19.

Dodd hatte inzwischen mit Hilfe der Polizei festgestellt, daß der Verbrecher nicht mit dem japanischen Dampfer gelandet war. Dieser Dampfer hatte überhaupt keine Passagiere in Honolulu abgegeben. Der Verdacht, auf eine falsche Spur gelockt worden zu sein, kam ihm nicht. Außerdem wäre dieser Verdacht durchaus ungerechtfertigt gewesen, denn er befand sich ja auf der rechten Spur. Der Verbrecher hatte also auf einer andern Route den Weg nach Valparaiso eingeschlagen. Auf dem „King Edward“ konnte er nicht sein, da er dann das Telegramm in Jokohama sehr viel früher hätte aufgeben müssen. Denn dieser Dampfer war gegen die „Klondyke“ ein langsames Schiff. Auch mußte man dann noch die Ueberfahrt von Jokohama nach den Philippinen in Berechnung bringen.

Doch hier stutzte er plötzlich. Er hatte keinen Beweis dafür, daß die Haushälterin das Telegramm umgehend zurückexpediert hatte. Es war also doch möglich, daß der Verbrecher an Bord des „King Edward“ war. War das der Fall, dann brauchte Dodd nichts zu überstürzen. Die Ueberfahrt nach Valparaiso dauerte mindestens drei Wochen.

Er fuhr mit der Polizeibarkasse zuerst zur „Klondyke“ zurück, wo die Trimmer und Heizer noch immer an den Kohlenpforten tätig waren, hörte hier, daß Mrs. Voß schon an Bord des „King Edward“ gegangen war, und trat zehn Minuten später über das Fallreep dieses Dampfers.

Polly erkannte ihn schon von weitem an seiner Stimme und schickte den Matrosen zum Kapitän mit der Nachricht, daß Mr. Dodd angekommen sei. Als Polly ihn begrüßte, rasselte die Ankerkette in die Höhe.

Sie hielt seine Hand fest und sprach mit zitternder Stimme. „Mr. Dodd, kommen Sie mit in meine Kabine, ich muß allein mit Ihnen sprechen. Ich bin mit meiner Kraft zu Ende. Helfen Sie mir, den Mann zu vergessen, dem meine Liebe zu wenig galt.“

Dodd reichte ihr den Arm und führte sie sorgsam die Stufen hinunter.

„O Mrs. Voß!“ sprach er leise. „Sie machen mich überglücklich. Ich werde den Schurken laufen lassen, so weit der Himmel blau ist. Sobald wir in Valparaiso angekommen sind, werde ich Stockes & Yarker den Auftrag zurückgeben.“

Dann klappte die Tür hinter ihnen zu, während sich die Tür der Nebenkabine leise auftat.

Peter Voß erschien auf der Bildfläche als Bobby Dodd, eine kleine Reisetasche in der Hand. Er ging zu Kapitän Flintwell auf die Brücke und stellte sich vor.

„Bobby Dodd!“ sagte er mit einer leichten Verbeugung und setzte die Tasche hin.

„Flintwell!“ knurrte der Kapitän. „Haben Sie ihn endlich erwischt?“

„Noch nicht!“ versetzte Peter Voß kaltblütig. „Aber ich werde ihn bald haben. Er ist hier an Bord.“

„Damn!“ entfuhr es dem Kapitän. „Unter einem falschen Namen?“

„Ich glaube kaum,“ sagte Peter Voß, „sonst würde er doch nicht mit seiner Frau zusammen in einer Kabine sitzen. Lassen Sie die festeste Zelle im Hospital klar machen. Ich werde erst ein paar Flaschen Sekt mit Ihnen trinken und dann zu seiner Verhaftung schreiten. Es ist jetzt elf Uhr. Um ein Uhr, denke ich, wird es Zeit sein. Ich möchte kein Aufsehen machen.“

„He!“ meinte der Kapitän kritisch und kraute sich hinterm Ohr. „Wäre es nicht einfacher, wir kehrten noch einmal um?“

„Nein, nein!“ wehrte Peter Voß energisch ab. „Fahren Sie nur ruhig weiter. Ich muß doch mit ihm nach Valparaiso. Dort nämlich hat er irgendwo die Millionen versteckt.“

„Aha!“ rief der Kapitän erleichtert und klingelte dem Steward.

