17.

Der Direktor des Strafbergwerkes Petrokowskji merkte allmählich, daß aus Dodd keine Kopeke mehr herauszupressen war, und wandte sich daher an Peter Voß alias Iwan Basarow.

„Merk auf, mein Söhnchen!“ sprach er und rieb sich nachdenklich die Wodkanase. „Dein Freund will nichts für deine Freiheit zahlen. Wieviel ist sie dir wert?“

„Nichts!“ erwiderte Peter Voß mit Gleichmut. „Die Freiheit ist eine Schimäre. Ich habe hier eine sehr gesunde Beschäftigung. Die ist mir mehr wert als die Freiheit, faulenzen zu müssen.“

„Nun gut!“ schmunzelte der Direktor und nahm einen herzhaften Schluck aus der Flasche. „Ich werde dich an die Mauer schließen und dich faulenzen lassen. Zur Abwechslung kannst du jeden Tag zwanzig Knutenhiebe bekommen.“

„Das wäre mir, offen gestanden, weniger angenehm!“ bekannte Peter Voß ehrlich. „Wieviel kostet meine Freiheit?“

„50 000 Rubel! Nicht eine Kopeke weniger.“

„Viel Geld!“ seufzte Peter Voß.

„Ihr Nihilisten habt viel Geld, mehr als die Regierung. Also her damit. Zahle 50 000 Rubel, und ich lasse dich laufen.“

„Aber woher nehmen und nicht stehlen?“

„Das ist deine Sache! Denk nach, mein Söhnchen. Schreib an das Komitee.“

„Schreiben?“ dachte Peter Voß und kraute sich hinterm Ohr. „Das hilft nichts. Die Leute verlangen Sicherheiten.“

„Und ich auch!“ trumpfte der Direktor auf. „Erst das Geld, dann die Freiheit.“

Peter Voß zergrub sein Hirn nach neuen Möglichkeiten.

„Ich hab’s!“ rief er plötzlich und tippte sich an die Stirn, daß die Ketten rasselten. „Ihr behaltet meinen Freund als Bürgen zurück, und ich gehe und hole das Geld.“

„Hm!“ knurrte der Direktor, erwog den Plan und fand ihn annehmbar. „Das ist eine gute Idee. Wird dein Freund damit einverstanden sein?“

„Kaum!“ wagte Peter Voß zu zweifeln. „Aber er wird gar nicht gefragt. Unser Solidaritätsgefühl verlangt es. Wenn er nicht imstande ist, die 50 000 Rubel loszueisen, mir ist es eine Kleinigkeit. Ich bin der Sekretär des Pariser Komitees, während er nur einen kleinen Posten in New York vertritt. Ich wundere mich überhaupt, daß man einen so unbedeutenden Menschen für diese Mission ausgewählt hat. Er kann ja nicht einmal ordentlich Russisch. Er ist ein Idiot. Lassen Sie ihn Mist karren, bis ich wiederkomme.“

„Ich will es mir überlegen!“ versetzte der Direktor nach einer Pause angestrengtesten Nachdenkens.

Peter Voß kehrte zu seiner Beschäftigung zurück und schaufelte den längst zu Staub zermahlenen Misthaufen in die andere Ecke hinüber.

Bobby Dodd aber saß in Dui und feilte auf Teufel komm heraus, er feilte Schlüssel. Die Wachsabdrücke hatte er sich von den Universalschlüsseln, die in dem Bureau des Direktors hingen, genommen. Darin übertraf Dodd den fingerfertigsten Einbrecher.

Und er brachte die Schlüssel zustande, einen großen, der das äußere Tor, einen mittleren, der die Zellen, und einen kleinen, der die Fesseln öffnete. Alle drei verband er durch einen Schlüsselring. Auf dem Ringe gravierte er den Namen Polly ein.

Gegen Abend begab er sich nach Petrokowskji hinauf. Der Wärter, der das Tor öffnete, empfing ihn mit einem vergnügten Schmunzeln, das Dodd mit einem Trinkgeld belohnte.

Peter Voß hatte sein Tagewerk beendet und löffelte in der Zelle seine Suppe. Dodd ging dicht an dem Misthaufen vorbei und ließ unversehens die drei Schlüssel fallen, die sich kraft ihrer Schwere tief in den Staub einbohrten.

Im Bureau des Direktors wurde er von drei handfesten Wärtern gepackt, trotz seines Protestes gefesselt und in eine leere Zelle gesteckt.

