AM MORGEN

Zerstäubt in Sonne wirft der Dom

Die steinern’ Arme aufwärts wie Raketen.

Mit allen Glocken fängt er an zu beten

Und mit der Inbrunst seiner steilen Türme

Greift er hinauf, daß er den Gott bestürme.

Tief unten in den Bau die Menschen treten,

Und wachsen brandend an, ein dunkler Strom.

Die Hallen reißen auf von Orgelchören:

»Gott muß uns hören!«

Gesang von tausend Stimmen schreit.

Und er steigt nieder bis zur steinern’ Schwelle,

Und schleudert wie ein Zeichen seine Helle

Hin durch der Fenster bunte Dunkelheit.

Und läuft durch alle, eine heilige Welle,

Und reißt sie stürmend in Unendlichkeit.

AM MITTAG

Nun, da der Gott, den er herabgefleht,

Den er vom Himmel riß in reiner Frühe,

Entfremdet auf der trägen Erde steht

Und müde lächelnd durch die Gassen geht,

Verdrängt von jedem Bürger ohne Mühe:

Weiß nur der Dom um seine Majestät.

Der Stein ist mittagsgrell, als ob er glühe,

Und welk und schal, als eine zähe Wolke

Des Morgens Weihrauch durch den Chor hinweht:

Kühl blieb der Hauch, der durch die Hallen geht.

Und Gott tritt ein, froh, daß er einsam steht

Und daß er sich gerettet vor dem Volke.

AM ABEND

Die Häuser unten sind in Nacht gefallen.

Die Lichter blinken demutbang im Grund:

Da steht der Dom verachtend über allen.

Und überall erwachen alte Geister,

Werkleute, noch nach Feierabendstund’,

Gerufen von dem unsichtbaren Meister:

Und zuckend wachsen in das Licht Fialen.

Und jeder Pfeiler strebt und wird zum Pfeil.

Wimperge treiben ihren spitzen Keil

Hinauf! Hinauf! Und jeder Stein steht steil

Dem Gotte zu und seinen letzten Strahlen.

Das Maßwerk blüht empor in tausend Zweigen,

Und tausend Säulen steigen

Ins Licht, das auf des Turmes Stirne steht.

Der aber merkt es, daß ihn Gott verlassen,

Schon fühlt er sich erblinden und erblassen

Und von dem kalten Hauch der Nacht durchweht.

Und seiner Glocken Stimme wird zum Schrei.

Die Menschen drunten wähnen noch, es sei

Gebet.

Er aber brüllt hinaus mit irrem Munde.

Der Himmel schließt, gestirnt und stählern blau.

Da weiß er es, dies ist die schwere Stunde,

Und welk und grau

Erloschen hängt in zähe Nacht der Bau.

REGNERISCHER HERBSTTAG

Er ist so unfroh heute aufzuragen

Und steil zu sein.

Er möchte heute wie die Häuser unten

Durchwärmt von bunten

Heimlichen Lichtern sein,

Und schwach und klein.

So aber muß er, aufgetürmter Stein,

Sich in das müde Grau des Herbstes wagen,

Und ganz allein

Und ohne Trost die tote Stunde tragen.

Das Wasser rinnt und tropft von Stein zu Stein . . .

Und von dem steilen Grat der Dächer schießen

Rinnsale in der Wasserspeier Rachen.

Doch seine Türme kann er nicht verschließen,

Der Regen steht in tiefen, stumpfen Lachen . . .

Nun wird es Abend. Und kein Sonnenschein,

Nur Nebel, die sich an den Pfeilern spießen . . .

DER TURM

Sie haben oft bei ihrem Werk gerastet,

Als sie sich Stock um Stock hinaufgetastet,

Und schon hat ihnen vor der Tat gegraut,

Als sie behutsam Stein auf Stein gelastet.

Sie sahen schwindelnd die Gerüste steigen,

Entwachsend schon der Stadt und Lärm und Laut

Emporgeblüht ins unermeßne Schweigen

Und ganz vom neuen Tage überblaut.

Da ahnten sie, daß Gott in ihnen baut.

Am letzten Tag, sie schwiegen mit dem Hämmern,

Da faßten sie es erst, was sie vollbracht.

Sie sahen Stadt und Land im Dunst verdämmern

Und über ihnen wuchs die Sternennacht;

Sie fühlten näher Gottes Atem wehen

Und waren schon durchwühlt von seinem Sturm.

Und ihnen war’s, sie müßten schweigend gehen

Und sich die tausend Stufen abwärts drehen.

Sie blickten scheu empor und sah’n ihn stehen

Wie eine Himmelsleiter hoch: Den Turm.

ROMANISCHE PFORTE

Die Schwelle ist von tausend Füßen abgeschliffen,

Von tausend Händen sind die Pfeiler abgegriffen,

Demütiger Schacht durch harten Mauerstein.

Als hätten Beter durch ihr harrend Pochen

In tausend Jahren erst den Weg erbrochen

Zu ihres Gottes heiligem Schrein.

DER STEINERNE HEILIGE SPRICHT:

Ich stehe hier, gezwungen in den Stein,

Und kann nur meine starren Hände falten.

Ich möchte wieder sein Verkünder sein.

Die Menschen strömen in die Kirche ein

Und glauben, durch ihr Beten und ihr Singen

Den Wirkenden in ihrem Kreis zu halten.

Doch, wer ihn halten will, muß mit ihm ringen.

