Vierundvierzigster Brief.

Fortsetzung.

(Schule und Kirche.)

Im Dezember 1840.

Die Sonntagsfeier in New-York konnte von mir, der sich Enthaltsamkeit von allen kostspieligen Vergnügungen zum Gesetz gemacht, nicht besser verwendet werden, als in und außer dem Tempel des Herrn die verschiedenartigsten Gottesverehrungen zu beobachten, und Erkundigungen über die Schulen einzuziehen, woraus ich Folgendes zusammengestellt habe:

Es liegt wohl unstreitig im Interesse jedes Staates, daß die Jugend eine vernünftige Erziehung genieße und daß möglichst für Ausbildung der geistigen Fähigkeit gesorgt wird, worin vor Allem der Grund zu einer vernünftig wahren Gottesverehrung zu legen ist, damit bei vorgerücktem Alter die Erlernung eines praktischen Geschäfts um so leichter, und ein Staatsbürger gewonnen werde, der zum allgemeinen Menschenwohl nach Kräften beiträgt, und die wahre Zufriedenheit in sich selbst suchen kann, aber auch findet. Wie ist dieses aber wohl anders zu erringen möglich, als durch gut organisirte Schulen, welche besucht werden müssen, und wo die geistigen Kräfte des Menschen, wenn sie nicht im Keime wieder ersticken sollen, frühzeitig entwickelt und ausgebildet, diese Ausbildung aber bis zur Mannbarkeit fortgesetzt wird, wie dieses bei uns der Fall ist.

Ganz anders denkt und handelt man hier, wo der Amerikaner sich keine Beschränkung der individuellen Freiheit gefallen läßt, und deshalb da, wo Schulen vorhanden sind, diese nicht von den Kindern besucht werden, sie auch keine Behörde dazu anhalten darf, weil die Konstitution nichts davon enthält, und die Freiheit des Menschen sich bis auf das schulfähige Kind herab erstreckt, welches, dem Gesetze nach, nicht einmal der Vater selbst bestrafen darf.

„Hätte Amerika so viele Schulen als Kirchen, welche besucht werden müßten“, äußert sich ein Reisender, „wo außer Lesen, Schreiben und Rechnen auch das gelehrt wird, was zur Menschenbildung nöthig ist, so stände es mit dem Amerikanischen Volke besser, als jetzt, wo das junge Geschlecht aufwächst, wie der Baum in den Urwäldern. Kirchen giebt es mehr wie nöthig, und besser wäre es, die Hälfte davon würde zu Schulgebäuden benutzt. Hunderte von Kirchen werden hier jährlich neu gegründet, und doch nimmt die Zügellosigkeit, Rohheit und Irreligiosität immer mehr zu.“

Lesen, Schreiben und Rechnen sind die Hauptlehrsätze, denen nur noch wenig Andere untergeordnet sind, und welches Alles, wie mir versichert ward, auf eine leicht faßliche Manier gelehrt werde. Dabei besitzt der Amerikaner ein angebornes Genie, welches ihn schnell Alles auffassen und zur Schlauheit im Handel und Fabrikwesen geschickt macht, so wie die Grundregeln der Mechanik zu Maschinenbau erlernen läßt. Doch außer seinem eigenen Geburtslande und dessen Verfassung, welche die Zeitschriften unaufhörlich besprechen, und solche zu lesen, zur allgemeinen Gewohnheit geworden ist, kennt, außer den höhern Ständen, der Amerikaner nichts, und von Europa nur wenig; die niedern Volksklassen stellen sich daher Deutschland als eine Wüste vor, welche nur von Despoten und sklavischen Bettlern bewohnt werde, die aus Mangel vom Begriff der Menschenrechte und durch Entziehung der Mittel zur eigenen Existenz in Amerika ein ferneres Fortkommen und ein neues, freies Vaterland suchen. Deshalb ist auch hier im Allgemeinen der Deutsche so verachtet, gleich den Juden in Deutschland, und nicht schnell genug kann man die englische Sprache erlernen, um sich und sein Vaterland verläugnen zu können, und dem Amerikaner als gewachsener Gegner gegenüber zu stehen.

Wie nun durch Mangel von Schulen auf dem flachen Lande, und durch Nichtbesuch der vorhandenen von vielen Städtern die geistige Ausbildung im Allgemeinen aufgehalten und erschwert wird, eben so ist dieses der Fall in Bezug auf Religion und wahre Gottes-Verehrung, und selbst in den Schulen ist die Glaubenslehre kein Gegenstand der besondern Beachtung, oder man verwickelt die Grundlagen, worauf man fußt, so in Widersprüche, daß der Schüler in ein Labyrinth geräth, woraus er später als Mann sich nicht wieder herauszufinden vermag, wenn man nicht gar allen Religionsunterricht aus der Schule verbannt, und so den Menschen ohne alle Grundlage heranwachsen läßt, wo durch solcher als schwaches Rohr in spätern Jahren nicht weis, welchen von den 61 verschiedenen Sekten er sich zugesellen soll, von einer Glaubensansicht in die andere fällt, und so an sich selbst und der Gottheit irre werden muß.

