Dreiundzwanzigster Brief.
Im Dezember 1839.
Fortsetzung.
Vom Zusammenflusse des Ohio und Mississippi an, macht der letztere Strom ebenfalls bedeutende Windungen, und den ersten Ort, welchen man wieder antrifft, ist New-Madrid, wo noch Spuren von dem im Jahr 1811 und 1812 gewütheten Erdbeben vorhanden seyn sollen. Später hielten wir bei Point-plaisant an, um Reisende auszusetzen, welche die in der Nähe befindlichen Handelsniederlagen besuchten, wo, wie erzählt wurde, die Indianer Niederlagen von Hirsch-, Reh-, Otter- u. a. Häuten haben, und solche gegen Schießbedarf und Kleidung umzutauschen suchen. Hier hört auf dem rechten Ufer der Missouri-Staat auf, und der von Arkansas beginnt. Linker Hand vom Mississippi hört der Kentucky-Staat auf und es beginnt der Staat Tennessee.
Während der Fahrt am 16. wurde keine Stadt oder ein sonst merkwürdiger Ort angetroffen, auch passirte nichts, was des Aufnotirens werth war.
Am 17. Mittags holte uns das auf der Sandbank zurückgelassene Dampfboot wieder ein, und der Kapitän desselben suchte sogar unserm Boote den Vorsprung abzugewinnen, was jedenfalls in der Absicht geschah, zuerst Memphis zu erreichen, um dort unserm Kapitän die Reiselustigen wegzufischen.
In Amerika macht es sich jeder Kapitän zur Ehrensache, bei einem solchen Wettlauf den Vorrang zu erhalten, und oft wird dadurch das Leben vieler Passagiere aufs Spiel gesetzt, da häufig in diesen Fällen der Dampfkessel springt, weil zur schnellern Betreibung der Maschinen eine zu große Menge Dampf entwickelt wird, und die Seitenwände des Kessels solchen zu widerstehen nicht vermögen. Was nur immer unter die Dampfkessel von Holz gehen will, wird eingefeuert, und bei erschwerten Ventilen fliegt das Boot wie ein Vogel in die Luft. Wie den Passagieren dabei zu Muthe war, läßt sich denken, da die traurige Katastrophe von Cincinnati noch zu neu war, wo durch Sprengung eines Dampfkessels das Schiff zertrümmert und die Gebeine der Verunglückten bis in die Straßen der Stadt und auf die Häuser geschleudert wurden, und Keiner der Passagiere mit dem Leben davon gekommen war.
Zu unserm Glück drohten im Strome liegende Bäume den Schiffen doppelte Gefahr, und war es dieses oder was sonst, schnell ließen sie im Wettlaufe nach, und verfolgten ruhig die Straße.
An der Mündung des Wolf-Flusses liegt Memphis, ein noch wenig bedeutender Ort, welcher die Gränze bildet zwischen dem Staat Tennessee und dem Staate Mississippi. Sechszehn Meilen weiter wurde wieder bei Presidents-Island angehalten und Holz eingenommen.
In Folge der ungünstigen Witterung des gestrigen Tages hatte ich mir eine Erkältung und eine schlaflose Nacht zugezogen, weshalb ich heute das Lager nicht verlassen konnte. Freund Aacke übernahm daher, damit keine Lücke im Tagebuche entstünde, am 18. die Führung desselben, und fuhr fort.
Die Ufer sind niedrig, und nur wenige Höhen wurden wahrgenommen. Das viele Holz und die mitunter vorkommenden schlechten Wohnungen ließen vermuthen, daß diese Landstriche längs der Ufer noch wenig angebaut seyen, weil solche den Ueberschwemmungen ausgesetzt sind. Die Fahrt ist höchst unsicher, da wir mitten durch Treibholz schifften, und von den Baumstämmen, welche das Wasser von den Lehm-Sandufern abgespült, mehre Stöße erhielten.
Bewohner von Helena grüßten freundlich, und, nach dem Aeußern ihrer Wohnungen zu schließen, geht es ihnen gut.
Mittags wurde die Ausmündung des Arkansas erreicht, wo sich ein Waarenhaus zur Unterbringung der Sachen befindet, welche aus dem Innern des Landes kommen und zur Weiterverschiffung bestimmt sind. Dieser Fluß ist nächst dem Missouri und Ohio der größte, welcher sich in den Mississippi ergießt und bei seiner Ausmündung 360 Yards breit ist; er entspringt in den mexikanischen Gebirgen und soll eine Länge von 1500 Meilen besitzen. Die ausgedehnte Gegend, durch welche er fließt, enthält abwechselnd Berge, zahlreiche Anhöhen und fruchtbare Thäler, wo unzählige Heerden verschiedenartiger wilder Thiere zu weiden pflegen.
