3.

Den lärmenden Broadway in New York spazierte ein Mann entlang, der in einen gelben Staubmantel gehüllt war und auf dem grauen, kurzgeschnittenen Haar eine gelbe Mütze mit Automobilbrille trug. Sein Gesicht war bartlos.

Es war niemand anders als Peter Voß, der Millionendieb aus St. Louis.

Er war kurz nach Cumberland bei einer scharfen Steigung aus dem gelben Automobil gesprungen, war in die Stadt zurückgekehrt, hatte sich bei dem ersten Barbier den Bart abnehmen, bei dem zweiten das Haar stutzen, bei dem dritten mit einer kräftigen Höllensteinlösung grau färben lassen, hatte sich in einem Modemagazin mit Staubmantel und Mütze kostümiert und war mit dem Expreßzug ohne Unfall nach New York gelangt.

Jetzt ging er über den Broadway, um nach Hoboken überzusetzen, wo er ein geeignetes Schiff für die Ueberfahrt nach Hamburg suchen wollte. Denn die Passage zu bezahlen, dazu hatte er nicht die geringste Lust.

Plötzlich blieb er vor einer Anschlagsäule stehen, von der ein gelbes Plakat herunterleuchtete. Da hing sein eigener Steckbrief. Schmunzelnd las er ihn und betrachtete mit innigem Vergnügen seine bärtige Photographie, die es in Lebensgröße verzierte.

Zweitausend Dollar Belohnung! stand in fetten Buchstaben darüber.

„Ist das nicht ein bißchen wenig?“ knurrte er verstimmt.

Unterschrieben war der Steckbrief mit Bobby Dodd.

Da kam um die nächste Ecke, hinter der die Polizeioffice lag, ein Schutzmann gesaust, der an seinem Fahrrade einen Leimtopf hängen hatte. Vor der Anschlagsäule saß er ab, schwang den Pinsel quer über Peter Voßens Bart, und schon klebte darüber ein roter Zettel. Ohne sich umzusehen, sauste der Schutzmann die Straße hinauf zur nächsten Säule.

Peter Voß las mit steigender Verwunderung die Worte, die auf dem roten Zettel standen: „Der Flüchtling trägt keinen Bart, hat sich die Haare grau färben lassen und ist bekleidet mit einem gelben Staubmantel und gelber Automobilmütze.“

Jetzt wird’s brenzlich! dachte Peter Voß und sprang in die nächste Droschke, deren Kutscher er zurief, den Broadway hinunterzufahren.

Zunächst entledigte er sich seines Staubmantels, den er zusammengerollt neben sich legte. Bei dem nächsten großen Eckrestaurant ließ er halten und verschwand darin, um zwei Minuten später aus der anderen Tür mit einer blauen Mütze wieder zu erscheinen. Die Droschke ließ er im Stich. Der Kutscher mochte sich mit dem Mantel bezahlt machen.

Bald darauf tauchte Peter Voß in das Gewühl der Bovery, kaufte in einem Barbierladen eine Flasche braune Haarfarbe und ließ sich in einem kleinen Hotel ein Zimmer geben. Das Geld dafür mußte er im voraus bezahlen, da er außer Zahnbürste, Taschenmesser und Brieftasche kein Gepäck besaß. Hier wollte er seinem Haar wieder die alte Farbe verleihen, es gelang ihm aber daneben. Nachdem er eine Viertelstunde geschmiert und gerieben hatte, leuchtete ihm sein Scheitel im brennendsten Rot aus dem Spiegel entgegen.

Kein Wunder, denn die Haarfarbe war echt amerikanischen Ursprungs.

„Auch gut!“ rief er und verließ das Hotel.

Seine roten Haare, so kurz sie auch waren, erregten Aufsehen, und er freute sich diebisch darüber. Jetzt konnte er über den roten Zettel, der auf dem gelben Steckbrief klebte, lachen.

Er setzte über den Hudson und schlenderte gemächlich, wie ein stellungsloser Seemann, die Docks von Hoboken entlang. Bei jedem Eingang standen doppelte Schutzmannsposten. Beim Dock der Hamburg-Amerika-Linie blieb er stehen und las die Schiffsliste. Morgen früh ging die „Pennsylvania“ in See. Da lag der große, breite, sichere Kasten, auf dem er schon einmal eine Reise als Matrose gemacht hatte.

Das wär schon was! dachte er, wobei sein Blick wie von ungefähr auf ein gelbes Plakat fiel.

Auch hier klebte sein Steckbrief mit dem alten Signalement. Es dauerte aber gar nicht lange, da kam ein radelnder Schutzmann und klebte den roten Verbesserungszettel darüber.

