6.

Bobby Dodd und Polly Voß aber waren in Brighton. Hier sollte Polly sich erholen. Ihre Nerven waren durch die fortwährenden Aufregungen so ergriffen worden, daß sie unbedingt Ruhe brauchte.

Dodd aber ließ nicht locker. Auf der Agentur in Plymouth hatte sich noch immer niemand gemeldet. Die Ansicht, daß er durch die Brieftasche auf eine falsche Fährte gelockt werden sollte, hatte er fallen gelassen, denn die Entdeckung, daß diese Brieftasche Peter Voß gehörte, war schließlich nur dem Zufall zu verdanken.

Bald im Automobil, bald mit dem Dampfer raste Dodd an der englischen Küste hin und her und ermüdete nicht, die Leute auf das gründlichste auszufragen.

So kam er endlich auch nach Falmouth und hörte da von dem kleinen Zweimastschoner „Queen“, der in der fraglichen Nacht, in der Peter Voß über Bord gesprungen war, in der Nähe von Plymouth gewesen sein konnte.

Schon über vier Wochen waren seitdem verstrichen. Dodd begann sich sofort für dieses kleine Küstenfahrzeug lebhaft zu interessieren und stellte endlich fest, daß es in Plymouth mit Whisky, Streichhölzern und Kautabak für Cherbourg beladen worden war. Allein in Cherbourg war es nicht angekommen. Er riet sofort auf einen Schmuggler, kehrte nach Falmouth zurück und verhörte mit Hilfe der Polizei die Frau des Schiffers Penfold, die mit großer Angst auf die Wiederkehr ihres Mannes wartete. Sie gab vor, nichts von seinen Geschäften zu wissen, für Dodd ein neuer Beweis, daß sie nicht reinlicher Natur waren. Auch in den Hafenschänken, wo er als Matrose verkleidet herumlungerte und das Gespräch immer wieder auf die ausgebliebene „Queen“ brachte, vermochte er nichts über ihren Verbleib zu erkunden.

Nachdem er Polly in Brighton einen kurzen Besuch abgestattet und sie bedeutend wohler angetroffen hatte, ging er mit dem Wochenschiff von Southampton nach St. Malo hinüber. Es galt jetzt festzustellen, wo das Schiff seine Ladung losgeworden war.

St. Malo, als sehr belebter Hafen, kam gar nicht in Frage. Dodd wandte sich sofort den normanischen Küstendörfern zu. Aber ihre dickköpfigen Bewohner hüteten sich wohl, ihm ihre heimlichen Geschäfte auf die Nase zu binden. Die „Queen“ blieb ebenso spurlos verschwunden wie Peter Voß.

Unverrichteter Sache kam Dodd nach Falmouth zurück. Und nun war ihm das Glück hold, denn der Schiffsjunge der „Queen“ war inzwischen zurückgekehrt.

Dodd verhörte ihn mit Hilfe der Polizei. Der Junge behauptete, um nicht gestehen zu müssen, daß er im Gefängnis gesessen habe, das Schiff sei im Kanal irgendwo untergegangen, und er hätte sich durch Schwimmen gerettet. Bald darauf war der Junge verschwunden. Er war mit einem Kohlendampfer nach Südamerika in See gegangen. Und Dodd hatte das Nachsehen.

Er blieb vorläufig in Falmouth und wartete, denn an den Untergang der „Queen“ glaubte er nicht.

Hin und wieder fuhr er nach Brighton, um sich nach Pollys Befinden zu erkundigen. Ihr Zustand besserte sich zusehends. Das schöne Klima des Seebades und die gute Gesellschaft, die Polly als Amerikanerin wohl zu schätzen wußte, taten ihr wohl. Sie konnte jetzt sogar schon an Peter Voß denken, ohne daß ihr gleich die Tränen in die Augen traten.

Dodd erschien niemals, ohne ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Sie erkannte, daß er wirklich ein Gentleman war.

Als er zum fünften Male nach Falmouth kam, wurde seine Zähigkeit belohnt. Denn jetzt war der Matrose der „Queen“ zurückgekehrt.

Diesmal verzichtete Dodd auf die Polizei, schlüpfte in seinen Schifferanzug, setzte sich mit dem Mann an den Tisch und bezahlte für ihn eine Flasche Whisky.

Da kam es denn heraus, wie Peter Voß aufgefischt und als Schmuggler mitverhaftet worden war.

Dodd wußte genug. Nun galt es, die Spur in St. Malo aufzufinden und weiter zu verfolgen. Denn daß Peter Voß, der an der Schmuggelei ganz unschuldig war, noch immer im Gefängnis saß, konnte Dodd unmöglich annehmen.

