12.
Am folgenden Morgen erschien Dodd mit seinen drei Kronzeugen und in Begleitung des Direktors bei Peter Voß.
„Kennen Sie diese Leute?“ fragte Dodd auf englisch.
„Es tut mir leid!“ erwiderte Peter Voß auf deutsch. „Polnisch verstehe ich nicht.“
Dodd preßte die Lippen zusammen und wiederholte die Frage auf deutsch.
„Gewiß!“ antwortete Peter Voß und nahm all seine Kombinationskraft zusammen. „Das ist der Amtsvorsteher, bei dem ich Schreiber war, das ist der Gendarm aus Konradswaldau, und das ist der Schulmeister.“
„Falsch!“ rief der. „Ich bin der Küster.“
„Na ja!“ machte Peter Voß wegwerfend. „Schulmeister und Küster, das ist doch dasselbe.“
„Eben nicht!“ sprach der Amtsvorsteher. „Wir haben in Konradswaldau einen Schulmeister und einen Küster. Das müssen Sie doch wissen.“
„Ich hab mich nur versprochen!“ meinte Peter Voß mit Gleichmut.
„Erkennen Sie in diesem Menschen den Urkundenfälscher Emil Popel wieder?“ wandte sich Dodd siegesgewiß an den Gendarm.
Der wiegte das behelmte Haupt hin und her. Auch dem Amtsvorsteher schien die wahrheitsgemäße Beantwortung dieser Frage sichtlich schwer zu fallen.
„Emil Popel ist das nicht!“ antwortete der Küster, der überhaupt nicht gefragt worden war, und die anderen beiden Zeugen nickten schließlich dazu.
Diese Behauptung kam dem Direktor überaus unerwartet.
„Kerl!“ fuhr er Peter Voß zornig an. „Willst du jetzt endlich gestehen, wer du bist?“
„Ich hab nichts zu gestehen!“ erwiderte Peter Voß eigensinnig.
„He!“ schrie der Direktor, rot vor Wut. „Heraus mit der Sprache, oder ich setz dich auf Wasser und Brot.“
„Dagegen kann ich mich nicht wehren!“ meinte Peter Voß verstockt.
„Was sagen Sie zu so einer Frechheit!“ wandte sich der Direktor an Dodd.
„Ich glaube, wir können das Verhör einstweilen schließen!“ antwortete der. „Es genügt mir vor der Hand, Sie überzeugt zu haben, daß dieser Emil Popel nicht der richtige Emil Popel ist.“
Der Direktor verließ die Zelle und diktierte draußen dem Sträfling, der sich für Emil Popel ausgab, drei Tage Wasser und Brot.
„Wenn der Mann ein Geständnis machen will, führen Sie ihn sofort zu mir,“ sprach er zu dem Wärter und ging mit Dodd wieder in sein Bureau.
Die drei Kronzeugen wurden entlassen, nachdem ihnen Dodd ihre Auslagen erstattet hatte. Es ging alles auf Kosten der Firma Stockes & Yarker.
„Sind Sie nun überzeugt?“ fragte Dodd.
„Beinahe!“ erwiderte der Direktor. „Ich werde ihn schon mürbe kriegen! Wenn er nicht bald ein umfassendes Geständnis ablegt, lasse ich ihn an die Mauer schließen.“
„Das tun Sie nur!“ meinte Dodd hartherzig. „Der Mensch hat das zehnfach verdient. Vor allen Dingen versuchen Sie ihm zu entlocken, wo er die Millionen versteckt hat.“
„Da können Sie sich auf mich verlassen!“ rief der Direktor. „Wenn ich erst hinter eine Sache hake, dann kommt sie sicher ans Tageslicht.“
„Ich hoffe,“ fuhr Dodd fort, indem er den Hut nahm, „daß ich auch ohne sein Geständnis schließlich das Geld aufstöbere. Ich werde mich heute abend sofort auf die Suche machen. Finde ich es, werde ich unverzüglich den Antrag auf Auslieferung stellen. Außerdem werde ich dafür sorgen, daß Ihnen die ausgesetzte Belohnung von 2000 Dollar ausgezahlt wird.“
Damit war der Direktor mehr als zufrieden und schüttelte ihm schon im voraus dankbar die Hand.
