Einundfunfzigster Brief.
Fortsetzung.
Im Februar 1841.
Der Minister-Resident, Herr Staatsrath Weiland, wünschte persönlich meine Bekanntschaft zu machen, nahm mich sehr zuvorkommend auf, und stellte mir beim Abschiede eine Karte zu, welcher ich mich da, wo der Paß nicht auslangen würde, um Einlaß in die Kunstkabinete zu erhalten, bedienen möchte. Dabei war ich auch von dem Aufenthalte der zur Zeit in Paris lebenden Weimaraner in Kenntniß gesetzt, von welchen ich vor Allen Herrn Martersteig aufzufinden mich bemühte. Dieser, in seinem Atelier mit einem großen Kunstgemälde beschäftigt, war nicht wenig erstaunt, als er den Amerikaner erblickte, der, ihm in Paris einen Besuch abzustatten, gekommen war, und ich mußte sogleich bei diesem Braven meine Wohnung nehmen, da ein mehrtägiger Aufenthalt unerläßlich war, um das Weitere von Paris kennen zu lernen. Ein zweiter Landsmann, Herr Rückoldt, zur Zeit außer Kondition, wurde nun mein Cicerone, und dieser, ebenfalls in Paris von A bis Z bekannt, unterzog sich dem Geschäfte, mit mir die Stadt nach allen Richtungen zu durchstreichen und nichts unbesucht zu lassen. Den Abend mehrte die Gesellschaft ein dritter Landsmann, Herr Schaller, und so genoß ich nach der Abreise meiner Reisegefährten manche herrliche Stunde im Kreise der Freunde.
Vendome-Platz, Palais-Royal, Morgue, Thiergarten, Invalidenhaus, die Elysäischen Felder, Place de la Concorde, Tuilerieen-Garten, so wie die Wohnung des Königs, der Tuilerieen-Palast, waren die ersten Tage besehen worden. Jetzt sollte vom Polizei-Bureau aus, wo der Paß niedergelegt war, das Versäumte nachgeholt und der berühmte Gottesacker besucht werden. Auf der Tour dahin ward die alte ehrwürdige Notre-Dame besichtigt und die immer mit Menschen und Wagen besetzte Brücke Pont-neuf passirt, wo die bronzene Reiter-Statue Heinrichs IV. aufgestellt ist, und die auf den Trottoirs dampfenden Kohlenbecken und Oefen den Vorübergehenden immer frisch gebackene Schmalzkräpfel und Pasteten liefern; doch waren wir nach diesem Backwerke nicht lüstern, da die Sage geht, daß hier Hunde-, Pferde- und Menschen-Fett die Hauptrolle spielt.
Auf den Grêve-Platz angelangt, fällt vor Allem das schöne Rathhaus auf, in dessen Hofe das Standbild Ludwig XIV. prangt. Dieser Platz, auf welchem früher gehenkt, gerädert, geviertheilt und guillotinirt worden ist, hier, wo schuldige und unschuldige Opfer in Unzahl das Leben verloren haben, behält immer etwas Grausiges, und der Gedanke, auf dem gräßlichen Platze zu stehen, wo während der Revolution Ströme Bluts geflossen, wo der Henker Robespierre ohne Zahl die Menschen schlachten ließ, und als gerechte Strafe selbst durch Henkersbeil das Leben verloren hat, erfüllt den Menschen mit Abscheu gegen die Bluthunde damaliger Zeit.
Vor dem Todtenacker Pére la chaise verrathen die auf beiden Seiten der nicht breiten Straße in Ateliers arbeitenden Steinhauer, durch Aufstellung ihrer bestellten, oder vorräthig gefertigten Kunstwerke von Monumenten und Denksteinen, daß man nicht zu bereuen hat, die Schritte aus dem geräuschvollen Leben nach dem Eingange zur Lebensruhe gerichtet zu haben. Der Friedhof selbst überrascht den Pilger auf jede Weise. Kunst und Natur wetteifern hier, dem Orte das Abschreckende zu benehmen, und dem Besuchenden einen einladenden Garten zu zeigen. — Schöne Wege und Alleen führen zur Höhe hinauf, an dessen Abhang frei, und im Gebüsche versteckt, die schönsten Grabsteine, Kreuze, Monumente und Kapellen sichtbar sind. Herrliche Denkmäler, große und geschmackvolle marmorne Obelisken, Säulen und Statuen bezeichnen die Stellen, wo ausgezeichnet gewesene Männer ruhen. Die Namen der Marschälle Suchet, Massena, Lefevre findet man hier. Auch der durch sein tragisches Ende noch merkwürdiger gewordene Marschall Ney ist hier beigesetzt, doch ohne daß auf dem Steine, welcher ihn deckt, der Name verzeichnet ist. Besonders prächtig nehmen sich die Denkmaler der russischen Gräfin Demidoff, das der beiden liebenden Abaelard und Heloise, des General Foy und das in neuerer Zeit dem Staats-Minister Casimir Perier errichtete, aus.
