Zwanzigster Brief.
Aufenthalt in Cincinnati.
Im Dezember 1839.
Ans Land gestiegen, folgte ich mechanisch mit meinen wenigen Habseligkeiten (da die übrigen Sachen in New-York zurückgeblieben), einem unserer Landsleute, dessen Bekanntschaft ich auf dem Dampfschiffe gemacht hatte, nach einem deutschen Kosthause, dessen Besitzer als äußerst human geschildert wurde.
Das Mittagessen war eben aufgetragen und nicht wissend, von was ich solches bezahlen sollte, nöthigten mich doch Appetit und Hunger, daran Theil zu nehmen. Das Tischgespräch an der reichlich mit Gästen besetzten Tafel bestand in Klagen über schlechte Zeiten, da Viele hier eine bessere Existenz zu finden gehofft, aber getäuscht, sich und Andere durch übermäßigen Andrang der Arbeitsuchenden, ins Elend stürzten. Mir erstarb bei dieser Kunde der Bissen im Munde, und als ich selbst bei meiner Wanderung durch die Straßen überall nur arbeitslose Menschen stehen sah und von Letztern die Bestätigung erhielt, daß Tausende in Noth und Elend einer ungewiß bessern Zukunft entgegen sähen, da bangte mir selbst vor meiner eigenen Existenz und ermattet, körperlich und geistig, suchte ich am Abend bald die mir nöthige Ruhe.
Doch so sehr auch der geschwächte Körper des Schlafes bedurfte, so war dennoch der Geist zu sehr aufgeregt, als daß ich dazu hätte gelangen können. Mein ganzer Lebenslauf ging an meiner Seele vorüber, nie war ich so arm, nie fühlte ich mich so verlassen als jetzt. Ohne Familie, ohne Freunde und Bekannte unter einer lieblosen Nation, deren Wahlspruch ist: „Hilf Dir selbst!“ welche den Deutschen mit der größten Verachtung behandelt, was hatte ich da, vom Geld entblößt, von der Zukunft zu erwarten? Ein Trost nur blieb mir übrig, die Zuflucht zu Dem zu nehmen, welcher Mittel und Wege kennt, wenn des Menschen eigene Macht nicht mehr ausreichend ist, und zu keiner andern Zeit habe ich die Gottheit inbrünstiger um Beistand angerufen als in dieser, bis ich unter Thränen und dem Gebet des schönen Verses: „Befiehl du Deine Wege, und was Dein Herze kränkt“ u. s. w., entschlummerte.
Am Morgen entdeckte ich dem Wirth die wahren Verhältnisse meiner Lage und bat ihn um Rath was zu thun oder zu lassen sey. Dieser sah mir wohl an, daß ich zu schwerer Arbeit noch zu sehr entkräftet, was ich mir selbst nicht zugestehen wollte und empfahl mich daher, bei Mangel an leichter Arbeit, der deutschen Gesellschaft mit der Bitte, Etwas für mich zu thun.
Herr Schweizerhoff, Präsident der Gesellschaft, ersah aus meinen ihm vorgelegten Attesten, daß er nicht einen gewöhnlichen Bettler vor sich habe, und bedauerte sehr, daß er nicht mit Vollmacht versehen sey, mir aus der Gesellschaftskasse Etwas verabreichen zu können, da den Statuten gemäß nur die Mitglieder der Gesellschaft sich gegenseitige Unterstützung zugesagt hätten; mit mir aber eine Ausnahme zu machen, würde leicht Veranlassung zu anderweiten Anforderungen geben. „Doch“ fuhr er fort, „giebt es hier Viele reiche und dabei brave Männer, von denen Sie gewiß Keiner ohne Gabe entlassen wird und deshalb werde ich Ihnen einige Namen derselben aufschreiben“, worauf er selbst Etwas in ein Papier wickelte und mich in Gnaden entließ.
Also bis zum Bettler herabgesunken! „O Philosophie, verlaß mich nicht und erhalte mir den Verstand!“ war mein erster Gedanke, als ich den Bettelbrief entfaltete, welcher ½ Dollar enthielt. — Apotheker Refuß war der erste Name auf der Liste. Was sollte ich thun? Doch, wie der zu Ertrinkende im Wahne, sich zu retten, nach einem Strohhalm greift, eben so blieb mir keine Wahl und langsam ging ich der Apotheke zu.
„Der Herr ist nicht zu Haus“, versetzte auf deutsch der Provisor, als ich nach dem Prinzipal frug, „doch kann ich vielleicht selbst Ihnen die gewünschte Auskunft ertheilen!“
„„Ist auch dieses nicht der Fall, so trägt schon Ihre Theilnahme an meinem Geschick zu dessen Linderung bei. Doch, als Beweis, wen Sie vor sich haben, lesen Sie zuvor das Attest meiner Behörde.““
„Aus Weimar sind Sie?“
„„Ja!““ entgegnete ich.
„So haben Sie hier einen Landsmann, den Apotheker Aacke!“
„„Sie irren, Freund! denn dieser ist in Cleveland, etablirt, wohin ich vom Vater Briefe mit über See gebracht.““
„Er war es!“ fuhr Jener fort, „doch sein Kompagnon hat das Farmer-Leben vorgezogen, wozu ihn dessen Frau bestimmte, und Acke, selbst nicht vermögend das Geschäft auf eigene Rechnung fortzusetzen, hat sein Etablissement wieder aufgeben müssen und konditionirt jetzt in der Apotheke bei Colb.“
Freudige Nachricht! Vorbote einer noch größern. Unverzüglich wurde jetzt Freund Acke aufgesucht; doch er erkannte mich nicht, so hatten Gram, Sorgen und Krankheit der letztern Tage mich entstellt.
