Sechsundvierzigster Brief.

Seereise nach London.

Im Februar 1841.

Im Zwischendeck wurde von mir allein eine der untern Schlafstellen bezogen und das Arrangement so getroffen, daß im Lager auch der Koffer und die übrigen Viktualien untergebracht wurden, wodurch die zur Seereise angeschafften hartgebackenen Brode, mit welchen ich mich gehörig versorgt, eine Schanze bildeten, durch welche der große Käse wie eine Bombe hervorschaute, und den genügsamen, an frugale Kost gewöhnten Deutschen vor Hunger schützte.

Vis-a-vis war die junge Amerikanerin gebettet, deren Reize dem neugierigen Blick ein zum Vorhang benutztes Tafeltuch entzog, hinter welchem die Schöne wie in einem Himmelbette ruhte. Durch unsere Lage, nur von einem niedrigen Bret getrennt, konnte ich jedes Ach und O, welches der beängstigten Brust entschlüpfte, deutlich vernehmen, und die Seufzer, wie das ängstliche Wimmern harmonirten trefflich mit einander, wenn das wüthende Element das Leben in Gefahr brachte. Nur wenn bei Sturmeswuth die Seekrankheit den Körper erschlafft hatte, und solchem Erquickung Noth that, dann öffnete meine Hand den neidischen Schleier und theilte mitleidig von dem Eingemachten, welches die Gemahlin des Herrn Wallrabe mir verehrt, weshalb dieses Geschenk mir jetzt um so trefflicher zu Statten kam, da meine Leidensgefährtin mit dem Schiffskoche einen Privat-Kontrakt geschlossen, durch welchem sie und ihr Mann mit Zucker, Thee und Kaffee versorgt wurden, und man diese Genüsse als Recompense jedes Mal brüderlich mit dem alten German (wie sie mich nannten), theilten. Darüber neidisch, suchten die über mir liegenden zwei Passagiere den über seiner Frau placirten Ehemann eifersüchtig zu machen, was ihn aber nicht aus seiner Contenance zu bringen vermochte, da er unbedingt und mit Recht dem Weibe Vertrauen zu schenken Ursache zu haben glaubte, welche ihm zu Liebe das Vaterland verlassen und mit nach England überzusiedeln sich entschlossen hatte.

Die ersten Paar Tage blies der Wind ziemlich günstig, so daß das Schiff schnell aber ruhig seinen Lauf verfolgte, dann aber wuchs seine Gewalt mit jedem Tage, doch meist zu unsern Gunsten, da er aus Norden kommend, das Fahrzeug wie ein Pfeil vor sich her trieb; daß wir dabei nicht immer auf die angenehmste Art gewiegt wurden, läßt sich denken. Doch zu viel habe ich schon über dergleichen Begebenheiten gesagt, als daß ich nochmals alles das Fürchterliche, was ein Seesturm im Gefolge hat, dem geehrten Leser auftischen sollte. Es ist und bleibt immer dasselbe, und wohl dem Menschen, welcher im sichern Hafen nicht die Beschwernisse einer solchen Reise durchzumachen hat, sondern nur das, was Andern begegnete, erzählen hört.

Die Kälte war äußerst empfindlich, so daß selbst bei ruhiger See es Keinem der Passagiere auf dem Deck behagen wollte, und wir nur nothgedrungen den untern Raum und die Schlafstellen verließen. Dabei war es vor Allem das Lager, welches mir das Ende der Seereise wünschenswerth machte, indem ich aus Mangel an Stroh, auf Anrathen in New-York den Leinwandsack mit Hobelspähnen hatte ausstopfen lassen, wobei jedoch der schurkische Tischlerlehrling, vielleicht auch nur aus Mißverständniß, da solche Spähne häufig zum Brennen benutzt werden, mir trotz des mitgeschickten Trinkgeldes den Sack reichlich mit Bret- und Stollen-Abschnitten gefüttert hatte, worauf ich, wie auf einen Steinhaufen gebettet, zu liegen verdammt war. Dabei wurde die Langweile, welche durch nichts unterbrochen ward, für mich umso empfindlicher, da ich auf der Reise gern spreche, und von Anderen erzählen höre, sich aber nicht ein einziges Individuum auf dem Schiffe befand, welches ein Wort Deutsch verstand, und ich deshalb nur unvollkommen über das Allgewöhnliche im Leben die Gedanken in englischer Sprache austauschen konnte. Zum Glück war ich reichlich mit amerikanisch-deutschen Zeitschriften versehen, woraus ich während der Fahrt immer besser das Gute, so wie das Böse der neuen Welt kennen lernte, und mitunter höchst interessante Aufsätze fand, von welchen ich einen, der die Ueberschrift führte: „Das weibliche Geschlecht in Amerika“, welches Thema noch zu wenig in meinen Briefen berührt worden ist, hier mittheilen will:

