11.

Emil Popel, der richtige, befand sich in einer luftigen Zelle der New Yorker Polizeioffice und hatte große Angst, nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Das einzige, was ihn seiner Meinung nach vor diesem Schicksal bewahren konnte, war, steif und fest zu behaupten, Peter Voß zu heißen.

Denn er wußte nicht, daß er sich für einen leibhaftigen Millionendieb ausgegeben hatte.

So sehr er sich auch Mühe gab, den Grund seiner Verhaftung bei dem Wärter zu erfragen, er bekam keine Antwort. Denn der Mann verstand kein Deutsch und Emil Popel kein Englisch.

So fiel ihm denn ein schwerer Stein vom Herzen, als am Ende der zweiten Haftwoche ein Mann in seine Zelle trat und ihn auf deutsch anredete.

„Sie geben an, Peter Voß zu heißen?“ fragte Bobby Dodd.

„Ich heiße Peter Voß!“ behauptete Emil Popel und zog sein Legitimationspapier heraus, das man ihm gelassen hatte.

„Wie kommen Sie in den Besitz dieses Papiers?“

„Ich habe,“ stotterte Emil Popel und wußte nicht weiter.

„Sie haben es jedenfalls gestohlen!“ sagte Dodd mit kühlem Lächeln.

„Nein, nein!“ stöhnte Emil Popel und lehnte bleich und mit zitternden Knien an der Zellenwand.

Das Papier entfiel ihm, Dodd hob es auf und steckte es ein.

„Wollen Sie mir jetzt endlich Ihren richtigen Namen sagen?“ herrschte er ihn an.

Aber Emil Popel schwieg hartnäckig.

„Halten Sie mich nicht länger auf!“ sagte Dodd ärgerlich. „Ich kenne das Papier. Es ist echt. Ich habe es schon einmal in den Händen gehabt. Aber Sie sind nicht der echte Peter Voß. Warum kommen Sie nach Amerika unter falschem Namen? Und noch dazu unter diesem Namen?“

Emil Popel tat die Lippen nicht auseinander.

„Sie werden jedenfalls etwas auf dem Kerbholz haben!“ fuhr Dodd unbeirrt fort. „Wenn Sie jetzt nicht sofort den Mund auftun, werde ich Sie mit nach Deutschland hinüber nehmen, denn Sie sind ein Deutscher.“

Emil Popel machte jetzt einen vergeblichen Versuch, zu sprechen, aber die Worte wollten ihm nicht aus der Kehle heraus.

„Haben Sie einen totgeschlagen?“ fuhr ihn Dodd an.

„O nein!“ preßte sich Emil Popel heraus. „So ein schlechter Mensch bin ich nicht. Ich habe nur eine Urkundenfälschung begangen.“

„Nicht mehr?“ erwiderte Dodd freundlicher. „Da sind Sie ja noch ein verhältnismäßig anständiger Mensch. Wenn Sie mir jetzt Ihren Namen sagen und gestehen, woher Sie das Papier haben, dann verspreche ich Ihnen, daß Sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Peter Voß nämlich, auf dessen Papier Sie herübergefahren sind, ist ein Millionendieb.“

„Nicht möglich!“ rief Emil Popel außer sich.

Statt der Antwort hielt ihm Dodd eine Nummer des Fahndungsblattes vor die Nase.

Nun endlich kam Emil Popel aus der Reserve heraus.

„Ein Millionendieb!“ rief er wütend. „O dieser gemeine Kerl! Er hat mir das Papier geschenkt.“

„Wo hat er es Ihnen gegeben?“ fragte Dodd neugierig. „Vielleicht in Strienau?“

Emil Popel stockte plötzlich.

„Immer vorwärts!“ drängte Dodd energisch. „Wie Sie nach Strienau gekommen sind, kann ich nötigenfalls auch von der dortigen Polizei erfahren. Es kostet nur ein Telegramm.“

„Nein!“ schrie Emil Popel ängstlich. „Da will ich lieber alles gestehen. Ich bin aus dem dortigen Zuchthaus ausgebrochen.“

„Aha!“ rief Dodd erfreut. „Das ist ja außerordentlich interessant. Also du bist bereits verurteilt. Zu wieviel?“

„Zu einem Jahr!“ erwiderte Emil Popel dumpf.

