9.
Als Peter Voß wieder auf dem Strienauer Ringe stand, war er fest entschlossen, seiner Stiefvaterstadt den Rücken zu kehren.
Immer darauf bedacht, seine Spur zu verwischen, auch wenn er seinen Verfolger nicht direkt hinter sich hatte, gedachte er nicht die Bahn zu benutzen, sondern sich über die Dörfer nach der nächsten Parallelbahn hinüberzuschlagen. Von hier aus wollte er nach Berlin zurück, um sich einen russischen Paß zu besorgen. Mit dem wollte er dann unter dem Doppeladler sein Glück versuchen. Den Steckbrief fürchtete er nicht, der konnte höchstens dem Kapitän Siems gefährlich werden. Er kaufte sich zum zweiten Frühstück bei Mutter Knulle eine Tüte Aepfel und wollte über die Oderbrücke gehen.
Aber es fing plötzlich an bindfadenstark zu regnen. Darum ging er in den „Blauen Hirsch“ und saß bis zum Abend hinter dem Bierglas. Dann ließ er sich ein Zimmer geben.
Am nächsten Morgen schien die Sonne, und so machte er sich getrost über die Oderbrücke auf die Wanderschaft nach Osten.
Da kam ihm eine lange, überschlanke, schwarze Gestalt entgegengewandelt. Sofort blieb Peter Voß stehen, betrachtete sich den Mann näher und erkannte Friedrich Minkwitz, seinen Schulgenossen, der in der Sekunda neben ihm gesessen hatte. Der Mann ging in tiefe Gedanken versunken der Stadt zu und hatte kein Auge für den Fremdling. Peter Voß schaute sich um. Da kein Mensch in der Nähe war, wagte er es und vertrat ihm den Weg.
„Guten Tag, Friedrich!“ rief er vergnügt. „Kennst du mich nicht mehr?“
Der Angerufene blieb stehen und erwachte aus seinen Träumen. Die wasserblauen, treuherzigen Augen weitaufgerissen, starrte er auf den heruntergekommenen Matrosen und wußte sich nicht zu erklären, wie er zu dieser merkwürdigen Bekanntschaft kam.
„Aber Friedrich!“ sagte Peter Voß und faßte ihn an den obersten Knopf seines schwarzen Rockes. „Also auch du erkennst mich nicht mehr? Ich bin doch Peter Voß!“
Jetzt begann es in Friedrich Minkwitzens Hirn zu dämmern. Seine Lippen zuckten, und sein Gesicht rötete sich vor Freude.
„Ja ja ja!“ stotterte er ganz aufgeregt. „Du bist wirklich Peter Voß. Das ist aber eine Ueberraschung! Wie kommst du denn hierher?“
„Hm!“ meinte Peter Voß vorsichtig, „wenn ich dir das erzählen soll, dann müssen wir uns erst einen stillen Fleck aussuchen, wo uns niemand belauschen kann. Lieb wäre es mir auch, wenn du meinen Namen nicht bei jeder Gelegenheit in die Luft hinausschreien wolltest. Es ist nämlich einer hinter mir her, der mich fangen will.“
Der Schulfreund prallte entsetzt zurück.
„Nur ruhig Blut, du Angsthase!“ lachte Peter Voß und hakte sich bei ihm ein. „Es handelt sich nämlich um eine Wette. Du verstehst, ich komme aus Amerika.“
„Ach so!“ rief Minkwitz, und ein Stein fiel ihm vom Herzen. „Also aus Amerika? Dein Gesicht sieht auch ganz amerikanisch aus. Ich hätte dich beim besten Willen nicht wiedererkannt.“
„Das freut mich!“ lächelte Peter Voß und ging mit ihm zur Brücke zurück. „Du bist eine treue Haut, du wirst mich schon nicht verraten. Am besten ist’s, du nennst mich Müller, Schulze oder Lehmann.“
Und sie kamen überein, daß Peter Voß von nun an Franz Müller heißen sollte. Dicht vor der Brücke machte Peter Voß halt und zog den Freund zum Ufer hinunter.