Die beiden Polizisten, die den Eingang bewachten, machten sich sofort an das Studium des neuen Signalements, ohne darüber den Eingang aus dem Auge zu lassen. Wer hineinwollte, wurde angehalten und mußte ohne Gnade zurück, wenn er sich nicht ausweisen konnte.

Ueber Peter Voß, der ihnen gegenüber Aufstellung genommen hatte und so tat, als wenn er auf einen Bekannten wartete, machten sie zwischendurch schlechte Witze. Die Röte seiner Haare war auch direkt polizeiwidrig.

Peter Voß schwankte schon, ob er sich diese angeregte Stimmung der beiden Ordnungswächter zunutze machen sollte, um durchzuschlüpfen.

Da hielt plötzlich vor dem Eingang ein kleiner Lastwagen, auf dem ein ungewöhnlich langer Koffer lag. „Passagierstück für die Pennsylvania nach London Metropol Varieté“ stand auf dem Ticket. Noch größer waren die Buchstaben:

VORSICHT! GLAS! NICHT STUERZEN!

die auf allen vier Seiten und auf dem Deckel der Kiste prangten.

Wenn ich nur in dieser Kiste läge! dachte Peter Voß und betrachtete sie liebevoll von allen Seiten.

Der Kutscher, der die Kiste gebracht hatte, blieb ruhig auf seinem Bock sitzen. Da sprang ein Mann über den Fahrdamm, wollte in das Dock hinein und fühlte sich plötzlich von vier nervigen Fäusten gepackt. Denn dieser Mann trug nicht nur einen gelben Staubmantel, sondern auch eine gelbe Staubmütze, und hatte zum Ueberfluß etwas angegrautes Haar. Er sah aus wie ein Schauspieler auf Reisen.

Er schimpfte wie ein Rohrspatz, gab an, Frank Murrel zu heißen, und wollte als Jongleur und Zauberkünstler vom Metropol Varieté in London engagiert sein.

Sein Gesicht wies mit Peter Voßens Photographie einige Aehnlichkeit auf, besonders in der Stirn- und Augenpartie. Die Schutzleute aber waren ganz fest überzeugt, in ihm den Millionendieb gefaßt zu haben. Zum Unglück hatte der Mann kein Billett. Er behauptete frech, es läge noch auf der Agentur.

Er mußte mit zur Wache.

„Ich komme sofort wieder!“ sagte er zu dem Kutscher. „Geben Sie ja gut auf den Koffer acht! Es sind sehr zerbrechliche Theaterrequisiten darin.“

Der eine Polizist führte ihn ab, der andere verdoppelte seine Aufmerksamkeit. Bald darauf schlug die Uhr sechs, und die Dockarbeiter strömten ein und aus. Peter Voß hätte es jetzt wohl wagen können, unbemerkt bei dem Polizisten vorbeizuschlüpfen. Doch was hätte das geholfen? Ohne Billett hätte man ihn nicht auf das Schiff gelassen, und irgend einen Freund, den er hätte besuchen können, wußte er nicht an Bord. Obschon er immerhin als wahrscheinlich voraussetzen durfte, daß unter der vierhundertköpfigen Schiffsbesatzung einer seiner früheren Bekannten sein konnte.

Und deshalb blieb er stehen und wartete.

Gleich darauf traten drei handfeste Matrosen unter Führung eines noch kernigeren Bootsmannes an den großen Kistenkoffer. Dieser Mann gefiel Peter Voß auf den ersten Blick.

„Schneller!“ schrie er dem vierten Matrosen zu, der nun überaus gemächlich heranschlenderte. „Du gottverdammigter Hollandschmann, ich geb dir einen an deinen Achtersteven, daß du auf deinen Bauch sechzehn Knoten in der Stunde machst!“

Der Mann muß mein Freund werden! dachte Peter Voß und trat auf den Bootsmann zu.

„Hummel!“ begrüßte er ihn.

Die Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

„Guten Tag, Landsmann!“ rief Peter Voß vergnügt. „Wir sollten uns doch kennen?“

„Ich kenne dich nicht!“ sagte der Bootsmann ruhig. „Du hast mir viel zu rote Haare.“

„Macht nichts!“ erklärte Peter Voß. „Kommst du heute abend mit nach Coney Island, ich gebe einen aus.“

„Das ist ein ander Ding!“ meinte der Bootsmann und schlug ein. „Ich will man bloß die verteufelte Kiste an Bord bringen, da sind Glassachen drin.“

Peter Voß trat zurück.

