Vierzigster Brief.
Zweiter Aufenthalt in New-York.
(Unsicherheit des Lebens).
Im September 1840.
Alle Räume in der Werkstelle waren mit Arbeitern besetzt und die neuen Bestellungen mehrten sich täglich, weshalb ich selbst vorerst mit Hand an dergleichen bestellte Waaren legen mußte, welches mir gleich seyn konnte, da der ausbedungene Lohn von zwölf Dollars wöchentlich alle Sonnabende richtig ausgezahlt wurde. Bei einem unserer Landsleute, Namens Gerhardt, welcher in einer großen Eisen-Manufaktur beschäftigt war, und dessen Frau einen Schank besorgte, logirte ich mich ein, lebte äußerst sparsam, so daß es möglich wurde, alle Woche neun auch zehn Dollars zu erübrigen, welches Geld, da die Zahlung in Papiernoten erfolgte, ich dem Bäckermeister und Mehlhändler Herrn Wallrabe aufzubewahren anvertraute, welcher dieses Papiergeld, damit nichts daran verloren ging, sofort in seinem Handelsgeschäft wieder mit verausgabte, worauf dieser brave Mann mir bei meiner Abreise die ganze zurückgelegte Summe, ohne die geringste Provision davon zu nehmen, in englischem und französischem Golde auszahlte.
In dieser Mehlhandlung fand ich auch den bei der Abreise in die westlichen Staaten zurückgelassenen und meinem Neffen zur Aufbewahrung übergebenen Koffer, nebst den übrigen Sachen wieder, wobei mir die Nachricht wurde, daß der Bäckermeister, bei dem meines Bruders Sohn in Arbeit gestanden, und welcher mich, aus dem Hospital kommend, so gastfreundlich aufgenommen hatte, jetzt selbst wieder als armer Bäckergeselle arbeite, und mein Neffe bei einem Amerikaner ein Unterkommen gefunden habe, wo ihm die Gelegenheit zu Gute komme, bald die englische Sprache zu erlernen.
Von New-Orleans aus wurde dem gegebenen Versprechen gemäß von mir über alle dortigen Verhältnisse meinen Bekannten in New-York treulich geschrieben und dabei gewarnt, ja nicht den lockenden Berichten zu folgen und hier den Himmel zu suchen, wo nur die Hölle zu finden sey. — Leider mußte ich aber aus einem Antwortschreiben, welches mir in Baltimore zuging, ersehen, daß man jener Nachricht, wie es gewöhnlich der Fall ist, wenn der Vogel nicht schön pfeift, keinen Glauben geschenkt, die Sache als übertrieben angesehen, ja sich sogar beleidigender Ausdrücke bedient hatte, weil ich im Widerspruch mit günstigern Berichten, Andere vom bessern Verdienst, als in New-York zu machen sey, abzuhalten suche, und der Meister, Louis Hallbauer und mein Neffe, welche Letztern noch bei Ersterm in Arbeit waren, mit dem nächsten Schiff die Seereise dahin zu unternehmen, entschlossen seyen. — Hier war keine Zeit zu verlieren und mit umgehender Post schrieb ich an Hallbauer, daß ich weit entfernt sey, Jemanden von seinem Glück abzuhalten, und mir Vormundschaft über Männer anmaßen zu wollen, welche die amerikanischen Verhältnisse, wenn sie sich darum bekümmert hätten, besser kennen sollten, als ich, der erst so kurze Zeit im Lande sey. Mein Bruder habe aber seinen Sohn nicht nach Amerika geschickt, daß dieser junge Mensch, mit Allem noch unbekannt, der Ueberredungskunst unterliege und auf solcher beschwerlichen Reise und ungesundem Klima Verdienst, Gesundheit und Leben aufs Spiel setze. Ich mache ihn (Hallbauer) daher verantwortlich über Alles, was sich bei diesem Unternehmen zutrage. Mein Neffe solle sich aber nicht wieder vor mir sehen lassen, wenn er der Warnung nicht Folge leiste und meine Ankunft in New-York abwarte.