Nur wenn die Entwickelung der Begriffe vom höchsten Wesen bei der Jugend gleichmäßig fortschreitend, den Vernunftskräften angepaßt würde, damit die zur Erlangung menschlicher Glückseligkeit nöthige Harmonie nicht gestört werde, und sich so ein fester, wahrer, auf Vernunft gegründeter Religionsglaube in dem Menschen bilden könne, welcher ihn im Genuß des Glücks seine Menschheit nicht vergessen läßt, in Tagen der Trübsal aber wahren Trost gewährt und seinem Herzen himmlischen Balsam spendet, kann der Mensch mit weniger Gefahr für seinen Glauben die in Amerika bestehenden, so verschiedenartigen christlichen Religions-Sekten bei Ausübung ihres Gottesdienstes besuchen, ohne dabei von der Menschheit, Teufel und Hölle, so wie vom höchsten Wesen selbst falsche Begriffe zu bekommen. Denn was man hier, wo alle Glaubenslehre frei ist, zu sehen und zu hören Gelegenheit hat, grenzt an das Unglaubliche, und oft habe ich mich im Stillen gefragt: „Sind das auch mit Vernunft begabte Menschen, welche auf solch abgöttische Weise dem Schöpfer zu gefallen suchen?“

Was man von Sekten, wie die der Zitterer, Methodisten u. dgl., deren Bekenner meistentheils den niedern Ständen angehören, und welche entweder mit Blindheit geschlagen, oder, ihres weltlichen Vortheils willen, den Unsinn und die Abgötterei bis ins Weiteste treiben, denken und halten soll, ist leicht zu erklären; was soll aber der wahrhaft vernünftige Mensch zu einer Glaubenslehre sagen, die von Männern ausgeht und gelehrt wird, welche sich unter die Gebildetsten, Aufgeklärtesten und Verständigsten des Volkes zählen, und deren Grundlehre die ist: — „Verbannt alle Religionslehre, verbannt die Bibel aus den Schulen, denn das sonst für heilig gehaltene Buch ist veraltet, die Menschheit aber verjüngt. Unsere Bibel sey die Vernunft und deren Ausspruch die Religion. Kein Pfaffe lasse die Schwelle betreten, wo dem Menschen gelehrt wird, warum und wozu er auf der Welt sey, damit er nicht mit seinem Pesthauch die neue Moral vergifte und im Keime tödte. Laßt dem Jüngling freie Wahl, ob er sich zu einer Religions-Sekte bekennen, und welcher er sich anschließen will; denn Freiheit im Glauben ist das erste, wozu der Mensch die gerechtesten Ansprüche hat“ u. s. w.

Welch herrliche Lehre, wie passend in die jetzigen Zeiten! Welch weites Feld öffnet sich nicht der Gewissensache? Der Zeuge ist nicht mehr verlegen, wenn es auf einen Schwur ankommt. Der Spekulant, der Geschäftsmann hat nur noch den weltlichen Arm der Justiz zu fürchten, und dafür giebt es ebenfalls Advokaten, welche der neuen Lehre huldigen. Himmel und Hölle sind nicht mehr, und Gott ein zu erhabenes Wesen, um sich um solche Kleinigkeiten, wie das Drängen und Treiben der Menschen auf der Erde sey, zu bekümmern.

Wie steht es aber mit diesen Verblendeten, wenn bei der Leere des Herzens Noth und Trübsal über sie kömmt? Wo bleibt der himmlische Trost und die beruhigende Seelenruhe, die dem Menschen so Noth thut, wenn er nach dem allgemeinen Naturgesetz alles Irdische verlassen muß?

Mehrere Kirchen und Bethäuser sind von Spekulanten erbaut und werden, gleich den Gasthöfen, verpachtet, worin eine Sekte so lange in ruhigem Besitz verbleibt, bis ihr Kontrakt abgelaufen und von einer andern Religions-Parthei überboten worden ist. Kein Geistlicher wird vom Staate besoldet, und in der Regel sind es die Einkünfte des Klingelbeutels und der Trau- und Taufgelder, wofür er dient. Jedes Gemeinde-Mitglied zahlt jährlich einen bestimmten Beitrag zur Kirchenkasse; da aber die oft nicht unbedeutende Summe für Miethe des Gotteshauses nicht zulangend ist, oder um Gelder zu einem Neubau zu sammeln, so muß jeder, nicht zur Gemeinde gehörende Kirchenbesucher vor seinem Eintritt sechs Cents (2½ Sgr.) entrichten.