„Und wieviel hast du davon verbüßt?“

„Noch nicht drei Stunden.“

„Alle Wetter!“ sprach Dodd schmunzelnd. „Und nun erzähle mir den ganzen Vorgang. Wo hast du Peter Voß getroffen?“

Jetzt stockte Emil Popel nicht mehr. Wahrheitsgetreu, kurz und bündig erzählte er seine Erlebnisse von dem Augenblicke an, wo er den Wärter überwältigt hatte, bis zu seiner Verhaftung in New York.

„Du hast Peter Voß also bei einem einsam liegenden Hause verlassen?“ fragte Dodd. „War es vielleicht ein Schulhaus?“

„Ich glaube wohl!“ erwiderte Emil Popel nach kurzem Bedenken. „Es war eine große Retirade dabei. Wir sind über die Oderbrücke und eine gute Stunde über Land gegangen.“

Dodd wußte genug und ließ den falschen Peter Voß zwischen Hangen und Bangen allein. Es war kein Zweifel, die Spur führte nach Pograu. Dort waren die weiteren Nachforschungen anzustellen, dort lag das Geld! Emil Popel war nur nach New York geschickt worden, um eine falsche Spur zu erzeugen.

Um aber ganz sicher zu gehen, ließ Dodd telegraphisch bei der Zuchthausdirektion zu Strienau anfragen, ob da wirklich ein Emil Popel entsprungen sei.

Die Antwort, die darauf am nächsten Morgen einlief, traf Dodd wie ein Keulenschlag. Sie lautete nämlich: Emil Popel entsprungen, drei Tage später freiwillig gestellt, sitzt noch hier.

Ein geradezu wahnwitziger Verdacht stieg in Dodd auf. War jener Emil Popel etwa Peter Voß? Dodd stand vor einem Rätsel.

Der Mensch scheint wirklich wahnsinnig zu sein! dachte er und beantragte bei der Polizei, den richtigen Emil Popel zu entlassen.

Sein Delikt, Beilegung eines falschen Namens, wurde gegen die Untersuchungshaft aufgerechnet. Da er gesund war und noch genug Geld besaß, hatte die Einwanderungsbehörde, die ihn verhaftet hatte, nichts gegen seine Freilassung einzuwenden.

„Sie sind frei!“ sprach Dodd zu ihm. „Machen Sie, daß Sie nach dem Westen kommen, und versuchen Sie einmal, ein ganzes Jahr keine Urkunden zu fälschen. Man kann auch auf anständige Weise sein Leben fristen.“

„Das will ich tun!“ rief Emil Popel beglückt. „Das will ich wirklich tun, ich will ein hochanständiger Mensch werden.“

„Stellen Sie sich das nicht zu leicht vor!“ warnte ihn Dodd und übergab ihn dem Wärter, der ihn unverzüglich an die frische Winterluft beförderte.

Dodd aber fuhr sofort mit der „Olympic“ nach Europa zurück, um den falschen Emil Popel zu entlarven.

In Strienau war inzwischen der Winter eingezogen, und man rüstete sich allmählich auf das Weihnachtsfest. Mutter Knulle saß zwar noch immer in ihrer Obstbude auf dem Ringe, hatte aber einen dicken Wattemantel an und eine Wärmflasche unter den Füßen.

Alle Leute, die bei ihr vorbeikamen, machten fröhliche Gesichter, und auf dem Neumarkt standen die grünen Tannenbäume in langen Reihen, ausgerichtet wie die Grenadiere bei der Parade.

Das Pensionsgesuch des Landgerichtsrats Pätsch war inzwischen bewilligt worden, und zwar mit dem Ablauf der augenblicklichen Amtsperiode. Da er nicht noch um Krankheitsurlaub einkommen wollte, ließ er es bei dem bewenden. Man entlastete ihn nach Möglichkeit, so daß er sehr viel Zeit für Polly übrig hatte.

