Zweiundzwanzigster Brief.
Reise nach New-Orleans.
Im Dezember 1839.
In der ersten Kajüte zu reisen, erlaubten unsere finanziellen Umstände nicht, und es wurde demnach in der zweiten, welche geräumig und hinlänglich mit Schlafstellen versehen war, Posto gefaßt, wofür die Person bis Orleans, ohne Beköstigung, 8 Dollar zahlte. Fünf Dollar sind nur zu entrichten von denjenigen, die sich verpflichten, das nöthige Brennholz von den oft sehr steilen Uferplätzen nach dem Dampfboote mit zu tragen, welches aber nicht anzuempfehlen ist, wie sich solches im Laufe meiner Erzählung ergeben wird.
Bis zur Einmündung des großen Miami-Flusses in den Ohio-River welcher an dieser Stelle die Gränze zwischen den Staaten Indiana und Ohio bildet, hielt ich mich fortwährend im Freien auf, um nichts von der Gegend zu verlieren, durch welche das Dampfboot längs der mit Wald bedeckten Ufer schnell dahin flog und wo von Zeit zu Zeit hübsche Landhäuser auf beschatteten Höhen dem Auge sichtbar wurden. Die Abendkühle nöthigte mich aber bald zum Rückzuge, und um so bedauerlicher war es, daß die Nacht schon eingebrochen, als wir bei Vevay ankamen, wo der nöthige Holzbedarf gefaßt wurde, leider aber von der Stadt nur wenig gesehen werden konnte.
Der Boden, wo dieser Ort auf dem Indiana-Ufer im Jahre 1804 gegründet worden, ist sehr fruchtbar und soll sich vorzüglich zum Weinbau eignen, weshalb mehre Schweizer-Familien, welche sich hier angesiedelt, vom Kongreß begünstigt, besonders diesen Zweig der Landwirthschaft zu kultiviren sich angelegen seyn lassen.
Während der Nacht passirten wir die Einmündung des Kentucky-River und das auf einer Anhöhe gelegene Städtchen Madison.
Gegen Mittag des 11. langten wir bei Louisville an, welche Stadt 131 Meilen von Cincinnati entfernt, unter der Mündung des Beergrass-Flusses liegt. Es ist die wichtigste Stadt vom Staate Kentucky, und der Sitz der Justiz für Jefferson. Die Hauptstraßen, welche mit Trottoirs versehen und gut gepflastert sind, laufen mit dem Ohio parallel und werden von mehren Querstraßen in rechten Winkeln durchschnitten; die Stadt zählt über 14,000 Einwohner.
Der Ort selbst war früher wegen der in der Umgegend befindlichen Sümpfe und des stinkenden Wassers äußerst ungesund. In neuerer Zeit hat man aber diesem Uebel durch angelegte Kanäle und Graben abgeholfen.
Die vielen Sandbänke, welche sich in dem eine Meile breiten Fluß vor Louisville befinden, machten bei niederem Wasserstand die Passage äußerst gefährlich, weshalb mit ungeheurer Mühe und einem Aufwand von 400,000 Dollars bis Schippingport ein Kanal gebaut worden ist, welcher 2 Meilen lang, 40 Fuß tief und breit genug ist, um von Dampfbooten passirt werden zu können. Der Kanal fängt unterhalb Louisville in einer kleinen Bucht am Ufer an, geht hinter Schippingport hinweg und vereinigt sich wieder mit dem Ohio zwischen Schippingport und Portland, wo sich das Flußbett wieder verengt. Drei unweit der Ausmündung angebrachte Schleusen stellen bei einem Fall von 24 Fuß das Wasser-Niveau her. Der Wasserstand war zur Zeit unserer Durchfahrt äußerst niedrig, (5½ Fuß) so daß das Boot nur mit der größten Mühe und zu seinem Nachtheil, da es beständig auf dem felsigen Grunde wegging, vorwärts gebracht werden konnte und wegen einbrechender Nacht bis zum nächsten Morgen im Kanal verweilen mußte.
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Ich und Freund Aacke hatten das Boot verlassen, um von einem erhöhten Standpunkte aus, bei einem großen Magazin, die herrlichste Aussicht zu genießen. Vor uns war der Fluß mit seinen vielen Klippen und Sandbänken und einer mit Wald bewachsenen Insel, rechts die Wasserfälle im Fluß und im Hintergrunde die Stadt Louisville. Links auf dem andern Ufer erblickte das Auge die Städtchen New-Albany und Clarksburg und etwas mehr zurück den Wald, welcher leider jetzt die Bäume blattlos zeigte. Es stehen wohl an keinem andern Orte der Vereinigten Staaten die blühenden Städte so nahe zusammen, als hier an beiden Ohio-Ufern. Jeffersonville, Clarksburg und New-Albany im Indiana-, Louisville, Schippingport und Portland im Kentucky-Staate.
