7.

Ohne große Mühe fand Bobby Dodd diesmal Peter Voßens Spur, der sich in London nur eine Nacht aufgehalten hatte. Er war zuletzt am Victoria-Bahnhof gesehen worden, wo er ein Billett nach Dover genommen hatte.

Dodd fuhr ins Hotel zurück und teilte Polly seine Entdeckungen mit. Sie war sofort bereit, mit ihm die frische Spur zu verfolgen. Vier Stunden später waren sie in Dover. Sie setzten nach Calais über und hatten hier das Glück, zu erfahren, daß Peter Voß in Calais ein Billett nach Amsterdam genommen hätte. Hier aber verlor sich die Spur völlig.

„Er ist sicher nach Deutschland gegangen!“ rief Polly. „Er stammt aus Hamburg.“

Am folgenden Tage waren sie in Hamburg.

Im Hotel Esplanade stiegen sie ab und nahmen Zimmer 23 und 24 mit dem Ecksalon. Dodd trat Polly sein Zimmer ab und nahm das ihre, da es nach der Straße zu lag, versäumte aber, diesen Tausch dem Portier zu melden.

Und Peter Voß war wirklich auch in Hamburg.

In Amsterdam war er so vorsichtig gewesen, sich umfrisieren zu lassen. Doch hatte er sich diesmal nicht den ganzen Bart abnehmen, sondern nur das Kinn ausrasieren und das Haupthaar auf drei Millimeter stutzen lassen. Die stehengebliebenen Bartkoteletten behandelte er selbst mit Höllenstein, daß sie grau wurden. Er legte sich bei einem Altkleiderhändler einen hochfeinen Anzug, gelbe Gamaschen und einen Rohrstock mit versilberter Krücke zu und fuhr als fideler Lebegreis nach Hamburg. Seinen blauen, schon bedeutend strapazierten Anzug schickte er zollpostlagernd ebendahin.

In Hamburg angekommen, machte er eine Käse-Rundfahrt, frühstückte bei Lünsmann und setzte sich vor den Alsterpavillon. Er schwankte lange, ob er seiner alten Matrosenwirtin einen Besuch abstatten sollte. Unschlüssig schaute er auf die Wagen und Autos, die an ihm vorbeisausten.

Und da sah er plötzlich in einer ganz gewöhnlichen Droschke eine Dame sitzen, die er sehr gut kannte, neben einem Manne, der ihm völlig unbekannt war. Daß dieser Mann Bobby Dodd sein könnte, fiel ihm natürlich nicht im Traume ein.

Es war aber doch Bobby Dodd, der eben mit Polly eine Fahrt um die Alster machte. Sie hatte diesen Wunsch ausgesprochen, und er war sofort darauf eingegangen.

Peter Voß fuhr blitzschnell in die Höhe. War das nicht Polly? Saß an ihrer Seite nicht ein wildfremder Mann? Kein Zweifel, er hatte sie entführt! Schon im Begriff, dem Wagen nachzulaufen, um dem Schurken an die Kehle zu fahren, besann er sich plötzlich auf seinen Millionendiebstahl. Die Berührung mit der Polizei, zu der dieser Ueberfall fast mit Sicherheit führte, mußte er auf jeden Fall vermeiden. Er stürzte zum nächsten Automobil und befahl dem Chauffeur, der Droschke nachzufahren.

„Ich bin ein Detektiv!“ erklärte er leise, und der Führer nickte verständnisinnig.

So nahm Peter Voß die Verfolgung seines Verfolgers auf, ohne es zu wissen, daß es sein Verfolger war. Immer zehn Meter hinter der Droschke, die im gemächlichen Tempo dahinrollte, schnurrte das elektrische Auto.

Peter Voß ließ das Gefährt nicht aus den Augen. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts Ordnungswidriges erkennen. Der Mann, offenbar ein Amerikaner, markierte den Gentleman, und Polly lehnte ziemlich erschöpft in den Polstern, schwieg und ließ sich von ihrem Begleiter die schöne Aussicht erklären.

Es ging um die ganze Außenalster herum. Nach einer knappen Stunde hielt die Droschke vor dem Esplanade-Hotel. Der Mann stieg aus und bot Polly den Arm, den sie auch, nach kurzem Zögern, annahm.

„Gott verdamm mich nochmal!“ knirschte Peter Voß wütend und stieg gleichfalls aus. „Da hört denn doch die Gemütlichkeit auf!“

Der Portier kam heran und zog die Mütze. Schon wollte sich Peter Voß nach dem Namen des Entführers seiner Frau erkundigen, da stutzte er plötzlich. Es gab einen anderen Weg der Verständigung.

