DAS NIBELUNGENLIED.

[Scherer D. 110, E. 101.]

Die Handschriften, welche das Nibelungenlied überliefern, zerfallen in drei Hauptklassen, vertreten durch die Hohenems-Münchener Hs. (A), die allein steht, die St. Galler Hs. (B) und die Hohenems-Lassbergische Hs. (C). Lachmann erklärte die kürzeste Fassung A für einen Repräsentanten des ursprünglichsten Textes, B für Überarbeitung einer Handschrift der Klasse A, C für Überarbeitung einer Handschrift der Klasse B. Er legte A seinen Ausgaben zu Grunde; ‘Der Nibelunge Noth und die Klage’ (Berlin, 1826, 1841, 1851). Dagegen erklärte Holtzmann und Zarncke die Klasse C für die ursprünglichste und legten die Hs. C ihren Ausgaben zu Grunde; Holtzmann (Stuttgart, 1857), Zarncke (Leipzig 1856, fünfte Aufl. 1875). Pfeiffer erklärte den Ritter von Kürenberg für den Verfasser des Nibelungenliedes. Bartsch stimmte ihm bei, indem er eine verlorene Urgestalt des Gedichts zu erweisen suchte, und legte seinen Ausgaben B zu Grunde (3 Bde. Leipzig, 1870–1880).

VIII. LIED.

Gunthêr und Hagne, ‖ die reken vil balt,

lobeten mit untriuwen ‖ ein pirsen in den walt.

mit ir scharpfen gêren ‖ si wolden jagen swîn

beren unde wisende: ‖ waz kunde küeners gesîn?

Si hiezen herbergen ‖ für den grüenen walt

gêns wildes abeloufe ‖ die stolzen jägere balt,

dâ si dâ jagen solden, ‖ ûf einen wert vil breit.

dô was ouch komen Sîfrit: ‖ daz wart dem künege geseit.

Von den jeitgesellen ‖ wurden dô bestân

die warte an allen enden. ‖ dô sprach der küene man,

Sîfrit der vil starke, ‖ ‘wer sol uns in den walt

wîsen nâch dem wilde, ‖ ir degne küene unde balt?’

‘Wellen wir uns scheiden,’ ‖ sprach dô Hagene,

‘ê daz wir beginnen ‖ hie ze jagene?

dâ bî mugen bekennen ‖ ich und die hêrren mîn

wer die besten jägere ‖ an diser waltreise sîn.

Liute unde hunde ‖ sulen wir teilen gar:

sô kêre islîcher ‖ dâ er gerne var. 10

der danne jage beste, ‖ der sol des haben danc.’

der jäger bîten ‖ wart bî ein ander niht lanc.

Dô sprach der hêrre Sîfrit ‖ ‘ich hân der hunde rât,

wan einen bracken, ‖ der sô genozzen hât

daz er die verte erkenne ‖ der tiere durch den tan.

wir komen wol ze jeide,’ ‖ sprach der Kriemhilde man.

Dô nam ein alter jägere ‖ einen spürhunt:

er brâhte den hêrren ‖ in einer kurzer stunt

dâ si vil tiere funden. ‖ swaz der von leger stuont,

diu erjeiten die gesellen, ‖ sô noch guote jeger tuont.

Einen eber grôzen ‖ vant der spürhunt.

als er begunde vliehen, ‖ dô kom an der stunt

des gejeides meister ‖ bestuont in ûf der slâ.

daz swîn zorneclîchen ‖ lief an den küenen degen sâ.

Dô sluoc in mit dem swerte ‖ Kriemhilde man:

ez hete ein ander jegere ‖ sô sanfte niht getân. 10

dô ern hete ervellet, ‖ man vie den spürhunt.

dô wart sîn rîch gejeide ‖ allen Burgonden kunt.

Sie hôrten allenthalben ‖ ludem unde dôz.

von liuten und von hunden ‖ der schal was sô grôz,

daz in dâ von antwurte ‖ der berc und ouch der tan.

vier unde zweinzec ruore ‖ die jeger hêten verlân.

Dô muosen vil der tiere ‖ verliesen dâ daz leben.

dô wânden sie füegen ‖ daz man solde geben

in den prîs des jeides: ‖ des kunde niht geschehen,

dô der starke Sîfrit ‖ wart zer viwerstat gesehen.

Daz jeit was ergangen, ‖ unde doch niht gar.

die zer viwerstat wolden, ‖ die brâhten mit in dar

vil maneger tiere hiute ‖ und wildes genuoc.

hei waz man ze kuchen ‖ für daz ingesinde truoc!

Dô hiez der künic künden ‖ den jägern wol geborn

daz er enbîzen wolde. ‖ dô wart lûte ein horn 10

zeiner stunt geblâsen: ‖ dâ mite wart bekant

daz man den fürsten edele ‖ dâ zen herbergen vant.

Dô sprach der hêrre Sîfrit ‖ ‘nu rûmen wir den tan!’

sîn ros truoc in ebene: ‖ si îlten mit im dan.

si ersprancten mit ir schalle ‖ ein tier gremelich,

einen beren wilden. ‖ dô sprach der degen hinder sich:

‘Ich wil uns hergesellen ‖ kurzwîle wern.

ir sult den braken lâzen. ‖ ich sihe einen bern:

der sol mit uns hinnen ‖ zen herbergen varn.

ern fliehe danne sêre, ‖ ern kan sichs nimmer bewarn.’

Der brake wart verlâzen, ‖ der bere spranc von dan.

dô wolde in errîten ‖ Kriemhilde man.

er kom in ein gevelle: ‖ done kund ez niht wesen.

daz starke tier dô wânde ‖ vor den jägeren genesen.

Dô spranc von sîme rosse ‖ der stolze rîter guot,

er begunde nâch loufen. ‖ daz tier was unbehuot, 10

ez enkund im niht entrinnen: ‖ dô vie erz sâ zehant,

ân alle wunden ‖ der helt ez schiere gebant.

Krazen noch gebîzen ‖ kund ez niht den man.

er band ez zuo dem satele: ‖ ûf saz der snelle sân,

er brâht ez an die viwerstat ‖ durch sînen hôhen muot,

zeiner kurzwîle, ‖ der degen küene unde guot.

Als er gestuont von rosse, ‖ dô lôste er im diu bant

von fuoze und ouch von munde. ‖ do erlûte sâ zehant

vil lûte daz gehünde, ‖ swaz es den bern sach.

daz tier ze walde wolde: ‖ des heten die liute ungemach.

Der bere von dem schalle ‖ durch die kuche geriet:

hey waz er kuchenknehte ‖ von dem viwer schiet!

vil kezzele wart gerüeret, ‖ zerfüeret manic brant:

hei waz man guoter spîse ‖ in dem aschen ligen vant!

Dô sprungen von dem sedele ‖ die hêrren und ir man.

der bere begunde zürnen: ‖ der künic hiez dô lân 10

allez daz gehünde ‖ daz an seilen lac.

und wær ez wol verendet, ‖ si heten vrœlîchen tac.

Mit bogen und mit spiezen ‖ (niht langer man daz lie)

dar liefen dô die snellen, ‖ dâ der bere gie.

dô was sô vil der hunde, ‖ daz dâ nieman schôz.

von des liutes schalle ‖ daz birge allez erdôz.

Der ber begunde vliehen ‖ vor den hunden dan:

im kunde niht gevolgen ‖ wan Kriemhilde man.

er erlief in mit dem swerte, ‖ ze tôde er in dô sluoc.

hin wider zuo dem viwre ‖ man den beren dô truoc.

Dô sprâchen die daz sâhen, ‖ er wær ein kreftic man.

die stolzen jeitgesellen ‖ hiez man ze tische gân.

ûf einen schœnen anger ‖ saz ir dâ genuoc.

hei waz man rîterspîse ‖ den stolzen jegern dô truoc!

Dô sprach der hêrre Sîfrit ‖ ‘wunder mich des hât,

sîd man uns von kuchen ‖ gît sô manegen rât, 10

war umbe uns die schenken ‖ dar zuo niht bringen wîn.

man pflege baz der jegere, ‖ ich wil niht jeitgeselle sîn.

Dô sprach der Niderlende ‖ ‘ir lîp der habe undanc.

man sold mir siben soume ‖ met und lûtertranc

haben her gefüeret. ‖ dô des niht mohte sîn,

dô sold man uns gesidelet ‖ haben nâher an den Rîn.’

Dô sprach von Tronje Hagne ‖ ‘ir edelen rîter balt,

ich weiz hie vil nâhen ‖ einen brunnen kalt

(daz ir niht enzürnet): ‖ dâ sul wir hine gân.’

der rât wart manegem degne ‖ ze grôzen sorgen getân.

Dô si wolden dannen ‖ zuo der linden breit,

dô sprach von Troneje Hagne ‖ ‘mir ist des vil geseit

daz niht gevolgen kunde ‖ dem Kriemhilde man,

swenner welle gâhen: ‖ wold er uns daz sehen lân!’

Dô sprach von Niderlande ‖ der küene Sîfrit

‘daz muget ir wol versuochen, ‖ welt ir mir volgen mit 10

ze wette zuo dem brunnen. ‖ sô daz ist getân,

man jehe dem gewinnes ‖ den man siht gewunnen hân.’

