15.
Die Pelzmütze über beide Ohren gezogen, den Kragen hochgeklappt, im linken Mundwinkel eine russische Zigarette, stiefelte Peter Voß durch Warschaus verschneite Straßen. Glücklich war er als Iwan Basarow durch die Paßrevision geschlüpft.
Er suchte ein Postamt, von dem aus er nach Strienau telegraphieren konnte.
Da knallte es mehrmals, und eine Kugel flog ihm an der Nase vorbei.
Pfui Deibel! dachte er und zog den Kopf tiefer in den Pelzkragen. Hier wird geschossen und dazu noch scharf. Da ist es wohl am besten, ich verduft gleich nach Moskau.
Und daran tat er gut, denn in Warschau war wieder einmal eine kleine Revolution im Gange.
Seine Fahrt nach Moskau gestaltete sich etwas wild. Bald mit Eisenbahn, bald mit dem Schlitten drang er nach Osten vor, immer darauf bedacht, seine Spur zu verwischen.
So kam er nach Bolowsk, dem nördlichen Zipfel des Gouvernements Witebsk. Jetzt wollte er es wieder mit der Eisenbahn versuchen.
Auf der Trödlergasse in Bolowsk wechselte er sein deutsches und sein amerikanisches Geld in russisches um. Dann unterzog er seine Brieftasche, die schon recht strapaziert aussah, einer eingehenden Revision. Es schien ihm rätlich, sich, solange er in Rußland war, von seinen amerikanischen Papieren zu trennen. Einfach wegwerfen wollte er sie nicht. Wie leicht konnten die Kupferpapiere mit einem Sprung in die Höhe gehen, so daß er sich plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt sah, seine Identität mit Peter Voß zu beweisen. Sein Kurs lief ostwärts durch Sibirien. Dahinter lag Japan. Sofort entschloß er sich, sie hauptpostlagernd nach Tokio zu senden, und zwar auf den Namen des Studenten Iwan Basarow.
Also ging er aufs Postamt und drückte dem Beamten einen Fünfrubelschein in die Hand.
„Ich möchte ein chiffriertes Telegramm nach Deutschland aufgeben.“
„Bitte!“ erwiderte der Beamte freundlich. „Vielleicht glückt es.“
Nun war guter Rat teuer. Ein Hotel in Moskau kannte Peter Voß nicht. Das einzige Gebäude, von dem er den Namen wußte, war der Kreml, den jedes Schulkind kennt.
Ein Tor wird er wenigstens haben! dachte er, indem er die Feder ansetzte. Und wenn er mehrere Tore hat, dann ist eins davon sicher das Haupttor.
Und er setzte kurz entschlossen folgendes Telegramm auf: „Frau Polly Voß Strienau Landgerichtsrat Pätsch Freitag 12 Uhr Moskau Kreml Haupttor.“
Diese Mitteilung übersetzte er nach dem alten Rezept in Ziffern. Dann reichte er es dem Beamten, der ohne weiteres an den Apparat ging und die Zahlen herunterklapperte, nachdem er die Leitung über Dünaburg, Wilna nach Warschau frei gemacht hatte.
Das Telegramm lief am Abend in Strienau ein und wurde von dem Landgerichtsrat a. D. in kurzer Zeit entziffert.
„Dein Mann wünscht mit dir ein Rendezvous in Moskau!“ sprach er lächelnd zu Polly. „Es ist nur gut, daß wir schon deinen Paß besorgt haben. Allerdings reicht er nur bis Warschau. Dort mußt du ihn verlängern lassen.“
„Du willst mich allein reisen lassen?“ fragte sie ängstlich.
