie z. B. die Neger in den Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich verraten, dem ihre Vorväter entstammten, so wird man auch den Nachkommen der weißen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch fortwährende Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen. Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen Rassen einen eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen ist, so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem äußeren Gebaren so stark zu verändern, daß seine Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist überdies noch die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf klägliche Überreste vernichtet sind. Der Deutsche kann drüben dem Engländer, der Jude dem Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder unwillkürlich in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus. Es wohnt also drüben ein Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kultur[pg 258]ideale zu suchen. Von einem amerikanischen Volke wird man erst sprechen können, wenn die ungeheuren Ländergebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert sind, daß die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten kann. Aber auch bei verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben – denkbar aber auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der großen Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung nicht mehr möglich ist, und die ganze Änderung darin bestehen wird, daß die alten Rassen ihre charakteristischen Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren wirklich schon eingetreten sein, dann könnte man davon sprechen, daß Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden Tendenz bemerken läßt. Die Gewissensfrage ist für jeden einzelnen: soll ich dazu beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen, oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben?

Heimat.

Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurückkehrt, so nimmt zunächst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft mit ihrem üppigen Wiesengrün und ihren anmutigen Heckenzäunen, sei es ein französischer alter Herrensitz mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, [pg 259]Blumen und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Dörflein, so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll prunkender öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige, hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und Wachttürmchen gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt. Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermißt haben und die man uns auch drüben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen höheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch überaus fruchtbar sind, weil in allen diesen Dingen die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar werden. Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff der Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches Lebensglück. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu kommen, die Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein leichter zu erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Für solche Leute ist es wohl angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drüben werden sie erst den Wert der Heimat schätzen lernen – es sei denn, daß sie zu den blinden Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr Genügen finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche eine vertiefte Bildung gesteigert hat, kommen ja [pg 260]jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, die ihre vorläufig noch fast ausschließlich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und unserer Industrie, vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten Ordnung unserer Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche Liebe zu unserer Romantik mit heim – nachahmen aber können sie auch beim besten Willen diese unsere Vorzüge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner Tradition geworden sind.

Arbeit und persönliche Würde.

Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinüber: alle die überzähligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verärgerte, aufsässige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsächlich da drüben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen könnte. Der entschlußunfähige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen kann, der langsame, ängstliche Philister, der faule Träumer, der vornehme Müßiggänger, der hochmütige Geld- oder Wissensprotz – sie alle werden zunächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten Not darauf aufmerksam gemacht, daß die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf! nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß arbeiten, [pg 261]und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du von Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges Geschäft anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch zu verwerten weiß, daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem großen Arbeitsmarkt für jede beliebige Tätigkeit zur Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich habe drüben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für irgendeine Warenspezialität zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der Schritt zum selbständigen Geschäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei dieser Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, hinter der keine offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren läßt. Der Yankee macht sich freilich oft lächerlich durch sein übereifriges Herandrängen an unsere Höfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist mit Recht empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, die schwere Mitgift der Töchter gegen europäische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der Titel an sich ist, welcher diese faszinierende Wirkung übt, sondern vielmehr die mit altem Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drüben ihr Brot suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber völlig. Eine Persönlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder physischen [pg 262]Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in die Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst auf. Aber auch mit philiströser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt des Fortschritts unterwegs verlassen, so muß er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung abzuspringen verstehen – nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder kommen.

Juristen und Menschenkenner.

Eine der besten Seiten der Demokratie ist es aber, daß sie selbst dem Verbrecher nicht den Rückweg zum anständigen Leben verlegt. Das Vertrauen auf die eigne Kraft ist eben so stark entwickelt, daß man sich vor den Schädlingen der Gesellschaft nicht so überängstlich fürchtet wie bei uns. Denn wer etwa im wilden Westen sich seinen Wohlstand geschaffen hat, der mußte ja immer gegen Räuber, Indianer oder Gauner in den eignen Reihen auf dem qui-vive stehen, und die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß ein einziger beherzter Mann mit einem Dutzend feigen Gesindels fertig werden kann. Er hat aber auch an zahlreichen Beispielen gesehen, wie ausgemachte Lumpen durch den Zwang der Arbeit und schließlich durch den Erfolg doch noch zu brauchbaren Menschen gemacht wurden. Das Resultat dieser Erfahrungen ist, daß man sich des Verbrechers zwar sehr energisch erwehrt, ihm jedoch immer wieder Gelegenheit gibt, ein besseres Leben anzufangen, und wenn er dann etwas Ordentliches erreicht, hält man ihm seine Vergangenheit nicht wieder vor. Das ist ein großer, edel menschlicher Zug, dem viele durch falsche Erziehung und angeborene Charakterschwäche zu Verbrechern gewordene Menschen ihre Rettung verdanken. Auch die amerikanischen Richter sind [pg 263]glücklicherweise bessere Menschen- als Gesetzeskenner. Wir sind sehr geneigt, den manchmal grotesken Humor ihrer salomonischen Urteile zu verspotten, aber es ist sicher, daß diese lustigen Entscheidungen nicht halb so viel Unheil stiften und Erbitterung zurücklassen, als oft die Paragraphentreue unserer sattelfesten Juristen. Selbst der barbarische Richter Lynch hat sich wohl noch nie an einem Unschuldigen vergriffen, und die Abschreckungstheorie handhabt er jedenfalls mit praktischem Erfolg. Der Verstand von Haus aus gescheiter Menschen, den lediglich das Leben selbst mit seinen Erfahrungen in die Lehre genommen hat, ist, wenn er wirklich gesund geblieben ist, sicher ein besserer Urteilsfinder als alle Schmökerweisheit des weltfremden Ofenhockers. Und unter der gesegneten Herrschaft des Kgl. Großbritannischen common sense haben sich ja alle besten Charaktereigenschaften der Neuweltler so erfreulich entwickelt. Wir alten Europäer werden ihnen freilich diese Charaktereigenschaften nicht ohne weiteres ablernen können, denn ihr Optimismus, ihre prahlerische, aber tatkräftige Zuversichtlichkeit, ihr mutiger Leichtsinn sind eben Tugenden der Jugend, und andere Vorzüge, wie besonders ihre schöne Neidlosigkeit, sind durch die Gewöhnung an Verhältnisse bedingt, die wir alten Völker ebensowenig nachahmen können wie die Jugend.