„Einen Augenblick, ich komme wieder!“ sagte er zu dem Portier und befahl dem Führer des Automobils, nach den Landungsbrücken zu fahren.

Der Portier trat grüßend zurück.

Am Holstenplatz gab Peter Voß Gegenorder und stieg am Jungfernstieg aus. Hier spazierte er ein wenig auf und ab und verschwand schließlich in dem kleinen, dunkelgrünen Pavillon des öffentlichen Fernsprechautomaten, der dort stand.

„Kling, kling!“ machten die beiden Nickel. Die Verbindung mit der Hotelzentrale war geschwind hergestellt.

„Ich möchte mit Mrs. Voß aus St. Louis sprechen.“

„Bitte sehr,“ sagte der Kellner, der die Zentrale bediente, „Zimmer 23.“

Da aber wohnte Bobby Dodd. Polly hatte Zimmer 24.

„Hier Bobby Dodd.“

Peter Voß taumelte zurück, der Hörer entsank ihm, aber er faßte sich sofort wieder.

„Hier Peter Voß!“ brüllte er in das Sprachrohr hinein.

„Sehr erfreut!“ rief Bobby Dodd zurück, nachdem er seine Ueberraschung bemeistert hatte. „Ich hatte bisher noch nicht die Ehre.“

„Sie gemeiner Lump, Sie Verführer! Wie kommen Sie dazu, meine Frau zu entführen?“

„Ich habe sie nicht entführt, sie ist aus freien Stücken mitgekommen, sie begleitet mich.“

„Schuft, ich schieße dich nieder!“

„Durchs Telephon wird es sich nicht gut machen lassen. Wenn Sie aber wünschen, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“

„Himmelhund, ich erwürge dich!“

„Allright, kommen Sie nur ins Esplanade-Hotel, Zimmer 23.“

„Sie werden meine Frau unverzüglich nach St. Louis zurückschicken.“

„Ich denke nicht daran!“ gab Dodd zurück. „Mrs. Voß versteht einen Gentleman von einem Millionendefraudanten schon sehr gut zu unterscheiden. Ich werde es ihr auch bald begreiflich gemacht haben, daß sie sich auf jeden Fall von Ihnen scheiden lassen muß! Well, das tue ich, schon aus wahrer Menschlichkeit. Ich werde sie dann selbst heiraten.“

Jetzt war’s mit Peter Voßens Selbstbeherrschung vorbei. Er wußte wirklich nicht mehr, was er sprach.

„Ich habe ja gar keine Millionen gestohlen!“ brüllte er.

„Das wollen Sie mir doch nicht vorreden!“ versetzte Dodd kühl. „Eine so faule Ausrede hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Wenn Sie mir die zwei Millionen ausliefern, erhalten Sie Ihre Frau zurück, sonst nicht!“

Peter Voß spie sämtliche Schimpfwörter, die ihm zur Verfügung standen, deutsche und englische, in das Telephon hinein, hängte den Hörer an und verließ fluchtartig die Telephonzelle. Auf dem Rathausmarkt bestieg er die Straßenbahn nach St. Pauli und wechselte unterwegs dreimal den Wagen, um keine Spur zu hinterlassen.

Fünf Minuten später sauste Bobby Dodd den Jungfernstieg herunter, hielt vor dem kleinen, dunkelgrünen Pavillon, in dem sich die öffentliche Fernsprechstelle befand, und schaute hinein. Er hatte beim Amt die Nummer erfragt, von der aus er angeläutet worden war, und bei der Auskunft den Standort des Apparates. Die Zelle war leer. Dodd machte trotzdem ein höchst befriedigtes Gesicht. Peter Voß hatte angebissen, er zappelte wie ein Fisch an der Angel. Die Droschkenkutscher, die bei dem Pavillon standen, hatten allerdings niemanden bemerkt.

Dodd sauste ins Hotel zurück und forschte den Portier aus. Dem war natürlich der Mann mit den grauen Bartkoteletten aufgefallen. Dodd stellte das neue Signalement fest und sprang zu Polly hinauf, die in dem Salon auf dem Diwan lag. Sie war ziemlich abgespannt.