„Ich bin amerikanischer Bürger!“ schrie er.

„Du bist ein russischer Nihilist, mein Söhnchen!“ klärte ihn der Direktor freundlich auf. „Mach kein Geschrei, sonst kriegst du die Knute. Und morgen wirst du für deinen Freund Mist karren, bis er die anderen 50 000 Rubel bringt.“

Bobby Dodd stand da wie eine Bildsäule.

Peter Voß wurde seiner Ketten entledigt. Vergnügt rieb er sich die Handgelenke. Er bekam Dodds Kleider, und sie paßten ihm auch. Nur die Hosen waren ihm etwas zu kurz. In der hinteren Tasche fand sich etwas Kleingeld, das dem Direktor entgangen war.

„Beeil dich, Iwan Basarow!“ rief der Direktor und bot ihm sogar einen Wodka an. „Mach, daß du wiederkommst.“

„Wiederkommen?“ meinte Peter Voß und machte ein sehr kritisches Gesicht. „Ich werde Euch die 50 000 Rubel lieber schicken. Es ist sicherer. Denn am Ende sperrt Ihr mich wieder ein und laßt meinen Freund laufen, damit er mich auslöst. Das gäbe eine Schraube ohne Ende.“

„Du bist ein ganz durchtriebener Bursche!“ erwiderte der Direktor und opferte noch einen Wodka.

Abends um zehn Uhr verließ Peter Voß das Gefängnistor, dem Wärter, der ihm öffnete, gab er zehn Rubel aus Dodds Tasche.

Dann blieb er mitten auf der Straße stehen und überlegte. Polly war in Dui. Seine Sehnsucht nach ihr war geradezu überwältigend. Aber er bezwang sich und schlug sich südwärts auf die japanische Grenze zu.

Am nächsten Morgen wurde Dodd in Ketten zum Misthaufen geführt, um Peter Voßens Arbeit da aufzunehmen, wo er sie liegen gelassen hatte.

Schon beim dritten Spatenstich traf er auf die drei Universalschlüssel. Aber er nahm sie nicht auf, denn der Wärter stand zu nahe. Dodd arbeitete mit einer wahren Wut.

Gegen Mittag, als er den Haufen zum siebenundzwanzigsten Male disloziert hatte, zeigten sich schon deutliche Spuren einer Geistesverwirrung.

Am Abend, als er den Haufen zum fünfzigsten Male um und um gewendet hatte, wurde er tobsüchtig.

Unter furchtbarem Gebrüll fuhr er mit seinem Kopf in den Misthaufen hinein, wühlte mit beiden Fäusten darin herum und brachte dabei die drei Schlüssel in seine Tasche, ohne daß es der Wärter, der ihn zu betreuen hatte, oder der Direktor, der auf das Gebrüll hin zum Fenster geschossen war, bemerkt hätten.

Bobby Dodd hatte einen so täuschenden Tobsuchtsanfall, schlug mit Armen und Beinen so ziellos um sich, rollte die Augen, fletschte die Zähne und brüllte, brüllte, brüllte, wobei er jede Gewalt über seine Stimme verloren zu haben schien, daß sich der Wärter in respektvoller Entfernung hielt.

„In die Zelle zurück!“ schrie der Direktor hinunter. „Siehst du denn nicht, daß der Mann tobsüchtig geworden ist?“

Zum Beweise nahm Bobby Dodd beide Hände voll Mist und wollte sie in seinen Mund stopfen, als sei er der Meinung, auf einem Haufen Beluga-Kaviar zu sitzen. Das Hinzuspringen des Wärters bewahrte ihn davor, diesen wenig geschmackvollen Beweis zu Ende zu führen. Ein zweiter Wärter lief herbei. Dodd wurde bei den Handgelenken und beim Kragen gepackt, und so schleppten sie ihn, halb schwebend, halb schleifend, in seine Zelle, wo sie ihn mit drei Ketten fest an die Wand schlossen.

Schließt nur! dachte er. Ich kann auch schließen! Und das viel besser als ihr!

Und er brüllte, daß die Wände bebten, schlug um sich, daß ihm die Gelenke unter den eisernen Manschetten schmerzten, und brüllte wie ein Stier.

Darauf fiel er in Ohnmacht, verfolgte aber ganz genau, was um her ihn vorging. Der Arzt, selber ein Sträfling, kam, und stellte furor maniacus fest.

