Siebenundzwanzigster Brief.
Im Februar 1840.
Fortsetzung.
Die von uns besuchten Städte, wie überhaupt alle vorhandenen in Texas, sind noch im Entstehen und enthalten Nichts der Anmerkung werth. Steinerne Häuser findet man nirgends, da aus Mangel an Ziegelöfen das dazu nöthige Material aus den Vereinigten Staaten bezogen werden muß und wegen des hohen Preises, den es durch den Transport erhält, nur wenig in Anwendung kommen kann und man deshalb sich mit Holzhäusern begnügt.
Ziegelbrenner, die dieses lesen, werden nun glauben, hier guten Verdienst zu finden und dennoch kann ich versichern, daß ein solcher mit mir nach Orleans zurückkehrte, um sich von da nach den nördlichen Staaten zu wenden, da er in Texas auf sein Metier kein Unterkommen finden konnte und kein eigenes Vermögen besaß, um sich Grundbesitz zu kaufen. Unternehmer großartiger Geschäfte, wie Branntweinbrennereien, Mühlen, Gerbereien, Kalk- und Ziegelbrennereien, müssen unbedingt ein dem Geschäft angemessenes Kapital besitzen, um die Anlagen davon bestreiten zu können, welche jedoch hier bedeutend höher als bei uns zu stehen kommen. Einer, der kein Geld hat, wird hier immer eine untergeordnete Rolle spielen müssen und im Besitz von Vermögen lebt es sich wie bekannt, bei uns recht gemüthlich. Besonders ist jedem Handwerker anzurathen, darauf Rücksicht zu nehmen, ob sein Gewerbe zu den ersten Bedürfnissen erforderlich ist, ob sein Fabrikat mehr in das Fach der Luxus-Artikel einschlägt, oder seine Produkte Handelsartikel sind. Zimmerleute, Wagner und Grobschmiede werden leichter ein Unterkommen und Verdienst finden, wie Goldschmidte, Juweliere und Instrumentenmacher, welche bei aller Geschicklichkeit in die größte Noth gerathen, und um das Leben zu erhalten, eine andere Beschäftigung ergreifen müssen; Schuhmacher, Schneider und Hutmacher werden sich mehr mit Repariren abzugeben haben, weil ihre Waaren als Handelsartikel aus den Vereinigten Staaten zugeschafft werden und sie nicht mit den großartigen Fabriken daselbst konkurriren können, da ihre Materialien hier äußerst theuer und selbst nicht immer zu bekommen sind. Zinngießer, Glaser, Drechsler und Buchbinder habe ich nirgends getroffen. Bäcker, obgleich dieses Handwerk meistens durch Schwarze verrichtet wird, sind immer noch besser daran als Müller, da Mühlen fehlen und das Mehl als Handelsartikel zugeschafft wird. Posamentirer, Krepinmacher und Strumpfwirker kennt man den Namen nach nicht. Nur Handwerker, deren Gewerbe auch bei uns in kleinern Landstädten gefordert wird, kann man auch als hier fortkommend annehmen.
Der Verdienst ist dem Anschein nach hier noch viel größer als in Orleans und erreicht nicht selten die Höhe von 6–8 Dollars täglich. Wäre nun Silbergeld gebräuchlich, so ließe sich wohl bei Sparsamkeit und Fleiß leicht ein Kapital erübrigen, so aber ist nur Papiergeld im Verkehr, und der Werth Texanischer Noten ist zur Zeit in den Vereinigten Staaten so tief gesunken, daß bei unserer Zurückkunft in Orleans am 5. März, der Dollar von 100 Cents Werth verausgabt, nur für 16–18 Cents angenommen wurde. Ein mit erspartem Verdienst zurückkehrender Arbeiter, sah sich dadurch schrecklich enttäuscht, als auf diese Weise sein sauer erworbenes Gut bis auf Nichts herabsank. — Nur dann erst, wenn ein Handwerker mit Familie es ermöglichen kann, sich in der Nähe seines Wohnortes einen kleinen Grundbesitz zu verschaffen, worauf er außer Wohnung noch das Nöthige zum Lebensbedarf erbauen kann und eine Kuh, Hühner und Schweine das Weitere ersetzen, welches ihm nicht viel zu erhalten kostet, wird es möglich seyn, von dem Gewerbeverdienst zurückzulegen, welches weniger möglich ist, wenn er außer theurer Wohnung auch noch alle Lebensbedürfnisse kaufen muß, die mitunter hoch im Preise stehen, wie es mit dem Mehl der Fall ist, wovon ein Faß von 196 Pfund 25–26 Dollars kostet, das in den Vereinigten Staaten mit 5–6 Dollars bezahlt wird.
