20.
Peter Voß stand im Justizpalast von St. Louis vor dem Richter, der die Voruntersuchung führte.
„Wo haben Sie die Millionen versteckt?“ fragte ihn der mit streng gefurchter Stirn.
„Um die Millionen verstecken zu können,“ erwiderte Peter Voß ebenso ernsthaft, „müßte ich sie doch erst einmal gehabt haben. Diese Annahme Ihrerseits ist aber ein Irrtum. Ich erkläre hiermit zum dreihundertfünfundsechzigsten Male, daß ich die Millionen überhaupt nicht gestohlen habe. Ich sitze ganz unschuldigerweise in Untersuchungshaft und müßte längst auf freien Fuß gesetzt worden sein.“
„Damit Sie sich die Millionen holen!“ sprach der Richter. „Wir kennen diesen neuen Trick der Millionendiebe. Sie stehlen, verstecken, reißen aus, stellen sich dann freiwillig, um ein möglichst mildes Urteil herauszuschlagen, behaupten, sie hätten das Geld verloren oder es sei ihnen von dritter Seite wieder gestohlen worden, sitzen ihre Strafe ab und leben dann als Millionäre vergnügt bis an ihren Tod. Wir kennen, wie gesagt, diese schöne Praxis und haben die feste Absicht, sie nicht um sich greifen zu lassen. Sie werden es sich noch sehr überlegen, ob Sie die Millionen mit zwanzig Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit bezahlen wollen. Es wird sogar ein Antrag auf lebenslängliche schwere Kerkerhaft gestellt werden, mit der Einschränkung, daß die Strafe auf fünf Jahre leichte Haft zu ermäßigen ist, sobald sich durch die Hilfe des Verurteilten die gestohlenen Millionen wiederfinden lassen.“
„Ich beglückwünsche Sie zu dieser Erfindung!“ rief Peter Voß begeistert. „Sie werden sich den Dank aller nordamerikanischen Bankhäuser verdienen. Aber bei mir die Wirkung dieser Methode zu erproben, ist nicht nur überflüssig, sondern sogar widersinnig. Denn ich habe die Millionen nicht nur nicht versteckt, sondern sie überhaupt gar nicht gestohlen. Ich bin kein Millionendieb.“
„Dies ist eine Behauptung, der leider der Beweis fehlt!“ versetzte der Richter achselzuckend. „Oder sind Sie imstande, diesen Beweis zu erbringen?“
„Imstande wohl!“ antwortete Peter Voß. „Ich habe einen Zeugen.“
„Einen Komplicen!“ verbesserte ihn der Richter. „Sie haben also den Diebstahl nicht allein ausgeführt.“
„Nein, einen richtiggehenden Zeugen!“ rief Peter Voß. „Einen so guten, so vortrefflichen Zeugen, wie er noch keinem des Millionendiebstahls Beschuldigten zu seiner völligsten Entlastung zur Verfügung gestanden hat. Dieser Mann braucht nur den Mund aufzutun und zu sagen: Peter Voß ist kein Millionendieb! Und kein Mensch, der es hört, wird an der Wahrheit dieser Aussage zweifeln. Auch Sie nicht, Herr Richter. Sie werden es dem Mann sogar glauben, ohne daß er seine Aussage durch einen Eid bekräftigt.“
„Nun gut!“ schmunzelte der Richter. „Nennen Sie den Zeugen. Nach Ihrer Behauptung zu urteilen, muß ich ihn nicht nur kennen, sondern auch von seiner absoluten Glaubwürdigkeit überzeugt sein. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß ich an eine absolute Zeugenglaubwürdigkeit nicht glaube. Aber trotzdem, nennen Sie den Namen. Es gibt Umstände, die eine partielle absolute Glaubwürdigkeit möglich erscheinen lassen. Wenn zum Beispiel der Entlastungszeuge sich durch seine Aussage eines mit dem Millionendiebstahl in direkter Verbindung stehenden Mordes bezichtigen würde. Der Fall aber wird nach menschlichem Ermessen niemals eintreten. Also auch bei Ihrem Delikt nicht, wobei übrigens nach meinem Wissen niemand ermordet worden ist.“
„Nach meinem auch nicht!“ bestätigte Peter Voß diese freundliche Annahme.