Zum Glück kam der Brief noch zur rechten Zeit an, da das Schiff, auf günstigen Wind wartend, noch nicht abgegangen war und der Neffe, aus Furcht vor meinem Zorn, besann sich eines Bessern, schaffte den Koffer wieder vom Fahrzeug und blieb zurück. Die Andern aber segelten ihrem Unglück entgegen, fanden, wie zu erwarten war, in New-Orleans kein Unterkommen, unterlagen den klimatischen Verhältnissen, setzten während der Krankheit und des kurzen Aufenthaltes daselbst ihre Baarschaft zu und kamen, von Allem entblößt, nur mit gemachten traurigen Erfahrungen bereichert, nach New-York zurück, wo der frühere Meister, jetzt als Geselle, Frau und Kinder zu erhalten suchte, Freund Hallbauer mit Sparen von vorn anfangen mußte, und mein Neffe dem zu Folge alle Ursache hatte, mit seinem Geschick zufrieden zu seyn.
In meinem Geschäftsleben trat jetzt ein anderes Verhältniß ein; denn hatte ich im vorigen Jahre in der Kupfer-Fabrik den Lehrling gespielt, so wurden mir jetzt Gehülfen untergeordnet, welche mit an den nach meiner Angabe gefertigten Brennerei-Utensilien Hand anlegen mußten. Leider war die erste Zeit außer mir nur noch ein Deutscher mit in der Werkstelle, welcher in Frankenthal Meister, jetzt ebenfalls hier als Geselle mit seiner Hände Arbeit ein Weib und sechs Kinder zu ernähren hatte, wobei der tägliche Lohn von 1½ Dollar, da er ein sehr guter Arbeiter war, nur knapp zureichen wollte. Dieser brave Kollege, erst kurze Zeit im Lande, war ebenfalls der englischen Sprache noch nicht mächtig, und so war er wegen Austausch der Gedanken nur auf mich verwiesen, wodurch unsere gleichgestimmten Seelen sofort ein Freundschafts-Bündniß schlossen und wir uns inmitten der rohen, meist dem Trunk ergebenen Amerikaner, das Leben möglichst angenehm zu machen suchten.
Nach vollbrachtem Tagewerk fehlte es im Quartier ebenfalls an Unterhaltung nicht, nur mit dem Unterschied, daß sich hier keine reichen Gentlemen und spekulirende Kaufleute einfanden, sondern deutsche Arbeiter und Geschäftsmänner aus dem niedern und Mittelstande zusammen kamen, um nach deutscher Sitte, bei einem Glas Small-Bier sich der alten Heimath zu erinnern, oder über das amerikanische Drängen und Treiben zu sprechen, und so gesondert, weniger von heillosen Ruhestörern zu befürchten hatten. Als Beleg, wie mitunter hier alle Grenzen der Sittlichkeit und der Sicherheit des Lebens überschritten werden, habe ich folgenden Zeitungsbericht notirt:
„Raub, Mord, Aufruhr etc. — Noch nie ist wohl eine Stadt, die sich zu den aufgeklärten und civilisirten rechnet, der Tummelplatz solcher Schandthaten gewesen, wie in voriger Woche, am Schlusse des alten und Beginn des neuen Jahres, unser New-York. Mordthaten scheinen zur Tagesordnung werden zu wollen. Eine Bande von ohngefähr 50–60 verworfenen Schuften, der Auswurf großstädtischer Laster, die anerkannten Repräsentanten aller denkbaren Schlechtigkeiten, hat es durch ihre tollkühnen Streiche dahin gebracht, daß sich kein friedlicher und ruheliebender Bürger weder auf der Straße, noch in seiner Wohnung mehr für sicher halten kann und darauf bedacht seyn muß, räuberische und mörderische Angriffe mit tödlichen Waffen zurückzuweisen. Jene Verworfenen, die in ihrem Uebermuthe kein anderes Gesetz kennen und achten, als ihren Willen, haben den Stadt- und Staats-Gefängnissen, selbst dem Galgen schon viele ihrer Zöglinge überliefert, ohne daß deren schreckbar warnendes Beispiel einen andern Eindruck auf sie machte, als ihre Wuth nur zu steigern. Sie haben gewisse Trinkhäuser, in denen sie sich fast stets aufhalten