4.

Dodd und Polly waren im Metropol-Hotel abgestiegen. Polly hatte sich inzwischen von der tollen Automobilfahrt erholt und ging an demselben Morgen, als die „Pennsylvania“ in den Hudson einschwenkte, über den Broadway. Das erste, was ihr in die Augen fiel, war das gelbe Plakat mit dem Bilde ihres Mannes. Sie stand zur Bildsäule erstarrt. So also hielt Dodd sein Versprechen!

Aufs äußerste empört, kehrte sie ins Hotel zurück, um ihn zur Rede zu stellen.

Er war nicht da. Kurz nachdem sie ohne sein Wissen das Hotel verlassen hatte, war er telephonisch von der Polizeioffice angerufen worden.

„Peter Voß gefangen. Er befindet sich hier. Leugnet es zu sein. Aehnlichkeit mit der Photographie vorhanden.“

Sofort war Dodd zur Stelle und trat Sam Fletcher gegenüber. Daneben stand Moritz Pietje, der Denunziant, der steif und fest behauptete, daß der Gefangene, obschon er schwarze Haare hatte, der gesuchte Millionendieb sei. Denn der brave Hollandschmann wollte die zweitausend Dollar nicht gutwillig fahren lassen.

Sam Fletcher benahm sich wie ein freier, amerikanischer Bürger, der sich ohne ersichtlichen Grund in den Händen der Polizei sieht. Er war schon von Natur aus frech. Moritz Pietje hielt sich in respektvoller Entfernung.

„Die Identität dieses Mannes mit Peter Voß werden wir geschwind festgestellt haben!“ sagte Dodd.

„Da bin ich aber sehr neugierig!“ sagte Sam Fletcher und steckte die Fäuste in die Hosentaschen.

„Halten Sie ihn fest, ich werde seine Frau holen!“ rief Dodd dem Polizeioberst zu und sprang hinaus.

Sam Fletcher schickte ihm ein schallendes Gelächter nach und hob die geballte Faust gegen Moritz Pietje.

In demselben Augenblick, als Pollys Empörung über Dodds offenbaren Wortbruch ihren Höhepunkt erreicht hatte, trat er in den Salon, der zwischen ihren Zimmern lag.

„Sie haben infam gehandelt!“ rief sie ihm entgegen. „Sie haben die Sache der Polizei übergeben, obschon Sie mir versprochen haben, es nicht zu tun. Sie sind kein Gentleman.“

„Sie haben den Steckbrief gesehen!“ rief er bestürzt. „Nun gut, ich gestehe meine Schuld ein. Ich sah keinen anderen Ausweg, es geschah zu seinem Besten.“

„Nein!“ rief sie und brach in Tränen aus. „Sie wollen ihn vernichten. Aber ich werde es zu verhindern wissen.“

Und dabei trat sie mit dem Fuße auf wie ein trotziges Kind. Was er auch vorbrachte, sich zu entschuldigen, nichts verschlug bei ihrem Eigensinn.

„Mrs. Voß!“ sagte er endlich. „Sie müssen mir vertrauen. Das ist die erste Bedingung, sonst arbeiten wir gegeneinander.“

„Das werde ich tun!“ stieß sie triumphierend heraus. „Ganz bewußt werde ich gegen Sie arbeiten, denn Sie wollen ihn ins Unglück stürzen. Sie halten ihn für einen Verbrecher. Sie denken gar nicht daran, daß er krank ist. Das haben Sie mir nur eingeredet, um mich hierher zu locken. Ich habe Ihr Spiel durchschaut, Mr. Dodd, und verweigere Ihnen die Gefolgschaft. Ich werde ihn auf eigene Faust suchen und nach St. Louis zurückbringen.“

„O Mrs. Voß!“ erwiderte er ganz unglücklich. „So wie ich ist selten ein Mann verkannt worden. Ich schwöre Ihnen ...“

„Schwören Sie nicht!“ schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich kenne Sie! Sie sind ein Mann, der vor einem falschen Eid nicht zurückschreckt, wenn er dadurch sein Ziel erreichen kann. Und dieses Ziel ist, Sie wollen meinen Mann ins Zuchthaus bringen.“

„Ins Sanatorium!“ verbesserte er sie und erlangte durch seine Zähigkeit allmählich die Oberhand. „Der Steckbrief ist nur in New York verbreitet worden. Und was, Mrs. Voß, ist denn so ein Steckbrief weiter! Es steht doch in allen Zeitungen, in St. Louis, in New York, in San Francisco, daß Mr. Voß zwei Millionen entwendet hat. Und habe ich es vielleicht hineinsetzen lassen?“

Darauf wußte sie nichts zu erwidern, aber ihre zusammengepreßten Lippen verrieten nur zu deutlich, daß sie noch immer nicht geneigt war, ihren einmal gefaßten Argwohn gutwillig fahren zu lassen.

„Und überdies,“ fuhr er fort, „wozu streiten wir? Peter Voß sitzt bereits auf der Polizeioffice. Es ist nur nötig, ihn seiner Identität zu überführen. Und dazu bitte ich um Ihre Mitwirkung.“

Polly kam in die Höhe.

„Sie haben ihn?“ schrie sie auf.

„Ich hoffe es!“ sagte er bescheiden. „Und wenn er nur sofort das Geld abliefert, verspreche ich Ihnen sogar, ihn bei der Ueberführung nach St. Louis entschlüpfen zu lassen.“

Sie stand einen Augenblick und sah ihn starr an. Seinen Worten konnte sie noch immer keinen Glauben schenken. Sie war sofort entschlossen, mit ihm zu gehen, um die Identität abzuleugnen, falls sie vorhanden war. Und so willigte sie endlich ein und fuhr mit ihm nach der Polizeioffice.

