Dreiunddreißigster Brief.

Aufenthalt bei dem Farmer Herrn Rehling.

Im Juli 1840.

Die freundliche Aufnahme des Herrn Rehling gab mir während der Anwesenheit bei ihm, wie auch die in der Umgegend gemachten Bekanntschaften anderer Farmer, Gelegenheit, Alles was Bezug auf amerikanische Branntweinbrennerei, Feldwirthschaft und Farmerleben hat, kennen zu lernen, und mit wahrer Wollust genoß ich hier den ländlichen Aufenthalt im Kreise einer lieben gastfreundlichen Familie, welche ein wahrhaft religiöses Leben führte. Mittags und Abends wurde vor dem Mahl vom Hausvater Gott ein kurzes Dankgebet gebracht und jeden Morgen mit Tages-Anbruch weckte mich ein Choralgesang, welche herrliche Melodieen von den zusammen akkordirenden Stimmen des Vaters, der Mutter und der vier Kinder unwillkürlich zur Andacht stimmten, da dieser vor dem Hause aufgeführte Lobgesang die aufsteigende Sonne hervorzulocken schien. Möge Gott diesen frommen harmonischen Seelen lange noch ein frohes, glückliches Zusammenwirken vergönnen, und nicht durch Trennung der Glieder eine Unterbrechung in dieses freundliche Stillleben bringen.

Wie ganz anders muß dieser Mann in Amerika umgewandelt worden seyn? — Werden bei Lesung Dieses seine Bekannten fragen, welche Rehling in Deutschland nur als lebenslustigen Menschen kannten. — Auch mir war, bei Beobachtung meiner Landsleute, bei Vielen die Umwandlung ihrer religiösen Ansichten nicht erklärlich, bis ich mich selbst unwillkürlich mehr und mehr zum höchsten Wesen hingezogen fühlte, welches dem Menschen in Amerika viel näher als im Vaterlande zu seyn scheint, da hier die mannigfaltigen Lebensverhältnisse und Gefahren, in welchen sich der Mensch befindet, ihm immer seine Abhängigkeit von Gott vor Augen stellt. — Mehr noch fühlt sich aber der einsam, nur seiner Familie lebende Farmer von Gottes herrlicher Natur begeistert, und nicht von weltlichen Vergnügungen betäubt, zur Dankbarkeit verpflichtet. — Daß es leider auch hier an Freigeistern nicht fehlt, dazu tragen die verschiedenen Gottesverehrungen selbst, die hier vorkommen, bei, welche zu dem Wahnglauben führen, daß alle die irreligiösen Ansichten, welche die freie Schrift verbreitet, und von antichristlichen Kanzelrednern vertreten wird, wahr seyn müssen.

Ist auch die Gegend, wo die Familie Rehling sich niedergelassen, nicht unter die fruchtbarsten zu zählen, so gewährt sie doch den Vortheil, alle erbauten Produkte schnell und gut abzusetzen, da eine nach Baltimore führende Eisenbahn dessen Flur berührt. Dabei leben sie nicht in einer Wildniß von aller Welt verlassen, was dem gesellschaftlichen Deutschen die Trennung vom Vaterlande um so fühlbarer und schmerzlicher macht, sondern befinden sich inmitten von Landwirthen, die alle deutsch verstehen und es gewöhnlich sprechen, was für den Einwanderer, der nicht englisch versteht, einen um so größern Werth haben muß. Was der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens abgeht, verstehen ökonomische Kenntnisse, Leibeskräfte der ganzen Familie und Arbeitslust, reichlich zu ersetzen, und der Erde mehr abzugewinnen, als es der Industrie des Vorgängers, von welchem Herr Rehling diesen Farmen gekauft hatte, möglich geworden war.

Dann ist es auch nicht immer die Unfruchtbarkeit des ausgesogenen Bodens, was den Amerikaner bestimmt, sein Eigenthum zu verlassen, sondern mehr die Habsucht des Gewinnstes, der beim Verkauf gemacht wird. — Nichts ist ihm heilig und theuer, sondern Alles verkäuflich. Das väterliche Erbe oder die Nähe der Blutsverwandten haben für ihn eben nicht mehr Werth, als ein erst kurze Zeit besessener Farmen unter fremden Nachbarn. Nicht an geselliges Leben gewöhnt, ist es ihm gleich, wo er sich von Neuem niederläßt, und er spielt die Rolle eines Robinson Crusoe, in wilder, noch nicht kultivirter Gegend so lange bis ein neuer Käufer ihn abermals bestimmt, mehre hundert Meilen weiter seinen Wohnsitz zu verlegen. Daher kommt es auch, daß die Bewohner der Vereinigten Staaten so zerstreut wohnen und mitunter in ungesunden Gegenden sich niederlassen, obgleich die gesundesten und kultivirtesten Theile der mittleren Staaten noch zwei Mal so viel Einwohner aufnehmen und ernähren könnten.