Längs der Wasserstraße geht die Gegend einförmig fort; die hohen Bäume auf waldigen Ufern und auf den Inseln beschränken die Aussicht und nur die Erscheinung von Alligatoren, Schlangen und Adlern, welche Letzteren zur Vertilgung der Schlangen viel beitragen sollen, gewähren dem Reisenden etwas Neues. Auch Bären, doch mehr zahm als wild, sollen in dieser Gegend hausen.
SNAGS (Sturzel, Knorren) gefährliche Schiffahrt auf den Amerikanischen Flüssen.
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Gegen Abend fuhren wir an einem Fahrzeug vorbei, dessen Ladung aus mehr denn 100 Ochsen bestand, welche alle so placirt waren, daß sie mit den Köpfen ins Wasser schauten, und so ohne Zuthun der Führer ihren Durst nach Belieben zu stillen vermochten. Das Boot selbst war leck, und die armen Thiere standen hoch im Wasser, welches die Mannschaft zur Thätigkeit zwang, um solches nicht vor seiner Bestimmung nach New-Orleans sinken zu lassen.
Diese Art Fahrzeug, Flachboots genannt, sind gewöhnlich alle in der Bauart überein, 80 Fuß lang, 16 Fuß breit und mit zwei Verdecken versehen, 3½ Schuh tief gehen sie beladen im Wasser und ragen eben so weit heraus. Ein Mann hinten am Steuer, und ein anderer mit dem Ruder am Vordertheile, lenken das Schiff beständig in die Mitte der Flußströmung, und je nachdem diese nun stärker oder schwächer ist, bestimmt sie die Schnelligkeit der Fahrt. Während der Nachtzeit wird dieselbe unterbrochen und das Flachboot an irgend einem Baumstamme festgebunden. Stromaufwärts wird ein solches Boot niemals gefahren, sondern an seiner Bestimmung angelangt, und nachdem die Fracht verkauft ist, um jeden Preis losgeschlagen und gewöhnlich als Brennholz verkauft.
Am 19. Morgens entspann sich zwischen zwei sich veruneinigten Passagieren ein Faustkampf, welcher mit dem Ausdrucke: „Boxen“ belegt war, doch schon beim ersten Gange stürzte Einer der Kämpfenden und fiel den Arm aus. Freund Aacke, auch hier wie immer behülflich, suchte solchen wieder einzurichten, was aber leider! da der Patient nicht stille hielt, nicht gelang. Später aber, als der Verunglückte, von Schmerz gepeinigt, sich der Operation unterwerfen wollte, war es zu spät, da es die Geschwulst unmöglich machte.
Auch heute lieferte die passirte Gegend nichts Neues. Die waldigen Ufer werden nur mit unbedeutenden Baumwollen- und Maispflanzungen unterbrochen. Dagegen wurde die Fahrt äußerst gefährlich, da die vorhandene Flußcharte nicht mehr ausreichte, um sich genau über die Lage der verschiedenen im Flusse vorkommenden Sandbänke mit Sicherheit orientiren zu können. Viele von den im Mississippi befindlichen Inseln, Sandbänken und das Strombett selbst, verändern häufig die Gestalt und werden oft ganz von dem reißenden Wasser weggespült, und nur stark hervorragende Baumstämme verrathen die Stelle, wo das Strombett oder die Inseln früher gewesen sind. Neue Sandbänke setzen sich an, welche mitunter zu bedeutenden großen Inseln erwachsen. Entwurzelte, riesenartige Bäume lagern sich quer über das Fahrwasser, und solche bei niederem Wasserstande nicht zu berühren, ist fast unmöglich. Eben so sind selbst bei größerer Fluth die mitten im Wasser noch fest gewurzelten Bäume den Booten äußerst gefährlich, da die Wipfel derselben häufig das darauf stehende Fahrzeug durchbohren, und das eindringende Wasser solches schnell zum Sinken bringt[44]. Alle diese Gefahren halten doch Niemanden vom Reisen auf dem Mississippi ab, und wie wenig sich der Amerikaner durch Unglücksfälle abschrecken läßt, mag folgender Vorfall beweisen:
Beim Zerspringen des Kessels wurden die Passagiere eines Dampfbootes mit den Trümmern desselben hoch in die Luft geschleudert und verloren das Leben. Nur Einer hatte das Glück, bei dieser Katastrophe mit dem Schreck davon zu kommen, und unbeschädigt aus dem Wasser gezogen zu werden. Der Gerettete that jetzt nichts Eiligeres als nach dem Taschenbuche zu greifen, wo er die Banknoten verwahrt und als er solche geborgen fand, so bestieg er, hoch darüber erfreut, ein anderes, eben abgehendes Dampfboot, wo er die naßgewordenen Banknoten am Ofen trocknete, ohne sich weiter um das Geschehene zu bekümmern.