Dodd hielt sich nicht lange in Strienau auf. Er mußte vermeiden, mit Polly oder dem Landgerichtsrat zusammenzutreffen. Und er machte, daß er nach Pograu hinüberkam.
Um diese Zeit klingelte Peter Voß den Wärter herbei und begehrte, vor den Direktor geführt zu werden, da er ein Geständnis zu machen hätte.
„Aha!“ rief der Wärter erfreut und packte ihn fest am Arm.
Mit einer geradezu erbarmungswürdigen Miene trat Peter Voß über die Schwelle des Bureaus.
„Sieh da!“ rief der Direktor, noch erfreuter als der Wärter, der sich auf seinen Wink hinaus begab und vor der Tür Posto faßte. „Also du willst ein Geständnis ablegen. Heraus damit! Du bist nicht Emil Popel?“
„Nein!“ erwiderte Peter Voß und ließ den Kopf hängen. „Ich heiße Franz Müller.“
„Kerl, wenn du lügst!“ drohte der Direktor.
„Aber lieber Herr Direktor!“ jammerte Peter Voß in herzbewegenden Tönen. „Mir ist gar nicht zum Lügen zumut. Ich hab noch viel, viel Schlimmeres auf dem Gewissen als eine Urkundenfälschung.“
„Hast du die Millionen gestohlen?“ forschte der Direktor.
„Leider nicht!“ meinte Peter Voß ganz kleinlaut. „Wenn ich das getan hätte, dann hätte ich wohl nichts Schlimmeres getan.“
„Du hast also noch andere Straftaten auf dem Gewissen?“
„Ja!“ erwiderte Peter Voß in weinerlichem Tone. „Und furchtbar schlimme dazu. Meinetwegen sitzen zwei Unschuldige im Zuchthaus lebenslänglich. Und jetzt schlägt mich das Gewissen so, immer wie mit einer Keule auf den Kopf, besonders des Nachts, wenn ich so allein liege, daß ich mir nicht anders helfen kann. Und nun will ich ein Bekenntnis ablegen, daß die beiden unschuldigen Leute herauskommen.“
„Vorwärts, vorwärts!“ drängte der Direktor und setzte die tintennasse Feder aufs Papier.
„Ach, Herr Direktor!“ seufzte Peter Voß und faltete die Hände, wobei er einen Augenaufschlag von geradezu hinreißender Wirkung anbrachte. „Sie sind ein zu gestrenger Herr. Bei Ihnen bringe ich mit dem besten Willen kein Wort über die Lippen. Da will mir das Geständnis nicht heraus. Ich mag mir Mühe geben, wie ich will. Sie dürfen mir das nicht übelnehmen. Ich kann halt nicht.“
Damit griff er sich an die Gurgel, als wenn ihm da eine Schlinge säße.
„So, so?“ sagte der Direktor und legte die Feder hin. „Willst du das Geständnis lieber dem Herrn Pastor machen?“
„Ach nein!“ erwiderte Peter Voß und preßte sich zwei erbsengroße Tränen heraus. „Dem Herrn Pastor kann ich diese schrecklichen Geschichten erst recht nicht erzählen. Aber ich weiß einen, dem könnte ich sie wohl erzählen. Das ist nämlich der Herr Landgerichtsrat Pätsch, der mich damals verurteilt hat. Aber es darf keiner dabei sein, auch nicht der Wärter, sonst bring’ ich kein Wort heraus.“
„Ein sonderbares Verlangen!“ sprach der Direktor. „Warum willst du das Geständnis gerade dem Richter machen, der dich verurteilt hat?“
„Ja, sehen Sie, lieber Herr Direktor,“ bekannte Peter Voß und schlug seine ehrlichen braunen Augen zu ihm auf, „das ist halt so ein alter, guter Herr, der Herr Landgerichtsrat Pätsch. Ich habe es hier drinnen in meinem Herzen ganz genau gefühlt, daß er mich nicht gern verurteilt hat. Sehen Sie, und deswegen habe ich ein so großes Vertrauen zu ihm. Und nur wo ich Zutrauen habe, da kann ich reden.“
Der Direktor schwankte noch etwas, aber nur, weil es ihm nicht ganz angenehm war, direkt an den Landgerichtsrat heranzutreten.