„Also nennen Sie Ihren Komplicen!“ forderte ihn der Richter zum dritten Male auf.
„Das verbietet mir leider meine Noblesse!“ erwiderte Peter Voß und warf sich in die Brust. „Ich bin diesem Zeugen zu großem Danke verpflichtet, und ich werde ihn niemals in eine unangenehme Situation bringen.“
„Aber das ist ja heller Wahnsinn!“ fuhr ihn der Richter an. „Nur um einen Menschen nicht in eine unangenehme Situation zu bringen, lassen Sie sich zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilen.“
„Lebenslänglich!“ betonte Peter Voß. „Darauf kommt es an. Der Mann hat mir nämlich einmal das Leben gerettet. Und ich leide an einem vorzüglichen Gedächtnis. Außerdem gibt es noch eine Revisionsinstanz. Ich hoffe jedoch zuversichtlich, schon im ersten Justizgange freigesprochen zu werden.“
„Woraufhin?“ fragte der Richter verblüfft.
„Auf die Eröffnungen, die ich noch zu machen habe!“ sagte Peter Voß. „Ich behalte sie mir für die Verhandlung vor. Aus rein taktischen Gründen.“
„Sie wollen sich also jetzt auf die Aussage beschränken, daß Sie die Millionen nicht gestohlen haben?“ fragte der Richter kopfschüttelnd.
„Jawohl!“ antwortete Peter Voß kopfnickend. „Das genügt vorerst. Ich überlasse es der Justiz, den Beweis zu erbringen, daß ich die Millionen gestohlen habe. Im übrigen pflege ich mein Pulver niemals vor der Zeit zu verschießen. Sorgen Sie nur dafür, daß der Termin recht bald angesetzt wird.“
Darauf verabschiedete er sich mit einer korrekt-liebenswürdigen Verbeugung.
In der Zelle erhielt er den Besuch des Anwalts. Das war ein selbst für amerikanische Verhältnisse äußerst gerissener Junge.
„Selbstverständlich!“ sagte er zu Peter Voß. „Sie haben die Millionen versteckt und wollen Sie späterhin nutznießen. Das ist Ihnen nur zu gönnen. Bitte unterschreiben Sie Vollmacht und Garantieschein. Mit dem Honorar gedulde ich mich, bis Sie wieder aus dem Zuchthaus heraus sind. Es liegt Ihnen natürlich daran, nur auf möglichst kurze Zeit hineinzukommen.“
„Freigesprochen will ich werden!“ gestand Peter Voß ehrlich. „Und zwar mit Glanz, Pauken und Trompeten.“
„Lieber Freund!“ schmunzelte der Anwalt und klopfte ihm auf die Schulter. „Sie schrauben Ihre Ansprüche zu hoch. Sagen wir drei Jahre Zuchthaus. Das kann ein so kerngesunder Mensch wie Sie mit Leichtigkeit durchhalten. Für zwei Millionen Dollar ist das ein Spaß. Ich würde sie auch absitzen, wenn man mir zwei Millionen Dollar dafür gibt.“
„Aber ich nicht!“ rief Peter Voß entrüstet. „Und zwar einfach aus dem Grunde nicht, weil ich die Millionen gar nicht gestohlen habe.“
„Hm!“ lächelte der Anwalt verständnisinnig. „Sie haben das schon dem Untersuchungsrichter gegenüber behauptet. Ich habe die Akten soeben eingesehen.“
„Wer hat Sie mit meiner Verteidigung beauftragt?“ forschte Peter Voß.
„Wer sonst als Ihre Frau!“ rief der Anwalt. „Ein entzückendes Frauchen. Sie muß Sie sehr lieb haben, denn sie ist felsenfest von Ihrer Unschuld überzeugt. Nun, ich habe ihr den schönen Traum nicht zerstört. Sie wird Ihnen treu bleiben, auch wenn Sie lebenslänglich ins Zuchthaus müßten. Sie würde dieses Urteil stets für einen Justizirrtum halten.“
„Ich auch!“ rief Peter Voß.