Nicht weit von der Mündung des Yazoo-Flusses wurde heute etwas später als gewöhnlich Halt gemacht, und da während des Holzeinnehmens, wo die meisten Passagiere die Kajüte verließen, sich einer der Verdächtigen ängstlich in mehren Schlafstellen umsah, so erweckte dieses bei mir Verdacht und ehe Freund Aacke wieder eintrat, sah ich beim Scheine der Lampe, wie er mit einer Reisetasche die Kajüte verließ, gleich aber zurückkehrte und ein Gewehr nachholte, welches, wie ich bestimmt wußte, nicht sein eigen war. Neugierig, wohin er die Sachen trage, wollte ich folgen, doch die naßkalte Abendluft und mein kranker Zustand selbst, nöthigten mich zum Rückzuge. Aacke, welcher jetzt kam, verfolgte statt meiner den Gauner, doch ohne ihn zu finden, und die zurückkehrenden lärmenden Holzträger ließen bald das Vorgefallene vergessen.
Sehr verschieden von einer Seereise war diese Dampfschifffahrt. Die mannichfaltigen heitern Gemüthslagen unserer Reisegesellschaft gaben interessante und angenehme Unterhaltung. Der Amerikaner, und wenn er auch zur niedrigsten Volksklasse gehört, verräth immer einen Anstand und dem Deutschen gegenüber, einen gewissen Stolz, und so lange man dieser Nation nicht zu imponiren versteht, bleibt man die Zielscheibe ihres Witzes.
Ich selbst hielt mich daher abseits und machte den stillen Beobachter, auch Freund Aacke kam nur dann mit ihnen in Berührung, wenn sie dessen Hülfe bedurften, und so lebten wir in Frieden und Freundschaft mit Allen.
Durch Krankheit aufs Lager gebannt, fehlte es selbst da an Unterhaltung nicht, weil die verschiedenartigsten Scenen Stoff zum Zeitvertreib gaben. Ein Kerl lachte über Alles den ganzen Tag, und ärgerte mich so, ohne daß ich selbst nicht recht wußte, warum. „God damn“ war der Abendsegen, und mit einem „Gott verdamme mich!“ wurde der Morgen begrüßt, von einem Subjekte, welches nicht unter die Zahl der Temprinsmänner[45] gehörte, leider aber den deutschen Namen schändete. Jemehr dieser fluchte, um so ärger lachte der Erstere, und zu diesem Quodlibet spielte ein Dritter von früh bis zur Nacht auf drei Saiten einer Geige das einzige Stückchen, was er konnte, den Gänsetutel; welcher Nationaltanz unwillkührlich die Beine zweier sich gegenüberstehender junger Bursche zum Springen hob, bis solche erschöpft, wiederum Andern Platz machten, welche mit grotesken Sprüngen jene auszustechen suchten. Verstummten die Saitentöne, so erschallten die Lieder aus einer deutschen Fleischerkehle, welche im Jodeln Etwas zu leisten glaubte. Währenddem hütete eine alte Matrone mit Argusaugen ihre beiden liebenswürdigen Töchter, welche verschämt, doch gezwungen, die Erzählung eines Liberalen mit anhören mußten, worin solcher die glücklichen Stunden zu schildern suchte, die er in vergangener Nacht in den Armen eines Freudenmädchens vollbracht, welche Person in einem kleinen Kämmerlein, dicht neben meinem Lager logirte, und zum Dienst für die erste Kajüte engagirt war. Hier wurde geschnupft und gebremt[46], dort geraucht, welchen Qualm überlaufendes Fett auf dem Ofen noch vermehrte, worauf Alles dem herbeieilenden schönen Kinde, welches das Abendbrod am Feuer für die Ihrigen besorgte, Platz zu machen suchte; denn auch hier findet, wie überall in Amerika, die schöne Sitte Statt, daß dem schönen Geschlechte der Vorrang gebührt und ohne Bedenken weicht Jeder vom Platze, welchen er seines Gleichen streitig zu machen suchte. Weder der Ruf leidet, noch kömmt die Ehre in Gefahr, wenn eine Dame ohne Begleitung in Gesellschaft von Männern eine Reise unternimmt. „Achtung den Schönen!“ ist das Loosungswort des Amerikaners, und bietet solche die Reize nicht freiwillig, so wird sie beschützt von Jedem, der ihr nahe steht. —
Am Morgen des 20. wurde bei Viksburgh, einem noch unansehnlichen Orte, der unter einer Reihe von Hügeln, und theilweise auf selbigen erbaut ist, angehalten und Passagiere und Waaren ausgesetzt. Auch unsere Gesellschaft verminderte sich um einige Köpfe, welche erst jetzt gewahr wurden, daß ihnen Sachen fehlten, mit welchen ich am vergangenen Abend während des Holztragens, den Dieb hatte entweichen sehen. Vor Allem war es der Verlust des Gewehrs, welchen sie beklagten.