Ohne Polly zu benachrichtigen, fuhr er wieder nach St. Malo hinüber und ging schnurstracks zum Gefängnisdirektor.

„Womit kann ich Ihnen dienen?“ fragte der ihn überaus höflich.

„Sitzt hier ein Schiffer Penfold aus Falmouth?“

„Verurteilt zu sechs Monaten wegen Schmuggelei!“ bestätigte der Direktor. „Wollen Sie ihn sprechen?“

„Nein!“ versetzte Dodd. „Es handelt sich gar nicht um ihn, sondern um den Mann, den er vor Plymouth aufgefischt hat.“

„Aha!“ rief der Direktor erfreut und brachte den grundlegenden Aufsatz seines medizinischen Freundes über den Mann, der sein Gedächtnis verloren hatte. „Sie haben gewiß diese Abhandlung gelesen?“

Dodd nahm mit der ihm eigenen Höflichkeit die Zeitschrift entgegen und überflog den Absatz.

„Ein sehr interessanter Fall!“ sagte er schließlich. „Nur schade, daß der Mann nicht mehr hier ist.“

„Er ist hier!“ erwiderte der Direktor triumphierend. „Wollen Sie ihn sehen?“

Dodd verzog keine Miene. Wohl war er überzeugt, daß der Mann ohne Gedächtnis Peter Voß war. Aber er hatte kein Mittel, es dem Direktor zu beweisen. Auf Polly konnte er nicht rechnen. Sie hätte ganz sicher die Identität geleugnet.

„Gewiß!“ entgegnete er zögernd. „Aber ich möchte nicht gern von ihm gesehen werden, damit er sich nicht beunruhigt. Er ist offenbar krank und gehört wohl richtiger in die Irrenanstalt.“

„Kommen Sie!“ winkte ihm der Direktor. „Es ist ein Guckloch in seiner Tür. Uebrigens gefällt es ihm hier ausgezeichnet. Ich bin stolz darauf, diesen interessanten Fall in meinen Mauern zu haben.“

„Sie halten ihn also aus wissenschaftlichen Gründen fest?“ forschte Dodd, als sie über den Hof des Gefängnisses schritten. „Er kann doch unmöglich härter bestraft werden als der Matrose.“

„Er ist überhaupt noch nicht verurteilt!“ belehrte ihn der Direktor. „Das Gericht nimmt an, daß er ein schwerer Verbrecher ist und aus diesem Grunde das verlorene Gedächtnis simuliert. Doch das ist eine juristische Torheit. Er wäre sicher schon entlassen worden, wenn ein entsprechender Antrag vorläge. Da er aber seinen Namen nicht weiß, kann er einen solchen Antrag nicht ausfertigen. Ich selbst habe keinen Grund, seine Entlassung zu fordern, da ich der Wissenschaft nicht dieses vortreffliche Versuchsobjekt entziehen möchte. Außerdem hindert mich meine Menschenliebe daran, einen Entlassungsantrag zu stellen. Was soll dieser Mann ohne Gedächtnis draußen im Leben? Er kommt sofort unter die Räder. Ich bin ein Philanthrop.“

Sie standen jetzt vor der Zellentür Nummer 19. Der Direktor machte nach dem Guckloch eine einladende Handbewegung. Dodd schaute längere Zeit angespannt hindurch. Da lag ein Mensch auf dem Bett im friedlichen Schlummer. Das mußte Peter Voß sein, trotz des kurzen Vollbartes, der ihm inzwischen gewachsen war.

Nun galt es, ihn aus diesem Gefängnis herauszubringen. Das war viel schwieriger, als es auf den ersten Blick aussah.

Dodd trat zurück.

„Es hat also keinen Zweck,“ flüsterte er dem Direktor zu, „diesen Menschen nach seinem Namen zu fragen?“

„Vollkommen aussichtslos!“ bestätigte der Direktor.

„Und wenn ich nun seine Entlassung beantrage?“ fragte Dodd.