Es gibt sogar rein geistige Gebiete, auf denen wir von den Yankees noch etwas lernen können, nämlich das Kirchen- und das Schulwesen. Wir werden ein rückständiges Volk heißen müssen, so lange wir nicht die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt haben und so lange es noch möglich ist, daß ein Deutscher seines religiösen Bekenntnisses wegen gesellschaftlich verfemt und um sein Brot gebracht werden kann. Wir marschieren [pg 264]nicht an der Spitze der Zivilisation, so lange bei uns ein Vater, der seine Kinder nicht dem Christentum ausliefern will, durch Polizeistrafen und sonstige behördliche Schikanen drangsaliert werden kann, und so lange ein staatlich anerkanntes religiöses Bekenntnis vorschriftsmäßige Bedingung zur Erlangung öffentlicher Ämter und Ehrenstellen ist. In dem Lande der absoluten Glaubensfreiheit ist das religiöse Leben, trotz mancher blamabeln Auswüchse, viel reicher entwickelt als bei uns, und die starke religiöse Persönlichkeit, der agitatorisches Talent verliehen ist, kann eine Macht über die Seelen gewinnen, um die sie unsere Generalsuperintendenten und sogar unsere Erzbischöfe ehrlich beneiden dürften. Über das, was wir auf dem Gebiete des Schulwesens von den Yankees lernen könnten, habe ich an anderer Stelle mich verbreitet. Ein Volk, das Jugend in sich selber hat, versteht auch naturgemäß mit der Jugend besser umzugehen. Übrigens machen die Yankees ja andauernd praktische Proben auf Exempel, die unsere fortschrittlichen Theoretiker schon längst aufgestellt haben. Lernen wir also an ihren Erfolgen und Mißerfolgen.

Die deutschen Kolonisatoren.
Unsere mangelhafte politische Befähigung.