Ist auch der Landungsplatz hier nicht der beste, da solcher schräg, nicht gepflastert, und der lehmige Sandboden vom Regenwasser zerrissen, den Transport der Waaren äußerst erschwert, so ist doch der Verkehr nicht unbedeutend und besonders viel Baumwolle wird von hier aus nach Orleans geschickt, wohin Dampfboote die Kommunikation beständig unterhalten.
Zehn Meilen weiter passirten wir an dem Städtchen Warrenton vorbei. Die Ufer dieser Gegend sind, ebenfalls niedrig, Ueberschwemmungen ausgesetzt und deshalb noch wenig bebaut. Nur kleine Plantagen, und ärmliche schlechte Blockhäuser kommen mitunter zum Vorschein.
Während des Anlegens am Abend hatte sich beim Holzfassen ein von einer Plantage entsprungener Negersklave auf das Boot geflüchtet und sich daselbst zu verstecken gesucht, ward aber am Morgen des 28. entdeckt, an Händen und Füßen gebunden und in dieser erbärmlichen Lage mit nach Orleans genommen. Während der Reise diente der Arme der Schiffsmannschaft zur Zielscheibe ihrer Witze und der Unterhaltung; er war aber klug genug, keine ihrer Fragen zu beantworten, sondern in der Ecke sich ruhig zu verhalten.
Am Mittag war Natchez erreicht und daselbst angehalten, und auch hier wurden Passagiere ausgesetzt und andere mitgenommen. Dieser Ort mit 4000 Einwohnern ist romantisch auf einem hohen Ufer erbaut und eine der größten Städte des Mississippi-Staates, wo sich viele wohlhabende Pflanzer aufhalten, welche von hier aus die Baumwollenversendung stark betreiben. Die Stadt ist romantisch, vom Sandufer etwas entfernt, auf einer Anhöhe erbaut, und auf Letzterem bilden nur Breterhäuser eine Straße, wo meistens Stores errichtet sind, in welchen der Reisende sich mit Allem versehen kann.
Nachdem das Fort Adams, welches auf hohem felsigen Gestade erbaut ist, so wie die Ausmündung des breiten Red-Flusses passirt war, wurde Halt gemacht.
Die am 22. durchschiffte Gegend hat ebenfalls niedrige, mit Wald besetzte Ufer, wo der wilde Wein sich bis in die Wipfel der höchsten Bäume in die Höhe rankt. Der Lauf des Flusses machte jetzt viele und große Windungen, wo auf den Ufern ansehnliche große Plantagen sichtbar sind.
Die Baumwollenfelder hören in dieser Gegend auf und die Zucker-Plantagen machen den Anfang.
Je näher man Orleans kömmt, um so lebhafter wird die Wasserstraße; mehre Dampfboote begegneten uns heute in kurzen Zwischenräumen, so wie auch viele Flachboote. Diese Fahrzeuge, welche schon erwähnt worden, führen meistens die Landesprodukte an Getraide, Mehl, Branntwein, Kartoffeln, Schweinefleisch etc. aus den Staaten Ohio, Indiana, Illinois, Virginien und Kentucky nach Orleans, um daselbst verbraucht oder weiter verschifft zu werden. Der Tennessee- und Alabama-Staat, liefern Baumwolle, der Missouri- und Mississippi-Staat Ahorn und Rohr-Zucker.
Einen Begriff von der Menge zugeführter Viktualien erhält man durch die Zahl der Fahrzeuge, welche während der Wintermonate (in der heißen Jahreszeit stockt aller Verkehr) in Orleans eintreffen, und zwischen 13–14,000 betragen sollen.