„Komm mit!“ sagte er. „Wir nehmen ein Boot und rudern ein bißchen. Ich hab dir eine Menge zu erzählen.“
„Und ich dir auch,“ erwiderte Minkwitz, „wenn auch wenig Erfreuliches.“
Fünf Minuten später stießen sie in den Strom hinaus, ließen sich etwas abwärts treiben und legten sich hinter einer einsamen, mit Weiden bewachsenen Buhne fest. Hier weihte Peter Voß den Freund in seinen fingierten Diebstahl ein. Der nahm die Sache ganz anders auf als der Landgerichtsrat Pätsch. Bewundernd schaute er zu dem Freunde empor, der im Eifer seiner Erzählung aufgesprungen war und die Haupttreffer mit bezeichnenden Gesten unterstrich. Diese Lebhaftigkeit des Erzählens stammte noch aus seiner Schauspielerperiode. Zuletzt kam der Abschied vom Onkel daran.
„Du kannst natürlich so lange bei mir bleiben, wie du willst!“ versicherte Minkwitz, ohne nur einen Augenblick zu zögern. „Ich habe ein ganzes Haus zur Verfügung, und das liegt sehr einsam. Ich bin nämlich Dorfschullehrer in Pograu. Zum Studieren langte es nicht. Ich mußte im ersten Semester umsatteln.“
„Also Schulmeister?“ lachte Peter Voß. „Das scheint mir trotzdem ein ganz ehrenwerter Beruf zu sein. Ich würde allerdings nicht dazu taugen. Deine Einladung nehme ich natürlich mit Freuden an, denn ich habe es mir einmal in den Kopf gesetzt, hier in Strienau meine zwei Jahre abzudienen. Es ist nun einmal meine zweite Vaterstadt, und wenn Dodd wirklich hierher kommt, in deiner abgelegenen Schule sucht er mich gewiß nicht. Du bist ja von jeher ein frommer Bruder gewesen. Die Haare trägst du noch immer recht lang.“
„Und du um so kürzer!“ lächelte Minkwitz. „Du siehst aus wie ein Sträfling.“
„Das hat seinen guten Grund!“ belehrte ihn Peter Voß. „Ich brauche nur erwischt zu werden, und schon muß ich ins Gefängnis. Man lebt übrigens da drin gar nicht so schlecht, wie es sich ein Draußenstehender ausmalt. Ich habe in St. Malo ganz gemütliche Wochen verlebt. Es war ganz so wie eine kleine Sommerfrische.“
„Danke sehr!“ versetzte Minkwitz abwehrend. „Ich würde doch lieber zu Hause bleiben, als eine solche Sommerfrische beziehen.“
So schwatzten sie weiter. Als sie die Zigarren ausgeraucht hatten, verzehrten sie die Aepfel. Dann fuhren sie zurück und gingen über die Brücke in die Stadt, wo Minkwitz einige Besorgungen zu machen hatte.
Als sie über den Ring gingen, wurden sie von dem Polizisten Milzler, der den Pograuer Lehrer kannte, gegrüßt.
Peter Voß legte dem weiter keine Bedeutung bei und setzte sich in den „Blauen Hirsch“ hinter ein Glas Bier, um auf Minkwitz zu warten.
Da das Wetter gut war, legten sie den Weg nach Pograu, wo die Schule lag, zu Fuß zurück. Minkwitz erzählte von seinem geruhigen Dasein und Peter Voß war ausgelassen.
Kopfschüttelnd beschaute er sich das Schulhaus, das windschief und altersschwach hinter dem Dorf in einem großen Garten lag. Zwei Bienenstöcke standen darin.
„Das werd ich mir mal gleich zunutze machen!“ sagte Peter Voß, öffnete den einen und steckte seine Brieftasche hinein.
Jetzt schüttelte Minkwitz den Kopf.
„Stechen sie auch?“ fragte Peter Voß und tippte an die vorderste Wabe.