‘Nu welle ouch wirz versuochen,’ ‖ sprach Hagne der degen.

dô sprach der starke Sîfrit ‖ ‘sô wil ich mich legen

für iuwer füeze ‖ nider an daz gras.’

dô er daz gehôrte, ‖ wie liep daz Gunthêre was!

Dô sprach der degen küene ‖ ‘ich wil iu mêre sagen,

allez mîn gewæte ‖ wil ich mit mir tragen,

den gêr zuo dem schilde, ‖ und mîn pirsgewant.’

den kocher zuo dem swerte ‖ schier er umbe gebant.

Dô zugen si diu kleider ‖ von dem lîbe dan:

in zwein wîzen hemden ‖ sach man si beide stân.

sam zwei wildiu pantel ‖ si liefen durch den klê:

doch sach man bî dem brunnen ‖ den küenen Sîfriden ê.

Den brîs von allen dingen ‖ truoc er vor manegem man.

daz swert lôst er schiere, ‖ den kocher leit er dan, 10

den starken gêr er leinde ‖ an der linden ast:

bî des brunnen fluzze ‖ stuont der hêrlîche gast.

Die Sîfrides tugende ‖ wâren harte grôz.

den schilt er leite nidere ‖ dâ der brunne flôz:

swie harte sô in durste, ‖ der helt doch niht entranc

ê der künec getrunke. ‖ des seit er im vil bœsen danc.

Der brunne was küele ‖ lûter unde guot.

Gunthêr sich dô neigte ‖ nider zuo der vluot:

als er hete getrunken, ‖ dô rihte er sich von dan.

alsam het ouch gerne ‖ der küene Sîfrit getân.

Do engalt er sîner zühte. ‖ den bogen und daz swert,

daz truoc allez Hagne ‖ von im danwert,

und spranc dâ hin widere ‖ da er den gêre vant.

er sach nâch einem bilde ‖ an des küenen gewant.

Dô der hêrre Sîfrit ‖ ob dem brunnen tranc,

er schôz in durch daz criuze, ‖ daz von der wunden spranc 10

daz bluot von dem herzen ‖ vaste an Hagnen wât.

solher missewende ‖ ein helt nu nimmer begât.

Der hêrre tobelîchen ‖ von dem brunnen spranc:

im ragete von den herten ‖ ein gêrstange lanc.

der fürste wânde vinden ‖ bogen oder swert:

sô müeste wesen Hagne ‖ nâch sîme dienste gewert.

Dô der sêre wunde ‖ des swertes niht envant,

done het et er niht mêre ‖ wan des schildes rant:

er zuct in von dem brunnen, ‖ dô lief er Hagnen an:

done kund im niht entrinnen ‖ des künic Gunthêres man.

Swie wunt er was zem tôde, ‖ sô krefteclîch er sluoc,

daz ûzer dem schilde ‖ dræte genuoc

des edelen gesteines: ‖ der schilt vil gar zerbrast.

sich hete gerne errochen ‖ der vil hêrlîche gast.

Dô was gestrûchet Hagne ‖ vor sîner hant zetal.

von des slages krefte ‖ der wert vil lûte erhal. 10

het er sîn swert enhende, ‖ sô wær ez Hagnen tôt.

sêre zurnde der wunde: ‖ des twanc in êhaftiu nôt.

Erblichen was sîn varwe: ‖ ern mohte niht gestên

sînes lîbes sterke ‖ muoste gar zergên,

wand er des tôdes zeichen ‖ in liehter varwe truoc

sît wart er beweinet ‖ von schœnen vrouwen genuoc.

Dô viel in die bluomen ‖ der Kriemhilde man:

daz bluot von sîner wunden ‖ sach man vaste gân.

dô begunder schelden ‖ (des twanc in grôziu nôt)

die ûf in gerâten ‖ heten ungetriwe den tôt.

Dô sprach der verchwunde ‖ ‘jâ ir bœsen zagen,

waz helfent mîniu dienest, ‖ sîd ir mich habet erslagen?

ich was iu ie getriuwe; ‖ des ich enkolten hân.

ir habet an iwren friunden ‖ leider übele getân.

Die rîter alle liefen ‖ dâ er erslagen lac.

ez was ir genuogen ‖ ein vröudelôser tac. 10

die iht triwe hêten, ‖ von den wart er gekleit:

daz hete ouch wol verdienet ‖ umbe alle liute der helt gemeit.

Der künec von Burgonden ‖ klagte ouch sînen tôt.

dô sprach der verchwunde ‖ ‘daz ist âne nôt,

daz der nâch scaden weinet, ‖ der in dâ hât getân.

der dienet michel schelden: ‖ ez wære bezzer verlân.’

Dô sprach der grimme Hagne ‖ ‘jan weiz ich waz ir kleit.

ez hât nu allez ende an uns, ‖ sorge unde leit:

wir vinden ir nu wênic ‖ die getürren uns bestân.

wol mich daz ich des heldes ‖ hân ze râte getân.’

‘Ir muget iuch lîhte rüemen,’ ‖ sprach hêr Sîfrit.

‘het ich an iu erkunnet ‖ den mortlîchen sit,

ich hete wol behalten ‖ vor iu mînen lîp.

mich riwet niht sô sêre ‖ sô vrou Kriemhilt mîn wîp.

Nu müeze got erbarmen ‖ daz ich ie gewan den suon

dem man itewîzen ‖ sol daz her nâch tuon 10

daz sîne mâge ieman ‖ mortlîch hânt erslagen.

möhte ichz verenden, ‖ daz sold ich billîchen klagen.’

Dô sprach jæmerlîche ‖ der verchwunde man

‘welt ir, künic edele, ‖ triwen iht begân

in der werlde an iemen, ‖ lât iu bevolhen sîn

ûf iuwer genâde ‖ die lieben triutinne mîn.

Lât si des geniezen ‖ daz si iwer swester sî:

durch aller fürsten tugende ‖ wont ir mit triwen bî.

wan mir wartent lange ‖ mîn vater und mîne man.

ez enwart nie leider ‖ an liebem vriunde getân.’

Die bluomen allenthalben ‖ von bluote wâren naz.

dô rang er mit dem tôde: ‖ unlange tet er daz,

wan des tôdes zeichen ‖ ie ze sêre sneit.

ouch muoste sân ersterben ‖ der recke küene unde gemeit.

Dô die hêrren sâhen ‖ daz der helt was tôt,

si leiten in ûf einen schilt ‖ (der was von golde rôt), 10

und wurden des ze râte, ‖ wie daz solde ergân

daz man ez verhæle ‖ daz ez Hagne hete getân.

Dô sprâchen ir genuoge ‖ ‘uns ist übel geschehen.

ir sult ez heln alle, ‖ und sult gelîche jehen,

da er jagen rite aleine, ‖ Kriemhilde man,

in slüegen schâchære, ‖ dâ er füere durch den tan.’

Dô sprach von Troneje Hagne ‖ ‘ich bring in in daz lant.

mir ist vil unmære, ‖ wirt ez ir bekant,

diu sô hât betrüebet ‖ den Brünhilde muot.

ez ahtet mich vil ringe, ‖ swaz si nu weinens getuot.’

Dô biten si der nahte ‖ und fuoren über Rîn.

von helden kunde nimmer ‖ wirs gejaget sîn.

ein tier daz si dâ sluogen, ‖ daz weinden edeliu kint.

jâ muosten sîn enkelten ‖ vil guoter wîgande sint.

Gunther und Hagen, ‖ die Recken wohlgethan,

Beriethen mit Untreuen ‖ ein Birschen in den Tann. 10

Mit ihren scharfen Spiessen ‖ wollten sie jagen gehn

Bären und Wisende: ‖ was könnte Kühn’res geschehn?

Da liess man herbergen ‖ bei dem Walde grün

Vor des Wildes Wechsel ‖ die stolzen Jäger kühn,

Wo sie da jagen wollten, ‖ auf breitem Angergrund.

Gekommen war auch Siegfried: ‖ das ward dem Könige kund.

Von den Jagdgesellen ‖ ward umhergestellt

Die Wart an allen Enden: ‖ da sprach der kühne Held

Siegfried der starke: ‖ ‘Wer soll uns in den Tann

Nach dem Wilde weisen, ‖ ihr Degen kühn und wohlgethan?’ 20

‘Wollen wir uns scheiden,’ ‖ hub da Hagen an,

‘Ehe wir beginnen ‖ zu jagen hier im Tann?

So mögen wir erkennen, ‖ ich und die Herren mein,

Wer die besten Jäger ‖ bei dieser Waldreise sei’n.

Die Leute und die Hunde, ‖ wir theilen uns darein:

Wohin ihn lüstet, fahre ‖ dann jeglicher allein,

Und wer das Beste jagte, ‖ dem sage man den Dank.’

Da weilten die Jäger ‖ bei einander nicht mehr lang.

Da sprach der Herre Siegfried: ‖ ‘der Hunde hab ich Rath:

Ich will nur einen Bracken, ‖ der so genossen hat, 30

Dass er des Wildes Fährte ‖ spüre durch den Tann:

Wir kommen wohl zum Jagen!’ ‖ so sprach der Kriemhilde Mann.

Da nahm ein alter Jäger ‖ einen Spürhund

Und brachte den Herren ‖ in einer kurzen Stund,

Wo sie viel Wildes fanden: ‖ was des vertrieben ward,

Das erjagten die Gesellen, ‖ wie heut nach guter Jäger Art. 20

Einen grossen Eber ‖ trieb der Spürhund auf.