„Er ist hier!“ rief er freudig. „Er hat mich soeben antelephoniert.“

„Ah!“ rief sie außer sich. „Sie haben ihn gesprochen? Wird er das Geld herausgeben?“

„So weit sind wir noch nicht!“ versetzte er. „Er hat das Gespräch leider vorzeitig abgebrochen. Begeben Sie sich sofort zum Alsterpavillon und setzen Sie sich dort auf die Terrasse dicht an der Brüstung, damit er Sie sieht. Er hält sich sicher dort in der Nähe auf.“

„Und was soll ich tun, wenn er kommt?“ fragte sie ganz aufgeregt.

„Am Nebentisch wird ein Kriminalbeamter in Zivil sitzen!“ beruhigte er sie. „Ich werde das sofort veranlassen.“

„Nein, nein!“ rief sie und rang die Hände. „Nicht verhaften lassen.“

„Nur keine Angst!“ tröstete er sie. „Ich lasse ihn nur beobachten. Von dem Beamten brauchen Sie nicht die geringste Notiz zu nehmen. Er wird Sie in Ihrem Gespräch mit Ihrem Manne nicht stören. Nur wenn Mr. Voß in seiner Unzurechnungsfähigkeit einen Angriff auf Sie unternehmen sollte, wird der Mann natürlich zu Ihrem Schutze da sein. Ich fahre jetzt zur Polizeioffice. Sobald der Beamte an seinem Platze ist, werde ich es Ihnen telephonieren.“

Polly befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung. Während sie in ihr Zimmer lief, um Toilette zu machen, ging Dodd hinunter und erteilte dem Portier die nötigen Weisungen.

„Der Mann wird wahrscheinlich wiederkommen! Ich vermute, daß er nur auf mein Weggehen wartet, um wieder aufzutauchen. Sollte er nach Mrs. Voß aus St. Louis fragen, so sagen Sie ihm, sie wäre zum Alsterpavillon gegangen. Nimmt er einen anderen Weg, schicken Sie ihm einen Ihrer Boys nach, um festzustellen, wo er logiert.“

Der Portier griff an die Mütze, und Dodd begab sich aufs Polizeipräsidium. Bereitwillig ging man hier auf seine Vorschläge ein und stellte ihm einen weltgewandten Kriminalbeamten zur Verfügung. Gleichzeitig wurde das Signalement des Millionendiebes an alle Polizeistationen gegeben. Nachdem Dodd an Polly ins Hotel telephoniert hatte, begann er die alten Register zu durchforschen, um festzustellen, zu welchen Leuten Peter Voß früher hier in Hamburg Beziehungen unterhalten hatte. Das war eine langwierige Arbeit. Aber er konnte den Zeitverlust verschmerzen, da er seine Wachen vorzüglich instruiert und auf die besten Plätze gestellt hatte.

Inzwischen war Peter Voß in heller Verzweiflung bei Mutter Hansen auf der Adolfstraße angekommen. Sie fiel aus allen Wolken, als sie den feinen alten Herrn herein- und gleich die Treppe hinaufstürzen sah.

„Ein Rasiermesser!“ schrie er schon auf der Treppe und lief in das erste beste Zimmer, wo er sich sofort auszukleiden begann.

Mutter Hansen folgte ihm und schlug die Hände überm Kopf zusammen, als sie ihn wiedererkannte.

„Peter,“ schrie sie, „bist du all wieder da!“

„Mutter Hansen,“ stieß er hastig heraus, „hinter mir ist einer her, aber ich bin unschuldig.“

„Das weiß ich!“ sprach die alte Frau seelensruhig. „Du tust nichts Unrechtes. Da sollte ich dich wohl kennen.“

„Also ein Rasiermesser!“ drängte er sie. „Nur schnell, daß ich den vertrackten Bart los werde. Und dann läufst du zum Schneider und holst mir einen alten Anzug für einen ganz dicken Kapitän, es kann auch ein neuer sein. Und vergiß die Mütze nicht, Hapagwappen!“

„Aber wozu denn in aller Welt?“ rief sie erstaunt.

„Frag nicht, frag nicht, nur fix, daß er mich nicht erwischt!“

Mutter Hansen eilte so schnell die Treppe hinunter, als es ihre alten Beine nur vermochten. Ein Rasiermesser war bald gefunden. Peter Voß schabte sich die Bartkoteletten fort. Mutter Hansen stand neben ihm, die Hände in die breiten Hüften gestemmt, und schüttelte ein über das andere Mal den Kopf.

„Jetzt zum Barbier!“ fuhr er sie plötzlich an. „Und besorg mir einen dünnen, blonden Zwickelbart, der bis hierher geht.“

Dabei zeigte er auf den zweiten Westenknopf.

