10.
Dodd und Polly waren in Berlin und warteten. Acht Tage lang hielt Polly diese quälende Ungewißheit aus, dann war sie nahe am Verzweifeln. Sie konnte sich beim besten Willen nicht auf den Ort besinnen, wo Peter Voß von seinem Onkel erzogen worden war. Sie hatte nun einmal kein Gedächtnis für geographische Namen. Dodd blieb nichts anderes übrig, als nach Hamburg zurückzufahren und von neuem die Melderegister zu wälzen.
Und das Glück wollte ihm wohl. Er fand in den Registern des Jahres 1892 einen Peter Voß, der nach Strienau in Schlesien abgemeldet worden war. Mit diesem Befund eilte er unverzüglich zu Polly zurück und teilte es ihr mit.
„Strienau!“ rief sie und schlug die Hände zusammen. „Ganz richtig. Das ist die Stadt. Sein Onkel ist da am Gericht tätig.“
Aber den Namen dieses Onkels wußte sie nicht.
Am nächsten Mittag trafen sie in Strienau ein, wo sich Dodd, nachdem er Polly im Hotel „Zum goldenen Kreuz“ zurückgelassen hatte, sofort aufs Rathaus begab und Einsicht in die Anmelderegister verlangte. Der Jahrgang von 1892 war bei einem Stubenbrand vor etlichen Jahren vernichtet worden.
Der Beamte konnte sich des Namens Peter Voß nicht erinnern. Dodd kehrte zu Polly zurück und fragte sie, ob Peter Voß eine gewöhnliche oder eine höhere Schule besucht hätte.
„Eine höhere!“ versetzte sie schnell. „Er kann Latein. Und er hat mir manches von den Professoren erzählt.“
Fünf Minuten später trat Dodd ins Gymnasium und verlangte von dem Pedell, zum Direktor geführt zu werden.
Direktor Plimpel hatte ein sehr schlechtes Gedächtnis und zog daher den alten Professor Zuntermann zu Rate.
„Peter Voß!“ rief der und schnalzte fast vor Vergnügen. „Dieser Mensch ist hier in unserer Anstalt gewesen. Und zwar genau sechs Jahre und sieben Monate. Ich habe es mir gemerkt, weil er eines schönen Tages fortgelaufen ist. Er war einer der größten Taugenichtse, ohne alle mathematischen Fähigkeiten. Es wäre mir sehr interessant, zu hören, was aus ihm geworden ist. Meiner Berechnung nach wird er im Zuchthaus endigen.“
Dodd zuckte bedauernd mit den Achseln.
„Er soll nach Amerika gegangen sein!“ fuhr der Professor, zum Direktor gewendet, fort, der unterdessen in einem alten Schülerverzeichnis herumblätterte.
„Es stimmt!“ sagte er und wies auf eine Eintragung. „Er wohnte bei seinem Onkel, dem Landgerichtsrat Pätsch.“
„Darf ich um dessen Adresse bitten?“ fragte Dodd.
„Feldstraße 25!“ erwiderte Professor Zuntermann aus dem Kopfe.
Dodd notierte es sich und wollte sich empfehlen.
„Sie wissen also nicht, was aus ihm geworden ist?“ sprach der Direktor neugierig.
Dodd schwankte einen Augenblick, dann war er entschlossen, vorläufig nichts von dem Millionendiebstahl verlauten zu lassen, einmal um Pollys willen, dann aber, um die etwaigen Komplicen des Defraudanten nicht kopfscheu zu machen. Denn die Annahme, daß er sich zuerst nach der Stadt seiner Schulzeit gewandt hatte, weil er hier am leichtesten Vertraute finden konnte, lag zu sehr auf der Hand.
„Ich bin leider nicht orientiert!“ erwiderte er höflich.
„Schade!“ sagte der Professor. „Dieser Peter Voß war ein ganz unklarer Kopf und ein ausschweifender Phantast. Solche Menschen entgleisen immer. Denn nur auf den Grundlagen der mathematischen Wissenschaft erwächst die wahre Gesittung.“
Dodd empfahl sich.
