Zweiunddreißigster Brief.
Reise über Frederik-Town nach den Farmen meines Landsmannes Rehling bei Straßburg.
Da die Seitenschmerzen nachgelassen und sie das Fußreisen nicht mehr hinderten, verließ ich, mit Pulver und Blei versehen, indem ich mir auf einer Auktion wieder zu einem Gewehre verholfen hatte, am 24. Juni Washington. — Nicht aus Jagdliebhaberei oder der Sicherheit willen trug ich von Neuem eine Waffe, sondern um dem Amerikaner für den Fußreisenden mehr als sonst gewöhnlich ist, Respekt einzuflößen, da er nicht begreift, wie man eine weitere Tour, ohne Jäger oder Bettler zu seyn, zu Fuße unternehmen kann, weil er sich selbst auf der kürzesten Strecke des Pferdes oder Wagens bedient.
Während der Reise über Georgetown, welchen Ort nur ein kleiner Fluß von dem Terrain Washingtons trennt, Simsonville, Montgomery, Seneca, Middlebrock, Clarkbury, Hyallstown nach Fredericstown, fiel nichts besonderes Merkwürdiges vor; mehr oder weniger fand ich eine gastfreundliche Aufnahme bei den Farmern.
Die Gegend ist hügelig, viel von Holz besetzt und nur theilweise angebaut. — Zur Feldwirthschaft (meist Tabacksbau), werden nur Negersklaven verwendet. —
Die Stadt Frédéric, wie sie von den Deutschen kurz genannt wird, ist eine der größten im Staate Maryland, mit 9000 Einwohnern, regelmäßig angelegt, hat breite Straßen, welche andere im rechten Winkel durchschneiden, und dient vielen Deutschen zum Aufenthalte. — Da aus der Umgegend die Produkte hierher kommen, um weiter nach Baltimore spedirt zu werden, so bieten solche einen bedeutenden Verkehr, welcher durch die Eisenbahn noch vermehrt worden ist, da letztere die Kommunikation mit ersterer Stadt erleichtert. —
Ein geriebener Fuß zwang mich abermals, hier zu weilen, wodurch der Zufall mir zwei Israeliten in die Hände führte, welche die Seereise von Bremen mit uns gemacht hatten. Ueber die Schnelligkeit, mit welcher sie die englische Sprache erlernt hatten, war ich erstaunt, und nur ihr Schachergeist, der sie immerwährend mit den Amerikanern in Verkehr bringt, da von den Deutschen nicht viel zu schmusen ist, ließ solches erklären.
Der Markttag füllte alle Hauptstraßen mit Wagen, und besonders nehmen sich neben dem weiblichen Geschlechte, welches ebenfalls reitet, wenn es nicht gefahren wird, die männlichen Ritter possirlich aus. Die Sättel sitzen gewöhnlich zu weit vorn, den Pferden auf dem Halse; dabei sind die Steigbügel lang, so daß die vorgestreckten Beine mit der Nase des Pferdes in Berührung kommen, wenn dasselbe den Kopf etwas dreht. Vom richtigen Gebrauche der Zügel ist den Amerikanern nichts bekannt, dabei fehlen die Sporen, und der Regenschirm, welcher sowohl gegen Nässe wie gegen Sonnenstich gebraucht wird, läßt keine Reitgerte zu. Im Schritte reiten zu wollen, geht ihnen zu langsam; der Trott ist ihnen verhaßt, da, wie sie meinen, derselbe die Glieder zusammenstaucht und unbequem ist, weshalb sie Wark vorziehen, wo das Pferd mit den Vorderbeinen galloppirt, und mit den hintern Füßen trottirt. Diese Art zu reiten hält man in Amerika für bequemer als den ordentlichen Gallopp, und ist überall Sitte. —
Zu meinem Glücke kehrte ein Plantagen-Besitzer aus der Gegend von Montgomery in dem Gasthause ein, wo ich logirte, machte meine Bekanntschaft, und da er selbst etwas deutsch verstand und neugierig von Natur zu seyn schien, trug er mir an, mit auf seinem Wagen Platz zu nehmen, da er eine Tagereise meines Weges fahre. Dieses kam mir ganz erwünscht, und unterm Austausche der Gedanken, in welchem die Pantomime eine Hauptrolle spielen mußte, wurden die Stöße weniger verspürt, die uns der Wagen auf dem schlechten, vom Regen gelösten Wege versetzte. — Aus seinen Mittheilungen konnte ich so viel entnehmen, daß er vorzüglich viel Taback baue, von welchem er Proben bei sich führte, und mir zum Versuchen reichte, über deren Werth ich mir aber kein Urtheil erlaubte, da ich selbst kein Raucher bin. Auch er rauchte nicht, doch verriethen seine Mundwinkel, daß das Tabackkauen seine Lieblings-Passion sey, wobei er versicherte, daß keiner seiner Sklaven rauchen dürfe, auch keiner derselben Neigung dazu verspüre, da sie dem Bremen den Vorzug gäben.