Als der flüchtig wurde, ‖ da kam in schnellem Lauf

Derselbe Jagdmeister ‖ und nahm ihn wohl aufs Korn:

Anlief den kühnen Degen ‖ das Schwein in grimmigem Zorn.

Da schlug es mit dem Schwerte ‖ der Kriemhilde Mann:

Das hätt ein andrer Jäger ‖ nicht so leicht gethan.

Als er es gefället, ‖ fieng man den Spürhund.

Da ward sein reiches Jagen ‖ den Burgonden allen kund.

Da vernahm man allenthalben ‖ Lärmen und Getos.

Von Leuten und von Hunden ‖ ward der Schall so gross, 30

Man hörte widerhallen ‖ den Berg und auch den Tann.

Vierundzwanzig Hunde ‖ hatten die Jäger losgethan.

Da wurde viel des Wildes ‖ vom grimmen Tod ereilt.

Sie wähnten es zu fügen, ‖ dass ihnen zugetheilt

Der Preis des Jagens würde: ‖ das konnte nicht geschehn,

Als bei der Feuerstätte ‖ der starke Siegfried ward gesehn. 20

Die Jagd war zu Ende, ‖ und doch nicht ganz und gar.

Die zu der Herberg wollten ‖ brachten mit sich dar

Häute mancher Thiere, ‖ dazu des Wilds genug.

Hei! was man zur Küche ‖ vor das Ingesinde trug!

Da liess der König künden ‖ den Jägern wohlgeborn

Dass er zum Imbiss wolle; da wurde laut ins Horn

Einmal gestossen: ‖ also ward bekannt,

Dass man den edeln Fürsten ‖ bei den Herbergen fand.

‘Da sprach der edle Siegfried: ‖ ‘Nun räumen wir den Wald.’

Sein Ross trug ihn eben, ‖ die Andern folgten bald. 30

Sie verscheuchten mit dem Schalle ‖ ein Waldthier fürchterlich,

Einen wilden Bären; ‖ da sprach der Degen hinter sich:

‘Ich schaff uns Jagdgesellen ‖ eine Kurzweil.

Da seh ich einen Bären: ‖ den Bracken löst vom Seil.

Zu den Herbergen ‖ soll mit uns der Bär:

Er kann uns nicht entrinnen ‖ und flöh er auch noch so sehr.’ 20

Da lösten sie den Bracken, ‖ der Bär sprang hindann.

Da wollt ihn erreiten ‖ der Kriemhilde Mann;

Er fiel in ein Geklüfte: ‖ da konnt er ihm nicht bei;

Das starke Thier wähnte ‖ von den Jägern schon sich frei.

Da sprang von seinem Rosse ‖ der stolze Ritter gut,

Und begann ihm nachzulaufen. ‖ Das Thier war ohne Hut,

Es konnt ihm nicht entrinnen, ‖ er fieng es allzuhand;

Ohn es zu verwunden ‖ der Degen eilig es band.

Kratzen oder beissen ‖ konnt es nicht den Mann.

Er band es auf den Sattel: ‖ aufsass der Schnelle dann; 30

Er bracht es zu dem Herde ‖ in seinem hohen Muth

Zu einer Kurzweile, ‖ der Degen edel und gut.

Als er von Ross gestiegen, ‖ löst er ihm das Band

Vom Mund und von den Füssen: ‖ die Hunde gleich zur Hand

Begannen laut zu heulen, ‖ als sie den Bären sahn.

Das Thier zu Walde wollte: ‖ das erschreckte manchen Mann. 20

Der Bär in die Küche ‖ von dem Lärm gerieth;

Hei! was er Küchenknechte ‖ von dem Feuer schied!

Gerückt ward mancher Kessel, ‖ zerzerret mancher Brand;

Hei! was man guter Speisen ‖ in der Asche liegen fand!

Da sprangen von den Sitzen ‖ die Herren und ihr Bann.

Der Bär begann zu zürnen; ‖ der König wies sie an

Der Hunde Schar zu lösen, ‖ die an den Seilen lag;

Und wär es wohl geendet, ‖ sie hätten fröhlichen Tag.

Mit Bogen und mit Spiessen, ‖ man versäumte sich nicht mehr,

Liefen hin die Schnellen, ‖ wo da gieng der Bär; 30

Doch wollte Niemand schiessen, ‖ von Hunden wars zu voll.

So laut war das Getöse, ‖ dass rings der Bergwald erscholl.

Der Bär begann zu fliehen ‖ vor der Hunde Zahl;

Ihm konnte Niemand folgen ‖ als Kriemhilds Gemahl.

Er erlief ihn mit dem Schwerte, ‖ zu Tod er ihn da schlug.

Wieder zu dem Feuer ‖ das Gesind den Bären trug. 20

Da sprachen Die es sahen, ‖ er wär ein starker Mann.

Die stolzen Jagdgesellen ‖ rief man zu Tisch heran:

Auf einem schönen Anger ‖ sassen ihrer genug.

Hei! was man Ritterspeise ‖ vor die stolzen Jäger trug!

Da sprach der edle Siegfried: ‖ ‘Mich verwundert sehr,

Man bringt uns aus der Küche ‖ doch so viel daher,

Was bringen uns die Schenken ‖ nicht dazu den Wein?

Pflegt man so der Jäger, ‖ will ich nicht Jagdgeselle sein.’

Da sprach der Niederländer: ‖ ‘Ich sag euch wenig Dank.

Man sollte sieben Säumer ‖ mit Meth und Lautertrank 30

Mir hergesendet haben; ‖ konnte das nicht sein,

So hätte man uns besser ‖ gesiedelt näher dem Rhein.’

Da sprach von Tronje Hagen: ‖ ‘Ihr edeln Ritter schnell,

Ich weiss hier in der Nähe ‖ einen kühlen Quell:

Dass ihr mir nicht zürnet, ‖ da rath ich hinzugehn.’

Der Rath war manchem Degen ‖ zu grosser Sorge geschehn. 20

Als sie von dannen wollten ‖ zu der Linde breit,

Da sprach von Tronje Hagen: ‖ ‘Ich hörte jederzeit,

Es könne Niemand folgen ‖ Kriemhilds Gemahl,

Wenn er rennen wollte; ‖ hei! schauten wir doch das einmal!’

Da sprach von Niederlanden ‖ Siegfried der Degen kühn:

‘Das mögt ihr wohl versuchen: ‖ wollt ihr zur Wette hin

Mit mir an den Brunnen? ‖ Wenn der Lauf geschieht,

Soll der gewonnen haben, ‖ welchen man den Vordersten sieht.’

‘Wohl, lasst es uns versuchen,’ ‖ sprach Hagen der Degen.

Da sprach der starke Siegfried: ‖ ‘So will ich mich legen 30

Hier zu euern Füssen ‖ nieder in das Gras.’

Als er das erhörte, ‖ wie lieb war König Gunthern das!

Da sprach der kühne Degen: ‖ ‘Ich will euch mehr noch sagen:

All meine Geräthe ‖ will ich mit mir tragen,

Den Speer sammt dem Schilde, ‖ dazu mein Birschgewand.’

Das Schwert und den Köcher ‖ er um die Glieder schnell sich band. 20

Abzogen sie die Kleider ‖ von dem Leibe da;

In zwei weissen Hemden ‖ man Beide stehen sah.

Wie zwei wilde Panther ‖ liefen sie durch den Klee;

Man sah bei dem Brunnen ‖ den kühnen Siegfried doch eh.

Den Preis in allen Dingen ‖ vor Manchem man ihm gab.

Da löst’ er schnell die Waffe, ‖ den Köcher legt’ er ab.

Den starken Wurfspiess lehnt’ er ‖ an den Lindenast:

Bei des Brunnens Flusse ‖ stand der herrliche Gast.

Siegfriedens Tugenden ‖ waren gut und gross.

Den Schild legt’ er nieder ‖ wo der Brunnen floss; 30

Wie sehr ihn auch dürstete, ‖ der Held nicht eher trank

Bis der Wirth getrunken: ‖ dafür gewann er übeln Dank.

Der Brunnen war lauter, ‖ kühl und auch gut;

Da neigte sich Gunther ‖ hernieder zu der Fluth.

Als er getrunken hatte, ‖ erhob er sich hindann;

Also hätt auch gerne ‖ der kühne Siegfried gethan. 20

Da entgalt er seiner Tugend; ‖ den Bogen und das Schwert

Trug Hagen beiseite ‖ von dem Degen werth.

Dann sprang er schnell zurücke, ‖ wo er den Wurfspiess fand

Und sah nach einem Zeichen ‖ an des Kühnen Gewand.

Als der edle Siegfried ‖ aus dem Brunnen trank,

Schoss er ihm durch das Kreuze, ‖ dass aus der Wunde sprang

Das Blut ihm von dem Herzen ‖ hoch an Hagens Staat.

Kein Held begeht wieder ‖ also grosse Missethat.

Der Held in wildem Toben ‖ von dem Brunnen sprang;

Ihm ragte von den Schultern ‖ eine Speerstange lang. 30

Nun wähnt’ er da zu finden ‖ Bogen oder Schwert:

So hätt er Lohn Herrn Hagen ‖ wohl nach Verdienste gewährt.

Als der Todwunde ‖ sein Schwert nicht wiederfand,

Da blieb ihm nichts weiter ‖ als der Schildesrand.