„Da haben Sie ja ein Telephon!“ sagte Peter Voß und wies ganz demütig auf den braunen Kasten an der Wand. „Da brauchen Sie nur hineinzusprechen. Denn wenn er nicht sofort kommt, dann tu ich mir was an. Dann kommt die Verzweiflung über mich. Das halt ich nicht länger aus. So weiterleben kann ich nicht. Das geht einfach über meine Kräfte.“
Nun ging der Direktor ans Telephon und ließ sich zuerst mit der Wohnung des Landgerichtsrats verbinden. Die Haushälterin antwortete, daß der Herr Rat noch auf dem Gericht sei. Also fragte der Direktor dort an.
„Er wird in einer halben Stunde hier sein!“ sagte er dann zu Peter Voß und rief den Wärter herein.
„Gott sei Dank!“ seufzte Peter Voß erleichtert auf und ließ sich von dem Wärter in seine Zelle zurücktransportieren.
Landgerichtsrat Pätsch erledigte die kleine Strafkammersitzung und fuhr sofort zum Zuchthaus, ohne erst seine Robe abzulegen. Schließlich war dieses Verhör auch eine amtliche Handlung. Außerdem war draußen sehr schlechtes Wetter, und sein weiter Kaisermantel war zwar umfangreich, aber nicht sehr dick. Und die wacklige Droschke, die schon seit vielen Jahren ihren Stand beim Gericht hatte, war durchaus nicht winddicht. Er drückte sich den breiten, weichen Filzhut tiefer in die Stirn und putzte sich seine goldene Brille.
Der Zuchthausdirektor weihte ihn in die Geständnisschmerzen Emil Popels ein und gab ihm die Akten mit.
„Er will mit Ihnen allein sprechen!“ sagte der Direktor. „Es wird aber gut sein, wenn sich der Wärter in der Nähe aufhält. Denn dieser Emil Popel hat schon einmal einen Ueberfall gemacht.“
„Seien Sie ohne Sorge!“ lächelte der Landgerichtsrat. „Ich habe keine Furcht. Leute, die ein Geständnis zu machen haben, sind niemals aggressiv.“
Mit langsamen Schritten erstieg er die drei Treppen. An Peter Voßens Zellentür stand schon der Wärter.
„Stören Sie uns nicht!“ sprach der Rat freundlich und keuchte dabei ein wenig, denn mit dem Winter stellte sich bei ihm immer etwas Asthma ein. „Schließen Sie die Tür, ich klingle, wenn ich fertig bin.“
Die Tür tat sich auf, und Emil Popel, alias Franz Müller, alias Peter Voß saß auf dem Schemel, das Gesicht in die Hände vergraben. Die Tür schloß sich lautlos, und hastig rasselten die Schlüssel im Schloß.
Peter Voß sprang auf.
„Onkel!“ stieß er heraus, war mit einem Sprung bei ihm und packte ihn am Arme. „Du bist meine einzige Rettung. Du mußt mir hier heraushelfen. Gib mir Mantel, Hut und Akten. Du bleibst an meiner Stelle hier. Denn wenn du es nicht tust, dann muß ich dich überwältigen, binden und knebeln, ohne Rücksicht auf unsere nahe Verwandtschaft.“
Das war für das gute Herz des Landgerichtsrats zu viel. Es setzte einige Male aus. Die Akten Emil Popels entfielen seiner Hand. Er mußte sich an die Wand lehnen.
Sein leibhaftiger Neffe Peter Voß, den er längst in Sibirien oder sonstwo wähnte, hier im Zuchthause!
Das ging über seine körperlichen und geistigen Kräfte! Vor seinen Augen flimmerte es. Er machte noch eine abwehrende Handbewegung. Dann sank er ohnmächtig in seines Neffen Arme.
Nur einen Augenblick stand der verdutzt. Dann legte er den Leblosen auf die Pritsche und horchte auf seine Herztöne. Sie waren regelmäßig.