„Angefaßt!“ kommandierte der Bootsmann. „Ganz vorsichtig aufsetzen. Moritz Pietje, wenn du die Kiste fallen läßt, dann brau ich dir einen Grog, von dem dir die Ohren vier Wochen lang steif bleiben.“

In diesem Augenblick kam Frank Murrel, der Besitzer der Riesenkiste, über die Straße gestürzt. Er hatte inzwischen der Polizei mit Hilfe eines in der Nähe wohnenden Kollegen beweisen können, daß er mit Peter Voß nicht identisch war.

„Vorsicht, nicht stürzen!“ brüllte er ganz verzweifelt, als Moritz Pietje zu zeitig los ließ. „Bringen Sie den Koffer in meine Kabine.“

„Welche Kabine haben Sie?“ fragte der Bootsmann.

Aber Frank Murrels Billett lag noch immer auf der Agentur.

„Da stellen wir eben den Koffer solange in den Gepäckraum,“ schlug der Bootsmann vor. „Da steht er noch sicherer als in irgend einer Kabine, die vielleicht schon ein anderer belegt hat. Morgen können Sie sich ja den Koffer in Ihre Kabine kommen lassen.“

Gleich darauf verschwand das sehr umfängliche Gepäckstück in der zweiten Ladeluke auf dem Verdeck. Frank Murrel überzeugte sich durch Augenschein, wo und wie er stand, gab dem Bootsmann ein Trinkgeld und trat wieder aus dem Dock, nicht ohne den beiden Polizisten einen Verachtungsblick zugeworfen zu haben.

Ich bin doch neugierig, ob er kommt! dachte Peter Voß und wartete.

Und der Bootsmann kam wirklich, er hatte sich inzwischen fein gemacht.

„Nun kann’s losgehen!“ meinte er zu Peter Voß. „Das sag ich dir aber, wenn du so einer von den gottverdammten Landhaien bist, bei mir kommst du nicht auf die Rechnung. Ich hau zu, wenn’s so weit ist.“

„Aber Bootsmann!“ erwiderte Peter Voß gekränkt. „Seh ich so aus?“

„Nur friedlich!“ lenkte der andere ein. „Du hast zwar rote Haare, aber ein ehrliches Gesicht. Du erinnerst mich an einen alten Freund, mit dem ich mal zusammen gefahren bin. Darauf kannst du dir was einbilden. Denn jede Einladung nehm ich nicht an.“

Schon saßen sie auf der Riesenfähre, die sie nach Brooklyn hinüberbrachte. Bald waren sie auf Coney Island, dem großen New Yorker Rummelplatz. Peter Voß bezahlte. Sie fuhren auf dem Riesenrad und auf der Berg- und Talbahn.

„Hier kann ja einer seekrank werden!“ bemerkte der Bootsmann und wollte aussteigen.

Mit einem Wort: sie amüsierten sich großartig. Aus einem überfüllten Tanzlokal wurden sie zusammen an die Luft gesetzt und fanden sich im Sande wieder.

„Ganz wie in St. Pauli!“ rief der Bootsmann vergnügt und steuerte der nächsten Bar zu, um einige Drinks zum besten zu geben.

Peter Voß verlor bei alledem nicht sein Ziel aus den Augen und lotste den Bootsmann endlich in eine kleine, gemütliche Bierkneipe. Peter Voß setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand, und der brave Bootsmann pflanzte sich mit seiner ganzen gewichtigen Breitseite ihm gegenüber auf. Sie tranken Brüderschaft, ohne sich nach ihren Namen gefragt zu haben, was Peter Voß nur angenehm war. Denn er hätte sich einem so wackeren Bootsmann gegenüber nicht gern einen falschen Namen beigelegt.

Plötzlich kam der Bootsmann steif in die Höhe und schaute mit weit geöffneten Augen geradeaus auf die Wand. Da hatte eben der Kellner ein grellgelbes Plakat hingehängt mit einer Photographie in der Mitte. Peter Voß konnte es nicht sehen, weil er ihm den Rücken zukehrte.

„Was!“ rief der Bootsmann verblüfft. „Peter Voß hat zwei Millionen Dollar gestohlen? Das ist nicht wahr!“

Peter Voß drehte sich um: da hing sein Steckbrief! Aber noch ohne den berichtigenden roten Zettel.

„Kennst du ihn denn?“ fragte er überrascht.