Picks! klebte ihm eine der über die Störung erbosten Immen am vorwitzigen Zeigefinger.
Hochbefriedigt schloß er den Stock.
Dann richtete er sich häuslich ein. Das wacklige Sofa diente ihm als Lager. Während Minkwitz die Kinder unterrichtete, schmökerte Peter Voß die ganze Schulbibliothek durch von Gustav Nieritz bis zu Emil Frommel.
Nachmittags schlugen sie die Zeit mit Schwatzen und Sechsundsechzigspielen tot.
Zuweilen spazierte Peter Voß nach Strienau, um sich nach dem noch immer sinkenden Kurs des amerikanischen Kupfers zu erkundigen und die Leihbibliothek unsicher zu machen. Mit der Polizei, die der dicke Milzler auf dem Ringe vertrat, vermied er geflissentlich jede nähere Berührung. Milzler aber fiel der Mann im blauen Seemannsanzug auf. Und er merkte sich den Fall.
Drei Tage später aber tastete Peter Voß schon mit ungeduldigen Fingern auf dem Wandkalender herum.
„Was suchst du denn da?“ forschte Minkwitz.
„Was ich wohl suche!“ grollte Peter Voß. „Den 27. November, da hat Polly Geburtstag.“
Und schon saß neben diesem Datum ein wunderbar scharfer Fingerabdruck.
Trotz des schlechten Wetters lief Peter Voß am 25. November nach Strienau. Es war schon spät Abends, als er anlangte. Er wollte wieder einmal seinem Onkel einen Besuch machen. Als Franz Müller war das weiter nicht gefährlich.
„Wollen Sie schon wieder betteln?“ schrie ihn die Martha Zippel durch den Türspalt an. „Ich hol die Polizei!“
Wie ein Blitz war Peter Voß um die nächste Ecke.
Das Wetter wurde zusehends schlechter. Es stürmte und goß so anhaltend, daß man keinen Hund vor die Tür jagte. In einem Promenadengebüsch gegenüber dem Zuchthause suchte er Schutz. Da stand eine alte Ulme, an deren schrägen Stamm er sich drückte.
Die Rathausuhr schlug. Er zählte. Schon neun Uhr! dachte er. Pechfinster war es! Und der Sturm heulte wütend wie ein wilder Wolf in der Ulme. Die Zweige pfiffen, und die Aeste knarrten. Der Posten drüben an der Zuchthausmauer machte drei zaghafte Schritte bis zur flackernden Gaslaterne und retirierte sofort wieder ins Schilderhaus.
Wie dumm! dachte Peter Voß ärgerlich. Wär ich lieber in Pograu geblieben!
In demselben Augenblick huschte eine gebückte Gestalt über die Straße, schoß mit einem Seitensprung in das Gebüsch hinein und schlich geduckt auf die Ulme zu.
„Nanu!“ entfuhr es Peter Voß.
Aber weiter kam er nicht, schon fühlte er zwei Fäuste an seiner Kehle.
„Ich erwürge dich, Kerl,“ hörte er eine rauhe Stimme an seinem Ohr, „wenn du mir nicht sofort deine Kleider gibst!“
„Aber gewiß, gerne!“ röchelte Peter Voß, ohne Widerstand zu leisten. „Ich will dir alles geben, was ich auf dem Leibe trage. Nur möchte ich nicht gerade nackend nach Hause gehen.“
„Du kriegst meine Sachen dafür!“ antwortete der andere, schon um ein Bedeutendes ruhiger. „Ich bin eben aus dem Zuchthaus ausgebrochen.“
„Sieh mal an!“ erwiderte Peter Voß anerkennend und zog bereitwilligst seine blaue Jacke aus. „Brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich bin auch bloß ein Mensch.“
„Gib her!“ atmete der andere erleichtert auf, warf Mantel und Mütze von sich, streifte das Sträflingszeug ab und beeilte sich, in Peter Voßens Kleider zu fahren. Auch die Stiefel mußte dieser hergeben. Die Zuchthausmontur des anderen paßte ihm wie angemessen.