„Vom zartesten Alter an widmet sich der Amerikaner den Geschäften, denn kaum kann er lesen und schreiben, so wird er Kaufmann. Der erste Klang, der zu seinen Ohren dringt, ist der des Geldes. Die erste Stimme, die er vernimmt, ist die des Interesses. Mit der Geburt schon athmet er gewissermaßen eine industrieelle Luft ein. Die ersten Eindrücke, die er empfängt, überzeugen ihn, daß das Geschäftsleben das einzige sey, welches für ihn paßt.

„Ganz anders gestaltet sich das Loos des Mädchens aus gebildeten Familien; seine moralische Erziehung währt bis zu dem Tage, an welchem es sich verheirathet. Es erwirbt sich Kenntnisse in der Literatur und Geschichte; im Allgemeinen erlernt es eine fremde Sprache, meist französisch, und versteht etwas von Musik.

„Diese so unähnlichen jungen Leute beider Geschlechter vereinigen dereinst sich durch eine Heirath. Der Mann folgt dem Laufe seiner Gewohnheiten und bringt seine Zeit entweder auf der Börse oder in seinem Magazine zu. Die Frau, welche von dem Tage ihrer Vermählung an vereinzelt dasteht, vergleicht das reelle Leben, welches ihr zu Theil wird, mit der Existenz, von der sie träumte und da von dieser neuen Welt, welche sich ihr öffnet, nichts zu ihrem Herzen spricht, so nährt sie sich von Luftbildern und lies’t Romane. Es lächelt ihr wenig Glück, sie wird fromm, und lies’t Predigten. Hat sie Kinder, so lebt sie unter diesen, pflegt und liebkoset sie. Auf solche Weise fließen ihre Tage dahin.

„Am Abend kommt ihr Mann nach Hause; er ist sorgenvoll, unruhig, von Anstrengungen erschöpft und träumt von Spekulationen des folgenden Tages. Er setzt sich zum Essen und giebt kein Wort von sich; die Frau weiß nichts von den Geschäften, welche seine Seele ausfüllen, und so kommt es denn, daß sie selbst in Gegenwart des Mannes noch vereinzelt dasteht.

„Der Anblick seines Weibes, seiner Kinder, vermag den Amerikaner nicht der Geschäftswelt zu entreißen, und so selten giebt er denselben ein Zeichen seiner Liebe und seiner Zärtlichkeit, daß man demjenigen Familienvater, wo dieses mitunter vorkommt, und der Mann seine Frau und Kinder bei der Heimkehr umarmt, den Spottnamen: „küssende Familie“ beilegt.

“In den Augen des Mannes ist die Frau keine Gefährtin, sondern eine Handelsgenossin, die das von ihm durch den Handel oder sonstige Spekulationen gewonnene Geld für seine Wohlfahrt theilweis wieder ausgiebt.

„Aus der sitzenden und zurückgezogenen Lebensweise der amerikanischen Frauen, und aus den klimatischen Verhältnissen erklärt sich die Schwäche ihres Geschlechts; sie verlassen das Haus selten oder nie, machen sich keine Leibesbewegung, leben von leichter Nahrung und haben meist viele Kinder. Es darf daher nicht verwundern, wenn sie vor der Zeit altern und jung sterben.“

„Solche Gegensätze bildet das Leben beider Geschlechter in der vornehmen reichen Volksklasse; das der Männer ist bewegt, das der Weiber, traurig und eintönig. Gleichförmig verfließt es bis zu dem Tage, wo der Mann seiner Frau ankündigt, daß er bankerott gemacht habe. Dann wird aufgebrochen, und dieselbe Existenz anderswo aufs Neue begonnen.“

Die Lebensweise der amerikanischen Frauen aus den Mittelständen hat Vieles gemein mit dem Leben der vornehmen Volksklassen, doch schließt es sich schon mehr den deutschen Sitten an; dabei unterlassen sie aber nicht, öfters ihre Ueberlegenheit, wozu sie das Gesetz erhebt und beschützt, den armen Männern fühlbar zu machen.