Es gibt auch sonst noch Gebiete, auf denen die praktischen Erfolge des großen Staatenbundes uns als Vorbild dienen können: dahin rechne ich in allererster Linie die politische Macht, welche die Yankeerasse entwickelt hat. Die Yankees, also die Nachkommen der Einwanderer aus den britischen Inseln, sind heute der Zahl nach den Nachkommen der deutschen Einwanderer nur noch um etwa zwei Millionen voraus und dennoch haben sie es verstanden, ihrer Rasse die politische Vorherrschaft dauernd zu erhalten. Die Yankees allein haben nicht nur kolonisatorisches, sondern auch staatenbildendes Geschick bewiesen, während die Deutschen nicht einmal die von [pg 265]ihnen gegründeten Gemeinwesen dauernd in der Hand zu behalten wußten. Die Deutschen haben die Staaten Pennsylvanien, Illinois, Wisconsin, Michigan, Missouri ihrer Zeit förmlich überflutet. Germantown, Milwaukee und einige andere waren einmal ganz deutsche Städte. Cincinnati, Cleveland, Chicago, St. Louis und zahlreiche andere Großstädte zeigten vorübergehend ein Übergewicht an deutschen Einwohnern, und dennoch haben sie sich überall das Heft aus der Hand winden lassen. Wohl gibt es noch hie und da einen deutschen Bürgermeister, aber er versteht kein Deutsch mehr und verdankt seine Stellung den politischen Bossen und nicht dem einmütigen Willen seiner Rassegenossen. Die Deutschen haben doch wahrlich nicht nur ihren Ausschuß über den Ozean geschickt, die große Mehrheit bildeten vielmehr tüchtige bäuerliche und handwerkliche Kräfte, und im Jahre 1848 gingen sogar zahlreiche unserer besten Intelligenzen hinüber, die den Beruf zu geistigen Führern ihrer Stammesgenossen in sich trugen. Woher kommt es denn nun, daß trotzdem diese 18½ Millionen Menschen es zu keiner politischen Selbständigkeit bringen konnten? Die Zahl jener geborenen Führer, die sich am Ende der 40er Jahre im Mississippital niederließen, und die man spottweise die lateinischen Bauern nannte, mag allerdings wohl der erdrückenden Überzahl der ungebildeten, politisch gleichgültigen Landsleute gegenüber zu gering gewesen sein – auch war der Vorsprung, den die britischen Eroberer vor ihnen voraus hatten, nicht ohne weiteres einzuholen; das Schlimmste aber war, daß alle diese Deutschen ein stolzes Nationalgefühl überhaupt nicht besaßen, und daß sie ihren Partikularismus, ihre subalterne Denkungsart, ihr Spießbürgertum mit hinüberbrachten. Diese Deutschen gaben zwar sehr tüchtige Bauern, Handwerker und Kleinbürger ab, zeigten [pg 266]sich aber den besonderen Anforderungen des amerikanischen Lebens nur selten gewachsen. Viele von ihnen waren nicht einmal fähig, sich die englische Sprache völlig anzueignen, obwohl sie ihre Muttersprache verlernten. In Kriegszeiten übrigens haben auch diese Deutschen Großartiges geleistet, wie denn ja auch die von ihren edlen Fürsten verkauften Württenberger, Hessen usw. sich in Kriegen, die sie nicht das Mindeste angingen, wie die Löwen geschlagen haben. Im Sezessions- wie im Bürgerkrieg verdanken amerikanische Truppen deutschen Heerführern einige ihrer glänzendsten Siege – und dennoch waren und blieben diese Deutschen nur ein gern geduldetes und gehörig ausgenutztes Gastvolk innerhalb der riesigen britischen Kolonie. Die herrschende Rasse dachte selbstverständlich nicht daran, diese bequemen Biedermänner in ihre großen Ehrenstellen der Staats- und Gemeindeverwaltung hinein zu komplimentieren, da sie selber durchaus keinen politischen Ehrgeiz entwickelten. Es hätten den deutschen Einwanderern damals zwei Wege offen gestanden: entweder sie mußten resolut ihr Deutschtum über Bord werfen und mit Haut und Haaren Amerikaner werden, oder aber sie mußten fest zusammenstehen, sich alle in einer bestimmten, von ihnen zuerst besetzten Gegend niederlassen, einen deutschen Staat im Staate gründen und diesen mit rücksichtslosem Chauvinismus gegen das Anglo-Amerikanertum und den Zustrom anderer Rassen abschließen. Die meisten Deutschen haben aber keines von beidem getan, sie haben sich über das ganze weite Land zerstreut und sich dann in unzähligen Vereinen wiedergefunden, die sich gegenseitig nicht selten aus engeren landsmannschaftlichen oder aus gesellschaftlichen Eitelkeitsgründen aufs gehässigste bekämpfen. Aber auch der starke Zustrom aus dem geeinigten Deutschland der [pg 267]70er und ersten 80er Jahre hat keine wesentliche Änderung in diesen Verhältnissen gebracht. Diese neuen Reichsdeutschen hätten doch alle Ursache gehabt, ihren frischen Nationalstolz der herrschenden Yankeerasse entgegenzustellen, aber auch unter ihnen war der politische Ehrgeiz eine seltene Pflanze. Wenn sie in Ruhe ihren Wohlstand begründen durften, waren sie zufrieden, und selbst diejenigen, die durch ihre Tüchtigkeit und durch ihren Besitz zu hohem Ansehen gelangten, dachten nicht daran, sich in das Parteigetriebe zu stürzen – die meisten wohl aus moralischem Reinlichkeitsbedürfnis, viele auch aus reiner Bequemlichkeit. Man muß also doch wohl sagen, daß ihnen, einige ganz wenige glänzende Ausnahmen, wie Karl Schurz, abgerechnet, Temperament und Talent für die Politik fehlten. Die Deutschen der heidnischen Vorzeit haben kolonisatorisches Talent und Staatsklugheit im hohen Maße besessen und verdankten dieser Eigenschaft die glänzende Rolle, die sie während der Völkerwanderung und noch während der Staufferzeit in der Weltgeschichte spielten. Der jahrhundertelange Jammer der Kleinstaaterei und Pfaffenherrschaft haben aber jene ursprünglichen Veranlagungen vollständig erstickt. Hingegen kamen die ersten englischen Besiedler der neuen Welt aus einem Lande, in welchem die parlamentarische Verfassung bereits Zeit gehabt hatte, die ganze Nation, bis in die untersten Schichten hinein, politisch zu erziehen. Zudem waren es neben den religiösen auch zumeist politische Ursachen, welche die Leute zum Auswandern veranlaßten, und sie alle, mochten sie Royalisten oder puritanische Revolutionäre sein, brachten den Stolz mit hinüber, Bürger einer Weltmacht zu sein, deren Flagge siegreich und gefürchtet in allen Meeren der Erde wehte. Diese Auswanderer hatten also alle Ursache, sich als ein [pg 268]Herrenvolk zu fühlen, sie waren sich aber auch der vornehmsten Pflicht bewußt, welches dieses Herrentum ihnen auferlegte – der Pflicht nämlich, ihr Blut rein zu halten. Im Gegensatz zu den romanischen Eroberern Südamerikas und Mexikos, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als mit den eingeborenen Weibern eine recht bedenkliche Mischrasse zu erzeugen, existierte für die Anglo-Amerikaner des Nordens das rote Weib überhaupt nicht; und selbst gegen Mischehen mit den besten europäischen Einwanderern richtete das Rassenvorurteil einen starken Damm auf. Das ist das ganze Geheimnis der imposanten Machtentwicklung der keltogermanischen Rasse in Nordamerika und das ist auch das Gebiet, auf dem wir heute noch bei den Briten diesseits und jenseits des Ozeans in die Lehre gehen müssen. Das Wort Chauvinismus hat einen garstigen Klang für unsere kosmopolitischen Doktrinäre, unsere edlen Friedensschwärmer und liberalen Idealisten, es ist aber schließlich nur ein anderer Ausdruck für Kraftbewußtsein. Denn bei allen wirklich starken Rassen und Nationen ist der Republikaner so gut wie der Monarchist, der Liberale so gut wie der Reaktionär chauvin.

Neuerwachter Nationalstolz der Deutschen.