„Herrgott, Herrgott!“ rief sie erschreckt, tat aber doch, was er verlangte.

Denn Peter Voß mußte Gewißheit haben. Er mußte herauskriegen, wie seine Frau dazu kam, sich von diesem verdammten Detektiv in der Welt herumführen zu lassen! Hielt sie ihn wirklich für einen Millionendieb? Hatte Jim Stockes versäumt, sie aufzuklären? Oder war er nicht mehr dazu gekommen, weil Dodd sie entführt hatte?

An Jim Stockes zu telegraphieren, hätte für beide Teile höchst gefährlich werden können. Also mußte Peter Voß auf eigene Faust handeln, und zu dem Zweck blieb ihm nichts anderes übrig, als ins Esplanade-Hotel einzudringen und Polly zur Rede zu stellen.

Mutter Hansen erschien sehr bald mit einem funkelnagelneuen Kapitänsanzug, den sie bei einem nahen Marineschneider aufgetrieben hatte. Auch eine Mütze brachte sie mit, die das Kompagniewappen der Hamburg-Amerika-Linie trug. Vor dem Spiegel machte Peter Voß Toilette. Die umfangreiche Weste wurde mit einem Kopfkissen ausgefüllt, und dann kam der Bart an die Reihe. Sogar den Leim zum Ankleben hatte Mutter Hansen nicht vergessen. Dafür war sie auch die vorsorglichste Matrosenwirtin von ganz Hamburg.

„Ist es möglich!“ rief sie. „Der Kapitän Siems, wie er leibt und lebt!“

Peter Voß nickte befriedigt, er hatte das Gesicht des braven Kapitäns der „Pennsylvania“ lange genug studiert, um es annähernd treffen zu können.

„Nun noch einen kleinen Handkoffer!“ rief er und betrachtete sich würdevoll im Spiegel.

Die Mütze stand ihm ausgezeichnet.

Mutter Hansen besorgte auch ein kleines, neues Köfferchen, das mit Zeitungen gefüllt wurde.

Zehn Minuten später entstieg Peter Voß schnaufend einem Auto, das vor dem Esplanade-Hotel hielt.

„Guten Tag, Herr Kapitän!“ rief der Portier höflich, zog die Mütze und nahm das Handgepäck, das ihm der Chauffeur reichte.

Genau so wiegend und gewichtig, wie Kapitän Siems von der „Pennsylvania“ dahinzuschreiten pflegte, ging Peter Voß durch das Vestibül. Er begehrte bei der Zentrale ein Zimmer und verwarf mehrere Nummern, ehe er eine wählte. Es war Nummer 26. Hier wollte er sich auf die Lauer legen, um Polly abzufangen. Und er hatte Glück. Sie trat eben aus ihrem Zimmer, um in den Alsterpavillon zu gehen, und kam ihm entgegen. Sehr bleich und furchtbar aufgeregt war sie.

Plötzlich sah sie ihren Weg durch einen sehr gewichtigen Schiffskapitän versperrt, der einfach die Arme um ihren Hals legte und sie küßte. Sie stieß ihn zurück, wobei ihr auffiel, daß er einen außergewöhnlich weichen Bauch hatte.

„Schrei nicht, Polly, ich bin’s!“ flüsterte er. „Peter Voß, dein Peter.“

Nun wollte sie erst recht losschreien, aber er legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie ins Zimmer 26 hinüber, das er mit schnellen Griffen durch die Riegel der Doppeltür sicherte. Polly stand an der Wand und sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er näherte sich ihr mit der größten Entschiedenheit.

„Rühr mich nicht an!“ rief sie, ein Bild des vollkommensten Schreckens. „Ich fürchte mich.“

„Aber Polly!“ lachte er und rückte ihr näher.

„Du bist geisteskrank!“ schluchzte sie. „Du hast dich im Geschäft überarbeitet. Gib das Geld heraus, das du genommen hast.“

„Zum Teufel, ich hab ja gar kein Geld genommen!“ rief er, von diesem unerwarteten Empfang höchlichst überrascht.

„Ja ja, Mr. Dodd hat recht, du bist wirklich geisteskrank!“ jammerte sie und drückte sich das Taschentuch gegen die Augen.

„Du glaubst mir nicht?“ schrie er empört und ballte die Fäuste.