Jeden Morgen, wenn er keinen Termin hatte, ging er mit ihr über die Promenade und erwog schon ernstlich den Gedanken, späterhin nach St. Louis zu übersiedeln, denn es wäre ihm sehr schwer geworden, sich von ihr zu trennen, besonders jetzt, wo sie keinen Beschützer hatte. Ihre Angst, daß Peter Voß in New York festgenommen worden war, hatte er ihr glücklich ausgeredet.

„Er ist längst in Moskau oder Petersburg!“ tröstete er sie.

Sie vertrug sich so gut mit dem alten Herrn, daß sie, zum hellen Entsetzen der Martha Zippel, eines schönen Tages aus dem Hotel „Zum goldenen Kreuz“ in das Haus des Onkels übersiedelte.

In Strienau fiel das nicht weiter auf, da der alte Herr Rat, der zudem einen stadtbekannten Herzfehler hatte, über jeden schnöden Verdacht erhaben war. Außerdem war es ja eine richtige Nichte von ihm. Wie diese näheren Verwandtschaftsbeziehungen gestaltet waren, darin gingen die Meinungen der guten Strienauer allerdings auseinander, denn Polly hielt sich unter ihrem Mädchennamen auf.

Die Haushälterin war geschwind dahinter gekommen, daß den Herrn Rat und die junge Amerikanerin ein tiefes Geheimnis verband. Sie pflegten stets ihr Gespräch abzubrechen, wenn die Haushälterin hereintrat, und unterhielten sich nur ganz leise, wenn sie draußen an der Tür stand und horchte. Diese schmachvolle Vertrauensunwürdigkeit, mit der sie nun ihre langjährigen treuen Dienste belohnt sah, schmerzte sie aufs tiefste. Aber um so schärfer paßte sie auf. Und so konnte sie denn wirklich ein ganz kurzes Gespräch belauschen, das die beiden im Hausflur führten, gerade als sie zu ihrem täglichen Spaziergang aufbrechen wollten.

„Dodd müßte längst hier sein!“ sagte Polly und ließ sich von dem alten Herrn Rat in den Mantel helfen.

„Er ist gewiß schon wieder auf dem Rückwege!“ erwiderte er. „Wenn er das Rennen nicht ganz aufgibt, was für uns das beste und für ihn das vernünftigste wäre. Denn er kriegt ihn doch nicht.“

„Da kennst du ihn schlecht!“ rief sie lebhaft. „Der ist zäh wie Büffelleder. Aber er soll nur wiederkommen. Ich werde ihm alle seine Frechheiten heimzahlen, und das gehörig.“

Alsdann gingen sie hinaus. Die unverehelichte Martha Zippel schlug sich von diesem Augenblicke an zu Dodds Partei.

Sie wollte ihm schon die Augen öffnen über das Komplott! Denn sie haßte Polly von Herzensgrunde.

Drei Tage später traf Dodd in Strienau ein. Es war ein nebliger Abend, als er in die Feldstraße einbog. Zögernd zog er die Klingel, und es öffnete ihm die Haushälterin. Sie stieß einen leichten Schrei der Ueberraschung aus. Der Herr Rat und sein Besuch waren eben ins Theater gegangen.

„Kommen Sie nur herein!“ lockte sie. „Ich muß Ihnen was erzählen.“

Und da er unentschlossen stehen blieb, zog sie ihn am Aermel herein und drückte die Haustür zu.

„Nehmen Sie sich in acht!“ flüsterte sie. „Die Frau ist wütend auf Sie. Sie will Ihnen alle Frechheiten gehörig heimzahlen.“

„So, so!“ machte Dodd und dachte dabei: Sehr gut! Sie hat sich also dermaßen in das Vertrauen des alten Herrn einzuschmeicheln gewußt, daß sie sogar schon auf mich schimpft.

„Trauen Sie den beiden nicht!“ schlug die hastige Stimme der Warnerin an sein Ohr. „Sie schmieden etwas gegen Sie. Sie wohnt auch schon bei uns.“

Das hatte Dodd allerdings nicht erwartet. Er schöpfte Argwohn. Polly war ein schwaches Weib. Und zwei Millionen Dollar waren Geld genug, um auch einen starken Mann zu Fall zu bringen.