Sie aber sitzen stumpf gedrängt und warten,

Und haben Aug’ und Ohr vor ihm verstopft,

Bis er mit erznen Fäusten ihre harten

Gelassnen Schalen voller Zorn zerklopft

Und seine Gnade leuchtend sie durchtropft.

Noch aber sind sie nichts als toter Stein

Und können nur die steilen Hände falten.

Dürft ich noch einmal sein Verkünder sein!

DAS LICHT

Wir haben ein Licht in die Mitte gestellt,

Daß uns das Dunkel nicht überfällt.

Wir fassen die Nacht, doch sie faßt uns nicht,

Wir sind verbündet in diesem Licht,

Das uns schwebend über den Tiefen hält,

Dies einsame, singende Kerzenlicht:

Um uns ist Welt.

Wir Armen, wir stehn in der Mitte nicht,

Wir Kreisenden, die kein Leuchter hält.

Wir sehen uns tief in das Angesicht,

Und in jedem Gesicht ist ein Glanz von Licht,

Der in die Herzen der anderen fällt.

Und wenn wir uns wenden hinaus in die Welt,

So wissen wir, hinter uns leuchtet das Licht,

Und fühlen uns in die Mitte gestellt.

Und wir sind Ruhe und sind Gewicht

Und halten, von unserem Lichte erhellt,

In Händen die Welt.

DER BAU

Wir bauen schon an diesem Haus

Seit tausend, abertausend Tagen,

Und seh’n es wachsen hoch hinaus

Und steigend in die Sterne ragen.

Verloren ging des Meisters Wort,

Und keiner ahnt: Wann wird es enden;

Wir aber bauen immerfort

Mit müdem Sinn und regen Händen.

Wir haben keine Zeit, zu ruh’n,

Als ob wir es vollenden müßten,

Wir uns’re harte Arbeit tun

Und sterben hoch in den Gerüsten.

Kaum, daß von Sehnsucht jäh geschwächt,

Wir innehalten mit dem Fronen:

Wann kommt das selige Geschlecht,

Bereit zu ruhen und zu wohnen?

NACHTWACHE

Wir haben viel ergründet

Und haben viel erdacht,

Wir haben uns verbündet

Und unser Leid verkündet —

Und haben nichts vollbracht.

Wir standen auf der Wacht.

Das Licht war angezündet,

Wir glaubten uns entfacht

Und löschten aus. Geründet

Wuchs neu um uns die Nacht.

Wohl ahnen wir die Nähe

Und brechen dennoch nicht,

Daß Gott uns leuchten sähe

Durch seine Nacht, die zähe,

Mit unserm kleinen Licht.

Wenn manchmal einer spricht,

Entflammt durch eine jähe

Erleuchtung das Gesicht:

Ist’s uns als ob’s geschähe

Und um uns würde Licht.

Dann sitzen wir mit bleichen

Lippen und atmen schwer.

Und dies ist wie ein Zeichen,

Daß wir die Hand uns reichen

Und sind nicht Fremde mehr.

Sind wie ein großes Heer

Und wissen um die Gleichen,

Und strömen wie ein Meer

Dem alle Ufer weichen

In Gottes Wiederkehr!

DER ANFANG

Brüder, da wir die ersten sind,

Laßt uns beginnen!

Um unsere Stirnen weht ein neuer Wind

Und neues Feuer brennt in unseren Sinnen.

Wir brauchen nicht mehr unsere Hände falten.

Wir dürfen schon die gefüllten Schalen halten.

Fühlt den vieltausend Jahre alten

Dunst vor unserem Schreiten zerrinnen,

Seht, was wir nicht mehr sind!

Wir, die wir gestern noch als ein Kind

Der Alten, der Kalten, Erloschenen galten.

Wir haben tausend Himmel zerspalten,

Wir stehn vor dem Throne der höchsten Gewalten:

Wir sind gekommen, wir sind!

Eh’ sich die Himmel zusammenfalten,

Eh’ unser Geist verbrennt, eh’ unsere Herzen erkalten,

Beginnt! Beginnt!

VERBRÜDERUNG

Bruder, gehst Du auch den Pfad,

Daß er steil uns aufwärts trage

Aus dem Rauschen dieser gleichen Tage,

Bis wir Gott genaht?

Um mich dröhnt die tiefe Stille.

Wir zersprengten in der Dunkelheit:

Hörst Du mich, wenn meine Seele schreit?

Wie ein Weg ist mir Dein Wille,

Wie ein Stab sei Dir, o Bruder, meine Tat,

Bis wir Gott genaht.

Warum, Bruder, muß ich oft nicht weinen,

Wenn Du letzte Qual der Seele weinst?

Weißt Du auch, ob wir dasselbe meinen,

Wenn Du Sehnsucht oder Gnade meinst?

Bruder, sind wir noch so weit?

Zwischen uns ist Welt und Taggeschehen.

Sieh mich an. Und gib mir Deine Hand.

Laß mich nah an Deiner Seite stehen:

Ja, wir sind.

Immer, Bruder, hab ich dich gekannt.

Hergewandert sind wir durch die sausende

Heiligalte Stille der Jahrtausende.

Tage wehen wie ein Wind.

Ich sehe steil Dein Antlitz aufgewandt:

Sonne stürzt sich jauchzend ins Gestein,

Menschen strömen jubelglänzend ein,

Greifen, Bruder, nach meiner und nach Deiner Hand.

Gott hat seine brausende Stimme nach uns ausgesandt.

STIMMEN DER MENSCHEN