Fünfunddreißigster Brief.

Reise nach Philadelphia.

Im August 1840.

Unser nächster Nachbar, welchen ich als Mahlgast in der Mühle kennen gelernt, führte ein sehr bigottes Leben, und gehörte zu den Albrechtsleuten, welchen Namen diese Sekte sich nach ihrem Gründer, einem gewissen Albrecht, beigelegt hatte. — Vor Allem glaubte dieser Fromme sich eine Stufe höher im Himmel zu erbauen, wenn er zur Vergrößerung der Gemeinde beitrage. — Er unterließ daher nicht, seine Versuche auch bei mir fortzusetzen, da ich dem Anscheine nach, um das Ganze ihres Glaubensbekenntnisses kennen zu lernen, in seine Lehre eingegangen war. Um mich nun ganz zu bekehren und meine Seele dem Himmel zu erhalten, mußte ich versprechen, der Kemt-Meeting, wie diese Sekten ihre Versammlungen im Freien benennen, beizuwohnen.

Meinen Apostel hielt die Krankheit seiner Ehehälfte ab, an dieser drei Wochen langen Büßübung Theil zu nehmen; mir selbst kam aber diese Gelegenheit eben recht, um auch von dieser Seite das amerikanische Treiben kennen zu lernen. Um so mehr fühlte ich mich veranlaßt, dieser Zusammenkunft, wo nur in deutscher Sprache verhandelt werden sollte, beizuwohnen, da der dazu ausersehene Platz nur eine halbe Stunde von der Straße, welche nach York führt, und welchen Ort ich auf der Reise nach Philadelphia passiren mußte, abgelegen war.

Den 2. August verriethen mir drei Meilen über Strassburg entgegenkommende, mit Menschen besetzte Wagen, welche links von der Straße ab in das Holz einbogen, daß der Pilgerort nicht mehr fern seyn konnte. Der Spur folgend, fand ich bald auf einem freien Platze in der Mitte des Waldes eine Menge Wagen, welche aneinander gereiht, ein förmliches Quarrée bildeten. Vor der Wagenburg waren die Zelte und aus Laubholz erbaute Hütten errichtet. In der Mitte der obern Seiten-Fronte stand die aus Baumästen und Bretern errichtete Tribüne, und vor derselben hatte man zum Sitzen die eingeschlagenen Pfähle mit Bretern belegt, welche durch einen Gang in zwei Abtheilungen geschieden, die Geschlechter trennte. Mit einbrechender Nacht wurden auf den an beiden Seiten der Bänkereihen eigens dazu errichteten sechs Stellagen Holzfeuer unterhalten, deren Knistern, sowie die zum Himmel aufsteigenden Rauchsäulen, der Schatten riesiger Bäume und die grotesken Gestalten, zu welchen durch den Schein des Feuers die Holz herbeischaffenden Männer gestempelt wurden, und das dumpfe Murmeln der Abendbetenden, alles zusammen etwas Schauerliches hatte, und den Gedanken erweckte, in der Mitte von Wilden zu seyn, um deren Ceremonieen beizuwohnen, wenn solche nach erfochtenem Siege am Feuer die Gefangenen zum Mahle bereiten.

Vergebens sah ich mich, da der Magen seine Rechte geltend zu machen suchte, nach einem Marketender-Zelte um, wurde aber belehrt, daß hier nur der Ort sei, um in frommer Andacht sich Gott wohlgefälliger zu machen und Keiner mit weltlichen Gerichten handeln dürfe. Jede Familie sey auf die Dauer der Bußübung hinlänglich mit Speise und Trank versehen und auch für Gäste sey gesorgt. — Dieses Letztere war mir der angenehmste Theil der Rede und im Zelt angelangt, wollte ich mich eben an den Gerichten erquicken, als der Schall der Glocke zur Versammlung rief. Nur in der Geschwindigkeit, da mein Wohlthäter zum Abmarsch bereit war, vermochte ich einige Bissen zu genießen. — Nach geendigtem Lied hielt Einer der fünf Prediger, welche sich auf der Tribüne placirt hatten, eine Rede, worinnen er den Gang der Ceremonieen und den Zweck ihres Beisammenseyns der Versammlung vortrug und besonders den verirrten Schafen an das Herz zu legen suchte, wie Jedes einzeln im stillen Gebet sich zu den allgemeinen Bußübungen vorbereiten solle. Zum Schluß wurde bemerkt, daß, wenn unter der Versammlung solche wären, die nicht den nöthigen Lebensunterhalt bei sich hätten und bei Verwandten keine Lagerstätte fänden, solche im Zelt der Prediger sich anmelden sollten. Ich war der Einzige, welcher dieser Ladung folgte, und von einem schon bejahrten Manne mit nach dessen Zelt genommen, wurde ich von ihm zwei alten Matronen, die das Abendbrod auftrugen, als Gast vorgestellt. Während des Mahles, welches meine Tischgenossen unter Gesprächen von Teufel, Hölle und Verdammniß, zu sich nahmen, darüber aber das eigentliche Essen vergaßen, schmeckte es mir um so besser, und von Ersterem beobachtet, mochte solches den Glauben erwecken, daß ich an Leib und Seele verwahrlost seyn müsse.