Sam Fletcher wurde vorgeführt. Polly wandte sich schaudernd ab, sie hatte nicht nötig, die Identität zu leugnen.

„Was wollten Sie auf dem Schiffe?“ forschte Dodd.

„Ich bin Zwischendeckspassagier!“ log Sam Fletcher kühl. „Ich werde die Polizei für meine Verluste verantwortlich machen, wenn ich mein Engagement in London verliere.“

„Wie kommen Sie in den Laderaum?“

„Ich habe mich im Finstern verlaufen! Wenn ich nur gewußt hätte, wie ich da hineingekommen bin, so wäre ich sicher nicht drin geblieben.“

Auch die Vernehmung Moritz Pietjes förderte nichts zutage. Es blieb schließlich nichts anderes übrig, als die beiden Schelme laufen zu lassen. Auf der Straße gerieten sie sich in die Haare, wobei zwei wachthabende Polizisten ruhig zusahen, wie Moritz Pietje für seine Denunziation hinreichend bezahlt wurde. Denn Sam Fletcher verstand zu boxen wie Jim Jeffries.

„Der Verbrecher befindet sich noch an Bord der „Pennsylvania“,“ entschied Bobby Dodd. „Wir werden ihm sofort ein drahtloses Telegramm nachschicken. Ich selbst fahre morgen mit der „Mauretania“ nach Liverpool und werde ihn in Plymouth in Empfang nehmen.“

Eine Stunde später, die „Pennsylvania“ hatte Staten Island längst hinter sich, brachte der Bordtelegraphist dem Kapitän Siems ein drahtloses Telegramm, das folgenden Wortlaut hatte: „Der Millionendieb Peter Voß aus St. Louis, auf dessen Ergreifung eine Belohnung von zweitausend Dollar gesetzt ist, befindet sich an Bord der „Pennsylvania“, Sie werden ersucht, ihn sofort zu verhaften.“

„Steward!“ rief der Kapitän. „Bringen Sie mir mal die Passagierliste.“

Doch darin war kein Peter Voß zu finden. Der Kapitän ließ dieses Resultat zurücktelegraphieren.

Sofort kam die Antwort: „Der Dieb sitzt im Schiffsraum.“

„Noch einer!“ knurrte der Kapitän ärgerlich. „Was sich die Leute bloß denken!“

Dann ließ er den ersten Offizier und den ersten Bootsmann holen.

„Michel!“ sagte er zu ihm. „Da soll noch ein Millionendieb im Raum stecken.“

„Das kann doch nicht gut möglich sein!“ antwortete Michel Mohr treuherzig.

„Er muß gesucht werden!“ sagte der Kapitän und sah den ersten Offizier fragend an.

„Wenn ihn der erste Bootsmann nicht findet,“ antwortete der Offizier, der keine Lust hatte, sich in den Räumen die Uniform zu beschmutzen, „dann findet ihn keiner. Er kann ja den Zimmermann zu Hilfe nehmen!“

„Der Zimmermann hat jetzt keine Zeit,“ meinte Michel Mohr. „Ich will erst mal selbst zusehen. Ausreißen kann er nicht mehr. Später können wir ja mit mehr Leuten suchen.“

„Er hat recht!“ sagte der Kapitän, und damit war die Angelegenheit vor der Hand erledigt.

Michel Mohr verlangte vom Obersteward den Schlüssel zum Gepäckraum.

„Da sind eben zwei Stewards hinten, die den großen Koffer für Mr. Murrel holen,“ sagte der.

Und richtig, da kamen die beiden Stewards schon keuchend unter der schweren Last durch den schmalen Kajütsgang.

Frank Murrel schlief in seiner Kabine allein. Wenn er sich den ohnehin engen Raum mit diesem Riesenkoffer füllen wollte, so war das seine eigne Sache.

„Nicht stürzen, um Gottes willen nicht stürzen!“ rief er und öffnete die Kabinentür. „Immer ganz sanft aufsetzen. Es sind Glassachen darin.“

Du wirst dich wundern! dachte Peter Voß schadenfroh.

Die beiden Stewards bekamen ein Trinkgeld und zogen ab.

Frank Murrel war mit seinem Koffer allein. Rasch riegelte er die Tür ab, löste mit fliegenden Händen die Schloßriegel und prallte entsetzt zurück.

„Guten Morgen, Mr. Murrel!“ sagte Peter Voß, stieg heraus, klappte den Deckel zu und setzte sich darauf, wobei er Arme und Beine nach Herzenslust streckte.

„Sie sind,“ ächzte Frank Murrel, als sähe er ein leibhaftes Gespenst, „Sie sind Peter Voß.“

„Ganz recht!“ nickte Peter Voß. „Ich bin der Millionendieb aus St. Louis. Es freut mich sehr, daß mein Ruhm schon bis zu Ihnen gedrungen ist.“

„Was wünschen Sie?“ preßte sich Frank Murrel heraus.