Immer wahrscheinlicher wurde ihm die Möglichkeit, daß Peter Voß hier in Strienau das Geld versteckt hatte. Es war nun nötig, festzustellen, ob er wirklich hier gewesen war und bei wem er sich aufgehalten hatte.
Zu diesem Zweck ließ sich Dodd bei dem Polizeiinspektor melden. Ohne sich als Detektiv zu legitimieren, stellte er sich als Amerikaner vor, der in einer Familienangelegenheit herübergekommen sei.
„Ich suche einen Menschen,“ sagte er, „der sich offenbar unter einem falschen Namen in dieser Gegend aufhält.“
Und dann beschrieb er Peter Voß ganz genau nach seinem letzten Signalement. Der Polizist Milzler wurde geholt.
„Der Mensch ist mir aufgefallen!“ sagte der, nachdem er das Signalement geprüft hatte. „Ein Matrose. Natürlich! Im Blauen Hirsch hat er ein paarmal gegessen. Und der Lehrer aus Pograu saß bei ihm. Aber seit vierzehn Tagen, drei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
Dodd notierte sich die Adresse des Lehrers und fragte, wie er am leichtesten nach dieser Schule kommen könnte. Der Inspektor gab ihm bereitwilligst Auskunft, und Milzler wurde auf seinen Posten zurückgeschickt mit der Mahnung, sofort zu melden, wenn sich der Mann wieder sehen ließe.
Dann kehrte Dodd zu Polly ins Hotel zurück, die mit steigender Ungeduld auf ihn gewartet hatte.
Nun fuhren sie zusammen auf die Feldstraße. Der Wagen hielt vor der Nummer 25. Dodd lohnte den Kutscher ab, und Polly zog unterdessen die Klingel. Ihr Herz klopfte hörbar.
Die unverehelichte Martha Zippel öffnete, diesmal ohne die Sicherheitskette zu benutzen, denn der Herr Rat war zu Hause. Er hatte die beiden Besucher längst durch das Fenster gesichtet, und ihm schwante sofort das Richtige.
„Was wünschen Sie?“ fragte die Haushälterin.
„Eine Auskunft!“ erwiderte Dodd trocken. „Es handelt sich um einen Mann, einen Seemann, der vor einigen Tagen hier zu Besuch gewesen sein soll.“
Da stieß Polly einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. Ihr Blick war auf den Landgerichtsrat gefallen, der eben aus seinem Zimmer getreten war. Er hatte seine Brille abgelegt, und seine Aehnlichkeit mit Peter Voß war einfach verblüffend.
„Sie wünschen mich zu sprechen?“ fragte er mit einem verbindlichen Lächeln und machte eine einladende Handbewegung. „Bitte, treten Sie nur näher.“
Die Haushälterin erkannte mit brennender Eifersucht, daß der Herr Landgerichtsrat ein sehr großes Interesse an der jungen Dame nahm.
Dodd schaute sich suchend im Zimmer um, während Polly der Einladung des alten Herrn folgte und auf dem Sofa Platz nahm.
„Mein Name ist Bobby Dodd!“ sagte er mit einer leichten Verbeugung. „Ich bin Detektiv.“
„Und Sie sind hinter meinem Neffen Peter Voß her!“ ergänzte der Landgerichtsrat freundlich, indem er sich mit untergeschlagenen Armen an seinen schweren, eichenen Schreibtisch lehnte.
„Er war bei Ihnen?“ fragte Dodd energisch.
„Ich merke schon, es wird ein Verhör!“ fuhr der Landgerichtsrat fort. „Ich werde Ihnen die Arbeit erleichtern. Peter Voß war bei mir und hat mir sein Verbrechen gestanden, worauf ich ihn schleunigst fortgeschickt habe.“
„Es wäre Ihre Pflicht gewesen, ihn verhaften zu lassen!“ rief Dodd.
