Fünfundvierzigster Brief.

Fortsetzung.

(Ursache der schnellen Abreise.)

Im Januar 1841.

Als die Einrichtung des Brennerei-Lokals so weit fertig war, um mit dem Apparat Proben anstellen zu können, so wurde zum Einmaischen der verschiedenen Schrotmassen geschritten; da aber die zum Gähren nöthige Wärme im Brennhaus noch fehlte, auch die zum Anfang verwendete Bierhefe nicht die beste seyn mochte, so ging die Fermention nur langsam von Statten und es wurde aus vier- eine fünftägige Maische (Bier), wie man diese flüssige Masse in Amerika nennt.

Das um einen Tag später reif gewordene Maischgut verlegte die Zeit des Abdestillirens zufällig auf den Sonntag (18. Oktober 1840), welches den Amerikanern schon unangenehm war, als ich aber vollends das Unglück hatte, dabei die Hände zu verbrennen, so erkannte man darin das Strafgericht Gottes, weil ich den Tag des Herrn entweiht. Doch um dadurch auch einen weltlichen Gewinnst zu erzielen, so wollte man mir auf die Zeit der Kur den wöchentlichen Lohn vorenthalten und nur auf die Drohung, in diesem Fall New-York zu verlassen und einem Ruf nach Philadelphia (welches Letztere jedoch nur eine Nothlüge war) zu folgen, blieb es beim Alten, da man überzeugt zu seyn schien, daß der Brenn-Apparat ohne mich nicht behandelt werden könne.

Als nach abgelegter Probe von mir angefragt wurde, ob man nun gesonnen sey, auf die alleinige Anfertigung solcher Brenn-Apparate ein Patent zu nehmen, wofür die bedungene Summe ausgezahlt werden müsse, gab man mir zu verstehen, daß dieses für jetzt nicht der Fall sey, da Mr. Benson in Mr. Sperring einen Kompagnon gefunden, welcher Letzterer auf Rechnung des Erstern das Brennereigeschäft mit fortzubetreiben beschlossen habe und man den Verdienst in solchem und nicht durch Verbreitung der Apparate suche. — An diesen Fall hatte leider beim Aufsetzen des Kontrakts Niemand gedacht, und so unangenehm mir solches auch war, so verhielt ich mich doch ruhig, da bei wenig Arbeit die bestimmte wöchentliche Löhnung alle Sonnabende richtig erfolgte, wodurch die zurückgelegten Gelder sich schnell mehrten.

Für Branntwein kann man von den niedern Volksklassen in Amerika Alles erhalten, und besonders sind es die hier sich niedergelassenen Irländer, welche dem Laster der Trunksucht ergeben sind. Selbst das Leben wird gewagt, wenn eine Bouteille Branntwein zu verdienen ist, wie mir ein solch irisches Vieh zeigte, welches meinen, in einen tiefen Brunnen gefallenen Hut heraufholte und sich deshalb an einem Seil bis auf die Wasserfläche hinabließ, aber auch nach überstandener Gefahr die Flasche bis auf den Grund leerte.

Um dem verderblichen Einfluß, den die Säufer auf die Sitten des Volks ausüben, und eine Menge von Lastern, Verbrechen und Elend aller Art erzeugen, Einhalt zu thun, so errichtete man in Amerika die Mäßigkeits-Vereine, worüber in Europa so viel geschrieben, und deren Sieg über das größte Laster eines Volks, als vollkommen gelungen, dargestellt wurde. Leider ist dieses nicht überall in dem Grade, wie man glauben zu machen sucht, geglückt, da man in den meisten Staaten die Mäßigkeits-Vereine nur noch dem Namen nach kennt, und Alles seinen alten Gang fortgeht. Die Gründer derselben mußten nur zu bald die Erfahrung machen, daß sich ein so tief gewurzeltes Laster, welches mit dem Verdienste einer großen Anzahl mit geistigen Getränken Handeltreibender so innig verwebt war, sich nicht so leicht ausrotten lasse, als man von vornherein geglaubt hatte. — Im Staate Pennsylvanien sind noch die meisten Spuren von gänzlicher Enthaltsamkeit des Genusses geistiger Getränke vorhanden und stets ist man dort bemüht, der Trunksucht Einhalt zu thun, demohngeachtet wird aber in diesem Lande noch sehr viel Branntwein verbraucht und fabrizirt.