„Wie wollen Sie diesen Antrag begründen?“ rief der Direktor achselzuckend. „Oder wissen Sie etwa den Namen des Mannes?“

„Ich vermute ihn zu wissen,“ wich Dodd vorsichtig aus, „und ich hoffe, durch ein kleines Experiment den Mann wieder zu seinem Gedächtnis verhelfen zu können. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie mich dabei unterstützen.“

„Sie können noch daran zweifeln?“ rief der Direktor förmlich elektrisiert. „Ich warte ja nur auf den Augenblick, daß dieser Aermste sein Gedächtnis wiederfindet. Welches Experiment haben Sie vor?“

„Es ist an demselben Tage, an dem dieser Mann im Kanal aufgefischt worden ist, in Plymouth bei einer Schiffsagentur eine Brieftasche abgegeben worden, von der ich annehme, daß sie das Eigentum dieses Mannes. Ich möchte ihm nun diese Brieftasche durch das Fenster zuwerfen lassen und ihn dabei heimlich beobachten.“

„Exzellent!“ rief der Direktor mit echt französischer Lebhaftigkeit. „Das ist ein großartiger Kniff. Steckt er die Tasche ein, dann hat er sein Gedächtnis wiedergefunden. Läßt er sie liegen, dann ist das Experiment mißglückt. Haben Sie die Tasche bei sich?“

„Leider nicht!“ versetzte Dodd und griff zum Hut. „Ich werde aber sofort hinüberfahren, um sie zu holen.“

Er dampfte nach Southampton zurück und war am nächsten Morgen in Brighton. Polly saß in einem bequemen Stuhl vor der Kurkapelle, die eben den Brautmarsch aus „Lohengrin“ intonierte.

„Ich habe ihn!“ flüsterte er ihr zu.

„Wo ist er? Wo ist er?“ rief sie außer sich und zog ihn zum Strand hinunter.

Und er erzählte ihr alles wahrheitsgetreu.

„Im Gefängnis?“ stöhnte sie auf. „Als Schmuggler? Wie schrecklich! Sie müssen ihn befreien.“

„Das ist meine Absicht!“ sprach er ernst. „Ich brauche zu diesem Zweck die Brieftasche, dahinein werde ich die nötigen Instrumente legen. Die Brieftasche werde ich ihm mit Hilfe des Direktors in die Hände spielen. Wir legen uns dann im Hafen von St. Malo mit einem kleinen Dampfer auf die Lauer. Er wird ausbrechen, das Gefängnis ist übrigens miserabel gebaut, ich werde den Posten ablenken. Alles Kleinigkeiten! Er entkommt glücklich dem Gefängnis und flüchtet zu Ihnen auf den Dampfer. Und dann haben wir ihn. Sie haben nur nötig, ihm einige aufklärende Worte in die Brieftasche zu legen. Der Dampfer wird dicht unter dem Gefängnis festgemacht. Wir werden am Tage die Flagge der Union und bei Nacht zwei rote Laternen aufstecken.“

Nun begann sie zu begreifen. Hastig holte sie die Brieftasche ihres Mannes herbei und schrieb auf ein Blatt, was ihr Dodd diktierte. Nachdem sie ihren Namen darunter gesetzt hatte, nahm Dodd das Blatt und die Brieftasche an sich.

„Und wenn wir ihn auf dem Schiff haben?“ fragte sie gespannt.

„Dann werden wir ihn schon zur Vernunft bringen!“ lächelte Dodd siegesgewiß. „Das heißt, wenn es überhaupt möglich ist. Ich hoffe aber, daß er sich durch Ihre Gegenwart veranlaßt fühlen wird, die zwei Millionen herauszugeben.“

„Und wenn er sich dennoch weigert?“ rief sie und sprang auf.

„Dann kommt er ins Sanatorium, wo er Zeit hat, sich zu besinnen!“ beruhigte er sie. „Aus meinem Plan ersehen Sie, wie ernst ich es mit unserem Vertrag nehme. Ich gehe jetzt, etliche Feilen und Sägen zu kaufen, die ich in dieses Blatt wickeln und in die Tasche legen werde.“

„Aber wenn ihm etwas passiert!“ rief sie. „Wenn der Posten auf ihn schießt?“

„Sein Leben ist mir zwei Millionen Dollar wert!“ erwiderte er. „Ich werde dicht neben dem Posten stehen. Falls er schießt, wird der Schuß in die Luft gehen.“

Da reichte sie ihm aufatmend die Hand.

Der Gefängnisdirektor von St. Malo empfing Dodd mit einem Freudensprung und rief sofort seinen medizinischen Freund herbei, der das Experiment durch seine Gegenwart wissenschaftlich verschönen sollte.

Gegen Abend wurde der Posten instruiert, ein junger Mensch, der mit geschultertem Gewehr vor der Front des Gefängnisses auf und ab tappte.

Dodd hatte die Brieftasche verschnürt und gab sie nicht aus der Hand. Mit Leichtigkeit konnte man mit dem aufgepflanzten Seitengewehr bis an das Gitter des Zellenfensters reichen.

„Es muß den Anschein haben,“ erläuterte Dodd dem Direktor, „als wenn es ihm von befreundeter Hand zugeworfen würde. Und dazu müssen wir die Nacht abwarten.“

„Famos, famos!“ rief der Direktor und rieb sich die Hände.