und von wo aus sie ihren Unfug regelmäßig treiben. Eine Nacht, wie die Neujahrsnacht, schien sie zu ganz besondern Lustbarkeiten zu berechtigen, die zufolge ihres Charakters und ihrer Sitten natürlich in nichts als in den abscheulichsten Brutalitäten bestehen. Anfänglich nur 20–30 Mann stark, traten sie gegen Abend ihren Kreuzzug durch die Stadt an. Zuerst drangen sie in ein deutsches Wirthshaus in der Pitt-Straße, zerschlugen Gläser und Möbeln, tranken reichlich, ohne zu bezahlen, verwüsteten die übrig bleibenden Getränke, banden der Wirthstochter die Kleidungsstücke über dem Kopfe zusammen etc. Angeführt von einem gewissen Armstrong, der sich durch seine Thaten vor Allen Verdienste auf seine Würde erworben, suchten sie mehrere andere Plätze heim und traten unter andern in das Porter-Haus des Herrn Kraft, an der Ecke der Grand- und Forsyth-Straße, zerbrachen auch hier Gläser und Geräthschaften, versuchten falsche Noten anzubringen, schleppten ein deutsches Dienstmädchen aus der Küche, zogen es nackend aus, und während es mehrere Andere festhielten, wollte Armstrong Nothzucht an ihr verüben, woran er nur durch ihr Mordgeschrei und das Herbeieilen von Leuten verhindert wurde. „Der Gang“ (wie sich diese Bande selbst nannte) verfügte sich nun nach einem Lieblingssammelplatze aller Feuerläufer, nahe Centre-Market und stärkte dort seine Courage mit einigen Gläsern Branntwein. — Die Runde begann aufs Neue. Eines Landmanns Pferd wurde vom Zügel abgeschnitten und in vollem Gallopp die Bowery entlang fortgetrieben, wobei der Besitzer aus dem Wagen stürzte und sich gefährlich beschädigte; ein Kutscher wurde vom Bock gerissen und seine schüchtern gemachten Pferde die Chatham-St. hinabgetrieben; ein Frauenzimmer wurde in Ann-St. ergriffen, über die Straße geschleppt, fast ganz nackend entkleidet, geschlagen und mehr als viehisch gemißhandelt. In der Bayard-St. wurde einem Manne seine hochschwangere Frau vom Arme gerissen und er festgehalten, während Andere die Frau entkleideten und ihren nackten Leib peitschten. Unter ihrem jammervollen Geschrei wurde ein junger Mann, der zur Hülfe herbeieilte, augenblicklich niedergeschlagen, und der Polizeibeamte Tompkins, der ebenfalls einzuschreiten suchte, barbarisch gemißhandelt. In Church-St. suchte ein Theil der Bande ein Haus zu stürmen, wurde aber abgeschlagen und demolirte aus Rache die Thüre. Viele andere Personen, die zufällig den Schurken begegneten, wurden unbarmherzig durchgeprügelt und jedes Gesetz mit Füßen getreten. Endlich gegen halb 12 Uhr kam die Bande vor dem Hause des Herrn B. Mager, Elisabeth-St., 101, an, wo deutscher Ball gehalten wurde. Funfzig bis sechzig Mann stark, marschirten sie wie Soldaten durch die Thür und schlossen dieselbe augenblicklich hinter sich zu. Ohne ein Wort zu sagen, oder ohne die geringste Aufreizung, begann das Werk der Zerstörung und Verwüstung. Ehe der Lärm noch die Hausbewohner und Gäste aus dem obern Saale herbeizog, wurde das im Bar-Zimmer aufwartende Mädchen gemißhandelt, Tische, Stuhle, Gläser und Flaschen zerschmettert etc. Herr Mager, den das Geschrei nach Wache mit einigen Andern die Treppe hinabführte, befand sich in dem jetzt beginnenden allgemeinen Gefechte und Tumulte mehrmals in der drohendsten Lebensgefahr; man setzte ihm unter Andern eine Pistole auf die Brust, welche glücklicherweise versagte. Einige anwesende Deutsche bewaffneten sich, wie es schien, mit Säbeln und schlugen wacker auf die wüthenden Eindringlinge los; leider verlor Oberst Ming, jun., zwei Finger durch einen Säbelhieb, als er, in der löblichen Absicht, Ordnung zu stiften, zwischen die Fechtenden sprang. Nach vielen blutigen Wunden wurde die Bande endlich zur Thüre hinausgetrieben und begann nun auf der Straße, unter dem Geschrei: „Tod den Deutschen!