„Diese schnöde Absicht habe ich allerdings!“ lächelte er. „In Rußland kann ich dir nichts nützen, denn ich kann ebensowenig Russisch wie du. Und dann mein Asthma. Ich glaube auch, ich kann dir viel mehr nützen, wenn ich hier bleibe. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, daß Dodd hier irgendwo auf der Lauer liegt und nur auf deine Abreise wartet. Denn anders ist euer Zusammentreffen in Berlin nicht zu erklären.“
„Aber wie?“ rief sie erschreckt. „Er wird seine Spur gefunden haben.“
„Oder das Telegramm!“ sprach er leise und deutete auf die Tür. „Die Martha Zippel gefällt mir nicht mehr. Sie geht seitdem herum wie das leibhaftige böse Gewissen. Der Sache muß ich auf den Grund kommen.“
„Er hat sie bestochen!“ rief Polly. „Sie horcht an den Türen, sie spioniert uns aus.“
„An eine Bestechung glaube ich nicht!“ sprach er und wiegte das Haupt. „Viel eher glaube ich, daß sie unter seinem psychischen Druck steht. Am Ende hat er ihr die Heirat versprochen.“
„Dazu ist er fähig!“ fuhr Polly auf. „Liebeserklärungen gehören anscheinend zu seinem Geschäft.“
„Machen wir die Probe aufs Exempel!“ erwiderte der Rat und drückte auf die Glocke.
Obschon die Haushälterin draußen gehorcht, aber leider nichts erhorcht hatte, verging doch eine geraume Zeit, bis sie eintrat.
„Wir haben eben ein Telegramm erhalten,“ sprach er und hob das Papier vom Schreibtisch, „aus New York. Es kommt von einem gewissen Herrn Dodd, Bobby Dodd, derselbe Herr, der vor einigen Wochen hier war. Er zeigt uns seine Verlobung an. Und läßt Sie schön grüßen, Fräulein Zippel.“
Die Angeredete erblaßte weder, noch wurde sie rot. Bobby Dodd in New York? Das war ein Irrtum. Der wohnte im Hotel „Zum goldenen Kreuz“ auf dem Strienauer Ringe und hatte sie erst gestern abend, als der Herr Landgerichtsrat und sein Besuch im Konzert waren, in der Küche besucht. So dumm war sie noch lange nicht, um auf solche Lügen hereinzufallen! Sie hielt ihre Augen schon offen, damit der Herr Rat nicht ins Unglück rannte. Und so bedankte sie sich ruhig und kühl für den fingierten Gruß und verschwand wieder in die Küche. Das eine war sicher. Ein Telegramm war angekommen. Und davon mußte sie Dodd in Kenntnis setzen. Aber erst mußte sie es haben. Der Papierkorb war ihr erst morgen früh beim Aufräumen erreichbar.
„Sie verstellt sich!“ sprach der Landgerichtsrat und hielt das Telegramm über die brennende Gaslampe, daß es zu Zunder verkohlte. „Sicher ist sicher. Wir wollen sie auch über dein Reiseziel gründlich hinters Licht führen.“
Dann studierten sie zusammen das Kursbuch und setzten die Abreise auf Montag abend fest. Die Haushälterin erfuhr vorläufig nichts davon. Auch den Sonntag über sollte sie keinen Verdacht schöpfen können. Polly wollte ganz allein und unauffällig ihren Koffer packen. Die Uebersetzung des Telegramms barg sie in ihrem Handtäschchen.
Aber die unverehelichte Martha Zippel hatte längst Lunte gerochen. Zwar verlief die Durchsuchung des Papierkorbs ohne Ergebnis, die Zunderflocken auf dem Schreibtisch besagten ihr genug. Doch sie überstürzte sich nicht. Erst am Nachmittag, wo sie ihren gewöhnlichen Sonntagsspaziergang machte, ging sie ins „Goldne Kreuz“, um Bericht zu erstatten.
Bobby Dodd lag in seinem Hotelzimmer auf dem Sofa und paukte russische Vokabeln. Die Grammatik, die er sich in Berlin gekauft hatte, machte bereits den Eindruck eines zerlesenen Schmökers. Er lernte mit eiserner Energie. Mit russischen Verben ging er zu Bett, mit russischen Redensarten stand er auf. Hastig nahm er seine Mahlzeiten ein, um ja nichts von der teuren Zeit zu verlieren, denn jeden Tag konnte das zweite Telegramm eintreffen. Er trug jetzt nur noch die Maske des alten, distinguierten Theaterherrn.
Als er die Zippel am Klopfen erkannte, warf er die Grammatik weg und sprang auf.
„Das Telegramm ist angekommen?“ rief er erregt. „Haben Sie es mitgebracht?“
„Er hat es verbrannt, über der Lampe!“ flüsterte sie hastig. „Sie packt schon den Koffer.“
„Und Sie wissen nicht, wohin sie reist?“ forschte er. „Damn! so laufen Sie doch, daß sie uns nicht entwischt. Ich werde heute den ganzen Tag am Telephon sitzen.“
Hals über Kopf stürzte sie davon. Aus ihrem Sonntagsnachmittagsspaziergang wurde nichts. Als sie der Landgerichtsrat durch den Garten kommen sah, runzelte er die Stirn.