Bei aller Religions- und Glaubens-Freiheit sieht es doch der Brodherr gern, wenn seine Arbeiter mit ihm gleiche Gottesverehrung ausüben, weshalb mein Neffe unter die Chorsänger einer frommen Gemeinde, welcher sein Meister huldigte, aufgenommen worden war und Sonntags drei Mal zum Lobe des Herrn seine Stimme erschallen lassen mußte. Unser Landsmann R. hatte sich dagegen auf die Seite der Vernunftsgläubigen geneigt und abwechselnd das Herumtragen des Klingelbeutels mit übernommen.

Diese Sekte, welche zur Zeit den berüchtigten Dr. Frösch an der Spitze hatte, welcher keine Grenzen in seinen Religions-Vorträgen kannte, aber, zum Lobe sey es gesagt, von vielen seiner frühern Anhänger deshalb verlassen worden war, hatte, wie ich schon berührt, eine förmliche Umwandlung mit den Grundpfeilern der christlichen Glaubenslehre vorgenommen, die Bibel und die Auslegung der Evangelisten nach vernünftigen, den Menschen Heil bringenden, Grundsätzen aus der Kirche verbannt, und zum Gegenstand seines Vortrags entweder nur solche Stellen der heiligen Schrift gewählt, welche zu den forschbaren Wahrheiten gehören, z. B. Untersuchungen der evangelischen Nachrichten über die Himmelfahrt Jesu, dann die Ungereimtheiten und Widersprüche in den evangelischen Nachrichten über Jesu, u. s. w., oder weltliche Begebenheiten, wie: die Kreuzzüge, die Bartholomäus-Nacht, die Jungfrau von Orleans, zu seinem Zweck bearbeitet, wobei nie unterlassen wurde, den Staatsbürger, (da der Ausdruck Unterthan ihm zu verhaßt ist) gegen seine Vorgesetzten aufzuhetzen, und wobei er es hauptsächlich auf die Europäischen Regenten und die Geistlichkeit abgesehen hatte und darauf Bezug habende Themata z. B. Wer ist ein wahrer Republikaner? Grundsätze, nicht Personen sollen den Menschen regieren! zu seinem Kanzelvortrage machte.

Der Gesang hat ebenfalls der Musik Platz machen müssen, doch erwarte man keine wie bei uns gebräuchliche altmodische Kirchenmusik, das wäre wider die Vernunft, wie sie sagen, sondern dem Geist der Gemeinde angemessene Ouverturen und beliebte Theaterstücke werden aufgeführt und mitunter auch, wenn der Redner seine Zuhörer überzeugt zu haben glaubt, daß des Menschen Bestimmung auf dieser Welt nur die sey, sich des Lebens zu freuen und angenehm zu machen, die heilige Andacht mit einem Schottischen oder sonstigen Galopp schließt.

Dem denkenden Beobachter bleibt hier die Frage zu beantworten übrig, was wohl für den Menschen besser sey, vorwärts zu streben nach unheilbringender Aufklärung, oder rückwärts ins dunkle Pfaffenthum zu gehen. Ich glaube, daß der Mittelweg, wie er bei uns betreten wird, der beste ist.

Doch nicht allein der Mann fühlt sich in Amerika berufen, zum Seelenheil seiner Nebenmenschen beizutragen, sondern auch das schöne Geschlecht glaubt dazu auserwählt zu seyn, und diese Frommen, welchen vorzüglich ein gutes Mundwerk nicht abzusprechen ist, erzählen der um sich versammelten Menge in einer Viertelstunde mehr aus dem Stegreif, als einem alten Geistlichen möglich ist, in zwei Stunden seiner Gemeinde vorzutragen.

Besonders amüsirte mich ein Fischerweib, welches an Tagen des Herrn vom Kahne aus mit heiligem Feuereifer den nahen Untergang der Welt und die ewige Verdammniß dem sündhaften Menschen verkündigte und ihre Stimme um so ärger erhob, je weniger Zuhörer sie hatte, um dadurch die Vorübergehenden zum Stillstand zu bewegen. Während des ewigen Kommens und Gehens der Menschen, von welchen die Reuigen weinten, die Gottlosen lachten, rauften und schlugen sich zügellose Buben, doch ohne dadurch die Prophetin irre zu machen. Als aber beim Apportiren der Hunde ins Wasser die ausgeworfenen Ballen in den Kahn geschleudert wurden und die wilden Bestien der Geist nicht abzuhalten vermochte und solche unter den Beinen der frommen Rednerin herumspionirten, da war es aus mit der Langmuth Gottes und das Zetergeschrei des Weibes verkündigte noch in dieser Stunde das Strafgericht des Herrn, weshalb ich mich zurückzog und ins Tagebuch notirte, was ich so eben gesehen und gehört hatte.