Das hat weiter keine Gefahr! dachte Peter Voß und begann, ihn blitzschnell bis auf die Unterkleider auszuziehen. Auch die Stiefel und die Brille vergaß er nicht. Rasch hüllte er den Regungslosen in seine Sträflingsgewandung. Kurze Haare hatten sie beide. Nun fuhr er mit einer Geschwindigkeit sondergleichen in des Onkels Kleider und hing sich den weiten, wallenden Mantel um. Hut und Brille vervollständigten die Maskierung. Endlich fischte er nach den Akten, um die Zelle zu verlassen.
Da fiel sein Blick auf die schwarze Toga. Flugs riß er aus dem schwarzen Tuch ein paar lange Streifen, daß es nur so zischte, und begann hurtig dem Onkel Hände und Füße zusammenzuschnüren.
Unter dieser Arbeit kam er wieder zu sich. Er wollte etwas sagen.
„Gleich bist du still!“ rief Peter Voß leise. „Du wirst dir schaden. Oder soll ich dich vielleicht noch knebeln? Sofort fällst du wieder in Ohnmacht und wachst nicht eher auf, bis der Wärter kommt.“
Der gute Onkel gehorchte, weil ihm nichts weiter übrig blieb.
„Polly ist bei mir!“ flüsterte er noch, dann schloß er die Augen und wandte das Gesicht gegen die Wand.
Peter Voß reckte sich auf, legte sein Gesicht in landgerichtsrätliche Respektfalten und drückte auf den Klingelknopf.
Nach kaum zehn Sekunden tat sich die Tür auf.
„Stören Sie den Mann nicht!“ sprach der vermeintliche Onkel seines vermeintlichen Neffen zu dem Wärter und drückte mit eigener Hand die Tür ins Schloß. „Sein Geständnis hat ihn aufs schwerste erschüttert. Geben Sie diese Akten dem Herrn Direktor und sagen Sie ihm, ich würde morgen um diese Zeit wiederkommen, um mit ihm Rücksprache zu nehmen. Ich habe zu Hause noch etliches nachzuprüfen. Es sind einfach furchtbare Dinge, die mir der Mann anvertraut hat. Sagen Sie das dem Herrn Direktor!“
Der Wärter nahm mit einer linkischen Verbeugung die Akten Emil Popels an sich. Der falsche Landgerichtsrat, den aber jeder Mensch für den echten halten mußte, stieg mit hörbarem Keuchen und schwerfälligen Schritten die drei Treppen hinunter. Die scharfe Brille auf der Nase war ihm etwas hinderlich. Auf den letzten drei Stufen versah er sich, trat daneben und wäre sicherlich böse gestolpert, wenn ihm der Portier nicht zu Hilfe geeilt wäre. Höflich stützte er den alten Herrn, der einen gar sehr gebrechlichen Eindruck machte, und führte ihn bis auf das Trottoir hinaus, wo die Droschke stand.
„Danke sehr!“ sagte der falsche Rat und wandte sich an den Kutscher. „Fahren Sie auf die Feldstraße! Sie wissen ja, wo ich wohne.“
In gemächlichem Zuckeltrapp setzte sich die Droschke in Bewegung. Der Portier legte die Finger an die Mütze. Zehn Minuten später stieg Peter Voß aus. Er hatte in der Hosentasche des Onkels längst ein umfängliches Schlüsselbund entdeckt und öffnete mit dem daran befindlichen Drücker die Haustür.
Und schon stand er Polly gegenüber.
„Onkel!“ rief sie erstaunt und schlug die Hände zusammen. „Du bist schon zurück?“
Allein der vermeintliche Onkel schloß sie außerordentlich herzhaft in die Arme und gab ihr einen sehr langen, innigen Kuß auf den Mund.
An diesem Kuß erkannte sie ihren Peter wieder. Ohne ein Wort zu sagen, mit geschlossenen Augen, ließ sie sich in das Schlafzimmer des Onkels ziehen. Die Haushälterin war zum Glück ausgegangen. Peter Voß, der falsche Landgerichtsrat, hätte sie sonst sicher mit einem Briefe fortgeschickt.
