Vierundzwanzigster Brief.
Aufenthalt in New-Orleans.
Im Januar 1840.
Unvergeßlich wird mir das im Jahr 1839 erlebte Weihnachtsfest bleiben und stets werde ich beim Wiederkehr des schönsten aller Feste, wo Jung und Alt sich freut, der damals erlebten trüben Tage mit Wehmuth mich erinnern.
Am Tage vor dem heiligen Weihnachtsabend war es, wo ich am Körper schwach und am Geiste abgespannt in New-Orleans ankam und wo wir gegen Bezahlung von vier Dollars à Person die Woche, bei einem gewissen Prak, Wirth eines deutschen Kosthauses, ein Unterkommen und Beköstigung fanden. — Langsam ging ich am Abend durch einige Straßen, um durch Anschauen ausgestellter Waaren mich mehr zu zerstreuen, doch alles umsonst; nur eines Gedankens war ich mächtig, an Weib und Kinder, welche bei jedem Freudenruf über schöne Geschenke aus lieben Händen sich des Vaters erinnerten, der jetzt traurig und verlassen in weiter Ferne weilte. Bei mangelndem Appetit erstarb der Bissen mir im Munde und kränker war ich, als ich es mir selbst gestehen wollte. Aber ein Retter und Helfer in der Noth stand tröstend mir zur Seite, mein braver Freund, mein treuer Aacke war es. Doch auch diesem lächelte nicht sogleich das Glück. Die ihm versprochene Stelle war wegen längeren Außenbleibens, als die festgesetzte Zeit bestimmte, an einen Andern schon vergeben und er wurde auf die Zeit vertröstet, wo die Krankheitsfälle sich mehren würden und die Provisoren Beschäftigung erhielten.
Auf diesen Fall nicht vorbereitet, waren die Mittel nicht ausreichend, uns Beide auf längere Zeit zu erhalten, und Aacke zu brav, um seine wohlthuende Hand von mir Kranken abzuziehen. Lange wurde jetzt überlegt, was in so kritischer Lage zu thun sey, bis Freund Aacke auf den Einfall kam, Matches (Zündhölzchen) anzufertigen, welche in einzelnen Paqueten verkauft, einen guten Lohn versprachen und solches eine leichte Arbeit war, die ich mit verrichten konnte. Schnell ging es ans Geschäft, das nöthige Werkzeug, Säge und Schnitzer wurden gekauft, und vom nächsten Bauplatz Abfallholz herbeigeschafft. Schon war ein Quantum fertig und zum Hausiren für mich der nöthige Korb bereit, als das verwendete nasse Holz die Zündkraft hemmte, und die Hölzer erst mehr getrocknet werden mußten.
Meine seit dem unglücklichen Wassersprung und dem Genuß von Quecksilber zerrüttete Gesundheit wollte sich nicht wieder regeln und die Kräfte nahmen zusehends ab. Bis zum Neujahrstag wurde es täglich schlimmer, da keine Medizin anschlagen wollte und schon glaubten Alle, welche mich sahen, daß meine letzte Stunde nicht mehr fern sey. Mein guter Aacke, mein treuester Freund in der Noth, stand tröstend, immer fragend, wie es gehe und was ich wünsche, mir zur Seite. Das letzte, warum ich ihn bat, da ich sah, daß sich meine Gesundheit nicht günstiger gestalten wollte, war der Wunsch, mich ins Hospital bringen zu lassen, um ihm so wegen der Zukunft weniger Sorge zu verursachen.
„Um nichts in der Welt gebe ich das zu“ versetzte der Brave. „Sie ins offene Grab zu legen, ehe verkaufe ich alle meine Sachen, wenn das Geld nicht ausreichen sollte.“ Der Genuß einiger Löffel Suppe, welche die theilnehmende Wirthin auf meinen Wunsch bereitete und der, wenn auch nur wenige Schlaf in der Nacht vom 1. zum 2. Januar, halfen den Lebensgeistern von Neuem auf und als Freund Aacke am Mittag mit der erfreulichen Nachricht an mein Lager trat, daß das Glück ihn begünstigt und er eine gute Stelle in einer Apotheke erhalten und so der Zukunft ohne Bangen entgegengesehen werden könne, so fühlte ich mich schon im Glauben um Vieles besser.
Das Ordnen der zum Verkauf fertigen Zündhölzer konnte durch Aacken nicht mehr geschehen, da er sofort sein Engagement antreten mußte, weshalb mir der Auftrag wurde, die Hölzer in angeschafften Blechkasten aufzubewahren, wenn die Mittagssonne nicht mehr auf die am Fenster des dritten Stockes auf einer Tafel aufgestellten Hölzer einwirken könne.
