Einundzwanzigster Brief.

Im Dezember 1839.

Fortsetzung.

Cincinnati, nach Orleans die größte Stadt des Westens, wurde im Jahre 1790 gegründet und zählt jetzt schon über 37,000 Einwohner. Sie liegt auf dem rechten Ufer des Ohio, der Mündung des Licking-Flußes gegenüber, auf einer weiten Ebene, welche von Wald bedeckten Hügeln umgeben ist. Von der Höhe dieser Hügel aus kann man die Stadt mit allen ihren Straßen, Gärten, Gebäuden, so wie den mit Dampfbooten bedeckten Ohio, die Städte Newport und Cavington auf dem Kentucky-Ufer und das Leben und Treiben der geschäftigen Menge deutlich übersehen. Das Auge nimmt das große Amphitheater auf einmal ein und nirgends wird man wohl eine schönere Aussicht, einem Panorama gleich, aufzufinden Gelegenheit haben.

Die Stadt selbst liegt 70 Fuß höher als der Fluß und ist so vor dem Strom geschützt, der oft durch Regenwasser und schmelzenden Schnee bis zu einer beträchtlichen Höhe anschwillt. Das ziemlich steile Ufer, an welchem die Dampfboote anliegen, ist mit vielem Aufwande in einer der schönsten Landungsplätze umgeschaffen worden, indem derselbe vom Wasser an bis zu seiner Höhe in einer Länge von mehr als 1000 Fuß, ganz mit Steinen gepflastert und an verschiedenen Stellen mit eisernen Ringen versehen ist, an welche die Dampfschiffe befestigt werden können.

Die mit dem Ohio parallel laufenden Straßen, wie alle anderen, welche jene in rechten Winkeln durchschneiden, sind fast alle breit, gerade, gut gepflastert und mit Trottoirs versehen; sie führen theils besondere Namen, oder sind nach der Zahl der Nummer benannt. In allen Straßen herrscht die größte Reinlichkeit, da sie in Folge ihrer sanften Steigung vom Regenwasser abgespült werden. — Quellwasser fehlt, dagegen wird die Stadt reichlich mit Wasser aus dem Ohio versorgt, welches durch Dampfkraft in alle Straßen und viele Gebäude geleitet wird, und wofür die Einwohner jährlich eine Abgabe zu entrichten haben.

Unglaublich schnell blüht Cincinnati auf und Bevölkerung, Wohlstand und Verbesserungen aller Art nehmen täglich zu. Ihr Handelsgeist zeigt große Thätigkeit, Unternehmung und Spekulation. Dampfboote kommen und gehen täglich mehre ab und der Miami-Kanal, welcher von Norden her in die Stadt tritt, unterhält einen ausgedehnten Handel in das Innere. Täglich ist Markt und es scheint die Meinung aller Fremden zu seyn, daß hinsichtlich des Ueberflusses, der Billigkeit und Vortrefflichkeit der verschiedenen vorhandenen Gegenstände kein Markt der andern Staaten mit dem von Cincinnati zu vergleichen sey. Die Menge der Stores (Kaufläden) und ihre Vorräthe, wie der Betrag verwendeter Kapitalien, vermehrt sich immer mehr und eine der größten Niederlagen der westlichen Staaten scheint sich hier zu gründen. Nächstdem geben die vielen Manufakturen der Stadt ihren Reichthum, wie überhaupt alle Handwerke ausgedehnt und großartig betrieben werden.

Unter einigen vierzig Fabriken, wo fast bei Jeder Dampfkraft verwendet wird, fiel mir besonders eine Nagelschmiede-Manufaktur auf, wo in einer Hitze ein 5–6 Zoll in Quadrat starkes und 1 Fuß langes Stück Eisen mittelst Walzwerk zum schwächsten Bandeisen ausgestreckt und dieses dann sogleich wieder kalt auf Nagelmaschinen in der Geschwindigkeit des Pulsschlages in vollkommene Nägel verwandelt wird. — Eine Dampf-Säge-Mühle, deren vier Sägen, jede 80 Schnitte in der Minute machen und 800 Fuß Bret in einer Stunde liefern. — Dampf-Mahl-Mühlen, deren 4 Paar Steine wöchentlich 200,000 bis 250,000 Pfund Frucht in das feinste Mehl verwandeln. Eine Schuhleisten-Maschine, durch deren Hülfe die Leisten aus grob zugehauenen Stücken Holz nach beliebiger Façon und in der größten Schnelligkeit angefertigt werden.

An Banken fehlt es hier wie in allen großen amerikanischen Städten nicht, da es ohne solche schlecht aussehen würde, weil der Geschäftsgang weit größer ist, als daß die dazu im Umlaufe befindlichen baaren Geldsummen ausreichen könnten. Das Papiergeld ist demnach zum Betriebe und Aufblühen des Handels nöthig und befördert auf diese Weise den allgemeinen Wohlstand. Zu bedauern ist es aber, daß dergleichen Anstalten zu wenig Garantie bieten und durch oft vorkommende Bankbrüche Tausende um das Ihrige betrogen werden.