Als sie bei der zweiten Flasche waren, hatte der Kapitän den Detektiv bereits ins Herz geschlossen.

„Aber wie ist denn dieser verfluchte Millionendieb hier an Bord gekommen?“ fragte er erbost.

„Ich verfolge den Mann jetzt schon über ein ganzes Jahr!“ sprach Peter Voß ernst. „Er ist der raffinierteste Verbrecher, der mir jemals unter die Finger gekommen ist. Schon dreimal habe ich ihn gehabt, und immer wieder ist er mir ausgekniffen, einmal sogar im Koffer.“

„So ein Satanskerl!“ fuhr der Kapitän auf. „Da ist er wohl gar im Koffer an Bord gekommen?“

„Jedenfalls!“ bestätigte Peter Voß kopfnickend. „Ich vermute es so gut wie sicher.“

„Aber zum Kreuzdonnerwetter!“ schrie der Kapitän und schlug auf den Tisch. „Da muß doch der Kerl rein verrückt sein, daß er sich hier auf das Schiff wagt, wo Sie doch an Bord sind.“

„Ich sagte Ihnen schon,“ klärte ihn Peter Voß auf, „daß wir es hier mit einem äußerst raffinierten Menschen zu tun haben. Seine Frau ist seine Komplicin und hält sich immer in seiner Nähe auf. Ich habe seine Spur manchmal nur wiederfinden können, indem ich seine Frau verfolgte. Sie ist übrigens keine unebene Person und hübsch obendrein. Aber sie steht ganz unter seinem verderblichen Einfluß. Es soll mich gar nicht wundern, wenn sie bei seiner Verhaftung schlankweg seine Identität leugnet. Das hat sie übrigens schon einmal versucht. Es ist ihr allerdings nicht geglückt. In Jokohama kam ich den beiden auf die Spur. Sie wollten nach Valparaiso, um das Geld zu heben. Ich fing ein chiffriertes Telegramm auf, aber ich versah mich im Dampfer. Ich nahm den Japaner, der gestern hier angekommen ist, während das Verbrecherpaar die „Klondyke“ benutzte. Das Raffinierteste dieses Burschen ist nämlich, daß er sich für mich ausgibt. Er ist unter meinem Namen auf die „Klondyke“ gegangen.“

Kapitän Flintwell sperrte den Mund auf.

„Jawohl!“ bestätigte Peter Voß todernst. „Es sind durchaus moderne Verbrecher. Sie schrecken vor nichts zurück. Sie haben mir sogar etliche wichtige Papiere gestohlen, aber Gott sei Dank nicht alle.“

„Aber das geht ja auf keine Kuhhaut!“ brüllte der Kapitän los.

„Man muß dafür schon eine Elefantenhaut nehmen!“ nickte Peter Voß und öffnete die vierte Flasche.

„Und die Koffer, die hier an Bord gekommen sind?“

„Ich reise nur mit einer Handtasche!“ versetzte Peter Voß, holte sie heran und griff hinein. „Am besten ist wohl, ich legitimiere mich sofort. Denn wenn die Frau wirklich die Identität leugnet, dann bin ich so gut wie machtlos. Ich habe zwar Photographien und Fingerabdrücke, auch verschiedene Steckbriefe. Aber das sind alles unzuverlässige Beweismittel.“

„Lassen Sie nur stecken!“ wehrte der Kapitän ab.

Polly saß unterdessen auf dem Sofa ihrer Kabine und flirtete mit Bobby Dodd. Und wie sie flirtete! Die Zeit verging im Fluge. Er brannte schon seit anderthalb Stunden lichterloh.

„O Mrs. Voß!“ schwärmte er sie an. „Sie lassen mich hoffen, alles hoffen.“

„Machen Sie keinen Kniefall vor mir, Mr. Dodd!“ lächelte sie ihn verlockend an. „Mein Mann hat auch damit angefangen. Hoffen dürfen Sie, aber hoffen Sie nicht zu viel.“

„O, ich bin so bescheiden!“ sprach er und haschte nach ihrer Hand.