Um die Lage und Namen der Städte auf dieser Wasserreise genau kennen zu lernen, hatten wir uns den Western-Pilot by Sam. Cummings angeschafft; ein Werk, welches Freund Aacke in Cincinnati gekauft hatte, und das uns mit seinen Abbildungen des Ohio- und des Mississippi-Laufes[43] jetzt als Wegweiser herrlich zu Statten kam, da wir schon im Voraus auf alles Sehenswerthe aufmerksam gemacht wurden.
Am Morgen des 12. Dezember nahm auch Freund Aacke beim Flottmachen des Bootes den thätigsten Antheil und wich erst dann von seinem eingenommenen Platz, als ich ihn auf die Gefahr aufmerksam machte, die seiner dort drohte. Denn kaum hatte ein Matrose den eben verlassenen Posten besetzt, als solchen der Druckbaum mit Gewalt niederwarf, den Arm quetschte und die ganze Seite stark beschädigte.
Mein geretteter Freund stand jetzt dem Verunglückten bei, versah die Stelle des Chirurgen, und schiente und verband die beschädigten Theile mit solcher Gewandtheit, daß man darüber vergaß, daß er nur ein gelernter Apotheker sey. In Amerika aber gilt die Geschicklichkeit, Niemand fragt „was hast Du gelernt?“
Die Reisegesellschaft hatte sich in Louisville um 2 Personen vermehrt, welche, nach dem Aeußern zu urtheilen, nicht unter die Zahl der vom Glück Begünstigten gehörten. Dabei wurden alle Gegenstände genau von ihren Augen gemustert, auch waren sie immer auf den Beinen und pflegten wenig der Ruhe, welches Benehmen mir um so auffallender war, da sie sich nicht zum Holztragen verstanden, um durch Uebernahme dieser Arbeit ein billigeres Fahrgeld zu erzielen.
Die Witterung war am Tage ausnehmend schön, so daß wir fast die ganze Zeit über auf dem Verdeck zubrachten und uns sonneten.
Von der Mündung des Salt-River an, schlängelte sich der Fluß in großen Windungen durch die meist hohen Felsenufer, auf welchen nur dann und wann ein Haus zum Vorschein kam. Mittags erreichten wir das Städtchen Leawenworth und die Sonne neigte sich schon zum Untergang, als man bei den auf beiden Ufern des Ohio-Flusses erbauten Orten Rome und Stevensport ankamen, welche mittelst einer hölzernen Brücke verbunden sind.
Schon war es Nacht, als der Kapitän anlegen ließ, um den nöthigen Holzbedarf vom Ufer einzunehmen. Die Witterung war äußerst ungünstig, der Regen ergoß sich in Strömen, weshalb die Passagiere, welche zum Holztragen engagirt waren, lange zögerten, ehe sie dem Kommandowort des Steuermanns Folge leisteten. Durchnäßt und über und über beschmuzt, suchten die Geplagten am Ofen sich zu trocknen, wobei mancher seine Reue zu erkennen gab, daß er sich zu diesem Geschäft verstanden. Mir selbst war dabei um so wohler, da ich alle Ursache hatte, mich zu freuen, daß Freund Aacke mich abgehalten, solche Verpflichtung zu übernehmen, wozu ich mich aus Oekonomie zuerst entschlossen hatte.
Während der Nacht vom 12. zum 13. fuhr das Boot an den Orten Hawsville, Troy, Rockport, Owensborough und Evansville vorbei. Bei letzterer Stadt wurde eine deutsche Schneiderfamilie ans Land gesetzt, welche hier bei Verwandten in einer fruchtbaren Gegend sich von Neuem anzusiedeln beschlossen hatte, nachdem sie schon 11 Jahr am Erie-See gewirthschaftet und sich dabei ein hübsches Vermögen erworben hatte, um das sie jedoch zum größten Theil durch einen Bankbruch und durch Ankauf von Lotten, (Bauplätzen) welche später bedeutend im Preis gefallen wären, gekommen seyn sollte. Der Mann war mehr über sein Schicksal gefaßt, doch die Frau weinte Tag und Nacht. Von Allen aber dauerten mich die jüngsten Kinder, welche in aller Unschuld die Mutter zu trösten suchten, diese aber die Liebkosungen der Kleinen mit Härte abwies, da sie sich nicht über ihren Schmerz erheben konnte. Beim Zusammenpacken der Effekten dieser Familie, vermißten sie ein Paar neue Stiefeln und ein Tuch, welche Sachen trotz aller Nachfrage, nicht wieder herbeigeschafft werden konnten.
Früh am Morgen des 13. Dezember sah man auf dem hohen Kentucky-Ufer das Städtchen Hendersonville und bei der Insel Diamond, welche 4 Meilen lang und über eine Meile breit sein soll, ragte ein gesunkenes Dampfboot noch theilweise aus dem Wasser.