Die Deutschen, die nach 1870 eingewandert sind, vielfach auch noch deren Kinder, besitzen nun allerdings jenen schönen Nationalstolz, von dem die vorigen Generationen noch nichts wußten. Sie lesen noch die deutschen Zeitungen und freuen sich der Berichte über die großartige Entwicklung des deutschen Handels, der deutschen Industrie, das Aufblühen seiner Weltmachtstellung zur See. Auch wenn sie die Zeitungen nicht läsen, würden sie von diesem Aufschwung einen starken Hauch verspüren, denn sie können kaum in irgendeinen Laden gehen, ohne auf die schmeichelhafte Inschrift: „Made in Germany“ zu stoßen, und die gewaltigen Schiffe der großen Reedereien, allen [pg 269]voran Hapag und Lloyd, die sogar die englischen Meergiganten an solider, geschmackvoller Pracht und Zuverlässigkeit in jeder Beziehung übertreffen, haben für die Hebung des deutschen Ansehens über dem Ozean mehr getan, als selbst die himmelhohen Berge bedruckten Papieres, auf denen der deutsche Geist in diesen letzten vier Jahrzehnten des gesegneten Friedens sich für die Ewigkeit zu manifestieren trachtete. Die Person des deutschen Kaisers, als Symbol dieser friedlichen Welteroberung durch deutsches Wissen und deutsches Können, genießt bei den Deutschamerikanern eine fast uneingeschränkte Verehrung, und auch das Vereinsleben hat durch diesen neuerwachten Vaterlandsstolz neue Triebkraft bekommen. In New York, Brooklyn, Chicago, Indianapolis, Milwaukee und einigen anderen Städten erheben sich schöne deutsche Vereinshäuser, in denen nicht nur gekegelt und Skat gedroschen, sondern auch mit ernstem Eifer deutsche Musik und überhaupt deutscher Kulturbesitz gepflegt wird. In Cleveland haben die Deutschen in einem schönen öffentlichen Park eine Kopie des Weimarschen Schiller-Goethe-Denkmals errichtet, in Buffalo bemühen sie sich mit rührender Leidenschaft um denselben Zweck, und selbst im fernen Westen, in Kalifornien und Kansas ist dieser fromme Eifer rastlos am Werk. Der Zusammenhang mit dem literarischen Leben des Vaterlandes ist freilich nur lose, denn es ist begreiflich, daß die Bestrebungen einer ausschließlich auf ästhetische Kultur gerichteten intellektuellen Oberschicht in dem neuen Lande, wo die Sorge um Begründung und Aufrechterhaltung des materiellen Wohlstandes alle Kräfte noch fast ausschließlich in Anspruch nimmt, wenig Verständnis finden können. In dieser Beziehung sind es noch Großväterideale, welche die versprengten Landsleute [pg 270]drüben pflegen und es ist charakteristisch, daß die wenigen leidenschaftlichen Bekenner zum modernen Deutschtum in Kunst und Literatur vorwiegend eingewanderte deutsche Juden sind.

Heiligste Pflicht des Deutschtums.

Es hat sich also nachträglich doch noch so etwas wie ein deutscher Chauvinismus entwickelt – leider, leider kommt er jetzt um mehr als ein halbes Jahrhundert zu spät, denn die Neue Welt ist fortgegeben! Es hieße unseren deutschen Landsleuten einen schlechten Dienst erweisen, wenn man sie jetzt noch zur Sonderbündelei mit prahlerischem Maulaufreißen von uns aus aufstacheln wollte; das wäre töricht und geschmacklos. Wie würden wir es wohl aufnehmen, wenn die vielen Slawen oder Juden, die bei uns zu Gaste sind, uns fortwährend ihre Nationalität und Rasse unter die Nase reiben, Fahnen schwenken, uns ihre nationalen Gesänge in die Ohren schmettern und darauf bestehen wollten, unsere Sprache nicht zu lernen? Wir würden uns ihrer mit Fug und Recht irgendwie zu entledigen trachten. Auch die Yankees, die tatsächlichen Herren der Neuen Welt, haben ein gutes Recht, zu verlangen, daß die Einwanderer aufhörten, Fremdlinge zu sein, indem sie sich bemühen, wenigstens nach Sprache und Sitte in der Wirtsrasse aufzugehen. Pflicht des Deutschtums ist es unter diesen Verhältnissen, sich stolz bewußt zu bleiben, daß sie die Erben einer tieferen und feineren geistigen Kultur als die ihrer Wirte, und daß sie dazu berufen sind, den Blütenstaub dieser geistigen Kultur, den sie, rauhhaarigen Insekten gleich, aus der alten Heimat mit hinüber nehmen, in die Seelen der neuen Landsleute befruchtend abzustreifen. Deutsche Denkungsart, deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Sinn, deutsche Treue, deutsches Gemüt in der neuen Heimat zum ausschlag[pg 271]gebenden Kulturfaktor zu machen, das muß ihnen als heilige Pflicht bewußt bleiben. Auf diese Weise lassen sich immer noch Siege gegen und, was noch wichtiger ist, auch mit dem Yankeetum erringen. Die stolze, erfolgtrunkene Yankeerasse mit deutschem Geiste zu durchtränken und so zu unseren innerlichst Verbündeten zu machen, das wäre ein Erfolg, wertvoller als selbst neue glänzende Waffentaten. Inzwischen dürfen sich aber die Deutschen der Vereinigten Staaten auch nicht für zu gut dünken, von den Yankees zu lernen, und ebenso wir Deutschen im alten Vaterlande, die wir solche Belehrung noch nötiger haben. Es ist nämlich leider nicht zu leugnen, daß wir trotz des großen Aufschwungs seit 1870/71 es immer noch nicht dazu gebracht haben, als Nation so respektiert zu werden, wie wir es unseren Leistungen entsprechend wohl verdienten. Wenn die Diplomaten anderer Völker irgendeine bedeutungsvolle Neugestaltung der Dinge unter sich ausgemacht haben und jemand unter ihnen die Frage aufwirft: „Ja, was wird aber Deutschland dazu sagen, wird es sich das gefallen lassen?“ so wird ihm mit lächelndem Achselzucken die Antwort: „Ach, die Deutschen! Die sind ja so anständig, friedliebend und zuvorkommend, die kriegen wir schon herum.“ Es ist eben in der Politik eine zweifelhafte Tugend, sich aus Höflichkeit die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Also lernen wir Alten fleißig bei den Jungen die Fehler der Jugend – in der Politik werden viele davon zu Tugenden, vornehmlich die goldene Rücksichtslosigkeit.

Man wird einwenden, daß jene nachahmenswerten amerikanischen Tugenden nicht nur in der Jugend des Volkes, sondern mehr noch in den freien Entwicklungsmöglichkeiten einer großen demokratischen Republik begründet seien. Ich für meine Person kann jedoch nicht [pg 272]glauben, daß die Staatsform wirklich diese ausschlaggebende Rolle spiele. Die aufmerksame Beobachtung hat mich gelehrt, daß die demokratische Theorie drüben, wie überall, an der aristokratischen Veranlagung der Menschennatur scheitert; ich habe zahlreiche Beispiele dafür beibringen können. Der innerlich freie Mensch kann unter jeder Staatsform frei bleiben, und was uns in Deutschland speziell noch an unseren Regierungssystemen geniert, sind alles Dinge, die sich bei gutem Willen abstellen lassen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Propheten, die uns als nächstes Ziel unserer politischen Entwicklung die Vereinigten Staaten von Europa verheißen, recht behalten werden. Aber alsdann werden die gesunden, stolzen Rassen immer noch ein völkisches Sonderdasein führen und auch ihre Kaiser und Könige ebenso pietätvoll konservieren können, wie ihre Eigenart auf allen geistigen Gebieten. Wenn aber diese Vereinigten Staaten von Europa ein vernünftiges, zukunftsicheres Gebilde werden sollten, dann werden sie es den Lehren mit zu verdanken haben, die ihnen das Land der absoluten Gegenwart als untrüglicher Spiegel der Zukunft gegeben hat.