Den rafft’ er von dem Brunnen ‖ und rannte Hagnen an:

Da konnt ihm nicht entrinnen ‖ König Gunthers Unterthan. 20

Wie wund er war zum Tode, ‖ so kräftig doch er schlug,

Dass von dem Schilde nieder ‖ rieselte genug

Des edeln Gesteines; ‖ der Schild zerbrach auch fast:

So gern gerochen hätte ‖ sich der herrliche Gast.

Gestrauchelt war da Hagen ‖ von seiner Hand zu Thal;

Der Anger von den Schlägen ‖ erscholl im Wiederhall.

Hätt er sein Schwert in Händen, ‖ so wär es Hagens Tod.

Sehr zürnte der Wunde; ‖ es zwang ihn wahrhafte Noth.

Seine Farbe war erblichen, ‖ er konnte nicht mehr stehn.

Seines Leibes Stärke ‖ musste ganz zergehn, 30

Da er des Todes Zeichen ‖ in lichter Farbe trug.

Er ward hernach beweinet ‖ von schönen Frauen genug.

Da fiel in die Blumen ‖ der Kriemhilde Mann:

Das Blut von seiner Wunde ‖ stromweis nieder rann.

Da begann er die zu schelten, ‖ ihn zwang die grosse Noth,

Die da gerathen hatten ‖ mit Untreue seinen Tod. 20

Da sprach der Todwunde: ‖ ‘Weh, ihr bösen Zagen,

Was helfen meine Dienste, ‖ da ihr mich habt erschlagen?

Ich war euch stets gewogen ‖ und sterbe nun daran.

Ihr habt an euern Freunden ‖ leider übel gethan.’

Hinliefen all die Ritter, ‖ wo er erschlagen lag.

Es war ihrer Vielen ‖ ein freudeloser Tag.

Wer irgend Treue kannte, ‖ von dem ward er beklagt:

Das hatt auch wohl um Alle ‖ verdient der Degen unverzagt.

Der König von Burgonden ‖ beklagt’ auch seinen Tod.

Da sprach der Todwunde: ‖ ‘Das thut nimmer Noth, 30

Dass der um Schaden weinet, ‖ durch den man ihn gewann:

Er verdient gross Schelten, ‖ er hätt es besser nicht gethan.’

Da sprach der grimme Hagen: ‖ ‘Ich weiss nicht, was euch reut;

Nun hat zumal ein Ende ‖ unser sorglich Leid.

Nun mags nicht Manchen geben, ‖ der uns darf bestehn;

Wohl mir, dass seiner Herrschaft ‖ durch mich ein End ist geschehn.’ 20

‘Ihr mögt euch leichtlich rühmen,’ ‖ sprach Der von Niederland;

‘Hätt ich die mörderische ‖ Weis an euch erkannt,

Vor euch hätt ich behalten ‖ Leben wohl und Leib.

Mich dauert nichts auf Erden ‖ als Frau Kriemhilde mein Weib.

Auch mag es Gott erbarmen, ‖ dass ich gewann den Sohn,

Der nun auf alle Zeiten ‖ bescholten ist davon,

Dass seine Freunde Jemand ‖ meuchlerisch erschlagen:

Hätt ich Zeit und Weile, ‖ das müsst ich billig beklagen.’

Da sprach im Jammer weiter, ‖ der todwunde Held:

‘Wollt ihr, edler König, ‖ je auf dieser Welt 30

An Jemand Treue üben, ‖ so lasst befohlen sein

Auf Treue und auf Gnaden ‖ euch die liebe Traute mein.

Lasst sie es geniessen, ‖ dass sie eure Schwester sei:

Bei aller Fürsten Tugend, ‖ steht ihr mit Treue bei!

Mein mögen lange harren ‖ mein Vater und mein Bann:

Es ward am lieben Freunde ‖ nimmer übler gethan.’ 20

Die Blumen allenthalben ‖ waren vom Blute nass.

Da rang er mit dem Tode, ‖ nicht lange that er das,

Denn des Todes Waffe ‖ schnitt immer allzusehr.

Auch musste bald ersterben ‖ dieser Degen kühn und hehr.

Als die Herren sahen, ‖ der Degen sei todt,

Sie legten ihn auf einen Schild, ‖ der war von Golde roth:

Da giengen sie zu Rathe, ‖ wie es sollt ergehn,

Dass es verhohlen bliebe, ‖ es sei von Hagen geschehn.

Da sprachen ihrer Viele: ‖ ‘Ein Unfall ist geschehn;

Ihr sollt es Alle hehlen ‖ und Einer Rede stehn: 30

Als er allein ritt jagen, ‖ der Kriemhilde Mann,

Da schlugen ihn die Schächer, ‖ als er fuhr durch den Tann.’

Da sprach von Tronje Hagen: ‖ ‘Ich bring ihn in das Land.

Mich soll es nicht kümmern, ‖ wird es ihr auch bekannt, 10

Die so betrüben konnte ‖ Brunhildens hohen Muth;

Ich werde wenig fragen ‖ wie sie nun weinet und thut.’

Da harrten sie des Abends ‖ und fuhren überrhein;

Es mochte nie von Helden ‖ so schlimm gejaget sein.

Ihr Beutewild beweinte ‖ noch manches edle Weib,

Sein musste bald entgelten ‖ viel guter Weigande Leib.

AUS DEM XIV. LIED.

Dô reit von Tronje Hagne ‖ zaller vorderôst:

er was den Niblungen ‖ ein helflîcher trôst.

do erbeizte der degen küene ‖ nider ûf den sant,

sîn ros er harte balde ‖ zuo eime boume gebant. 20

Daz wazzer was engozzen, ‖ diu schif verborgen:

ez ergie den Niblungen ‖ zen grôzen sorgen,

wie si kœmen übere: ‖ der wâc was in ze breit.

do erbeizte zuo der erden ‖ vil manic rîter gemeit.

‘Belîbet bî dem wazzer, ‖ ir stolzen rîter guot.

ich wil die vergen suochen ‖ selbe bî der fluot,

die uns bringen übere ‖ in Gelpfrâtes lant.’

dô nam der starke Hagne ‖ sînen guoten schildes rant.

Er was wol gewâfent. ‖ den schilt er dannen truoc,

sînen helm ûf gebunden: ‖ lieht was er genuoc. 10

dô truoc er ob der brünne ‖ ein wâfen alsô breit,

daz ze beiden ecken ‖ vil harte vreislîchen sneit.

Dô suohte er nâh den vergen ‖ wider unde dan.

er hôrte wazzer giezen: ‖ losen er began.

in einem schœnen brunnen ‖ tâten daz wîsiu wîp:

die wolten sich dâ küelen ‖ unde badeten iren lîp.

Hagne wart ir innen, ‖ er sleich in tougen nâch.

dô si daz versunnen, ‖ dô was in dannen gâch.

daz si im entrunnen, ‖ des wâren si vil hêr.

er nam in ir gewæte: ‖ der helt enschadete in niht mêr.

Dô sprach daz eine merwîp ‖ (Hadburc was si genant)

‘edel rîter Hagne, ‖ wir tuon iu hie bekant,

swenne ir uns gebet widere ‖ unser gewant,

wie iu sî ze den Hiunen ‖ iwer hovereise gewant.’

Si swebten sam die vogele ‖ vor im ûf der fluot:

des dûhten in ir sinne ‖ starc unde guot: 10

swaz si im sagen wolden, ‖ er geloubte in dester baz.

des er dô hinze in gerte, ‖ wol beschieden si im daz.

‘Ir muget wol rîten ‖ in Etzelen lant.

des setze ich iu ze bürgen ‖ mîn triwe hie zehant,

daz helde nie gefuoren ‖ in deheiniu rîche baz

nâch alsô grôzen êren: ‖ nu geloubet wærlîchen daz.’

Der rede was dô Hagne ‖ in sîme herzen hêr:

dô gab er in ir kleider ‖ und sûmte sich niht mêr.

dô si an geleiten ‖ ir wunderlich gewant,

dô sageten sim rehte ‖ die reise in Etzelen lant.

Dô sprach daz ander merwîp ‖ (diu hiez Siglint)

‘ich wil dich warnen, Hagne, ‖ Aldrîânes kint.

durch der wæte liebe ‖ hât mîn muome dir gelogen:

kumstu zen Hiunen, ‖ sô bistu sêre betrogen.

Jâ soltu wider kêren: ‖ daz ist an der zît;

wan ir helde küene ‖ alsô geladen sît 10

daz ir sterben müezet ‖ in Etzelen lant.

swelhe dar gerîtent, ‖ die habent den tôt an der hant.’

Dô sprach in grimmem muote ‖ der küene Hagene

‘daz wære mînen hêrren ‖ müelich ze sagene,

daz wir zen Hiunen solden ‖ verliesen alle en lîp.

nu zeig uns überz wazzer, ‖ aller wîseste wîp.’

Si sprach ‘sît du der verte ‖ niht wellest haben rât,

swâ oben bî dem wazzer ‖ ein herberge stât,

dar inne ist ein verge, ‖ und nindert anderswâ.’

der mære der er vrâgte, ‖ der geloubet er sich dâ.

Dem ungemuoten recken ‖ sprach diu eine nâch

‘nu bîtet noch, er Hagene: ‖ jâ ist iu gar ze gâch.

vernemet noch baz diu mære, ‖ ir sult iuch wol bewarn,

und sult ouch mit dem vergen ‖ vil bescheidenlîchen varn.