Die Bequemlichkeiten höherer Stände lassen bei allem Aufwand noch Vieles zu wünschen übrig, weil Dienstboten schwer zu erhalten sind, und weiße Individuen es für eine Schande halten, in solchem Verhältniß zu leben, daher nur Sklaven die dienende Klasse ersetzen, welchen die Kenntnisse häuslicher Verrichtungen abgehen, da sie mehr zur Feldwirthschaft erzogen sind. Genüsse eines civilisirten Lebens, wie sie Deutsche kennen, fehlen hier ganz, da man Alles vermißt, was das Leben verschönern und veredeln kann; das leitende Prinzip des Amerikaners ist nur grober Materialismus.
Bei weniger Ansprüchen an geistige Genüsse und Entsagung menschlicher Gesellschaft, befindet sich der Ansiedler auf dem Lande noch am besten. Jagd und Fischerei sind frei, und Wild, so wie Geflügel immer vorhanden, wobei wilde Bienen mit Honig versehen, und der wilde Traubensaft das Getränke liefern. Der Boden, bei fast immerwährendem Sommer, bringt ohne viele Bearbeitung die Saaten zur Reife, und den Erndtesegen schmälern nicht Steuern und Zinsen. Dabei bleibt freilich der Mann nur auf seine und der Familie Kräfte beschränkt, wenn ihm die Mittel zum Sklavenkauf fehlen, da freie Arbeiter schwer zu erhalten und ihr Lohn nicht im Verhältniß zum Verdienste steht. —
Das häusliche Verhältniß und schlechte Lebensweise der niedern Volksklasse in Städten ist dem wenig begüterten Ankömmling, welcher unter derselben leben muß, nichts weniger als angenehm, da das herrschende Laster der Trunksucht alle andern im Gefolge hat, und man so oft unverschuldet in Händel verwickelt wird, die nicht immer den besten Ausgang nehmen, wie überhaupt auch schlechter Umgang die besten Sitten verdirbt.
Von allen in Texas lebenden Indianer-Stämmen, die in vielen Resten aufgeriebener Horten aus den Verein. Staaten bestehen sollen, zeichnen sich besonders die Camanches durch große Wildheit und Treulosigkeit aus, die ihren Ursprung von einem der vornehmsten Stämme herschreiben, welche bei der Eroberung Mexiko’s durch die Spanier ihren Aufenthalt in der Gegend von Mentezumes gehabt, statt aber sich zu unterwerfen, die Auswanderung vorgezogen und hier in den Hochgebirgen von Texas sich niedergelassen haben. Ihr Oberhaupt soll, wie die Sage angiebt, beim Erblicken ihres jetzigen Aufenthaltes, ausgerufen haben: Texas! (welches in ihrer Sprache: „Paradies“ heißt), und dieser Name ist für diesen Theil Mexiko’s bis jetzt beibehalten worden.
Geschlossene Verträge werden selten von den Camanches-Indianern gehalten, da neben der Jagd, Raub und Mord ihre Lieblingsbeschäftigungen sind, und nur durch die Gewalt der Waffen sind solche in ihren Grenzen zu halten.
Von den friedlicher lebenden Indianer-Stämmen ist weniger zu fürchten und mehre von ihnen leben sogar mit den Texanern im Handelsverkehr, und werden von diesen zum Auskundschaften der Feinde gebraucht.