„Können Sie sich das gar nicht denken?“ lachte Peter Voß. „Sie werden mich an Stelle Ihres Freundes mit nach London nehmen. Ich habe aber nicht die Absicht, acht Tage hier in der Kabine zu sitzen.“

„Sie wollen an Deck?“ stöhnte Frank Murrel entsetzt. „Das ist unmöglich.“

„O,“ lächelte Peter Voß abwehrend, „wenn man sich nur Mühe gibt und etwas mehr als die unbedingt nötige Vorsicht anwendet, ist nichts unmöglich. Sie halten es vielleicht für unmöglich, zwei Millionen zu stehlen. Ich versichere Ihnen, es war mir eine Kleinigkeit. Daß ich jetzt hier an Stelle Ihres Freundes auf dem Koffer sitze, hätten Sie gestern noch für unmöglich gehalten. Wie Sie sehen, ist es bereits eine unumstößliche Tatsache, mit der Sie sich abzufinden haben. Einigkeit macht stark, Mr. Murrel. Ich schlage vor, wir schließen einen Vertrag. Wenn Sie ihn halten, bin ich imstande, Sie fürstlich zu belohnen.“

„Wo haben Sie das Geld?“ forschte Frank Murrel neugierig.

„Auf der Bank von England!“ erwiderte Peter Voß. „Das ist eine ideale Anstalt für Defraudanten. Dort liegt es so sicher wie in Abrahams Schoß. Wenn ich erwischt werde, was ich allerdings nicht hoffe, sitze ich meine Jahre ab und hole es mir dann. Eine sehr einfache Sache.“

„Goddam!“ sagte Frank Murrel und reichte ihm die Hand hin. „Ich bin einverstanden, übernehmen Sie die Führung.“

„Sie sind ein vernünftiger Kerl!“ rief Peter Voß und schlug ein. „Wir werden uns schon vertragen. Sind Sie schon an Deck gewesen?“

„Nein!“ versetzte Frank Murrel. „Ich mußte doch erst den Koffer öffnen.“

„Famos!“ sagte Peter Voß. „Dann ist es kinderleicht. Ich gehe an Deck, und Sie bleiben unten.“

Frank Murrel versuchte nicht erst zu protestieren und senkte den Kopf. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als auf den Vorschlag einzugehen.

„Na!“ sagte Peter Voß gutmütig und klopfte ihm auf die Schulter. „In der Nacht können Sie hin und wieder an Deck gehen und ein bißchen Luft schöpfen. Wir haben ja eine gewisse Aehnlichkeit miteinander. Das haben Sie wohl auf der Polizeiwache gemerkt! Das Schlimmste ist Ihre Verpflegung. Die Vorräte im Koffer halten keine drei Tage vor. Wie haben Sie sich das eigentlich gedacht?“

Nun kam es heraus, daß Frank Murrel überhaupt nicht so weit gedacht hatte.

„Es wird sich schon ein Ausweg finden!“ meinte Peter Voß und setzte sich vor den Spiegel. „Zuerst muß ich die verdammte Farbe loswerden.“

Und schon ging er mit Seife und Bürste seinen knallroten Haaren zu Leibe.

„Ich habe etwas Besseres!“ sagte Frank Murrel und brachte eine Flasche zum Vorschein. „Als Bühnenkünstler muß man dergleichen immer zur Hand haben.“

„Bitte!“ lächelte Peter Voß und ließ sich von Frank Murrel gehörig den Kopf waschen, bis die rote Farbe allmählich verging. Dafür kam eine andere Farbe zum Vorschein.

„Zum Teufel!“ begehrte Peter Voß auf. „Jetzt hab ich grüne Haare.“

„Nur Geduld!“ tröstete ihn Frank Murrel und holte, nachdem er sich ein paar Handschuhe angezogen hatte, eine andere Flasche hervor. „Jetzt Nußbraun, das brauche ich selbst.“

Nach einer halben Stunde war das Werk vollbracht. In der Dunkelheit sahen sie sich zum Verwechseln ähnlich, aber im Licht konnte nur ein sehr Kurzsichtiger Peter Voß für Frank Murrel halten und umgekehrt.

Da klopfte es an die Tür. Peter Voß ging öffnen. Frank Murrel kroch vor Schreck in die Koje. Draußen stand der Steward und begehrte das Billett.

„Komm herein, mein Junge!“ sagte Peter Voß gemütlich und zog die Tür hinter dem Steward zu. „Siehst du, da ist noch einer, und wir haben nur ein Billett!“

Der Steward schaute betroffen von einem zum andern. Frank Murrel wäre am liebsten vor Angst in den Koffer gekrochen. Nur Peter Voß behielt seine Ruhe.

„Guck dir den Koffer an!“ fuhr er fort. „Es handelt sich nämlich um eine Wette. Der Herr wird dir sofort zwanzig Dollar geben. Ebensoviel kriegst du in Plymouth von ihm. Wir wollen dich nicht etwa bestechen oder in Ungelegenheiten bringen, mein Junge. Aber wir verlangen nichts umsonst. Für dich steckt der Mann da stets im Koffer, auch wenn er auf dem Sofa liegt. Verstanden? Sonst sind die zweiten zwanzig Dollar futsch. Und wenn du ihn gut fütterst, lege ich noch zehn Dollar zu.“

Der Steward war nicht dumm und hatte bald begriffen. Fünfzig Dollar! Soviel betrug fast die halbe Passage. Er nickte nur und streckte die Hand aus. Frank Murrel zog das Geld mit süßsaurer Miene aus der Hosentasche.

Dann wurde der große Koffer aufgekantet, in der Ecke festgelascht, und Peter Voß ging als Frank Murrel an Deck. Er hatte sich dazu einen schön gestreiften Sakkoanzug ausgesucht.

