Sechsundzwanzigster Brief.
Texas.
Im Januar 1840.
Die sich im Jahre 1836 von Mexiko losgerissene Provinz Texas, welche aber von diesem Reiche noch nicht als unabhängiger Staat anerkannt worden ist, faßt 4–500,000 engl. Q. Meilen in sich, welche erst jetzt von 15,000 Seelen bewohnt seyn sollen, so daß auf 4–5 englische Q. Meilen 1½ Person kommt, und daher noch Millionen Einwanderern Gelegenheit zum Aufenthalte bietet, ehe die Bevölkerung Deutschlands hier erreicht wird.
Das Verhältniß des weiblichen Geschlechts zum männlichen ist sehr gering, weshalb für Frauenzimmer sich immer Gelegenheit zum Heirathen darbietet, und man hier weniger als bei uns auf Schönheit und Reichthum sieht. Nicht selten fällt es vor, daß Mädchen schon im 13. Jahre in den heiligen Ehestand treten.
Das Klima, welches im Sommer heiß ist, steigt oft über 90 (Fahrenheit), wird aber fast täglich von Süd- oder West-Winden gemildert. Die Nächte dagegen sind empfindlich kalt und setzen im Winter Thau ab; obgleich zu dieser Zeit die Flüsse nie mit Eis bedeckt werden und in den Monaten Dezember, Januar und Februar Regengüsse die Stelle des Schnees vertreten.
Längs des Golfes von Mexiko ist das Land flach und ohne alle Felsen, erhebt sich aber nach und nach bis es seine Hochebenen erreicht hat. Das fruchtbarste Erdreich enthält das angeschwemmte Küstenland, welches sich vorzüglich zum Anbau des Zuckers und der Baumwolle eignen soll. An diese beinahe endlosen Ebenen schließt sich ein wellenförmiges Land an, welches immerwährend eine Abwechselung von Hügeln, Thälern, Wiesen und Wäldern bietet, und das hohe Gras, wie der wilde Roggen ebenfalls die Fruchtbarkeit des Bodens bekunden, auf dem die oft mehre Meilen entfernt voneinander gelegenen Wohnungen den Mangel menschlicher Bevölkerung anzeigen.
Die von Indianern bewohnten Hochebenen, bis wohin solche zurückgedrängt worden sind, sollen ebenfalls an Fruchtbarkeit nichts zu wünschen übrig lassen, und unerschöpfliche mineralische Schätze enthalten. Gold, Silber, Kupfer, Blei, so wie Eisenerze liegen in geringer Tiefe, und nur die tiefe Stufe der Kultur, auf welcher die Bewohner noch stehen, so wie Mangel an Fonds und nöthigen Arbeitern, verhindern den Bergbau. Wilde Pferde, Esel, Büffelochsen, Bären, Leoparden, Panther, Wölfe, wilde Schweine, Ziegen und Schaafe werden von den Indianern gejagt, und diese Thiere verbreiten sich selbst bis zur Mittel-Region herab, wo der Jäger außerdem noch Rothwild, wilde Katzen und Eichhörner in Menge antrifft. Viele bei uns noch unbekannte Wasservögel beleben die wasserreichen Gegenden, und wilde Gänse, Enten, Schwäne, Kraniche und Pelikane, durchstreifen die Gegend in großen Zügen. Geflügel aller Art belebt die Wälder und Wiesen. Rebhühner, Fasanen, Schnepfen, Paradiesvögel, Papageien, Wachteln, Tauben und wilde Truthühner wurden von uns in Menge geschossen und würzten das frugale Mahl.
Zahlreiche Flüsse, welche das Land in allen Richtungen durchschneiden, erleichtern den Verkehr und versorgen die Bewohner des Landes mit Fischen aller Art.
Die mannichfaltigsten Holzarten sind in den Wäldern anzutreffen als: Eichen, Fichten, Eschen, Buchen, Ahorn, Cypressen und Akazien stehen durch einander. Cedernholz wird in Menge angetroffen, das wie der Osage-Orangen-Baum ein äußerst festes Holz liefert, welches die Indianer zu ihren Pfeilen und Bögen verwenden. Die vielen Sorten wilder Apfelbaum, Nußbäume, Kirsch-, Pfirsich- und Maulbeerbäume, beweisen, daß alle Produkte des Gartenbaues in diesem Lande gedeihen würden, obgleich bis jetzt nur wenig in diesem Zweige der Kultur gethan worden ist. Der wilde Wein rankt sich auch hier an den stärksten Stämmen bis in die Wipfel der Bäume, oder läuft ohne Stützpunkt auf der Erde umher.
Außer Zucker und Baumwolle wird gewöhnlich nur noch Mais und die süße amerikanische Kartoffel gebaut, doch ist auch der Anfang mit Taback gemacht worden und eben so mit Waizen. Die Verbreitung dieser Fruchtart wird aber erst von den nöthigen Mühlen abhängen, welche jetzt noch fehlen, da nur Handschrotmühlen aushelfen und das benöthigte Mehl aus den Vereinigten Staaten herbeigeschafft wird.