„Mr. Dodd!“ rief Polly gekränkt. „Sie vergessen unsere Abmachung.“
„Verzeihung!“ sagte er mit einer Verbeugung.
„Sie werden es menschlich verzeihlich finden,“ lächelte der Rat überlegen, „daß ich ihn nicht verhaften ließ. Zudem werden Sie es kaum beweisen können, daß ich von der Wahrheit seines Geständnisses überzeugt gewesen war. Falls Sie meine Bestrafung wünschen, werde ich Ihnen die Arbeit erleichtern und noch heute mein Abschiedsgesuch einreichen.“
„Mr. Dodd!“ rief Polly empört. „Sie werden das unterlassen.“
„Ich habe nur das Geld herbeizuschaffen!“ versetzte Dodd ruhig. „Sogar die Festnahme des Defraudanten betreibe ich nur, um zu den entwendeten Millionen zu kommen. Alles andere hält mich auf, ist also unnütz. Ich bin nur von der Firma Stockes & Yarker, aber nicht von der Polizei engagiert. Und Sie können mir keinen Anhaltspunkt geben, wohin sich der Verbrecher von hier aus gewandt hat?“
„Leider nicht,“ versetzte der Rat, und um seine Mundwinkel zuckte es. „Seitdem er vor vier Wochen aus dieser Tür getreten ist, habe ich nichts wieder von ihm gehört und gesehen.“
„Hatte er die Millionen bei sich?“ fragte Polly gespannt.
„Meines Wissens nicht!“ erwiderte der Rat mit einem feinen Lächeln.
Dodd merkte sich dieses Lächeln und dachte sich seinen Teil. Die Wahrscheinlichkeit, daß die zwei Millionen in diesem Hause versteckt waren, war durch dieses Lächeln bedeutend gewachsen.
„Sie wissen also nicht, daß sich Ihr Neffe noch weiterhin hier in Strienau aufgehalten hat?“ fragte Dodd lauernd. „Und zwar unter dem falschen Namen Franz Müller?“
„Davon weiß ich nichts!“ erwiderte der Rat ernst. „Ich würde das, falls es sich bestätigen sollte, sehr bedauern. Denn Sie können sich denken, daß mir in meiner Stellung ein solcher steckbrieflich verfolgter Neffe nicht sehr angenehm ist.“
Komödie! dachte Dodd und erhob sich.
Seine Mission war hier vorläufig zu Ende. Nun mußte der Lehrer in Pograu examiniert werden.
Dodd wandte sich zur Tür, und Polly erhob sich zögernd.
„Ich hoffe, Sie recht bald wiederzusehen!“ sagte der Rat sehr warm zu ihr und drückte ihr zärtlich die Hand.
„Mrs. Voß!“ sagte Dodd, als sie wieder im Hotel waren. „Der alte Herr weiß mehr, als er uns verraten hat. Ich bitte Sie, gehen Sie morgen zu ihm und horchen Sie ihn aus.“
„Ich soll spionieren?“ rief sie entrüstet. „Was glauben Sie von mir?“
„Ich glaube,“ erwiderte er aufrichtig, „daß Sie alles tun wollen, um Mr. Voß zu retten. Erzählen Sie dem alten Herrn von unserem Vertrag, vielleicht wird er unser Bundesgenosse.“
„Also gut!“ sprach sie, sofort umgestimmt. „Ich werde zu ihm gehen!“
Um dieselbe Zeit machte sich Friedrich Minkwitz daran, seine Bienen für die Winterruhe zu verpacken, und fand dabei die Brieftasche Peter Voßens. Er sah, was darin war, und ließ sie liegen.
Als er beim Abendbrot saß, pochte es an die Haustür.
Draußen stand Bobby Dodd. Sehr höflich lüftete er den Hut und bat um eine Unterredung. Minkwitz nötigte ihn herein.
„Bei Ihnen hat sich ein Mann Namens Peter Voß aufgehalten?“ fragte Dodd ohne Umschweife.