„Kennen!“ schrie Michel Mohr wütend. „Das ist mein allerbester Freund, den ich überhaupt habe. Mit dem bin ich Schiffsjunge gewesen auf einer französischen Bark. Und wir haben zusammen den ersten Steuermann vertrimmt.“

Und da erkannte Peter Voß seinen alten Freund Michel Mohr. Und sein Herz machte einen Freudensprung. Die heimliche Sympathie, die ihn zu dem Bootsmann gezogen hatte, war also doch tiefer begründet gewesen. Michel Mohr hatte sich total verändert. Er hatte sich ein schönes Bootsmannsbäuchlein und ein sehr würdiges Aussehen angeschafft.

„Dann wird es eben ein anderer Peter Voß sein.“

„Das ist mein Freund Peter Voß!“ schrie Michel Mohr durchs ganze Lokal, indem er auf das Bild wies. „Peter Voß, wie er leibt und lebt. Schwindel ist der ganze Steckbrief.“

Jetzt drängten sich die anderen Gäste um das Plakat. Peter Voß mußte mit Gewalt an sich halten, daß er sich nicht verriet.

„Damned!“ schrie einer aus dem Schwarm. „Zweitausend Mill zu stehlen, das soll ihm erst einer nachmachen. Aber der große Dodd aus St. Louis ist schon hinter ihm her, der kriegt ihn sicher!“

„Da soll er sich nur ranhalten!“ lachte Michel Mohr. „Peter Voß ist ein ganz geriebener Junge!“

Peter Voß wurde unruhig, er fühlte sich von einem wohlfrisierten Barbiergehilfen, dem das übernatürlich gerötete Haar aufgefallen war, scharf fixiert. Da sich sein Kopf direkt unter dem Bilde des Steckbriefs befand, forderte er zu Vergleichen geradezu heraus.

„Damn!“ rief er und drehte sich um, wie um das Plakat zu lesen. „Diese Detektivs fischen den anständigen Menschen die besten Brocken vor der Nase weg. Wer verdient nicht gern 2000 Dollar?“

„Er hat recht!“ riefen die Gäste durcheinander, und die Aufmerksamkeit des Barbiergehilfen war abgelenkt.

„Komm mal mit heraus!“ sagte Michel Mohr ganz ruhig zu Peter Voß, der dazu mit Freuden bereit war.

Bald standen sie hinter einem Gebüsch.

„Sag mal!“ stieß Michel Mohr zwischen den Zähnen hervor. „Würdest du Peter Voß anzeigen, wenn du wüßtest, wo er ist? Ich meine, um die zweitausend Dollar zu verdienen.“

Peter Voß wußte wirklich nicht, was er auf diese kuriose Frage antworten sollte, und zuckte lächelnd mit den Schultern.

„Du hundsgemeiner Denunziant!“ knirschte Michel Mohr wütend und versetzte ihm eine wohlgezielte Ohrfeige.

„Menschenskind!“ stöhnte Peter Voß auf und schnappte längere Zeit nach Luft. „Ich werd mich doch nicht selbst anzeigen!“

„Peter!“ keuchte Michel Mohr.

„Freilich, du Kamel!“ lachte Peter Voß und rieb sich die getroffene Stelle. „Und nun geh und zeig mich an.“

„Mensch, du bist wohl verrückt! Ich dich anzeigen? Wo du mein allerbester Freund bist.“

Und er fiel ihm vor Freude um den Hals.

„Aber wo hast du die zwei Millionen?“

„Komm!“ drängte Peter Voß. „Das erzähl ich dir, wenn wir an Bord sind. Du mußt mich nämlich hinüberschmuggeln.“

„Aha!“ sagte Michel Mohr. „Die beiden Polizisten vor dem Dock passen wohl auf dich?“

„Jedenfalls!“ erwiderte Peter Voß. „Durchs Tor komme ich nicht, ohne angehalten zu werden.“

„Brauchst du auch nicht,“ sagte Michel Mohr treuherzig. „Ich hol dich mit der Jolle vom Zollponton.“

„Das ist eine gute Idee!“ sagte Peter Voß vergnügt. „Dafür geb ich dir eine Million, wenn wir glücklich drüben sind.“

„Nein!“ sagte Michel Mohr ganz entschieden. „Ich nehm nichts. Ich will ein ehrlicher Kerl bleiben.“

„Das ist brav von dir!“ lächelte Peter Voß und klopfte ihm leutselig auf die Schulter.

Gegen elf Uhr, als schon alles schlief, stieg Peter Voß hinter Michel Mohr von der Wasserseite her auf der Lotsenleiter an Bord. Die Zöllner saßen friedlich im Rauchsalon.