Der erste Bootsmann aber suchte und suchte das ganze Schiff durch. Er rief Peter Voß mit Namen, aber niemand meldete sich.

Er ist wohl doch nicht mehr an Bord! dachte Michel Mohr und machte dem Kapitän Meldung davon, der sofort nach New York zurücktelegraphieren ließ.

Michel Mohr ging darauf über Deck, um seinem Freunde Peter Voß ein stilles Glas Grog zu weihen. Da strich ein Passagier an ihm vorbei, der einen nobelgestreiften Rock anhatte, einen steifen, schwarzen Hut auf den kurzgeschorenen, braunen Haaren trug und zwischen den Zähnen eine Zigarette hielt. Er sah Peter Voß sogar ein bißchen ähnlich. Die Hände hatte er mit den Daumen in die Hosentaschen gehängt. Mit den übrigen acht Fingern spielte er vor Vergnügen Klavier an den Hosennähten.

„Michel!“ flüsterte dieser Passagier plötzlich, ohne die Zigarette aus den Zähnen zu nehmen. „Sorg dich nicht, ich bin fein zuwege.“

Und schon war er um die Ecke verschwunden. Michel Mohr glotzte ihm nach.

So ein Kerl! dachte er. So ein gottverdammter Kerl! Wie kommt er bloß in die Kajüte! Da schlag doch einer lang hin!

Dann machte er, daß er in seine Kammer kam, um das innere Gleichgewicht vermittelst einiger Grogs wiederherzustellen.

Beim Lunch wurde Peter Voßens Messer als gefunden ausgeläutet. So kam er wieder zu seinem Eigentum zurück.

Inzwischen hatte Dodd mit Polly einen schweren Stand. Sie wollte durchaus in New York bleiben, weil sie ihren Mann noch immer hier vermutete. Dodd dagegen hatte schon Kabinen auf der „Mauretania“ belegt, die zwei Tage eher in Liverpool anlangte, als die „Pennsylvania“ in Plymouth.

„Mrs. Voß,“ beschwor er sie, „warum vertrauen Sie mir nicht!“

„Wegen des Steckbriefs!“ trumpfte sie auf. „Ich bleibe hier. Und wenn ich ihn hier nicht finde, werde ich ihn in Deutschland suchen. Dort hat er Verwandte, einen Onkel. Er hat mir sehr viel von ihm erzählt.“

„Wissen Sie, wo dieser Onkel wohnt?“ fragte Dodd interessiert.

„Ich habe den Namen der Stadt vergessen,“ erklärte sie. „Es war eine kleine Stadt. Aber er wird mir schon wieder einfallen.“

„Mrs. Voß, ich mache Ihnen einen Vorschlag,“ sagte Dodd aufrichtig, „daraus werden Sie erkennen, wie ernst ich es mit meinem Versprechen nehme. Ohne die Hilfe der Polizei bin ich machtlos. Ich kann auf den Steckbrief ebensowenig verzichten wie auf Ihre Hilfe. Sollte jedoch Mr. Voß irgendwo gefaßt werden, so stelle ich Ihnen frei, seine Identität schlankweg zu leugnen. Und man wird ihn auf der Stelle freilassen. Dann aber werden Sie sich heimlich mit ihm verständigen und sich ihm anschließen. Sie geben mir dann Nachricht, und ich komme darauf zu Ihnen, und wir erledigen die ganze Sache in Güte unter uns. Ins Sanatorium aber muß er auf alle Fälle.“

Polly fuhr auf und starrte ihn an. Wie war es möglich gewesen, daß dieser Mann ihre geheimsten Gedanken erraten hatte!

„Sie werden also gar nicht nötig haben, gegen mich zu arbeiten,“ fügte er hinzu.

„Wie können Sie wissen?“ stieß sie fassungslos heraus.

„Daß Sie so etwas schon heimlich erwogen haben,“ versetzte er lächelnd. „Es lag ja auf der Hand, und ich rate Ihnen selbst dazu, um mir wieder Ihr Vertrauen zu erringen. Denn Ihre Sympathie ist mir außerordentlich wertvoll.“

„Was soll das heißen!“ rief sie außer sich.

„Ich liebe Sie!“ sagte er ganz einfach.

„Mr. Dodd!“ lachte sie verzweifelt auf. „Sie sind in meinen Augen eine komische Figur.“

„Es mag sein!“ erwiderte er ernst. „Aber ich denke, Sie werden allmählich lernen, mich nicht humoristisch zu nehmen. Ich halte Mr. Voß für einen hoffnungslosen Paralytiker. Es kommt die Zeit, wo Ihnen nichts anderes übrig bleiben wird, als sich von ihm zu trennen.“

„Niemals!“ rief sie entrüstet.

„Und dann werden Sie sich meiner erinnern!“ fuhr Dodd unbeirrt fort. „Ich werde warten.“

Polly preßte die Hände gegen die fiebernden Wangen.

„Ich werde Sie niemals lieben!“ rief sie und sank weinend in den Sessel.

Ihr Widerstand war besiegt.