Das Städtchen Mont-Vernon auf hohem Ufer, ward ebenfalls bemerkt und bei der Mündung des Wabash-Flusses, wurde an einem uns begegnenden Dampfboot so nahe vorbeigefahren, daß auch keine Hand breit Spielraum zwischen beiden Fahrzeugen blieb und leicht eine Carambolage hätte Statt finden können.
Gegen Mittag erreichten wir am linken Ufer im Staate Illinois den ansehnlichen Handelsplatz Shawnee-Town. Etwas später wurde uns eine große Höhle gezeigt, welche über 150 Fuß in den Uferfelsen eingehen soll und früher einer Räuberhorde zum Aufenthalt diente, welche die vorbeipassirten Fahrzeuge beraubten.
Während der Nacht vom 13. bis 14. wurde an dem Städtchen Golconda, der Ausmündung des Cumberland-Flusses und den Orten Wilkinsonsville und Amerika, vorbeigefahren.
Am 14. mit Anbruch des Tages kamen wir bei dem Orte Trinity an, welche Gegend äußerst gefährlich für die Schifffahrt seyn soll, wie solches auch zwei verunglückte, noch aus dem Wasser hervorragende Boote bekundeten; einige Zeit darauf wurde Mouth-Ohio erreicht, wo der Ohio sich mit dem Mississippi-Fluß vereinigt, in welchen Letztern sich schon 20 Meilen oberhalb St. Louis der Missouri ergossen hat. Diese drei Flüsse vereinigt, bilden einen der größten Ströme der Welt, welcher wegen seiner lehmigen Sandufer ein äußerst schmutziges Wasser hat, was um so auffallender bei dem Zusammenfluß des reinen hellen Ohio mit dem Mississippi ist und den Reisenden nun um so lästiger wird, da man gezwungen ist, solches Lehmwasser zu trinken und zum Kochen zu verwenden.
Mittags sah man am jenseitigen Ufer wiederum ein erst kürzlich gestrandetes Dampfschiff, von welchem die Uferbewohner die Ladung noch möglichst zu retten suchten.
Die vielen Unglücksfälle wurden besonders dem niedern Wasserstande zugeschrieben und die auf dem Mississippi fahrenden Dampfboote scherzweise mit schwimmenden Särgen verglichen, weshalb uns bei dem Gedanken, schon mit einem Fuß im Grabe zu stehen, nicht wohl zu Muthe ward.
Der Kapitän, selbst für sein Schiff besorgt, stellte die Fahrt des Nachts ein und benutzte nur die Tageszeit, um mit möglichster Vorsicht die Reise fortzusetzen. Wurde auch dadurch die Fahrt verlängert, so gewährte sie doch den Genuß, daß nichts von der Gegend, welche wir passirten, für das Auge verloren ging.
Am Nachmittag fuhren wir gleichzeitig mit einem andern Dampfboot auf einer Sandbank fest, welche sich vermuthlich erst gebildet und noch nicht auf der Flußkarte angegeben war. Alle Versuche, wieder flott zu werden, schlugen fehl, welches zuletzt unsern Kapitän bestimmte, das Schiff zu erleichtern, weshalb gegen 400 Faß Mehl mittelst Kähnen ans Ufer geschafft wurden.
Auf diesen Aufenthalt nicht vorbereitet, reichte unser vorräthiges Proviant nicht aus und wir sahen uns genöthigt, bei einem Farmer, wenn ein solcher nicht allzuweit vom Ufer entfernt wohnte, das Nöthige zu kaufen, oder einen Braten zu schießen. Nirgends war beim Eindringen in das mit Wald bedeckte Ufer eine Spur von Ansiedlern zu sehen und schon suchten wir, mit zwei Wasserhühnern beladen, um bei einbrechender Nacht nicht die Spur zu verlieren, den Weg zurück, als die Schmerzenstöne einer Stimme die Nähe von Menschen verriethen; diesem Schall folgend, erblickten wir, wie ein Unmensch einen seiner schwarzen Sklaven an einen Baum gebunden mit einer Peitsche schlug, da solcher, wie uns der Wütherich selbst erzählte, die Milch verschüttet habe.
Mit den erhaltenen Kartoffeln und etwas Brod eilten wir nach dem Boot zurück, wo während unserer Abwesenheit Aackes Koffer erbrochen und außer Zucker und Kaffee dessen Rasirzeug nebst einiger Leibwäsche entwendet worden war. Von jetzt an verließen wir niemals beide zu gleicher Zeit das Boot und hatten besonders ein scharfes Auge auf die beiden schon erwähnten Individuen, da solche uns des Diebstahls verdächtig vorkamen.
Das andere Dampfboot, welches mit dem unsrigen zugleich auf der Sandbank fest gefahren, konnte trotz aller Versuche nicht flott gemacht werden, da es der Kapitän nicht erleichtert hatte und es saß noch fest auf, als wir am 15. Morgens die Reise fortsetzten.