„Danke, danke!“ sagte er und lüftete den Hut. „Verraten Sie nicht, daß ich hier gewesen bin. Und das weitere wird sich finden.“

Er reichte ihr sogar die Hand, worüber sie mit einem tiefen Knicks quittierte.

Spornstreichs eilte er ins Hotel, wo inzwischen seine Koffer angekommen waren, und machte Toilette. In dem alten, weißbärtigen, etwas gebückten Jubelgreis, der eine halbe Stunde später, in einen weiten Mantel gehüllt, vor dem Hotel in die Droschke stieg, hätte kein Strienauer einen amerikanischen Detektiv vermutet. An der Theaterkasse erkundigte er sich nach der Loge des Landgerichtsrats Pätsch und ließ sich in der leeren Nebenloge einen Platz geben.

Man spielte „Die Jungfrau von Orleans“ recht und schlecht, wie es sich für ein Provinztheater zweiten Grades schickte. Man war noch im ersten Akt. Polly schien das Publikum viel amüsanter zu finden als die Vorgänge auf der Bühne. So konnte es auch ihrer Aufmerksamkeit nicht entgehen, daß in der Nebenloge ein Zuschauer auftauchte. Sie musterte ihn ungeniert und wandte ihm dann den Rücken. Der Onkel neigte sich zu ihr. Mit Rücksicht auf den Nachbar sprach er Englisch.

„Gefällt es dir nicht?“ fragte er sie.

„Ich mag die klassischen Sachen nicht!“ schmollte sie. „In Amerika spielt man sie besser.“

„Kein Wunder!“ flüsterte er und schaute ihr lächelnd in die Augen. „In Amerika gibt es auch keine deutschen Kleinstädte.“

Polly erwiderte unbefangen seinen Blick, und Dodds Argwohn stieg. Bald darauf war der erste Akt vorüber, und die Lampen flammten wieder auf. Dodd drückte sich in die dunkelste Ecke seiner Loge und lauschte mit geschlossenen Augen auf das Gespräch der beiden. Plötzlich hörte er seinen Namen.

„Dodd?“ lachte Polly unbekümmert auf. „O dieser Narr, er soll mir nur kommen! Wie werde ich ihn an der Nase herumführen!“

Also doch! dachte Dodd und verschwand mit Beginn des zweiten Aktes lautlos, wie er gekommen war.

Im Hotel kleidete er sich wieder um und ließ sich mit der Zuchthausdirektion telephonisch in Verbindung setzen. Es war noch nicht neun Uhr, und da er sich als der Absender des New-Yorker Telegramms zu erkennen gab, wurde er vorgelassen.

Er legitimierte sich, und der Direktor hieß ihn höflich willkommen.

„Sie wollen sich nach Emil Popel erkundigen?“ fragte er ihn.

„Nicht nach diesem Manne,“ erwiderte Dodd, „sondern nach dem, der für ihn die Strafe absitzt.“

„Unmöglich!“ fuhr der Direktor auf.

„Bitte sehr!“ beruhigte ihn Dodd. „Es ist eine Vermutung von mir. Sie haben ihn doch sicher bei seiner Einlieferung gemessen und rubriziert.“

„Und photographiert!“ setzte der Direktor hinzu. „Das heißt, erst bei seiner zweiten Einlieferung. Bei seiner Ueberführung aus dem Untersuchungsgefängnis war der photographische Apparat defekt.“

„Damn!“ entfuhr es Dodd, der jetzt erst die Schwierigkeit seines Unternehmens ganz übersah. „Und auf Grund dieses defekten Apparats ist es möglich gewesen, daß in der Zelle, wo Sie nach Ihren Registern den Urkundenfälscher Emil Popel vermuten, ein ganz anderer Mann sitzt, und zwar der Millionendieb Peter Voß aus St. Louis.“

„Herr!“ rief der Direktor und sprang auf.

Dann holte er die Akten Emil Popels herbei und verglich selbst den Fingerabdruck, der sich darin befand, mit dem Abdruck, den Dodd auf dem Wandkalender vorwies.

„Sie gleichen sich aufs Haar!“ sagte Dodd hochbefriedigt und steckte das vortreffliche Beweismaterial ein. „Peter Voß hat sich für Emil Popel einsperren lassen.“

„Aber das ist ja eine komplette Verrücktheit!“ schrie der Direktor und schlug mit der Hand auf die Akten.