Die Viehzucht ist erst im Entstehen und nur wenig Kolonisten befleißigen sich damit im Großen, wozu die fetten Wiesen und fruchtreichen Wälder die beste Gelegenheit bieten. Das Fleisch ist übrigens nicht vom besten Geschmack und wildert sehr; Schweinefleisch dagegen ist gut und dieses Thier ist eines der ersten, welches sich der Ansiedler zu verschaffen sucht, da die Vermehrung derselben wenig, oder auch gar nichts kostet, weil dieses Thier seine Nahrung überall in den waldigen Gegenden findet.
Um die Bevölkerung möglichst schnell zu vermehren, gewährte die Regierung allen Einwanderern gegen das Versprechen, wenigstens drei Jahre im Lande zu bleiben und alle Bürgerpflichten zu erfüllen, vom 1. März 1836 an bis letzten Dezember 1838 das Recht des Anspruchs auf:
| 1200 | Acres | den | Verheiratheten, |
| 650 | – | – | Ledigen, |
| 320 | – | – | Kindern über 14 Jahre. |
Vom 1. Januar 1839 bis 1. Januar 1840.
| 640 | Acres | den | Verheiratheten und |
| 320 | – | – | Ledigen, |
wobei das Recht verknüpft war, selbst zu bestimmen, wo ein Jeder angewiesen und ausgemessen haben wollte, dafür aber die desfallsigen Bemühungskosten zu bezahlen hatte. Mit dem Jahre 1840 hörten alle Schenkungen auf und nur Militärdienste werden noch mit Abgabe von Ländereien belohnt, deren Zahl die Länge der Dienstzeit bestimmt.
Wer würde wohl nach solcher Schilderung des Landes nicht Lust bekommen, hier seinen Wohnsitz aufzuschlagen, wo noch besonders die angeführten Schenkungen von Grund und Boden zum Ansiedeln reizen mußten? Doch Manches spricht dagegen. Wie viele hier eingewanderte Nordamerikaner, die eben so schnell diesen Staat wieder verlassen, beweisen, wie Tausende meiner Landsleute Amerika verlassen würden, wenn ihnen die Mittel dazu nicht fehlten.
Die Zahl der neu eingewanderten Bevölkerung besteht in der Mehrheit immer nur aus Nordamerikanern aller Staaten, da die Beimischung europäischer Völker, worunter immer die Deutschen noch die Mehresten sind, nur gering ist. — Vor Allem liefern Louisiana, Mississippi und Alabama eine Menge Individuen, welche wegen unbezahlter Schulden oder sonstiger Streiche, der Justiz glücklich entwischt, hier eine Freistätte suchen. — Dann glauben auch viele Amerikaner, hier ohne Arbeit und Beschäftigung die goldnen Berge zu finden, welche der Deutsche vergeblich in Amerika sucht; sie fallen durch getäuschte Erwartung und Faulheit der übrigen Bevölkerung zur Last und verderben die Sitten. Unruhige Geister, gelehrt sich dünkend, Doktoren, Advokaten und Theologen kommen in der Meinung, durch ihren Kopf allein reich zu werden, wozu die junge Republik am wenigsten Gelegenheit bietet, gerathen oft nothgedrungen auf Abwege und fallen Abenteurern, Spielern und Trunkenbolden in die Hände, wodurch, da Alles erst im Entstehen ist, bei mangelnder energischer Gerechtigkeitspflege, Betrug, Duelle und Meuchelmord unvermeidlich sind, daß dabei die Grenze zwischen Mein und Dein nicht immer gesichert ist, läßt sich denken.
Der moralische Zustand dieser vermischten Volksmasse steht hier noch tiefer als in den Vereinigten Staaten selbst; da alle Volksbildung fehlt, keine Schulen und Religionsanstalten vorhanden und nur Missionäre in religiöser Beziehung das Ihrige zum Seelenheil der Menschen beitragen. Sucht man auch in neuerer Zeit diesem Uebel durch Erbauung von Kirchen und Schulen abzuhelfen, so haßt doch der Amerikaner vor Allem den Zwang und lebt lieber im natürlichen Zustande fort.