An diesem Abend saß Peter Voß auf seinem Schemel und langweilte sich zum ersten Male. Seine Laune war längst nicht mehr auf der Höhe. Er zog den Pfropfen aus dem Loche und rief William Schmidt an.

„He, alter Junge, wie geht’s?“

„Danke!“ brummte der. „Ich breche heute nacht aus.“

„Viel Glück!“

„Brauch ich nicht!“ versetzte William Schmidt kaltblütig. „Wir haben Neumond. Und die „Marguerite“ liegt wieder im Hafen. Morgen vor Sonnenaufgang fährt sie nach Jersey. Ich beobachte sie schon seit mehreren Wochen.“

„Aber der Posten!“ warnte Peter Voß.

„Der kriegt eins auf die Nase!“ erwiderte William Schmidt entschlossen. „Das ist ein ganz grüner Junge.“

„Mach’s nur nicht zu arg!“ entgegnete Peter Voß. „Der arme Junge ist doch nicht daran schuld, daß du eingebrochen bist.“

„Keine Sorge!“ lachte William Schmidt. „Ein Mörder bin ich nicht. Dazu fehlt mir das Talent. Aber ich kann boxen. Willst du mitkommen?“

Peter Voß überlegte. Seine Lust, mit auszubrechen, war in der letzten Zeit ganz bedeutend gewachsen. Auch der Fluchtplan leuchtete ihm ein. Doch was William Schmidt konnte, das konnte er auch! In einer finsteren, regnerischen Nacht brauchte man nicht einmal dem Posten eins auf die Nase zu geben. Sein Meißel war gut, und seine Fenstereisen saßen nicht fester in der Mauer als die der Nebenzelle. Und so wünschte er seinem Nachbar glückliche Reise und legte sich aufs rechte Ohr.

Er erwachte von einem leichten Fall. Es war stockdunkel in der Zelle. Ueberrascht fingerte er auf dem Boden herum und fand endlich eine zusammengeschnürte Brieftasche, seine Brieftasche! Beim ersten Griff hatte er sie erkannt. Er stand, als hätte ihn der Blitz getroffen.

Das war Dodd! Er hatte ihn entdeckt! Und nun warf er die Tasche herein, um die Identität festzustellen!

Peter Voß sprang zum Loch und riß den Pfropfen heraus.

„William Schmidt!“ flüsterte er. „Ich komme mit!“

„Dann ist es aber die höchste Zeit!“ erwiderte der und begann sofort mit dem Meißel der Mauer zu Leibe zu gehen.

Da rasselten draußen Schlüssel.

„Der Wärter!“ flüsterte Peter Voß, verstopfte das Loch, warf die Brieftasche hin, wo sie gelegen hatte, und legte sich nieder.

Schon trat der Wärter herein mit einer außergewöhnlich hellen Lampe. Daran erkannte Peter Voß, daß etwas Besonderes los war. Der Wärter leuchtete durch die Zelle, ließ die Brieftasche liegen, als sähe er sie nicht, und leuchtete Peter Voß ins Gesicht, der keine Miene verzog und schnarchte.

Die Zellentür schloß sich wieder. Draußen auf dem Gange stand Dodd mit dem Direktor und dem Nervenarzt.

„Er schläft!“ meldete der Wärter. „Die Tasche liegt noch da, wo sie hingefallen ist.“

„Wir müssen also bis morgen warten!“ erklärte Dodd und trat zurück. „Am besten ist, Sie lassen den Mann gänzlich ungestört. Der Fall liegt zu kompliziert.“

Und der Nervenarzt nickte zustimmend.

Also gingen sie wieder davon. Dodd hatte sein Ziel erreicht. Morgen wollte er feststellen, wie weit Peter Voß mit dem Fenstergitter gekommen war, und danach den Dampfer mieten.

Aber Peter Voß ging nicht gegen das Gitter, sondern gegen die Mauer vor. William Schmidt half von der anderen Seite. Als die ersten beiden Steine gelockert waren, hatten sie gesiegt. Das Loch zu erweitern war Spielerei. Nun erst steckte Peter Voß seine Brieftasche ein. Geschmeidig schlüpfte er in die Nebenzelle. Ihren vereinten Kräften konnte das gelockerte Fenstergitter nicht widerstehen. William Schmidt streckte vorsichtig den Kopf hinaus. Die Luft war rein. Mit einem Sprung verschwand er; Peter Voß folgte ihm, ohne sich lange zu besinnen.