Bei Führung der Haushaltung suchen die Frauen möglichst wenig Arbeit selbst zu übernehmen, und wenn die Domestiken fehlen, so muß die liebe Ehehälfte, der gute Mann, außer den sonstigen häuslichen Verrichtungen, auch noch für die Herbeischaffung der nöthigen Lebensmittel sorgen. Im niedrigsten Stande sucht die Frau, gleich wie bei uns, mit ihrer Hände Arbeit Geld zu verdienen, um es dann wieder in Gemeinschaft des Mannes zu vertrinken.

In ihrer Jugend sind die amerikanischen Frauenzimmer meist sehr hübsch, aber mit dem Kindbette verlieren sie ihre Schönheit, und mit zunehmender Familie schwindet ihr blühendes Aussehen ganz. Die Zähne fangen an schlecht zu werden, und mit wenig Ausnahme sind im dreißigsten Jahre keine Spuren der frühern Reize mehr vorhanden.

Bei der Verehelichung der Geschlechter findet nicht, wie es bei uns Sitte ist, ein kirchliches Aufgebot oder eine sonst gerichtliche Bekanntmachung des Vorhabens Statt, sondern der Pfarrer vollzieht, wenn die Gebühren entrichtet worden sind, die Trauung zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Orte, ohne weiter danach zu fragen, ob die Verbindung mit oder ohne Einwilligung der Eltern geschieht, oder ob sonst Jemand Etwas dagegen einzuwenden hat. Daher kommt es auch, daß in Amerika Viel-Weiberei nichts Ungewöhnliches ist und Fälle vorgekommen sind, daß dem Gesetze zum Hohne, welches solches verbietet, Männer sich sechs und mehr Weiber haben antrauen lassen. In wilder Ehe leben Tausende von Menschen, und nach der neuen Vernunftslehre paßt es gar nicht mehr in jetzige Zeit, bei Vereinigung der Geschlechter einen Geistlichen oder sonst eine weltliche Macht zuzuziehen.

Viele der neugebornen Kinder bleiben nach solchen Grundsätzen ungetauft, und die Eltern legen ihnen selbst einen beliebigen Namen bei, weshalb auch keine Kirchenbücher zum Einzeichnen des Tages der Geburt und des Namens vorhanden sind.

Weder über die Geburten, noch über die Sterbefälle werden authentische Register geführt, wodurch die bürgerlichen Rechte, welche aus der Geburt und der Ehe erwachsen, sehr gefährdet werden, und je älter das junge Amerika wird, um so nachtheiliger muß dieses Verfahren für die Geschlechter sich herausstellen, und Anlaß zu einer Unzahl der verwickeltsten Prozesse abgeben.

Während der Zeit von drei Wochen, wo man auf dem Schiffe nichts weiter zu thun hat, ward alles bei mir habende Gedruckte gelesen, und jetzt die Zuflucht zu den vielen mir anvertrauten, unversiegelten Briefen genommen, welche ich entweder persönlich überbringen, oder, von mir auf dem Kontinent mit Kouverts versehen, der Post zur weitern Besorgung übergeben sollte.