„Es geht unbedingt etwas vor!“ sprach er zu Polly, die eben ihren Koffer abgeschlossen hatte. „In dieser Verfassung habe ich meinen Hausdrachen noch nie gesehen.“
Und schon riß er die Tür auf und stand der aufs höchste erschreckten Martha Zippel gegenüber.
„Wo kommen Sie her?“ herrschte er sie an.
„Ich?“ rief sie bestürzt von dem gänzlich unerwarteten Angriff. „Ich bin spazieren gegangen.“
Zäh wie Schuhleder! dachte der Landgerichtsrat und räumte das Feld.
Beim Abendessen sprach er zu der Haushälterin: „Meine Nichte reist morgen abend nach Hamburg. Sorgen Sie dafür, daß um sieben Uhr eine Droschke da ist.“
Fräulein Zippel schlief diese Nacht sehr schlecht. Immer glaubte sie im Traum die Haustür gehen zu hören. Als sie aber am Morgen Pollys Koffer im Garderobenzimmer und ihre Schuhe vor der Schlafzimmertür fand, ging sie schnurstracks zum Telephon und verlangte die Nummer des „Goldnen Kreuzes“. Dahin telephonierte sie immer, wenn eine Droschke gebraucht wurde, denn vor diesem Hotel standen immer Droschken. Der Portier pflegte dann die Bestellung an einen der Kutscher weiter zu geben.
Diesmal aber kam es etwas anders, weil Bobby Dodd das Hoteltelephon unausgesetzt bewachte. Kaum meldete sich die Martha Zippel, so stürzte Dodd auf den Hotelportier, dem er das Gespräch schon gestern angekündigt hatte, und entriß ihm das Hörrohr. Auch der Landgerichtsrat Pätsch lauschte auf das, was seine Haushälterin ins Telephon hineinrief.
„Schicken Sie heute abend um sieben eine Droschke her!“ befahl sie dem vermeintlichen Portier. „Die Dame, die bei uns zu Besuch ist, will abreisen.“
Sie bestellt die Droschke! dachte der Landgerichtsrat und legte sich aufs andere Ohr.
„Allright!“ rief Dodd am andern Ende der Leitung. „Wohin reist sie?“
„Nach Hamburg!“ gab die Haushälterin zurück, die ihn sofort an der Stimme erkannt hatte.
Schwindel! dachte er und hängte ab. Sie hat Argwohn geschöpft und will mich auf eine falsche Fährte locken. Aber ich werde sie nicht aus den Augen lassen.
Abends um sieben Uhr spazierte er bereits auf dem Bahnsteig hin und her, zwei Fahrkarten hatte er in der Tasche, die eine nach Breslau, die andere nach der russischen Grenzstation, denn die Züge aus beiden Richtungen begegneten sich hier. Sein Gepäck hatte er im Hotel fertig zum Absenden zurückgelassen. Nur eine kleine in Strienau gekaufte Handtasche, die das Allernötigste barg, trug er in der Hand.
Polly nahm herzlichen Abschied von dem Onkel, der ihr ein Coupé des Zuges öffnete, der von Breslau kam. Dodd stieg als alter Theaterherr ins Nebencoupé. Da der Zug aus Durchgangswagen bestand, konnte er Polly unauffällig überwachen.
So fuhren sie zusammen nach Rußland.
Peter Voß kam schon am nächsten Abend nach Moskau, wo er sich, ohne von der Polizei behelligt zu werden, schon am folgenden Morgen den Kreml beschaute. Zu seiner großen Ueberraschung war das nicht ein Gebäude, sondern eine ganze Stadt, die mit einer fünftorigen Mauer umgürtet war. Und das schlimmste war, jedes dieser fünf Tore konnte den Anspruch erheben, ein Haupttor zu sein. Unter diesen Umständen war das Rendezvous mit Polly reichlich verzwickt. Wie sollte er alle diese fünf Tore gleichzeitig im Auge behalten! Er mußte ein Automobil requirieren und Freitag mittag immer um den Kreml herumfahren, bis Polly an irgendeiner Stelle auftauchen würde.