Ein deutscher Sattlergeselle, welcher ebenfalls auf Arbeit wartend, mit uns zusammen in einem Hause wohnte, suchte sich theils in meiner Gesellschaft, oder durch Schlafen die Zeit zu kürzen, und legte sich, da er mich schlummernd fand, mit einer brennenden Cigarre auf das neben den Schwefelhölzern stehende Lager. Halb im Schlafe, legte er Erstere auf den Tisch, und in dem Augenblick standen über 60 Dutzend Paquete Zündholzer in Flammen.
Der Unvorsichtige, durch den Vorfall, aller Geistesgegenwart beraubt, suchte eben das Zimmer zu verlassen, als der Schwefeldampf mich weckte. Meine Bitte, vereint mit mir möglichst schnell zu retten, befolgte er nicht, sondern floh zur Thür hinaus und machte im Hause Lärm.
Ich suchte durch Umstürzen der Paquete die Flamme zu ersticken, was aber nur theilweise gelang. Der Qualm nahm dabei schrecklich überhand und nur durch Oeffnen des Fensters konnte ich mich vor dem Ersticken schützen. Doch der Zutritt der Luft trieb die Flamme nach den Betten und jetzt blieb mir weiter nichts übrig, wollte ich nicht verbrennen, als auf allen Vieren den Rückzug anzutreten. Außerhalb des Zimmers unterlag ich einem solchen Erbrechen, wie ich es während der Seereise nicht gehabt. Von jetzt an, wo der Magen gereinigt, stellte sich der Appetit wieder ein, so daß sich mein Zustand zusehends besserte und zur Kur, wozu der Arzt mich zu schwach hielt, gab der Zufall, oder wie man es nennen will, Veranlassung.
Das Feuer wurde durch schnelle Hülfe in so weit getilgt, daß es nur die Betten und das Innere des Zimmers zerstörte, das Haus selbst aber blieb gerettet.
Die schönen warmen Tage bei jetziger Jahreszeit, gleich unsern Sommermonaten, wirkten wohlthätig auf mich und ich suchte mich täglich im Gewühl der geschäftigen Menge, den Hafen entlang spazieren gehend, zu sonnen. — Keine Stadt der Welt mag wohl eine größere Verschiedenheit der sich im geschäftigen Gewühl durch einander drängenden Bevölkerung darbieten, wie Orleans. Schwarze und weiße Einwohner aus allen Vereinigten Staaten, welche der im Winterhalbjahr hier gezahlte hohe Lohn herbeizieht (2–3 Dollars täglich), Eingewanderte aus allen Theilen Europa’s, vermischt mit Creolen und allen Abstufungen der farbigen Bevölkerung, bilden einen erstaunlichen und interessanten Kontrast von Sitten, Gebräuchen, Sprachen und Gesichtsfarben. Der Handel dieser Stadt von 50–60,000 Einwohnern ist bedeutend groß und ausgedehnt. Bisweilen sollen außer den Dampfbooten und Segelschiffen, 1000–1500 Flachboots auf den Werften liegen. Dampfboote kommen und gehen jede Stunde, wie sich überhaupt außer den schwülen Monaten ein Wald von Schiffsmasten im Hafen befindet. Besonders bieten die Monate Januar, Februar, März und April ein großes Bild von Geschäfts- und Handelsthätigkeit. Die Produkte aller Zonen finden hier ihren Markt, und was Früchte und Vegetabilien betrifft, so wird wohl schwerlich ein anderer Ort mehr und Vortrefflicheres aufweisen können.
Selbst die Sonntags-Feier bringt keine Unterbrechung in die Geschäftswelt; der Sonntag wird hier nicht, wie in den nördlichen Staaten, heilig gehalten. Alle Läden bleiben offen, und Nichts unterbricht den Geschäftsgang. Das Fahren, Reiten und Treiben der Menge bleibt sich wie an Wochentagen gleich; die Märkte bieten sogar an Sonntagen einen noch stärkern Verkehr, weil den Sklaven die Erlaubniß zusteht, an diesem Tage Alles, was sie verkaufen wollen, öffentlich feil zu bieten. Nur dann und wann sieht man einen andächtig Gestimmten dem Gotteshause zu pilgern, wo die leeren Räume hinlänglich Platz bieten, und der Lärm vor der Kirche durch betrunkenes Gesindel, wie der Gesang herumziehender Drehorgelspieler, zum Aergerniß Anlaß giebt.
Die ungesunde Jahreszeit, welche gewöhnlich mit dem Monat Juni anfängt, bringt Stockung in das bewegte Leben und erschlafft die Geschäftswelt, da der größte Theil der merkantilischen Bevölkerung die Stadt verläßt, und sich mehr nach den nördlich gelegenen Staaten zurückzieht. Die wenigen Zurückbleibenden werden dagegen in ihren Waarengewölben vom Müssiggang und Langweile aufgerieben, wenn sie auch das Glück haben sollten, dem tödtlichen Einfluß des Klima zu entgehen, und dem gelben Fieber nicht zu unterliegen, welches hier den Sommer über heimisch ist.