Ist man auf dem ersten Vorsprunge des Hügels angelangt, wo eine Kirche steht, so ändert sich die Scene. Der Mensch wird abgezogen von seinen Betrachtungen über Tod und Ewigkeit, da von diesem Standpunkte aus, Paris in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit sich vor seinem Blicke entfaltet, und die Sinne, vom Reize des Irdischen umstrickt, sich wieder dem sündhaften Leben zuwenden.
Im Kreise der Freunde ward beschlossen, den Abend dieses Tages auf einem deutschen Kaffeehause zu verleben und bei gutem Bier uns der lieben Heimath zu erinnern.
Zahlreich war die angetroffene Gesellschaft, da der in Paris lebende Deutsche noch zu sehr an dem gewohnten Gerstensaft hängt, als daß er letztern über den Wein, welcher mehr von den Franzosen getrunken wird, vergessen sollte. Alle Tische waren in den ersten Zimmern besetzt, und die qualmenden Pfeifen ließen mich um so mehr wünschen, besser im Hintergrund gedrängt, außer dem Bereiche der Rauchsäulen, leere Plätze zu suchen.
Das Bier, Straßburger Fabrikat, mundete trefflich, und schon war es spät an der Zeit, wie die um uns leer werdenden Sitze kund gaben, als wir uns auch zum Rückzuge anschickten, und die Freunde auf den leer gewordenen Straßen jetzt mit Schrecken gewahrten, daß kein Omnibus mehr fahre. Wie sie die weit abgelegenen Quartiere erreicht, war Keinem am nächsten Tage mehr bewußt, ich selbst wanderte mit meinem seelenvergnügten Maler langsam und friedfertig unserer Wohnung zu.
Auffallend ist der Kontrast, welchen eine so bevölkerte Stadt, wie Paris, zwischen Nacht und Tag bietet, und ein wahrhaft interessantes Bild davon giebt ein Autor, indem er sagt:
„Wie ganz anders gestaltet sich die Stadt am späten Abend. Die Lampen und Laternen sind erloschen, nur das Gas leuchtet noch auf einigen Plätzen und in größern Straßen; die Läden sind geschlossen, die Lichter in den Zimmern sind verlöscht, und nur in den obersten Stockwerken flimmert noch hin und wieder ein Licht. Der Journalist, der Poet, der Gelehrte arbeitet da noch; die arme, von der harten Tagesarbeit ermüdete Mutter, sucht für ihre hungrigen Kinder noch Etwas zu verdienen. Die Grisette erwartet noch ihren Geliebten; die feile Dirne lauert auf Beute, um morgen essen zu können. Dunkle Gestalten, von denen viele das Tageslicht scheuen mögen, schleichen gespensterartig mit leisen und gellenden Tritten an den Häusern hin; Patrouillen durchreiten und durchwandern die Stadt. Die Chiffonniers, mit ihren kleinen Laternen, hölzernen Butten und eisernen Hacken durchwühlen die Gossen und Ecken, um spärliche Papierschnitzel, verdorbene und weggeworfene Eßwaaren aufzusuchen. Nur selten rasselt ein Wagen; die pestilenzialisch stinkenden Ausleerungskarren schleppen langsam einher und gleichen Leichenwagen in einer ausgestorbenen Stadt, und Paris ist jetzt todt. Nur in den Salons der Großen, in den Spiel- und Freuden-Häusern ist noch Leben.“
Etwas spät stellte sich am andern Morgen mein wackerer Führer ein, da Heiserkeit und Kopfschmerzen ihn länger als gewöhnlich, aufs Lager gefesselt hatten. Doch solch ein nächtlicher Kommers genirt einen braven Burschen nicht. Der fleißige Maler stand schon früh mit Pinsel und Palette an seinem Meisterwerk, und korrigirte nebenbei vorkommende Fehler seiner jungen und talentvollen Schülerin, welche die Mutter mit Argusaugen bewachte, da in Paris den Männern in diesem Punkte zu wenig getraut wird, und man in jedem unbewachten Frauenzimmer, welche auf der Stube eines Mannes angetroffen wird, ein Grisettchen erkennt.