„Meine Methode!“ sagte der Direktor und rieb sich freudig die fetten Wurstfinger.

Es war eine stockfinstere Nacht. Die Gefängnisuhr schlug gerade drei, als Bobby Dodd unbemerkt den allzu gastlichen Ort verließ. Im Gegensatz zu Peter Voß schlug er sich auf Dui zu, wo er am Morgen einem ausreitenden Kosakenpikett in die Hände fiel. Er wurde dem Gouverneur von Dui übergeben, der ihn zunächst ins Gefängnis setzte.

Peter Voß aber hielt die südliche Richtung inne, indem er immer durch das Unwegsamste strebte. Da war er vor den Kosaken am sichersten.

Dodds Flucht wurde am Morgen entdeckt. Der Direktor benachrichtigte sofort den Gouverneur von Dui und die Grenzstationen davon. Dodd bestritt, Iwan Basarow zu sein, und Polly kam ihm zu Hilfe. Also blieb er vorerst im Gefängnis von Dui sitzen. Der Fall lag zu verzwickt, als daß die russische Justiz ihm sofort gewachsen gewesen wäre.

Inzwischen kletterte Peter Voß in den Felsen herum, die den Tiaraberg umgaben, und suchte nach etwas Eßbarem. Die wenigen Beeren, die er fand, waren nur geeignet, seinen Appetit noch heftiger zu reizen. Seit sechsundreißig Stunden hatte er keinen ordentlichen Bissen mehr gegessen. Am Tage durfte er sich nicht über den fünfzigsten Breitengrad wagen, der in Sachalin die Grenze bildete. Und bis zur Dunkelheit konnte er, seinem Riesenhunger nach zu urteilen, schon dreimal verhungert sein. Es blieb ihm nichts weiter übrig, er mußte aus den Felsenregionen hinabsteigen, um zu Menschen zu kommen. Und er suchte und suchte, stieg auf freistehende Felsen, um Umschau zu halten, kletterte auf Bäume. Doch nirgends sah er eine Spur von Rauch, die auf eine Ansiedelung hätte schließen lassen können.

Bei dieser Kletterei aber fand er ein Vogelnest mit sechs Eiern. Er hätte es nicht gefunden, wenn er das brütende Weibchen nicht unversehens aufgescheucht hätte. Nun saß es auf dem nächsten Ast und schimpfte mörderlich. Das Männchen kam herbei und half nach Noten. Diese Vögel waren braun und etwas größer als Drosseln.

„Entschuldigen Sie!“ sagte Peter Voß und lüftete die Mütze. „Ein reisender Handwerksbursche bittet um eine kleine Gabe. Hoffentlich haben Sie die Eier noch nicht zu stark angebrütet.“

Und er trank sie unter dem Protest der beiden Erzeuger der Reihe nach leer. Nur das letzte schmeckte ein wenig bitter.

In der Not frißt der Teufel Fliegen! dachte er, bedankte sich höflich für die Bewirtung, kletterte vom Baum herunter und suchte weiter nach Nestern, denn die Jahreszeit war dafür günstig.

Und da fand er einen Mann mit einem großen, wilden, schwarzen Bart, gelbbrauner Hautfarbe und mit rauhen Fellen bekleidet, die durch Bastbinden zusammengehalten wurden. Er hatte zwei große Hunde bei sich und trug ein frisch erlegtes Reh auf der Schulter. Als er Peter Voßens ansichtig wurde, erschrak er. Die beiden Hunde nicht minder.

„Ich habe Hunger!“ sagte Peter Voß auf russisch.

Doch der Mann verstand es nicht, er verstand überhaupt keine europäische Sprache. Da machte Peter Voß die Bewegung des Essens nach dem offenen Munde hin.

Nun begriff der Mann, der dem aussterbenden Volke der Aino angehörte, legte das Wildbret nieder, zog ein Messer und löste einen Ziemer los, den er dem Flüchtling reichte.

Peter Voß schüttelte den Kopf und suchte dem Manne begreiflich zu machen, daß er kein rohes Fleisch vertragen könne. Er hatte schnell erkannt, daß der Wilde ein sehr gutmütiger Mensch war, und gab ihm nun durch einen großen Aufwand von erläuternden Gebärden zu verstehen, daß er mit nach seiner Hütte gehen wolle.

