Die amerikanische Presse.

In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: „Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was sein sollte und dem, was praktisch ist. Amerikanische Lorbeeren grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Ver[pg 150]gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs.“

Lesefutter für Kinder und Unmündige.

Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus [pg 151]reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.

Illustrationsunfug.

Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene [pg 152]Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering einzuwickeln.

Eitelkeitsmarkt.

In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern [pg 153]aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: „287 Menschen verkohlt“, oder „Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern“, oder „Das Arnoldmädchen mit Liebhaber in Neapel gesehen“ – wobei zu bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters [pg 154]und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen Hause The Spinster Aunt Big Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein [pg 155]pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten [pg 156]doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen [pg 157]begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die Nase.

Intellektueller Schlangenfraß.

Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß [pg 158]nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck!

Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“ folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – „Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer [pg 159]Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A.“

Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen.“

Ist das nicht rührend niedlich?

Kopfzeilen.

Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind die Head lines (Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut über diese gräßlichen Head lines; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „Sagt, Kalifrage nicht schuld“, und erst in dem in Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin [pg 160]handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben: „Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben: „Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann Frau“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.

Ein smarter Reporter.

Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischer Smartness versteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der „Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub auf[pg 161]wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.

Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.

Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung [pg 162]schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung erfüllen. Ich brauche wohl nur die Namen New-York Herald und Henry M. Stanley zu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies – weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein Deutscher; in dem am Boston Transcript, einer in geistigen Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen [pg 163]ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“

Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer [pg 164]indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer, sich da wieder herauszurappeln.

Sensationsartikel ernster Zeitschriften.

Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen- [pg 165]und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich, [pg 166]daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was habe ich dann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür klingt freilich plausibel genug: „Was wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften sollen?“

Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und [pg 167]Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie sich gefallen läßt.

Die deutsche Presse.

Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neu[pg 168]gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den Geschmack der Masse zu vergewaltigen.


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Von der demokratischen Gesellschaft.

Die demokratische Freiheit.

Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß [pg 170]und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.

Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit [pg 171]ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt. [pg 172]In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlich prominent, daß mir auch diese Gesellschaft noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu den erstklassigen Menschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe mir dafür ein Compartement, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des großen Pullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen [pg 173]Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, echt demokratische Einrichtung.

Die alte Tante.

Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf – die alte Tante! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer[pg 174]töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen[3], dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, die sie für anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht [pg 175]sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen unter dem Namen Sacred Concert zu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der alten Balletteuse, als geistliches Konzert gegeben!

Raubritter hüben und drüben.

Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden [pg 176]kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen [pg 177]ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste der möglichen Menschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes andere. Pluckyness ist heute noch ein höchstes Lob für einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des alten Gauners Drew[4]. Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ [pg 178]er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in die Höhe zu treiben „Watering the stock“ die Herde wässern – denn das Wort stock bedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen abzusondern.

Soldatenwerbung.

Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder [pg 179]Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür [pg 180]wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht [pg 181]den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.

Vom Söldnerheere.

Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien, [pg 182]beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.

Demokratische Tugenden.
Neidlosigkeit.

Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner [pg 183]und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur [pg 184]in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage bandenweise in einen Laden oder in einen Saloon einfallen und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter [pg 185]ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.

Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung durchzumachen?


[pg 186]

Wie der Yankee seine Rechnung mit dem Himmel macht.