„Mr. Dodd!“ warnte sie ihn und legte die Hände in den Nacken, wobei sie ihm einen schmachtenden Blick zuwarf. „Ueber den Punkt, wo die Bescheidenheit anfängt unbescheiden zu werden, läßt sich streiten. Ich habe Ihnen nur eine Plauderstunde gewährt. Das ist alles.“

„Das ist alles!“ wiederholte er mit anderer Betonung.

„Oder nichts!“ lachte sie.

In diesem Augenblick sprang die Tür auf. Draußen standen Peter Voß, Kapitän Flintwell und zwei handfeste Matrosen.

„Peter Voß, Sie sind verhaftet!“ rief Peter Voß mit starker Stimme.

Polly schrie gellend auf und preßte die Hände gegen ihre Wangen. Dodd prallte zurück. Dann packten sie sich beide am Kragen, um sich gegenseitig zu verhaften. Dabei brüllten sie sich unausgesetzt an, daß man kein Wort verstehen konnte, und zogen sich hin und her.

„Gib Ruhe, du verdammter Millionendieb!“ schrie Kapitän Flintwell und packte Bobby Dodd vor der Brust.

Gleich darauf sah er sich in der Gewalt der Matrosen.

Es trat ein Augenblick völliger Ruhe ein.

„Hab ich dich endlich, du hundsgemeiner Lump!“ schnaubte Peter Voß. „Jetzt sollst du mir nicht wieder entwischen. Fort mit ihm!“

„Betrug!“ röchelte Bobby Dodd. „Infamer Betrug. Er ist Peter Voß, ich bin Bobby Dodd. Ich habe Papiere!“

„Gestohlen!“ schnauzte ihn der Kapitän an. „Ich bin über die ganze Geschichte vollständig orientiert. Geben Sie sich keine Mühe. Sie sind der Millionendieb Peter Voß, und das da ist Ihre Frau. Wie sind Sie überhaupt hier an Bord gekommen?“

„Ich bin auf die schmachvollste Art und Weise hintergangen worden!“ stöhnte Bobby Dodd. „Dies ist Mrs. Voß. Ich bin gar nicht verheiratet. Sie hat mich hier in die Kajüte gelockt. Sie ist mit im Komplott.“

„Mrs. Voß!“ wandte sich jetzt Peter Voß an seine Frau, die mit dem Anschein völliger Gebrochenheit an der Wand lehnte und das Taschentuch gegen die Augen preßte. „Wollen Sie endlich vor diesen Zeugen hier gestehen, daß dies Ihr Mann ist. Es ist das letztemal, daß ich diese Frage an Sie richte. Sollten Sie wieder vorziehen, diese Frage zu verneinen, so müßte ich Sie mitverhaften.“

Sie rührte sich vorerst nicht. Das Geständnis fiel ihr gar zu schwer.

„Mrs. Voß!“ fuhr er sie heftiger an. „Ihr Schweigen ist schon ein halbes Eingeständnis. Beeilen Sie sich, die andere Hälfte hinzuzufügen. Bezeugen Sie die Identität dieses Verhafteten mit dem Millionendieb Peter Voß?“

Bobby Dodd stand da, bleich, die Fäuste geballt, die Zähne aufeinandergepreßt, die Haare wirr in die Stirn hängend und stierte auf den Teppich. Hinter ihm standen die beiden Matrosen, die ihn an den Armen festhielten.

Polly näherte sich ihm.

„Peter!“ seufzte sie und strich ihm die Haare aus der bleichen Stirn. „Peter, sei gut. Gib die Millionen heraus, die du gestohlen hast.“

Bobby Dodd rührte sich nicht. Unendlich wohl tat ihm diese Hand und zugleich weh. Er machte keine Bewegung, dieser Berührung auszuweichen. Sogar Kapitän Flintwell konnte sich einer gewissen Rührung nicht entziehen.