Sie erreichte Donnerstag abend Moskau. Ein alter, weißbärtiger Herr, den sie unterwegs öfter gesehen hatte, war ihr in der Auswahl des Hotels behilflich, als sie sich ratlos nach einem Wagen umschaute. Sie bedankte sich und verlor ihn aus den Augen. Der Oberkellner des Hotels sprach etwas Deutsch und Englisch und besorgte ihr am Freitag mittag eine Droschke zum Kreml. Vor dem Erlösertor stieg sie aus, entlohnte den Kutscher und wartete. Es war bereits eine Viertelstunde nach zwölf. Gleich darauf sah sie den alten Herrn, den sie von der Fahrt her kannte, mit zwei jüngeren Leuten herankommen. Er grüßte höflich und betrachtete interessiert das wundertätige Heiligenbild, das in dem Tor angebracht war. Seine beiden Begleiter schienen Fremdenführer oder Bekannte zu sein, denn sie gaben ihm auf seine Fragen die gewünschten Erklärungen.
Schon fünfmal war Peter Voß im schnellen Tempo rund um die goldene Burg von Rußland gesaust, da erblickte er Polly. Er ließ das Auto etwas abseits halten und trat langsam näher. In dem schmierigen Schafspelz, den er trug, sah er weniger wie ein Student, mehr wie ein russischer Viehhändler aus. Sie erkannte ihn nicht und wich scheu zur Seite, als sie sein schmutziger Rock streifte.
„Polly!“ flüsterte er und ging weiter, entblößte vor dem Heiligenbild andächtig den Kopf und stellte sich zu den drei Herren, die ihm einigermaßen verdächtig vorkamen, denn sie konnten sich von dem Bilde nicht trennen, obwohl sie weder wie Kunstverständige noch wie Pilger aussahen.
Polly war erschrocken zurückgefahren, als ihr Name an ihr Ohr geklungen war. Sollte dieser entsetzliche Bauer Peter Voß sein? Das war unmöglich! Und sie verfolgte ihn mit ihren Blicken.
Peter Voß bemerkte es und ging wieder auf die Straße hinaus, in der Hoffnung, daß ihm Polly unauffällig folgen würde. Allein sie war ihrer Sache nicht sicher und rührte sich nicht vom Fleck.
Wer aber bereits seiner Sache sicher war, das war Bobby Dodd, der mit zwei Kriminalpolizisten vor dem Heiligenbild stand.
„Aufgepaßt!“ flüsterte er. „Das ist er!“
Der eine Polizist lüftete darauf den Hut, als wenn er sich verabschiedete, und ging auf die Straße, um dem Verbrecher den Rückzug abzuschneiden.
Peter Voß entging das Manöver nicht, aber seine Sehnsucht nach Polly, die blühend und reizend wie am Tage ihrer Hochzeit vor dem Tore stand und nicht vorwärts und rückwärts wußte, ließ ihn die Gefahr unterschätzen.
Er schritt wieder auf sie zu, um ihr im Vorbeigehen ein Erkennungswort zuzurufen. Noch war er drei Schritte von ihr entfernt, schon leuchteten ihre Augen in der Freude des Erkennens, da ließ sie ein scharfer Trillerpfiff zurückschrecken.
„Da ist Dodd!“ flüsterte Peter Voß ihr schnell und unauffällig ins Ohr. „Verrate mich nicht. Ich heiße Iwan Basarow.“
In demselben Augenblick wurde er von vorn und hinten gleichzeitig gepackt.
„Hol mich der Teufel!“ fluchte er auf russisch. „Was soll das?“
„Guten Morgen, Mr. Voß!“ sagte der alte Theaterherr aus Strienau auf englisch. „Mein Name ist Dodd.“
„Was will der Kerl?“ fragte Peter Voß verwundert. „Ich verstehe ihn nicht.“
„Komm nur mit, du Millionendieb!“ schrie der eine Polizist und bugsierte ihn mit Hilfe seines Kollegen in eine leere Droschke. „Das übrige wird sich schon finden.“
Und fort fuhren sie mit ihm.
„Mrs. Voß!“ sprach Dodd und lüftete vor Polly höflich den Hut. „Haben Sie die Güte, mir zu folgen!“
„So halten Sie den Vertrag!“ zischte sie ihn an.