Die Gewohnheit des Tabackkauens, besonders in den südlichen und westlichen Staaten, ist bis in die höhern Stände Mode geworden; denn selten spricht man mit einer Mannsperson, welche nicht den Mund voll Taback hat, und dieses Laster hat so tief Wurzel gefaßt, daß man ungenirt, ohne Rücksicht auf Damen zu nehmen, an jedem Orte fortwährend ausspuckt und den ausgekauten Taback mit neuem ersetzt. — Diese Sorte Kautaback wird eigens dazu gefertigt, ist schwarz von Farbe und fest in kleine Röllchen gepackt, von welchem nach Belieben, wie vom Johannisbrod, abgebissen wird. — Für den Anfänger in diesem Laster ist dieser Taback äußerst beißend, und das Kauen schwieriger, als das Rauchen zu erlernen.
Bei immer schlechterem Wege trug ich Bedenken für die Dauer des Wagens, da solcher äußerst zart im Holzwerk war, wie dieses bei allen, ausgenommen den Lastwagen, der Fall ist. Doch um mich vom Gegentheil zu überführen, und mich von der soliden Bauart der Wagen zu überzeugen, wurden die Pferde stärker angetrieben, so daß der Stuhlwagen mehr auf zwei, als auf vier Rädern zu laufen kam, und wir bei dem Hinüber- und Herüberschlagen der Gefahr ausgesetzt wurden, vom Wagen geschleudert zu werden, wobei ich die Geschicklichkeit bewundern mußte, mit welcher die Rosse regiert und zum Gehorsam gezwungen wurden. — Der Beweis von dem, was ich schon mehrmals zu erfahren Gelegenheit hatte, wurde mir auch hier gegeben, daß der Amerikaner ein um so besserer Fuhrmann ist, als ihm die Geschicklichkeit zum Reiten abgeht.
Nur das gute, zum Wagenbau verwendete Holz der weißen Eiche und das noch vorzüglichere, wegen seiner Zähheit so brauchbare Holz des Wallnußbaumes (Hickory) macht es möglich, daß man solche leichte, und dabei so dauerhafte Wagen hier anfertigen kann. Die Felgen der Räder wie die Speichen derselben erhalten nur die Stärke eines Daumens und werden leicht beschlagen, die Wagenachse erhält keine eiserne Schiene zur Verstärkung, sondern nur eine dünne, zwei Zoll breite Platte zur Erleichterung der Reibung. — Dabei will ich der Schnelligkeit erwähnen, mit welcher die Schmiedearbeiten hergestellt werden; denn das im Gebrauche habende Werkzeug gestattet, daß man hier mit allen vier Rädern zu beschlagen eher fertig ist, als dieses bei uns in Deutschland einem Meister in derselben Zeit mit einem Rade möglich seyn würde.
Der Reif kalt durch drei Walzen gezogen, richtet sich schnell in die Runde, und da er lang genug ist, weil nur gewalztes Eisen hier gebraucht wird, so macht dasselbe nur eine Schweißstelle nöthig, die bei gutem Eisen und Steinkohlen im Nu gefertigt ist. — Sind die Nägel- oder Schraubenlöcher durch Auflegen des genau runden Reifes auf die Felge auf diesen gezeichnet, so werden diese ebenfalls mittels eines Stempels kalt durchgepreßt und zwar bei einer Eisenstärke, welches auszuführen man für unmöglich hält, so lange man nicht selbst Augenzeuge der Arbeit gewesen ist. — Die am Holzfeuer erwärmten Reife scheinen, da Alles genau paßt, von selbst sich aufzuziehen.