Gegen Mittag wurden die felsigen Ufer steiler, und bald kamen wir bei dem Städtchen Baton-Rouge vorbei, welches auf demselben erbaut ist. — Das Laubholz wird hier seltener und Cypressen so wie Akazien treten an dessen Stelle.
Nachdem wir Donaldsonville, die letzte Stadt auf dieser Tour, 80 Meilen von Orleans entfernt, im Rücken hatten, wurde beigelegt. Die waldigen Ufer verschwanden, und die Zucker-Plantagen breiteten sich bis dicht an das Flußbett aus; mehr entfernt von Letztern sind erst Cypressen-Wälder sichtbar.
Gegen Mittag des 23. näherten wir uns dem Ziele der Reise. Einzeln stehende Häuser, noch zwei Stunden von solchem entfernt, verriethen den Anfang der Stadt Orleans. Obgleich mein Gesundheitszustand während der letzten Zeit sich mehr verschlimmert hatte, gab ich doch den Bitten Freund Aackes nach, verließ das Lager, bestieg mit ihm das Verdeck und sah so von hier aus das sich immer mehr entfaltende Gemälde.
Die Häuser der Vorstadt St. Marie rücken mehr zusammen und aus den dazwischen liegenden Gärten schauten freundlich die grünen Zweige der Bäume hervor, von denen manche in voller Blüthe standen, welches bei jetziger Jahreszeit dem Auge um so gefälliger war.
Je näher wir kamen, desto malerischer wurde der Anblick, bis hinter einem Walde von Schiffsmasten dieses Bild so lange verschwand, bis wir an solchem vorbei, die Station der Dampfboote erreicht hatten. — Noch war das Fahrzeug nicht befestigt, als vom Ufer viele dienstanbietende Kreaturen auf solches zusprangen und die Räume füllten.
Während Aacke mit einem Fuhrmann wegen des Transportes unserer Effekten akkordirte, wurden die benachbarten Schlafstellen ausgeräumt, wobei die zweite uns verdächtige Person, welche die Fahrt bis hieher mitgemacht, behülflich war. Noch waren wir am Bord, als einer der Passagiere zurückkam und ein Kistchen suchte, was ihm fehle, doch dieses war vergebliche Mühe; vermuthlich war dasselbe während des Transportes vom Boot nach dem Karren von dem gefälligen Mithelfer entwendet worden.
Ueberall, vorzüglich aber in Amerika ist es den Reisenden anzuempfehlen, seinem bei sich führenden Gepäck die größte Aufmerksamkeit zu schenken und kommen auch Anfälle von Wegelagerern hier wenig vor, so ist doch die Gefahr oft näher, als man glaubt. Der fortwährende Ab- und Zugang von Reisenden auf Kanal- und Dampfbooten und das oft vorkommende Landen während der Nacht in einsamen Gegenden, wegen Einnahme von Holz, giebt Gelegenheit zum Diebstahl und wird häufig von Schurken benutzt. Oft werden auf solchen Booten die abscheulichsten Verbrechen gar nicht entdeckt, oder lange zuvor verübt, ehe man des Thäters habhaft wird. Zum Beleg der Wahrheit meiner Aussage und zur Beachtung für Reisende, die sich, vielleicht durch falsche Berichte eingeschläfert, einer zu großen Sorglosigkeit während der Reise überlassen möchten, lasse ich hier die Selbst-Biographie eines Bösewichts folgen, welche ich mir aus einer amerikanischen Zeitschrift notirt habe.
Bekenntniß
von S. Walker und B. Dix seines Genossen, welcher Herrn Barker in der Mechanics-Savings-Bank zu Louisville Ky ermordete.
Mein Name ist Samuel Walker, ich wurde im Jahr 1812 zu New-York geboren. Meine Eltern waren reich und angesehen. Man erzog mich für das Advokatenamt, aber ich lief 1824 davon, ohne meine Studien vollendet zu haben, und ging nach dem Westen, welcher der Hauptschauplatz meines Lebens wurde. Es trug sich mit mir nichts Erhebliches zu, bis ich Cincinnati erreichte, wo ich mit sehr vielen, auf dem Flusse sich herumtreibenden leichtsinnigen Jungen wie ich Bekanntschaft machte, die mich überredeten, mit ihnen gemeinschaftlich auf dem Fluß zu agiren. Ich that es, und ließ mich auf dem alten Dampfschiffe Caledonia, geführt von John Russel, als Kajütenjunge anwerben; auf diese Art, obschon nicht gerade die angesehenste, fristete ich mein Leben 6 oder 8 Monate und erhielt monatlich 6, 7 oder 8 Dollars. Da ich das war, was man einen flinken Jungen zu nennen pflegt, so dachte ich, daß mein Lohn zu niedrig stehe und kam daher zu dem Entschlusse, mir aus den Taschen der Passagiere, wenn sie schliefen, zu einer bessern Bezahlung zu verhelfen. Die erste That dieser Art, welche ich ausführte, war, daß ich einem Herrn am Bord der alten Feliciana ein Taschenbuch stahl, als dies Dampfschiff am New-Orleans-Wharf lag und worauf ich zu jener Zeit angestellt war. Dies ist, wie ich glaube, nie unter dem Publikum bekannt geworden.