Er riß sich die Kleider vom Leibe und griff in des Onkels Schrank, um sich neu auszustaffieren. Inzwischen erzählte er seine Abenteuer. Er hatte sofort gemerkt, daß Polly vom Onkel inzwischen aufgeklärt worden war. Sie stellte keine Fragen, wenn ihr auch in seinem kurzen, abgehackten Bericht manches unklar blieb.
„Dodd hat dich entdeckt!“ rief sie außer sich. „O dieser Schwindler! Und hier erzählte er, daß er die Verfolgung aufgeben wolle.“
„Also sieh dich vor!“ lachte Peter Voß und stieg in seines Onkels besten Anzug. „Er hat dich durchschaut. Er will sich deiner entledigen. Jetzt kannst du ihm nichts mehr helfen. Er hat es herausgefühlt, daß du gegen ihn arbeitest. Bleib also hier beim Onkel.“
„Nein, nein!“ rief sie leidenschaftlich. „Ich trenne mich nicht mehr von dir. Ich lasse dich nicht allein abreisen.“
„Nimm Vernunft an!“ rief Peter Voß, faßte sie mit beiden Händen beim Kopf und küßte sie dermaßen ab, daß ihr die Luft wegblieb. „Ich muß allein reisen. Bedenke doch, du würdest Dodd nur in die Hände arbeiten.“
Da fing sie bitterlich zu weinen an.
„Aber es gibt einen Ausweg!“ rief er, indem er sich den Schlips umband. „Ich sehe ein, es ist nötig, daß wir uns hin und wieder treffen. Also merk auf. Hier beim Onkel ist die Vermittlungsstelle. Ich werde hierher hin und wieder ein chiffriertes Telegramm senden. Daraus wird hervorgehen, wo du mich finden kannst. Und du bist imstande, mir auf dieselbe Weise deinen Aufenthaltsort mitzuteilen. Das ist eine großartige Idee! Wir werden uns wiedersehen, wenn die Luft rein ist, und uns trennen, sobald Dodd im Anzuge ist. Bist du damit einverstanden?“
Ueberglücklich sank sie ihm an die Brust.
„Schon gut, schon gut, du armes Ding!“ sagte er gerührt und strich ihr das wellige, nußbraune Haar aus der Stirn. „Zuerst geh ich über die russische Grenze. Dodd kann nicht Russisch. Also ist er da drüben einfach aufgeschmissen. Von Warschau aus telegraphiere ich dir dann zuerst. Der Onkel wird dir einen russischen Paß besorgen. Er kann auch mitkommen, wenn er will.“
Sie war mit allem einverstanden. Aber der Abschied dauerte noch eine Viertelstunde länger, als Peter Voß berechnet hatte. In der Tür rannte er die Haushälterin fast über den Haufen. Er mußte sich in Trab setzen, um noch den Zug nach Breslau zu erreichen. Eingehüllt in seines Onkels Biberpelz, einen nagelneuen, schwarzen Schlapphut auf dem Kopfe, die schützende Brille vor den Augen, begehrte er am Schalter ein Billett nach Oppeln, aber er fuhr nach Breslau, denn die Züge kreuzten sich hier wegen des Anschlusses nach Priesteldorf.
So kam er nach Breslau, zahlte an der Sperre für sein Versehen, in den falschen Zug eingestiegen zu sein, aus des Onkels wohlgespicktem Portemonnaie und ging in die Stadt hinein.
Lustig spazierte er um den Breslauer Ring, wo der Kindelmarkt im besten Gange war. Im Schweidnitzer Keller verzehrte er in einem Aufsitzen sieben Paar Würstchen.
Um diese Zeit wollte sich der Wärter überzeugen, wieviel Emil Popel von dem nassen Wasser und dem trockenen Brot schon vertilgt hatte. Er sah den Mann ganz unvorschriftsmäßig am Tage auf der Pritsche liegen und rüttelte ihn energisch wach.
Da endlich verließ den Landgerichtsrat Pätsch seine stundenlange Ohnmacht.
„Helfen Sie mir!“ röchelte er und hielt dem Wärter die gefesselten Hände hin, der sofort zur Zelle hinausschoß und den Direktor holte.