Das zweistöckige Wohnhaus des Herrn Rehling ist nur aus Holz, aber in allen seinen Theilen bequem und regelmäßig aufgeführt und geräumig genug, um zwei Familien beherbergen zu können. Die Scheune, hundert Schritte vom Wohnhause entfernt, dient zugleich mit zum Obdache für Pferde und Kühe. Der untere Raum solcher Speicher wird in Amerika immer zur Stallung verwendet, daher die Tenne sich im zweiten Stocke des Gebäudes, wenn man solches von vorn ansieht, befindet; zum Aufbau einer Scheune wählt man gern als die passendste Lage den Abhang eines Hügels, wodurch das Gebäude hinten um einen Stock niedriger als vorn wird, und so das nöthige Niveau zur Einfahrt herstellt. — Diese Bauart gewährt noch den Vortheil, daß bei dem Dreschen mit Maschinen das durch die Tennen-Luke zugeschleuderte Stroh vor die Scheune geworfen wird, wo man es erst nach dem Dreschen am Abend aufbindet.

Daß man bei Anlage der Gebäude eines Farmen besonders Rücksicht auf den Stand der Scheune nehmen muß, bedingt die Art und Weise, wie man hier die Scheunen aufzuführen pflegt, welches von dem Ansiedler nicht übersehen werden darf. — Im Fall sich aber in der Nähe des zum Wohngebäude ausersehenen Platzes kein natürlicher Hügel befinden sollte, so wird die nöthige Steigung zur Einfahrt auf die Tenne durch Kunst geschaffen.

Waren auch die Höhen noch reichlich mit Holz besetzt, so hatte doch Rehlings Vorgänger unbarmherzig alle Bäume rings um die Wohnung niedergehauen, wie es der gewöhnliche Gebrauch der Amerikaner ist, da sie eine unüberwindliche Abneigung gegen Bäume besitzen, und dieselben als der Kultur sich entgegenstemmende Uebel, die beseitigt werden müssen, betrachten, und daher ohne Gnade Alles auf die Seite schaffen, was sich von solchen in der Umgegend ihrer Wohnungen befindet.

Rehlings erste Sorge war daher, das Schöne mit dem Nützlichen wieder zu vereinen, und in verschiedenen Gruppirungen Obstbäume aller Arten anzupflanzen. Den Sitz vor dem Hause aber beschatteten Akazien, die der Wohnung eine angenehme Kühle gewährten.

Doch das Kultiviren und Verschönern beschränkte er nicht auf die nächste Umgebung seiner Wohnung, sondern so weit die Gränze seines Eigenthumes geht, sah man in mannichfaltiger Abwechselung die Hand der Verbesserung angelegt. Hier wurde ein Sumpf trocken gelegt, dort eine Wiese durch gezogene Gräben bewässert, auch weislich der Viehdünger, welchen das Regenwasser von abhängigen Wegen mitbringt, in Gruben aufgefangen; auf den Bergen wurde nach Bedarf das Holz gelichtet, und am Abhange wiederum ein neues, zum Feldbau geklärtes, (von Holz gereinigtes) Stück Land mit einer Fense (Zaun) umgeben.

Doch auch der Hausfrau thätige Hände gaben Zeugniß von dem, was solche außer dem Hause zu schaffen vermögen, da im Hausgarten, welcher zu ihrem Departement gehörte, nichts versäumt war, um die Küche mit Gemüse aller Art zu versorgen. Auch einige Blumen zeigten wenigstens, daß hier eines Deutschen Farmer-Wohnung ist, welcher Sinn hat für das Schöne, was man bei dem Amerikaner vergebens sucht.

