Achtundvierzigster Brief.
Fortsetzung.
Im Februar 1841.
Die durch den fortwährenden Steinkohlendampf schwarz geräucherten Häuser haben im Allgemeinen, mit Ausnahme einiger fürstlichen Wohnungen, kein imposantes Ansehen; sie sind meist drei Stock hoch, von Ziegelsteinen ohne die geringste äußere Verzierung aufgeführt, meist schmal, da sie in der Regel nur von Einer Familie bewohnt werden und haben deshalb keinen Thorweg; dabei sind die Hausthüren auffallend eng und hoch, eben so die Fenster, welche, gleich den Amerikanischen, keine Flügel haben, sondern zum Aufschieben eingerichtet sind. Die Treppen sind ebenfalls äußerst schmal, und im Souterrain befinden sich die Küche und Bedienten-Wohnungen.
Alle, meist von großen Plätzen ausgehende, oder in solche einmündende Straßen sind gerade, breit und mit Trottoirs versehen. Die schönste Straße ist aber die Regent-Street, in welcher an beiden Seiten längs der Häuser, eine Säulen-Colonnade aufgeführt ist.
Mit Besteigung der Säule, das Monument genannt, welche zur Erinnerung der Stelle, wo 1666 der große Brand entstand, der 13,000 Häuser zerstörte, errichtet ist, wurde der erste Tag beschlossen. Von der Höhe der Säule, welche oben mit einer Gallerie umgeben ist, und wohinauf 365 Stufen einer Wendeltreppe führen, genießt man eine herrliche Aussicht, wenn die Witterung günstig und der Steinkohlendampf weniger die Luft verdickt. Leider war es jetzt der Fall, daß der Nebel die Fernsicht hemmte, und wir unbefriedigt den Ort verließen.
Alles, was wir während des siebentägigen Aufenthalts in London, bei wenig Ruhe, Gelegenheit zu sehen hatten, genau zu beschreiben, würde einen ganzen Band füllen, und durch meine ungeübte Feder nur unvollkommen geschehen können. Dabei würde solches über das gesteckte Ziel hinausführen, und Zeit in Anspruch nehmen, welche mir jetzt schon zu andern nothwendigen Arbeiten verloren ginge. Im Allgemeinen will ich nur bemerken, was mir unter der Größe und Pracht Londons am Meisten aufgefallen, wovon aber manches weniger Merkwürdige dem Gedächtniß wieder entschwunden ist.
Die schönen Statuen, Monumente, Brücken und die Eisenbahnen, von welchen eine der Letzteren in einem Stadttheil über die Häuser führt, die Straße unter dem Wasser weg (der Themse-Tunnel), die großartigen Bierbrauereien, die Theater, die St. Paulskirche, der Palast von Westmünster, Westmünster-Abtey und der so geschichtlich berühmte Tower.
Unter andern Aufträgen von Amerika aus, war mir auch die Besorgung eines Briefes an Prinz Albert (Gemahl der Königin), übertragen, weil man glaubte, daß solcher auf diesem Wege sicherer, als durch die Post, in seine Hände gelangen würde. Die Veranlassung zeigte, daß nicht immer auf das Wort großer Herren zu bauen, und die Sache selbst interessant genug ist, um sie hier zu veröffentlichen.
Ein Schneidergeselle in New-York, mit Namen Karl, welcher auf Stück für einen Kleiderhändler arbeitete, und dessen Bekanntschaft ich machte, hatte die Milchschwester des Prinzen Albert von Koburg geehelicht, welche ihren Mann mit einem kleinen Söhnchen beschenkte. Nach langem Berathschlagen, wer wohl der annehmbarste Pathe seyn möchte, erinnerte sich die Wöchnerin der Worte des Prinzen, welcher bei ihrer Konfirmation, wo sie ihm vorgestellt worden, gesagt haben sollte:
„Bedürfen Sie Meiner einmal in spätern Jahren, so erinnern Sie sich nur des Milchbruders, und ich werde, der Worte eingedenk, helfen, wenn ich’s vermag.“
Der Bedarf war da, denn der arme Modekünstler verdiente nur zur Noth, was er nebst Frau täglich brauchte. Leider blieb aber nichts zur Bestreitung der nöthigsten Ausgaben für den kleinen Wurm übrig, auf welchen gar nicht gerechnet worden war.
In aller Form wurden Tauf- und Trau-Schein und sonstige Atteste der Armuth nach London abgeschickt, und bis die gewünschte Antwort ankommen würde, das Kind ungetauft gelassen. Nach langem Hoffen kam endlich das ersehnte Schreiben, mit Königlichem Siegel gut verwahrt, an, und nach seiner Größe zu schließen, enthielt es vielleicht gar noch außer der Banknote als Pathengeschenk, ein Diplom als Leibschneider Sr. Majestät, für den lieben Mann.