„Das war vor etlichen Tagen auch meine Meinung!“ gestand Dodd und erhob sich. „Aber ich bin davon abgekommen. Die Sache ist gar nicht so verrückt, wie sie im ersten Augenblick erscheint. Dieser Peter Voß hat schon einmal freiwillig im Gefängnis gesessen. Es ist also nicht das erstemal, daß er zu diesem Trick greift. Denn wo ist er vor mir sicherer? Und außerdem kann er sich, sobald er das Jahr abgesessen hat, um so ungestörter als Emil Popel dem Genuß der gestohlenen Millionen hingeben.“

„Bab!“ machte der Direktor und fiel auf den Stuhl zurück.

„Für mich ist dies vielmehr der vollgültige Beweis,“ fuhr Dodd fort, „daß ich es hier mit einem Verbrecher von unerhörtem Raffinement zu tun habe, wie er mir noch niemals unter die Finger gekommen ist. Aber nun hab ich ihn doch erwischt! Wollen Sie mich zu ihm lassen?“

Der Direktor klingelte einem Beamten, der mit angezündeter Laterne die drei Treppen emporstieg bis auf den obersten Korridor. Dodd folgte ihm auf dem Fuße, der Direktor machte den Beschluß.

Leise schüttelte er den grauen Kopf. Die Sache war ihm denn doch zu toll und unglaublich, mit einem Wort: zu amerikanisch.

Peter Voß wollte eben einschlafen, als die drei hereintraten. Der Wärter leuchtete ihm ins Gesicht.

Jetzt bin ich nicht mehr zu sprechen! dachte Peter Voß und zuckte mit keiner Wimper.

Da trat Dodd heran, packte ihn an der Schulter, schüttelte ihn und rief sehr energisch: „Wachen Sie auf, Peter Voß, ich verhafte Sie!“

Peter Voß verlor seine Geistesgegenwart nicht, denn er war ja Emil Popel, ließ seine Augen vorerst noch zu, um der neuen Gefahr möglichst kaltblütig begegnen zu können, und holte zweimal recht tief Atem.

Er wußte, das war Dodd, sein Verfolger.

„Verstellen Sie sich nicht!“ rief er und schüttelte ihn wie ein Sieb hin und her. „Sie sind verhaftet!“

„Träum ich?!“ fragte Peter Voß schlaftrunken und preßte die Fäuste in die Augenhöhlen. „Ich bin doch schon verhaftet. Ich bin sogar schon verurteilt. Was wollen Sie eigentlich von mir?“

Der Zuchthausdirektor war über diese Antwort hochbefriedigt. In seiner Anstalt konnten und durften solche wahnwitzigen Dinge überhaupt nicht vorkommen!

Dodd hatte unterdessen die Laterne vom Boden aufgenommen und leuchtete Peter Voß ins Gesicht.

Nun sahen sich die beiden zum ersten Male in die Augen.

„Das ist der Millionendieb Peter Voß!“ rief Dodd und wandte sich an den Direktor.

„Es tut mir leid!“ erwiderte der höflich und hob die Schultern. „Der Mann ist für mich vorläufig Emil Popel.“

„Ich heiße Emil Popel!“ rief Peter Voß.

„Ihr Leugnen wird Ihnen nichts helfen!“ erwiderte Dodd kurz. „Es ist mir eine Kleinigkeit, zu beweisen, daß Sie nicht Emil Popel sind.“

„Darauf bin ich sehr gespannt!“ sagte Peter Voß alias Emil Popel. „Ich lasse mir nicht meinen ehrlichen Namen nehmen.“

„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ fuhr er ihn an.

„Das wird ja immer schöner!“ begehrte Peter Voß zu des Direktors großer Befriedigung auf. „Millionen soll ich gestohlen haben? Das ist direkt eine Beleidigung. Das ist einfach eine Gemeinheit, so was von mir zu behaupten! Eine Unterschrift hab ich gefälscht.“

Dodd verließ die Zelle. Die beiden andern folgten ihm. Peter Voß war wieder allein.