Mehr oder weniger suchen die Indianer ihr Aeußeres zu entstellen und schon in Orleans nahmen Chaktaw-Indianer, welche mit geflochtenen Körben aus Palmenzweigen dorthin Handel treiben, meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Die kupferfarbige Haut wird auf der Brust, den Armen und im Gesicht theils gemalt oder tatowirt, und die großen Ringe in Nase und Ohren geben dem Ganzen ein frappantes Ansehen. Bunte Glasperlenschnüre mit einem Muschelschloß zieren den Hals, eben so blanke, kupferne Ringe die Handgelenke. Um die Beine sind Schellen und Klingeln gebunden und in den langen Haaren ein Federbusch befestigt. Eine wollene Decke bedeckt die Blöße, Kinder aber gehen ganz nackend.
Während der fünf Wochen, welche wir bereits in Texas umher irrten, ward Keinem von uns Gelegenheit, ein gutes Unterkommen in einem der größern Orte zu finden. Mein Metier als Kupferschmidt hatte hier noch nicht gewurzelt, eben so wenig war in einer Brennerei Beschäftigung zu finden, da Branntwein größtentheils aus den Vereinigten Staaten zugeschafft wird.
Der Pole als Kürschner, so wie der Schweizer als Müller, fanden ebenfalls keine Stellen, auch der französische Kaufmann suchte vergebens als Marqueur ein Unterkommen. Als Domestiquen sich zu vermiethen, fühlte Keiner den Beruf, und des längern Reisens ohne Zweck müde, gaben die beiden Ersteren den lockenden Werberworten Gehör und nahmen in Hauston unter Texanischem Militär Dienste. Wer weiß, zu was auch ich mich entschlossen hätte, wenn ich nicht Familienvater und meiner Pflichten als solcher weniger eingedenk gewesen wäre.
Die beiden kleinen Pferde, welche Raçe in Texas einheimisch ist, wurden verkauft, der Erlös brüderlich getheilt, und dieser war ausreichend, um mich und den Franzosen nebst den beiden besser konstituirten Maulthieren auf einem Dampfboote nach der Hafenstadt Galveston zu spediren, wo wir am 20. Februar mit dem Kapitän des Segeldampfschiffes Neptun die Reise nach Orleans zurück akkordirten, in Ermangelung des nöthigen Reisegeldes die Maulthiere einsetzten, und nach einer sechswöchentlichen Abwesenheit, am 23. Februar wieder in letzter Stadt ankamen.
Freund Aacke zahlte das bedungene Fahrgeld aus, darauf wurden die beiden Maulthiere verkauft, die Schulden bezahlt, und von Neuem nach Arbeit umgesehen. — Nur einmal auf der ganzen Tour hatte ich einen Anfall vom Fieber, und kehrte gesünder nach Orleans zurück, als ich es verlassen hatte.
Von alle den mannigfaltigen Begebenheiten dieser Reise, will ich am Schlusse dieses Briefes nur eines Vorfalls erwähnen, welchen mir jedes Gewitter in Erinnerung bringen wird. — Eines Tages hatten wir den gebahnten Weg, welcher im Thale die Anhöhen umgehend, sich hinzog, verlassen, und in Folge der Angabe eines Indianers einen Holzweg betreten, welcher über das waldige Gebirge näher und schattiger nach der nächsten Plantage führen sollte. Die hintereinander gebundenen Zaumthiere wurden durch mich geleitet, während dem die Reisegefährden die Jagd verfolgten, die sich hier in mannigfaltiger Auswahl darbot.
Immer weiter in das Dickicht der Bäume wurden die Jäger verleitet, und nur der Knall ihrer Büchsen schallte noch zu mir, als der sich theilende Weg mich unschlüssig machte, welcher von beiden zu betreten sey. In der Hoffnung, daß einer der Schützen sich zeigen werde, hielt ich schon längere Zeit, während dem die Thiere weideten, bis herabfallende Regentropfen und der dumpfe Donner ein herannahendes Gewitter verkündeten. Noch hatte ich den Muth nicht verloren und suchte, etwas entfernt von den Thieren, Schutz unter den Zweigen der Bäume; doch als der Donner immer vernehmlicher ward, und dicke schwarze Wolken am Horizonte die Sonne verfinsterten, so daß aus Tag Nacht ward, wurde mir bänglich, als aber der Sturm die Bäume zu entwurzeln drohte, was nur der dichte Wald verhinderte, und der Blitz nicht fern von mir in den Zweigen herabfuhr, und den Stamm spaltete, da wurde ich selbst für mein Leben besorgt, ließ Pferde und Esel im Stich, und ging langsam im Regen bis zu dem Vorsprung eines Felsens.