Der ist sô grimmes muotes, ‖ der lât iuch niht genesen,

irn welt mit guoten sinnen ‖ bî dem helde wesen. 10

welt ir daz er iuch füere, ‖ sô gebet ir im den solt.

her hüetet disses landes ‖ unt ist Gelfrâte holt.

Und komet er niht bezîte, ‖ sô rüefet über fluot,

unt jehet ir heizet Amelrîch. ‖ der was ein helt guot,

der durch vîntschefte ‖ rûmte dize lant.

sô kumet iu der verge, ‖ swenne im der name wirt erkant.’

Der übermüete Hagne ‖ den vrouwen dô neic:

er en reite niht mêre, ‖ wan daz er stille sweic.

dô gie er bî dem wazzer ‖ hôher an den sant,

dâ er anderthalben ‖ eine herberge vant.

Dô ruoft er mit der krefte ‖ daz al der wâc erdôz

von des heldes sterke: ‖ diu was michel unde grôz:

‘nu hol mich Amelrîchen: ‖ ich bin der Elsen man,

der durch starke vîntschaft ‖ von disem lande entran.’

Vil hôhe anme swerte ‖ ein bouc er im dô bôt

(lieht unde schœne ‖ was er und goldes rôt), 10

daz man in über fuorte ‖ in Gelphrâtes lant

der übermüete verge ‖ nam selbe dez ruoder an die hant.

Ouch was der selbe schifman ‖ niulîch gehît.

diu gir nâch grôzem guote ‖ vil bœsez ende gît.

dô wolt er verdienen ‖ daz Hagnen golt vil rôt:

des leit er von dem degne ‖ den swertgrimmegen tôt.

‘Ir muget wol sîn geheizen ‖ bî namen Amelrîch:

des ich mich hie verwæne, ‖ dem sît ir ungelîch.

von vater und von muoter ‖ was er der bruoder mîn.

nu ir mich betrogen hât, ‖ ir müezet dishalben sîn.’

‘Nein durch got den rîchen,’ ‖ sprach dô Hagene.

‘ich bin ein vremder recke ‖ unt sorge ûf degene.

nu nemt vriuntlîche ‖ hin mînen solt,

daz ir mich über füeret: ‖ ich bin iu wærlîchen holt.’

Er huop ein starkez ruoder ‖ michel unde breit,

er sluoc ûf Hagenen ‖ (des wart er ungemeit), 10

daz er in dem schiffe ‖ strûhte an sîniu knie.

sô rehte grimmer verge ‖ kom zuo dem Tronjære nie.

Mit grimmegen muote ‖ greif Hagene zehant

vil balde ze einer scheide, ‖ dâ er ein wâfen vant:

er sluoc im ab daz houbet ‖ und warf ez an den grunt.

diu mære wurden schiere ‖ dô den Burgonden kunt.

In den selben stunden, ‖ dô er den schifman sluoc,

daz schif flôz enouwe: ‖ daz was im leit genuoc.

ê erz gerihte widere, ‖ müeden er began:

doch zôch vil krefteclîche ‖ des künic Guntheres man.

Mit zügen harte swinden ‖ kêrte ez der gast,

unz im daz starke ruoder ‖ an sîner hant zebrast.

er wolde zuo den recken ‖ ûz an einen sant:

dô was dâ heinz mêre: ‖ hei wie schiere erz gebant!

Mit gruoze in wol enphiengen ‖ die edelen rîter guot.

dô sâhens in dem schiffe ‖ riechen daz bluot 10

von einer starken wunden ‖ die er dem vergen sluoc.

dô wart von degnen ‖ Hagne gevrâget genuoc.

Dô sprach er lougenlîche ‖ ‘dâ ich daz schif vant,

bî einer wilden wîden, ‖ dâ lôstez mîn hant.

ich hân deheinen vergen ‖ hiute hie gesehen:

ez ist ouch niemen leide ‖ von mînen schulden geschehen.’

Dô sprach von Burgonden ‖ der hêrre Gêrnôt

‘hiute muoz ich sorgen ‖ ûf lieber vriunde tôt,

sît wir der schifliute ‖ niht bereit hân,

wie wir komen übere. ‖ des muoz ich trûric gestân.’

Lûte rief dô Hagne ‖ ‘leget nider ûf daz gras,

ir knehte, daz gereite. ‖ ich gedenke daz ich was

der aller beste verge ‖ den man bî Rîne vant:

jâ trouwe ich iuch wol bringen ‖ über in Gelfrâtes lant.’

Daz si deste balder ‖ kœmen über fluot,

diu ros si an sluogen: ‖ der swimmen daz wart guot, 10

wan der starken ünden ‖ deheinz in dâ benam.

etlîchez ouwet, ‖ als im diu müede gezam.

Dô truogen si ze sciffe ‖ ir golt und ouch ir wât,

sît si der verte ‖ niht mohten haben rât.

Hagne der was meister: ‖ des fuorter ûf den sant

vil manegen zieren recken ‖ in daz unkunde lant.

Zem êrsten brâht er übere ‖ tûsent rîter hêr,

dar zuo sîne recken. ‖ dannoch was ir mêr:

niun tûsent knehte ‖ fuort er an daz lant.

des tages was unmüezic ‖ des küenen Tronjæres hant.

‘Nu enthalt iuch,’ sprach Hagne, ‖ ‘ritter unde kneht.

man sol vriunden volgen: ‖ jâ dunket ez mich reht.

vil ungefüegiu mære ‖ diu tuon ich iu bekant:

wiren komen nimmer mêre ‖ wider in Burgonden lant.’

Dô flugen disiu mære ‖ von schare baz ze schare.

des wurden snelle ‖ helde missevare, 10

dô si begunden sorgen ‖ ûf den herten tôt

an dirre hovereise: ‖ des gie in wærlîchen nôt.

Da ritt von Tronje Hagen ‖ den Andern all zuvor;

Er hielt den Nibelungen ‖ wohl den Muth empor.

Da schwang der kühne Degen ‖ sich nieder auf den Sand,

Wo er sein Ross in Eile ‖ fest an einem Baume band.

Die Flut war ausgetreten, ‖ die Schiff’ verborgen:

Die Nibelungen kamen ‖ in grosse Sorgen

Wie sie hinüber sollten? ‖ das Wasser war zu breit.

Da schwang sich zu der Erde ‖ mancher Ritter allbereit. 20

‘Bleibet bei dem Wasser, ‖ ihr stolzen Ritter gut.

Ich selber will die Fergen ‖ suchen bei der Flut,

Die uns hinüber bringen ‖ in Gelfratens Land.’

Da nahm der starke Hagen ‖ seinen guten Schildesrand.

Er war wohl gewaffnet: ‖ den Schild er mit sich trug,

Den Helm aufgebunden, ‖ der glänzte licht genug;

Überm Harnisch führt’ er ‖ eine breite Waffe mit,

Die an beiden Schärfen ‖ aufs allergrimmigste schnitt.

Er suchte hin und wieder ‖ nach einem Schiffersmann,

Er hörte Wasser giessen: ‖ zu lauschen hub er an: 30

In einem schönen Brunnen ‖ that das manch weises Weib;

Die wollten sich da kühlen ‖ und badeten ihren Leib.

Hagen sie gewahrend ‖ wollt ihnen heimlich nahn:

Sie stürzten in die Wellen, ‖ als sie sich des versahn.

Dass sie ihm entronnen, ‖ freuten sie sich sehr;

Er nahm ihnen ihre Kleider ‖ und schadet’ ihnen nicht mehr. 20

Da sprach das eine Meerweib, ‖ Hadburg war sie genannt:

‘Hagen, edler Ritter, ‖ wir machen euch bekannt,

Wenn ihr uns zum Lohne ‖ die Kleider wiedergebt,

Was ihr bei den Heunen ‖ auf dieser Hoffahrt erlebt.’

Sie schwebten wie die Vögel ‖ vor ihm auf der Flut.

Ihr Wissen von den Dingen ‖ däuchte den Helden gut:

Da glaubt’ er um so lieber ‖ was sie ihm wollten sagen,

Sie beschieden ihn darüber ‖ was er begann sie zu fragen:

Sie sprach: ‘Ihr mögt wohl reiten ‖ in König Etzels Land,

Ich setz euch meine Treue ‖ dafür zum Unterpfand: 30

Es fuhren niemals Helden ‖ noch in ein fremdes Reich

Zu solchen hohen Ehren, ‖ in Wahrheit, das sag ich euch.’

Die Rede freute Hagen ‖ in seinem Herzen sehr;

Die Kleider gab er ihnen ‖ und säumte sich nicht mehr.

Als sie umgeschlagen ‖ ihr wunderbar Gewand,

Vernahm er erst die Wahrheit ‖ von der Fahrt in Etzels Land. 20

Da sprach das andre Meerweib ‖ mit Namen Siegelind:

‘Ich will dich warnen, Hagen, ‖ Aldrianens Kind.

Um der Kleider willen ‖ hat meine Muhm gelogen;

Und kommst du zu den Heunen, ‖ so bist du schmählich betrogen.

‘Wieder umzukehren, ‖ wohl wär es an der Zeit,

Dieweil ihr kühnen Helden ‖ also geladen seid,

Dass ihr sterben müsset ‖ in König Etzels Land:

Die da hinreiten, ‖ haben den Tod an der Hand.’