Und der Mann nahm ihn mit. Nach einer halben Stunde erreichten sie ein Dorf, das aus einem Dutzend größerer und kleinerer Hütten bestand, die auf kurzen Pfählen saßen und mit Binsen behangen waren. Die hervorstechendste Eigenschaft dieser Niederlassung war der Schmutz, der sich in einer wahrhaft beängstigenden Weise überall bemerklich machte. In einem Raum, der kaum drei Meter im Geviert maß, hockte eine siebenköpfige Familie, die Peter Voß beim Abendbrot zusah. Eine riesige Schüssel Hirsebrei stand vor ihm, aus der er mit den Händen löffeln mußte.

Andere Völker, andere Sitten! dachte er und bemühte sich, möglichst wenig von der verpesteten Luft, die in dem Raume herrschte und die sich ihm sogar auf den Appetit legte, einzuatmen.

Nachbarn kamen hinzu, den Fremdling zu betrachten, und bald war die Unterhaltung im Gange. Peter Voß führte das Wort. Es gab einige unter den Leuten, die etwas Russisch verstanden. Sie wußten auch, daß er ein entsprungener Sträfling war. Da sie aber recht unverdorbene Naturkinder waren, deren Faulheit ebenso groß war wie ihre Gutmütigkeit, und da Peter Voß so vorzüglich zu betteln verstand, gaben sie ihm alles, was er haben wollte, einen Sack mit Mundvorrat, einen Spieß, ein Messer und ein bißchen Kautabak, der allerdings, weil er auf Sachalin gewachsen war, nichts Hervorragendes an sich hatte.

Ueberglücklich fiel Peter Voß der ältesten, häßlichsten und schmutzigsten Ainogroßmutter, die anwesend war, um den Hals und gab ihr einen echt russischen Kuß. Damit hatte er die Herzen aller erobert. Zwei junge Leute erboten sich sogar, ihn auf einem Schleichweg über die Grenze zu bringen. Gleichzeitig gedachten sie die günstige Gelegenheit zu benutzen, um auf dem Rückweg zu schmuggeln. Denn der Spiritus war in Japan bedeutend billiger als in Rußland.

Um Mitternacht brachen sie mit Peter Voß auf. Hunde nahmen sie nicht mit. Deren Gebell hätte sie nur verraten können. Diese Leute, die jeden Fußsteig im Finstern fanden und Peter Voß in die Mitte nahmen, wußten mit einer Treffsicherheit sondergleichen genau an dem Punkt den fünfzigsten Breitengrad und damit die Grenze zu überschreiten, wo die Kosakengefahr am geringsten war.

Am Morgen erreichten sie das erste japanische Ainodorf, wo Peter Voß wieder mit Hirsebrei bewirtet wurde.

„Das verträgt mein Magen auf die Dauer nicht!“ sagte er, bedankte sich bei den Führern und machte, daß er weiter nach Süden kam.

Das Gebirge, in dessen Schutze er die Grenze überquert hatte, fiel langsam zur Terpjenjabai ab. Sein Augenmerk war auf zwei Dinge gerichtet, erstens möglichst schnell ans Meer zu gelangen, und zweitens möglichst weit von der Telegraphenlinie abzubleiben, die auf der andern Seite der Bai weit nach Süden hinablief.

Als er endlich das Meer aufblinken sah, bemerkte er einen Bohrturm und ein paar Petroleumbassins daneben. Auf der Reede, nicht weit vom Strande, lag sogar ein Petroleumdampfer, der nach Nagasaki bestimmt war.

Jokohama wäre mir allerdings lieber gewesen! dachte Peter Voß und ging an Bord, um sich dem Kapitän als Matrose anzubieten.

Das war ein kleiner, geschmeidiger Japaner, der ein paar Brocken Englisch konnte, aber keine Lust hatte, einen russischen Flüchtling mitzunehmen.

Aber er mußte ihn doch mitnehmen. Peter Voß hatte bei seinem Besuch genug gesehen, um in der Nacht wieder an Bord gelangen zu können. Er schwamm eine kurze Strecke, erreichte eine Schute, die längsseits lag, und versteckte sich im Kettenkasten des Dampfers.

Als der Anker am Morgen heraufgeholt wurde, nahm sich Peter Voß in acht, daß er mit der schweren Kette nicht in Kollision kam. Vier Stunden später erschien er an Deck.