„Na also!“ sagte er und räusperte sich. „Da geben Sie doch endlich die Millionen heraus, wenn Sie sie bei sich haben.“

„Sie müssen sofort umkehren!“ stöhnte Bobby Dodd. „Sofort umkehren, Herr Kapitän, und nach Honolulu zurückfahren. Dort ist es mir ein leichtes, die beiden Betrüger zu entlarven.“

„Fahren Sie ruhig weiter, Herr Kapitän!“ sagte Peter Voß. „Ich weiß genau, daß die Millionen in Valparaiso versteckt sind. Ich werde die Zeit der Ueberfahrt dazu benutzen, diesem Menschen das Geheimnis des Verstecks zu entlocken.“

Bobby Dodd fügte sich ins Unvermeidliche. Wenn er nicht den Verbrecher hatte, so hatte der Verbrecher ihn. Das war schließlich auch schon ein Erfolg.

Peter Voß aber wandte sich an seine Frau.

„Mrs. Voß!“ sprach er freundlicher. „Ich danke Ihnen für die Unterstützung. Das Gute hat gesiegt. Mein Streben wird sein, Sie für immer von dem verderblichen Einfluß dieses Menschen zu befreien. Ich hoffe sogar, daß Sie mir beistehen werden, die Verstocktheit dieses Verbrechers zu brechen. Fort mit ihm!“

Dodd wurde abgeführt und in die mittelste Hospitalzelle gesetzt. Das Fenster war mit einem dicken Gitter versehen. Auf Peter Voßens Befehl wurden dem Gefangenen, der nicht den geringsten Widerstand leistete, die Taschen geleert. Es kamen da zum Vorschein ein scharfgeladener Revolver, ein Schlagring, verschiedene Schlüssel, einige Legitimationspapiere und eine Handfessel.

„Gut ausgerüstet hast du dich,“ sprach Peter Voß und steckte alles ein, „um den Detektiv zu spielen, das muß dir der Neid lassen!“

Uhr, Zigarren und Portefeuille ließ er ihm. Die Tür wurde durch zwei Schlösser gesichert, deren Schlüssel Peter Voß in Verwahrung nahm. Eine Klappe in der Tür diente der Verpflegung.

Peter Voß legte seinen amerikanischen Bürgerbrief zu den konfiszierten Legitimationspapieren, begab sich zum Kapitän und ließ eine Flasche Sekt kommen.

„Da sehen Sie, Mr. Flintwell,“ rief er und breitete die Schätze vor ihm aus, „Peter Voß! Es stimmt!“

„Jawohl, es stimmt!“ sprach der Kapitän. „Sie sind ein unglaublich tüchtiger Kerl. Prosit, Mr. Dodd.“

Die Passagiere erfuhren nichts. Der Kapitän hatte den beiden Matrosen strengstes Stillschweigen auferlegt, und ein gutes Trinkgeld von Peter Voß tat ein übriges.

In der folgenden Nacht fand Polly schon den Weg in die Nebenzelle.

„O, Peter!“ flüsterte sie, an seinem Halse hängend. „Was soll daraus werden?“

Er verschloß ihr den Mund mit einem Kuß.

„Ich heiße Bobby Dodd, Mrs. Voß,“ sprach er ernst. „Sie werden sich von jenem Verbrecher scheiden lassen. Ich werde ihn in Valparaiso den chilenischen Behörden übergeben, und dann werde ich seine Auslieferung beantragen, ohne mich dabei zu übereilen. Es wird alles von den Kupferpapieren abhängen.“

„Wie bist du zu dem Boote gekommen?“ fragte sie neugierig.

„Es hing an einer Kohlenschute!“ flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich habe meine Mütze ins Wasser geworfen, um das Boot benutzen zu können.“

„Und die Kiste?“ forschte sie weiter.

„Sie lag auf einer andern Schute!“ antwortete er und steckte sich eine von Dodds Zigaretten an, die er Dodds silberner Zigarettendose entnahm. „Ich habe sie weggenommen, ohne um Erlaubnis zu fragen.“

„Peter!“ flüsterte sie ängstlich. „Du bist ja ein Dieb!“

„Und ein Einbrecher!“ fügte er hinzu, wies auf die Koffer und holte die dazu gehörigen Schlüssel, die er Dodd abgenommen hatte, aus seiner Tasche. „Es gehört zum Beruf eines Detektivs. Ich bin sogar in die Taschen des Verbrechers eingebrochen. Im übrigen mache ich Sie darauf aufmerksam, Mrs. Voß, daß Sie mich nun schon zum zweiten Male mit Ihrem Manne verwechselt haben. Beim dritten Male ziehe ich die Konsequenzen.“

Jeden Morgen ging Peter Voß aufs Achterdeck des „King Edward“, der mit dreizehn Knoten Fahrt durch den Stillen Ozean auf Valparaiso zustrebte, schaute durchs Türloch, um sich zu überzeugen, daß sein Häftling noch vorhanden war, und fragte ihn, wo er die zwei Millionen Dollar versteckt hätte.