Mit den süßesten Vorspiegelungen wird der fleißige und sparsame Arbeiter veranlaßt, sein sauer erworbenes Gut hier niederzulegen und Viele lassen sich von Prospekten, wie nachstehend einer folgt, hintergehen und betrügen.


Cincinnati’s Wechsel- und Sparbank.

Die Unternehmer dieser Anstalt erachten es für nothwendig, dem Publikum folgende Punkte zur Erwägung und Uebersicht vorzulegen:

1) Die Banknoten einer jeden zahlungsfähigen Bank in den Vereinigten Staaten werden für vollgiltig angenommen, im Falle dieselben der Wechsel- und Sparbank zur Aufbewahrung übergeben worden; zu der durch gegenseitige Uebereinkunft festgesetzten Zeit wird die hinterlegte Summe in Gold, Silber oder gangbaren Noten zurückerstattet.

2) Jede Summe Geldes, welche man in der genannten Wechsel- und Sparbank hinterlegt, wird auf Verlangen, nebst fünf Prozent Interessen zu jeder beliebigen Zeit zurückbezahlt.

3) Arbeitsame Handwerker, so wie jeder andere Arbeiter, welche ihr Vermögen oder einen Theil desselben der Wechsel- und Sparbank anvertrauen wollen, sind dadurch versichert, daß ihnen genannte Wechsel- und Sparbank in jedem Unternehmen unterstützen wird, wenn sie solches ohne eigene Gefahr und Schaden thun kann.

4) Einwanderer, welche von Deutschland oder jeder andern Gegend Europa’s Geld zu beziehen oder dahin zu versenden haben, können ein solches Geschäft mit vollkommener Zuversicht der Wechsel- und Sparbank anvertrauen, indem dieselbe stets bereit und im Stande ist, dasselbe mit größter Sicherheit und Rechtlichkeit gegen möglichst billige Vergütung zu besorgen.

5) Für eine Summe Geldes, welche auf bestimmte Zeit in der Wechsel- und Sparbank hinterlegt wird, werden höhere Zinsen bezahlt.

6) Für ausländische Geldsorten ohne Unterschied wird der höchst mögliche Werth bezahlt. Wechsel- oder Schuldscheine, welche in den östlichen Seestädten oder in Europa zahlbar sind, werden unter billigen Bedingungen eingelöst.

NB. Das Publikum wird aus vorstehenden Artikeln zur Genüge ersehen, daß es die hauptsächlichste Absicht der Wechsel- und Sparbank ist, fleißigen und ordentlichen Handwerkern und Geschäftsleuten, deren Mittel nicht hinreichend sind mit den andern Banken Cincinnatis in Geschäfts-Verbindung zu treten, die möglichste Erleichterung zu verschaffen etc.


Wer möchte wohl unter solchen Versprechungen nicht eine Gelegenheit benutzen, um das Erworbene, im Glauben am sichersten niederzulegen und dabei noch den Vortheil der Vermehrung des Kapitals durch sich selbst, in Aussicht zu haben, das Seinige anvertrauen wollen? Und dennoch ist dieses gerade der Weg, auf welchem Leuten Vertrauen geschenkt wird, die sich kein Gewissen daraus machen, ihren heiligen Versicherungen entgegen, anvertraute Gelder zu unterschlagen, wie solches häufig in Amerika vorkömmt, und deshalb erst kürzlich in Cincinnati vom betrogenen Volke drei Banken erstürmt und demolirt worden sind.

Auch hier wetteifern alle christlichen Kirchenpartheien in gottesdienstlicher Frömmigkeit, und die Bethäuser sind des Sonntags drei Mal überfüllt. — Ich selbst fühlte mich, seit ich amerikanischen Boden betreten, theils durch glücklich überstandene Gefahren zur Dankbarkeit verpflichtet, als auch durch allgemeine Frömmigkeit bestimmt, mehr nach Gottgeweihter Stätte gezogen, als es sonst der Fall war. Da mich aber nicht sowohl der Vortrag des Predigers selbst, welcher nicht immer mit meinen religiösen Ueberzeugungen übereinstimmend ist, zum Kirchengehen bestimmt, sondern mehr, um im stillen Gebet und erhabenen Lobgesang in der dazu eingerichteten Stätte die Herzensempfindungen dem Höchsten vorzutragen, so ist mir jede Konfession gleich und ihr Tempel, als auch für mich geheiligt, anzusehen. Demnach habe ich schon mehre Religionssekten in ihren kirchlichen Gebräuchen zu beobachten Gelegenheit gehabt und solche mehr oder weniger vernünftig gefunden. Hier in dem Methodisten-Tempel aber geht mir wirklich der Glaube an vernünftige Menschheit ab. — Unsinn über Unsinn! Fände man sich nicht angezogen, der Sache die lächerliche Seite abzugewinnen, so könnte man sich versucht fühlen, diese Armen, Verirrten, selbst in’s Gebet zu nehmen.