„Sie haben ihn gebrochen, nicht ich!“ erwiderte er. „Sie haben gegen mich gearbeitet, anstatt mir behilflich zu sein. Ich bedaure, daß ich den Vertrag nicht wieder erneuern kann, denn ich habe endlich mein Ziel erreicht.“
„Sie haben ihn noch nicht!“ rief sie und sah ihm fest in die triumphierenden Augen. „Dieser Mann ist gar nicht Peter Voß. Ich werde dafür sorgen, daß er wieder in Freiheit gesetzt wird. Denn Sie haben ihn zu Unrecht verhaften lassen!“
Er biß sich auf die Lippen und winkte das leere Automobil heran, half ihr beim Einsteigen und fuhr mit ihr aufs Polizeipräsidium.
Da hatte man bereits Peter Voß alias Iwan Basarow in schärfstes Kreuzverhör genommen. Polly bestritt entschieden seine Identität mit ihrem Manne, und der untersuchende Polizeileutnant stierte ratlos auf den echten Paß.
„Das ist Peter Voß!“ rief Dodd energisch. „Ich werde Beweise bringen. Der Paß ist gefälscht.“
„Das ist nicht mein Mann!“ rief Polly. „Ich kenne ihn nicht.“
„Ich bin der Student Iwan Basarow!“ behauptete Peter Voß mit eiserner Stirn und pochte auf seinen Paß. „Ich bin niemals in Amerika gewesen, deshalb kann ich dort auch keine Millionen gestohlen haben. Und die schöne Dame kenne ich auch nicht und bedauere lebhaft, daß sie nicht meine Frau ist.“
Der Polizeileutnant schien derselben Meinung zu sein, strich sich herausfordernd den Schnurrbart und sah Polly an wie der Fuchs die reifen Trauben. Und da sie eine Amerikanerin war, ließ sie sich das gern gefallen.
Daraufhin wurde das Protokoll geschlossen und Peter Voß festgehalten. Als er ins Untersuchungsgefängnis abgeführt wurde, blickte ihm Polly so teilnahmslos nach, als sei er wirklich niemand anders als der Student Iwan Basarow, den sie zum ersten Male in ihrem Leben sah.
Sie ließ sich von Dodd ins Hotel bringen, wo er sich von ihr beurlaubte. Mit Peter Voßens Photographie und seinem Fingerabdruck bewaffnet, fand er sich wieder bei der Polizei ein. Aber er merkte bald, daß er in Rußland war. Für den Polizeileutnant, der die Untersuchung führte und der das Pulver nicht erfunden hatte, war ein Fingerabdruck noch lange kein Beweis, und eine Photographie, die nicht einmal stimmte, erst recht nicht.
Dodd sah ein, daß er nur etwas ausrichten konnte, wenn es ihm gelang, Polly umzustimmen.
Allein sie war sehr hartnäckig und lehnte alles ab.
Peter Voß aber saß wieder einmal in einer sicheren Zelle. Seine Brieftasche hatte man ihm gelassen. Und er nahm einen Fünfrubelschein heraus und drückte ihn dem Wärter wortlos in die Hand. Dieser Mann ließ sich gern bestechen und besah sich draußen den Schein im Lichte seiner Laterne.
Der Kerl ist eine goldne Kuh! dachte er vergnüglich schmunzelnd. Und ich werde ihn melken!
Peter Voß opferte noch einen Schein. Als aber der Wärter noch immer keine Anstalten machte, ihn herauszulassen, knöpfte er seine Tasche zu.
Unterdessen war der Paß Iwan Basarows auf das eingehendste visitiert worden und hatte sich als echt erwiesen. Allein eine Eintragung in der Verdächtigenliste der politischen Polizei erwies sich als mindestens ebenso echt. Danach war der Student Iwan Basarow vor knapp zwei Jahren wegen politischer Geheimbündelei und Verschwörung zu zehn Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt worden. Und die kurze Notiz, die darunter stand, war wohl das Echteste vom Echtesten. Sie besagte nichts anderes, als daß dieser notorische Verbrecher im dritten Monat seiner Strafzeit mit mehreren anderen aus dem Bergwerk Petrokowskji bei Dui auf Sachalin über die japanische Grenze entwichen war.
Dieser sehr wenig erfreuliche Bescheid ging nun mit Beschleunigung an den untersuchenden Polizeileutnant zurück und wurde Peter Voß vorgelesen.