Es war eine der klügsten Maßnahmen der Unionsbegründer, daß sie in ihrer Verfassung die Trennung von Kirche und Staat aussprachen. Wie überall in der Welt, so hatte auch in den ersten Jahrhunderten der Besiedelung Nordamerikas die Verquickung des religiösen Elements mit der Politik die übelsten Folgen gehabt. Die bischöfliche Kirche Englands, die papistische wie die protestantische, hatte natürlich versucht, ihre Herrschaft auch auf die amerikanischen Kolonisten auszudehnen und dadurch den unseligen Religionshader in die neue Welt verpflanzt. Die Pilgerväter, das heißt jene fanatischen Puritaner, die in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts die sogenannten Neuenglandstaaten besiedelten, hatten sich weit unduldsamer erwiesen als selbst die römische Pfaffenherrschaft in den spanischen Südstaaten. Sie wären am liebsten mit Inquisition und Scheiterhaufen gegen alles, was ihnen ketzerisch erschien, vorgegangen. Aber wie diese Pilgerväter über dem Psalmsingen und Ketzerriechen doch niemals vergaßen, ihre weltlichen Geschäfte als geriebene Kaufleute intensiv zu fördern, so ließ sich auch der vielgerühmte Common sence ihrer angelsächsischen Rasse selbst durch religiöse Inbrunst nicht völlig unterdrücken. Die stupiden Glaubensverfolgungen hatten tiefgehende Spaltungen, verbitterte Feindschaften zwischen den in dem jungen Kolonialreich doch so sehr auf gegenseitige Hilfsbereitschaft und festen Zusammenhalt angewiesenen Bürgern erzeugt. Neugegründete Städte und Staaten wurden entvölkert, abtrünnige Sektierer fanden großen Zulauf und gründeten [pg 187]neue Gemeinwesen, die sich zu bedrohlichen Konkurrenten der alten Puritanersiedelungen entwickelten. Als nun gar der kleine Freistaat Maine, der als erster völlige Religionsfreiheit eingeführt hatte, auffällig rasch emporblühte, begannen doch auch den starren Puritanern die Augen aufzugehen.

Trennung von Staat und Kirche.

Und so kam es, daß nach der gewaltsamen Losreißung vom alten Vaterlande die Trennung von Kirche und Staat von der Bundesregierung zum Grundsatz erhoben wurde. Im Artikel 1 des Anhangs zur Konstitution von 1778 ist dieser Grundsatz festgelegt, und seit dieser Zeit kann tatsächlich in den Vereinigten Staaten jeder nach seiner Fasson selig werden. Die Staatsgewalt schreitet nur ein in dem Falle, daß die Grundsätze einer Religionsgemeinschaft den Gesetzen zuwiderlaufen, wie zum Beispiel die Vielehe bei den Mormonen. Außerdem hat sie in weiser Voraussicht der Ansammlung übermäßigen Kirchensvermögen Grenzen gesetzt. Die Folge dieser Entfesselung der Religion war eine Spaltung des Protestantismus in unzählige Sekten, die aber keineswegs eine Schwächung, sondern vielmehr eine Stärkung des religiösen Lebens bedeuten. Philosophisches und besonders kritisches Genie ist dem Yankeevolke durchaus abzusprechen, dagegen besitzt es einen starken Hang zur Phantastik, ja auch Begeisterungsfähigkeit und Inbrunst. Das Volk ist in seiner Allgemeinheit heute noch kindlich denkunreif, und so erklärt es sich, daß die Bibel ihm noch durchweg als Offenbarungsquelle dient. Natürlich aber liest jedes grüblerisch veranlagte Individuum aus dieser Offenbarung etwas anderes heraus. Und wer Beredsamkeit und Zähigkeit genug besitzt, vermag Anhänger um sich zu scharen und eine unabhängige Gemeinde zu gründen. Die Opferwilligkeit, die dazu gehört, eine solche Gemeinde, [pg 188]Sekte oder Kirche (Denomination) aus eigenen Mitteln zu unterhalten, legt beredtes Zeugnis ab für die Stärke des religiösen Bedürfnisses. Freigeister in unserem Sinne gibt es bei den Yankees nur sehr wenige, und am Christentum selbst hat noch niemand von ihnen ernsthafte Kritik geübt. Die Tradition hat die Bibelgläubigkeit der Vorväter so lebendig erhalten, daß es heute noch, ebenso wie in England, ein oberstes Gesetz gesellschaftlichen Anstandes geblieben ist, seinen Eifer für das Christentum irgendwie zu betätigen. Dieser Eifer aber tut sich etwas auf seine Freiheit zugute und nimmt daher oft die wunderlichsten Formen an. Die katholische Kirche dagegen hält fest zusammen wie überall und gibt kein Titelchen von ihren Dogmen preis. Sie gründet ihre Macht auf das irische Element und erhält ständigen Zuwachs durch italienische, polnische und slawische Einwanderer. Klug, wie sie ist, trägt sie dem in der demokratischen Luft sehr bald auch bei den geistig minderwertigsten Einwanderern üppig ins Kraut schießenden Stolz auf die persönliche Freiheit Rechnung und mischt sich nicht so aufdringlich wie in Europa in Privatangelegenheiten; politisch dagegen versucht sie mit allen möglichen Mitteln Einfluß zu gewinnen. Die bedeutsamste politische Verbindung der katholischen Irländer, die bekannte Tammany Hall im Staate New-York, übt offensichtlich eine große politische Macht aus. Ob es ihr aber wirklich gelingt, ihre Hauptabsicht, katholische Irländer in die wichtigsten Staatsstellungen zu bringen, in gefährlicher Weise zu betätigen, darüber gehen die Meinungen bei den Amerikanern selbst sehr weit auseinander. Es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der nüchterne, praktische Yankee, wo es sein staatsbürgerliches Wohlbefinden und seinen Geldbeutel angeht, sich von konfessionellen Quertreibereien übers Ohr hauen lassen sollte.