Ohne Appetit wollte heute bei einem Marchand de vin das Frühstück nicht munden, welches uns bestimmte, um nun auch die Wirthschaft einer der größten und vornehmsten Pariser Restaurationen kennen zu lernen, im Palais-Royal das Mittagsbrod einzunehmen.
Gute Bedienung, schmackhafte Speisen und trefflichen Wein findet man hier, doch ist solch ein Genuß, den Gaumen zu kitzeln, bei beschränkten Mitteln um so weniger anzuempfehlen, wenn man vom Hause aus kein Feinschmecker ist, und das Sprichwort: „Was hilft der Kuh Muskate!“[61] hier Anwendung finden möchte. Solch ein Vergnügen ist zu kostspielig, als daß der mit Glücksgütern nicht gesegnete Fremde hierauf nicht verzichten sollte. In ebenfalls anständigen Restaurationen, woran es in Paris nicht fehlt, ist es um drei Theile billiger.
Das geschichtlich merkwürdige Palais de Luxembourg, jetzt der Versammlungsort der ersten Kammer, der Pairs von Frankreich, wurde heute besucht. Die Gemäldegallerieen, in welcher nur Meisterwerke jetzt lebender Künstler aufgestellt werden, ist sehenswerth; der daran stoßende herrliche Garten soll besonders von den Herren Studenten frequentirt werden, welche mit dem Liebchen am Arm, sich in den schattigen Gängen erholen, denn hier ist es Sitte, daß die Pariser Musensöhne, wie ihre deutschen Brüder ohne lange Pfeife nicht leben können und sich öffentlich zeigen, diese, ohne ein Grisettchen am Arm zu haben, die Straße nicht betreten und sonst in vertraulicher Eintracht mit ihren Stubengenossinnen leben.
Solche Stubenmädchen, deren es 18–20,000 in Paris geben soll, verdienen sich in der Regel vom Nähen und Sticken ihren Unterhalt, welcher Verdienst jedoch nicht ausreichend ist, um auch Putz und Logis davon bestreiten zu können, weshalb das liebe Geschöpfchen zu einem Studenten oder sonst jungen Mann nach ihrem Geschmack zieht, dessen Wirthschaft besorgt und die Frau vertritt, woher es kommen mag, daß die Findelhäuser immer reichlich besetzt sind. Dennoch findet man in einem solchen gesellschaftlichen Verhältniß nichts Anstößiges und weder Eltern, Vormünder noch die Obrigkeit haben Etwas dagegen einzuwenden.
Von hieraus wurde das Panthéon besucht, ein Meisterwerk der Architektur, welches schon über dreißig Millionen Franks gekostet hat und im Bau noch nicht vollendet ist. Es nimmt einen der ersten Plätze der Pariser Merkwürdigkeiten ein. Die Bestimmung dieses prächtigen Tempels des Ruhmes ist: die Gebeine berühmter Männer aufzunehmen, weshalb unter dem Gebäude eine lange Reihe von Gewölben angebracht ist.
Auch das Musée d’Artillerie wurde heute besichtigt, wo in fünf Gallerieen verschiedene Kriegswerkzeuge aufgestellt sind.
Auch zeigt man dort, außer den wirklich authentischen Waffen der größten französischen Kriegshelden und Monarchen, den Helm des Attila.