Erst durch dessen tatkräftiges Eingreifen kam der Rat wieder auf die Beine. Durch eine Handbewegung, die den hohen Grad seiner Erschöpfung deutlich erkennen ließ, schnitt er alle Fragen ab und verlangte einen Wagen. Der Direktor stellte ihm seinen eigenen Mantel zur Verfügung und erstattete sofort Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, die unverzüglich die nötigen Maßnahmen zur Wiederergreifung des entsprungenen Emil Popel verfügte.
So kam der Landgerichtsrat als verkleideter Sträfling heim. Die Haushälterin fiel fast in Ohnmacht. Polly aber verließ ihre Geistesgegenwart nicht.
Der Onkel legte sich ins Bett und schickte die unverehelichte Martha Zippel zum Arzt. Polly gab ihr das Sträflingshabit und den Mantel des Zuchthausdirektors mit. Beides brachte sie dorthin, wohin es gehörte.
Polly aber erzählte unterdessen dem Onkel, wie Peter Voß seine weitere Flucht gestaltet hatte und welches seine Absichten für die Zukunft waren.
„So ein verfluchter Kerl!“ stöhnte der Onkel, halb vor Aerger, halb vor Bewunderung. „Warum in aller Welt hat er sich einsperren lassen? Ich bin in der Tat auf seine weiteren Tollheiten äußerst gespannt.“
Dann kam der Hausarzt, untersuchte den Kranken und verlangte in energischem Tone die sofortige Einreichung des Urlaubsgesuches.
Und da ihn Polly unterstützte, gab der Onkel nach und unterzeichnete es im Bett. Die Haushälterin mußte es sofort aufs Gericht tragen.
„Ich gehöre ins alte Eisen!“ sagte der Onkel, nachdem sich der Arzt empfohlen hatte.
„Nicht doch, Alterchen!“ erwiderte Polly und streichelte ihn. „Du wirst mein Reisemarschall.“
„Auch das noch!“ seufzte er und schloß die Augen.
Aber er durfte nicht eher einschlafen, bis er den Baldriantee getrunken hatte.
Dodd klopfte an diesem Abend an das Pograuer Schulhaus. Minkwitz öffnete und war erstaunt, den amerikanischen Detektiv wiederzusehen.
„Ich muß hier Haussuchung abhalten!“ erklärte er kurz. „Sie können mir es verweigern, würden sich aber dadurch in den Verdacht der Hehlerei bringen. Das kann Ihnen als Beamter nicht angenehm sein. Lassen Sie mir freie Hand, helfen Sie mir mitsuchen, dann bleibt die Sache unter uns. Mir ist es nur um die Herbeischaffung der zwei Millionen zu tun.“
„Bitte sehr!“ sprach Minkwitz zuvorkommend. „Suchen Sie nur. Aber sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie zwei Millionen gefunden haben. Ich möchte auch mal so viel Geld auf einem Haufen sehen. Aber helfen werde ich Ihnen nicht. Ich geh schlafen.“
Dodd untersuchte zuerst das Bett, dann Minkwitzens Kleider, dann das Schlafzimmer und schloß es ab.
Und dann suchte er weiter, vom Keller bis zum Dachboden, die elektrische Taschenlampe in der Hand. Es war einfach ausgeschlossen, daß sich etwas vor seinem logisch und systematisch geschulten Spürsinn verbergen konnte. Die unmöglichsten Dinge stöberte er auf, besonders auf dem Boden, wo allerhand langjähriger ausgedienter Hausrat, noch von Minkwitzens Vorgängern stammend, herumlag.
Und Dodd suchte mit einer geradezu bewundernswerten Ausdauer, jede Dachsparre betrachtete er eingehend und fand nicht einen roten Heller, geschweige denn zwei Millionen Dollar. Um drei Uhr nachts schloß er das Schlafzimmer wieder auf, verabschiedete sich kurz von Minkwitz, der sich auf die andere Seite legte und weiterschlief, und trat durch die Haustür ins Freie.
Und da erblickte er in der Dunkelheit die beiden Bienenstöcke. Wie ein Pfeil schnellte er auf sie zu, beleuchtete die Tür des ersten und fand wohlbekannte Fingerspuren daran.