Der Kapitän überschüttete ihn mit einem Schwall wutgetränkter Worte und wollte ihn höchsteigenhändig über Bord werfen. Peter Voß streifte sich langsam beide Aermel hoch, da kamen ein paar tätowierte Seemannsarme zum Vorschein. Das schien den Kapitän einigermaßen zu beruhigen. Er verlangte von Peter Voß, er solle in den Heizraum steigen, um Kohlen zu trimmen.

„Warum nicht!“ lachte Peter Voß und gehorchte. „Arbeit schändet nicht. Besonders, wenn es eine vernünftige Arbeit ist. Lieber japanische Kohlen trimmen als russischen Mist karren!“

Und er trimmte, daß den beiden japanischen Heizern angst und bange wurde, so flogen ihnen die schweren Kohlenkörbe an den Nasen vorbei. Aber dafür aß Peter Voß noch einmal so viel als sie beide zusammen.

Dodd aber saß in Dui und kämpfte mit der ihm eigenen Zähigkeit um seine Freiheit. Er telegraphierte nach St. Petersburg, nach Moskau, nach New York, nach St. Louis. Nichts wollte helfen. Schließlich wollte er es mit der Kraft des blanken Rubels versuchen. Da aber stieß er auf Pollys Widerstand, die das Geld in Verwahrung hatte.

„Halten Sie so unsern Vertrag?“ rief Dodd zähneknirschend.

„Davon steht nichts drin!“ erwiderte sie ruhig und ließ ihn sitzen.

Er telegraphierte an Stockes & Yarker um fünftausend Dollar. Aber Jim Stockes war diesmal schwerhörig.

Da kam ihm Hilfe von Peter Voß, der inzwischen in Nagasaki angekommen war und nun in aller Sicherheit an Polly telegraphierte:

„Tokio, Tokio-Hotel.“

Das Telegramm wurde Polly erst ausgehändigt, nachdem es vom Gouverneur begutachtet und Bobby Dodd vorgelegt worden war.

Außerdem trafen jetzt die fünftausend Dollar von Stockes & Yarker ein. Und so konnte Bobby Dodd die Verfolgung weiter aufnehmen. Noch von Dui aus machte er die japanische Polizei mobil, indem er ihr den Steckbrief des Millionendiebs Peter Voß telegraphisch übermittelte.

„Geben Sie das Rennen noch nicht auf?“ fragte Polly lächelnd.

„Nein!“ stieß er heraus und ballte die Fäuste. „Ich habe sogar die Hoffnung, daß er sich noch den Hals brechen wird. Damit wäre uns allen geholfen. Sie brauchten sich dann nicht erst von ihm scheiden zu lassen.“

„Ich bewundere Ihre Geduld!“ lachte sie.

Dann brachen sie nach Japan auf. Sie mußten über Wladiwostok fahren. Von hier telegraphierte Dodd nach Strienau, aber nicht an den Landgerichtsrat, sondern an seine Haushälterin. Das Telegramm enthielt nicht viel mehr als seine zukünftige Adresse: Tokio, Japan, Tokio-Hotel.

Die unverehelichte Martha Zippel begriff sofort diese freundliche Erinnerung und hielt den Telegrammverkehr des Landgerichtsrats auch weiterhin unter schärfster Kontrolle.

Peter Voß, der Trimmer, aber war in Nagasaki und sah sich nach einer Gelegenheit um, billig nach Jokohama zu kommen.

Diesmal reiste er sogar ohne Zahnbürste!

Dodds Anzug war durch den Aufenthalt im Kohlenbunker bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelt.

Es lagen viele Schiffe im Hafen, Schiffe der verschiedensten Nationen, auch etliche deutsche, von denen aber leider keins nach Jokohama ging. Aber ein Engländer, die „City of Bristol“, war da, der dorthin wollte.

Das wär schon was! dachte Peter Voß und machte sich bereit, an Bord zu gehen.

Aber da kam eben ein Dampfer des Norddeutschen Lloyd das Fahrwasser herauf und legte sich neben die „City of Bristol“.

Der ist besser! dachte Peter Voß. Schade, daß ich da nicht auch einen Michel Mohr an Bord habe!

Mit einer Kohlenschute wagte er sich hinüber und kletterte an Deck, wo er von dem wachthabenden Offizier, der ihn für einen Mann der Schiffsbesatzung hielt, fürchterlich angeschnauzt und höchst überflüssigerweise gefragt wurde, wie er sich unterstehen könne, mit seinen schmierigen Pfoten auf dem weißgescheuerten Deck herumzutrampeln.