Moritz Pietje, der Hollandschmann aber, der die Wache hatte, schlief diesmal merkwürdigerweise nicht und nahm mit Verwunderung wahr, daß der Bootsmann einen rothaarigen Gast mitbrachte, und noch dazu über die Lotsenleiter.

Michel Mohr schnauzte Moritz Pietje an, daß er fast auf den Rücken fiel. Dann ging er mit Peter Voß voraus, wo die Mannschaftsräume lagen. Der Bootsmann hatte hier eine geräumige Kajüte mit zwei Kojen.

„Ueber diesen verdammten Hollandschmann werd ich mich noch zu Tode ärgern!“ giftete er sich. „Gestern mußte ich ihn dreimal aus der Koje jagen, und gerade jetzt tut er mir den Tort an und hat die Augen offen. Aber es hat keine Gefahr, ich verstau dich im Raum, wo dich keiner findet, und bring dir jeden Tag das Essen.“

Dann braute er einen sehr steifen Grog.

Um zwölf Uhr wurde Moritz Pietje abgelöst. Er legte sich in seine geliebte Koje und spitzte die Ohren, als er nebenan Gläserklirren hörte. Der Fremde, der bei dem Bootsmann saß, kam ihm sehr verdächtig vor. Und dem groben Bootsmann eines auszuwischen, darauf lauerte Moritz Pietje schon lange. Er preßte das Ohr an die Holzwand, konnte aber kein Wort verstehen. So holte er denn in aller Seelenruhe einen kleinen Bohrer aus der Tasche und begann ihn so langsam in die Holzwand zu schrauben, daß er nicht das geringste Geräusch verursachte. Nach fünf Minuten war das Loch fertig. Und was Moritz Pietje nun zu hören bekam, war außerordentlich interessant.

Peter Voß hatte seinen Freund inzwischen in alles eingeweiht, und Michel Mohr hatte sich, als ihm die tolle Sache erst klar geworden war, mit beiden Fäusten auf den Knien herumgetrommelt und vor Vergnügen losgebrüllt.

„Junge, Junge, du bist ja ein ganz verfluchter Kerl. Und nun helf ich dir erst recht übers Wasser. Laß mich nur machen.“

Ei, wie spitzte da Moritz Pietje die Ohren!

„Wir können doch hier nicht belauscht werden?“ fragte Peter Voß vorsichtig.

„Keine Angst!“ lachte Michel Mohr. „Nebenan schläft der Hollandschmann, der ist selbst zum Horchen zu faul.“

Und sie tranken unbesorgt weiter.

„Zweitausend Dollar ist eigentlich ein bißchen wenig für dich!“ scherzte Michel Mohr beim vierten Glase. „Du bist unter Brüdern viel mehr wert.“

„Jawohl!“ bestätigte Peter Voß todernst. „Zwei Millionen.“

„Wo hast du denn die gelbe Tasche?“

„Vor Louisville habe ich sie über Bord geworfen, sie schwimmt längst im Mississippi. Ich schätze so zwischen Kairo und Memphis.“

Moritz Pietje kam allmählich dahinter, daß der Fremde, der bei dem Bootsmann saß, ein steckbrieflich verfolgter Millionendieb war, auf dessen Ergreifung eine Belohnung von zweitausend Dollar ausgesetzt war.

Die will ich mir morgen früh verdienen! dachte Moritz Pietje und schlief ein.

Eine Stunde nach Mitternacht, als das ganze Schiff wie ausgestorben dalag, nahm der Bootsmann seinen allerbesten Freund an der Hand und führte ihn durch verschiedene dunkle Gänge und Löcher in den großen Raum mittschiffs, der für das Passagiergepäck bestimmt war. Die Hälfte des Raumes war schon gefüllt, in langen Reihen standen hier die großen Koffer nebeneinander. Eine einzige Glühbirne brannte da. Michel Mohr schraubte sie aus der Fassung und steckte sie ein. Und es ward pechfinster.

„Im Laderaum brechen wir jetzt die Beine,“ sprach er ganz leise. „Da ist kein Licht. Morgen früh beizeiten komm ich wieder. Schließlich kannst du, wenn’s hell wird, selbst hinunterkriechen. Du weißt ja an Bord Bescheid, und der Dümmste bist du nicht. Leg dich nur hier auf den langen Koffer, da sehen dich die Stewards nicht, wenn sie hier durchkommen. Und hier hast du eine Decke.“

Peter Voß gehorchte, kroch bis zum Hals unter die Persenning, die der Bootsmann aus der Ecke herausgeschleppt hatte, und schloß die Augen.

„Adjüs!“ flüsterte Michel Mohr und schlich davon.