„Wie kann ich dir glauben, wenn du doch verrückt bist!“ schluchzte sie und fiel plötzlich vor ihm auf die Knie. „Peter, lieber Peter, ich bitte dich, gib das Geld heraus. Es wird keine gerichtlichen Folgen haben, er hat es mir versprochen. Du gehst in ein Sanatorium, und ich pflege dich gesund.“

Peter Voß gab sich die allererdenklichste Mühe, sie blieb bei ihrer Meinung, sie ließ es sich nicht ausreden, daß er vollkommen verrückt sei. Das völlig Unglaubliche seiner Behauptung, den Millionendiebstahl nur fingiert zu haben, um die Firma zu retten, wirkte auf sie geradezu niederschmetternd.

„Ach!“ stöhnte er auf und sank verzweifelt in den Stuhl, und dann lachte er so laut, daß es von den Wänden widerhallte.

Vor diesem Lachen verging Polly der letzte Zweifel. So konnte nur ein Irrsinniger lachen! Sie zog sich wieder in eine Ecke zurück und beobachtete ihn voller Angst.

Endlich trat er dicht vor sie hin.

„Hat Mr. Stockes mit dir gesprochen?“ fragte er beinahe rauh.

„Nein! Ja!“ jammerte sie. „Er wollte mit mir sprechen. Aber was hätte es für einen Zweck gehabt. Ich hatte ja schon alles durch Mr. Dodd erfahren. Gib das Geld heraus, lieber Peter, wir können ja auch hier in Deutschland bleiben, bis du wieder gesund bist.“

„Gottverdammich!“ brüllte er los. „Ich hab ja gar kein Geld, es ist alles Lug und Trug. Ich schlage Mr. Dodd den Schädel ein, wenn ich ihn treffe.“

Dabei rollte er die Augen wie ein verrückt gewordener Gewohnheitsmörder.

Polly streckte abwehrend ihre Arme aus: das Vorurteil, das Bobby Dodd in ihr erweckt hatte, konnte Peter Voß weder durch Güte noch durch Gewalt ausrotten.

„Also gut!“ sagte er und stampfte mit dem Fuße auf. „Du bist nicht zu bekehren. Halte mich also für einen Millionendieb. Aber wenn du dich von mir scheiden läßt und den verdammten Dodd heiratest, dann machst du mich zum dreifachen Mörder. Erst bringe ich ihn um, dann dich, und endlich mich, das merke dir. Halte mich also immerhin für verrückt, das ist sogar besser. Dann traust du mir diesen furchtbaren Tripelmord um so eher zu.“

„Aber ich will mich ja gar nicht von dir scheiden lassen!“ stöhnte sie auf und sank in einen Sessel. „Ich werde niemals Mr. Dodd heiraten.“

„Verstell dich nicht!“ trumpfte Peter Voß auf. „Er hat es mir soeben durchs Telephon gestanden.“

„Aber nein!“ rief sie ehrlich empört. „Das ist eine Gemeinheit. Ich werde ihn dafür zur Rede stellen. Er hat allerdings schon öfters solche Andeutungen gemacht.“

„So ein Lump!“ schrie er wütend. „Und mit so einem Menschen fährst du hinter mir her. Augenblicklich kehrst du nach St. Louis zurück.“

„Aber das geht doch nicht!“ seufzte sie und faltete ergeben ihre Hände. „Peter, du bist doch schwer krank. Du siehst es nur nicht ein. Du mußt die Millionen herausgeben! Peter, kannst du denn das nicht einsehen?“

„Da schlag doch ein Kreuzmillionhimmeldonnerwetter drein!“ brüllte er los. „Hier bleibt einem wirklich der Verstand stehen!“

„Das ist es ja eben!“ schluchzte sie unter Tränen. „Wenn du bei Verstande wärst, hättest du doch nicht das Geld genommen. Siehst du das nicht ein? Ein vernünftiger Mensch stiehlt doch nicht zwei Millionen. Das ist doch ein Verbrechen! Lieber, lieber Peter, sag mir, wo du das Geld hingetan hast, dann ist ja alles gut. Tu es doch mir zuliebe!“

So jammerte sie, während er regungslos dasaß und Kopf und Arme hängen ließ.

Er war mit seinem Latein zu Ende.