Nach herzlicher Begrüßung, worauf dieser Brave meine Verhältnisse erfuhr, bat er mich vor Allem, Niemandem mehr meine Lage zu vertrauen, indem er für alle Bedürfnisse sorgen würde.
„Waren Sie schon bei Tanneberg’s?“[41] frug er im Laufe des weitern Gesprächs.
„„Tanneberg hier, so weit im Lande, den ich nirgends anders als in Baltimore geglaubt?““
„Ja! und wie es scheint, zu Ihrer Pflege vorausgeschickt.“
Jetzt erst erkannte ich Gottes weise Fügung. So und nicht anders mußte Alles kommen, um mich prüfend zu erniedrigen, und mir dadurch Aacken und Tanneberg’s zuzuführen, die ich vielleicht auf anderm Wege nicht getroffen, wenn ich nicht, wegen Mangel an Geld, zu dem Mitgetheilten die Zuflucht hätte nehmen müssen.
Freudiges Wiedersehen! Zu keiner passendern Zeit hätte ich wohl Tanneberg’s in Amerika auffinden können, als hier in Cincinnati. Die brave Frau suchte durch Wartung und Pflege, da ich sogleich ihre Wohnung beziehen mußte, meinen Zustand möglichst zu erleichtern und versetzte mich durch Speise und Trank in die geliebte Heimath, wodurch sich leichter vergessen ließ, so weit von den Meinen entfernt zu seyn, deren geliebtes Andenken bei in Schranken gehaltenem Geist, dem Herzen um so schmerzlicher wurde.
Auch dieser Familie hatte in Amerika das Glück nicht gelächelt, von welchem sie in der alten Heimath geträumt. — In Baltimore gelandet, fand der Mann bei einem reichen Tischler und Möbelhändler als Lackirer einen solchen Verdienst, der zwar bei angestrengter Arbeit den Lebensunterhalt sicherte, nicht aber die Möglichkeit gab, die Reisekosten wieder zu erübrigen. Letzteres bestimmte ihn, dieses Geschäft wieder aufzugeben, um mit einem Zimmermaler ein Kompagniegeschäft zu arrangiren, welches besser rentiren sollte. Doch das Letztere war nicht der Fall und da Ersterer einen Ruf nach Cincinnati, um daselbst eine Kirche zu malen, ausschlug, so nahm Tanneberg für ihn den Auftrag an und machte mit Frau und Kind die weite Landreise, in dem Glauben, selbstständig das bis hieher Zugesetzte bald wieder verdienen zu können.
Die angefertigten Skizzen und Zeichnungen über Styl und Ausführung der Kirchen-Malerei wurden von dem Gemeinde-Vorstand anerkannt, ebenso die verlangte Summe für Ausführung der Arbeit genehmigt, als aber die Kirche noch für das nöthige Gerüste zum Malen stehen sollte, zerschlug sich der Handel, die Arbeit unterblieb und der betrogene Maler wurde wieder in die kritische Lage versetzt.
An einem fremden Ort, ohne alle Bekanntschaft und Fürsprache, mußte er allein, da die Frau selbst immer kränklich war, sich und seine Familie drei Monate lang durch allerhand saure Arbeiten durchzuhelfen suchen, wobei die letzten mit über See gebrachten Louisd’or’s noch vollends zugesetzt wurden. Doch in diesem Lande gilt als erste Regel: nur nicht den Muth verloren! Denn auch sein Geschick sollte sich von Neuem wenden.
Ein reicher Kleiderhändler, das Mode-Journal der Stadt, welcher sich zur Aufgabe gemacht, Alles in Cincinnati noch nicht Vorhandene zuerst zu besitzen, hörte von dem Zimmermaler und übertrug ihm die Arbeit in seinem Laden auszuführen. Eben noch damit beschäftigt, kam ich zu ihm und mit wahrer Freude hörte ich oft, wenn er die Kunde mit nach Hause brachte, daß seine Leistungen Anklang fänden und er deshalb einer bessern Zukunft entgegen sehen könne[42].
Der gehabte Verlust machte meinen Plan, als Volontär auf einer der größern Farmen hiesiger Gegend die Welschkorn-Brennerei zu erlernen, unmöglich und die zerrüttete Gesundheit, welche sich nicht wieder regeln wollte, um Lohn zu dienen, zur Zeit unausführbar. Ich nahm daher den Vorschlag meines Freundes Aacke mit Freuden an, um mit ihm, auf vorgestreckte Kosten, die westlicher gelegenen Staaten zu bereisen und bis New-Orleans, wohin er berufen, die Reise fortzusetzen, welche nach Verlauf von 14 Tagen anzutreten sey, bis wohin sein Nachfolger eingetroffen seyn werde.
Schon in meinem frühern Plane lag das Projekt, diese Tour zu machen und da vorzüglich die Jahreszeit die Ausführung begünstigte, ich mich auch bis zur Ankunft in dem von hier noch 540 Stunden entfernt liegenden New-Orleans wohler zu befinden glaubte, um dort, wo alle Arbeit doppelt bezahlt werden sollte, mir den Bedarf zur Rückreise zu verdienen, so sagte ich zu und füllte die noch bis zum Abgang übrige Zeit mit Sehen, Hören und Aufnotiren alles mir Merkwürdigen dieser Stadt aus.