Zum Unglück für die Frau war bei Ankunft des Briefträgers der Mann nicht zu Haus, und ruhig abzuwarten, bis er komme, ließ die Neugierde der Hochbeglückten nicht zu. Boten wurden nach allen Seiten ausgeschickt, und die nächsten Bekannten gerufen.
„Wenn nur nicht gar ein Orden darin verborgen ist“, bemerkte im Scherz der Hauswirth, „denn ein solcher darf hier nicht angenommen und getragen werden.“
„Dafür weiß ich Rath“, versetzte die Frau lakonisch, „wir verlassen sogleich Amerika, denn allerliebst muß sich mein kleiner Mann, mit dem großen Orden geschmückt, ausnehmen.“
Dem aufgefundenen Schneider wurde nicht allein die Ankunft des Packets gemeldet, sondern mehr noch zugesetzt, als wahr war, und wer konnte es dem Freudetrunkenen verargen, wenn er sogleich auf Pump einige Gläser leerte, und so seelenvergnügt der Familie zueilte. Mit ängstlicher Spannung wurden die Siegel gelöst. Doch wer malt das Erstaunen der versammelten Menge, als nichts mehr, noch weniger in dem Packet enthalten war, als was man nach London abgeschickt hatte. Mit keiner Sylbe war über das Verfahren berichtet, die Unterschrift des Absenders, oder dessen Bevollmächtigten fehlte und eben so Ort und Datum des Abgangs.
Der Mann hätte gern das auf Pump Getrunkene dem Wirthe wiedergegeben, wenn dieses möglich gewesen wäre, und die Frau dem Briefträger das ganze Schreiben überlassen, wenn dieser das Postgeld restituirt hätte. Vor Allem aber schien das kleine Pathchen selbst, welches die Mutter im Geiste reichlich bedacht, jetzt aber, über der Freude, zu füttern versäumt hatte, wegen des Vorgefallenen erzürnt zu seyn, denn es schrie entsetzlich, und vertrieb uns, die noch zusammen waren, um zu berathen, was nun zu thun sey, aus dem Hause.
Beschlossen ward, da zu vermuthen stand, daß die Hauptperson von der Sache gar nicht in Kenntniß gesetzt worden sey, daß ich bei meiner Ankunft in England, einen Brief mit dem kurzen Inhalte des Ereignisses in die Hände des Gemahls Ihrer Majestät der Königin, nun auf Umwegen, zu bringen suchen sollte, da diesmal nicht der gerade Weg, wie das Sprichwort sagt, der beste war.
Bei einem Londoner Restaurateur, wohin der Kammerdiener des Prinzen zuweilen kommen sollte, und welchen ich bat, den Brief in die Hände des Dieners des Prinzen Albert zu legen, da Ersterer die Mutter des Kindes von Koburg aus kenne, und zu erwarten stehe, daß solcher sich deshalb des Auftrages unterziehen würde, wurde mir die Nachricht: daß der Dienerschaft streng verboten sey, Schreiben an die höchsten Herrschaften anzunehmen, und demnach zu befürchten stehe, wenn ich nicht persönlich den Brief dem Kammerdiener nebst Fürsprache übergeben würde, daß derselbe ebenfalls unbeachtet verloren gehen könnte. Jetzt blieb nichts übrig, als auf gut Glück nach dem Buckingham-Palast wo die Majestäten residirten, bis zum — Kammerdiener vorzudringen.
Der Hofraum dieses Palastes, mit zwei Seitenflügeln versehen, wird von eisernen Spalieren geschlossen, und die Eingänge mit Garde-Grenadieren besetzt, welche jedem unberufenen Gast den Zutritt verwehren. Gern hätte ich mit der Equipage des Königs der Belgier, welcher zur Zeit zum Besuch in London war, und dessen Ankunft im Schlosse die Soldaten unter’s Gewehr rief, den Eingang erstürmt, wenn nicht die reichlich hintenaufstehende Dienerschaft dieses unmöglich gemacht hätte. So standen wir lange, und berathschlagten, was zu thun sey, da der Rückweg zu unserer Wohnung weit war, indem solcher durch die Gärten von Kensington und Hyde-Park genommen werden sollte.
Endlich erschien, wie seine Eilfertigkeit verrieth, der Laufbursch des Gehülfen vom Fußbekleidungs-Reiniger des Kammerdieners, der durch ein Geschenk bewogen wurde, den Brief anzunehmen, und in die Hände seines Gebieters zu legen[56].
Die Gärten von Kensington bieten in Bezug auf die daselbst befindlichen Thiere nichts besonderes Merkwürdiges dar, und nur Wildpret, Fasanen und verschiedene andere Vögel sind in eingezäunten Distrikten zu sehen.
Die Königliche Menagerie mit ihren reißenden Thieren, wie Löwen, Tiger, Panther, Leoparden und verschiedene andere Bewohner der Wüste waren früher im Tower mit verwahrt, wo den Reisenden die Gelegenheit ward, solche sehen zu können, nach dem daselbst statt gehabten Brande aber, dort nicht mehr existiren.