„Ich gebe die Millionen nicht heraus!“ sagte er ruhiger. „Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich sie gar nicht habe. Wenn du dem verdammten Dodd mehr glaubst als mir, dann ist die Sache allerdings schlimm genug. Aber ich verlange, daß du sofort nach St. Louis zurückkehrst.“

„Nein, nein, das kann ich wirklich nicht tun!“ flehte sie ihn an. „Sonst wird er dich der Polizei ausliefern, und du kommst ins Gefängnis. Nur wenn ich bei ihm bin, dann wagt er es nicht. Wir haben einen Vertrag geschlossen, und er hat mir versprochen, die Sache in Güte zu erledigen!“

Peter Voß griff sich mit beiden Händen an den Kopf.

„Und das glaubst du, Polly?“ fragte er und tippte sich an die Stirn. „Er schleppt dich nur mit sich herum, um dich zu verführen, jawohl, das ganz allein ist seine Absicht.“

Jetzt meldete sich bei Polly die Amerikanerin.

„Mr. Dodd ist ein Gentleman!“ sagte sie und erhob sich. „Und außerdem weiß ich ganz genau, was ich mir selbst schuldig bin. Du aber scheinst es nicht zu wissen.“

„Da hast du das wohl wirklich geschrieben?“ rief er und riß die Brieftasche heraus.

„Die Brieftasche!“ stieß sie heraus. „Du hast sie! Du warst wirklich im Gefängnis von St. Malo!“

Das war zu viel für sie. Sie sank in den Sessel und schloß die Augen. Peter Voß nahm die Gelegenheit wahr, sie in die Arme zu schließen und sie so lange zu küssen, bis ihr der Atem ganz verging.

Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie allein auf dem Sofa. Peter Voß war verschwunden. Unfähig, nach dem Alsterpavillon zu gehen, kehrte sie auf ihr Zimmer zurück, sank auf einen Stuhl und weinte leise in ihr Taschentuch hinein. Vergeblich wartete der Kriminalbeamte auf sie.

Peter Voß war längst wieder bei Mutter Hansen. Das Kopfkissen gab er ihr zurück. Den Anzug trug sie wieder zum Schneider und bezahlte die Leihgebühr. Sie holte auch das Paket aus Amsterdam vom Zollamt. Der Zwickelbart verschwand. Peter Voß saß bald wie vor Jahren als echter Janmaat an Mutter Hansens Tisch, aß rote Grütze und Pfannkuchen und trank Grog, als wenn er sieben Monate auf See gewesen wäre, rauchte einen Brösel, erzählte seinen zechenden Tischgenossen ein paar fürchterliche Lügengeschichten, die er sich ohne Schwierigkeiten aus den Fingern sog, löste noch an demselben Abend auf dem Altonaer Hauptbahnhof eine Fahrkarte nach Berlin und ließ Mutter Hansen als Bezahlung die Garderobe des fidelen Lebegreises zurück, die sie unverzüglich zum Trödler trug.

Als Dodd ins Hotel zurückkehrte, fand er Polly in Tränen aufgelöst. Unter fortwährendem Schluchzen erzählte sie ihm, was vorgefallen war. Und nun erwies sich sein Mitleid und seine Liebe zum ersten Male stärker als sein beruflicher Ehrgeiz. Er nahm die Verfolgung vorerst nicht auf, sondern blieb bei Polly, um sie zu trösten.

„Mrs. Voß!“ sprach er sanft. „Sie haben sich nun wohl überzeugt, daß Ihr Mann nach jeder Richtung hin unzurechnungsfähig ist, und daß er die Millionen wirklich gestohlen hat. Sie werden an seiner Seite niemals das Glück Ihres Lebens finden. Lassen Sie mich also hoffen, Mrs. Voß, versprechen Sie mir, die Meine zu werden, dann lasse ich diesen Verrückten laufen, wohin er will. Wir werden nach Amerika zurückkehren und ihn zu vergessen suchen.“

Er beugte sich nieder, faßte ihre Hand und drückte einen Kuß darauf.

„Darf ich hoffen, Mrs. Voß?“ fragte er leise.

Aber sie antwortete nicht, sie schluchzte nur und schüttelte den Kopf.

Mit Hilfe der Hamburger Polizei gelangte der neue Steckbrief in das Fahndungsblatt.

Peter Voß aber war in Berlin und geriet mehr aus Neugier, denn aus Solidaritätsgefühl in eine Verbrecherkneipe des Berliner Nordostens. Hier hörte er von einer Stelle erzählen, wo jeder, dem der vaterländische Boden zu heiß geworden war, gegen Geld und gute Worte falsche Papiere erhalten könnte.

Brauch ich nicht! dachte Peter Voß. Ich fahr nach Strienau zu meinem Onkel.

Und das tat er denn auch am nächsten Morgen.