Peter Voß wollte einschlafen, aber er hörte etwas, und das hielt ihn wach. Ganz in der Nähe tickte eine Taschenuhr. Dieses Ticken, so schwach es auch war, irritierte ihn mächtig. Er hielt den Atem an und lauschte. Das Ticken kam aus dem Koffer, auf dem er lag. Nun wurde er nervös.

Zum Teufel! dachte er. Wenn diese vermaledeite Uhr nicht bald stille steht, werde ich die ganze Nacht kein Auge zumachen.

Aber die Uhr tickte unentwegt weiter. Peter Voß fingerte an den beiden Schlössern des Koffers herum. Der Gedanke, die Uhr auf jeden Fall zum Stehen zu bringen, war inzwischen bei ihm zur fixen Idee geworden. Es war ein unverantwortlicher Leichtsinn von dem Besitzer des Koffers, eine aufgezogene Uhr darin zu verpacken.

Die beiden Schlösser waren nichts weniger als sinnreich. Mit seinem Taschenmesser, das, echt amerikanisch, sieben Klingen, darunter einen Champagnerhaken, eine Säge und einen Schraubenzieher besaß, ging er den Nägeln und Schrauben zu Leibe. Gewaltsam bog er die beiden Klammern beiseite. Der Deckel bog sich von selbst, als hätte er eine geheime Feder.

„Damn!“ flüsterte eine Stimme. „Kommst du endlich? Ich hab einen furchtbaren Durst. Mit dem Whisky bin ich schon lange fertig.“

Peter Voß, den so leicht nichts aus der Fassung bringen konnte, packte den Kofferpassagier vor der Brust und sprach mit leiser, aber furchtbar ernster Stimme: „Mann, Ihr seid ein Betrüger!“

Doch der andere ließ sich ebensowenig verblüffen, griff zu, und schon zerrten und balgten sie sich in dem dunklen Raum hin und her. Der Fremde war ein schlanker, sehniger Kerl und verfügte über Riesenkräfte, so daß Peter Voß geschwind ins Gedränge kam. Geschickt entschlüpfte er ihm, und der andere boxte nun wie unsinnig gegen die Kofferecken. So kam er allmählich von Kräften, daß ihn Peter Voß schließlich unterlaufen und wieder in den Koffer hineinschleudern konnte. Mit kühnem Griff klappte er den Deckel herunter. Bis auf den Kopf und die linke Hand war der ungeschlachte Berserker gefangen.

„Wollt Ihr jetzt Frieden geben?“ keuchte Peter Voß.

„Eine ganz verteufelte Lage!“ ächzte der andere. „Drückt nicht so, sonst quetscht Ihr mir den Hals ab.“

„Bitte sehr!“ sagte Peter Voß entgegenkommend und lüftete den Deckel ein wenig. „Wenn Ihr manierlich sein wollt, könnt Ihr es besser haben. Zuerst sagt mir, wer Ihr seid und wie Ihr in diesen Koffer kommt?“

Der andere berichtete kleinlaut, daß er Sam Fletcher hieße und mit seinem Freund Frank Murrel ein feines Plänchen ausgeheckt hätte, um ohne Billett nach Plymouth zu fahren. Sie waren beide am Metropol-Varieté in London engagiert, Sam Fletcher als Musikklown und Frank Murrel als Jongleur und Verwandlungskünstler.

„Und wer seid Ihr?“ fragte er gespannt.

„Ich bin der Schah von Persien!“ sagte Peter Voß, dem gerade nichts Besseres einfiel, verbesserte sich aber schnell. „Ich gehöre mit zur Besatzung.“

Sam Fletcher traten die Haare zu Berge. Kein Zweifel, er war in die Hände eines verrückten Stewards oder Matrosen gefallen. Und schon sann er darauf, wie er wieder die Oberhand gewinnen könnte.

„Habt Ihr ein Streichholz?“ fragte Peter Voß. „Ich glaub, ich habe mein Messer verloren.“

„Hier habt Ihr meine elektrische Taschenlampe,“ erwiderte der andere beflissen, um den gemeingefährlichen Menschen bei guter Laune zu erhalten.

„Danke!“ sagte Peter Voß und ließ den Deckel fahren. „Laßt Euch aber ja nicht einfallen, aufzustehen, sonst schmeiß ich Euch über Bord!“

Dann machte er sich auf die Suche. Der andere verfolgte ihn mit flackernden Blicken, erhob sich lautlos aus seinem Gefängnis und stürzte, als Peter Voß sich nach dem Messer bücken wollte, von hinten auf den Feind. Drei Sekunden später lag Peter Voß im Koffer, und der Deckel klappte unbarmherzig herunter.

