Neunundvierzigster Brief.
Reise nach Paris.
Im Februar 1841.
Den 20. Februar ward das Dampfschiff City of Londonderry bestiegen, um mit diesem nach Frankreich abzugehen, und in Havre de Grace zu landen. Die zweitägige Seereise dahin ist freilich länger, als durch den Kanal von Dover nach Calais, welche Fahrt in so viel Stunden gemacht wird, dabei ist aber zu bemerken, daß die Landreise von Havre nach Paris auch weit kürzer und billiger ist, als von Calais dahin, und dann wünschte ich auch die Hafenstadt kennen zu lernen, von wo aus meistens die Rheinländer die Reise nach Amerika antreten.
Ueber die Rechnung des Wirths, bei welchem wir während der Zeit des Aufenthalts in London logirt hatten, konnte man sich nicht beschweren, und zwar aus dem triftigen Grunde, da wir bei ihm außer Bett, früh Kaffee und Abends einem Krug Bier, nichts erhalten hatten. Frühstück, Mittag- und Abend-Brod wurde nach Bedarf auf der Wanderung verzehrt, und da wir nicht, um den Gaumen zu kitzeln, nach London gekommen waren, so wurden auch nicht die vornehmsten Restaurationen besucht, sondern in gewöhnlichen Speisehäusern eingesprochen. Zu jeder Zeit kömmt man hier recht, immer füllen und leeren sich die Tische; man speis’t ungenirt und hat den Vortheil, nicht nach einem guten Trunke lüstern zu werden, da die Wirthe dieser Tabernen keine Getränke verkaufen dürfen, und deshalb Wasser, woran ich und meine Begleiter schon in Amerika gewöhnt waren, gratis verabreichen.
Wie zu vermuthen steht, ißt nur die vornehme Welt in England die Speisen halb gar gekocht, denn niemals habe ich in den besuchten Speisehäusern darüber zu klagen gehabt, daß die Zähne mit dem Zerkleinern nicht hätten fertig werden können. Im Gegentheil war alles Fleisch mehr als zu weich; dagegen herrscht aber auch hier, wie in Amerika, die Sitte, alles Gemüse nur in Wasser zu kochen und ungeschmelzt zu serviren. So gelebt, hat man über die Theuerung unumgänglich nöthiger Lebensbedürfnisse in Betracht des Maaßstabes, wie solcher in England angewandt werden muß, nicht zu klagen, und die direkten Ausgaben schmerzen den Reisenden weniger, als die indirekten, da hier das Sprichwort gilt: „Für Nichts hat man Nichts!“ Alles, was man sehen will, wie die geringste Handleistung muß theuer bezahlt werden.
Vorsichtig gemacht, wurden die Transportkosten unserer Sachen nach dem Dampfschiffe vorher bestimmt; da aber das Boot einige Schritte vom Ufer abstand, weil ein zwischenliegendes Fahrzeug das Näherankommen verhinderte, so wurde abermals eine Ausgabe herbeigeführt, und für diesen geringen Dienst von der Person ein Schilling bezahlt. Als man aber nach Erreichung des Dampfboots für die mit uns zugleich mit übergesetzten drei Koffer noch besonders eine Vergütung verlangte, und sich mit dem in fünf Minuten verdienten Thaler nicht begnügen wollte, wäre es bald zu einer thätlichen Demonstration gekommen, da der Bierbrauer Miene machte, diesen Schurken über Bord zu werfen, wenn nicht die dazwischenspringenden Matrosen es verhindert hätten.
Zwanzig Schillinge war der bestimmte Preis, in der zweiten Kajüte zu reisen. Als aber das Geld von dem Steward einkassirt wurde, verlangte derselbe noch von jeder Person zwei Schillinge, als Trinkgeld für sich, da dieses so Gebrauch sey. Alles Einreden der Passagiere wegen Unbilligkeit dieser Forderung, fruchtete nichts. Wer kein Geld habe, solle nicht reisen, war die lakonische Antwort des Britten, und so blieb nichts übrig, als abermals den englischen Blutegeln den Beutel vorzuhalten und als Wiedervergeltung wäre die Strafe nicht zu hart, wenn man den Herren Insulanern, welche nur, um Geld zu ersparen, nach Deutschland gehen, ihnen wenigstens dieses weniger möglich zu machen suchte.
War auch die Witterung am ersten Tage der Reise nicht die günstigste, so gewahrte sie doch einen freien Blick, und die Fahrt der Themse hinab, an welcher an beiden Ufern diese Riesenstadt mit ihren Schiffswerften sich hinzieht, gewährte einen herrlichen Anblick. Unter den vielen großen und kleinen Fahrzeugen zeichnete sich besonders ein schwimmendes Lazareth aus, welches kolossale Gebäude mitten auf dem Wasser über tausend Kranke beherbergte; es ist mit allem Nöthigen versorgt, von aller Kommunikation des festen Landes abgeschnitten, und daher bei ansteckenden Krankheiten eine treffliche Anstalt.