Das Nächste, wobei ich thätig auftrat, war die Beraubung eines Flachbootführers um ungefähr 7–800 Dollars und einer Menge von Juwelenwaaren. Dies geschah an der Levon in New-Orleans, bald nachher, als ich die Feliciana verlassen hatte. Kurz darauf ging ich nach Natchez, wo ich mehre Personen beraubte. Von hier verfügte ich mich nach Memphis, wo ich einen Reisenden auf dem alten Onkel-Sam bestahl. Hierauf kam ich nach Louisville, wo ich so ziemlich drei Jahre lebte, ohne irgend etwas anderes zu thun, als kleinen Kindern das Geld zu rauben, wenn man sie nach Etwas geschickt hatte.
Während meines Aufenthalts an diesem Orte wurde ich mit Gro, Lovette, Jones, Hooves und Thomson bekannt, die seitdem Alle schon gehangen worden sind, und beging mit ihnen zu verschiedenen Zeiten folgende Gewaltthaten: Zuerst schifften wir uns Alle auf einem Flachboote ein, das nach New-Orleans bestimmt war, wo wir Jeder 25 Dollars Lohn erhalten sollten. Alles ging ziemlich gut am Bord, bis wir zwischen Padukah und der Ohio-Mündung anlangten. In dieser Gegend ermordeten wir den Besitzer des Bootes nebst seinem Bruder. Beide wurden von uns über Bord geworfen. Wir ließen das Boot in Memphis anlegen und verkauften Boot und Ladung für 4374 Dollars, welche Summe wir unter uns theilten, so daß Lovette, Jones, Thomson und ich, Jeder 1093 Doll. 50 Cents erhielten. Wir beschlossen nach New-Orleans zu gehen, was wir auch im alten Dampfschiffe Cincinnatienne thaten. In New-Orleans hielten wir uns beinahe den ganzen Winter auf, und Alles, was von uns verübt wurde, war die Ermordung eines Mannes hinter Müller Gordan’s großem Hause in der Girard-Street, wo wir ihn auch verscharrten. Dies war im Jahre 1830. Da ich damals erst 18 Jahre alt war, und schon so viele Schandthaten verübt hatte, erfreute ich mich im achtbaren Rathe der Schufte, Räuber und Mörder eines hohen Ansehens. Sie Alle sagten, daß ich ein fähiger Junge, ein großer Mann sey, und daß, wenn ich jemals gehangen werden sollte, ihr Gewerbe an mir viel Ehre einlegen werde. Angespornt durch Dieses, betrieb ich das Gewerbe weiter.
Zuerst ermordete ich einen Mann jenseits des Stromes, New-Orleans gegenüber, und raubte ihm 14,000 Dollars in Louisiana- und New-York-Noten. Dies geschah im Monat März 1831. Hierauf ging ich an Bord des alten Dampfschiffes Farmer, verfügte mich nach Louisville und von da nach Wheeling in Virginien wo ich einem Manne sein Pferd und 500 Dollars stahl, nach Mariette zurückritt, und das Pferd für 75 Dollars verkaufte. Dann kam ich auf das Dampfschiff Natesman, Kapitän Forsyth, wo ich die Kasse des Clerc um 300 Doll., eines Herrn Taschenbuch um 120 Dollars und einem Andern Koffer und Pistolen raubte, womit ich in Galliopolis ans Land stieg. Dort stahl ich wieder ein Pferd von einem Herrn Hereford und ging nach Portsmouth, wo ich die Kasse des Exchange-Hôtels um 73 Dollars bestahl, bestieg mein Pferd und gelangte nach Maysville, woselbst ich das Pferd um 62 Dollars verkaufte. Ich schiffte mich am Bord des Little-Spy ein und ging nach Cincinnati. Dies war im Herbst 1831, dann kam ich an Bord des Michygan, Kapitän Sewan und Kapitän Rott, wo ich als Kajütenjunge, zweiter und erster Aufwärter beinahe zwei Jahre blieb, ohne irgend eine Gewaltthat zu verüben. Endlich fiel mir ein, daß ich schon zu lange auf ehrliche Weise gelebt hätte, und ging im Jahre 1833 auf dem Dampfschiffe Helen Mar, Kapitän Juller, nach Louisville, auf welcher Fahrt ich mehre Deck-Passagiere und einen Kajüten- Passagier zusammen um 523 Dollars bestahl.