„Sie sind vorläufig noch gar nicht in der Lage, das entscheiden zu können!“ bemerkte er sanft. „Mein Vorschlag bringt die Lösung. Nehmen Sie ihn an und fahren Sie mit mir nach England. Ich werde Ihnen beweisen, daß ich ein Gentleman bin. Ist Peter Voß nicht verrückt, dann kommt er ins Zuchthaus. Kommt er nicht ins Zuchthaus, dann ist er verrückt. Und bei seiner außerordentlichen Intelligenz kann es nur unheilbarer Wahnsinn sein, der ihn antrieb, nach den Millionen zu greifen. In beiden Fällen werden Sie sich von ihm scheiden lassen müssen. Und dann, Mrs. Voß, werde ich erscheinen, und Sie werden mich nicht zurückstoßen.“

„Nein, nein!“ seufzte sie mit ersterbender Stimme. „Er wird gesund werden, er muß gesund werden. Ich werde ihn pflegen.“

In diesem Augenblicke wurde Dodd das drahtlose Telegramm gebracht, nach dem Peter Voß auf der „Pennsylvania“ nicht aufzufinden war.

„Sie haben knapp zwei Stunden gesucht!“ sprach er ärgerlich und warf es auf den Tisch. „Er ist doch an Bord!“

Am nächsten Morgen fuhr er und Polly mit der „Mauretania“ auf Liverpool zu. Die ersten Tage hatten die Schiffe drahtlose Verbindung miteinander, und Dodd forderte den Kapitän Siems auf, weitere Nachforschungen nach dem Millionendieb anzustellen. Doch es kam keine Antwort, für Kapitän Siems war die Sache völlig erledigt. Er hatte es satt, sich mit diesen verdammten amerikanischen Millionendieben herumzuärgern.

Frank Murrel ließ es sich drei Tage lang wohl sein, wurde von dem Steward sehr gut verpflegt und söhnte sich mit den Widerwärtigkeiten seines Schicksals aus. Aber dann wurde er seekrank, und zwar auf eine so erbarmungswürdige Weise, daß Peter Voß mit Hilfe des Stewards nachtsüber in die leere Nebenkabine übersiedelte.

Erst am sechsten Tage wurde Frank Murrel wieder besser, allerdings nur körperlich. Aus seinem Geiste lagerte ein dumpfer Druck. Den ganzen Tag saß er in der Koje und hatte den Kopf zwischen den Händen. Eine sehr moderne Krankheit war bei ihm im Anzuge, die Kabinenangst. Peter Voß merkte es wohl und riet ihm mehrfach, in der Nacht an Deck zu schlüpfen. Aber Frank Murrels Furcht, entdeckt zu werden, war immer noch größer als seine Kabinenangst.

Da ließ ihn Peter Voß sitzen. Bald war es ja überstanden. Die „Pennsylvania“ näherte sich schon stark der englischen Küste.

Peter Voß war der Held des Decks, er hatte eine ganze Gesellschaft um sich versammelt und unterhielt sie mit seinen Schnurren und Kartenkunststückchen. Dafür galt er ja als Frank Murrel, der Varietékünstler. Zu jonglieren lehnte er entschieden ab, weil das Schiff nicht genügend still lag. Er konnte es natürlich nicht. Ein paar Backfische fanden ihn einfach himmlisch. Am letzten Abend der Ueberfahrt war das Kapitänsessen. Peter Voß hielt dabei eine schwungvolle Rede auf den wackeren Kapitän Siems und wurde von ihm zu einem Glase Bier eingeladen.

„Mr. Murrel!“ sagte er beim zweiten Glase. „Sie sind ein ganz patenter Kerl. Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“

„Meine Mutter war eine Hamburgerin,“ versetzte Peter Voß bescheiden.

„Also auch ein Hamburger Jung!“ rief der Kapitän begeistert und stieß mit ihm an.

Aber die Gesellschaft an Deck wollte nicht länger auf Peter Voßens gesellschaftliche Talente verzichten und ließ ihn durch den Decksteward herunterbitten.

Bald saß er wieder mitten unter ihnen und brachte sie in wenigen Augenblicken zum Lachen, kaltblütig wie ein gewerbsmäßiger Spaßmacher.

Und da platzte die Bombe, und daß sie platzte, daran war nichts anderes als Frank Murrels Kabinenangst schuld. Sie hatte jede Vernunft in ihm erstickt. Er mußte hinauf! Sonst wäre er verrückt geworden. Er hätte sich aus dem Bullauge ins Meer gestürzt, wenn die Kabinentür abgeschlossen gewesen wäre. Groß genug war es dazu.

Jetzt war ihm alles gleich. Er wankte an Deck auf Peter Voß zu, den Hahn im Korbe der Gesellschaft.

Da standen sich plötzlich zwei Frank Murrels gegenüber. Die beiden Backfische fielen in Ohnmacht.

„Betrüger!“ zischte der echte Murrel und hob die Faust.

Die Passagiere schrien und stoben auseinander wie ein Schwarm Tauben, unter die der Habicht gefahren ist. Sie tobten aufgeregt durcheinander. Aus dem Rauchzimmer stürzte der Obersteward. Man schrie nach dem Kapitän.

Nur die Ruhe kann es machen! dachte Peter Voß und fixierte seinen Doppelgänger.

„Verhaften Sie diesen Menschen!“ sagte er dann kaltblütig zu dem Obersteward. „Er ist der Millionendieb Peter Voß aus St. Louis.“

„Schurke!“ schrie der andere. „Du bist es selbst!“

„Das ist also der Dank!“ brüllte ihn Peter Voß in der ehrlichen Entrüstung eines enttäuschten Wohltäters an. „Sie kriechen in meinen Koffer, zerbrechen mir meine kostbaren Glassachen, und ich habe trotzdem Mitleid mit Ihnen und verberge Sie in meiner Kabine. Und nun besitzen Sie die Kühnheit, mir den Kleiderschrank zu beräubern und hier herauf zu kommen und diese nichtswürdige Komödie zu spielen. Auch ein Millionendieb muß Ehre im Leibe haben.“

Ueber diese Unverschämtheit stand der echte Murrel wie entgeistert da.