Gleich als ob es abgesehen wäre, mir die Ohnmacht des Menschen zu zeigen, sey man auf der See oder dem Lande, so wurde das Wetter stündlich abscheulicher, und ein Fieberfrost schüttelte meine Glieder.
Schützte auch die Grotte vor Nässe, so fehlte doch die wohlthuende Wärme, und nur die Hoffnung, das Wetter werde bald vorübergehen, belebte meinen Muth. — Doch es wurde Abend, und war auch der Donner verhallt, so sauste noch schrecklich der Wind durch die Bäume und schüttelte das Wasser in Strömen von den Aesten. Jetzt blieb nichts übrig, als die Nacht hier zu verweilen, und ein Feuer anzuschüren um mich zu erwärmen und den Reisegefährden den Ort zu bezeichnen, wo sie mich finden würden. Nur mit Mühe gelang es Feuer anzumachen, da der feuchte Boden und das nasse Holz die helle Flamme immer wieder zu ersticken drohete. Doch Ausdauer überwindet Alles. Zu meiner Freude und Trost schlug die Flamme auf, und verbreitete Wärme und Licht um sich her. Knurrte auch der Magen, so mußte er sich doch in Geduld fügen, da nichts zu kochen vorhanden und das Herbeischaffen von Holz die Zeit in Anspruch nahm. —
Glücklich drang der Schein des Feuers bis zum Versteck der Jäger, welche gleich mir der Regen genöthigt, in einem Felsenrisse Schutz zu suchen, wo sie, verabredetermaßen, das Feuermahl zu erspähen suchten, und jetzt beladen mit Wildpret und der Haut einer großen Schlange, bei deren Abziehen sie das Wetter erwischt hatte, bei mir ankamen.
Vor Allem wurden die zurückgelassenen Pferde und Esel wieder herbeigeschafft, das Nöthige zum Kochen war bald geschehen, und so der Hunger gestillt.
Schon früh am Morgen, wozu das harte Lager Veranlassung gab, folgten wir der Richtung, von woher die Jäger am vergangenen Abend den Schein eines Lichtes wahrgenommen hatten, und Hunde-Gebell verrieth bald darauf die Nähe einer menschlichen Wohnung. — Der Herr der letztern, von der Stimme des Hundes geweckt, trat vor die Hütte, um zu sehen, was so früh die Ruhe störe; doch als er uns gewahr wurde, ging er von Neuem ins Haus, und kam sogleich bewaffnet zurück. Mit der barschen Frage, was wir wollten, und uns zu bewillkommnen bereit, hielt er das Gewehr entgegen. Nachdem er jedoch vernommen, was unser Geschick sey, meine Begleiter unbewaffnet näher traten und die alte Geschichte von deutschen Emigranten, die in Texas sich anzusiedeln beschlossen, erzählten, öffnete er freundlich die Wohnung und stellte uns der Familie vor, welche während des Wortwechsels das Lager verlassen und sich nun anschickte, das Frühstück zu bereiten.
Leider sprach der Spanier wenig französisch, englisch und deutsch gar nicht; doch gaben Geberden, wie der kredenzte Branntwein, Maisbrod und Schweinefleisch zu erkennen, daß wir ihm herzlich willkommen waren. Nach genossenem Frühstück brachte uns einer seiner Söhne auf die richtige Spur zur nächsten Plantage, und die Gastfreundschaft dieser braven Leute in einsamer Wildniß war aufrichtiger und herzlicher, als ich sie irgendwo gefunden habe.