„Halloh!“ rief er und pochte heftig. „Laßt Eure verdammten Späße, oder der Teufel soll Euch lotweise holen.“

„Noch ein Wort,“ drohte Sam Fletcher, „und ich verstopfe die Luftlöcher.“

„He!“ lachte Peter Voß, „ich schneide mir neue.“

„Dann müßt Ihr schon zwei Messer haben!“ höhnte der andere und begann die Schlösser wieder anzuschrauben, wobei ihm Peter Voßens Messer vortreffliche Dienste leistete. Sam Fletcher strich dabei ein Streichholz nach dem andern an.

„Na, denn nicht!“ meinte Peter Voß seelenruhig. „Ich liege hier drin sehr gut!“

Sam Fletcher hatte jetzt die Hände frei, aber seine Streichhölzer gingen auf die Neige. Das Messer warf er weg.

„Gebt das Feuerzeug heraus!“ befahl er.

Als Antwort begann Peter Voß laut zu schnarchen. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen, er lag im sicheren Koffer.

Fluchend begann Sam Fletcher ein neues Versteck zu suchen. Mit Hilfe des letzten Streichholzes fand er ein Loch, fühlte dahinter einen niedrigen Gang, eine Treppe, kroch auf allen Vieren immer tiefer in den Bauch des Riesenschiffes hinein, stieß sich da und dort blaue Flecke, purzelte und überschlug sich, kletterte über Kohlen und Stückgut und sank endlich, halb verzweifelt und erschöpft, auf ein paar weiche Säcke, wo er sofort einschlief.

Peter Voß unterzog währenddessen seine kleine Kabine einer gründlichen Untersuchung. Die elektrische Taschenlampe funktionierte vortrefflich. In einer Ecke war eine ganze Batterie Selterflaschen kunstvoll aufgeschichtet. Brot, kaltes Geflügel, Konserven und eingemachte Früchte nahmen im freundlichen Gemisch die andere Ecke ein. Die Whiskyflaschen waren leider leer. Trotzdem ließ es sich hier in diesem engen Kämmerchen ganz vergnüglich leben. Sogar ein paar Rollen Kautabak von der feinsten Sorte waren vorhanden.

Peter Voß labte sich an Speise und Trank und streckte sich in die weichen Kissen. Gleich darauf war er eingeschlafen und schlief so fest und tief, wie nur ein Mensch mit einem guten Gewissen schlafen kann.

Beim Morgengrauen erwachte auf Deck das Leben. Michel Mohr kam in den Kofferraum, fand Peter Voß nicht mehr vor und dachte sich das Nächstliegende, nämlich, daß er allein den Weg hinunter in den Laderaum gefunden hätte.

Dann trat er zum ersten Offizier und teilte ihm mit, daß Moritz Pietje ein paar Minuten Landurlaub haben wollte.

Das wurde in Anbetracht der kurz bevorstehenden Abfahrt verweigert. Nun ging Moritz Pietje ohne Erlaubnis an Land, und zwar über die beiden hinteren Festmachtrossen. Die zweitausend Dollar wollte er auf keinen Fall fahren lassen. Er wandte sich an die beiden Kriminalpolizisten, die den Eingang des Docks besetzt hielten, und meldete, daß er wüßte, wo ein Millionendieb sei. Aber erst wollte er die Belohnung haben. Der eine Beamte fuhr mit ihm auf die Polizeioffice. Auch da war Moritz Pietje ohne Geld nicht zum Sprechen zu bringen.

Dem Polizeioffizier, der ihn verhörte, blieb schließlich nichts anderes übrig, als zweitausend Dollar auf den Tisch zu legen.

Nun gab Moritz Pietje an, daß der Millionendieb an Bord der „Pennsylvania“ sei, und zwar in der Kammer des ersten Bootsmannes. Schnell wollte er das Geld einstecken. Aber er wurde eines Besseren belehrt. Erst mußte sich die Wahrheit der Aussage herausstellen. Also blieb Moritz Pietje ruhig sitzen und wartete. Die zweitausend Dollar waren ihm sicher. Dafür konnte er schon seine Heuer und seine Effekten an Bord im Stich lassen.

Wenige Minuten später traten fünf Polizeimänner über die Laufbrücke der „Pennsylvania“, verständigten sich unauffällig mit dem ersten Offizier, der zwar über die Nachricht, daß Michel Mohr, sein braver Bootsmann, einen Millionendieb beherberge, den Kopf schüttelte, und drangen in die Kammer ein, wo sie nichts fanden. Sie durchsuchten die nebenliegenden Mannschaftsräume, wiederum vergeblich. Nun gingen sie zu Kapitän Siems und teilten ihm mit, daß sie das ganze Schiff durchsuchen müßten.