„Gut, gut!“ lachte der Anwalt. „Mir brauchen Sie nichts vorzumachen. Ich soll also auf Ihren Freispruch plädieren. Wird gemacht! Aber woraufhin? Etwa auf Ihre famose Behauptung, daß Sie die Millionen nicht gestohlen haben? Mir müssen Sie schon reinen Wein einschenken. Also im Vertrauen gesagt, wo haben Sie die Millionen versteckt?“
„Das ist doch rein um mit Keulen drein zu schlagen!“ schrie Peter Voß in komischer Verzweiflung und reckte die geballten Fäuste gegen die Wand.
„Dazu ist nicht der geringste Grund vorhanden, mein Lieber!“ beruhigte ihn der Anwalt. „Sie werden von mir unmöglich verlangen können, daß ich mich lächerlich mache. Sobald ich jedoch auf Ihren Freispruch plädiere, mache ich mich unsterblich lächerlich. Sie haben die Millionen gestohlen. Ich komme soeben von der Lektüre Ihrer Akten. Es ist ein schönes Bündel. Es liegen die von Ihnen geführten Geschäftsbücher der Firma Stockes & Yarker dabei. Sie sind musterhaft geführt. Das wird Ihnen sogar der Staatsanwalt bestätigen. Auch die Berichte Bobby Dodds liegen dabei. Sie lesen sich wie ein spannender Roman, wenn nur der Stil nicht gar zu trocken wäre. Und aus all den Beilagen geht mit unverrückbarer Gewißheit hervor, daß Sie und kein anderer die Millionen gestohlen haben. Auf welche Ausrede hin soll ich Ihren Freispruch erzielen können? Wie wollen Sie diese Beweise entkräftigen?“
„Sehr einfach!“ versetzte Peter Voß, der inzwischen eingesehen hatte, daß er von seinem aufs beste getrockneten Pulver diesem Anwalt gegenüber ein wenig losbrennen mußte. „Ich habe den Diebstahl nur fingiert.“
Der Anwalt lächelte ungläubig.
„Ich bin Kassierer bei der Firma Stockes & Yarker gewesen,“ erklärte Peter Voß; „der Chef dieser Firma, übrigens ein braver Mann, hat in der Zeit meines Kassiererseins zwei Millionen Dollar verspekuliert. Nicht auf einmal, sondern im Laufe einiger Jahre. Ich war der einzige, der über den Vermögensstand der Firma genau orientiert war. Der Inhaber der Firma hat sich immer auf mich verlassen. Die Firma ging dem sichern Ruin entgegen. Ich hatte eine gute, vortrefflich bezahlte Stellung, die ich unbedingt verloren hätte, wenn die Firma aufgeflogen wäre. Ich begann deshalb die Bücher zu fälschen, allerdings erst im letzten Quartal, da uns das Wasser bereits an der Kehle stand. Ich hoffte immer noch auf einen guten Coup. Aber der Chef war ein ausgemachter Pechvogel.“
Das ungläubige Lächeln des Anwalts verstärkte sich.
„Zuletzt ging es nicht mehr weiter. Wo das Bargeld fehlt, helfen die bestgefälschten Bilanzen nicht. Da habe ich, um die Firma über Wasser zu halten, zwei Millionen Dollar aus dem Geldschrank gestohlen, die gar nicht darin vorhanden waren. Ich habe die Firma vor dem Zusammenbruch gerettet, denn die gestohlene Summe wurde ihr von dem Gläubiger gestundet.“
Der Anwalt lachte nun schallend auf.
„Ich habe mich fast zwei Jahre lang als Millionendieb verfolgen lassen, bis sich die Firma wieder erholt hatte. Das ersah ich aus dem Kurszettel. Wir hatten uns nämlich an Kupferpapieren überkauft, die damals total auf den Hund waren. Und nun stehen sie zweimal so hoch wie beim Einkauf. Die Firma Stockes & Yarker steht glänzend da. Sie wird die zwei Millionen, die ihr damals gestundet worden sind, gewiß längst zurückbezahlt haben. Und deshalb habe ich mich von dem Detektiv fangen lassen.“
„Großartig!“ rief der Anwalt aufs höchste begeistert. „Das ist einfach eine entzückende Geschichte. Es läßt sich gar keine bessere erfinden. Wenn sie wahr wäre, was sie leider nicht ist, dann müßten Sie sofort entlassen werden.“
„Sie ist wahr!“ rief Peter Voß wütend.