Weit entfernt, die brieflichen Geheimnisse verrathen zu wollen, so halte ich es doch für räthlich, über diese Schreiben nur so viel zu sagen, daß in manchen, aber leider nur in den wenigsten, die wahren Verhältnisse der Abwesenden geschildert waren und dem gegebenen Versprechen gemäß ohne falsche Schaam über das betroffene Loos treulich berichteten, um vor ähnlichem Schritte zu warnen. Andere dagegen standen im grellsten Widerspruche mit dem Leben und Wirken der Schreiber, welche sich brüsteten, täglich so und so viel zu verdienen, und dabei verschwiegen, daß sie Monate lang unbeschäftigt, nicht mit dem auskommen konnten, was während der Arbeitszeit übrig geblieben war, und auf bessere Zeiten los, Schulden machen mußten. Mitunter ist es auch wahr, daß der tägliche Lohn zur Zeit der Absendung des Briefes die in Letzterem angegebene Höhe erreicht hat, es fragt sich aber, ob der Verdienst auch von Dauer ist, in welchem Falle sich der Handarbeiter in Amerika bei Selbstbeherrschung schnell eine hübsche Summe ersparen kann, welches ihnen bei uns nach den Statt findenden Arbeitslöhnen in der Hälfte seines Lebens nicht möglich seyn würde. So aber ist in der Regel hier alle Arbeit nur momentan, da der amerikanische Fabrikherr nicht nach deutscher Manier, eine Bestellung nach der andern in Arbeit giebt, und so fortwährend eine bestimmte Anzahl angelernter Arbeiter beschäftigt, sondern zu gleicher Zeit alle Aufträge vornehmen läßt, wozu ihnen die zweckmäßigen Maschinen die Möglichkeit verschaffen, auch dabei Gehülfen mit anstellt, welche das Geschäft eigentlich nicht erlernt haben, und es demnach nur einiger guter Vormänner bedarf, welche die Aufsicht führen. Wie nun die neu eingehenden Bestellungen nachlassen, und die Arbeiten schnell gefördert werden, so vermindert sich auch die Zahl der Arbeiter oft bis auf die wenigen Vormänner, und die fleißigsten Hände erwarten dann mit Ungeduld die Zeit, wo sie von Neuem Beschäftigung und Verdienst erhalten. Daher darf man nicht fragen: Was verdient ein Arbeiter in Amerika den Tag? Sondern: Was bleibt übrig, wenn das Jahr um ist? und das Facit ist in der Regel, wie bei uns, Nichts! Dabei lebt man aber in unserm Vaterlande in einer heilbringenden, geregelten Freiheit, welche der Gerechtigkeitsliebende aus jedem Stande, der das Gute nur erkennen will, überall, wenn auch zu Zeiten umwölkt, auffinden kann. Jedem Menschen es recht zu machen, vermag kein Gott, noch weniger eine Behörde. Wo sind aber in Amerika die Staaten, in denen für Alle, arm oder reich, gleiche Rechte wie bei uns, zu finden sind? Und dennoch lassen Viele sich bethören, verlassen, um der Freiheit willen, ihr liebes Vaterland, und übergeben sich der Gnade und Abhängigkeit der reichern amerikanischen Volksklassen.

Einige meldeten, daß sie in Amerika mehr Fleisch äßen, als sie in Deutschland gesehn hätten, und vor Allem Kalbs-, Rinds- und andere Köpfe, von welchen der Amerikaner keinen Gebrauch mache, um einen Spottpreis kaufen könnten; desgleichen wären auch Knochen mit noch vielem Fleischanhang beinah um nichts zu haben.

Wie ich schon erwähnt habe, ist der Amerikaner kein Freund von Suppen und legt daher um so weniger Werth auf Knochen, mit welchen wir in Deutschland von unsern Fleischern als Zulage leider nur zu reichlich versehen werden. Aus diesem Grunde wird in Amerika alles Fleisch ohne Knochen und Letztere werden nur auf besonderes Verlangen gegen einen sehr billigen Preis, verabreicht. Hinter den Fleischerscharren befindet sich eine förmliche Wagenburg, auf welcher man die ausgeschälten Knochen sehr unappetitlich den Tag über aufbewahrt, bis sie Abends an Fabrikanten zum Seifekochen etc. ihrer weitern Bestimmung zugeführt werden. Schreibt nun mitunter ein Deutscher aus einer großen Stadt in Amerika, (auf dem Lande ist dieses etwas anders) daß er mehr Fleisch äße, als er in Deutschland zeither gegessen habe, so ist er, bezüglich dieser Delikatesse, wie man aus Vorstehendem ersieht, nicht immer zu beneiden.

Wurst- oder Kesselsuppe kennt der Amerikaner ebenfalls nicht, da er es für Sünde hält, den Schweiß vom Schweine aufzufangen und Blutwurst davon zu machen. Nur von eingewanderten Fleischern wird gegen des Landes Sitte Wurst gemacht.