„Peter Voß?“ stotterte Minkwitz bestürzt. „Allerdings! Nein.“
„Leugnen Sie nicht lange!“ sprach Bobby Dodd energisch. „Ich bin Detektiv. Sagen Sie die Wahrheit. Wo ist er?“
„Hier nicht!“ bekannte Minkwitz aufatmend. „Er ist fort. Schon seit vierzehn Tagen.“
„Wohin hat er sich gewandt?“ forschte Dodd und sah sich im Zimmer um.
Minkwitz hob hilflos die Schultern.
Bobby Dodd fragte nicht weiter, denn er hatte mehrere verschiedenartige Fingerabdrücke auf dem Wandkalender entdeckt. Er nahm ihn, ohne erst um Erlaubnis zu fragen, vom Nagel.
„Sie erlauben wohl!“ sprach er und schickte sich an, das steife Papier zusammenzufalten.
„Oh!“ entfuhr es Minkwitz, und er griff danach.
„Bitte sehr!“ sagte Dodd. „Drücken Sie nur tüchtig. Es ist mir sehr lieb, wenn auch Ihre Finger darauf abgebildet sind.“
Sofort ließ Minkwitz los, und der Wandkalender verschwand in Dodds Ueberrocktasche.
Minkwitz war sprachlos, er hatte nicht einmal die Energie, diesem offenkundigen Dieb die Tür zu weisen.
„Ich danke Ihnen!“ sprach Dodd verbindlich. „Auf Wiedersehen.“
Dann eilte er mit seinem unschätzbaren Fund nach Strienau zurück. Auf der Bahn verglich er die verschiedenen Fingerabdrücke, die der Wandkalender aufwies. Der Abdruck neben dem 27. November war ohne Zweifel von Peter Voßens Zeigefinger verursacht worden. Nun hatte er ein untrügliches Mittel, die Identität des Verbrechers ohne Pollys Hilfe feststellen zu können.
In Strienau angekommen, kaufte er einen Wandkalender für das neue Jahr und ließ ihn an den Lehrer in Pograu schicken. Damit war sein amerikanisches Gewissen vollauf beruhigt.
Im Hotel erfuhr er, daß Polly vor kaum einer Viertelstunde mit der Droschke fortgefahren sei. Er wußte wohin. Und er gönnte sich etwas Ruhe und vertiefte sich von neuem in den Wandkalender.
Wenn die zwei Millionen nicht bei dem Landgerichtsrat lagen, dann waren sie sicher da draußen in der Schule versteckt!
Landgerichtsrat Pätsch saß an seinem Schreibtisch und hatte eben sein Pensionsgesuch unterzeichnet, als die Droschke mit Polly vor dem Hause hielt. Schnell versiegelte er das Schreiben und übergab es seiner Haushälterin mit der Weisung, es sofort auf die Post zu tragen.
Polly wollte eben den Klingelknopf niederdrücken, als die unverehelichte Zippel aus der Tür trat. Sie maß Polly mit einem kampfbereiten Blick.
„Kommen Sie nur herein, ich habe Sie schon erwartet!“ rief der Landgerichtsrat fröhlich und streckte Polly beide Hände entgegen.
Aufs höchste erstaunt über diesen überaus freundlichen Empfang, zögerte sie, aber er faßte sie bei den Händen und zog sie sanft ins Zimmer.
„Kommen Sie, liebe, kleine Frau!“ sagte er und drückte sie in einen weichen Sessel. „Wie freue ich mich, Sie endlich kennen zu lernen. Nun aber sagen Sie mir das eine, wie kommen Sie dazu, in Begleitung dieses Detektivs hierher zu reisen?“
„Wie ich dazu komme?“ versetzte sie ganz bestürzt. „Ich muß ihm helfen, meinen Mann zu fangen. Er hat doch zwei Millionen Dollar gestohlen. Und die muß er herausgeben. Wir bringen ihn dann in ein Sanatorium, und die Sache hat weiter kein gerichtliches Nachspiel.“
„So, so?“ sagte der Rat schmunzelnd. „Jetzt kann ich es mir schon zusammenreimen. O Peter, Peter, wie wird es dir ergehen, wenn du dich kriegen läßt!“
Polly war einfach starr über diese Fröhlichkeit des Onkels.