„Allright!“ besänftigte ihn der Anwalt. „Nehmen wir an, sie sei wahr. Man wird es uns ohne Beweise nicht glauben. Sie behaupten, die Bücher nachträglich gefälscht zu haben. Sie werden die gefälschten Zahlen heraussuchen.“
„Ich habe sie alle im Kopfe!“ sagte Peter Voß und begann sie dem Anwalt zu diktieren.
„Wir werden diese Eintragungen von einem Schreibsachverständigen prüfen lassen. Sodann muß der Inhaber der Firma aussagen. Ich werde ihn bearbeiten. Er wird einsehen, daß er die Millionen doch nicht wiederbekommt, und er ist Ihnen schließlich zu Dank verpflichtet, natürlich immer von unserer Voraussetzung aus betrachtet, daß diese famose Geschichte wahr ist.“
„Gehen Sie zu ihm!“ sprach Peter Voß. „Es kann nichts schaden, wenn Sie ihm diese Geschichte so erzählen, wie sie sich in Wahrheit zugetragen hat.“
Zwei Stunden später stürzte der Anwalt in Peter Voßens Zelle.
„Jetzt werde ich auf Ihren Freispruch plädieren!“ rief er, noch in der Tür. „Ich habe dem Inhaber der Firma Stockes & Yarker die Geschichte erzählt, diese ganz unglaubliche Geschichte, diese rührend sentimentale Geschichte von dem Kassierer, der sich für die Firma opfert, diese Geschichte, die wert ist, in alle Weltsprachen übersetzt zu werden. Ich habe ihm die Geschichte Ihres fingierten Millionendiebstahls erzählt, und was meinen Sie? Er hat sie mir geglaubt!!! Er hat sie mir abgenommen von A bis Z. Nicht ein einziges Mal hat er den Kopf geschüttelt. Nur sehr überrascht ist er gewesen, daß er einen so treuen Kassierer zwei Jahre lang für nichts und wieder nichts durch die Welt hat hetzen lassen. Er will sogar für Sie aussagen, nur im allergünstigsten Sinne. Jetzt hoffe ich wirklich, Sie frei zu bekommen. Mr. Stockes hat mir bewiesen, daß man Ihre unglaubliche Geschichte glauben kann. Ich werde dafür sorgen, daß sich die Mehrzahl der Richter ihm anschließt.“
„Darum allein ist es mir zu tun!“ sagte Peter Voß und drückte ihm die Hand. „Es sind da aber noch einige andere Paragraphen verletzt worden. Irreführung der Behörden, Benutzung falscher Pässe und dergleichen mehr. Hoffentlich ist das mit einer Geldstrafe abzubüßen.“
„Freigesprochen werden Sie!“ entschied der Anwalt. „Sie kommen vor die Geschworenen. Wenn Mr. Stockes glaubt, werden die Geschworenen auch glauben. Sie entscheiden nach dem Gefühl. Und ein so treuer Kassierer, der sich für die Firma opfert, die ihm zudem einen wahren Hungerlohn zahlt, ein so treuer Beamter, der sich aus reinem Idealismus die größten Strapazen auferlegt, ein solcher Mensch verdient von Rechts wegen einen Orden und eine staatliche Pension.“
Er war schon mitten drin in seinem Plaidoyer.
Und der große Tag kam, an dem Peter Voß vor die Geschworenen trat. Gleich von Anfang an ging die Sache schief. Die Gutachten der Schreibsachverständigen, die zur Vorlesung gebracht wurden, leugneten ganz entschieden, daß die betreffenden Ziffern, die in Summa eine runde Doppelmillion ausmachten, nachträglich in die Bücher hineingefügt worden waren.
Das hat man nun davon, wenn man gar zu gut fälscht! dachte Peter Voß ärgerlich.