Das Lager war bald eingenommen, da in der Frühe des nächsten Tages der Gottesdienst beginnen sollte und an der Seite meiner gewesenen Schönen pflegte ich bald der Ruhe. Kaum graute der Morgen, als es im Lager lebendig wurde, da Jeder der Erste seyn wollte, Gott mit seinem Gebet zu überraschen und so gern ich noch auf dem Lager verweilt hätte, so gebot doch Anstand und Sitte mich den Gebräuchen zu unterwerfen; ich empfahl mich daher Gottes weiser Führung und machte im Uebrigen den stillen Beobachter.

Beim Frühstück stellte sich der Redner vom gestrigen Abend ein und nahm mich nach der Mahlzeit ins Gebet, ohne jedoch weiter zudringlich zu werden. Als sich aber bei dem Mittagsessen und Abendbrod die andern inspicirenden Prediger auch einstellten und vergebens sich abmüheten, mir den Staar zu stechen, so entsagte ich der schönen Gelegenheit auf anderer Leute Kosten ein frommes Freudenleben zu führen, gab den nächsten Morgen vor, die Leibwäsche zu wechseln, entfernte mich mit meinen Sachen ins Dickicht der Bäume und sagte den Frommen Valet. —

In York, wo ebenfalls der größte Theil der Bewohner aus Deutschen besteht, wurde nicht lange angehalten, da ich daselbst vernommen hatte, daß am 6. August in Lancaster, welcher Ort 20 Meilen von hier entfernt liegt, eine demokratische Staats-Konvention stattfinden sollte, welcher beizuwohnen ich nicht gern versäumen wollte.

Von Wrights-Ville, welches der große Susquehanna-River von Columbia trennt, ist von der Eisenbahn-Gesellschaft über diesen Fluß eine überbaute Brücke errichtet worden, welche wohl zu den größten der existirenden zu rechnen ist, da ihre Länge, nach meinen Schritten gemessen, 2400 beträgt. — In Columbia kam ich gerade noch zur rechten Zeit an, um mit dem Eisenbahnzug nach dem noch zwölf Meilen entfernten Lancaster abgehen zu können, da diese Fahrgelegenheit heute für alle Demokraten, welche an der Versammlung in letzter Stadt Theil nehmen wollten, frei war, und da die ankommenden Wagen schon überall mit Menschen besetzt waren, so wurden in Columbia alle vorhandenen Packwagen noch angehängt, worauf mehre Hundert Reiselustige sich möglichst gut zu plaçiren suchten; Breter wurden quer über gelegt und von den verwegenen Amerikanern bis vorn an die überhängenden Theile besetzt. Ja, man war tolldreist genug, in aufrechter Stellung auf diesen schaukelnden Unterlagen die Fahrt zu wagen und durch Recken, Stoßen und Schwenken der Fahnen, die Gefahr zu vergrößern. Ewig wird mir solch leichtsinniges Benehmen unvergeßlich bleiben.

Niemand fühlt sich veranlaßt und verpflichtet, für die Sicherheit der Reisenden eine Verantwortung zu übernehmen, weil die gepriesene Freiheit keine Grenzen zu stellen gestattet, und der Amerikaner Herr seines Lebens zu seyn glaubt, mit dem er machen könne, was er wolle.

In der kürzesten Zeit, da der Wagenzug pfeilschnell durch die Lüfte flog, erreichten wir und o, Wunder! ohne Unfall Lancaster, fuhren mit klingendem Spiel in die mit Menschen angefüllte Stadt und hatten Mühe, ein Unterkommen zu finden, da alle Häuser, bis zu den geringsten Kneipen herab, besetzt waren.

In der Regel giebt es, durch die erhitzten Gemüther veranlaßt, bei solchen Gelegenheiten Paukereien und ich war hier abermals Zeuge, wie sich ein Demokrat mit einem Whig im Faustkampf den Sieg zu verschaffen suchte; diesmal aber endete nicht nur derselbe mit blutenden Gesichtern, sondern die Unmenschen ließen nicht eher nach, bis dem Einen ein Auge ausgestoßen war.