„Was ist denn das für ein Mantel?“ fragte er verwundert.
„Der gehört dem Wärter!“ flüsterte der Ausbrecher. „Der hing draußen auf dem Korridor. Ich hab den Kerl in der Zelle niedergeschlagen und eingesperrt. Und die Mütze habe ich ihm auch weggenommen. Sonst wäre ich nicht durchgekommen.“
„Alle Achtung!“ erwiderte Peter Voß, hing sich den Mantel um und setzte sich die Mütze auf. „Jetzt kann’s losgehen! Immer hinter mir her.“
Nun ging’s mit schleichenden Schritten über die Promenade rund um die schlafende Stadt, Peter Voß immer voran, der Ausbrecher wie sein Schatten hinterdrein.
Peter Voß war ein vorzüglicher Führer. Er fühlte jedes Gebüsch auf fünf Meter im Finstern.
Bei der Oderbrücke stand ein Polizist im Schutze der Selterwasserbude, den Kragen seines Wettermantels hoch über beide Ohren geschlagen. Das konnte man übrigens dem Manne gar nicht verdenken! Denn es goß wie mit Mulden vom Himmel.
Peter Voß legte im Vorbeihasten den Finger an den Mützenrand, und der Polizist dankte in derselben militärisch exakten Form. So kamen die beiden, ohne an dieser gefährlichen Klippe Schiffbruch zu leiden, über die Oderbrücke und erreichten nach einigen Minuten das freie Feld.
Trotzdem das Wetter nicht besser, eher schlechter wurde, nahm sich Peter Voß nun etwas mehr Zeit. Der Ausbrecher hielt sich dicht an seiner Seite. Auf Peter Voßens Ermunterung begann er zu berichten, daß er Emil Popel hieße, vorbestraft sei und wegen Urkundenfälschung ein Jahr Zuchthaus abbekommen hätte. Und zwar vor dem Schwurgericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsrats Pätsch. Emil Popels Geburtsort war Konradswaldau im Kreise Kreuzburg, und in seiner bürgerlichen Stellung war er Schreiber beim dortigen Amtsvorsteher gewesen. Peter Voß fragte ihn, wie es seine Art war, recht gründlich aus.
„Wie lange sitzt du schon?“ fragte er.
„Seit heute,“ erwiderte Emil Popel.
„Und jetzt willst du natürlich nach Amerika?“
„Am besten wär’s schon!“ meinte Emil Popel. „Da bin ich am sichersten. Aber ich hab kein Geld.“
„Das sollst du haben, mein Junge!“ sagte Peter Voß freundlich. „Ich geb dir’s gerne. Du schlägst dich dann durch die Wälder zur Bahn hinüber, das sind gut vier Stunden, und fährst mit dem ersten Zug nach Oberschlesien und heidi! über die österreichische Grenze. Ueber Hamburg auszureißen, ist ganz verkehrt. Da erwischen sie dich sicher. Aber Triest, das ist ein ander Ding. Die Leute dort sind froh, wenn sie einen Passagier haben. Ich geb dir ein Papier, und du fährst einfach auf meinen Namen.“
„Wenn nur das Signalement stimmt!“ warf Emil Popel ein.
„Wird schon stimmen!“ beruhigte ihn Peter Voß im rüstigen Weiterschreiten. „Wie groß bist du denn? Nach den Kleidern zu urteilen, haben wir dieselbe Statur.“
„1,69!“ erwiderte Emil Popel prompt, denn das stand auf seinem Militärpaß.
„Das geht an!“ versetzte Peter Voß befriedigt. „Haare?“
„Braun,“ antwortete Emil Popel zögernd.
„Hell oder dunkel?“
„Das weiß ich nicht genau.“
„Augen?“
Hier versagte Emil Popel völlig.
„Aber hör mal an!“ rief Peter Voß empört über diese große Unwissenheit und blieb stehen. „Haben sie nicht im Zuchthaus sofort dein genaues Signalement aufgenommen?“
„Nein!“ bekannte Emil Popel.