Ebenso muß beim Beschlagen der Pferde der Schmidt diese Arbeit allein verrichten, indem er den Fuß des Pferdes zwischen seine Beine nimmt. Dabei besitzt er eine solche Gewandtheit, daß er mit dem schon von Natur ruhig geschaffenen Pferd eher fertig wird, als in Deutschland, wo eine zweite Person zum Aufheben des Fußes nöthig ist. Daß demnach ein deutscher Schmidt, gleich andern Gewerken, in Amerika von Neuem lernen muß, habe ich nicht allein selbst erfahren, sondern ist mir vielfach von Meistern, welche in der alten Heimath diese Stelle begleiteten, versichert worden. Wie überhaupt in Bezug auf Maschinenbau, Fabrikwesen und jeder gewerblichen Verrichtung, der Amerikaner uns weit voraus ist, drückt Gall in seinem Reisebericht mit folgenden Worten aus:
„Ja, von der Werkstätte des Dampfmaschinen-Fabrikanten bis zu jener des Zimmermanns herab, fühlt man sich versucht, auszurufen: Hat Euch der Himmel, um die Nationen der alten Welt zu beschämen, mit den Talenten geboren werden lassen, welche Jene achtzehnhundertjähriger Uebung und dem Nachdenken verdanken? Vervollkommnet sich, was Ihr nur berührt unter Euren Händen? — Vom Nagel, welchen eine Maschine hervorbringt, bis zu dem hunderträderigen Mechanismus einer Mühle, ist alles zweckmäßiger, als man es in Europa sieht. Der Nagel hat an seinen vier scharfen Ecken feine Widerhaken, vermöge deren er sich unausreißbar im Holze festklammert; die kunstreiche Mühle macht 11⁄12 der Arbeiter, welche die unsrigen erfordern, entbehrlich. Durch die von Han Eli Whitnay in Connecticut erfundene Säge-Maschine wird die Handarbeit gar in dem Verhältniß, wie 1000 zu 1 erspart. Das Zimmerwerk eines Hauses scheint vom Tischler gearbeitet; die Tischlerarbeiten werden von den Parisern nur durch gefälligere Formen übertroffen. Brüsseler Wagen machen den hiesigen den Rang nicht streitig; eine zweckmäßigere Verbindung der Backsteine und eine nettere Ausführung der Maurerarbeiten, als man hier allgemein findet, ist gar nicht denkbar. Selbst die einfachsten Werkzeuge, die Axt, der Spaten, der Bohrer, die Sägen, haben eine, in vielen Ländern Europas nicht geahnte Vollkommenheit.
Nicht weniger haben die Amerikaner im Gebiet der nützlichen Künste geleistet. — Die englische Regierung ließ im Jahr 1817 amerikanische Brückenbauer nach Irland kommen. — Die Londoner Bank hat die Gravirung der Platten zu ihren Banknoten drei amerikanischen Kupferstechern, Terkins, Troppan und Fairfax übertragen und für ihre Reise eine Entschädigung von 5000 Pfund Sterlingen, für ihre Arbeit aber im Fall des vollkommenen Gelingens, eine Belohnung von 100,000 Pfund Sterlinge zugesichert. — Die Herren Han Buck und Brewster, Besitzer einer Tuch-Manufaktur, haben es selbst den Engländern zuvorgethan, indem sie die Wolle vom Schaaf weg in neun Stunden funfzehn Minuten in einen Rock verwandelten, eine Aufgabe, die in England nur in dreizehn Stunden zwanzig Minuten gelöst wurde. Die amerikanischen Schiffe übertreffen alle anderen an äußerer Schönheit und Zweckmäßigkeit und in dem Patentamt zu Washington zeugen mehrere Tausende der Modelle vom amerikanischen Erfindungsgeiste. Rechnet man hierzu, was Alles im Bau der Dampfboote und Wasserleitungen gethan worden ist, so darf man wohl behaupten, daß die Amerikaner auch in Anwendung nützlicher Künste keiner Nation der alten Welt nachstehen.“
Bis Woodsborough kam mir die Fahrgelegenheit zu Gute; doch hier verließ der Fuhrmann meine Straße und von Neuem sah ich mich genöthigt, den Wanderstab zu ergreifen. Doch wer beschreibt meinen Aerger, als ich beim Absteigen vom Wagen jetzt erst gewahr wurde, daß bei dem unsinnigen Fahren das Gewehr aus dem Wagen gefallen war. Schon hatte ich eine Stunde Wegs retour gemacht, um vielleicht das Verlorene wieder zu finden, als zwei entgegenkommende Amerikaner versicherten, weder Etwas gefunden, noch gesehen zu haben. — Mit mir und meinem Geschick unzufrieden, allein und ohne alle Zerstreuung, wünschte ich bald die Gegend zu erreichen, wo mein Landsmann, Herr Rehling sich angekauft, und die deutsche Sprache wieder vorherrschend seyn soll. — Zu meiner Freude und Beruhigung erfuhr ich im Nachtquartier zu Taneytown von einem deutschen Schuhmacher, dessen Hülfe ich bedurfte, daß morgen schon in der Nähe von Petersburg mehr deutsch als englisch gesprochen werde.
Der Mann hatte Recht. Viele Deutsche waren im letzten Ort, mehr noch in Hannover, und in der Umgegend der Farmen meines Landsmannes bei Strassburg glaubte ich mich in die Heimath versetzt.