Ein Schuhmacher zeigte an, daß er mit den Seinigen bei jedem Mahle verschiedene Gerichte verzehre, die ihm äußerst billig zu stehen kämen; er ließ aber weislich die nähere Definition weg, daß nämlich seine Frau aus den Speisehäusern die Ueberbleibsel der Mahlzeiten zusammentrage, welches buntschäckige Gemenge nicht immer das appetitlichste war.

Ein Bäcker berichtete unter andern, über das ihm in Amerika betroffene Mißgeschick, mit folgenden Worten: „Ich miethete mich bei meiner Ankunft in New-York bei einem Schneider ein, mit der Bedingung, in seinem Hause einen Backofen und das sonst Nöthige zum Geschäft aufbauen zu dürfen. Zu meiner Freude sah ich täglich die Kundschaft sich mehren, zahlte pünktlich alle Monate im Voraus, wie der Kontrakt besagte, die Rente, ohne mich weiter um etwas zu bekümmern.

Da ich die Quittungen vorsichtig aufbewahrte, so war ich ruhig ½ Jahr im Besitz des Quartiers, als eines Morgens ein stattlicher Herr nach dem Aufenthalte meines vermeintlichen Hauswirths frug, bei welchem, wie ich vermuthete, ein neuer Anzug bestellt werden sollte, wurde aber statt dessen in Kenntniß gesetzt, da wir die Thür zu dessen Stube verschlossen fanden, daß der Schneider, als Miethsmann vom ganzen Hause, auf ein halbes Jahr die Rente schulde und sich deshalb, wie es schien, auf und davon gemacht habe. Daß für mich, welcher Quittung über richtig geleistete Zahlung von dem, bei welchen ich eingemiethet, in den Händen hatte, Nachtheil daraus entstehen könne, kam mir nicht in den Sinn; um so unerwarteter war daher der Bescheid, daß ich, den man im Hause gefunden, auch für den entlaufenen Miethsmann mit einstehen müsse, und die Bescheinigung vom fälschlichen Hausbesitzer über gezahlte Rente ohne Unterschrift des wahren Hauseigners ungültig sey, und ich mich deshalb besser hätte erkundigen sollen.

Der Bau des Backofens, wie die übrige Einrichtung, hatte mein mitgebrachtes Geld verschlungen, und bei weniger Kundschaft und gezahlter Miethe an den verteufelten Schneider, war nichts weiter, als eine bessere Zukunft übrig geblieben, welcher ich froh entgegenging. Jetzt aber, da ich unvermögend war, die geforderte Summe zu erlegen, und bei der Vorstellung, daß ich als Fremder unmöglich die Gesetze kennen könne, und es auch schicklicher gewesen sey, mich früher aus dem Irrthume zu reißen, mußte ich froh seyn, mit Zurücklassung der Backgeräthschaften meine Freiheit zu erhalten, und als armer Geselle das weitere Fortkommen zu suchen.“

Hier hat der Gesetzgeber, von der Ansicht bestimmt, daß ein Miethsmann den andern besser beaufsichtigen könne, als es dem Besitzer mehrerer Häuser möglich sey, für den Reichen trefflich gesorgt, und den armen Miethsmann, welcher seinen Geschäften nachgehen muß, der Gefahr ausgesetzt, daß der Hausvoigt, im Einverständniß mit dem Hausbesitzer, sich mit dem einkassirten Gelde entfernt, und so die Zurückgebliebenen in den Fall kommen können, doppelt auszahlen zu müssen.

Ein anderer Bäcker berichtete, wie einer seiner amerikanischen Kollegen mit dem Vorgeben, Familien-Verhältnissen halber nach einem andern Staat zu ziehen, seine Kundschaft, wohin er das Brod fahre, ausgeboten, und an ihn für einige hundert Dollars verkauft habe. Nach empfangener Zahlung hätte aber der Schurke seinen Entschluß geändert, ein anderes Haus bezogen, einen Backofen gebaut, und jetzt wie früher das Backgeschäft fortbetrieben und ihn so um das sauer ersparte Gut geprellt. „Herrliche Freiheit!“

Dann beliebte es wieder einem unserer Landsleute, den Seinen brieflich zu erzählen, wie er in Freistunden und des Sonntags auf der Jagd sich erlustire, immer in Freude und Herrlichkeit lebe, und die Kinder der schönsten Zukunft entgegen gingen, obgleich in der Gegend, wo der Erzähler wohnte, nicht ein Schwanz mehr zu schießen war und nur das Nothdürftigste erworben wurde, die Kinder ohne Schule wild heranwuchsen, weshalb sie um die schöne Zukunft wahrlich nicht zu beneiden sind.