Die Bischöflichen und die Unitarier.

Obwohl der Grundgedanke des Christentums entschieden demokratisch ist, so ist doch in der demokratischen Republik gerade die Kirche der Boden, wo sich aristokratische Absonderungsbestrebungen am lebhaftesten betätigen. Selbstverständlich wird in sämtlichen Kirchen und Betsälen Nordamerikas – man zählt gegenwärtig, wenn ich recht berichtet bin, 86, nach anderer Quelle sogar gegen 200 verschiedene Bekenntnisse – der christliche Grundsatz gepredigt, daß vor Gott alle Menschen gleich seien; in Wirklichkeit ist aber beispielsweise die bischöfliche Hochkirche nur für die Reichen und Vornehmen vorhanden. In ihren prächtigen Kathedralen kostet das Abonnement auf einen Sitzplatz sicherlich so viel wie das auf einen ersten Rangplatz in der großen Oper. Ein beliebiger Mensch der minder gut gekleideten Klasse, dem es einfallen wollte, im vorübergehen in solch eine Kirche einzukehren, würde nicht nur schwerlich einen Sitzplatz finden, sondern sich auch durch die entrüsteten Blicke der Stammgäste energisch hinausgeekelt fühlen. Die Geistlichen dieser Kirche sind feine Weltleute, verkehren in der vornehmsten Gesellschaft und verdanken ihre Karriere häufig ihren glänzenden Eigenschaften als Tischredner, Bridgespieler, Musikdilettanten und Tänzer. Die Kirche der geistigen Aristokratie, der wohl der größte Teil der akademischen Welt angehört, ist die Unitarian Church. Diese hat alle Dogmen beiseite geworfen und nur den ethischen Gehalt der Bergpredigt als Richtung gebend beibehalten. Sie treibt keinerlei Kult mit dem starren Bibelwort und sucht die Themen für ihre Sonntagsbetrachtungen gerne bei den Dichtern und Philosophen, vornehmlich bei ihrem berühmtesten Mitgliede Ralph Waldo Emerson. Den größten religiösen Eifer entfalten natürlich die kleineren Denominationen, deren Prediger [pg 190]oft die seltsamsten Mittel zum Seelenfang anwenden. Die Berichte, die zuweilen nach Europa dringen von Geistlichen, die ihre Gemeinde mit Schokolade und Icecreme bewirten, vergnügte musikalisch deklamatorische Unterhaltungen oder schweißtreibende Leibesübungen veranstalten, beziehen sich wohl nur auf solche Sekten, die auf den Geschmack des kleinen Mannes spekulieren und daher auch in ihrer Reklame dem Hange des amerikanischen Humors zu grotesker Übertreibung Rechnung tragen müssen. Am spaßhaftesten muß es wohl in den Negerkirchen zugehen. Wer jemals eine Probe der geistlichen Gesänge der Nigger gehört hat, deren Eigentümlichkeit es ist, die biblischen Geschichten sowie die Vorstellung von Himmel und Hölle mit ganz modernen Zutaten, aus dem Bereich der Technik etwa, auszustatten, der wird sich auch eine Vorstellung von der Weihe eines Negergottesdienstes machen können. Der Rhythmus afrikanischer Kriegs- und Geisterbeschwörungstänze sitzt diesem kindhaft gebliebenen Volke eben noch so fest in den Knochen, daß auch seine religiösen Gefühle bis auf den heutigen Tag noch in diesem Takte schwingen.

Die Negerkirchen.