Das Packet-Dampfboot Londonderry, welches jetzt regelmäßig die Fahrt zwischen London und Havre de Grace zu machen bestimmt ist, soll an bequemer Einrichtung seinen Vorgänger, welcher acht Tage zuvor untergegangen und an dessen Stelle Ersteres von der Kompagnie dieser Anstalt angenommen war, nicht nachstehen. Um so unverzeihlicher war es aber, das Kommando von diesem Fahrzeug Männern, wie der Kapitän, Ober- und Untersteuermann waren, anzuvertrauen, welche diese so gefährliche Tour, wie der sich erst ereignete Fall bewies, noch nicht gemacht hatten. Wie unkundig sie mit der Gegend waren, ging daraus hervor, daß sie von annähernden Fischerbooten das Nähere wegen der Fahrt erst zu erforschen suchten. Als aber der Nebel, statt sich zu verlieren, in dicken Wolken sich auf die Wasserfläche legte und außer dem Dampfboot nichts mehr erkannt werden konnte, da sah man dem Kapitän im Gesicht an, wie ihm zu Muthe war, da er die Gefahr, in welcher wir schwebten, besser kennen mochte, als die Passagiere, welche, ins Innere des Bootes zurückgezogen, von keinem Unglück träumten. Plötzlich erhielt aber das Schiff einen heftigen Stoß, welchem weniger fühlbare folgten und in allen seinen Theilen krachend, glaubte man es schon auseinander bersten zu sehen.
Jesus Marie! schrie eine neben mir sitzende gute Katholikin und holte in der Angst ihren Rosenkranz hervor; wir Andern eilten alle bestürzt dem Ausgang zu, wodurch die Treppe verstopft, dieses weniger möglich gemacht werden konnte. In dem Augenblick verstummten die Töne der Dampfmaschine und das Boot saß unbeweglich auf Steinbänken fest, wie dieses das ausgeworfene Senkblei bekundete. Zum Glück war dasselbe dauerhaft genug, um bei ruhiger See und langsamer Fahrt einen solchen Stoß vertragen zu können, ohne einen Leck zu erhalten. Was wäre aber aus den Passagieren geworden, wenn bei Sturm das tobende Meer die Gewalt verdoppelt hätte?
Alle Anstrengung, wieder flott zu werden, war vergebens und immer schwieriger, da während der Zeit der Ebbe das zurückgehende Wasser immer seichter wurde, bis das Dampfschiff, förmlich trocken, mitten in Steinmassen stand und bei sich zertheilendem Nebel Frankreichs nahe Küste sichtbar wurde, wohin man trocknen Fußes gelangen konnte.
Der uns sogleich bemerkt habende Telegraph berichtete diesen Vorfall nach Havre, worauf ein von dort abgeschicktes Pilotenboot ankam und nach wieder eingetretener Fluth der des Weges kundige Führer uns sicher in den Hafen von Havre de Grace geleitete.
Schon war es spät, als wir am 21. dieses in den leeren Straßen der Stadt den deutschen Gastgeber Köhler noch aufsuchten, da Hunger und Durst uns vom Dampfboote trieb, und nur mit Mühe gelang es, die aus dem tiefen Schlafe geweckten Wirthsleute zu bewegen, uns noch aufzunehmen, da schon einige auswanderungslustige Familien hier logirten. Erst als der Straßburger Handelsmann seinen Namen nannte, wodurch der Wirth einen seiner frühern Gäste erkannte, der bei seinem Abgange nach Amerika hier gewohnt hatte, änderte sich die Scene. Die Thür wurde freudig geöffnet, das Feuer schnell geschürt und bald saßen wir um eine Bowle Glühwein. Vor Meereswellen, Feuer- und Hungersnoth geborgen, erhöhten die überstandenen Strapazen nur die allgemeine Fröhlichkeit und auf das Wohl des Continents, des lieben Vaterlandes, und Aller, welche es wohl mit uns meinen, wurden die Gläser geleert. Durch die Stille der Nacht drang bald der Freudenruf zu den neben und über uns schlafenden Auswanderern, welche glaubten, daß wir als halbe Millionärs zurückkehrten und von dem Wunsche beseelt, von gleichem Glück begünstigt zu werden, wünschten sie am Morgen zu erfahren, wie man es in Amerika anfangen müsse, um in kurzer Zeit reich zu werden. Doch belehrt, daß wir darüber hoch erfreut wären, wenigstens mit heiler Haut zurückgekommen zu seyn, erzählten wir ihnen einzelne Bruchstücke unserer Aventuren und stellten ihnen das Prognostikon, was im gelobten Lande Jeden erwarte; aber man predigte doch tauben Ohren. Ein Jeder glaubte, daß ihn ein besseres Geschick erwarte und begeistert von Berichten, welche lieblicher geklungen, als unsere Töne, eilten sie unaufgehalten ihrem Elend entgegen. — Möge Gott sie bewahren, daß sie nie Ursache haben, einen Schritt zu bereuen, welchen zu verbessern nicht immer einem Jeden möglich ist.