Da sprach in grimmem Muthe ‖ der kühne Recke Hagen:

‘Das liessen meine Herren ‖ schwerlich sich sagen, 30

Dass wir bei den Heunen ‖ verlören all den Leib:

Nun zeig uns übers Wasser, ‖ du allerweisestes Weib.’

Sie sprach: ‘Willst du nicht anders ‖ und soll die Fahrt geschehn,

So siehst du überm Wasser ‖ eine Herberge stehn:

Darinnen wohnt ein Fährmann ‖ und nirgend sonst umher.’

Der Mär, um die er fragte, ‖ glaubte nun der Degen hehr. 20

Dem unmuthsvollen Recken ‖ rief noch die eine nach:

‘Nun wartet, Herr Hagen, ‖ euch ist gar zu jach;

Vernehmet noch die Kunde, ‖ wie ihr kommt durch das Land.

Der Herr dieser Marke, ‖ der ist Else genannt.

Der ist so grimmes Muthes, ‖ er lässt euch nicht gedeihn,

Wollt ihr nicht verständig ‖ bei dem Helden sein.

Soll er euch überholen, ‖ so gebt ihm guten Sold;

Er hütet dieses Landes ‖ und ist Gelfraten hold.

Und kommt er nicht bei Zeiten, ‖ so rufet über Flut,

Und sagt, ihr heisset Amelreich; ‖ das war ein Degen gut, 30

Der seiner Feinde willen ‖ räumte dieses Land:

So wird der Fährmann kommen, ‖ wird ihm der Name bekannt.’

Der übermüthge Hagen ‖ dankte den Frauen hehr.

Der Degen schwieg stille, ‖ kein Wörtlein sprach er mehr;

Dann gieng er bei dem Wasser ‖ hinauf an dem Strand,

Wo er auf jener Seite ‖ eine Herberge fand. 20

Da rief er so gewaltig, ‖ der ganze Strom erscholl

Von des Helden Stärke, ‖ die war so gross und voll:

‘Mich Amelreich hol über; ‖ ich bin es, Elses Mann,

Der starker Feindschaft willen ‖ aus diesen Landen entrann.

Hoch an seinem Schwerte ‖ er ihm die Spange bot;

Die war schön und glänzte ‖ von lichtem Golde roth,

Das man ihn überbrächte ‖ in Gelfratens Land.

Der übermüthge Ferge ‖ nahm selbst das Ruder in die Hand.

Derselbe Schiffsmann hatte ‖ neulich erst gefreit,

Die Gier nach grossem Gute ‖ oft böses Ende leiht. 30

Er dachte zu verdienen ‖ Hagens Gold so roth;

Da litt er von dem Degen ‖ den schwertgrimmigen Tod.

Ihr möget euch wohl nennen ‖ mit Namen Amelreich:

Des ich mich hier versehen, ‖ dem seht ihr wenig gleich.

Von Vater und Mutter ‖ war er der Bruder mein;

Nun ihr mich betrogen habt, ‖ so müsst ihr diesshalben sein.’ 20

‘Nein! um Gottes willen,’ ‖ sprach Hagen dagegen.

‘Ich bin ein fremder Ritter, ‖ besorgt um andre Degen:

Nun nehmt, den ich geboten, ‖ freundlich hin den Sold,

Und fahret uns hinüber: ‖ ich bin euch wahrhaftig hold.’

Der Fährmann hob ein Ruder, ‖ stark, gross und breit,

Und schlug es auf Hagen; ‖ dem that es solches Leid,

Dass er im Schiffe nieder ‖ strauchelt’ auf das Knie.

Solchen grimmen Fährmann ‖ fand der von Tronje noch nie.

Mit grimmigem Muthe ‖ griff Hagen gleich zur Hand

Zur Seite nach der Scheide, ‖ wo er ein Waffen fand: 30

Er schlug das Haupt vom Rumpf ihm ‖ und warf es auf den Grund.

Bald macht’ er diese Mären ‖ auch den Burgonden kund.

Im selben Augenblicke, ‖ als er den Fährmann schlug,

Glitt das Schiff zur Strömung: ‖ das war ihm leid genug.

Eh er es richten konnte, ‖ fiel ihn Ermüdung an:

Da zeigte grosse Kräfte ‖ König Gunthers Unterthan. 20

Er versucht’ es umzukehren ‖ mit schnellem Ruderschlag,

Bis ihm das starke Ruder ‖ in der Hand zerbrach.

Er wollte zu den Recken ‖ sich wenden an den Strand;

Da hatt er keines weiter: ‖ wie bald er es zusammen band.

Mit Gruss ihn wohl empfiengen ‖ die schnellen Ritter gut:

Sie sahen in dem Schiffe ‖ rauchen noch das Blut

Von einer starken Wunde, ‖ die er dem Fährmann schlug:

Da wurde von dem Degen ‖ gefraget Hagen genug.

Er sprach mit Lügenworten: ‖ ‘Als ich das Schifflein fand

Bei einer wilden Weide, ‖ da löst’ es meine Hand. 30

Ich habe keinen Fergen ‖ heute hier gesehn,

Es ist auch Niemand Leides ‖ von meinetwegen geschehn.’

Da sprach von Burgonden ‖ der Degen Gernot:

‘Heute muss ich bangen ‖ um lieber Freunde Tod,

Da wir keinen Schiffsmann ‖ hier am Strome sehn:

Wie wir hinüber kommen, ‖ drob muss ich in Sorgen stehn.’ 20

Laut rief da Hagen: ‖ ‘Legt auf den Boden dar,

Ihr Knechte, das Geräthe: ‖ mir gedenkt noch, dass ich war

Der allerbeste Ferge, ‖ den man am Rheine fand:

Ich will euch wohl hinüber ‖ bringen in Gelfratens Land.’

Dass sie desto schneller ‖ kämen über Flut,

Anbanden sie die Rosse; ‖ ihr Schwimmen war so gut,

Dass ihnen auch nicht Eines ‖ die starke Flut benahm.

Einge trieben ferner, ‖ als ihnen Müdigkeit kam.

Sie trugen zu dem Schiffe ‖ ihr Gold und auch den Staat,

Da sie der Hofreise ‖ nicht wollten haben Rath. 30

Hagen fuhr sie über; ‖ da bracht er an den Strand

Manchen zieren Recken ‖ in das unbekannte Land.

Zum ersten bracht er über ‖ tausend Ritter hehr,

Dazu auch seine Recken; ‖ dann kamen ihrer mehr,

Neun tausend Knechte, ‖ die bracht er an das Land:

Des Tages war unmüssig ‖ des kühnen Tronejers Hand.

‘Nun seht euch vor,’ sprach Hagen, ‖ ‘sei’s Ritter oder Knecht,

Man soll Freunden folgen; ‖ das dünkt mich gut und recht.

Eine ungefüge Märe ‖ mach ich euch bekannt:

Wir kommen nimmer wieder ‖ heim in der Burgonden Land.’ 20

Da flogen diese Mären ‖ von Schar zu Schar umher:

Da wurden bleich vor Schrecken ‖ Degen kühn und hehr,

Als sie die Sorge fasste ‖ vor dem harten Tod

Auf dieser Hofreise: ‖ das schuf ihnen wahrlich Noth.

AUS DEM XX. LIEDE.

Der edel margrâve ‖ rief dô in den sal

‘ir küene Nibelunge, ‖ nu wert iuch über al.

ir soldet mîn geniezen, ‖ nu engeltet ir mîn.

ê dô wâr wir friunde: ‖ der triwe wil ich ledic sîn.’

Dô erschrahten dirre mære ‖ die nôthaften man:

wan ir deheiner fröude ‖ nie dâ von gewan,

daz mit in wolde strîten ‖ dem si dâ wâren holt.

si heten von vînden ‖ vil michel arbeit gedolt.

‘Nune welle got von himele,’ ‖ sprach Gunther der degen,

‘daz ir iuch genâden ‖ sült an uns bewegen, 10

unt der vil grôzen triuwe, ‖ der wir doch heten muot.

ich wil iu des getrouwen ‖ daz ir ez nimmer getuot.’

‘Jane mag ichs niht gelâzen,’ ‖ sprach der küene man:

‘ich muoz mit iu strîten, ‖ wan ichz gelobt hân.

nu wert iuch, küene helde, ‖ sô lieb iu sî der lîp.

mich enwoltes niht erlâzen ‖ des künic Etzelen wîp.’

‘Ir widersagt uns nu ze spâte,’ ‖ sprach der künic hêr.

‘nu müez iu got vergelten, ‖ vil edel Rüedegêr,

triuwe unde minne ‖ die ir uns hapt getân.

ob ir ez an dem ende ‖ woldet güetlîcher lân,

Wir soltenz immer dienen, ‖ daz ir uns hapt gegeben,

ich unt mîne mâge, ‖ ob ir uns liezet leben.

der hêrlîchen gâbe, ‖ dô ir uns brâhtet her

in Etzeln lant zen Hiunen, ‖ des gedenct, vil edel Rüedegêr.’

‘Wie wol ich iu des gunde,’ ‖ sprach Rüedegêr der degen,

‘daz ich iu mîne gâbe ‖ mit vollen solde wegen 10

alsô willeclîche ‖ als ich des hete wân!

sone wurde mir dar umbe ‖ nimmer schelten getân.’

‘Erwindet edel Rüedegêr,’ ‖ sprach dô Gêrnôt.