Bis im Sommer 1834 blieb ich nun in Louisville und ging dann an Bord des Dampfschiffes Galenian, Kapitän Clarenten-Dix als Aufwärter. Hier will ich meinem Bericht beifügen, wie wir zusammen agieren, der hoffentlich allen Dampfschiffleuten, vom Kapitän bis zum niedrigsten Arbeiter herab, lehren wird, alle bösen Kniffe zu meiden; auch hoffe ich, daß dadurch Schiffsbesitzer gewarnt werden mögen, den Charakter jedes Befehlshabers eines Dampfschiffes auf das Sorgfältigste zu untersuchen, und zu den Kapitäns möchte ich sagen: „Seyd vorsichtig in der Anstellung von Leuten, selbst wenn es nur zum Feuerunterhalten wäre“; denn wenn ich Namen nennen wollte, so dürften Männer, die jetzt von Allen, die sie kennen, sehr angesehen und geehrt sind, aus den Verhältnissen, in denen sie jetzt stehen, gerissen werden und für immer der Schande verfallen. Aber dies ist nichts, was mich betrifft, denn ich weiß, daß meine Lebenszeit auf Erden nur noch kurz ist, und darum fahre ich fort: Sobald der Galenian von Louisville abging, beobachtete ich alle Passagiere scharf, um zu sehen, wer von ihnen Geld habe oder nicht. Unter den Uebrigen bemerkte ich einen ältlichen Herrn, der gegen 6000 Silber-Dollars in seinem Koffer hatte. Er kam zu mir, und sagte: „Wärter! wenn Sie diesen Koffer in mein Zimmer bringen wollen, gebe ich Ihnen einen Dollar.“ „Sicherlich,“ antwortete ich, und that es sogleich. Als wir von den übrigen Reisenden hinweg in das Zimmer kamen, erkundigte ich mich, wo er an das Land zu steigen beabsichtige. Er sagte mir, daß er bei Smythland abgehe; und ich war entschlossen, daß er seinen Koffer oder irgend etwas von dessen Inhalte nicht mit sich nehmen sollte. Da ich jedoch wußte, daß wir Smythland mit Anbruch des nächsten Morgens erreichen würden, so beabsichtigte ich, ihm den Koffer, sobald er eingeschlafen sey, zu stehlen. Gegen 12 Uhr öffnete ich seine Thür und fand Kapitän Dix beschäftigt, den Koffer auszuräumen. „Halt Kapitän!“ sagte ich, „das ist meine Sache, ich sehe, Sie haben es auch zur Ihrigen gemacht, drum halb Part!“ In diesem Augenblicke sah ich nach dem Bette, wo der alte Mann lag, und fand, daß das Blut aus seinem Herzen emporschoß, auch einen Degen an seiner Seite liegen. Dix sagte nun zu mir: „Wenn Du mein Freund bist, und so Etwas Deine Sache ist, so halte Dich nur an mich, und ich will Dein Glück machen; komm also, und laß uns dieses alte.... in den Fluß werfen.“ Wir öffneten das Fenster, ich stellte mich an die Außenseite desselben, und Kapitän Dix reichte mir den Kopf des Ermordeten. Ich umfaßte Kopf und Körper mit meinen Armen und gab ihm einen Stoß in den Fluß, wobei ich nicht vergaß, ihm das Bettzeug nachzuwerfen. Nach dieser That sagte mir Dix, daß ich nicht mehr Aufwärter seyn solle, daß er aber in Louisville neue Deckmannschaft annehmen werde und ich als Passagier bei ihm bleiben müsse. Als wir Louisville erreichten, zahlte er die Leute aus, und nahm andere an. Ich ging mehrmals als Passagier den Fluß mit ihm auf und nieder; ich galt als reisender Jäger und beraubte gemeinschaftlich mit Kapitän Dix jedes Mal einen Passagier nach dem andern, bis wir das Boot verließen. Er ging sodann irgend wohin den Fluß hinauf, und heirathete, wie ich glaube, eine junge Dame, die ihm ein Kind gebar. Etwa vor drei Jahren kam er wieder nach Louisville herunter und wohnte bei einer Dame, Namens Caroll, und ging, so viel ich weiß, seitdem nie wieder auf den Fluß; auch seine Frau sah ich nur dann, als sie ihr drei Wochen altes Kind hatte. Ich denke, er ging nach Maysville um sie zu besuchen, und blieb dort.