Um einen Begriff von dem Ton dieser religiösen Niggerpoesie zu geben, habe ich versucht, einige solche Kirchenlieder zu übersetzen, wobei freilich zu bedenken ist, daß die Eigentümlichkeiten des Negerdialektes schon darum jeder Wiedergabe in Deutsch spotten, weil wir ja bei uns kein Negerdeutsch kennen. Eines dieser Lieder aus der Zeit der Sklaverei lautet folgendermaßen: „Jossua fit de battle ob de Jerico“.

Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho – so froh!

Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho –

und die Mauern purzeln um – glatt um!

[pg 191]

Kommt Brüder, in die Wildnis, wo der Sturm heult, laßt uns eilen,

da soll da heilig Bibelwort uns unsern Kummer heilen.

Wir wählen uns zum Text – die Deutung, die liegt nah:

„Der Herr rief: Moses, Moses! – und der Mann sprach: Ich bin da!“

O Daniel!

Ei, Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho,

und die Mauern purzeln um, glatt um.

Nu, oll’ Pharo von Ägypten – klüger war kein Mensch gebor’n –

und er kriegt die Judenkinder ’ran zur Arbeit in sei’m Korn.

Schließlich ließ der Herrgott sagen durch den Moses, seinen Knecht,

daß der Pharo diese Juden schleunigst laufen lassen möcht’.

O Daniel usw.

Sollt er aber dies verweigern! – o verdammt – dann ging’s ihm schlimm.

Auf Ägypten wollt er leeren kübelweise seinen Grimm.

So geschah’s. Und Pharos Heere waren keinen Dreier wert.

Also, merkt, mit seinen Kindern heute noch der Herr verfährt.

O Daniel usw.

Tolle Sachen dreht der Herrgott – und nicht nur in alter Zeit,

nicht für Israel nur – Mitchristen, nein, die Hilfe ist nicht weit!

Seine Liebe reicht für uns noch ... so, nun lauft nicht und verpetzt

mich meinem Massa, daß die Predigt euch zum Muckschen aufgehetzt.

O Daniel usw.

Besonders interessant ist es, daß, wie auch in den ältesten Zeiten des Volksliedes der europäischen Kulturländer, das eigentlich sinnvolle Gedicht von einem Solosänger vorgetragen wird, während der Chor sich durch ganz aus dem Zusammenhang fallende Ausrufe und Kehrreime beteiligt. In obigem Lied singt also der Chor: so froh – glatt um – o Daniel – und wiederholt am Schlusse jedes Verses die außer Zusammenhang mit dem Inhalt stehenden Einleitungszeilen: „Josua, der schlug die Schlacht bei Jericho“.

Ein anderes Lied, das in einen festen Rhythmus zu pressen ich mich vergeblich bemüht habe, lautet höchst charakteristisch:

Der Vorsänger:

O der Gänsekiel kratzt in dem Kontobuch des Herrn –

Mein Herr schreibt meine Zeit ein.

Wie im Schwanze des Opossums, sind auf deinem Schädel auch

alle Haare dir gezählt. Weißt du das nicht?

Oder meinst du, daß der Herr, der sie schuf, nicht einen Hecht

von ’nem Walfisch unterscheiden sollte können?

Chor:

Sündige also lieber nicht, wenn du nicht magst Strafe zahlen,

denn mein Herrgott schreibt es ein.

Vorsänger:

Und das Hauptbuch, das ich meine, das ist Gottes Weltgericht –

mein Herrgott schreibt meine Zeit ein.

Du erwarte nicht vom Nachbar, daß er deiner Seele durchhilft,

deine Sünden müssen braten wie die Hühnchen auf dem Hofe.

Chor:

Also sündige lieber nicht usw.

In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten, sich ja rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen, denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.

Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die groteske Form dieser religiösen Gesänge nur der Lust der Nigger an kindischer Spaßmacherei zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter Seelen in armen gequälten Leibern. Und die religiöse Inbrunst, die aus ihnen spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. Übrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar, was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht haben, sowie auch die Negermusik die [pg 193]einzige originelle musikalische Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.

Die Heilsarmee.

Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist die Heilsarmee, die Kirche der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten. Außerdem paßt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe für die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten Gesichtern mit den sanften schwärmerischen Augen. Wenn aber weiße Menschen unter einem nördlichen Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer mehr als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem Gesang und mißtönender Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Straße ausüben und sich in ihren Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, der weder für den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch für die schlichte Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so muß einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial fühlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung versagen; sie allein von allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht, den natürlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jämmerlichsten Elend zu überwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; [pg 194]sie speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gänzlich Verzweifelten, von der Gesellschaft völlig aufgegebenen doch noch zu einem menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie auf der ganzen christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, daß sie sich auf die Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat, versteht, und daß die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer Propaganda anwendet, die richtigen sind.

Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer Aufklärung durch die Schule und unserer bewundernswürdigen sozialen Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden Weltstädten überall noch Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte Wohltätigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die Legal Aid Society zum Beispiel gewährt den Ärmsten und Unwissendsten unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemühungen um die Besserung erblich belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben großartige Erfolge aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter Menschenliebe – und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer scheußlichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!

Bankrott des Materialismus.

Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung der Heilsarmee als Maßstab für die Gesittung eines Volkes [pg 195]annimmt, so müßte in dieser Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern stehen. Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu einem ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt wohl die größere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine Folgeerscheinung des unerhört raschen Emporschießens einer rein technischen Zivilisation und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern Halt, und die unmittelbare Berührung mit der erhabenen Natur, mit der zu Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Ärmsten edle Freuden – Seelenfrieden wenigstens –, während in der Großstadt alle diese idealen Güter nur für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je mehr sich Riesenvermögen in den Händen weniger zusammenfinden, je mehr eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit breit macht, desto sicherer verfällt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die Arbeiter, die in steter Berührung mit den erstaunlichsten Erfindungen des Menschengeistes sind, die ihnen die Bändigung der Naturkräfte durch unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich vor Augen führen, gewinnen von diesem Umgang weder für ihre Verstandesbildung noch für die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was allenfalls dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe [pg 196]der Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig wird der Herr der Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht, Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine seelische Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heißt also an Idealismus, an einem zeitig geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen fehlt.

Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank locken läßt, legt also im Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös drapierten Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen läßt.

Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen Trommel begleiteten Bußpredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablässig in Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg – und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europäer sehen die durch Misses Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige Epidemie an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige Geister deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken gleichmütig die Achseln über diese sogenannte christliche Wissenschaft und verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.

Die Kirche der Gesundbeter.

Der „American Encyclopedie Dictionary“ definiert die Grundlage dieser Wissenschaft folgendermaßen: „Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die Allmacht des Guten und die Unmacht des Übels. Christian Science will die Wahrheit der ursprünglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Sünde. Bekämpfe also Sünde und Irrtum, so bekämpfst du Krankheit und Tod.“ – Christlich kann man diese Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen. Das Neue und für die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum Magier macht und die magischen Kräfte seiner Gläubigen durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen stärken zu können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande sind, vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen Religion ist also der, daß sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not und Tod; der Gläubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es glücklich zur vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in [pg 198]Amerika, wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe gibt, ihr Glück machen mußte. Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm Hervorgebrachte für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach behauptet, sie existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution gesehen haben), dieselbe Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Gläubigen in ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung. Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg. Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu schaffen versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein.

Der Tod der Päpstin.

Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß im zwanzigsten Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten aller Völker eine Frau zur Gründerin einer neuen mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig, unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! Misses Baker Eddy war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persönlichkeit geworden. Man wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß in ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhänger nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz wirklich gestorben und begraben worden, und die Ärzte wußten ganz genau den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben. Man [pg 199]hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften leiblichen Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, der die Person der Päpstin außerhalb der Menschheit in die Reihe der Götter stellte. Aber das war keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete eine ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den Gläubigen mit Bestimmtheit versichern, daß nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in vierzehn Tagen wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings hinzu, es könnte eventuell auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele, viele Jahre lang.

Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin gestorben; sie hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschütterungen ihres Ansehens standgehalten, denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten päpstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt war. Für uns Europäer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefährlich, über diesen Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu äußern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich für ewige Zeiten unmöglich zu machen, indem ich das Thema von der Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles Räuspern brachten mich glücklicherweise einige [pg 200]wohlmeinende Mitmenschen zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger der Misses Eddy seien.

Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch für die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafür wurde mir ein Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet und führte eine durchaus glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der Gesundbeter geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und beschäftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie. Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herüberzuziehen. Die Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte er sich so aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der laufenden Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht der Fall war, so mußte seine Gattin immer mehr und mehr von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit Sack und Pack sein Haus verließ.

Christian Science in Europa.

Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, daß nur in ihrem Lande heutzutage noch ein günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang auf religiösem Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel hat auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar vornehmlich in jenen erlauchten Kreisen, die auf die „Kreuzzeitung“ abonniert zu sein pflegen. In meinen Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die [pg 201]engen Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher Strammgläubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blättern der ganzen Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer 1106: „Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt über die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!

Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. Ärzte und Prediger erzählen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertäter Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich für alle. Dieser Herr entbietet sich, seine Ratschläge unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen seine außerordentliche Kraft zu ergründen ...“

Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort. Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von ihm erfundenen Radiopathie vor. „Die Radiopathie hilft nicht nur bei gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nützt gegen alle Krankheiten, wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer Formel präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen die Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: ‚Wie man sich selbst und anderen helfen kann‘ mitschicken usw.“

Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das Postfach 1106 in Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte, schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene Menschen, erhielten ein gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natürlich eine völlig wertlose Droge, zugehen würden. Die hochwichtige Broschüre voll angeblich wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt. Und siehe da, Tausende und aber Tausende ließen sich den letzten Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem schwerreichen Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder Dr. med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der diesem niederträchtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse ablegen, wie man sie selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster Verzweiflung ablegen dürfte.

Aberglaube, Kirchenwahl.

Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spaß daraus, diese traurigen Intimitäten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll dieser gemein[pg 203]gefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch von Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, daß die erwähnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann gestehen, sie hätten es unter anderem auch schon mit der Christian Science versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europäer sind noch längst nicht über den Berg des Aberglaubens hinweg; der religiöse wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller Bekenntnisse, aller Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde abgerückt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der Beschwörungstänze ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr, aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele kann der unerschrockene Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.

Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten Staaten gewährleistet, und der großen Anzahl der Bekenntnisse, die der heilsuchenden Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschließen will, von keinen anderen als rein idealen Erwägungen geleitet zu werden; begreiflicherweise spielen aber dennoch Nützlichkeitsgründe, allerlei komische oder betrübliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt haben, und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, sowie alle Leute, die nicht von einer besonderen religiösen Inbrunst erfaßt sind, werden entweder einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche [pg 204]und gesellschaftliche Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich immer gleich zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und der Außenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der natürlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück zu den Klubs, die aber nur den Wohlhabenden zugänglich sind und die Familie ausschließen. Der selbständige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung stehen, diejenigen aussuchen, in der er ausschließlich seinesgleichen in bezug auf Bildung, gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen findet.

Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die Respektablität es erfordert, daß man einer christlichen Gemeinschaft angehöre, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt oder die Tochter des Presbyterianers sich den Baptisten anschließt. Religiöse Überzeugung wird unter allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche Formen annimmt. Und so fährt schließlich das echte religiöse Bedürfnis bei dieser Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar dürften in keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in den Vereinigten Staaten, weil ja bei der völligen Freiheit der Meinungsäußerung jeder Geistliche in seiner Person gewissermaßen eine eigene Kirche dar[pg 205]stellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfänger, so mietet er sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen hineinzupredigen. Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen Persönlichkeit der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da brotlose Künste treiben.

Eine konfessionelle Christenkirche.

Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde schließen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren amerikanischen Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen Holzton des Gestühls mild zusammen, und die farbigen Fenster dämpfen das Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder Marterdarstellungen, überhaupt keine biblischen Schildereien finden sich in diesem, ich möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle, die dem Charlottenburger Mausoleum einigermaßen ähnlich ist, ruhen in herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhändlers Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, zu den allervornehmsten zählenden Universitäten un[pg 206]sterblich machte. Hier ruht auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine Ruhestätte finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet, sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem berufenen Redner offen, dessen Denken und religiöses Fühlen sich irgendwie unter dem Einfluß christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen Bekenntnisse, sowie auch außerhalb alles Kirchentums stehende bedeutende Denker und Redner.

Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D. White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam? Allerdings hätten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit suchenden Gemeinde geredet hätten – Rom aber sprach: „Quod non!“


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