Mitte November wurden mir von dem Fabrikherrn schriftlich mehrere Fragen vorgelegt, welche auf das Brennerei- und Destillateur-Geschäft und die Behandlung des Apparats Bezug hatten und worüber er eine genaue Definition verlangte, welche ebenfalls schriftlich von mir abgegeben werden sollte. — Dieses gab Veranlassung, von meiner Seite dabei die Bedingung zu stellen, daß mein wöchentlich festgesetzter Lohn bis Ostern k. J. fortbestehen müsse, gleich, ob ich in der Brennerei oder in der Kupfer-Fabrik beschäftigt würde, und bei meinem Abgang zu Ostern, wenn ich nicht länger zu bleiben beabsichtigen sollte, mir dann noch die Summe von 500 Dollars ausgezahlt werde.

Der Vorschlag wurde angenommen, von einem Sachkenner in zwei gleichlautenden Exemplaren alle Bedingungen festgestellt und von beiden Theilen mit den nöthigen Zeugen, wozu ich unsern Landsmann Herrn Ratz erwählt hatte, unterzeichnet. — Von dem Grundsatz des Amerikaners ausgehend, daß man jeden Menschen so lange für einen Schurken halten müsse, bis man von seiner Rechtlichkeit überzeugt sey (welches freilich mit der Ansicht des biedern Deutschen im Gegensatz steht), erläuterte ich zwar alle gestellte Fragen durch Zeichnung und schriftliche Erklärung so, daß man vollkommen damit zufrieden gestellt zu seyn schien, behielt aber die Hauptsache, hinsichtlich der Behandlung des Apparats, noch zurück, um mich in der Brennerei weniger entbehrlich zu machen, besonders da man beabsichtigte, aus Melasse Rum zu fabriziren, welche Prozedur mir selbst noch nicht genau bekannt, und man deshalb einen Franzosen zugezogen hatte, nach dessen Angabe das dazu Nöthige in dem Brennereigebäude hergerichtet wurde.

Während dieser Zeit wurden von mir die Pumpen gefertigt und das sonst weiter Nöthige in der Brennerei besorgt. Doch mehr und mehr suchte man mich jetzt zu chicaniren, da man glauben mochte, nun im Besitz aller Geheimnisse zu seyn, und mich, dem sie mehr als einem andern Arbeiter an meiner Stelle zahlen mußten, auf diese Weise zum Abgang zu veranlassen. Ich ersuchte daher, als die Sache zu toll wurde, am 8. Januar einen Landsmann, welcher der englischen Sprache vollkommen mächtig war, den Dolmetscher zu machen, und sich zu erkundigen wo ich gefehlt, und was sie wollten, da ich mir selbst keiner Schuld bewußt sey. Im Laufe des Gesprächs wurde mein Vertreter hitzig und stieß einige beleidigende Worte aus, worauf der Gegner die Thüre öffnete und Miene machte, ihn hinaus zu werfen. Ich, der bis jetzt den ruhigen Zuschauer abgegeben, sprang dazwischen, und während der Karambolage setzte es Blut, da ein unglücklicher Faustschlag den Gegner verwundet hatte.

Von mehreren Seiten wurde mir gerathen, weder die Brennerei, noch die Kupfer-Fabrik wieder zu betreten, weil das Schlimmste zu befürchten stehe, weshalb ich beschloß, Amerika unverzüglich zu verlassen, wenn die bedungenen 500 Dollars ausgezahlt wären, da liebe Briefe aus der Heimath die Sehnsucht nach der Familie mehrten und ich das Leben im gelobten Lande bis zum Ueberdruß satt hatte.

Um zu dem Gelde zu gelangen, war der Kontrakt von Nöthen und vom Sachwalter erfuhr ich jetzt, daß er das Original mit der deutschen Uebersetzung Herrn Ratz mit der Bitte zugestellt, mir Beides, wenn ich ihn besuchen würde, zu übergeben. Doch, wer stellt sich meinen Schreck vor, als ich von Letzterem erfuhr, daß durch ein unglückliches Verhängniß das Dokument vernichtet und solches nur noch theilweise vorhanden sey, da sein kleiner Sohn während seiner Abwesenheit mit dem Wasserglase diese Schreiben benetzt und, aus Furcht vor Strafe, dieselben auf dem Windofen zu trocknen versucht, sie leider aber über dem Spielen vergessen und so verbrannt habe.