Jetzt wird es aber höchste Zeit, daß ich weiter komme! dachte er und überdachte sich seinen Fluchtplan zum eintausend und zweiten Male.

Dodd und der Direktor waren in das Bureau zurückgekehrt. Vergeblich bemühte sich Dodd, den Direktor zu überzeugen, daß Emil Popel in Amerika und Peter Voß im Zuchthaus zu Strienau war.

„Die Nichtidentität dieses Sträflings mit Emil Popel zu beweisen, ist mir eine Kleinigkeit!“ sagte Dodd energisch. „Ich bitte, ihn nur mit dem Richter, der ihn verurteilt hat, zu konfrontieren.“

Der Direktor blätterte in den Akten.

„Landgerichtsrat Pätsch hat den Vorsitz geführt!“ erwiderte er.

Dodd zuckte nicht zusammen, sondern überlegte weiter. Der Landgerichtsrat Pätsch war als Komplice völlig untauglich für dieses Experiment.

„Oder noch einfacher!“ rief Dodd schnell. „Wir konfrontieren ihn mit dem Wärter, der ihn im Untersuchungsgefängnis unter sich gehabt hat.“

Der Vorschlag wurde vom Direktor akzeptiert. Sie beschlossen, am nächsten Morgen um neun Uhr den Versuch zu machen.

Peter Voß war auf alles gefaßt. Als sich die Tür auftat, erkannte er sofort den alten Franzelt aus dem Untersuchungsgefängnis und fiel vor Freude, ihn wiederzusehen, ihm fast um den Hals.

„Ah, Herr Franzelt!“ rief er begeistert. „Welche Ehre!“

Der alte Wärter stand starr.

„Erkennen Sie in diesem Mann den Untersuchungsgefangenen Emil Popel wieder?“ fragte der Direktor.

„Freilich, freilich!“ erwiderte der alte Franzelt kopfnickend. „Er hat sich wohl ein bißchen verändert. Das kommt aber von den kurzen Haaren. Es ist auch schon gut vier, fünf Wochen her, daß ich ihn zuletzt gesehen habe. Bei mir geht es immer wie im Taubenschlage aus und ein.“

„Ist das Emil Popel?“ sprach Dodd, und seine Stimme bebte vor Aufregung.

Der Wärter sah sich erst Peter Voß, dann den Direktor an und nickte endlich ostentativ.

Der Direktor machte eine bezeichnende Handbewegung, als wollte er sagen: Na also, ich hab es ja gleich gewußt!

Und Peter Voß sah sich wieder allein.

Mag er sitzen! dachte Dodd, als er wieder auf der Straße stand. Zuerst das Geld, dann den Verbrecher!

Die Sache mit Polly fiel ihm schwer auf die Seele.

Noch hoffte er das Beste für sie und sich, obschon sein Verdacht groß genug war. Um diesen Verhältnissen auf den Grund zu kommen, begehrte er gegen Mittag Einlaß in dem 25. Hause auf der Feldstraße.

Die Haushälterin empfing ihn an der Tür mit einem sehr verständnisinnigen Augenzwinkern. Polly kam ihm in freudiger Aufregung entgegen.

„Endlich sind Sie da!“ rief sie und reichte ihm die Hand. „Wie habe ich mich nach Ihnen gesehnt!“

Aha! dachte Dodd, indem er Hut und Mantel ablegte. Im Theater hörte ich es anders. Das ist außerordentlich verdächtig!

Dann trat er ins Zimmer und begrüßte den Landgerichtsrat, der ihn mit vollendeter Liebenswürdigkeit empfing und ihm eine von den nikotinfreien Zigarren anbot.

Noch verdächtiger! dachte Dodd und nahm eine davon.

Und nun erzählte er, ganz matt und abgespannt, von der völligen Ergebnislosigkeit seiner Reise nach New York.

„Was habe ich Ihnen gesagt!“ triumphierte der Landgerichtsrat.

Dodd nickte zerknirscht.

„Und was wird nun?“ fragte Polly gespannt.