Geldmachen ist auch hier der Punkt, um den sich Alles dreht und wendet und Nichts wird gescheut, diesen Zweck zu erreichen. Dabei hat das Laster der Trunksucht die höchste Stufe erreicht und die Zahl der mit geistigen Getränken Handeltreibenden, übersteigt alle Erwartung, da dieser Handel die schönste Gelegenheit bietet, auf dem kürzesten Wege reich zu werden, wozu mitunter ein fein angelegter und gescheidt ausgeführter Bankerott das Beste beiträgt. In keinem Lande werden wohl im Verhältniß der Bewohnerzahl mehr geistige Getränke konsumirt, als hier. Die Hauptursache mag wohl auch in dem schlechten Trinkwasser und in den schnell wechselnden klimatischen Witterungseinflüssen zu suchen seyn, weshalb man Branntwein als Arznei und Schutzmittel für die Gesundheit des Menschen hält. Auch lebt der größte Theil der Bevölkerung außer ehelichen Verhältnissen und ist wegen Wohnung und Kost auf die Speisehäuser verwiesen und dadurch in die Nähe geistiger Getränke versetzt, deren Reiz zu mächtig ist, wobei der Genuß durch Gewohnheit leicht zum Bedürfniß wird. Im ehelichen Verhältnisse, wo Mann und Frau beim Genuß geistiger Getränke nur zu oft aus den Schranken der Mäßigkeit treten, sucht man auch die Kinder schon frühzeitig daran zu gewöhnen, um, wie der Wahnglaube des Volkes ist, den Körper mehr gegen die Witterungsseinflüsse abzuhärten. Kein Geschäft, kein Versöhnungsakt wird abgeschlossen, ohne durch Leeren der Gläser. Mit solchen in der Hand, wird jeder empfangen, der ein Lokal betritt, wo geistige Getränke verkauft werden und gegen Anstand und Sitte würde man stoßen, wollte man keinen Bescheid thun. Da sich aber mitunter der Bekannten zu viel einstellen, so ist es häufig der Fall, daß der Mensch aufhört, Mensch zu seyn und im Zustand der Trunkenheit unter das Vieh herabsinkt. Untergräbt schon der unmäßige Genuß geistiger Getränke die Gesundheit, so muß dies in Amerika noch mehr der Fall seyn, da man sich hier nicht scheut, durch alle künstliche Mittel Wein, Bier und Branntwein stärker und berauschender zu machen, und gewissenlos werden spanischer Pfeffer, Kokoskörner, Tabacksblätter, Paradieskörner, Krähenaugen, Stechäpfel, Bilsenkraut, Opium, Belladonna und dergleichen Ingredienzien in Anwendung gebracht. So lange dieses nicht unterbleibt, kann die Gesundheit des Menschen nicht gewahrt werden und der Tod wird fort und fort seine Opfer fordern und dem gelben Fieber leichtern Eingang verschaffen, welches in den meisten Städten von Texas den Menschen in den letzten Jahren so gefährlich worden ist.
Die Witterungseinflüsse auf die Menschen, besonders der Neuankommenden, halten die Gesundheit derselben beständig im Schach und sind auch die Fieber nicht immer tödtlich, so untergraben sie doch die Gesundheit und schwächen den Körper, so daß der Mensch schnell altert und im vierzigsten Jahre mit einem Sechziger verglichen werden kann. Nur wer daselbst geboren und gleichsam schon im Mutterleibe an das Klima gewöhnt worden ist, hat von alle dem weniger zu befürchten. Schon aus dem Angeführten sollten fleißige und industriöse Einwanderer diese südlichen Länder meiden und sich nicht der Hoffnung hingeben, daß sie im Innern des Landes weniger von diesem Uebeln zu befürchten hätten. Ist dieses nun auch der Fall, so sind sie doch mehr den Ueberfällen der Indianer bloß gestellt, wie uns Familienglieder solcher Ueberfallener, welche das Skalpirmesser nicht erreicht hatte, erzählt haben. Unvermuthet stellt sich diese Mordbrennerschaar ein, überfallen die wehrlosen Kolonisten, ermorden, was ihnen in die Hände fällt und ein Schutthaufen bezeichnet den Abwesenden den Ort ihrer friedlichen Hütten. Wird auch von der Regierung Alles gethan, diese unberufenen Gäste abzuhalten, so ist doch die zu Gebote stehende Macht bei den ausgebreiteten Distrikten weit auseinander liegender Städte und einzelner Wohnungen nicht immer hinreichend.
Man hat daher im Juli 1839 den Sitz der Regierung von Hauston weg und mehr in das Innere des Landes zurückgelegt und an dem Colorado-Fluß, 170 Meilen von ersterer Stadt entfernt, die Stadt Austin gegründet, welche Gegend außer Fruchtbarkeit, ein gesundes Klima enthält. Es wird demnach die konzentrirte Macht mehr in die Mitte des Staates verlegt, um die Kräfte nach allen Seiten verwenden zu können. So lange übrigens dieser junge Staat noch nicht unter die Zahl der vereinigten nordamerikanischen Staaten aufgenommen worden ist, worüber die gepflogenen Verhandlungen bis jetzt kein günstiges Resultat geliefert haben, wird immer zu befürchten stehen, daß Mexico seine Ansprüche an diese abgefallene Provinz von Neuem geltend machen, das Land mit Krieg überziehen wird und so die Bewohner den Drangsalen einer solchen Periode ausgesetzt sind.