“ mit Eisstücken und Steinen ein Bombardement des Hauses, während an den Thüren der furchtbare Tumult fortdauerte. Plötzlich fielen von den obern Fenstern des Hauses herab Flintenschüsse und von zwei Kugeln durchbohrt sank, mitten auf der Straße, der Rädelsführer des Haufens, jener erwähnte Armstrong, nieder und schwamm in seinem Blute. Als man ihn hinwegtrug, war er schon zur Leiche geworden und mitten in seinen Unthaten der Nemesis zum Opfer gefallen! Man hörte den Knall von etwa zwanzig Schüssen, wodurch drei oder vier Andere verwundet wurden; der Eine in den Arm, ein Anderer in die Hüfte. Stadt- und Polizei-Behörden eilten herbei, zerstreuten glücklich den sich sammelnden Pöbelhaufen und arretirten mehrere Personen, die sie in der Sache betheiligt hielten. — Von Seiten der Deutschen wurde Jedermann wieder auf freien Fuß gesetzt, da ihre That sowohl vor dem Gesetz, wie der öffentlichen Meinung vollkommen als Nothwehr gerechtfertigt erschien; ja die allgemeine Volksstimmung sprach sich laut dahin aus, daß dieser Widerstand der Deutschen gegen die Friedens- und Ruhestörer ein verdienstvolles Werk sey.[54]
Die Beerdigung John Armstrongs fand am vorigen Freitage Statt; seiner Leiche folgten gegen 700 Personen und viele Kutschen. Viele der Leidtragenden waren mit kleinen Aexten bewaffnet und schwuren laut, den Tod ihres Führers blutig rächen zu wollen. Anstatt durch das furchtbare Geschick Armstrongs gewarnt zu seyn, erhöhte sich nur ihre Erbitterung und da die Behörden erfuhren, daß man einen abermaligen Angriff auf das Haus des Herrn Mager beabsichtige, so wurden vom Mayor und dem Polizeirichter Bloodgood, die einige der folgenden Nächte sich persönlich in der Nähe aufhielten, alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um einer Erneuerung dieser Blutscenen vorzubeugen. Ihren Bemühungen war dieß bisher gelungen; doch dürfte es zweckmäßig erscheinen, den hiesigen Deutschen möglichste Vorsicht anzurathen, da es bei dem Charakter jener Bande außer allem Zweifel liegt, daß sie der Gegenstand ihrer erbitterten Rachsucht sind. Da namentlich, wiewohl fälschlich, geglaubt wird, daß deutsche Miliz-Kompagnieen die Hand im Spiele hätten, was man aus einigen aufgegriffenen Gewehren zu folgern scheint, so würde es zweckmäßig seyn, wenn die Schützen-Kompagnie, welche wöchentlich zwei Mal in der Ludlow-St. exerzirt, ihre Gewehre geladen und die Hirschfänger bereit hielte, um beim Nachhausegehen, was wo möglich nicht vereinzelt geschehen sollte, auf mögliche Anfälle vorbereitet zu seyn.
Möchten unsere deutschen Landsleute, so lange als es ohne Lebensgefahr möglich ist, jeder beklagenswerthen Reibung auszuweichen suchen, und nie Anlaß zu andern Tumulten geben; möchten sie aber auch, wenn Raub, Mord, Plünderung und Schändung auf sie lauern, den Verhöhnern aller bürgerlichen und moralischen Gesetze muthig entgegentreten und ihre Rechte nachdrücklich geltend machen. Die Schlechtigkeit wird durch Nachsicht und Nachgeben nur kühner und verwegener, und da, wo der Staat seinen Schutz nicht unmittelbar gewähren kann, beginnt das Recht der Selbsthülfe[55].
Der Mayor von New-York versprach für die Angabe eines Solchen, der an den Unruhen in der Neujahrsnacht Theil nahm, 50 Dollars Belohnung. — „Gut! Aber noch besser wäre es gewesen, wenn 500 Dollars versprochen worden wären.“ —“