Doch nicht immer ist hier zu gebrauchen und bei der Feldwirthschaft in Anwendung zu bringen, was man im deutschen Vaterlande für zweckmäßig fand. Klima, anderer Boden und sonstige Verhältnisse mahnen zur Vorsicht und machen Aufmerksamkeit nöthig, wie die Nachbarn ihre Saaten und welche Sorten sie zu bestellen pflegen. — Herrn Rehlings vermeintes Besserwissen brachte ihn im ersten Jahre um die Aerndte, wodurch er klüger geworden, sich später mehr nach Sitte und Gebrauch des Landes richtete, und bei Abweichungen immer nur erst kleine Versuche anstellte. Dabei lies’t er fleißig nach vollbrachtem Tagewerke solche Zeitschriften, welche sich mehr über Landwirthschaft als Politik aussprechen, und auf diesem Wege kann sich der Neuling über Alles das leicht belehren, was er zu wissen nöthig hat.

Ueber den Werth der Zeitungen als Beförderungsmittel der Volksbildung in Amerika, und warum ein amerikanischer Farmer, so und nicht anders sein Feld bewirthschafte, drückt sich Gall, wie mir aus dem Herzen gesprochen, in seinem Reiseberichte folgendermaßen aus:

„Je weniger ich dem politischen Theil der amerikanischen Zeitblätter meinen Beifall zollen kann, um so mehr haben sie mich in wissenschaftlicher Rücksicht befriedigt. Diese Aeußerung mag mit dem Urtheile anderer Reisenden im Widerspruche seyn, das thut aber nichts; dafür ist es auch der Ausspruch meiner eigenen Ueberzeugung. Ich habe darin zwar nie eine Untersuchung der wichtigen Frage gefunden: ob das erste Huhn vor oder nach dem ersten Ei gewesen, noch, wer der Mann im Monde sey? Solche Forschungen überlassen die Amerikaner bescheiden uns überlegenen Europäern. Aber ich habe auch nicht ein einziges Blatt in die Hände genommen, welches nicht irgend einen belehrenden Artikel über Gegenstände des nützlichen, praktischen Wissens enthalten hätte und zwar in einer für alle Leser verständlichen Sprache. Da ist kein Zweig der Landwirthschaft, kein Gewerbe, keine nützliche Kunst, auf deren Vervollkommnung nicht immer die Aufmerksamkeit Tausender gerichtet wäre. — Kein Tag vergeht, an welchem nicht aus allen Theilen der Union bewährte Erfahrungen, neue Entdeckungen und Verbesserungen ohne Rückhalt mitgetheilt, oder angestellte Versuche mit ihren Erfolgen bekannt gemacht werden, damit deren Anwendbarkeit auch in andern Gegenden versucht werden könne. Unterrichtende Aufsätze über Gewitter, brennende Dünste, Mehlthau, Selbstentzündungen, Komete, Meteore, farbige Regen etc. erklären diese und ähnliche außerordentliche Erscheinungen in der Natur und indem sie so der gefährlichsten Pest, dem Wunderglauben, eine unübersteigliche Schranke entgegenstellen, machen sie zugleich auf die bekannten oder möglichen, wohlthätigen oder nachtheiligen Einwirkungen solcher Erscheinungen auf Witterung, Vegetation etc. aufmerksam.“ —

„Ausführliche Beiträge, um verstanden zu werden, geschrieben über Gegenstände der Geographie und Naturgeschichte der Vereinigten Staaten, machen den Amerikaner mit seinem Vaterlande täglich genauer bekannt und lehren ihn täglich, in seinen Wäldern, Gebirgen, Flüssen und Seen neue Schätze aufsuchen. Kurz, in einem Blatte, welches jährlich nur fünf Dollars kostet, zwar nur ein Mal die Woche erscheint, aber jährlich in 52 Nummern eben so viel Gedrucktes enthält, als 500 Bogen eines der in Deutschland in gr. 8. erscheinenden Journale, findet der Amerikaner außer den ihm zum Bedürfniß gewordenen politischen Neckereien, einen nicht weniger reichen Schatz von belehrenden und nützlichen Nachrichten, als sechs oder acht europäische Journale für verschiedene Fächer des praktischen Wissens zusammengenommen darbieten; vergebens würde man das leugnen. Die Allgemeinheit einer Erstaunen erregenden Masse von nützlichen Kenntnissen, welche sich nicht wegraisonniren lassen, zeugt laut von dem Vorhandenseyn eines eben so allgemeinen, als zweckmäßigen Mittels des Unterrichts und der Mittheilung des individuellen Wissens durch die ganze Union.“