Nun erschien Kapitän Siems. Er beschaute sich erst den echten, dann den falschen Murrel und schüttelte dann den Kopf. So etwas war ihm denn doch noch nicht vorgekommen!

„Hier sind meine Papiere!“ schrie der echte Murrel mit wutbebender Stimme und riß ein paar Blätter aus seiner Brusttasche.

„Ha!“ schrie Peter Voß mit noch wutbebenderer Stimme, stürzte sich schnell auf ihn und entriß ihm die Papiere. „Also auch die hast du mir gestohlen. Da schlag doch ein Kreuzhimmeldonnerwetter drein.“

„Kommen Sie mal beide mit!“ sagte der Kapitän und ließ sie voran aufs Bootsdeck steigen. „Das wollen wir geschwind heraus haben. Geben Sie mal die Papiere her.“

„Sie wagen an meiner Identität zu zweifeln?“ rief Peter Voß empört, als sie in der Kapitänskajüte waren.

„I wo!“ tröstete ihn der Kapitän. „Ich will bloß den andern entlarven.“

Da gab Peter Voß die Papiere heraus, und der Kapitän begann den echten Murrel nach allerlei zu fragen, was in den Papieren stand. Wie am Schnürchen wußte er die Angaben herzubeten.

„Was sagen Sie dazu?“ fragte der Kapitän ganz überrascht.

„Er hat als geübter Verbrecher die Papiere auswendig gelernt,“ erklärte Peter Voß wegwerfend.

In diesem Augenblick nahm Frank Murrel vom Tische einen schweren Aschenbecher aus gegossenem Glas, eine Streichholzschachtel und einen abgebrannten Zigarrenstummel und begann zu jonglieren. Und wie konnte er jonglieren! Obwohl der Dampfer vom Grundschwell der nahen Küste stark überholte, fiel kein Stück auf den Boden.

„Donnerwetter!“ rief Kapitän Siems in ehrlicher Bewunderung.

Jetzt sitz ich fest! dachte Peter Voß, steckte aber eine sehr verächtliche Miene auf.

„Na, Sie können das gewiß noch viel besser!“ wandte sich der Kapitän an Peter Voß.

„Gewiß!“ bestätigte er. „Aber ich tu es nicht.“

Kapitän Siems wich zurück, als hätte er einen sehr derben Schlag auf die Kugelweste erhalten. Sein Argwohn wuchs. Der echte Frank Murrel lächelte triumphierend. Die Kabinenfurcht verließ ihn restlos.

„Das ist sehr verdächtig!“ bemerkte der Kapitän und blätterte in den Papieren. „Wann ist Ihre Mutter geboren?“

Peter Voß sagte das richtige Datum, er hatte es sich genau gemerkt, als Frank Murrel seine Personalien hergebetet hatte.

Der Kapitän schaute ihn plötzlich außerordentlich kritisch an.

„Sagten Sie nicht, Ihre Mutter sei eine geborene Hamburgerin?“ fragte er stirnrunzelnd. „Hier stammt sie aus Boston. Ich denke, Sie geben die Komödie auf und lassen sich einsperren.“

Peter Voß nickte. Der Kapitän drückte auf den Knopf.

„Er hat die Millionen auf der Bank von England liegen!“ rief Frank Murrel.

„Das geht mich nichts an!“ wies ihn der Kapitän zurück und gab dem eintretenden Steward einen Wink, den ersten Bootsmann zu holen.

Michel Mohr kam und schaute sich die beiden Murrels an.

„Da steht der Millionendieb!“ sagte der Kapitän und wies auf Peter Voß. „Setz ihn mal fest.“

„Kommen Sie!“ schnauzte Michel Mohr seinen allerbesten Freund an und packte ihn am Arm.

„Mein Smoking!“ jammerte Frank Murrel, denn natürlich hatte sich Peter Voß zum Kapitänsessen den allerbesten Rock angezogen.

Er wurde in die kleine Kabine zurückgeführt und mußte in seinen alten blauen Anzug kriechen. Wieder packte ihn Michel Mohr am Arm und brachte ihn unter der Bedeckung zweier Stewards aufs Achterdeck, wo er die Isolierzelle des Hospitals aufschloß.

„Marsch, hinein mit dir, du gottverdammichter Millionendieb!“ brüllte er und gab ihm einen Fußtritt, der aber nur die Luft traf.

Der eine Steward grinste, dem andern schlotterten die Knie. Er schlich zu Frank Murrel in die Kabine und beschwor ihn unter Tränen, ihn nicht anzuzeigen.

„Geben Sie die zwanzig Dollar heraus!“ befahl Frank Murrel und nahm das Geld zurück. „Damit ist die Sache für mich erledigt. Sie haben mich wenigstens nicht verhungern lassen.“

Er war alles in allem ein Gemütsmensch.

Peter Voß war gefangen.

Eine ganz gemütliche Bude! dachte er. Nur ein wenig duster!

Denn es war gegen zehn Uhr abends.

Die „Pennsylvania“ hatte durch den Sturm eine solche Verspätung erlitten, daß der Kapitän nicht mehr hoffen konnte, vor Mitternacht den Hafen zu erreichen. Er befahl deshalb, die Maschine auf halbe Kraft zu setzen und ließ nach Plymouth telegraphieren, daß der Millionendieb gefangen sei.