Bobby Dodd würdigte ihn tagelang überhaupt keiner Antwort.

„He!“ rief Peter Voß dringender. „Du wirst schon mürbe werden, du verdammter Millionendefraudant. Ich setze dich auf halbe Rationen, bis dir der Magen knurrt, und du vor Hunger um Gnade winselst.“

Dann aber schickte er ihm die doppelte Portion und zwei Flaschen Sekt.

Kapitän Flintwell wunderte sich darüber.

„Trinken Sie doch lieber den Sekt allein!“ meinte er beinahe beleidigt.

„Nur, wenn Sie mir Gesellschaft leisten!“ erwiderte Peter Voß und winkte dem Steward. „Ich habe meine eigene Methode. Die Verbrecher werden dadurch zutraulich und geben schließlich ihr Geheimnis preis. Mit der Güte kommt man immer am weitesten. Vielleicht kann man dem Mann eine weitere Erleichterung verschaffen, indem man ihm jeden Tag zwei Stunden zum Spazierengehen freigibt. Es müßte natürlich dafür gesorgt werden, daß er mit den Passagieren nicht in Berührung kommt.“

Das war für den Kapitän eine Kleinigkeit. Zwei Matrosen wurden abkommandiert, die Dodd während seines Spazierganges auf dem Achterdeck zu bewachen hatten. Er fand sich schließlich in die fatale Lage mit einigem Humor. Ob er nun im Hospital auf dem Achterdeck oder in der Kajüte auf dem Promenadendeck die Ueberfahrt machte, konnte ihm gleichgültig sein. Daß Peter Voß mit an Bord war, blieb die Hauptsache. In Valparaiso war die Sache doch zu Ende. Es galt nur die Gefahr abzuwenden, daß der Verbrecher in Valparaiso verschwand, bevor sich Dodd vor den Behörden legitimieren konnte.

„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ wiederholte Peter Voß zum zehnten Male seine Frage.

„Sie sind ein Narr!“ knurrte Dodd ärgerlich und drehte ihm den Rücken zu.

Peter Voß erkannte daraus, daß eine weitere Unterhaltung vorläufig zwecklos sei, und ging zu Polly, die auf dem Promenadendeck in einem langen Stuhle saß.

„Mr. Dodd!“ empfing sie ihn mit einem bezaubernden Lächeln und reichte ihm die zarte Hand, die er an den Mund führte, wobei er ihr zärtlich in den kleinen Finger biß. „Was macht der Gefangene?“

„Er scheint Sehnsucht nach Ihnen zu haben!“ versetzte Peter Voß. „Wollen Sie ihn nicht trösten gehen?“

„Nein!“ erwiderte sie sehr abweisend. „Ich will ihn nicht wiedersehen, er hat meine Liebe für immer verscherzt. Ich sehe es nun ein, einen Millionendieb liebt man nicht.“

Die Passagiere, die Dodds Spaziergänge beobachteten und deren Neugier befriedigt werden mußte, begnügten sich mit der Erklärung, daß der Mann verrückt geworden sei. Sie bedauerten seine arme Frau und fanden es verständlich, daß sie sich von Peter Voß, aus dem sie geschwind einen Irrenarzt machten, etwas trösten ließ. Kapitän Flintwell, der sie am liebsten selbst getröstet hätte, fand Peter Voßens Verhalten etwas merkwürdig.

„Sie sind ziemlich vertraut mit Mrs. Voß!“ meinte er anzüglich.