Der Posten machte gerade an der anderen Ecke der Gefängnisfront kehrt. Ehe der junge Rekrut, der zudem nicht besonders mutig war, sein Gewehr gehoben oder auch nur den Mund aufgetan hatte, sah er sich durch einen heftigen, wohlgezielten Schlag gegen den Gürtel unschädlich gemacht. Das Gewehr entfiel ihm. Unfähig, sich zu regen oder einen Ton von sich zu geben, saß er mit dem Oberkörper gegen die Mauer gelehnt und hielt sich den Bauch. Peter Voß klopfte ihm beruhigend auf die Schulter, und William Schmidt erleichterte ihm den Gürtel vom Revolver.

Nun eilten sie auf den Hafen zu, nachdem sie in einem dunklen Winkel die Jacken getauscht hatten, denn William Schmidt trug Sträflingskleidung.

Da lag schon die „Marguerite“, auf die sie es abgesehen hatten. Nach William Schmidts Plan wollten sie sich unbemerkt an Bord schleichen und sich im Laderaum verstecken.

„Einen Augenblick!“ flüsterte Peter Voß und öffnete unter einer Gaslaterne seine Brieftasche. „Ich glaube, ich hab ein wenig Kleingeld. Wenn es langt, chartern wir das ganze Schiff.“

„Allright!“ erwiderte der andere.

Peter Voß fand die vier Tausenddollarnoten, fand sechs feine Stahlsägen und sechs Feilen, und fand schließlich die Zeilen, die Polly geschrieben hatte.

„Sehr fein!“ schmunzelte er. „Die Schrift ist täuschend nachgeahmt. Dieser Dodd ist weit gefährlicher, als ich dachte.“

Nun übernahm er die Führung.

Es war gegen Mitternacht, als sie den Schiffer der „Marguerite“ weckten. Peter Voß hielt ihm eine seiner vier Tausenddollarnoten unter die Nase. Und der Schiffer war nicht dumm und wußte sofort, daß hier ein Geschäft zu machen war, wie es alle zehn Jahre nur einmal vorkam.

„Nach London!“ befahl Peter Voß. „Und zwar auf der Stelle!“

Der Schiffer griff nach dem Schein.

„Damn!“ rief William Schmidt und entriß ihm die Note. „So dumm sind wir nicht! Erst den Anker hoch und aus dem Hafen hinaus, dann wollen wir weiter sehen!“

Der Schiffer gehorchte. Er schraubte die Laternen ganz niedrig und machte sich davon.

Als die Sonne aufging, hatte die „Marguerite“ längst Jersey hinter sich.

Am Morgen fand Dodd in der Zelle Nr. 19 weder Peter Voß noch die Brieftasche. Das Loch in der Wand belehrte ihn, daß er auf eigene Faust die Freiheit gesucht und gefunden hatte.

Nach allen Seiten begann der Telegraph zu spielen. Eine Abteilung Soldaten wurde in den nächsten Wald geschickt.

Der „Marguerite“, die diese Nacht in See gegangen war, wurde ein Kabelspruch nach Jersey nachgeschickt.

Als das Schiff bis zum nächsten Morgen nicht in Jersey angekommen war, wußte Dodd, wo die rechte Fährte war, und benachrichtigte alle Hafenbehörden auf beiden Seiten des Kanals, nach diesem Zweimastschoner Ausschau zu halten. Dann kehrte er nach Brighton zurück, um Polly über die Ergebnislosigkeit seines Experiments zu unterrichten.

Sie war ganz verzweifelt.

Noch an demselben Abend erhielt er aus Dover die Nachricht, daß die „Marguerite“ vor 24 Stunden die Straße in nördlicher Richtung passiert hätte.

Zwölf Stunden später wurde sie von Gravesand gemeldet.

„Nach London!“ rief er Polly zu und bat sie, sofort ihre Koffer zu packen.

Drei Stunden später stiegen sie im Ritz-Carlton-Hotel ab. Dodd machte sich sofort auf, den Schoner zu suchen, und stand zwei Stunden später im Victoria-Dock vor dem fluchenden Schiffer.

„Diese beiden Spitzbuben!“ schrie er und ballte die Fäuste nach der Millionenstadt hinüber. „Keinen Pfennig haben sie mir bezahlt!“

Dodd war nicht imstande, den Mann zu bedauern. Er zeigte ihn auch nicht an. Er war genug bestraft worden.

Peter Voß, der Millionendieb aus St. Louis, und William Schmidt, der Einbrecher aus St. Malo, waren in London spurlos untergetaucht.

Bobby Dodd blieb nichts anderes übrig, als wieder zu dem alten Mittel des Steckbriefs zu greifen.