Als Beleg, wie die Reue oft zu spät kömmt, mag folgender Vorfall noch bezeugen. Unser Landsmann, der Müller S.[57] landete mit Familie in Baltimore, wurde während der Seereise schon bestohlen, fand auf keine Art mit seinem Tochtermann und Kindern bei der Ankunft in Amerika Unterkommen und Verdienst, und setzte so Alles zu. In dieser bedrängten Lage erfuhr er, daß ich aus den südlichen Staaten nach New-York zurückgekehrt sey und machte es möglich, allein dahin zu kommen, um meine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Doch, ein gebranntes Kind scheut das Feuer; ich kannte jetzt Amerika und seine Grundsätze zu gut, um mich abermals der Gefahr auszusetzen, eine Summe zu verlieren, da ihm mit Wenigem nicht geholfen war. Auf die Frage, warum der Bittsteller versäumt, vor Ausführung seines Vorhabens bei meiner Frau in Weimar Erkundigung einzuziehen, über das, was ich an sie von Amerika und dem Loose der Auswanderer berichtet hatte, gestand er mit weinenden Augen, daß dieses zwar geschehen sey, aber man hätte dem Inhalt meiner Briefe nicht geglaubt, weil andere Nachrichten mit demselben widersprechend gewesen wären. Leider müßten sie aber jetzt die Ueberzeugung gewinnen, wer es am Besten mit dem Menschen gemeint und daß ich nur zu wahr gesprochen habe.
Manchem Andern wird es nicht besser gehen, da Viele, der Warnungen ohngeachtet, immer noch das Vaterland verlassen und ein Jeder glaubt, es besser als seine Vorgänger zu machen; er vergißt aber, daß die Zeiten in Amerika schwerlich besser, leider aber durch den ungeheuern Zudrang großentheils unbemittelter Einwanderer für den Armen immer schlechter werden müssen.
Um zu zeigen, wie groß der Zudrang in den Verein. Staaten ist, habe ich Haxard’s kommerzielles und statistisches Register mit aufgenommen, welches eine umständliche Aufzählung der Anzahl des Geschlechts, Alters, der Beschäftigung und der Heimath aller Fremden, welche im Laufe des Jahres 1839 in amerikanischen Häfen landeten, enthält. Diese Zusammenstellung ist den jährlichen Berichten des Staats-Sekretärs entnommen und es erhellet daraus, daß die ganze Anzahl von Passagieren, welche im Verlaufe dieses Jahres landeten, 74,666 betrug, von welchen 70,509 Eingeborne fremder Länder und 4157 Eingeborne der Vereinigten Staaten waren. 47,688 landeten in New-York, 10,306 in New-Orleans, 6081 in Baltimore, 3949 in Philadelphia, 3081 in Boston und sonstigen Plätzen. 34,213 waren Eingeborne von Großbritannien, 10,474 von Deutschland, 7018 von Frankreich, 1234 von Preußen und 2108 von andern Theilen Europas; also im Ganzen 64,227 Europäer. Der Ueberrest kam von Westindien, Südamerika und hauptsächlich von den Britischen Provinzen von Nordamerika. 37,658 hatten keine Beschäftigung; in dieser Zahl sind jedoch 26,001 Frauenzimmer und der größte Theil von 15,166 Knaben unter 15 Jahren mitbegriffen. 12,870 waren Ackerbauer, 8930 Handwerker, 1870 Arbeitsleute und 5633 Kaufleute, (von denen wahrscheinlich die meisten Amerikaner waren). 571 Matrosen, 143 Geistliche, 254 Mediziner, 296 Näherinnen, und 208 Ladendiener. 7195 waren über 40 Jahre alt, 61,078 in einem Alter von 18–40 Jahren.