„Ach!“ sagte Dodd kraftlos und ließ die Arme herabhängen. „Ich gebe es auf.“

Dabei ließ er den Kopf hintenübersinken und lehnte ganz erschöpft und regungslos mit fast geschlossenen Augen auf dem Sofa. Und er sah, wie Polly dem alten Herrn einen Blick zuwarf, der das Geheimnis, das sie verband, blitzartig beleuchtete.

Das arme Kind! dachte Dodd bei sich und kam wieder hoch.

„Was soll das heißen!“ rief Polly und rang die Hände. „Sie wollen ihn nicht weiter verfolgen? Das ist gegen unsere Abmachung.“

„O nein!“ lächelte Dodd schwach. „Ich bin fertig. Ich werde Stockes & Yarker den Auftrag zurückgeben, und wenn mein ganzes Renommee darüber zugrunde geht. Ich bekenne offen, Peter Voß ist mir über.“

„Ha!“ stieß sie heraus: es sollte bedauernd klingen, war aber der blanke Triumph.

„Sie wollen wirklich die Verfolgung aufgeben?“ mischte sich der Rat ins Gespräch.

„Jawohl!“ erwiderte er geknickt und wandte sich an Polly. „Ich werde noch heute abreisen. Werden Sie mich begleiten?“

„Was denken Sie von mir!“ rief sie empört. „Wenn Sie die Flinte ins Korn werfen, ich weiß, was meine Pflicht ist. Ich werde nicht eher ruhen, bis ich ihn gefunden habe.“

„Ich glaube auch, daß Sie mehr Glück haben werden, als ich gehabt habe!“ erwiderte er leise und erhob sich. „Leben Sie wohl, Mrs. Voß.“

Sie begleitete ihn bis zur Haustür und reichte ihm hier zum Abschied die Hand, auf die er seine Lippen preßte.

Er hatte längst erkannt, daß er die Partie nur gewinnen konnte, wenn er sie aufgab. Und nachdenklich ging er ins Hotel zurück.

„Gewonnen!“ rief Polly und fiel dem Onkel um den Hals.

„Immer langsam!“ mahnte er sie. „Nur nicht zu früh jubeln! Dieser Dodd ist durchaus kein Dummkopf. Der hat es faustdick hinter den Ohren sitzen, obschon er aussieht, als könnte er kein Wässerlein trüben. Um uns das zu erzählen, brauchte er nicht zurückkommen. Das hätte er auch schreiben können.“

„Aber er ist doch verliebt in mich!“ rief sie und schmiegte sich an ihn.

„Dann freilich!“ sprach er lachend und gab ihr einen Kuß. „Das kann ich verstehen.“

„Wo mag Peter sein?“ fragte sie und breitete ihre Arme aus.

„Er wird sich schon melden!“ beruhigte er sie. „Ich denke mir, wenn er irgendwo in Sicherheit ist, wird er uns benachrichtigen. Also Geduld, mein liebes Herz!“

Dodd aber fuhr nicht nach Amerika, sondern nur nach Konradswaldau, dem Geburtsort Emil Popels. Es galt, Peter Voß mit stärkeren Mitteln zu beschwören. Und dank seiner Weltgewandtheit brachte er es zustande, daß der Amtsvorsteher, ein dicker, reicher Gutsherr, der Küster und der Gendarm sich bereit erklärten, mit ihm nach Strienau zu fahren, um den Millionendieb zu entlarven.

Hier von Konradswaldau aus sandte Dodd an Jim Stockes ein sehr hoffnungsvolles Telegramm.

Peter Voß aber lag auf der Pritsche und überdachte seinen genialen Fluchtplan zum eintausendunddritten Male bis in die fernsten Winkel. Wenn nicht das Zuchthaus abbrannte oder der Himmel einfiel, dann mußte es gelingen. Darauf schlief er ein.

Jim Stockes hielt am nächsten Morgen das Telegramm in Händen, das ihm Dodd geschickt hatte. Es lautete: Hoffe in spätestens vier Wochen mit dem Millionendieb einzutreffen. Er sitzt bereits in Haft.

„Aus!“ stöhnte Stockes und sank mit zitternden Händen und schlotternden Knien in den Stuhl.

Dann zerriß er das Telegramm in kleine Stücke und warf es wütend in den Papierkorb.