Oben bin, oben bleib ich! dachte Peter Voß, verdrehte auf der Stelle die Augen und fiel so natürlich auf die sauberen Planken, daß der Offizier sofort dem Bootsmann flötete, um den ohnmächtigen Feuermann augenblicklich ins Lazarett bringen zu lassen. Auch als er im Bett lag, rührte Peter Voß keinen Finger. Der Schiffsarzt bemühte sich vergeblich, ihn ins Bewußtsein zurückzurufen. Er stach ihm sogar mit einer Nadel in die Herzgrube und unter die Fingernägel. Es tat einfach scheußlich weh. Aber Peter Voß hielt dieser medizinischen Tortur stand wie ein Held.

Aber mit der Wimper hatte er doch gezuckt. Deshalb glaubte der Arzt, auf die Siegellackprobe verzichten zu dürfen. Er stellte Ohnmacht fest, verordnete Ruhe, gab dem Lazarettgehilfen die nötigen Weisungen und ging auf die Brücke, um den Vorfall dem Kapitän zu melden. Aber der hatte den Kopf voll, denn der Dampfer sollte in wenigen Stunden wieder in See gehen, daß er sich durch einen ohnmächtigen Heizer nicht von der Weinflasche weglocken ließ, hinter der er mit dem Agenten saß.

„Lassen Sie den Mann ruhig liegen!“ befahl er kurz. „Er wird schon wieder zu sich kommen.“

Also schlief Peter Voß zum ersten Male wieder seit langer Zeit in einem ordentlichen sauberen deutschen Bett. Um Mitternacht erwachte er, stellte fest, daß sich der Dampfer bereits auf hoher See befand, legte sich beruhigt von Steuerbord nach Backbord und schlief weiter.

Am nächsten Morgen bei der Ronde erschien der Kapitän an seinem Bett. Peter Voß gähnte und rieb sich die Augen. Er schaute den Kapitän verwundert an.

„Wo bin ich denn?“ fragte er ganz verblüfft. „Ich glaube, ich bin gestern in meiner Besoffenheit auf ein falsches Schiff geraten.“

„Der Kerl gehört ja gar nicht zu unserer Besatzung!“ rief der erste Maschinist empört.

Peter Voß kam hoch und machte ein ganz unbeschreiblich dummes Gesicht, als wäre er soeben erst vom Himmel heruntergefallen.

„Auf welchem Dampfer bist du gewesen?“ schrie ihn der Kapitän an und schüttelte ihn kräftig.

„Auf der ‚City of Bristol‘!“ log Peter Voß bestürzt. „Meine Effekten, meine Heuer! Ich muß nach Jokohama, sonst verlier ich sie. Lieber, bester Herr Kapitän, nehmen Sie mich mit, setzen Sie mich nicht unterwegs ab. Ich bin gänzlich mittellos. Ich will gern arbeiten. Ich verlange nichts umsonst. Helfen Sie einem Landsmann.“

Und schon liefen ihm ein paar dicke Krokodilstränen über die schmutzigen Wangen.

„Also besoffen warst du, du Schwein!“ schnauzte der Kapitän, schon weniger wütend. „Marsch, in den Heizraum mit dir!“

Der erste Maschinist übergab ihn dem zweiten Maschinisten, der Peter Voß vor das mittelste Kesselfeuer stellte, wo es am heißesten war.

He! dachte er, nahm den Twistlappen in die Hand und fuhr mit dem Schürhaken in die höllische Glut. Mich kannst du nicht meinen! Ich fürcht mich noch lange nicht!

Sie liefen noch etliche Zwischenhäfen an. Als er nach dem Namen gefragt wurde, gab er an, Franz Lehmann zu heißen. Es gefiel ihm sehr gut zwischen seinen neuen Kollegen. Das Trimmen besorgten chinesische Kulis. Er fühlte sich als doppelter Millionendieb zwischen den Feuertüren dieses Ozeandampfers vollständig sicher.

Der zweite Maschinist bezeigte ihm des öftern seine vollste Zufriedenheit und schenkte ihm sogar einen alten, abgelegten Anzug.

„Es ist hier viel schöner als auf der ‚City of Bristol‘!“ sagte er eines Tages zu ihm. „Ich hätte schon Lust, hier an Bord zu bleiben.“

„Wir wollen mal sehen, was sich machen läßt!“ meinte der Maschinist gutmütig und ging, die Manometer und die Wasserstandsgläser zu kontrollieren.