Alle Briefe zu besorgen, hielt ich für Pflicht, da ich mich einmal dem Geschäfte unterzogen und sonst keine Verantwortung übernommen hatte, gleich, ob der Inhalt wahr, oder erlogen sey. Nur einer wurde von mir vernichtet, da durch solchen ein armes Weib hintergangen und betrogen war, und es mir besser schien, diesem bedauernswürdigen Geschöpfe keine Kunde vom Mann zukommen zu lassen, als in dem betrogenen Mutterherzen falsche Hoffnungen zu erregen. Der Absender dieses Schreibens, welcher sich in Amerika für ledig ausgab, und wie Alle, die mit ihm zusammenwohnten, auch nicht anders glaubten, feierte einige Tage vor meiner Abreise die Verlobung mit der Wittwe eines erst kürzlich verstorbenen Amerikaners, welcher einen Trinkstoor besessen, weshalb, um dieses Geschäft nicht eingehen zu lassen, die Frau schnell wieder einen Mann zu erhalten suchte. Erst auf dem Meer, nach Lesung des mir übergebenen Briefes, wurde die Maske dieses leichtsinnigen Menschen gelichtet, welcher im Vaterlande Frau und Kinder im Stiche gelassen, und in Amerika ein Weib betrog.

Die abgeschmacktesten Lügen, wie die Angabe von abgeschicktem, aber wie zu befürchten stehe, nicht angekommenen Gelde, um welches er nun gekommen, dann die Unmöglichkeit, da er krank sey, die Familie jetzt nachkommen zu lassen und dieses bis auf bessere Zeiten verschoben werden müsse und dergleichen Geschichtchen mehr, enthielt der Brief.

Durch solche Fälle aufmerksam gemacht, kann es einer Behörde, oder dem Vorstand einer Gemeinde nicht verargt werden, wenn sie dem ohne Frau und Kinder zur Auswanderung entschlossenen Mann Hindernisse in den Weg legen, da selten die gemachten Pläne der Letztern in Amerika sich realisiren, und dadurch selbst mancher brave Familienvater wider Willen von den Seinen getrennt leben muß, und dann ist es leicht möglich, daß die Zurückgelassenen der Verpflegung der betreffenden Gemeinde anheim fallen.

Schon gaben wir uns der Hoffnung hin, daß das Ziel der Reise ohne einen besondern Unglücksfall bald erreicht sey, und waren so an das gewaltsame Anschlagen der Meereswogen, wie an das unsanfte Auf- und Absteigen des Schiffes, gewöhnt worden, daß wir, gleich den Matrosen, wenig Gewicht mehr auf die Ankündigung von Sturm legten, da diese Kunde häufig zu unsern Ohren drang.

Nach der Wärme zu schließen, mußten wir die letzte Zeit der Fahrt weit südlich schiffen, weshalb wir bei ruhiger See den Tag über auf dem Deck zuzubringen suchten, um durch die scharfe Seeluft ermattet, die Nacht besser zu ruhen. So lag ich einst in süßen Träumen des ersten Schlummers, als der ungewöhnliche Lärm der Matrosen, während des Beilegens der Segel und der mit der Leuchte zu uns herabsteigende Zimmermann, welcher Werkzeug holen wollte, die Kunde gab, daß ein Unwetter im Anzuge sey, weshalb der Kapitän, bei der Nähe des Landes, zeitig alle Vorkehrungen treffen wolle.