‘wan ez wirt deheiner ‖ gesten nie erbôt

sô rehte minneclîchen ‖ als ir uns hapt getân,

des sult ir wol geniezen, ‖ ob wir bî lebene bestân.’

‘Daz wolde got,’ sprach Rüedegêr, ‖ ‘vil edel Gêrnôt,

daz ir ze Rîne wæret ‖ und ich wære tôt

mit etlîchen êren, ‖ sîd ich iuch sol bestân!

ez wart an ellenden ‖ von friunden noh nie wirs getân.’

‘Nu lône iu got, hêr Rüedegêr,’ ‖ sprach dô Gêrnôt,

‘der vil rîchen gâbe. ‖ mich riwet iwer tôt,

sol an iu verderben ‖ so tugentlîcher muot.

hie trag ich iwer wâffen, ‖ daz ir mir gâbet, helt guot.

Daz ist mir nie geswichen ‖ in aller dirre nôt:

under sînen ecken ‖ lît manic rîter tôt. 10

ez ist lûter unde stæte, ‖ hêrlîch unde guot.

ich wæn sô rîche gâbe ‖ ein reke nimmer mêr getuot.

Und welt ir niht erwinden ‖ irn welt zuo uns gân,

slaht ir mir iht der friunde ‖ die ich hinne hân,

mit iwer selbes swerte ‖ nim ich iu den lîp:

sô riwet ir mich, Rüedegêr, ‖ unde iwer hêrlîchez wîp.’

‘Daz wolde got, hêr Gêrnôt, ‖ und meht ez ergân,

daz aller iwer wille ‖ wære hie getân

und daz genesen wære ‖ iwer friunde lîp!

jâ sol iu wol getrûwen ‖ beidiu mîn tohter und mîn wîp.’

Dô sprach von Burgonden ‖ der schœnen Uoten kint

‘wie tuot ir sô, hêr Rüedegêr? ‖ di mit mir komen sint,

si sint iu alle wæge. ‖ ir grîfet übel zuo.

die iwer schœne tohter ‖ welt ir verwitwen ze fruo.

Swenne ir und iwer recken ‖ mit strîte mich bestât,

wie reht unfriuntlîche ‖ ir daz schînen lât 10

daz ich iu wol getrûwe ‖ für alle ander man,

dâ von ich ze wîbe ‖ iwer tohter mir gewan.’

‘Gedenket iwer triuwen, ‖ vil edel künic hêr,

gesende iuch got von hinne.’ ‖ sô sprach Rüedegêr.

‘lât die juncvrouwen ‖ niht engelten mîn:

durch iwer selbes tugende ‖ sô ruochet ir genædic sîn.’

‘Daz tæt ich billîche,’ ‖ sprach Gîselher daz kint:

‘die hôhen mîne mâge, ‖ di noch hier inne sint,

suln die von iu sterben, ‖ sô muoz gescheiden sîn

diu vil stæte friuntschaft ‖ zuo dir unde der tohter dîn.’

‘Nu müez uns got genâden,’ ‖ sprach der küene man.

dô huoben si die schilde, ‖ alsô si wolden dan

strîten zuo den gesten ‖ in Kriemhilte sal.

dô rief vil lûte Hagene ‖ von der stiege hin zetal

‘Belîbet eine wîle, ‖ vil edel Rüedegêr.’

alsô sprach dô Hagene. ‖ ‘wir wolden reden mêr, 10

ich und mîne hêrren, ‖ als uns des twinget nôt.

waz mack gehelfen Etzeln ‖ unser ellender tôt?’

‘Ich stên in grôzen sorgen,’ ‖ sprach aber Hagene.

‘den schilt den mir vrou Gotlint ‖ gab ze tragene,

den habent mir die Hiunen ‖ zerhouwen von der hant.

ich fuort in friuntlîche ‖ in daz Etzelen lant.

Daz des got von himele ‖ ruochen wolde

daz ich schilt sô guoten ‖ noch tragen solde

sô den du hâst vor hende, ‖ vil edel Rüedegêr!

so bedorfte ich in dem sturme ‖ deheiner halsperge mêr.’

‘Vil gerne wær ich dir guot ‖ mit mînem schilde,

getörst ich dirn gebieten ‖ vor Kriemhilde.

doch nim du in hin, Hagene, ‖ unt trag in an der hant.

hey soldest du in füeren ‖ in der Burgonden lant!’

Do er im sô willeclîchen ‖ den schilt ze geben bôt,

dô wart genuoger ougen ‖ von heizen trehen rôt. 10

ez was diu leste gâbe ‖ die sider immer mêr

bôt deheinem degene ‖ von Bechlâren Rüedegêr.

Swie grimme Hagen wære ‖ unt swie zornic gemuot,

ja erbarmet im diu gâbe ‖ die der helt guot

bî sînen lesten zîten ‖ sô nâhen het getân.

vil manic ritter edele ‖ mit im trûren began.

‘Nû lône iu got von himele, ‖ vil edel Rüedegêr.

ez wirt iwer gelîche ‖ deheiner nimmer mêr,

der ellenden recken ‖ so hêrlîchen gebe.

sô sol daz got gebieten ‖ daz iwer tugende immer lebe.’

‘Sô wê mich dirre mære.’ ‖ sô sprach ab Hagene.

‘wir heten ander swære ‖ sô vil ze tragene:

sul wir mit friunden strîten, ‖ daz sî got gekleit.’

dô sprach der marcgrâve ‖ ‘daz ist mir inneclîche leit.’

‘Nu lôn ich iu der gâbe, ‖ vil edel Rüedegêr,

swie halt gein iu gebâren ‖ dise reken hêr, 10

daz nimmer iuch gerüeret ‖ mit strîte hie mîn hant,

ob ir si alle slüeget, ‖ die von Burgonden lant.’

Des neig im mit zühten ‖ der guote Rüedegêr.

si weinten allenthalben. ‖ daz disiu herzen sêr

niemen scheiden kunde, ‖ daz was ein michel nôt.

vater aller tugende ‖ lac an Rüedegêre tôt.

Dô sprach von dem hûse ‖ Volkêr der spileman:

‘sît mîn geselle Hagene ‖ den vride hât getân,

den sult ir alsô stæte ‖ haben von mîner hant.

daz hapt ir wol verdienet, ‖ dô wir kômen in daz lant.

Vil edel marcgrâve, ‖ ir sult mîn bote sîn.

dise rôte bouge ‖ gab mir diu margrâvîn,

daz ich si tragen solde ‖ hie zer hôchgezît:

die mugt ir selbe schouwen, ‖ daz ir des mîn geziuge sît.’

‘Daz wolde got der rîche,’ ‖ sprach dô Rüedegêr,

‘daz iu diu margrâvinne ‖ noch solte geben mêr! 10

diu mære sag ich gerne ‖ der triutinne mîn,

gesihe ich si gesunder: ‖ des sult ir âne zwîfel sîn.’

Als er im daz gelobte, ‖ den schilt huop Rüedegêr:

des muotes er ertobte: ‖ do enbeit er dâ niht mêr,

dô lief er zuo den gesten, ‖ einem degen gelîch.

manegen slac vil swinden ‖ sluoc der margrâve rîch.

Die zwêne stuonden hôher, ‖ Volkêr und Hagene,

wan ez im ê gelobten ‖ die zwêne degene:

noch vant er als küenen ‖ bî den türnen stân,

daz Rüedegêr des strîtes ‖ mit grôzen sorgen began.

Durch mortræchen willen ‖ sô liezen si dar in

Gunther und Gêrnôt: ‖ si heten helde sin.

dô stuond hôher Gîselher: ‖ zwâr ez was im leit.

er versach sich noch des lebenes; ‖ dâ von er Rüedegêren meit.

Dô sprungen zuo den vînden ‖ des margrâven man.

man sach si nâch ir hêrren ‖ vil tugentlîchen gân. 10

diu snîdunde wâfen ‖ si truogen an der hant:

des brast dâ vil der helme ‖ und manic hêrlîcher rant.

Dô sluogen die vil müeden ‖ vil manegen swinden slac

den von Bechelâren, ‖ der eben unt tiefe wac,

durch die vesten ringe ‖ vast unz ûf daz verch.

si tâten in dem sturme ‖ diu vil hêrlîchen werch.

Daz edel ingesinde ‖ was nu komen gar:

Volkêr und Hagene ‖ die sprungen balde dar.

sine gâben fride niemen, ‖ wan dem einem man.

von ir beider hende ‖ daz bluot nider durch helme ran.

Wie rehte gremlîche ‖ vil swerte drinne erklanc!

vil der schiltspange ‖ ûz den slegen spranc:

des reis ir schiltsteine ‖ nider in daz bluot,

si vâhten alsô grimme, ‖ daz manz nimmer mêr getuot.

Der vogt von Bechelæren ‖ gie wider unde dan,

alsô der mit ellen ‖ in sturme werben kan. 10

dem tet des tages Rüedegêr ‖ harte wol gelîch

daz er ein rekhe wære ‖ vil küene unde lobelîch.

Vil wol zeigte Rüedegêr ‖ daz er was stark genuoc,

küene, und wol gewâfent: ‖ hey waz er helde sluoc!

daz sach ein Burgonde: ‖ zorns was im nôt.

dâ von begunde nâhen ‖ des edeln Rüedegêres tôt.