[pg 273]

Das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel.

Unter all den sonderbaren und gewaltigen Menschenwerken der Neuen Welt mag wohl keines so sehr den Europäer staunen machen, wie der Expreßelevator eines Wolkenkratzers, der erst am elften Stockwerk hält. Wohnungen für kochende, Kinder aufziehende Menschen pflegen sich in diesen riesigen Steinkasten nicht zu befinden, sondern ausschließlich Geschäftsräume für die Welt des Handels und der Industrie, Kanzleien für Rechtsanwälte, für Konsulate, für alle erdenkbaren Vermittler eines die ganze Welt beherrschenden Austausches von Waren und Werten aller Art. Das Herz Amerikas schlägt in den kleinen, einfachen Holzhäuschen der Vorstädte und ländlichen Bezirke; aber das Hirn Amerikas arbeitet fieberhaft in diesen gigantischen Türmen und liefert zwischen 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends die Hochdruckspannung für den Betrieb der Dollarmaschine. Hunderte von Telephonleitungen vereinigen sich auf den Dächern, die unablässig von diesen eifrigsten Drahtsprechern der Welt in Anspruch genommen werden; im Erdgeschoß unterhält eine der Telegraphen- und Kabelkompanien ein Zweigamt und befördert unzählige Telegramme über den ganzen Kontinent, wie nach allen bewohnten Gegenden der Erde, und der gebändigte Blitz trägt Botschaften voll Hoffnung und Verzweiflung, voll wilder Gier und wildem Mut in alle Welt hinaus. Millionen strömen herein, Millionen strömen hinaus. Hier pendelt den ganzen Tag die große Wage, auf der die Gedanken erfindungsreicher Köpfe mit Gold aufgewogen werden; hier saust geräuschlos der schwere Schicksalshammer nieder, der mit einem [pg 274]Schlage Existenzen vernichtet; hier schwirren die Webstühle, an denen die schimmernden Netze für den Gimpelfang fabriziert werden; mit dem Lokalaufzug klettert der fleißige, unentwegte Streber langsam von Stockwerk zu Stockwerk hinauf, und mit dem Expreßaufzug, der erst am elften Stockwerk hält, schwingt sich das Genie über die Köpfe der armen Durchschnittsmenschheit in atembenehmendem Tempo empor.

Kampfloser Fortschritt.

In diesem Tempo offenbart sich die Energie der jungen Rasse, und dieser Expreßelevator ist das bezeichnendste Symbol der Kultur dieser Neuen Welt. Nie und nirgends zuvor hat die Menschheit so tolle Luftschlösser gebaut, wie in diesen Wolkenkratzern des amerikanischen Nordens. Ein gigantisches Eisengerippe schießt starr und nackt aus dem Boden hervor, und der Ausbau wird hoch droben mit dem Dach angefangen. Von oben herunter beginnt man alsdann die Wände von Zementguß zwischen den Rippen zu spannen, also gewissermaßen flüssigen Stein vom Dach herunter zu gießen, bis er endlich den Boden erreicht und nun mit Quadern im Grundstock verblendet wird, schwer und gewaltig, wie für die Ewigkeit bestimmt. Wir Menschen der Alten Welt aber haben zuerst in den Höhlen gewohnt, die die Natur uns zum Unterschlupf darbot; dann haben wir gelernt, uns in die Erde zu wühlen. Stein um Stein, Balken um Balken haben wir herbeigeschleppt und langsam aneinander gefügt, und Jahrtausende, ja Hunderttausende selbst haben wir gebraucht, um den stolzen, sicheren Bau unserer Kultur bis in jene Höhen hinaufzuführen, wo die Stickluft schwitzender Mühsal nicht mehr lastet, wo der frische Wind der Freiheit weht und der Blick sich weitet in die lichte Ferne. Die kühnen Abenteurer dagegen, die die Neue Welt besiedelten, brachten die eisernen Träger für den Aufbau ihrer Kultur [pg 275]gleich fertig mit. Es waren schwindelfreie Menschen, die zuerst das große Wagnis unternahmen; denn ängstliche, bedächtig am Alten klebende Ofenhocker und Duckmäuser gingen ja überhaupt nicht über das große Wasser. Die Eroberer brauchten das Pulver nicht zu erfinden; der Knall ihrer Büchsen, der Donner ihrer Kanonen war ihr erster Gruß an die technisch hilflosen Besitzer des neuen Landes. Und als die weiße Besiedlung in großem Stile einsetzte, da war die Zivilisation des 17. Jahrhunderts das A, und die Aufgabe, sich weiter hinauf zu buchstabieren im Alphabet, verursachte keineswegs mehr einen Riesenverbrauch von Gehirnarbeit. Jedes Schiff brachte einen neuen Gedanken von der Alten Welt herüber, und diese neuen Gedanken brauchten sich nicht in hartem Kampfe erst langsam durchzusetzen gegen den widerstrebenden Willen der Alten – denn es gab keine Alten in diesem Lande, in dem Jugend und Kraft allein regierten. Da brachte einer die Idee der Dampfmaschine herüber, und alsbald erkannte man, daß die Riesengröße des Landes all ihre Schrecknisse verlieren und die zahlreichen Quellen unerschöpflichen Reichtums überhaupt erst nutzbar gemacht werden würden, wenn der rasche Dampfwagen spielend die Entfernungen überwand. 1825 lief die erste Eisenbahn in England, 1829 gelangte die erste Lokomotive nach den Vereinigten Staaten und wurde alsbald zwischen Boston und Worcester in Betrieb gesetzt. Im Jahre 1840 waren schon 2818 englische Meilen Eisenbahn ausgebaut, und im Jahre 1869 wurde die Pacificlinie vollendet, die den Atlantischen mit dem Stillen Ozean verbindet! Man wartete drüben nicht, wie bei uns, ab, bis reich bevölkerte Gegenden und große Städte die Mittel zu neuen Bahnbauten aufbrachten, sondern man legte resolut die Schienenstränge durch jungfräuliches Land, durch Wüsten und [pg 276]Einöden und veranlaßte dadurch, daß jene Gegenden besiedelt wurden, Städte und Industrien über Nacht aus dem Boden wuchsen. Kleinliche Bedenklichkeiten kannte man nicht. In jenen Gegenden hielt man sich mit dem Anlegen fester, kostspieliger Bahndämme nicht lange auf, sondern rammte die Schwellen so gut oder so schlecht es gehen wollte in den Boden ein und ließ die schweren Lokomotiven darauf los rasen; auf ein paar Menschenleben mehr oder weniger kam es dabei nicht an. Was ist an denen gelegen, wenn nur die Überlebenden den winkenden Dollar glücklich erhaschen!