„Bist du dieser schlechte Hund?“ brüllte ihn der Beamte an.
„Es ist möglich!“ bekannte Peter Voß nachdenklich. „Ich kann mich auf jene Vorgänge nicht mehr so genau besinnen, da ich voriges Jahr ein schweres Nervenfieber gehabt habe, wodurch mein Gedächtnis sehr gelitten hat.“
Er wurde wieder in die Zelle gesperrt, und die Akten kamen an den Gerichtshof der politischen Polizei. Da Peter Voß steif und fest behauptete, Iwan Basarow zu sein, und nicht bestritt, aus Petrokowskji ausgebrochen zu sein, lag die Sache sonnenklar.
Und stracks wurde er verurteilt, seine unterbrochene Zwangsarbeit in dem Bergwerk Petrokowskji bei Dui auf Sachalin wieder aufzunehmen. Für sein Entweichen bekam er weitere zehn Jahre zudiktiert.
Wenn es sein muß! dachte er und sträubte sich nicht, als man ihn in ein anderes Gefängnis überführte. Wo dieser Iwan Basarow ausreißen konnte, da finde ich wohl auch ein Loch. Von Sachalin nach Japan ist nur ein Sprung.
Seine Brieftasche wurde mit Beschlag belegt, sein Vermögen der Staatskasse für verfallen erklärt. Bobby Dodd zu benachrichtigen, fand man gar nicht für nötig. Er erhielt erst Kunde davon, als er auf der Polizei erschien, um sie sich selbst zu holen.
„Nach Sibirien!“ stieß er heraus, und zum ersten Male verließ ihn seine Fassung. „Der Kerl ist toll! Es ist Peter Voß. Ich werde einen neuen Beweis bringen.“
Und sofort eilte er zu Polly zurück, die noch beim Frühstück saß.
„Sie deportieren ihn nach Sibirien!“ rief er atemlos. „Der Mann, für den er sich ausgibt, ist ein entflohener Sträfling.“
Polly legte das Messer hin und starrte ihn wortlos an. Sie glaubte ihm einfach nicht. Diese Nachricht war nur erfunden, um sie aus der Fassung zu bringen.
„Was werden Sie tun?“ fragte sie ruhig, nahm das Messer wieder auf und strich sich den Honig aufs Brötchen.
„Ich werde ihm nachreisen!“ erwiderte er, noch immer außer sich. „Und Sie müssen mitkommen, Mrs. Voß. Sie müssen seine Identität nachweisen. Sie müssen ihn befreien.“
Jetzt merkte sie endlich, daß er die Nachricht nicht erfunden hatte, und vor Schreck blieb ihr der Bissen im Halse stecken. Ein Zittern überfiel sie. Sie bekam einen Erstickungsanfall. Schnell flößte er ihr einen Schluck Wasser ein. Es gelang ihr, den Bissen zu bezwingen, damit aber war auch der ganze Anfall vorüber.
„Ist es sehr schlimm, nach Sibirien transportiert zu werden?“ fragte sie mit schwacher Stimme.
„O!“ rief er entsetzt. „Es gibt nichts Schlimmeres. Es ist die Hölle!“
Aber sie hatte sich schon gefaßt, griff wieder nach dem Brötchen und versuchte schon, zu lächeln.
„Sie übertreiben,“ wehrte sie ab. „Ich glaube vielmehr, Mr. Voß hat das kleinere Uebel gewählt. Ich kenne ihn. Er ist nicht verrückt. Er ist nur sehr mutig. Ich werde ihm nachreisen. Und Sie, Mr. Dodd?“
„Ich werde mich Ihnen anschließen!“ sagte er und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Wenn Sie es erlauben.“
„Nur unter der Bedingung, daß wir unsern alten Vertrag erneuern!“ machte sie sich aus.
Wohl oder übel mußte er darauf eingehen.
So vertrugen sie sich wie zwei Gegner, die sich, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, gegen einen dritten gemeinsamen Feind verbinden mußten.
Und dieser gemeinsame Feind war Sibirien.
Eine Woche später brachen sie nach Osten auf und reisten sehr langsam. Ueberall zogen sie Erkundigungen ein, ohne Erfolg. Von Iwan Basarow war nichts zu hören, noch viel weniger von Peter Voß.