Der Prokurist des Hauses Stockes & Yarker schilderte die Entdeckung des Diebstahls. Peter Voßens juristische Aktien sanken von Minute zu Minute. Bobby Dodd ließ überhaupt kein gutes Haar an ihm und schilderte ihn als den Verbrecher der Verbrecher.
Nun kam Jim Stockes an die Reihe, der sich bis dahin außerhalb des Sitzungssaales befunden hatte. Er konnte, obschon er alles zugab, was Peter Voß und sein Anwalt von ihm verlangten, doch nicht mehr die gänzlich verfahrene Karre auf das rechte Gleis ziehen.
Der Staatsanwalt beantragte zwanzig Jahre schweren Kerkers, nachdem er die rührende Geschichte von dem treuen Kassierer in ihre unglaublichen Einzelheiten wie ein Gänseblümchen zerpflückt hatte. Jim Stockes bekam von ihm für seine bewiesene Sanftmut einen Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt, wodurch seine für den Angeklagten günstigen Aussagen erledigt waren.
Der Anwalt blieb bei der Stange und versuchte das Unmögliche. Da er aber selbst nicht an Peter Voßens Unschuld glaubte, wirkte seine Rede nur unfreiwillig humoristisch.
Als sich die Geschworenen zur Beantwortung der Schuldfrage zurückgezogen, wurde Peter Voß zum erstenmal schwül zumute. Er kam bös in die Klemme, wenn Jim Stockes nicht den Mund auftun wollte. Der aber saß auf der Zeugenbank, sah geradeaus und schaute nicht links und nicht rechts. Sein bleiches Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Keine Fiber zuckte darin. Er wartete auf den Spruch der Geschworenen.
Die kamen bald wieder in den Saal und erstatteten Bericht von ihrer geheimnisvollen Tätigkeit, indem sie die Schuldfrage mit allen Stimmen bejahten.
Jetzt stand Jim Stockes langsam auf und machte drei Schritte gegen die Schranke, hob zwei Finger auf und sprach mit lauter Stimme: „Peter Voß ist kein Dieb. Wir haben die Sache damals zusammen verabredet.“
Nach diesem Bekenntnis war es eine ganze Weile mäuschenstill im weiten Sitzungssaale. Nicht ein einziger zweifelte an der Wahrheit der Aussage, nicht einmal der Staatsanwalt, obschon sie gar nicht beschworen worden war.
Nachdem die Richter ihr grenzenloses Erstaunen bemeistert hatten, setzten sie die juristische Strafmaschinerie wieder in Gang.
Nun kam die andere Hälfte der Wahrheit ans Licht. Im Zuhörerraum wurde jede Aussage Peter Voßens mit wachsendem Beifallsgetrampel begrüßt. Das Gefühl für diesen treuesten aller Bankkassierer brach sich Bahn. Die Volksseele entlud sich stürmisch. Auch die Geschworenen zeigten den Enthüllungen gegenüber wachsendes Interesse. Am meisten imponierte ihnen die Sicherheit, mit der Peter Voß das Steigen der Kupferpapiere vorausberechnet hatte. Dagegen wogen alle die kleinen Delikte, die er auf seiner Flucht begangen hatte, federleicht.
Das Rechtsgefühl siegte, der Paragraph unterlag. Peter Voß wurde zu 50 Dollar Geldstrafe verurteilt wegen schlechter Buchführung.
Der erste, der ihm gratulierte, war Bobby Dodd.
Das Publikum im Zuschauerraum klatschte wie bei einer wohlgelungenen Theateraufführung.
Als Peter Voß am Arm Jim Stockes’ aus dem Gerichtsgebäude trat, wurden sie beide von der begeisterten Volksmenge auf die Schultern gehoben und im Triumph durch die Straßen getragen. Die Zeitungen tobten drei Tage lang in spaltenlangen Artikeln über diesen einzigartigen Fall. Bobby Dodds Ruhm stieg in die Puppen. Aber er war daran unschuldig. Peter Voß wurde interviewt und bekam von Barnum & Bailey eine Einladung, seine geniale Flucht vor dem Detektiv für eine Welttournee auf der Zirkusmanege zu inszenieren, was er aber ablehnte.