So willkommen uns die letzte Nachricht zu einer andern Zeit gewesen wäre, so stand jetzt zu befürchten, während der Nacht an die Küste getrieben, noch Schiffbruch zu erleiden; doch dieser Gedanke, so schrecklich er war, wurde bald von dem Geheul und Lärmen der Wellen, dem Pfeifen des Windes durch die Segel, wie von den Jammertönen unserer Leidensgefährtin, verscheucht, welche gleich mir schrecklich von der Seekrankheit geplagt wurde. Jedes von uns suchte sich so gut als möglich während der dunkeln Nacht im Lager festzuklammern, da die Gefahr, herausgeworfen zu werden, mit jeder Viertelstunde zunahm, und die gewaltsam anschlagenden Wassermassen das Fahrzeug in allen seinen Fugen zu zerreißen drohten, welches Geprassel die Ladung des Schiffes noch vermehrte, von welcher die obersten Mehlfässer aus nicht vollen Reihen knarrend sich gegen die Rippen des Schiffes andrückten, und bei jeder veränderten Stellung des Fahrzeugs hin und her rollten, sich aneinander rieben und ein recht widriges Getöse verursachten.

Wie einem Jeden von uns zu Muthe war, gaben die Klagetöne zu erkennen. Als aber während dieser Katastrophe die verschlossene Luke über der Treppenstiege geöffnet wurde, und mit den sofort hereinschlagenden Wellen die Schreckensworte herabtönten: „auf Befehl des Kapitäns, unsern Aufenthalt schnell zu verlassen und in der Kajüte das Weitere abzuwarten“, glaubten wir sicher, in den Wellen begraben zu werden. So schnell als es die erschöpften Kräfte bei dem Schwanken des Fahrzeugs erlaubten, welches taumelnd jeden Augenblick bald rechts, bald links schräg auf den Meereswogen lag, raffte sich ein Jeder auf, um durch die aufschlagenden Wassermassen, dem Schiff entlang, auf allen Vieren kriechend, da ein Aufrechtgehen unmöglich war, die Kajüte zu erreichen.

Ohne selbst recht zu wissen, was geschehen sey, da der in englischer Sprache gegebene Befehl bei dem Getöse nur wenig verständlich war, hatte ich glücklich bei dunkler Nacht das Verdeck erreicht, um mechanisch den Andern zu folgen, wurde aber sogleich durch eine aufschlagende Welle übergossen, welches mich bestimmte, wieder hinabzusteigen, da ich noch bei der Gefahr, zu ertrinken, durch Erfahrung an Erkältung dachte und die wollene Decke nachzuholen beabsichtigte, wobei ich leider, während der Fuß unsicher nach der nächstfolgenden Stufe suchte, die noch zurückseyende und vom Manne verlassene Amerikanerin vor die Brust trat, wodurch dieselbe mit einem Schrei hinabstürzte und bewußtlos am Boden zwischen den Koffern liegen blieb.

Wie war es jetzt möglich, da ich selbst, ohne mich fest anzuhalten, nicht stehen konnte, dieses durch den unglücklichen Tritt an der Flucht gehinderte, bedauernswürdige Geschöpf mit fortzubringen? Sie ihrem Geschick zu überlassen, wäre unmenschlich gewesen, und obiger Vorwurf hätte mich betroffen, wären wir Uebrigen beim schlimmsten Ereigniß gerettet worden und nur diese Arme hätte durch meine unschuldige Veranlassung, mit dem Leben büßen müssen.

Nicht zu beschreiben war unsere beiderseitige Lage. Angst und Bangigkeit im Herzen, über das, was noch kommen konnte, fort und fort durchnäßt von den einschlagenden Wellen, welchen wir, gerade unter der Luke, ausgesetzt waren, dabei das anhaltende Erbrechen, welches die Brust zersprengen wollte, und nicht vorsichtig beseitigt werden konnte, wodurch Eines das Andere beschmutzte. O! ihr beneidenswerthen Kajüten-Reisenden, von allen Diesem habt ihr nichts zu erfahren und deshalb auch nichts davon zu berichten.

Während ich mich noch abmühte, das junge Weib auf die Füße zu bringen und Trost zuzusprechen, in der Angst vergessend, daß sie kein Wort Deutsch verstand, und ich eben so wenig ihre halb ausgesprochenen Gedanken enträthseln konnte, wurde von einem Matrosen, der nicht wußte, daß wir noch zurück waren, um den innern Raum vor dem einschlagenden Wasser zu verwahren, die Decke der Oeffnung mit einem „God damn!“ zugeschlagen und so der letzte Sternenschein von uns abgeschnitten.