Unbegrenzte Möglichkeiten.

Und wie mit den Eisenbahnen, so ging es mit allen anderen technischen Errungenschaften des europäischen Geistes. Begierig wurden sie drüben aufgegriffen und, sobald ihre praktische Verwendbarkeit feststand, im Nu über das ganze Land verbreitet und in ihrer Leistungsfähigkeit durch Verbesserungen bis an die Grenze der Möglichkeit gesteigert. Und genau so wie mit den Resultaten der technischen, verfuhr man auch mit denen der geistigen Kultur: man importierte alle wichtigen Axiome der Wissenschaft gleichzeitig mit den neusten, kühnsten Hypothesen und flößte sie den lernbegierigen jungen Köpfen ein. Von den sieben freien Künsten ließ man sich reichhaltige Mustersendungen kommen und erwarb zum Schmucke des eignen Lebens was irgend dem unreifen Geschmacke eines noch nicht zu beschaulicher Ruhe gelangten Volkes zusagte. Man hatte auch nicht nötig, aus dunkler Angst und Erlösungssehnsucht langsam eine nationale Religion empor wachsen zu lassen, sondern man ließ sich die Religionen schockweise aus den alten Ländern kommen und von einheimischen Köchen für die amerikanischen Seelen lecker zubereiten. So besaß man auf einmal Religion und [pg 277]Kunst, Wissenschaft und Technik zugleich, und alles dieses in einem auf der Höhe des Tages befindlichen nagelneuen Zustande. Es galt für dieses absolute Gegenwartsvolk niemals, alte Kleider aufzutragen, mit alten Vorräten zu räumen, alte Mauern niederzulegen, alte Münzen einzuschmelzen. Und weil jeder Anfang für die Leute dieser Neuen Welt ein Weiterbauen auf etwas bedeutete, das die Alte Welt bereits als ein Vollendetes geliefert hatte, so mußte sich in den Köpfen dieser Neuweltleute die Überzeugung festsetzen, daß es für ihre Entwicklung keine Schranken gäbe. Der Himmel hängt diesen Leuten voll unbegrenzter Möglichkeiten. Weil sie es niemals nötig hatten, auf dunkeln Wendeltreppen mit schmerzenden Knien in die Höhe zu klimmen, wie wir, so deucht es ihnen die natürlichste Sache von der Welt, ihre zwanzig, dreißig Stockwerke per Expreß mit höchstens zwei bis drei Stationen hinauf zu flitzen. Und da droben, im Genuße der schönen Aussicht und der frischen Luft, fühlen sie sich so pudelwohl, daß sie es gar nicht merken, wie sie in der Luft hängen. Es muß schon ein gewaltiges Erdbeben kommen, um ihnen begreiflich zu machen, daß in ihrer Höhe der Ausschlagswinkel der Pendelschwingung etwas ungemütlich zu werden beginnt und daß man unten zum mindesten sicherer wohnt. Aus eben dem Grunde aber vermögen kultivierte Menschen der Alten Welt in jenen stolzen Luftschlössern niemals heimisch zu werden. Sie finden es fußkalt darin, weil die unteren Stockwerke unbewohnt sind und alle Winde frei durch das leere Eisengerippe streichen. Wir wurzeln eben mit unserer ganzen Seele in der Vergangenheit. In den schweren Kämpfen einer langen, langsamen Entwicklung sind unsere Kräfte gewachsen; an den Steinen, die uns in den Weg geworfen wurden, haben wir die Waffen unseres Geistes geschärft; [pg 278]unseren Göttern haben wir Wohnungen gebaut aus den aufgetürmten Leichnamen unserer Märtyrer; den holden Rausch unseres Frühlings haben wir uns verdient in eiskalten Winterstürmen, aus Schutt und Brand die Ideale unserer Schönheit gerettet – aller Stolz auf unsere Gegenwart, all unsere Sehnsucht in die Zukunft sind arm und klein, an der heiligen Liebe zu unserer Vergangenheit gemessen. Ein Mensch der Alten Welt, der keine Romantik im Leibe hat, ist eine Mißgeburt. Und wenn die Kinder der absoluten Gegenwart zu uns herüberkommen, so wandeln sie wie in einem Museum einher: alles, was für uns lauter lebendige Quellen ewiger Werte bedeutet, sind für sie ausgestopfte Kuriositäten, patinierte Schildereien, bleiche Spirituskonserven – sie gehen staunend oder lächelnd vorbei und fragen hie und da: „Wieviel kostet das?“