Der Kanzel zur Rechten sitzt der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Die Emporkirchen sind mehr mit Neugierigen als andächtig Gestimmten besetzt. Die Melodien der Lieder sind über einen Leisten komponirt, und gleichen dem Handwerksburschenliede: „Prinz Eugen, du edler Ritter“ etc., wie ein Ei dem andern. Während also die christliche Gemeinde das Kirchenlied sang, fielen meine Nachbarn, deutsche Handwerker mit: Prinz Eugen du edler Ritter etc. ein, was vollkommen übereinstimmte. Nach dem verlesenen Psalmen tritt derjenige der Gläubigen, welcher sich vom Geiste dazu inspirirt fühlt, in seinem Sitz in die Höhe, oder legt sich vor die Bank knieend mit dem Kopfe auf Erstere, und spricht aus dem Stegreif Anfangs leise, dann immer stärker, bis er ganz aus dem Athem kömmt, und besinnungslos im besten Fluß der Rede stecken bleibt, und ein Anderer die ihm vom Geiste eingegebenen Gedanken auf ähnliche Weise vorträgt. — Ihr Hauptprediger war zu der Zeit krank, wie die für ihn gehaltenen Gebete kund gaben, und ein herumreisender Pensylvanier hatte am heutigen Sonntage den Kanzelvortrag übernommen, wovon ich den Anfang aufnotirt, und als Probe des Unsinnes hier mittheile.

„Lieben Freunde und Brüder! Die Zeit der Besserung ist da, denn Gott, des langen Wartens überdrüßig, schlägt nun mit dem Donnerkeil drein, wenn Ihr nicht umkehrt aus dem Luderleben. Ich sage es Euch nochmals, bessert Euch, da es noch Zeit ist. Der Herr Jesus Christ hat es mir selbst gesagt, weil ich bei ihm war, daß er Euch verirrte Schafe aufnehmen wolle, welche sogleich umkehren, da es noch Zeit ist. Schwestern und Brüder zu bekehren, bin ich weit und breit herumgereist, ja zehn Meilen in der Runde!“ Hier fiel eine Stimme von der Emporkirche ein: „Das ist was Rechts!“ worauf der Prediger fortfuhr: „Wer Du auch seyst! Du bist ein Flegel! ein ......“ hier fehlten vermuthlich die deutschen Worte, und dann wurde in englischer Sprache, welche er geläufiger redete, dem unberufenen Sprecher gehörig der Text gelesen. Mich selbst langweilte die ganze Geschichte, deshalb verließ ich noch vor geendigtem Gottesdienste das entweihete Haus.

Am nächsten Sonntage wurde ich veranlaßt, eine Kirche zu besuchen, wo ebenfalls kein Theolog als Kanzelredner auftrat, sondern diesen Posten ein gelernter Schlosser bekleidete, welcher unter dem Namen: „der Schlosser-Prediger“ den Deutschen hier bekannt ist. Dieser, im Besitz einer Rednergabe, und dabei von der Ansicht beseelt, daß es jedem Menschen Pflicht sey, zum Seelenheil Anderer beizutragen, fühlte sich ebenfalls berufen, Hammer und Ambos mit der Kanzel zu vertauschen, so wie Trauung, Tauf- und Leichenreden zu halten, je nachdem es die um ihn gebildete Gemeinde wünschte.

Bei stattfindender Religionsfreiheit hat Niemand gegen solche Handlungsweise Etwas einzuwenden. Die Gesetzgebung läßt hierin freien Spielraum, da sie sich für inkompetent hält, in religiösen Ueberzeugungen über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Sie gestattet vielmehr hierin jede Form in gemeinschaftlicher Gottesverehrung, wie verschieden und mannigfaltig solche auch immer seyn mag, und hält sich nur verpflichtet, ihre Wahl zu schützen.

Die Kirche war ebenfalls überfüllt, die ganze Zeremonie geregelt, und der Kanzelvortrag so gut, als er sich nur immer von einem unstudirten Professionisten erwarten ließ. —

Am 10. Dezember mußte ich von Neuem Tannebergs verlassen, da das Dampfschiff (Amazone, Kapitän Lauterbach) mit welchem mein Freund Aacke akkordirt, abgehen sollte. Schwer war der Abschied, da er für das Leben war. Viele Grüße befahl die kleine Auguste (ein Kind von 4½ Jahren) an die Großmutter und ihre alten Gespielen, meine Kinder, ebenso Tanneberg, an Alle, die sich Seiner in der geliebten Heimath noch erinnerten und fügte den Wunsch bei, daß Keiner seiner Bekannten dem Urtheil eines Windbeutels Glauben schenken möchte, welcher Amerika als das Land, in welchem Milch und Honig fließe, anpreißt. Er selbst habe deshalb noch nicht geschrieben, um nicht Anlaß zu einem Vorhaben zu geben, welches nur Wenigen Glück, Vielen aber Noth und Elend bereite. —