Wer eine nicht zu weite Landreise bis Havre zu machen hat, wird wohlthun, in diesem Hafen sich nach Amerika einzuschiffen, da die Passage eben nicht theurer wie in Bremen und Hamburg zu stehen kommt, wenn die zur Reise nöthige Verproviantirung von den Schiffsrhedern mit besorgt wird. Auch findet man hier immer Fahrgelegenheit, ohne Beköstigung, welches in Bremen nicht der Fall ist und es zahlte zur Zeit meines Aufenthaltes hier, die erwachsene Person 100 Franks (25 Thaler). Der Betrag für anzuschaffende Nahrung läßt sich nicht bestimmen, da es darauf ankommt, ob man an frugale Kost gewöhnt oder als Leckermaul sich auch auf dem Schiff nichts abgehen lassen will. Alle Ursache habe ich, den Auswanderungslustigen das deutsche Gasthaus von J. C. Köhler, Daffin-Straße No. 48 in Havre zu empfehlen, da man hier in jeder Hinsicht gut und billig bedient wird.
Das Dampfboot war sogleich bei der Ankunft unter Aufsicht gestellt worden und die am Morgen nach dem Zollhaus geschafften Koffer streng untersucht, so daß Alles bis auf das letzte Stück ausgeräumt werden mußte. Nach einem Reisepaß oder sonstiger Legitimation wurde auf die Angabe, daß wir aus Amerika kommend über London gereist seyen und ohne einen solchen Begleitschein wären, weiter nicht gefragt, sondern nur bemerkt, daß wir sogleich bei Ankunft in Paris die nöthigen Schritte deshalb thun sollten.
Theils um die Stadt besser kennen zu lernen, theils auch die zur Fastnachtzeit auf den Straßen maskirt herumziehende Menschenmenge, welche mitunter hübsche Aufzüge darstellten, zu sehen, folgten wir Herrn Köhler, welcher so gefällig war, uns herumzuführen, um uns das Merkwürdigste zu zeigen.
Havre liegt auf dem rechten Ufer der Seine-Mündung, ist mit Festungswerken umgeben, hat eine Citadelle, zwei Thürme, welche den Hafen vertheidigen, zwei Kirchen, ein Marine-Arsenal, ein Quarantainehaus, ein Ursulinerkloster, ein städtisches Kollegium, eine Schifffahrt-Schule und eine Börse; verschiedene Manufakturen, eine Ankerfabrik, bedeutende Seilereien, und Schiffswerfte, beschäftigen Viele der Einwohner und durch den bedeutenden Handel, da Havre nicht allein über die Mündung der Seine gebietet, sondern seine Schiffe in die entferntesten Länder der Erde sendet, gewinnt es täglich an Wohlstand. Der Hafen, welcher durch eine lange Mulje[58] gebildet wird, wie das Bassin, sind tief genug, um Fregatten von 60 Kanonen zu tragen und mehr als 400 Schiffe aufnehmen zu können. Doch soll für die Fahrzeuge bei Strömen nicht die gewünschte Sicherheit vorhanden seyn. Havre ist der Sitz eines Handels-Tribunals, einer Handelskammer, hat Wechsler, Mäkler und eilf Assekuranz-Gesellschaften, so wie 26,000 Einwohner.
Am 23. Februar wurden zur Landreise nach Paris, wohin man auch von hier auf der Seine gelangen kann, bei der Postanstalt Laffitte, Coillard et Comp. Plätze belegt und für die Entfernung von 52 Stunden nur zwanzig Franks bezahlt. Abends präcis sechs Uhr ging die Diligence ab, welcher ein zweiter Wagen, von einer andern Gesellschaft abgesendet, folgte, und diese nun, hinsichtlich der Schnelligkeit, mit welcher jede Kompagnie die Passagiere zu befördern sucht, sich den Rang abzulaufen streben. Während des Umspannens, welches alle zwei Stunden erfolgte, da die fünf Pferde bergan im Trabe, sonst immer Gallopp laufen mußten, blieb höchstens den Passagieren so viel Zeit, nöthigenfalls aus- und wiedereinsteigen zu können; doch darf mit Podagra wahrlich kein Reisender behaftet seyn, wenn er in dieser Frist den Kutschenhimmel, wo wir placirt waren, verlassen und wieder erklimmen will.
Obgleich der Schaffner während der Fahrt die Offerte machte, im zweiten Wagenrange leere Plätze einzunehmen, so blieben wir doch, gegen die Witterung gut verwahrt, auf unsern hohen Sitzen, um nicht durch unzeitige Bequemlichkeit die freie Aussicht zu verlieren und Frankreich, wenn auch nur wie im Fluge, zu sehen.
Die schnelle Reise wurde während der Nacht nur ein Mal unterbrochen um den hungrigen Magen zu beschwichtigen, und so war es möglich, schon den andern Tag um ein Uhr in Paris anzukommen.