„So eine Bummelei!“ brummte Peter Voß.
„Sie wollten mich wohl messen und photographieren,“ erklärte Emil Popel kleinlaut, „aber es kam nicht dazu, ich glaube, der Apparat war kaputt.“
„Das sind ja himmelschreiende Zustände!“ rief Peter Voß grimmig und stampfte mit den schweren Zuchthäuslerschuhen durch den aufgeweichten Schmutz der Landstraße.
Eine halbe Stunde später erreichten sie das einsame Schulhaus. Das Wetter klärte sich plötzlich auf. Peter Voß schob Emil Popel in die Retirade und befahl ihm zu warten. Dann schlich er um das Haus herum, als hätte er nur den Schlüssel zur Hintertür, und holte aus dem Bienenstock seine Brieftasche, ohne daß er einen Stich bekam.
Wieder bei Emil Popel angekommen, zündete er ein Streichholz an und leuchtete ihm ins Gesicht. Prüfend musterte er seine erschreckten, ängstlichen Züge.
„Nicht übel!“ sagte er und warf das Streichholz weg. „Augen und Haare stimmen. Nur deine Nase ist ganz ordinär. Aber dafür kannst du nichts.“
„Krieg ich nun das Geld?“ fragte Emil Popel zaghaft.
„Hier!“ erwiderte Peter Voß und nahm im Finstern ein paar von seines Onkels Hundertmarkscheinen aus der Tasche. „1, 2, 3 und 4! Das sind vierhundert Mark. Damit kommst du nach Australien, wenn’s sein muß. Natürlich Zwischendeck. Und hier ist das Legitimationspapier, darauf steht bescheinigt, daß du amerikanischer Bürger bist. Lern unterwegs ein bißchen Englisch. Du heißt jetzt Peter Voß, also verplapper dich nicht.“
„Peter Voß!“ papageite Emil Popel und steckte das Papier ein.
„Das heißt,“ fuhr Peter Voß fort, „in New York heißt du wieder Emil Popel. Geld hast du. Und Urkundenfälscher werden nicht ausgeliefert. Also keine Angst! Du brauchst meinen Namen nicht länger zu mißbrauchen, als es unbedingt nötig ist.“
„So einer bin ich nicht!“ sagte Emil Popel in grundehrlichem Tone, dachte aber genau das Gegenteil.
Dann verschwand er auf den Wald zu.
Peter Voß trug die Brieftasche wieder in den Bienenstock.
Darauf pochte er ans Fenster, hinter dem Minkwitz schlief. Mit der brennenden Lampe in der Hand öffnete der die Tür und erschrak ganz außerordentlich über den Zuchthauswärter in Sträflingskleidern, der auf der Schwelle stand.
„Peter!“ rief er entsetzt und mußte die Lampe hinstellen, so zitterten ihm die Hände. „Was ist denn los?“
„Ich hab einem armen Teufel fortgeholfen!“ lachte Peter Voß und drückte die Tür zu. „Er ist aus dem Zuchthaus ausgebrochen!“
Dann erzählte er ihm den ganzen Hergang und setzte sich in der Sträflingskleidung zum Abendbrot nieder. Minkwitz schwankte zwischen Bewunderung und Entsetzen.
„Ein Urkundenfälscher!“ tröstete ihn Peter Voß. „Ein dummer Kerl. In Amerika wird er keine Urkunden fälschen. Da muß er erst mal Englisch lernen.“
Doch die Rache war schon unterwegs. Kaum eine Viertelstunde nach Emil Popels Ausbruch war die gesamte Polizei von Strienau auf den Beinen. Der Beamte an der Oderbrücke gab die Richtung an. Ein Polizeihund nahm die Spur auf. Um Mitternacht bellte er vor dem Pograuer Schulhaus.
Peter Voß, der eben beim dritten Glas Grog war, spitzte die Ohren. Mit einem Sprung war er im Garten. Eine tolle Jagd begann. Nicht lange und er lief dem Wachtmeister, der die Dorfstraße besetzt hielt, in die Arme.