O ja, wir sind auch Gegenwartsmenschen, sogar wir ehemals so verträumten Deutschen! Wir ruhen keineswegs auf unseren Lorbeeren aus, wir stellen immer noch unsere Welteroberer so gut wie zur Zeit der Völkerwanderung. Diese neuen deutschen Menschen sind aber die sonderbarsten Realisten, die die Welt je gesehen hat. Wohl sind sie modern im besten Sinne und innerlich doch noch ganz und gar angefüllt von den ererbten Eigenschaften ihrer ritterlichen oder spießbürgerlichen Vorfahren. Ihr Blut sträubt sich dagegen, reine kalte Geschäftsmenschen zu werden; sie ringen mit ihrer rührenden Gemütlichkeit, ihrer korrekten Bravheit und wohl auch mit einer streberhaften Enge der Empfindung, und ihrem mannhaften Ringen blüht der Erfolg, weil sie sich der Arbeit und der Disziplin verschrieben haben. Dies neue Geschlecht der deutschen Realisten bildet heute noch einen Staat im Staate, eine Freimaurerorganisation mit [pg 279]ungeschriebenen Gesetzen. Aber es ist sicherlich berufen, den Staat von Grund aus umzuwandeln, das Ferment der neuen deutschen Gesellschaft zu bilden – jener große, der offiziellen Welt meist fernstehende Komplex von Ingenieuren, Technikern, Kaufleuten, exakten Forschern, voraussetzungslosen Denkern und rücksichtslosen Künstlern, der heute schon die eigentliche Triebkraft zu allen tüchtigen deutschen Taten hergibt. Übermenschen sind sie darum noch lange nicht, diese neuen Deutschen, aber doch bereits wieder ein prächtiges Herrenvolk, unter dem die Ahnherrn des Übermenschen schon jetzt im Fleische wandeln dürften.

Der Übermensch von Wallstreet.

Drüben glauben sie, wie es scheinen möchte, den Übermenschen bereits zu besitzen, und zwar in der Person des Spielers großen Stiles, des Millionen aus der Luft greifenden und auf eine Karte setzenden kalten Geschäftsmannes. Hören wir ein Stückchen Yankeephilosophie aus dem Munde eines ihrer besten Schriftsteller, Jack London[5]: „Zu Zehntausenden und zu Hunderttausenden sitzen Menschen die Nächte durch und planen, wie sie zwischen die Arbeiter und deren Erzeugnisse sich hineinquetschen können; das sind die Geschäftsleute. Die Kleinen von ihnen, Krämer und dergleichen, greifen sich aus dem Erzeugnis des Arbeiters irgend etwas heraus, woran sie verdienen können; aber die großen Geschäftsleute benutzen diese kleinen Geschäftsleute, um die Werterzeuger für ihre Zwecke herzurichten. Den ganz großen Leuten aber liegt nichts daran, den einzelnen Arbeiter auszubluten, ihm seinen Profit wegzuschnappen, sondern sie suchen sich zwischen die Hunderte und Tausende von Arbeitern und ihre Erzeugnisse hineinzuschieben. Diese [pg 280]Art von Glückspiel nennt man ‚die hohe Finanz‘. Ursprünglich bestand das Geschäft nur darin, den Arbeiter auszuplündern; dann aber taten sich die großen Räuber zusammen und jagten einander die aufgehäufte Beute ab. Unter den Übermenschen der Geschäfts- und Finanzwelt gibt es, mit einigen seltenen mythischen Ausnahmen, kein noblesse oblige. Diese modernen Übermenschen sind eine Gesellschaft von Banditen, welche die erfolgreiche Frechheit besitzen, ihren Opfern Gebote von Recht und Unrecht zu predigen, an die sie sich selber nicht kehren. Bei ihnen heißt es, eines Mannes Wort soll gelten, so lange als er gezwungen ist, es zu halten. Du sollst nicht stehlen, ist ein Gebot, das nur den ehrlichen Arbeiter angeht; sie selber stehlen selbstverständlich und werden von ihresgleichen der Größe ihrer Beute entsprechend geschätzt. Obwohl jeder Räuber stets auf der Lauer liegt, um jeden anderen Räuber zu berauben, so ist doch die ganze Bande wohl organisiert. Sie hat tatsächlich die Kontrolle über den politischen Mechanismus der Gesellschaft. Sie bringt Gesetze durch, die ihr das Privileg zum Rauben geben, und sie verschafft diesen Gesetzen Achtung durch die Polizeiorgane, die Gerichte und die Armee. Des Übermenschen Hauptgefahr liegt in seinem Mitübermenschen, nicht etwa in der dummen großen Masse des Volkes – die kann man durch den lächerlichsten Bluff zum Narren halten – die zählt nicht mit. Die hohe Finanz ist nur ein Pokerspiel auf höherer Basis, aber man kann sehr wohl die Betrügereien und Vortäuschungen dabei durchschauen, ohne sich sittlich darüber zu entrüsten. Es ist eben die Ordnung der Natur, daß die gigantische Nichtigkeit alles menschlichen Strebens von den Banditen organisiert und ausgenutzt wird. Auch zivilisierte Menschen berauben einander, weil sie eben so [pg 281]geschaffen sind. Sie rauben, wie die Katze kratzt, der Frost beißt und der Hunger kneift. Der große Finanzier lernt sein Geschäft bald sportmäßig betreiben. Arbeiter und kleine Leute beschwindeln, das ist zu leicht, zu dumm, das ist ebensowenig ein Sport, wie etwa die Jagd auf die fetten, in der Nudelkiste aufgezogenen Fasanen, wie sie in England noch betrieben werden soll. Der große Sport besteht darin, den erfolgreichen Räubern einen Hinterhalt zu legen und ihnen die Beute wieder abzunehmen. Das gibt Aufregung, das spannt, und zuweilen setzt es dabei Klopffechtereien, an denen der Teufel seinen besonderen Spaß hat.“

Spitzbüberei als guter Sport.