Dieses Bild der geschäftigen Massen wird jetzt aber durch die Geld-Krisis gestört, welche den Handel lähmt und Stockung in alle Geschäfte bringt. Tausende stehen ohne Beschäftigung am Strande, oder verbringen die Zeit in Branntweinhäusern, wovon wohl keine Stadt mehr dergleichen aufzuweisen hat, als Orleans. Branntwein ist das Universalmittel der Amerikaner. Branntwein muß Appetit schaffen und die Verdauung befördern, muß beruhigen und ermuntern, und ohngeachtet aller Mäßigkeitsvereine wird wohl nirgends mehr von diesem Gift genossen als in den Vereinigten Staaten von Amerika. Besonders ist es aber Orleans, wo von diesem Göttertrank der größte Gebrauch gemacht wird, da man das schlechte Wasser als Entschuldigungsgrund anführt. Laufende Brunnen sind nirgends hier zu finden, und der sumpfige, morastige Boden liefert schon bei 2–3 Fuß Tiefe das nicht zu genießende faulige Pumpwasser; man bleibt daher auf Regen- oder das lehmig-schmuzige Flußwasser des Mississippi beschränkt, welches zum Verkauf in der Stadt herumgefahren wird.
Alles klagt jetzt über schlechte Zeiten, und vor Allem empfinden dieses die zur See hier ankommenden deutschen Auswanderer. Ohne Beschäftigung und Verdienst, lernen sie hier, wo alles doppelt theuer ist, oft in der größten Verzweiflung Noth und Sorgen kennen, von denen Viele früher nichts gewußt und um so weniger hier kennen zu lernen glaubten, wo ihnen die erhitzte Einbildungskraft nur goldene Berge verheißt. Bei alle dem sind sie gezwungen, länger hier zu weilen, da der Winter in den nördlichen Staaten die Flußschifffahrt beschränkt, und die Reise dahin erschwert, weshalb sich mancher genöthigt sieht, zu ergreifen, was der Augenblick bietet, wenn die Mittel für die Dauer nicht ausreichend seyn sollten.
Vor Allem ist es am schwierigsten ein Unterkommen auf das gelernte Geschäft zu finden, da der größte Theil der Waaren als Handelsartikel aus den nördlichen Staaten und Europa zugeschafft wird, weshalb man hier nur wenig Neues fertigt. Gröbere Arbeiten, wie Brennholz zu spalten und das Ausladen von Bau- und Pflastersteinen, welche letztere mehre Meilen weit um Orleans nicht gefunden werden und deshalb die Schiffer als Ballast mit hieher führen, werden meistens von Schwarzen ausgeführt, welche die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und deren Zahl die Höhe von 25–30,000 erreichen soll. Ebenso verrichtet diese Klasse Menschen alle Arbeiten in den Tabacks-Magazinen und den ungeheuren Baumwollen-Niederlagen, und wo Weiße mit beschäftigt sind, da giebt der Amerikaner lieber seinen geprüften Arbeitern höhern Lohn, als daß er einen erst ankommenden Deutschen, welcher der Sprache unkundig, für geringere Vergütung anstellen sollte.
Nichts bleibt demnach übrig, um sich und den Seinigen das Nöthige zu verdienen, als das Ein- und Aus-Laden der Dampfschiffe und Flachboote. Diese Arbeiten werden von Kapitäns Entrepreneurs übergeben, und von diesen die nöthige Mannschaft angenommen. Doch auch hierzu haben sich wiederum besondere Gesellschaften gebildet, welche selten außer ihren Kameraden einen Andern mit Hand anlegen lassen, wenn nicht vermehrte Arbeit und Mangel an Leuten dieses nöthig macht. In solchem Falle nur kömmt der arme Deutsche erst an, welcher mit den Pfiffen und Ränken des Amerikaner noch nicht vertraut ist und sich gern mit jedem Lohn, den man ihm bietet, begnügt. Nach vollendeter mehrtägiger Arbeit wartet er bescheiden des Rufes zur Empfangnahme der Zahlung und glaubt, wenn dieser nicht erfolgt, seine Person in Erinnerung bringen zu müssen, doch mit Schrecken wird er jetzt gewahr, daß der, welcher zu zahlen verpflichtet, nicht mehr vorhanden ist. Der Rekurs an den Kapitän bleibt ohne Erfolg, da ihm das Geschäft nichts mehr angeht, indem die akkordirte Summe schon gezahlt worden ist. Kommt nun Tages darauf der entwichene Schurke wieder zum Vorschein, so hilft alles Zuredestellen nichts. Ja, ich war Zeuge, wie man einen betrogenen Elsasser, welcher bescheiden den andern Tag nach dem sauer verdienten Lohne fragte, gleich Einem behandelte, welcher doppelte Löhnung verlangte, und mit Faustschlägen abwies.