„Haben wir dich endlich, du Ausreißer!“ schnaufte der dicke Milzler und leuchtete ihm mit der elektrischen Taschenlampe ins Gesicht. „Dir wollen wir deine Frechheiten versalzen.“
Peter Voß gab jeden Widerstand auf. Er wurde gefesselt und zur Schule geführt, wo Minkwitz in heller Verzweiflung zurückgeblieben war.
„Wie kommst du in die Schule?“ schnauzte Milzler.
„Ich wollte Kleider stehlen!“ log Peter Voß.
Minkwitz fiel ein Stein vom Herzen.
„Natürlich Kleider stehlen und Geld!“ brüllte der Wachtmeister und knuffte ihn in die Seite. „Du verdammter Galgenstrick. Du kannst dich auf drei Jahre gefaßt machen.“
„Ein bißchen viel!“ versetzte Peter Voß mit Gleichmut. „Zwei tun es auch.“
„Da schneide dich man nicht in den Finger!“ rief der dicke Milzler und packte ihn im Genick.
Wo bin ich vor Dodd sicherer als in einem preußischen Zuchthause! dachte Peter Voß seelenruhig und ließ sich auf einen schnell requirierten Wagen laden.
Im Trabe ging’s nach Strienau zurück, wo ihn der Wärter, der von Emil Popel überwältigt worden war, bewillkommnete.
„Du verfluchter Saukerl!“ brüllte der und riß ihm den Mantel herunter. „Dir will ich das Fell vergerben. Und wie hast du Schwein meinen Mantel zugerichtet?“
„Verzeihung!“ erwiderte Peter Voß höflich. „Das schlechte Wetter!“
Dann wurde er vor den Direktor geführt. Der hatte im Gegensatz zu seinem Kollegen in St. Malo nicht den geringsten wissenschaftlichen Ehrgeiz und begnügte sich einzig und allein damit, ein möglichst korrekter Beamter zu sein.
„Das ist also der Ausbrecher?“ fragte er und musterte ihn kritisch.
„Ach, Herr Direktor!“ jammerte Peter Voß gar erbärmlich und rang die Hände. „Tun Sie mir nichts. Ich hab’s gar nicht gerne getan. Es ist halt so plötzlich über mich gekommen.“
„Fort mit ihm!“ befahl der Direktor mit einer energischen Handbewegung. „Gleich das Protokoll aufnehmen! Photographie, Fingerabdrücke! Oder ist der Apparat noch nicht in Ordnung? Und dann drei Tage Wasser und Brot.“
Zehn Minuten später saß Peter Voß in der Badewanne. Das Wasser war reichlich kalt.
„Wie oft wird hier am Tage gebadet?“ fragte er arglos.
Schwupp! tauchte ihm der erboste Wärter den Kopf unter Wasser, daß ihm die Luft verging.
„Aber hören Sie mal!“ rief Peter Voß ungehalten, nachdem er das verschluckte Wasser von sich gesprudelt hatte. „Ich bin eine derartige Behandlung nicht gewohnt.“
„Maul halten!“ brüllte der Wärter ihn an. „Hier hast du nur deine Schnauze aufzureißen, wenn du gefragt wirst.“
„Danke für die Belehrung!“ meinte Peter Voß, die übrigen Worte erstarben in einem unverständlichen Gegurgel.
Als er wieder in die Höhe kam, war sein Gesicht blaurot.
Junge, Junge! dachte er und wischte sich die Tränen aus den Augen. Hier sind die Leute bei weitem nicht so gemütlich wie in St. Malo!
Beim Photographieren steckte er ein höchst bekümmertes Gesicht auf, nachdem er vorher seine Nase durch heftiges Reiben und Drücken auf ein größeres Volumen und auf ein geradezu ordinäres Format gebracht hatte. Er sah jetzt wirklich mehr wie Emil Popel als wie Peter Voß aus. Nun wurde er von unten nach oben gemessen, wobei es ihm gelang, sich um einen halben Zentimeter zu verkleinern. Brustumfang und Fingerabdrücke und was sonst noch zur wissenschaftlichen Feststellung einer verbrecherischen Individualität gehörte, kamen haargenau ins Protokollbuch. Dann erschien der Arzt und behorchte ihn.