„Was bleibt mir anderes übrig?“ lächelte Peter Voß. „Auch bei ihr versuche ich es in Güte. Sie ist, wie Sie ja wissen, seine Komplicin, sie weiß ganz sicher den Versteck des Geldes, aber sie ist noch zäher als er.“

„Hm!“ machte der Kapitän nachdenklich. „Aber warum hat sie ihn denn verraten?“

„Sie kennen eben die Weiber nicht, Herr Kapitän!“ belehrte ihn Peter Voß wohlwollend. „Das ist ein besonderes Kapitel in der Weltgeschichte. Sie hat ihn verraten, weil sie ihn los sein will. Sie will die zwei Millionen ohne ihn verzehren. Sie wird sich jedenfalls siebenunddreißig Liebhaber anschaffen, sobald ihr Mann im Zuchthaus sitzt. Und dann hat sie doch gleich einen ganz famosen Scheidungsgrund.“

Dem Kapitän traten ob solch tiefer Verworfenheit die Haare kreuzweis zu Berge. Sie begaben sich erst bei der vierten Flasche Sekt in ihre Gewohnheitslage zurück.

Dodd aber zerbrach sich den Kopf. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu versuchen, den Kapitän auf seine Seite zu ziehen. Er machte sich den Steward, der ihm das Essen brachte, geneigt, indem er ihm seine goldene Uhrkette schenkte. Dafür sollte er ihm eine Unterredung mit dem Kapitän ermöglichen. Der Steward richtete auch treulich seinen Auftrag aus, ohne aber von der Uhrkette etwas zu verraten.

Kapitän Flintwell fragte Peter Voß nach seiner Meinung.

„Immer gehen Sie zu ihm!“ erwiderte der zuvorkommend. „Vielleicht gesteht er Ihnen, wo er die Millionen versteckt hat. Vergessen Sie nicht, daß zweitausend Dollar zu verdienen sind.“

Der Kapitän begab sich zu Bobby Dodd, der erst gar nicht den Versuch machte, den Kapitän von seinem Irrtum zu überzeugen. Er fing es von der andern Seite an.

„Sie halten mich für Peter Voß!“ begann er ruhig. „Es wird sich in Valparaiso herausstellen, daß ich Bobby Dodd bin. Sie werden dort eine sehr lächerliche Figur machen, daß Sie sich von einem solchen Schurken haben hinters Licht führen lassen. Das kann Ihnen aber nicht gleichgültig sein. Deshalb schlage ich Ihnen vor, setzen Sie diesen Mann hier neben mich gefangen und übergeben Sie uns beide der Polizei. Wenn er wirklich Bobby Dodd ist, dann wird er kaum gegen diesen Vorschlag etwas einwenden dürfen.“

„Oho!“ rief der Kapitän entrüstet. „Meinen Sie vielleicht, es ist angenehm, in diesem Loch zu sitzen?“

„Es genügt, wenn er sich kurz vor unserer Ankunft hineinbegibt!“ schlug Dodd vor. „Sie besitzen auf dem Schiffe die Polizeigewalt. Man kann Ihnen keinen Vorwurf machen, wenn Sie Vorsicht üben. Mein Vorschlag ist durchaus loyal. Das werden Sie ohne weiteres zugeben.“

„Verrückt ist er!“ lachte der Kapitän los. „So dumm bin ich nicht. Ich soll den Detektiv einsperren, damit Sie hinterher auskneifen können. Nein, mein bester Herr, darauf falle ich nicht hinein. Ihre Frau hat Ihre Identität bezeugt. Punktum!“

„Es ist seine Frau!“ brauste Bobby Dodd auf.

„Ihre Frau ist seine Frau, und seine Frau ist Ihre Frau!“ lachte der Kapitän belustigt. „Sie haben also zusammen eine Frau. Das soll vorkommen. Sie können sich in Valparaiso darüber weiter unterhalten, wem sie von Rechts wegen gehört. Ihre Frau hat Sie im Stich gelassen. Well, sie will die Millionen allein durchbringen. Ich sollte die Weiber nicht kennen!“

Damit ließ er ihn sitzen.

Bobby Dodd wühlte sich in den Haaren. Kein Zweifel, Peter Voß hatte alle Stichkarten in der Hand. Auch an Land war ihm so leicht nicht beizukommen. Ehe Dodds Signalement von St. Louis nach Valparaiso telegraphiert werden konnte, mußte Bobby Dodd erst einmal dorthin telegraphieren können. Das aber konnte verdammt lange dauern. Bis dahin war der Verbrecher längst über die Anden.