„Ja, aber!“ rief sie und sprang auf. „Herr!“
„Sag ruhig Onkel zu mir, mein Kind!“ erwiderte er und nahm ihre kalten, zuckenden Finger zwischen seine warmen Hände. „Peter, dieser Junge, ist wirklich ein Prachtkerl. Und es freut mich aufrichtig, daß er ein solches Prachtmädel drüben in Amerika gefunden hat.“
Da stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen.
„Was ist denn? Was hast du denn, Kind?“ rief er ganz erschreckt.
„Ach!“ schluchzte sie aus tiefstem Herzensgrunde auf. „Er ist doch ein Millionendieb. Er ist geisteskrank. Er hat sich im Geschäft überarbeitet. Ich bin ja so schrecklich unglücklich.“
„Na, na!“ lächelte er und strich ihr sanft über die blassen Wangen. „Beruhige dich nur, mein Kind. Er hat die Millionen nicht gestohlen, und er ist geistig ganz auf der Höhe. Wenn die Kupferpapiere erst wieder gestiegen sind, kriegst du deinen lieben Peter wieder. Und ich gebe dir mein Wort, du wirst deine helle Freude an ihm haben.“
Langsam versiegten ihre Tränen. Wie geistesabwesend starrte sie ihn an. War denn der Onkel auch verrückt geworden?
„Siehst du, mein liebes Kind!“ tröstete er sie. „Er ist hier bei mir gewesen und hat mir alles erzählt. Die Millionen, die er gestohlen hat, existieren in Wirklichkeit gar nicht. Sie existieren nur in der Einbildung der anderen Leute. Und auf dieser Einbildung beruht vorläufig die ganze Existenz der Firma Stockes & Yarker. Das will natürlich nicht in dein kleines Köpfchen hinein. Aber gib acht. Wenn man es nur von der rechten Seite betrachtet, ist es ganz leicht zu begreifen. Die Firma Stockes & Yarker hat in den letzten Jahren schlecht gewirtschaftet, und Peter hat die Bücher gefälscht, du versteht, zugunsten der Firma.“
Aber Polly verstand nichts. In ihrem Köpfchen ging das bekannte Mühlrad herum.
„Er hat die Bücher gefälscht?“ stöhnte sie auf. „Wie ist das möglich. Mr. Dodd hat mir erzählt, gerade aus den Büchern hat man das Fehlen des Geldes nachgewiesen.“
„Das war eben die Fälschung!“ belehrte er sie schmunzelnd. „Er hat zu diesem Mittel gegriffen, um die Firma über Wasser zu halten. Und als es nicht mehr ging, hat er mit den zwei Millionen, die er im Lauf der Jahre in die Bücher hineingefälscht hatte, die aber gar nicht vorhanden waren, das Weite gesucht. Mr. Dodd ist hinter einem Millionendieb her, der gar keiner ist.“
„Das ist unmöglich!“ stieß sie hervor.
„Weshalb unmöglich?“ meinte der Landgerichtsrat. „Ich habe in meiner vierzigjährigen Praxis anders über die Möglichkeiten des menschlichen Lebens denken gelernt.“
„Aber das ist ja heller Wahnsinn!“ begehrte sie auf.
„Es ist vielmehr ein Geniestreich!“ rief er. „Ich habe jetzt nur noch den einen Wunsch, daß er gelingen möge.“
Polly sah in zwei treue, etwas schalkhafte Augen, die fast genau so blickten wie die braunen Augen ihres Peter, und in die sie sich zuerst verliebt hatte. In ihrem Köpfchen begann es zu dämmern. Sie erinnerte sich plötzlich an die Szene in Hamburg. Da hatte er dasselbe behauptet. Aber sie hatte ihm nicht geglaubt, weil sie ihn für verrückt gehalten hatte.