Und die Firma Voß, Stockes & Yarker in St. Louis mußte ihr Personal verdreifachen, um die Aufträge, die von allen Seiten einliefen, erledigen zu können.
„Voß!“ sagte Stockes zu seinem neuen Kompagnon, als die Tage wieder ein wenig ruhiger geworden waren. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Aber ein zweites Mal riskiere ich das Manöver nicht.“
„Ich auch nicht!“ gestand Peter Voß.
Und dann lagen sie sich in den Armen.
Jim Stockes war wieder der alte Draufgänger, der am liebsten alles auf eine Karte setzte, und besonders jetzt, wo Dick Patton mit spielender Leichtigkeit bezahlt worden war und die Firma an der Spitze aller westunionistischen Bankfirmen marschierte. Er war ein alter Eigensinn, aber Peter Voß war ein junger Eigensinn und gab erst recht nicht nach. Allen Herzenswünschen Jim Stockes’ widersetzte er sich hartnäckig. Der wurde schließlich wütend über die mangelnde Einsicht seines neuen Teilhabers und fuchtelte mit Bleistift und dem Notizblock, der seine Beweisführung trug, höchst despektierlich in der Luft herum.
Da beugte sich Peter Voß, der ihm gegenübersaß, weit über die beiden Schreibtische, nahm Jim Stockes zuerst den Bleistift und dann den Notizblock aus den Fingern und setzte sich wieder.
„Gehen Sie spazieren, Mr. Stockes!“ bat er ihn freundlich. „Aber nicht auf die Börse, sondern lieber auf den Carondeletpark zu. Holen Sie meine Frau ab und gehen Sie mit ihr ins Theater oder sonst wohin. Sie dürfen so liebenswürdig zu ihr sein, wie Sie es als alter Junggeselle können.“
Jim Stockes machte ein Gesicht wie eine verärgerte Dogge.
„Wenn wir so spekulieren, wie Sie wollen,“ fuhr Peter Voß fort, „dann muß ich in spätestens zwei Jahren wieder die Bücher verbessern und eine Weltreise machen. Nur daß dann niemand mehr auf den Schwindel hineinfällt. Ich pensioniere Sie mit halben Gehalt, wenn Sie sich nicht bessern.“
Jim Stockes lächelte über diese Drohung, gab nach und ging. Nach einer Stunde kehrte er ziemlich niedergeschlagen zurück.
„Haben Sie meine Frau nicht getroffen?“ fragte Peter Voß verwundert.
„O doch!“ antwortete Jim Stockes und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Aber sie hatte für heute abend schon eine Einladung. Ich habe sie begleitet, aber es war eine Strapaze. Sie wollte mich verheiraten. Und Sie wissen doch, wie ich über diesen Punkt denke.“
„Stockes!“ sprach Peter Voß, trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie sind ein eingefleischter Junggeselle. Und deshalb brauchen Sie Gesellschaft. Ich werde an meinen Onkel telegraphieren. Der langweilt sich da drüben in Strienau genau so schauderhaft wie Sie hier. Denn das werden Sie wohl gemerkt haben, im Geschäft kann nur einer herrschen. Sie haben genug geschafft, jetzt ruhen Sie sich aus. Sie kommen nur noch morgens eine Stunde her, um mir die nötigen Unterschriften zu liefern. Dann haben Sie den ganzen Tag frei. Bis mein Onkel da ist, können Sie sich die Zeit bei den Elevatoren vertreiben. Oder Sie fahren meinem Onkel bis nach New York entgegen. Er ist ein prächtiger Herr, der gut zu Ihnen passen wird. Auch für Ihren Klub bringe ich ihn in empfehlende Erinnerung. Daß Sie ihn aber unbeschädigt abliefern und ihn nicht gar zu arg unter Whisky setzen. Denn für eine Taufe braucht man zwei Paten.“
Jim Stockes streckte beide Hände aus, um auf diese unerwartete Nachricht hin zu gratulieren.