Solche Betrügereien sind mir mehre bekannt worden, von denen ich eine noch anführen will: Drei jetzt mit bei uns wohnende Professionisten hatten, weil sie auf ihr erlerntes Geschäft kein Unterkommen finden konnten, vier Monate ihr Leben damit gefristet, daß sie bei einem Farmer Holz gefällt, und solches jetzt zum Verkauf nach Orleans gebracht hatten. Das Flachboot nebst Ladung war als Unterpfand des rückständigen Lohnes an die Betheiligten verpfändet, weshalb auch immer Einer von den Dreien auf dem Boote zur Aufsicht zurückblieb. Doch der Eigenthümer verkaufte ohne Vorwissen der Betheiligten das Holz und suchte eben mit der empfangenen Summe zu entweichen, als durch einen Zufall der Handel verrathen wurde, und dieser Schurke noch arretirt werden konnte. Vor Gericht gestellt, erklärte er Letzteres für inkompetent, da er zu einem andern County (Gerichts-Kreis) gehöre, und gab frech genug dabei zu verstehen, daß selbst dort, wo er her sey, seine Gläubiger wenig gewinnen würden, da sie außer Kost schon etwas Geld erhalten, und mehr zu geben er sich nicht verpflichtet fühle, indem bei dem abgeschlossenen Vertrage ein höherer Lohn nicht bedungen, und das Gegentheil zu beweisen, ihnen die Zeugen fehlten. Frei und triumphirend zog er von dannen, und die Geprellten wußten nicht, von was sie den Wirth bezahlen sollten; sie sahen einer traurigen Zukunft entgegen, da ihre Sachen versetzt, und die Mittel sie wieder einzulösen fehlten.
In der Gegend von Orleans ist das Holzfällen nicht allein beschwerlich, sondern auch äußerst ungesund, da auf den sumpfigen Stellen die Arbeiter oft im Wasser waden müssen und dabei noch froh sind, wenn sie ihren Lohn richtig empfangen, welches, da man immer Reste zurückhält, welche beim Abgange der Holzmacher in der Regel kassirt werden, selten der Fall ist. Ich rathe daher den Auswanderern, nicht New-Orleans zum Landungsplatze zu wählen, sondern jeden mehr nördlich gelegenen Hafen vorzuziehen, wo man immer Gelegenheit findet, in die westlichen Staaten, wenn man dahin sein Ziel gesetzt hat, reisen zu können.
Bis zur völligen Genesung, wo mir in einer Eisen-Manufaktur Arbeit zugesagt worden war, hier ohne Zweck zu verweilen, ließ der Geist mir nicht die Ruhe, und da der Hauswirth die Anfertigung von Zündhölzern nicht wieder erlaubte, so war ich Willens, mit einem Franzosen, welcher gut englisch und deutsch sprach, die nächsten Zuckerplantagen zu besuchen, um mich daselbst mit den gebrauchten Utensilien bekannt zu machen, und auf Gastfreundschaft gestützt, billiger als es hier möglich, die Zeit bis zu meiner völligen Genesung zu verleben.
Bis Monat März gedachte ich überhaupt nur in Orleans zu verweilen und dann zur See nach Richmond zu fahren, von wo aus die Reise über Washington und Baltimore, durch Pennsylvanien nach Philadelphia und New-York zurückgemacht werden sollte, wenn dieses ein höheres Wesen nicht anders bestimmte. — Ueber die Zeit meines dortigen Eintreffens, wie über alles Andere, läßt sich hier nichts mit Gewißheit voraus bestimmen, da man dem Zufall und den Launen des Schicksals fortwährend unterworfen bleibt; ist man aber gesund, so läßt sich als einzelne Person bei Selbstbeherrschung und Mäßigkeit das leicht wieder erwerben, was schlechte Menschen und Krankheit entrissen haben. Nur für Trennungsschmerzen giebt’s keine Linderung, und offen will ich gestehen, daß ich nicht geglaubt, daß der Gedanke an die Seinen in einsamen schweren Stunden, den Menschen so ganz niederschlagen und muthlos machen könnte; nur die Hoffnung des Wiedersehens, die höchste irdische Freude für mich, ist vermögend den Schmerz zu mildern und Balsam in das wunde Herz zu gießen. — Um Nichts in der Welt gebe ich die Stunde, in welcher ich Euch wieder in die Arme zu schließen hoffe, und dann soll nur der Tod mich von meiner Familie wieder trennen.