„Du bleibst bei mir und läßt Dodd laufen!“ schlug er vor.
„Nein, nein! Dodd darf ihn nicht kriegen!“ rief sie und sprang auf. „Wir haben einen Vertrag geschlossen, aber ich traue ihm nicht.“
Und nun erzählte sie ihm, was sie mit Dodd abgemacht hatte.
„Ah!“ rief er, aufs höchste interessiert. „Das ändert freilich die Sache aus dem Grunde. Jetzt rate ich dir sogar, bei Dodd zu bleiben, ihn zu überwachen und ihn womöglich auf die falsche Spur zu lenken, wenn er einmal auf der rechten sein sollte. Nichts ist besser, als ein heimlicher Verbündeter in des Feindes Lager. Aber verstellen mußt du dich, und schlau mußt du sein, recht schlau.“
„O, das will ich schon!“ rief sie und schlug plötzlich die Hände vors Gesicht, wobei sie aufstöhnte. „O Peter, Peter, daß du mir das antun konntest!“
„Pst!“ machte der Onkel und hob warnend den Finger, indem er zum Fenster hinausluchste. „Meine Haushälterin hat feine Ohren.“
Die unverehelichte Zippel war zurückgekehrt und ging in die Küche hinüber.
In diesem Augenblick schrillte das Telephon im Hausflur. Am anderen Ende der Leitung stand Bobby Dodd. Polly horchte.
„Ich habe soeben ein Telegramm aus New York erhalten: Peter Voß, Millionendieb aus St. Louis, festgenommen!“
Sie schrie auf und ließ das Hörrohr fallen. Der Onkel führte sie ins Zimmer, übergab sie der Obhut der Haushälterin, die herbeilief, und kehrte wieder ans Telephon zurück.
„Was werden Sie tun?“ fragte er Dodd. „Mrs. Voß ist augenblicklich nicht fähig, das Gespräch fortzuführen.“
„Das bedaure ich sehr!“ erwiderte Dodd. „Ich glaube aber, sie haben da drüben wieder einen falschen Peter Voß verhaftet!“
„Das scheint mir auch!“ rief der Rat sarkastisch.
„Ich bitte Sie, Mrs. Voß zu beruhigen!“ sprach Dodd. „Ich reise sofort nach New York ab. Sollten sie den Falschen erwischt haben, bin ich in spätestens drei Wochen wieder zurück. Sonst telegraphiere ich.“
„Bitte sehr!“ antwortete der Rat höflich und klingelte ab.
Polly zu beruhigen, war nicht gerade leicht. Sie hielt es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß Peter Voß nach New York zurückgekehrt sei.
„Er wagt alles!“ schluchzte sie.
„Sie haben da drüben einen Falschen erwischt!“ tröstete sie der Onkel. „Dodd ist übrigens derselben Meinung.“
„Er lügt!“ rief sie zitternd vor Angst. „Warum fährt er dann hinüber?“
„Er will sicher gehen!“ sagte der Onkel leichthin. „Es ist ja auch nur ein Katzensprung.“
Polly aber wollte das nicht gelten lassen.
Dodd hatte nur den einen Teil des Telegramms verraten. Es stand nämlich noch darin, daß dieser in New York festgenommene Peter Voß ein echtes Legitimationspapier hätte. Das mußte er irgendwo erhalten oder gestohlen haben. Und nur dieses Papieres wegen fuhr Dodd nach New York, in der Tasche den beweiskräftigen Fingerabdruck.
Der Weg zum Bahnhof führte ihn dicht an der Zuchthausmauer vorbei, hinter der Peter Voß als Emil Popel saß und auf einen Fluchtplan sann.
Denn das Sitzen wurde auf die Dauer sehr unangenehm.
Und er fand wirklich einen Plan, mit dem sich schon etwas anfangen ließ. Nur sehr überlegt mußte er werden.