Der Hyde-Park, dieses große Terrain, ist nach englischer Manier angelegt, und hie und da sind nur einige Bäume sichtbar; wegen der Winterzeit verlor sich auch das Grün der Rasenplätze, wodurch dieselben eher einer Sandwüste glichen, doch ist der Geschmack verschieden. Der Engländer liebt einmal die weite Aussicht, und des Sonntags Nachmittags, wo hier 5–6 Tausend Personen aus allen Ständen auf- und abwandeln, und die Wege voll sind von Reitern, Wagen und Kabriolets, wovon immer ein Pferd, ein Fuhrwerk schöner als das andere ist, soll auch dieser Ort höchst interessant seyn, und zum öftern Besuche einladen.
Herzog Wellington’s und Sutherland’s Paläste wurden nur von fern gesehen, denn als in einer andern Richtung eine Rauchsäule, welcher bald die helle Flamme folgte, in die Luft wirbelte und die Umgegend erhellte, wurden die Schritte verdoppelt da wir uns verpflichtet hielten, hier, wo’s Noth that, mit zu helfen.
Noch ehe wir ankamen, waren schon einige Spritzen in Thätigkeit, wovon die erste 30, die zweite 20 Schillinge als Prämie erhielt. Auffallend war die Ruhe, welche dabei herrschte. Keine Sturmglocke ertönte, kein Feuerlärm wurde vernommen. Niemand war beängstigt und bestürzt. Von der Brandstätte etwas entfernt, standen Hunderte und sahen mit Wohlgefallen diesem schönen Schauspiele zu, doch Keinem fiel es ein, thätig mit einzuschreiten, weil auf den ersten Feuerruf die aus allen Stadtvierteln mit Pferden und Menschen bespannten Spritzen herbeieilten, und nur dazu beauftragte Leute dem Feuer sich nähern dürfen. Die Direktion dieser Löschanstalten ist weislich den Häuptern der Feuer-Assekuranzen anvertraut, da diese bei Feuerunglück am mehrsten interessirt, nichts unterlassen, um der Kasse den Verlust weniger fühlbar zu machen.
Nicht allein jedes Gebäude ist versichert, wie man an den Schildern der Häuser sehen kann, sondern in der Regel auch das Mobiliar, und es steht dem Eigenthümer der Sachen, wegen möglicher Veruntreuung, nicht zu, beim Ausräumen derselben mit Hand anzulegen, sondern dies geschieht Alles durch eigends dafür besoldete Leute.
Des Feuers wurde man bald Meister, da es sich selbst verzehrte, die Spritzen, denen es nicht an Wasser fehlte, welches durch unterirdische Röhren durch alle Straßen Londons geleitet wird, nicht nutzlos in die Feuersäule gossen, und die Bemühung der Spritzenleute nur darauf gerichtet war, die weitere Ausbreitung des Feuers zu hindern, als das einmal in Brand gerathene Haus zu löschen.
Die neugierige Menge verlor sich mehr und mehr und eine besondere Art Nachtvögel wurde bemerkbar, welche die einzelnen oder in kleinen Trupps zusammenstehenden Jünglinge und Männer umschwärmten. Auch zu uns gesellten sich einige dieser öffentlichen Stadtnymphen und stellten Anträge, welchen am besten zu entgehen unser Cicerone den Vorschlag machte, eine Lohnkutsche zu besteigen, bis wo hinein nur auf Verlangen der Fuß einer Begleiterin sich verirren darf.
An Kreaturen, welche für Geld ihre Reize feilbieten, fehlt es, wie überall in der Welt, auch in Amerika nicht, doch werden öffentliche Häuser dort nicht geduldet, und streng wacht das Gesetz über die moralischen Sitten des schönen Geschlechts. Kupplerinnen dürfen nur im Geheimen die Hand zur Verführung bieten, und bei der geringsten Anzeige oder Verdacht wird ihnen das Handwerk gelegt und sie büßen mit Gefängniß und ihrer weltlichen Habe. Aber auch dem lüsternen Manne wird der Appetit benommen, da nach dem Gesetz die verworfendste Dirne selbst den Familienvater zum Vater ihres Kindes nicht allein schwören kann, sondern dazu ermuntert wird, indem 400 Dollars der geringste Preis ist, welchen das Gesetz zum Lohn für einen solchen Schwur aus dem Beutel des angegebenen Vaters bewilligt, insofern nicht durch Zeugen bewiesen wird, daß die Klägerin schon früher oder gleichzeitig auch gegen Andere nicht ..... unerbittlich gewesen sey.
Doch auch diese Strenge hat ihre Schattenseite, da, wie Gall bemerkt, der Beklagte in den meisten Fällen vorzieht, mit jenem Sündenlohn lieber die erforderlichen Zeugen nöthigenfalls zu erkaufen. Daß die scandalösen Prozesse, welche sich aus solchen Klagen entspinnen, den verderblichsten Einfluß auf die Sittlichkeit ausüben, kann man sich denken.