„Danke!“ lächelte Peter Voß vergnügt. „Es hat schwer genug gehalten. Wir haben beschlossen, es Jim Bobby zu taufen, wenn es ein Junge wird. Was ich übrigens so gut wie sicher glaube. Der Erbe der Firma Voß, Stockes & Yarker ist unterwegs. Und ich bin der Verantwortliche.“
Jim Stockes ging zu den Getreideelevatoren und hernach in den Klub, wo noch immer von nichts anderem gesprochen wurde als von den zwei Millionen, die nicht vorhanden gewesen waren und doch gestohlen werden konnten.
Am nächsten Morgen, als Stockes seine Unterschriften geliefert und sich empfohlen hatte, meldete sich Bobby Dodd bei der Firma Voß, Stockes & Yarker.
„Sie wollen gewiß Mr. Stockes sprechen?“ fragte Peter Voß und bot ihm einen Stuhl an.
Aber Bobby Dodd verneinte und rückte sofort mit seinem Anliegen heraus. Er wollte der Firma sein nicht unbeträchtliches Vermögen zwecks spekulativer Vermehrung anvertrauen. Außerdem gedachte er sich ein kleines Landgut mit Park und Villa zuzulegen, da er seinen Beruf ganz aufgeben wollte.
„Aha!“ lachte Peter Voß und bot ihm eine Zigarre an. „Ich habe Ihnen das Geschäft ein bißchen verleidet. Es ist eben leichter, einen Schuldigen zu greifen, als einen Unschuldigen, der nicht durch ein böses Gewissen beschwert ist.“
„Nein!“ erklärte Bobby Dodd einfach. „Ich möchte nicht wieder in die Lage kommen, einen Unschuldigen verfolgen zu müssen. Und das mit den Zeitungen hat mich auch stutzig gemacht. Ich bin vielleicht gar nicht der geniale Detektiv, für den mich die Leute ausposaunt haben.“
„Mr. Dodd!“ rief Voß begeistert und umarmte ihn. „Ich werde Ihr Vermögen in kurzer Zeit verdoppeln und verdreifachen. Sie sind ein Mensch, den man trotz seiner Schwächen liebhaben muß. Sie wollen sich zur Ruhe setzen und das Leben genießen. Dazu gehört eine Frau. Gehen Sie zu Mrs. Voß. Sie hat gestern den Versuch gemacht, Jim Stockes unter die Haube zu bringen. Aber es war ein Versuch am untauglichen Objekt. Gehen Sie ruhig zu ihr, wenn Sie auch kein gutes Gewissen haben. Sie hat Ihnen schon längst verziehen. Lassen Sie sich von ihr glücklich machen. Sie versteht das. Sie hat Routine darin. Bei Ihnen kommt natürlich nur das indirekte Verfahren in Betracht. Sie hat sicher was für Sie auf Lager. Sie hat eine ganze Reihe Freundinnen, die alle zum Anbeißen sind.“
„Im Ernst?“ fragte Dodd interessiert.
„Aber gewiß!“ lachte Peter Voß. „Im vollen Ernst. Sie hat ein Heiratsbureau. Jede Frau, die glücklich verheiratet ist, ist eine gewerbsmäßige Heiratsvermittlerin ohne Konzession. Gehen Sie hin und schütten Sie ihr das Herz aus. Es wäre wunderhübsch, wenn Sie eines von diesen patenten Mädels, die immer um sie herum sind, wegfischten. Denn sie fallen mir, offen gestanden, schon ein bißchen auf die Nerven. Ich denke es mir großartig, wenn wir den freundschaftlichen Verkehr, den wir dort drüben in Europa begonnen haben, weiter pflegen würden. Malen Sie sich das Bild aus. Wir sitzen Sonntag nachmittags da draußen irgendwo in Ihrem entzückenden Landhaus bei einer Ananasbowle und tauschen unsere Erinnerungen aus.“
Dodd malte sich das Bild aus und war einige Wochen später auf dem besten Wege, es in die Wirklichkeit zu verwandeln.
Dann kam Landgerichtsrat Pätsch an und ging mit Jim Stockes zu den Elevatoren.
Und so waren sie alle zufriedengestellt.
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