Es war Mitternacht, als der Dampfer ziemlich dicht bei Cowsand vorbeischob.

Um diese Zeit versicherte sich Michel Mohr, daß niemand auf dem Achterdeck war, öffnete die Isolierzelle und schlüpfte hinein.

„Du mußt über Bord!“ flüsterte er Peter Voß zu. „Es ist höchstens eine Seemeile bis hinüber. Schwimmen kannst du ja.“

Damit öffnete er das Bullauge, das mehr als groß genug war, Peter Vossens geschmeidigen Körper durchzulassen. Er drückte Michel Mohr dankbar die Hand und warf den Rock ab. Durch die nächtige Dunkelheit schimmerte in geringer Entfernung an Backbord die Küste.

„Schlecht abkommen!“ meinte er, nachdem er den Kopf durch das Bullauge gesteckt hatte. „Laß mich lieber an Deck!“

„Aber du mußt über Bord springen!“ machte sich Michel Mohr aus.

„Verlaß dich drauf, ich bin gewohnt, große Sprünge zu machen!“ versicherte Peter Voß und holte aus der Tasche seiner Jacke seine Brieftasche. „Hier ist mein Geld. Mach ein Paket daraus und leg es bei der Agentur in Plymouth nieder; wenn die Luft rein ist, hol ich es mir ab.“

Dann flitzte er in elegantem Hechtsprung über die Backbordreling.

Michel Mohr steckte die Brieftasche ein und ging auf die Brücke.

„Der Millionendieb ist über Bord gegangen!“ sagte er. „Das Bullauge stand offen, und das Schloß ist unversehrt.“

„Himmelbombenelement!“ fluchte der erste Offizier überrascht.

„Ja!“ meinte Michel Mohr. „Es gibt solche Leute, die ersaufen lieber, als daß sie ins Zuchthaus wandern.“

Der Kapitän wurde geweckt und gefragt, ob man ein Boot aussetzen solle.

„Ach was, laß ihn laufen!“ knurrte er und legte sich auf die andere Seite. „Da haben wir wenigstens keine Scherereien.“

Um sechs Uhr morgens ging die „Pennsylvania“ hafenein, nachdem sie draußen drei Stunden vor Anker gelegen hatte. Sie hatte in Plymouth nur dreiviertel Stunden Aufenthalt.

Dodd war schon am Tage vorher mit Polly in Plymouth eingetroffen, nachdem ihn die amerikanische Gesandtschaft in London legitimiert hatte. Die Plymouther Polizeibehörde unterstützte ihn nach Kräften. Noch in der Nacht wurde ihm das letzte Telegramm von der „Pennsylvania“ ins Hotel gebracht. Er ließ es für Polly offen auf dem Tische liegen und erschien gleich mit dem Zollboot an Bord der „Pennsylvania“.

Kapitän Siems zuckte nur die runden Schultern und wies auf Michel Mohr, der Dodd in die Isolierzelle auf dem Achterdeck führte.

„Da hat er drin gesessen!“ sagte er treuherzig. „Hier liegt noch seine Jacke.“

Dodd durchstöberte die Jacke und die Zelle, ohne den geringsten Anhaltspunkt zu entdecken. Nun nahm er Michel Mohr ins Verhör.

„Ich denke mir, er wird an Land geschwommen sein!“ meinte der Bootsmann im Tone des biederen Seemanns. „Bei Cowsand sind wir dicht unter der Küste längs gekommen. Aber das ist schon gut sechs Stunden her.“

Die „Pennsylvania“ war unterdessen von der Gesundheitspolizei freigegeben worden und Polly eilte an Deck. Sie lief Dodd fast in die Arme.

„Wo ist er?“ rief sie außer sich vor Aufregung.

„Ueber Bord gegangen,“ sagte Dodd zerknirscht.

„Er ist ertrunken!“ schrie sie und sank in Ohnmacht.

Dodd bettete sie mit Hilfe des Oberstewards in einen langen Stuhl. Dann flößte er ihr etwas Tee ein, worauf sie wieder zu sich kam.

„Mrs. Voß!“ flehte er sie an. „Sie befinden sich im Irrtum. Er ist dicht unter der Küste über Bord gesprungen und jedenfalls an Land geschwommen. Ein Millionendefraudant begeht keinen Selbstmord.“

„Aber er ist doch geisteskrank!“ stöhnte sie matt.

„Gewiß, gewiß!“ beeilte er sich ihr zu versichern. „Er hat eine Manie, und zwar die Manie, die entwendeten Millionen vor uns in Sicherheit bringen zu wollen. Nur Geduld, wir werden ihn schon fassen.“

Dann nahm er sich Frank Murrel vor, um ein genaues Signalement des Flüchtlings festzustellen, und schickte einen neuen Steckbrief in die Presse und an die Zeitungen, diesmal aber ohne Photographie. Frank Murrel machte ihn auch darauf aufmerksam, daß die Millionen auf der Bank von England lägen. Auf einem Polizeidampfer, den man ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte, fuhr Dodd mit Polly nach Cowsand hinaus.

Inzwischen hatte Michel Mohr Peter Voßens Brieftasche mit sehr viel Packpapier verschnürt und suchte nun den Agenten. Auf diesen armen, geplagten Mann stürmten in der kurzen Zeit tausend Sachen gleichzeitig ein.