Es galt zu handeln. Und Dodd handelte. Den Steward machte er sich ganz geneigt, indem er ihm zu der goldenen Kette die dazugehörige Uhr schenkte. Stockes mußte es bezahlen. Dafür schmuggelte ihm der Mann eine Feile in die Zelle.

Denn Dodd wollte ausbrechen, ausbrechen wie ein richtiger Millionendefraudant, der sich wider Willen in den Händen der menschlichen Gerechtigkeit sieht. Er wollte vor Valparaiso, noch ehe das Schiff zu Anker ging, aus der Zelle schlüpfen, sich irgendwo gut verstecken und erst an Land gehen, wenn Peter Voß nicht mehr an Bord war. An Land zu schwimmen wagte er nicht, denn mit seinen Schwimmkünsten war es nicht weit her.

Der amerikanische Konsul mußte ihm helfen.

Drei Nächte blieben ihm noch für die Arbeit, und er feilte noch ärger drauf los als in Dui. Peter Voß, der die Augen offen hielt, verfolgte gespannt den Fortgang der Arbeit und unterließ jede Störung. Im Gegenteil, er freute sich millionendiebisch darüber. Er hatte Dodds Gedankengang sofort erraten und wachte.

In der letzten Nacht war die Arbeit vollendet. Als der „King Edward“ in der Morgendämmerung auf die Reede von Valparaiso einschwenkte und eine halbe Seemeile von der Küste den Anker warf, bog Dodd das Fenstergitter nach außen und streckte den Kopf durch das Loch. Hinter dem Hospital waren noch ein halber Meter Decksplanken. Dann kam das Bordgeländer. Der Steward hatte ihm ein sicheres Plätzchen im Magazin reserviert.

Es mußte gewagt werden.

„Guten Morgen, Mr. Voß!“ begrüßte ihn Peter Voß mit dem Revolver in der Hand. „Sie haben mich verdammt lange warten lassen. Konzentrieren Sie sich bitte rückwärts, sonst knall ich los. Das könnte Ihnen so passen! Ueber Bord springen, an Land schwimmen, so wie damals vor Southampton! Und ich kann mir wieder einmal die Hacken ablaufen, bis ich Ihre werte Spur wiedergefunden habe.“

„Sie werden nicht schießen!“ schnaubte Dodd, ohne sich zurückzuziehen. „Sie werden nicht neben Ihrer Defraudation noch einen Mord auf Ihre Seele laden!“

„Sie haben recht, Mr. Voß!“ bekannte Peter Voß und steckte den Revolver weg. „Ich bin ein Gemütsmensch. Ich tauge aus diesem Grunde eigentlich nicht zum Detektiv. Ich werde nicht schießen. Und Sie werden nicht über Bord springen. Das Baden im Hafen von Valparaiso ist polizeilich verboten, schon wegen der zahlreichen Haifische.“

Und schon tauchten zwei Matrosen auf. Die chilenische Hafenpolizei kam an Bord. Dodd wurde gefesselt. Das zerfeilte Fenstergitter bewies hinlänglich seine Schuld. Er sträubte sich nicht und beschränkte sich darauf, gegen diese Behandlung zu protestieren. Zwei Wachtleute packten ihn links und rechts.

„Zweitausend Dollar Belohnung sind ausgesetzt!“ sprach Peter Voß zu dem Hafenkommissar. „Ich werde dafür sorgen, daß sie Ihnen ausgehändigt werden. Geben Sie mir Ihre Adresse. Nur lassen Sie den Mann nicht entwischen.“

Dann öffnete er ihm die Augen über die Eigenarten und die außerordentliche Gefährlichkeit des Verbrechers. Peter Voß begleitete den Transport bis zum Gefängnis. Bobby Dodd verlangte fortgesetzt, zum amerikanischen Konsul geführt zu werden.