Diese Manier, mit den Händen zu fechten, wo es die Kämpfer hauptsächlich auf die Augen abgesehen haben, wird Gouging genannt. Diese scheußliche Operation auszuüben, bemüht sich jeder der Kämpfer während des Gefechts die Seitenlocken von dem Haar seines Gegners zu erfassen, solche um seine Vorderfinger zu winden, den Daumen ins Auge hinein zu pressen und dasselbe aus der Höhlung herauszutreiben. War mir schon mancher Einäugige in Amerika begegnet, so hielt ich dieses mehr für Naturfehler; jetzt wurde ich aber eines Andern belehrt und erhielt dabei die Versicherung, daß besonders in den Staaten Georgien, Karolina und Virginien die Menschen sich zur Aufgabe gemacht hätten, sich so zu verstümmeln, daß immer der fünfte oder sechste Mann nur mit einem Auge erscheine. —

Verstimmt durch den unglücklichen Faustkampf, und um mich möglichst entfernt von solchen Raufbolden zu halten, deren es mehre in der Herberge gab, die mit Jedem, welcher nicht ihrer politischen Meinung war, Händel anzufangen suchten, übergab ich dem Wirth meine Sachen zur Aufbewahrung und suchte bis zur Zeit des Aufzuges, welchen mehre Tausend hier versammelter Demokraten beschlossen hatten, im Gewühl der auf den Straßen wogenden Menge, die Stadt zu besehen, welche nach Philadelphia die größte im Staate Pennsylvanien seyn soll.

Dieser Ort ist regelmäßig angelegt, besitzt gerade, breite Straßen, in welchen meist von Steinen aufgeführte Häuser sichtbar sind. Die Mehrzahl der Einwohner besteht aus Deutschen und deshalb ist auch diese Sprache hier die herrschende. Auf meiner Wanderung war ich so glücklich, zu einer Fabrikanstalt zu kommen, in welcher Maschinen zu landwirthschaftlichen Zwecken angefertigt wurden, wie ich dergleichen schon im Gebrauch gesehen und abgezeichnet hatte. Jetzt wurde von mir an keinen Aufzug mehr gedacht. Hier fand der Geist volle Beschäftigung und das Gesuch an den Werkführer reichte hin, mir den Eingang zu gestatten und, durch einige Geschenke an die Arbeiter vertheilt, wurde ich überall herumgeführt. Augenblicklich wurde Alles gemustert, die einzelnen Theile noch unzusammengesetzter Maschinen mit meinen Zeichnungen verglichen und nachgemessen, so wie auch manches Neue notirt, was ich mit Nutzen bei meiner Zurückkunft im Vaterlande anzuwenden gedachte.

Nach genossenem Mittagsmahl, bei welchem der Wirth näher mit mir bekannt wurde, ward mir von diesem die Möglichkeit gezeigt, daß ich auf der Eisenbahn die siebzig Meilen bis Philadelphia frei fahren könne, wenn ich kein dummer Teufel wäre. Da er nun nicht glaube, daß ich unter die Zahl der Genannten gehöre, so mache er mir den Vorschlag, heute Abend, beim Rückgang der Eisenbahnwagen nach Philadelphia, ganz dreist einen derselben mit zu besteigen, besonders da diese Fahrgelegenheit nicht nach der Anzahl von Personen, sondern ins Allgemeine von der Gesellschaft, welche vom erstern Orte aus, um den Aufzug hier zu verherrlichen, angekommen sey, bezahlt worden wäre; es könne also auch nicht darauf ankommen, ob eine oder zwei Personen mehr führen. Ohne Bedenken, setzte er hinzu, könne ich in den Vorschlag eingehen, da es Niemandem einfallen würde, einen gut demokratisch Gesinnten aus der Gesellschaft zu weisen. Alles käme daher nur darauf an, wie ich die Rolle ausführen würde. Die Sache schien mir nicht ganz ohne Grund zu seyn, und was war weiter dabei zu riskiren? Im schlimmsten Fall mit ein Paar Ohrfeigen aus dem Wagen spedirt zu werden. Von der andern Seite betrachtet, war aber die Fahrt nach Philadelphia nichts anders als eine Wiederholung der Fahrgelegenheit, welche mich heute Morgen erst von Columbia frei hieher gebracht hatte. Dieses Letztere bestimmte mich, in den Vorschlag einzugehen.

Der Nachmittag wurde wieder in der Fabrik zugebracht, und zur rechten Zeit bestieg ich kurz vor dem Abgang des Eisenbahnzuges, einen der schon ziemlich besetzten Wagen. Um mir alle Nachbarschaft möglichst entfernt zu halten und von den zudringlichen Fragen verschont zu bleiben, die ich schwerlich richtig beantwortet haben würde, spielte ich, wie der Wirth mir gerathen hatte, die Rolle eines Halbseeligen, und mischte, wie ein richtiger Amerikaner in meine unverständliche Rede, ein „Goddamn“ nach dem andern, ein, schimpfte über General Harrison, einen Mann, den ich nicht kannte, welcher aber der Gegner meiner Reisegefährden war und ließ Van Buren, den derzeitigen Regenten und Gönner der Demokraten, welchen ich aber nicht weiter zu kennen, die Ehre hatte, hoch leben! Tobte, um lästig zu werden, eine Weile fort, bis ich das Bild eines Schlafenden darzustellen suchte, welchen zu wecken Niemandem in den Sinn kam, um nicht von Neuem beunruhigt zu werden und so kam ich ohne Anstoß und wohlbehalten in Philadelphia an. Leider ging aber während der Nachtfahrt für mich die schöne Gegend von Lancaster bis hieher, wie solche mir dieselbe geschildert worden war, verloren.