Wie in Grabesnacht der Erwachende ängstlich horchen mag, ob sich nichts rühre, was sein Pochen vernimmt, so übertönte hier als Gegensatz das tobende Element unsern Ruf und gleichsam lebendig begraben, wurden wir, von den übrigen Passagieren abgeschieden, unserm Schicksal überlassen.

Nach langer Mühe gelang es mir endlich, die arme Frau, welche besinnungslos nicht mehr wußte, was um sie vorging, in die Koje zu bringen, worauf ich selbst nach meinem Lager kroch und abgespannt an Leib und Seele, nicht im Stande war, einen Gedanken zu fassen und eben so wenig betete, als wie ein Murren meinen Lippen entging. Gott und die Welt waren vergessen. Der Angstschweiß lief über Kopf und Wangen, wobei die nassen Sachen den Unterleib erstarrten, weshalb ich mich zu entkleiden bemühete. Doch dieses Geschäft, wozu nur eine Hand verwendet werden konnte, da die andere zum Festklammern diente, brachte mich, da es nicht gehen wollte, so in Harnisch, daß ich mich vergessend, wie ein Landsknecht fluchte. O, German! rief mir eine Engelsstimme zu, worauf ich beschämt jetzt wieder an meine Nachbarin erinnert wurde und solcher mit dem Ausdruck: „Arme Lady“ meine Reue zu erkennen gab.

Was ist doch der Mensch für ein erbarmungswürdiges Geschöpf, wenn er unvermögend, der Gefahr zu entrinnen, ruhig abwarten muß, was die Mächte des Himmels über ihn beschlossen. Ja in solcher Lage ist wahrlich das Vieh, welches nicht weiß, was mit ihm vorgeht, glücklicher. Um weniger zu erfahren, wie im schlimmsten Falle das Wasser schmecke, empfahl ich Gott meine Seele und suchte durch Leeren der Rumflasche die Sinne zu betäuben, welches auch, da der Magen leer und der Kopf ohnedies ganz wüste war, schnell gelang, worauf ich im Schlaf versunken, nichts mehr von Allem vernahm, was um und über uns nach Mitternacht vorging.

Noch heulte der Wind am Morgen durch die Segel und peitschte die Wellen, daß solche keine Ruhe finden konnten, als die Luke sich öffnete und mit dem jungen Tage uns neue Hoffnung beseelte. Der Schiffskoch, in Begleitung des Mannes, brachte der Lady Kaffee und die Nachricht, daß die Gefahr vorüber, da der Orkan durch die geschickten Manövres des Kapitäns das Fahrzeug rückwärts gedrängt, und man jetzt weit vom Ufer entfernt, wieder auf hoher See schiffe.

Der reuige Mann suchte seine Unschuld zu beweisen, daß er, getrennt vom Weibe, die fürchterlichste Nacht habe zubringen müssen, da er mehr um ihr als sein Geschick besorgt gewesen sey. Doch verrieth auch das liebende Weib nicht durch Worte, was ihr Herz empfunden, so malte sich doch deutlich ihr Unmuth im Gesicht, wobei sie meiner freundlich gedachte, der ihr hülfreich während der Gefahr zur Seite gestanden; dabei war sie sich jedoch nicht bewußt, daß durch mein Retourgehen sie am Ersteigen der Treppe gehindert und dieses die Veranlassung zum Fall gegeben, sondern während der Bestürzung und bei der Dunkelheit der Nacht hatte sie den Fußtritt für etwas vom Verdeck Herabfallendes gehalten, von welchem Wahn ich sie auch weislich nicht befreite.

Drei Tage später kamen wir Englands Küste wieder nahe und nachdem ich vernommen, daß der Pilot an Bord und das Schiff sicher auf der Themse Englands Riesenstadt zuführe, schlug das Herz freudig im Busen, denn bald sollte wieder einer meiner Lieblingswünsche in Erfüllung gehen.

Nach einer Fahrt von nur 25 Tagen, wobei das Schiff retour geschlagen und dadurch Zeit verloren ging, langten wir glücklich am 12. Februar in London an, wo uns sogleich die Kunde wurde, daß bei dem letzten Sturm an Englands Küsten mehrere Fahrzeuge gestrandet, und wir froh seyn könnten, nur mit dem Schreck davon gekommen zu seyn, und jene Zahl nicht vermehrt zu haben.