„Aber beeilen Sie sich, meine Herren!“ sagte der, strich sich ärgerlich den dünnen, blonden Kinnbart und zog sich mit einem Ruck die Weste über den Kugelbauch. „Ich möchte in zwei Stunden in See gehen.“

Und sie suchten eine Stunde lang ohne Erfolg. Die Passagiere kamen an Bord. Die dritte Luke auf dem Verdeck verschlang mit unermüdlicher Gier einen Koffer nach dem andern.

Nanu! dachte Peter Voß und legte sich auf die andere Seite. Ist das ein Rumor! Dabei soll nun ein anständiger Mensch schlafen können!

„Haben Sie ihn noch nicht?“ knurrte der Kapitän wütend. „Die Steuerbordwache soll suchen helfen.“

Der erste Offizier stieß in die Flöte. Die Matrosen der Steuerbordwache, angeführt von dem dritten und vierten Offizier und von Michel Mohr, verteilten sich stöbernd in die Laderäume. Auch ein Teil des Maschinenpersonals und die Mehrzahl der Stewards wurden herangezogen. Durch das ganze Schiff wimmelte es wie in einem aufgewühlten Ameisenhaufen.

Und Michel Mohr suchte seinen guten Freund Peter Voß, aber er suchte ihn nicht, um ihn der Polizei auszuliefern, sondern um ihn so gut zu verstecken, daß er überhaupt nicht aufzufinden war. Seine Leute schickte er hierher und dorthin, wo sie ihm nicht in den Weg laufen konnten. Die Polizisten krochen in den Bunkern herum. Die Backbordwache machte unterdessen das Schiff seeklar. Dreimal brüllte die Dampfpfeife.

Da erschien ein Polizeileutnant an Deck.

„Das Schiff darf nicht eher den Hafen verlassen, bis der Verbrecher gefunden ist!“ sprach er zum Kapitän.

Well!“ sagte der kaltblütig. „Jede Minute kostet hundert Dollar. Wir brauchen nur noch die Leinen loszuwerfen.“

In diesem Augenblick fand Michel Mohr den Missetäter im untersten Raum, friedlich schlafend auf zwei Wollsäcken. Er sah auf den ersten Blick, daß es nicht Peter Voß war.

„Ich hab ihn!“ brüllte er und hielt ihn fest.

Der Mann schlug um sich wie ein Verzweifelter, sträubte sich heftig und boxte, als sei er ganz von Sinnen. Aber Michel Mohrs Fäuste waren wie von Eisen. Die Polizisten sprangen auf sein Geschrei herbei, doch erst nach langer Gegenwehr konnten sie den Rasenden überwältigen. Er wurde gefesselt. Nun brüllte er, als ob er gespießt werden sollte. Darum mußte man ihn knebeln. Sechs Polizeifäuste griffen zu, hoben ihn hoch und im Hui!, die „Pennsylvania“ hatte sich schon vom Kai gelöst, ging’s über das Fallreep auf den kleinen Polizeidampfer hinunter.

Michel Mohr schaute über die Reling und lachte sich heimlich ins Fäustchen. Peter Voß war noch an Bord.

Jungedi! dachte der Bootsmann. Der Kerl hat sich so verkrochen, daß ich ihn nicht einmal finden kann, und das will doch allerhand besagen!

„Sam! Sam!“ schrie da plötzlich eine Stimme aus der untersten Bullaugenreihe.

Es war Frank Murrel, der voll Entsetzen zu sehen glaubte, wie man ihm seinen guten Freund und Kollegen Sam Fletcher entführte.

„Sam?“ fragte sein Nachbar, der den Kopf durch das zweitnächste Rundloch streckte, denn die Nebenkabine war unbesetzt. „Sam heißt der nicht. Das ist Peter Voß aus St. Louis, der Millionendieb.“

Frank Murrel fiel ein großer Stein vom Herzen, und er rief dem Steward, der wie gehetzt durch den Gang sauste, nach, sofort seinen großen Koffer aus dem Gepäckraum in die Kabine zu bringen. Dann goß er aufatmend einen Kognak hinunter, während die „Pennsylvania“, von zwei starken Schleppdampfern gezogen, in den Hudson einschwenkte.

Peter Voß hatte von all dem nichts bemerkt und schlief in seinem Koffer wie ein Murmeltier.