Der Rechtsweg blieb zwar zu betreten übrig, da die Zeugen noch vorhanden waren; doch wie konnte ich, den das böse Geschick überall verfolgte, einen Streit wagen, welchen durchzuführen mir die Mittel fehlten, da die Herren Advokaten hier vor Allem das Liquidiren am besten verstehen und wobei meine zurückgelegten Gelder riskirt werden mußten, ja nicht ausgereicht haben würden, wenn die Sache in die Länge gezogen und ich den Ausgang unbeschäftigt hätte abwarten müssen. Froh war ich daher, daß ich durch Sparsamkeit mir wenigstens ein hübsches Sümmchen erworben und die Rückreise über England und Frankreich unternehmen konnte.

Jetzt, da ich fest entschlossen war, Amerika Valet zu sagen, hätte mich nichts in der Welt länger hier zurückhalten können. Hoch schlug das Herz und nur eines Gedankens, an Weib und Kinder, war ich mächtig. Schnell, als sey Etwas versäumt, wurde Alles geordnet, meine Sachen durch die gefällige Vermittelung des Herrn Ludekus den geraden Weg über Hamburg, den Meinen zugeschickt und mit dem Paquetschiff Montreal, welches den Abgang nach London schon auf den 10. Januar angesetzt hatte, akkordirt und, ohne Kost im Zwischendeck zu reisen, funfzehn Dollars gezahlt.

Außer einigen Leckereien, welche mir von der Gattin des Herrn Wallrabe bei Abholung meiner daselbst deponirten Gelder gefälligst gereicht wurden, war nur noch Brod, Schinken, Käse und eine Flasche Rum zur Seereise angeschafft; Thee und Kaffee sollte gegen ein Douçeur der Schiffskoch mir gewähren.

Die Anzahl der Deckpassagiere war wegen ungünstiger Jahreszeit gering, und außer mir nur noch drei männliche und eine Frauens-Person vereinigt, um im Zwischendeck einen Raum zu beziehen, welcher wohl zum Liegen groß genug, da vier Logen leer waren, außerdem aber nur noch höchstens sechs Q. Fuß Platz enthielt, wo die Kisten der Reisenden standen, die das Promeniren unmöglich machten. War auch die Wohnung gesund, da sie nicht von einer großen Anzahl Passagiere verpestet wurde, so gewährte doch der enge Raum keinen bequemen Aufenthalt im Innern des Schiffes und versprach demnach bei der kalten Jahreszeit, welche das Verweilen auf dem Deck nicht wohl gestattete, auch nicht die angenehmste Fahrt. Aber hätte man mich auch in einen Sarg gebettet, gern hätte ich es mir gefallen lassen, da der Gedanke, die Meinen nun bald wieder zu umarmen, alles Andere vergessen ließ. Um so unwillkommener war daher die Nachricht, daß die Abreise verschoben sey, und erst den 16ten d. angetreten werde, welches abermals bewies, wie wenig man in Amerika dem gegebenen Worte trauen kann, da bei bezahlter Passage die Versicherung gegeben wurde, daß ein Paquetboot unwiderruflich, wenn solches nicht widrige Winde unmöglich machten, die bestimmte Zeit einhalten müßte.

Am Morgen des 16ten verließ ich den Amerikanischen Boden, um ihn nicht wieder zu betreten, und war deshalb glücklicher als Tausende meiner Landsleute, welche wider Willen lebenslänglich hier festgehalten wurden.

Die Kälte hatte nachgelassen, der Schnee aber sich in einem so dicken Nebel verwandelt, daß es unmöglich war, ohne Gefahr von der Stelle zu kommen, wodurch abermals die Abreise verschoben werden mußte. Am 17. des Mittags wurde die Luft freier und der Wind blies zu unsern Gunsten, weshalb man ernstliche Anstalten zum Abgange machte. Vom Verdeck aus sah ich nochmals New-York an mir vorübergehen und mannichfaltige Gefühle wurden in mir rege bei dem Gedanken, was ich während des kurzen Aufenthalts in der neuen Welt Alles erlebt, und solches den bunten Bildern meiner Jugendzeit anreihte, wo ich die mannichfaltigsten Situationen durchgemacht; wie ein Traum kam mir Alles vor, als ich aufs Lager gestreckt, nichts mehr von Amerika, nichts von der Wassermasse sah, auf welcher ich jetzt der alten Welt wieder zusegelte. Nur die gesammelten Erfahrungen blieben zurück, und der ausgestreute Saame wird mir, da die Witterung wohlthätig mit einwirkt, die gewünschten Früchte tragen und einen neuen Wirkungskreis zu betreten, die Veranlassung geben.