„Bei dem ersten Anblicke eines Ackers, in welchem noch Baumstumpfe und über 1½ Fuß hohe Stoppeln hervorragen, zuckt der dünkelvolle Europäer über den beschränkten Amerikaner die Achseln, da dieser seinen Boden und dessen Produkte nicht besser zu nutzen weiß. Er tritt näher, und sieht den Boden des Feldes gar von Aehren fast bedeckt; er schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen über einen solchen Verschleuderer, und würde ihn, hätte er die Macht dazu, ohne Weiteres für einen Verschwender erklären und sein Gut nach den Regeln der Kunst, durch einen obrigkeitlich ernannten Verwalter bestellen lassen. Wir aber wollen erst den verständigen, Gewinn beflissenen amerikanischen Landwirth selbst hören. — Den höchst möglichen Ertrag mit den geringsten Kosten zu erringen, ist ihm Zweck der Landwirthschaft. Er läßt die Stöcke nicht ausrotten, weil dieses in dem Verhältnisse des Arbeitslohnes zum Preise der Produkte mehr gekostet haben würde, als der Boden, den die Stöcke einnehmen, in zehn Jahren tragen könnte; in fünf bis sechs Jahren sind sie faul, und weichen dann leichter. Uebrigens weiß er seine starke Pflugschaar, selbst durch einen Wald, mit einer solchen Gewandtheit zu führen, daß in der That nichts ungenützt bleibt, als gerade der Fleck, den der Baum einnimmt. Die Stoppeln stehen noch 1½ Fuß hoch auf dem Felde, indem er: 1) keinen Absatz für sein Stroh hat, 2) weil, damit die Frucht dicht am Boden abgeschnitten werden könne, das Feld durch Eggen und Walzen nach der Einsaat geebnet werden müßte, was aber mehr kosten würde, als es den Ertrag erhöhete, indem seine Schnitter viel weniger zu schneiden im Stande seyn würden, wenn die Frucht dicht am Boden abgeschnitten werden sollte, und 3) weil das Feld doch wieder mit Stroh gedüngt werden müßte. Ist nun gleich die verfaulte Stoppel dem Dünger aus den Ställen nicht gleich zu achten, so erspart er dagegen auch die Kosten, die Stoppeln heimzufahren, den Dünger aus den Ställen zu ziehen, zur Gährung aufzuschichten, auf Wagen zu laden, auf das Feld zu fahren und auszubreiten, welche Kosten der höhere Betrag ganz bestimmt nicht aufwiegen würde. Aus demselben Grunde bleiben auch die Aehren ungelesen, um so mehr, da er gerade durch diese anscheinende Vernachlässigung sich wieder die Arbeit erleichtert und also Kosten spart. Sobald die Frucht eingescheuert ist, läßt er sein Vieh auf dem umzäunten Acker, wo es reichliches Futter findet, und von welchem es, bis Schnee den Boden bedeckt, nicht wieder in den Stall kömmt, wobei es zugleich das Feld düngt. Zwei bis drei Hundert Stück Federvieh aller Art picken die einzelnen Körner auf, welche das Rindvieh nicht erreichen konnte.“

Ob und wie der Amerikaner die Vortheile zu benutzen versteht, welche die bloße geschickte Anwendung bekannter Erfahrungen gewährt, sieht man auch in allen seinen häuslichen Verrichtungen und Gall fährt hierüber fort: „Die Eier erhält er in Kalkmilch nöthigenfalls ein ganzes Jahr lang frisch; genau bekannt mit der Wirkungsart verschiedener Erhaltungsmittel des Fleisches, verdirbt er dasselbe weder durch zu viel noch zu wenig Salz. Seine Seife, so schön und gut als die des Seifensieders in der Stadt, ist sein eigenes Erzeugniß, aus einer Verbindung von Fett, Asche und Kalk, einer Pottasche, welche die beste in der Welt ist. Seinen Zucker, aus dem leicht gewonnenen Safte des Zucker-Ahorns, hat er selbst gesotten. Die Teppiche, welche den Boden seines ganzen Hauses bedecken und selbst bis in die Küche sich ausbreiten, sind das Produkt langer Winterabende. Seine Apfelpresse, seine Spinnräder, seine Flachsschwingen sind nach den neuesten Verbesserungen vervollkommnet.“