Vorsichtig öffnete er die Tür und begann die Strohdecken wegzunehmen. Er war kein Imker und hatte zudem nur eine Hand frei. Mit der anderen mußte er die Taschenlaterne halten. Schön warm war es im Stock, und die Bienen wurden lebendig. Das grelle Licht machte sie sogar wütend.
In demselben Augenblicke, als er die Hand nach einem Paketchen ausstreckte, das über den Waben lag, bekam er den ersten Stich.
Rasch zog er die Hand zurück.
„Vorsicht!“ flüsterte er und fand unter dem Dach des Stockes eine lange Zange, womit er den verdächtigen Gegenstand herausfischte.
Es war die ihm sehr vertraute Brieftasche von Peter Voß. Die 4000 Dollar, sechs Hundertmarkscheine nebst Feilen und Sägen lagen darin. Er steckte sie ein und legte später das Legitimationspapier, das er Emil Popel abgenommen hatte, dazu.
Die zweitausend Mille werden nicht weit davon sein! dachte er ganz logisch und machte sich daran, die Waben aus der oberen Etage in die untere, leere zu hängen. Jetzt aber fingen die Bienen an, den Humor zu verlieren. Es blieb ihm nichts übrig, als im Finstern weiter zu arbeiten, denn sobald das Licht aufblitzte, hatte er einige dieser rabiaten Immen im Gesicht zu kleben.
Etwas mühsam! dachte er kaltblütig, ohne sich abschrecken zu lassen. In diesem Stock fanden sich die Millionen nicht. Schnell packte er die Strohmatten hinein und schloß ihn.
Jetzt kam der andere Stock an die Reihe.
Der Gedanke, daß die zwei Millionen in diesem zweiten Stock lagen, war ihm nun zur absoluten Gewißheit geworden. Und mutig ging er gegen die Waben vor, die voll schwarzer, ganz gefährlich summender Bienen hingen.
Jetzt ließ er stechen, was stechen wollte! Immer hastiger wurden seine Bewegungen, den Stock bis zur hintersten Wabe zu durchforschen. Als er die letzte Wabe herauszog, stürzte ein Klümpchen der kleinen schwarzen Bestien auf den Boden des Stockes. Im Nu zerteilte er sich. Zwanzig Stachel bohrten sich ihm gleichzeitig ins Gesicht. Nur noch einen letzten Blick wagte er in den Stock zu werfen.
Das Geld war wirklich nicht darin!
Dann nahm er Reißaus. In der Eile verfehlte er die Gartenpforte und setzte über den Zaun, wo er am Stacheldraht die Hälfte seines linken Ueberrockflügels zurückließ.
Zu Fuß legte er den Weg nach Strienau zurück. Morgens gegen fünf Uhr traf er im Hotel ein. Der verschlafene Hausknecht, den er herausklingelte, erkannte ihn nicht wieder, so verschwollen war die nähere und weitere Umgebung seiner Nase. Er konnte kaum aus den Augen sehen. Mit wilder Hast stürmte er die Treppen hinauf und vergrub das brennende Gesicht in der Waschschüssel. An Schlaf war nicht zu denken. Er mußte in einem fort kühlen und immer wieder kühlen.
Morgens um acht Uhr, als es hell wurde, lag er auf dem Sofa, ein nasses Handtuch über sein verbeultes Gesicht gebreitet, und gab sich Mühe, seinen Schmerz mannhaft zu verbeißen. Nicht einmal auf die Straße durfte er sich wagen! Noch viel weniger ins Zuchthaus gehen.
Allein die Millionen lagen sicherlich bei dem Landgerichtsrat! Das war wenigstens ein Erfolg.
Um diese Zeit ging Minkwitz, kurz bevor die Schule begann, in den Garten. Hier entdeckte er sofort den Einbruch in die Bienenstöcke, denn der zweite Stock stand offen.
Aergerlich über diese Frechheit des Amerikaners entfernte er die Spuren des nächtlichen Einbruchs. Dann ging er ins Schulzimmer, ließ das Morgengebet sprechen und behandelte mit den Kindern der Mittelstufe das siebente Gebot.