„Tadellos gesund!“ bemerkte er und ging wieder hinaus.
Eine Viertelstunde später saß der falsche Emil Popel in der vorletzten Zelle auf der rechten Seite des obersten Korridors.
Das ist aber schnell gegangen! dachte er und legte sich auf die Pritsche, weil er hundemüde war.
Friedrich Minkwitz dankte seinem Schöpfer, daß er noch so davongekommen war. Emil Popel aber sauste längst als Peter Voß durch Oesterreich nach Süden.
Auch Dodd und Polly, die noch immer in Hamburg waren, warteten vergeblich auf die Wirkung des Steckbriefes. Daß man daraufhin den Kapitän Siems mitten auf dem Jungfernstieg festgenommen hatte, war nicht gut als Erfolg anzusehen.
Dodd mußte schließlich die Annahme, daß sich Peter Voß noch immer in Hamburg aufhielt, fallen lassen. Weiter wälzte er die Hamburger Anmelderegister, um schließlich festzustellen, daß der Gesuchte während seiner früheren Anwesenheit in Hamburg als Matrose bei der Logiswirtin Hansen auf der Adolfstraße gewohnt hatte.
Mit Mutter Hansen wurde der gewandte Dodd im Handumdrehen fertig. Sie war eine viel zu ehrliche Natur, um sich erst aufs Leugnen zu verlegen. Daß sie dadurch Peter Voß schaden könnte, das glaubte sie nicht. Er war ja unschuldig.
Mit ihrer Hilfe stellte Dodd Peter Voßens neues Signalement fest und fragte sie auch sonst gehörig aus.
„Er wollte nach Berlin!“ bekannte sie endlich.
Das war die Wahrheit, und Berlin war groß. Da sollte er ihn erst mal finden!
Noch an demselben Tage übersandte Dodd dem Fahndungsblatt einen revidierten Steckbrief und ließ ihn außerdem in einigen der verbreitetsten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen.
Dann schickte er an Stockes & Yarker ein beruhigendes Telegramm, worin er mitteilte, daß er die verlorene Spur wieder aufgefunden hätte, und seine weitere Reiseroute angab.
Nun fuhr er mit Polly nach Berlin.
Peter Voß saß in seiner sicheren Zelle und löffelte seine dicken Erbsen, in denen ein winziges Stücklein Speck schwamm.
Wenn das so weiter geht, dachte er, muß ich krank werden! Vielleicht ein kleiner Tobsuchtsanfall. Am Ende komme ich dann in die Irrenanstalt. Da gibt’s wenigstens ein bißchen Unterhaltung.
Als der Wärter am Abend hereinkam, um die Zelle zu revidieren, stand Peter Voß gerade in der Mitte des kleinen Raumes und machte Kniebeugen mit Armstrecken, ganz ordnungsmäßig in drei Zeiten. Er zählte sogar dazu.
„Stramm gestanden!“ fuhr ihn der Wärter an.
Peter Voß schoß an die Wand und machte sich steif wie ein Ast.
„Was machen Sie denn für ein bärbeißiges Gesicht, Herr Inspektor?“ fragte Peter Voß bekümmert. „Sie müssen es mir nicht übel nehmen, daß ich Sie damals so hinterrücks überfallen habe. Das ist sonst meine Mode nicht. Aber manchmal, da weiß ich nicht recht, was ich tue. Ich habe die Sache schon furchtbar bereut.“
„Hm!“ machte der Wärter wütend. „Die Flausen kenn ich.“
Er ging, und Peter Voß begann das linke Bein und den rechten Arm zu rollen, zwölfmal vorwärts und zwölfmal rückwärts.
Ob ich das wohl zwei Jahre aushalte? dachte er dann und legte sich auf die Pritsche.