Kurz darauf kam er nach Louisville zurück und ist, wie ich glaube, seitdem dort geblieben. Er wohnte noch immer bei Mad. Caroll, bis er letzten Sommer unter einem falschen Namen, den ich nicht nennen werde, weil ich in meiner Brust dafür Gründe hege, die eine junge Dame in Louisville-Hôtel betreffen, im Gasthause bordete[47] und ein ähnliches Leben führte. Vorigen Herbst aber, als Dix eines Tages zu mir kam und mir erzählte, daß er kein Geld mehr habe, in tiefen Schulden sitze, seit den letzten 10 Tagen drei Briefe von seiner Frau erhalten und daß er sie zu besuchen wünsche, war seine Ehrlichkeit zu Ende. Er sagte: „ich will mein Gehirn zum Teufel schicken, wenn ich ohne vieles Geld gehe; ich habe mir einen Plan entworfen, um genug zu erhalten, wenn du mir helfen willst.“ „Gewiß will ich“, sagte ich und folgender Plan wurde entworfen: Er sagte mir, daß ich um 12 Uhr nach dem Gasthaus an dem Tage, an welchem er Herren Barker ermorden wolle, kommen sollte. Ich ging zu ihm. „Sieh“, sagte er: „ich bin mit Barker, dem Clarc des Mechanics-Savings-Instituts bekannt und weitläufig verwandt und kann zu jeder Zeit Eintritt erlangen. Gieb mir deinen Dolch.“ Ich antwortete, daß ich keine Waffen bei mir hätte und nie dergleichen trüge. Hierauf bemerkte er, daß er ein Pistol habe, welches ihm die Sache vollbringen werde; er ging, um es zu holen. Als er zurückkam, kam ein junger Mann, den er Julius, oder Julian nannte, aus der Bank heraus. Er und ich standen beisammen an der Lampenpfoste vor Lynchs Garten. Er ging auf das Bankfenster zu und Julian fragte ihn, ob er nicht zum Mittagessen gehe? „Nein“! erwiderte er, „ich habe keine Lust zu essen“. Julian ging und er näherte sich mir wieder und sagte, daß ich warten müsse, bis Julian zurückkomme, dann solle ich an die Thüre treten und Panken-Dudle pfeifen. Er ging in die Thüre der Bank und ich über die Straße hinüber an die Ecke der Pear-Straße bis hinunter nach Marwells Buchladen.
Da ich Julian zurückkommen und schnell gehen sah, suchte ich ihm den Vorsprung abzugewinnen, ging an der Thür vorüber, pfiff verabredetermaßen und setzte meinen Weg bis zur nächsten Ecke fort. Ich hielt mich so lange hier herum auf, bis Julian den Alarm gab, worauf ich unverzüglich den Platz verließ und nach dem Flusse ging. — Dort blieb ich, bis ich hörte, Dix habe sich selbst ermordet.
Nun eilte ich nach Hause, wechselte meine Kleider, legte einen falschen Bart an und ging in die Bank. Im dortigen Getümmel stahl ich einem Mann ein Schnupftuch und ein Taschenbuch, das 1500 Dollars in Kentucky-Noten enthielt. Es war ein junger Mann, mit einem alten beschmutzten, weißen Hute, breiter Krämpe, Kenkudy, Jeansrock, gestreiften Kasinethosen und Kragenhemd. Das Taschenbuch war aufgetrennt und trug die Buchstaben G. E. H. aus New-York eingeschrieben. Warum ich ihn so genau beschreibe, geschieht deshalb, weil sein Geld nahe bei der Millwerk-Brücke unter einer kleinen Hauszelle vergraben ist. — Erste und letzte Zuflucht in Cincinnati. — Mein Leben geht nun zu Ende und ich habe nur noch wenige Augenblicke zu leben. Ich möchte Euch, meine jungen Gefährden, die ihr auf dem Bette und nicht vor einem irdischen Tribunale als verurtheilte Verbrecher sterbt, ermahnen, führt ein rechtschaffenes Leben! Lebt wohl.
S. Walker,
(Er starb unter furchtbaren Gewissensbissen).