Die Übermenschen von Wallstreet tragen mit ihren genialen Taten allerdings dazu bei, die Physiognomie der Neuen Welt charakteristisch auszuprägen, besonders wenn man ihr Treiben so auffaßt, wie jener witzige Engländer, der einem Yankee auf die Behauptung: so smarte Geschäftsleute wie in den Vereinigten Staaten hätten sie drüben in England doch nicht, kaltblütig erwiderte: „O ja, die haben wir auch – aber bei uns sitzen diese Herren alle im Zuchthaus.“ Der Amerikaner hat eben den guten Humor, die Taten seiner großen Spitzbuben, wie Jack London, mit sportlichem Interesse zu verfolgen. Er versteht aber einen sehr feinen Unterschied zu machen zwischen den großen Tieren, über die er sich amüsiert, und denen, auf die er stolz ist. Es gibt einige sehr vornehme Klubs drüben, in deren Mitgliederverzeichnissen man die Quintessenz des amerikanischen Genius suchen darf, xfach durchgesiebte Auslesen von Herren- und Höhenmenschen. So existiert z. B. in New York der alte, hoch angesehene Century-Klub, in welchen nur Männer aufgenommen werden können, die irgendeine bedeutungsvolle Leistung auf irgend welchem Gebiete aufzuweisen [pg 282]haben. Am 26. Februar des Jahres 1902 aber ergriff ein Komitee, dem ein Dutzend der weltbekannten Industriefürsten angehörte, die Gelegenheit eines festlichen Frühstücks im Straßenanzug, um unserem Prinzen Heinrich von Preußen das Hirn Amerikas auf einer goldenen Schüssel darzubieten. Ungefähr 150 Einladungen ließen sie ergehen an jene Captains of Industrie, wie Thomas Carlyle sie genannt hat: „Jene Ahnherrn einer neuen, wirklichen, nicht bloß eingebildeten Aristokratie!“ Bei diesem denkwürdigen Frühstück wurde nicht die Schwere des Geldsacks in Betracht gezogen; ausgeschlossen waren die bloßen smarten Geschäftsleute, die tollkühnen Spieler des großen Spiels; ausgeschlossen waren auch Leute, die nur vermittels ihres hohen Ranges eine Augenblicksbedeutung haben; es waren vielmehr nur wirkliche Feldherrn in dem gewaltigen Heere der modernen Welteroberung durch Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie zur Huldigung entboten. Dem Prinzen wurde vorher ein kleines gedrucktes Heft überreicht, in dem die Eingeladenen dem Alphabete nach aufgeführt und die Bedeutung jedes Einzelnen in einer ganz knapp gefaßten Notiz erläutert war. Die „New Yorker Staatszeitung“ sagte von diesem Frühstück: „Der erlauchte Bruder des deutschen Kaisers und mächtigen Beschirmers friedlicher Bestrebungen hat heute echte und wahre Amerikaner kennen gelernt, Leute von dem Schlag der Augsburger Fugger, Fürsten des Handels, Baumeister unserer Größe. Es waren nicht lauter Millionäre, die da saßen, aber sie gehörten ausschließlich zu der Klasse jener Arbeiter, die die unerschöpfliche Produktionskraft der Neuen Welt in Millionen umzumünzen verstehen und die unseren Nationalwohlstand begründen halfen.“

Die wahren Exzellenzen.

Ich besinne mich vergeblich auf eine Gelegenheit, bei der ein Fürst der Alten Welt in ähnlicher Weise gefeiert worden wäre. Wenn unsere gekrönten Häupter reisen, so bekommen sie überall dieselben Exzellenzen, Geheimräte, Spitzen der Behörden, Kriegervereine usw. zu sehen; zweifellos lauter wackere und verdienstvolle Staatsbürger; aber die wahrhaft führenden Köpfe, die genialen Organisatoren, die Träger der modernen Ideen – jene Exzellenzen im eigentlichen Wortsinne – jene Hervorleuchtenden – sie finden sich nur in vereinzelten Exemplaren unter den Aufwartenden. Und der Eifer der intimen Hüter des Thrones, der Höflinge und Büreaukraten sorgt dafür, daß von wirklich geistigen Potenzen diejenigen das Antlitz des Herrschers niemals zu sehen bekommen, deren Gedankenschwung sich keck über die Grenzen des beschränkten Untertanenverstandes erhebt. Auch drüben in dem Märchenlande der absoluten Gegenwart fehlten in der Liste der Eingeladenen die großen Philosophen, Künstler und Dichter, die Verkünder einer neuen Sittlichkeit und einer neuen Religion, die kühnen Umwerter und gefährlichen Fackelträger – sie mußten fehlen, weil sie drüben noch nicht vorhanden sind, diese Kulturblüten schwer von dem Honig einer glorreichen Vergangenheit.

Wann wird für Deutschland die Stunde schlagen, in der ein Kaiser vor seinem Volke den Tanz der sieben Schleier tanzt, wobei seine Majestät eine Hülle alter Vorurteile nach der andern abwirft, um schließlich zum Lohne das Hirn Deutschlands auf einer Schüssel zu fordern? Vielleicht wird diese Schüssel nicht, wie drüben in dem Lande der unerschöpflichen Naturschätze, von purem Golde sein können – aber das Hirn wird sich sehen lassen dürfen!


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Einige für dies Werk benutzte und empfehlenswerte Bücher:

Dr. Otto Ernst Hopp, „Bundesstaat und Bundeskrieg in den Vereinigten Staaten“. Zwei Bände. Verlag G. Grote. Berlin 1886.
Mc. Laughlin, „History of the American Nation“. Verlag Appleton & Co. New York 1903.
Paul Bourget, „Outre Mer“. Verlag Alphons Lemerre. Paris 1905.
Georg von Skal, „Das amerikanische Volk“. Verlag Egon Fleischel & Co. Berlin 1908.
Dr. Hintrager, „Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?“ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1904.
Wilhelm von Polenz, „Das Land der Zukunft“. Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1905.
Ludwig Max Goldberger, „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“ Verlag F. Fontane & Co. Berlin 1903.
A. von Ende, „New York“. Verlag Marquardt & Co. Berlin.

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