Es ging alles in rasendem Tempo. Michel Mohr fand ihn im dichtesten Gedränge vor dem Bureau des Zahlmeisters stehen.

„Hier ist ein Paket!“ sagte Michel Mohr und reichte es über drei Köpfe hinweg. „Es wird abgeholt werden.“

Und fort war er. Denn auch er hatte die Hände voll zu tun. Der Agent schaute gar nicht hin und schob das Paket unter den Arm. Eine Viertelstunde später ging die „Pennsylvania“ hafenaus und überholte kurz vor der Ausfahrt einen kleinen Polizeidampfer, auf dessen Verdeck Dodd und Polly standen. Michel Mohr schaute über Bord und erkannte den amerikanischen Detektiv.

„Viel Vergnügen!“ rief er hinunter und schwang seine Mütze.

Der Agent übergab das Paket einem jungen Mann, der in der Expedition der Firma tätig war.

„Da steht kein Name drauf,“ sagte er und drehte das Paket zwischen den Fingern hin und her.

Der Agent öffnete es selbst, stellte mit Hilfe des amerikanischen Bürgerbriefes, der in der Brieftasche lag, den Namen des Eigentümers fest, ließ das Paket, da es 4000 Dollar in bar enthielt, unter seiner Aufsicht versiegeln und befahl, es in den Geldschrank zu legen.

Dodd aber umfuhr mit Polly im Laufe des Tages den ganzen Cowsand und fragte überall nach einem Schiffbrüchigen. Alle Polizisten der Halbinsel brachte er auf die Beine. Seine Zähigkeit und Ausdauer waren verblüffend, und vor seiner Systematik, mit der er alle Möglichkeiten erschöpfte, konnte ihm keine Spur verborgen bleiben. Am Abend hatte er ein vollständig negatives Resultat. Niemand hatte einen fremden Mann gesehen, nirgends fehlte ein Boot.

„Sehen Sie!“ rief Polly, ganz erschöpft von den Anstrengungen und brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus. „Er ist doch ertrunken. Oder ein Haifisch hat ihn verschlungen.“

„Hier gibt es keine Haifische, Mrs. Voß!“ beruhigte er sie. „Ein Millionendefraudant springt nicht ins Meer, wenn er nicht schwimmen kann. Und zwei Seemeilen bei ruhigem Wasser ist gar keine so hervorragende Leistung. Er ist von irgend einem Boot aufgefischt worden.“

Dann gab er Befehl, nach Plymouth zurückzufahren.

Hier war inzwischen der Steckbrief gegen Peter Voß in den Abendzeitungen erschienen, und der Blick des Agenten fiel auf den Namen Peter Voß.

„Aha!“ rief er und meldete das Vorhandensein des Wertpakets bei der Polizei.

Es wurde sofort abgeholt und Dodd ausgeliefert. Der ließ sich bei dem Agenten melden, um genaue Nachforschungen nach dem Auslieferer anzustellen.

„Es tut mir leid!“ sagte er achselzuckend. „Ich weiß nicht einmal, ob es einer von der Besatzung oder von den Passagieren gewesen ist. Der Mann weiß vielleicht gar nicht, um was es sich handelt. Sonst hätte er das Paket nicht unversiegelt abgeliefert. Es ist Geld darin.“

„Ich weiß es!“ erwiderte Dodd. „Wenn jemand nach dem Paket fragt, halten Sie ihn fest und melden Sie es der Polizei.“

„Verlassen Sie sich darauf!“ rief der Agent. „Ich verdiene mir gern 2000 Dollar nebenbei.“

Dodd sauste ins Hotel zurück und fand Polly wieder in Tränen.

„Sie haben ihn in den Tod getrieben!“ schluchzte sie auf.

„Hier der Beweis, daß er noch lebt!“ sagte er und legte das Paket auf den Tisch. „Bitte, öffnen Sie es.“

Es waren an Geld vier Tausenddollarnoten darin und einige Legitimationspapiere.

„Das ist alles?“ rief sie, grausam enttäuscht.

Dodd glaubte selbst nicht daran, daß Peter Voß die 4000 Dollar abholen würde. Was waren einem Millionendieb 4000 Dollar? Das Paket war nur abgegeben worden, um ihn auf eine falsche Fährte zu locken. Aber er fand es nicht für ratsam, dieses Bedenken Polly mitzuteilen.

„Was nun?“ sagte sie ganz verzweifelt.

„Warten und suchen!“ erwiderte er. „Sobald er in die Agentur kommt, wird er gepackt.“

„Aber ich leugne seine Identität!“ rief sie und fuhr empor.

„So lautet unser Kontrakt!“ bestätigte er kopfnickend. „Ich hoffe, Sie werden niemals nötig haben, mich des Kontraktbruches zu beschuldigen.“

Da trocknete sie ihre Tränen und faßte wieder Mut. Eine unerklärliche, aber tiefinnere Zuversicht, daß Peter Voß noch am Leben sei, stärkte sie. Seine Brieftasche ließ sie nicht mehr von sich.

Am nächsten Morgen fuhren sie im Auto an der schönen, englischen Kanalküste entlang, wo Dodd jedes, auch das kleinste Fischerdorf aufsuchte und Nachforschungen anstellte. Doch nirgends fand sich eine Spur. Auch auf der Agentur meldete sich niemand.

Die Nachforschungen bei der Bank in London blieben, wie Dodd vorausgesehen hatte, ohne jeden Erfolg.

Peter Voß war verschwunden, als hätte ihn das Meer oder die Erde verschlungen.