Am Abend wurde die große Oper besucht, wo wir bei frühzeitiger Ankunft schon eine Menge Menschen versammelt fanden, welche die im Zick-Zack errichteten Barrieren füllten und in Reihe und Glied das Oeffnen der Kasse erwarteten. Eine lobenswerthe Ordnung findet dabei Statt, bedungen von den vor dem Stück aufgestellten und nach Anfang desselben wieder weggenommenen Verschlägen, wodurch das Zudrängen von allen Seiten nach dem Eingang unmöglich wird, und so geschützt, der Vorderste Einlaß erhält, die Folgenden nachrücken und die Neuangekommenen sich immer dem Hintersten erst anschließen müssen.[62]
Pracht und Eleganz herrscht hier bis auf den letzten Sitz der obersten Gallerie und, wie in London, erhöhen die Lichtflammen fünf großer und brillanter Leuchter den Glanz der Vergoldung und Malerei, mit welchen das Haus reich und geschmackvoll dekorirt ist.
Die Vorstellungen dauern sehr lange, von acht Uhr bis Mitternacht; füllt ein Theaterstück diese Zeit nicht aus, so werden in mehrern Schauspielhäusern öfters vier bis fünf verschiedene Stücke gegeben.
Nicht wie bei uns, bekundet ein anhaltender Applaus die Kunst der Spieler, wie den anerkannten Werth des Stücks, denn hier, wie in London, giebt das Publikum nicht durch Klatschen seinen Beifall zu erkennen, sondern dies Geschäft verrichten die von den Theater-Direktionen, Akteurs und Aktricen, sowie vom Autor des Stücks bezahlten Klatscher (Claqueurs), welche sich im ganzen Theater verbreiten und je nachdem es bezahlt worden ist, werden die Hände in Bewegung gesetzt. Wer zu zischen und pfeifen wagt, indem sie klatschen, wird maltraitirt, wer klatscht, wenn sie ruhen, verhöhnt.
Vor Allem vermißt der Fremde in Amerika, London und Paris das gesittete und stille Betragen der Zuschauer vor Beginn des Stücks. Man spricht hier laut miteinander, ruft aus dem Parterre den in Logen und Gallerieen Sitzenden zu, macht allerhand launige Bemerkungen, lacht, schreit und singt nach Belieben und nicht weniger geniren sich später kommende Zuschauer, welche über Bänke und Sachen weglaufen, und sich einzudrängen suchen. Ebenso belästigen Verkäufer, welche Theaterzeitungen, Lorgnetten, Eßwaaren etc. feil bieten, und sich durch die Reihen Platz zu machen verstehen. Je nachdem das Stück Anklang findet, so hängt davon die Ruhe und Aufmerksamkeit des Publikums ab. Zieht das Stück an, so geht es erträglich, mißfällt es dagegen, so hat der Lärm keine Grenze, da ein Jeder für sein erlegtes Geld das Recht zu haben glaubt, sein Urtheil laut abgeben zu können.
Sonntag, den 28. Februar, fuhren wir auf der am rechten Seine-Ufer angelegten Eisenbahn nach dem vier Stunden von Paris gelegenen Versailles, um daselbst das schöne Schloß, die in demselben aufgestellte große Bildersammlung, Statuen, wie die so berühmten Wasserkünste im Schloßgarten zu sehen.
Versailles, zur Zeit Ludwig XIII. noch ein Dorf, erhielt erst sein Ansehen, nachdem dieser Regent ein Jagdschloß daselbst erbaute, seine Nachfolger aber solches erweiterten, immer vergrößerten und bis zur Revolution den Sitz des Hofes und der Regierung dahin verlegten, wodurch die Stadt an Größe schnell zunahm und gegen 100,000 Einwohner zählte; nach jener Schreckenszeit kam sie aber schnell in Verfall, so daß die Seelenzahl bis auf 30,000 herabsank, jetzt aber wieder im Zunehmen ist, da durch das von Ludwig Philipp daselbst angelegte Museum viele Fremde hingezogen werden und eine doppelte Verbindung mit Paris durch zwei Eisenbahnen hergestellt worden ist.
Eine genaue Beschreibung des Schlosses, der Kunstschätze, so wie des Gartens, findet man in dem Fremdenführer von Moritz Grimm, welcher Wegweiser jedem Fremden in Paris anzuempfehlen ist.
Die Wasserkünste, mit einem ungeheuern Geldaufwand errichtet, überbieten Alles, was wohl Derartiges auf der Welt existiren mag, und wenn sie spielen, glaubt sich der Zuschauer in das Feenreich versetzt.