„Meine Verhaftung ist ein Justizirrtum!“ rief er an der Tür des Gefängnisses. „Ich bin Bobby Dodd, der Detektiv!“

„Jede Verhaftung ist in den Augen des Verhafteten ein Justizirrtum!“ beruhigte ihn Peter Voß sarkastisch und klopfte ihm höhnisch auf die Schulter. „Bemühen Sie sich nicht weiter, Mr. Voß, und erholen Sie sich in diesem behördlichen Hotel von den Strapazen der Seereise. Die Sache bei dem nordamerikanischen Konsul vermag ich auch ohne Ihre Hilfe zu ordnen.“

Das war zu viel für einen Mann wie Bobby Dodd. Er riß sich los, stürzte sich auf Peter Voß und würgte ihn.

„Du Hund!“ brüllte er außer sich. „Ich will dich zeichnen, daß dich jeder auf den ersten Blick wiedererkennt.“

Dabei griff er nach Peter Voßens linker Ohrmuschel in der festen Absicht, sie ihm abzureißen. Aber es glückte ihm nur zum Teil. Immerhin gab es einen sehr bösen Riß, und das Blut lief in Strömen. Bobby Dodd wurde von den beiden Polizisten energisch zurückgerissen und mußte auf weitere Tätlichkeiten verzichten. Man schaffte ihn in die sicherste Zelle des Gefängnisses, schloß ihn seiner Gefährlichkeit halber an die Wand und ließ ihn allein.

Peter Voß gab dem Gefängniswärter ein Goldstück.

„Pflegen Sie ihn gut!“ bat er den Mann. „Er ist nicht ganz normal. Er wird wohl eher im Irrenhause als im Zuchthause endigen.“

„Sie bluten, mein Herr!“ rief der Wärter und deutete auf das lädierte Ohr.

„Ich weiß!“ versetzte Peter Voß und wischte das Blut mit dem Taschentuch fort. „Mein Beruf ist ein wenig gefahrvoll. Man muß sich damit abfinden und es nicht zu ernst nehmen.“

Er ging zum Arzt und ließ sich verbinden. Dann konferierte er mit dem amerikanischen Konsul. Der wies ihn wegen der Auslieferungsverhandlungen an die Botschaft in Santiago und versprach, den Gefangenen unter Beobachtung zu halten.

„Daß Sie ihn besuchen, ist nicht nötig!“ beruhigte ihn Peter Voß. „Ich sorge schon für ihn.“

Peter Voß aber fuhr nicht nach Santiago. Er hatte gar keine Sehnsucht, die persönliche Bekanntschaft des Botschafters zu machen. Er fragte bei der Kosmosagentur, ob die sechstausend Mark für Franz Müller eingelaufen seien, und ließ sie zurückgehen. Dann begab er sich an Bord des „King Edward“, schenkte Kapitän Flintwell zum Andenken und zum Dank für seine Hilfe bei der Dingfestmachung des Verbrechers Dodds silberne Zigarettendose und ging mit Dodds Koffern von Bord. Polly war schon allein an Land gegangen und wartete auf ihn bei der Post.

Darauf zog er sich mit Polly in ein stilles Café zurück, um zu beraten, was weiter zu tun sei. Es kam alles auf die Kupferpapiere an. Peter Voß langte die Prensa vom Nagel und durchsuchte den Kurszettel.

„Hurra!“ rief er plötzlich und schwenkte das Riesenblatt wie eine Fahne. „Kupferhausse! Wahnsinnige Kupferhausse! Nach Hause! Schnell nach Hause!“

Als er mit Polly acht Wochen später über Buenos Aires und New Orleans auf der Union-Station in St. Louis eintraf, rannte er im Gewühl mit einem Mann zusammen, der eben mit einem Zuge aus San Francisco angekommen war. Es war Bobby Dodd, der sich inzwischen in Valparaiso auf legalem Wege die Freiheit zu verschaffen gewußt hatte und nun nach St. Louis zurückgekehrt war, um der Firma Stockes & Yarker den unausführbaren Auftrag zurückzugeben.

Er stutzte einen Augenblick, packte zu und brüllte: „Peter Voß!“

Drei Polizisten kamen ihm zu Hilfe, aber sie hätten es gar nicht nötig gehabt.

„Endlich!“ lachte Peter Voß, ohne sich im geringsten zu sträuben. „Das hat lange genug gedauert, Mr. Dodd.“

So fing er doch noch den Millionendieb.

Die Firma Stockes & Yarker aber war gerettet.