Gêrnôt der starke, ‖ den helt den rief er an.

er sprach zem margrâven: ‖ ‘ir welt mir mîner man

niht genesen lâzen, ‖ vil edel Rüedegêr.

daz müet mich âne mâze: ‖ ichn kans niht an gesehen mêr.

Nu mag iu iwer gâbe ‖ wol ze schaden komen,

sît ir mîner friunde ‖ hapt sô vil benomen.

nu wendet iuch her umbe, ‖ vil edel küene man.

iwer gâbe wirt verdienet ‖ sô ich iz aller hœhste kan.’

Ê daz der margrâve ‖ zuo im volkœme dar,

des muosen liehte ringe ‖ werden missevar. 10

dô sprungen zuo ein ander ‖ die êren gernde man.

ir ietweder schermen ‖ für starke wunden began.

Ir swert sô scharpf wâren, ‖ sine kunde niht gewegen.

dô sluoc Gêrnôten ‖ Rüedegêr der degen

durch flinsherten helmen ‖ daz nider flôz daz bluot.

daz vergalt im sciere ‖ der rîter küen unde guot.

Die Rüedegêres gâbe ‖ an hende er hôh erwac:

swie wunt er wær zem tôde, ‖ er sluog im einen slac

durch den schilt vil guoten ‖ unz ûf diu helmgespan.

dâ von muos ersterben ‖ dô der Gotelinden man.

Jane wart nie wirs gelônet ‖ sô rîcher gâbe mêr.

dô vielen beide erslagne, ‖ Gêrnôt und Rüedegêr,

gelîch in dem sturme ‖ von ir beider hant.

alrest erzurnde Hagne, ‖ dô der den grôzen schaden bevant.

Dô sprach der von Tronge ‖ ‘ez ist uns übel komen.

wir haben an in beiden ‖ sô grôzen schaden genomen, 10

den wir nimmer überwinden, ‖ ir liut und ouch ir lant.

die Rüedegêres helde ‖ sint unser ellenden phant.’

‘Owê mich mînes bruoder, ‖ der tôt ist hie gefrumt.

waz mir der leiden mære ‖ ze allen zîten kumt!

ouch muoz mich immer riuwen ‖ der edel Rüedegêr.

der schade ist beidenthalben ‖ unt diu grœzlîchen sêr.’

Dô der junge Gîselher ‖ sach sînen bruoder tôt,

die dô dar inne wâren, ‖ die muosen lîden nôt.

der tôt der suochte sêre ‖ dâ sîn gesinde was.

der von Bechelâren ‖ dô langer einer niht genas.

‘Der tôt uns sêre roubet,’ ‖ sprach Gîselher daz kint.

‘nu lâzet iwer weinen, ‖ unt gê wir an den wint,

daz uns die ringe erkuolen, ‖ uns strîtmüeden man.

jâ wæn uns got hie langer ‖ niht ze lebene gan.’

Den sitzen disen leinen ‖ sach man manegen degen.

si wâren aber müezic: ‖ dâ wâren tôt gelegen 10

die Rüedegêres helde. ‖ zergangen was der dôz.

sô lange wert diu stille ‖ daz sîn Etzeln verdrôz.

‘Owê dirre dienste,’ ‖ sprach des küneges wîp:

‘dine sint niht sô stæte, ‖ daz unser vînde lîp

müge des engelten ‖ von Rüedegêres hant.

er wil si wider bringen ‖ in der Burgonde lant.

Waz hilfet, künic Etzel, ‖ daz wir geteilet hân

mit im swaz er wolde? ‖ der helt hât missetân.

der uns dâ solde rechen, ‖ der wil der suone pflegen.’

des antwurt ir dô Volkêr, ‖ der vil zierlîche degen,

‘Der rede en ist sô niht leider, ‖ vil edels küneges wîp.

getörst ich heizen liegen ‖ alsus edeln lîp,

sô het ir tievellîchen ‖ an Rüedegêr gelogen.

er unt die sîne degene ‖ sint an der suone gar betrogen.

Er tet sô willeclîche ‖ daz im der künec gebôt,

daz er unt sîn gesinde ‖ ist hie gelegen tôt. 10

nu seht al umbe, Kriemhilt, ‖ wem ir nu gebieten welt.

iu hât unz an den ende ‖ gedienet Rüedegêr der helt.

Welt ir daz niht gelouben, ‖ man sol iuchz sehen lân.’

durch ir herzen sêre ‖ sô wart duo daz getân,

man truoc den helt verhouwen ‖ dâ in der künic sach.

der Etzelen degenen ‖ sô rehte leide nie geschach.

Dô si den margrâven ‖ tôten sâhen tragen,

ez enkunde ein schrîber ‖ gebriefen noch gesagen

die manegen ungebærde ‖ von wîbe und ouch von man,

diu sich von herzen jâmer ‖ aldâ zeigen began.

Da rief der edle Markgraf ‖ hinüber in den Saal:

‘Ihr kühnen Nibelungen, ‖ nun wehrt euch allzumal.

Ihr solltet mein geniessen, ‖ ihr entgeltet mein;

Einst waren wir befreundet: ‖ der Treue will ich ledig sein.’ 20

Da erschraken dieser Märe ‖ die Nothbedrängten sehr.

Es ward davon der Freude ‖ bei Niemanden mehr,

Dass sie bestreiten wollten ‖ dem Jeder Liebe trug:

Sie hatten von den Feinden ‖ schon Leid erfahren genug.

‘Das verhüte Gott vom Himmel!’ ‖ sprach Gunther der Degen,

‘Dass ihr eurer Freundschaft ‖ also thut entgegen

Und der grossen Treue, ‖ worauf uns sann der Muth:

Ich will euch wohl vertrauen, ‖ dass ihr das nimmermehr thut!’

‘Es ist nicht mehr zu wenden,’ ‖ sprach der kühne Mann,

‘Ich muss mit euch streiten, ‖ wie ich den Schwur gethan. 30

Nun wehrt euch, kühne Helden, ‖ so lieb euch sei der Leib:

Mir wollt es nicht erlassen ‖ des Kön’g Etzel Weib.’

‘Ihr widersagt uns allzuspät,’ ‖ sprach der König hehr.

‘Nun mög euch Gott vergelten, ‖ viel edler Rüdiger,

Die Treue und die Liebe, ‖ die ihr an uns geübt,

Wenn ihr bis an das Ende ‖ uns so gewogen auch bliebt. 20

‘Wir wolltens immer danken, ‖ was ihr uns gegeben,

Ich und meine Freunde, ‖ liesset ihr uns leben:

Ihr gabt uns hehre Gaben, ‖ als ihr uns führtet her

Ins Heunenland zu Etzeln; ‖ bedenkt das, edler Rüdiger!’

‘Wie gern ich euch das gönnte!’ ‖ sprach Rüdiger der Degen,

‘Wenn ich euch meiner Gabe ‖ die Fülle dürfte wägen

Nach meinem Wohlgefallen; ‖ wie gerne thät ich das,

So mir es nicht erwürbe ‖ der edeln Königin Hass!’

‘Lasst ab, edler Rüdiger,’ ‖ sprach da Gernot,

‘Nie ward ein Wirth gefunden, ‖ der es den Gästen bot 30

So freundlich und so gütlich, ‖ als uns von euch geschehn:

Des sollt ihr auch geniessen, ‖ so wir lebendig entgehn.’

‘Das wollte Gott,’ sprach Rüdiger, ‖ ‘viel edler Gernot,

Dass ihr am Rheine wäret, ‖ und ich wäre todt:

So rettet’ ich die Ehre, ‖ da ich euch soll bestehn;

Es ist an fremden Dingen ‖ von Freunden nie so arg geschehn.’ 20

‘Nun lohn euch Gott, Herr Rüdiger,’ ‖ sprach da Gernot,

‘Eure reiche Gabe. ‖ Mich reuet euer Tod,

Soll an euch verderben ‖ so tugendlicher Muth.

Hier trag ich eure Waffe, ‖ die ihr mir gabet, Degen gut.

Die hat mir nie versaget ‖ in aller dieser Noth;

Es fiel vor ihrer Schärfe ‖ so mancher Ritter todt;

Sie ist stark und lauter, ‖ herrlich und gut;

Gewiss, so reiche Gabe ‖ nie wieder ein Recke thut.

Und ist euch nicht zu rathen, ‖ und wollt ihr uns bestehn,

Erschlagt ihr mir die Freunde, ‖ die hier noch bei mir stehn, 30

Mit Euerm Schwerte nehm ich ‖ Leben euch und Leib:

So reuet ihr mich, Rüdiger, ‖ und euer herrliches Weib.’

‘Das wolle Gott, Herr Gernot, ‖ und möchte das geschehn,

Dass hier Alles könnte ‖ nach euerm Willen gehn,

Und dass gerettet würde ‖ eurer Freunde Leib:

Euch sollten wohl vertrauen ‖ meine Tochter und mein Weib.’ 20

Da sprach von Burgonden ‖ der schönen Ute Kind;

‘Wie thut ihr so, Herr Rüdiger? ‖ Die mit mir kommen sind,

Die sind euch All gewogen; ‖ ihr greifet übel zu:

Eure schöne Tochter ‖ wollt ihr verwittwen allzufruh.

Wenn ihr und eure Recken ‖ mich wollt im Streit bestehn,

Wie wäre das unfreundlich, ‖ wie wenig liess es sehn,

Dass ich euch vertraute ‖ vor jedem andern Mann,

Als ich zu einem Weibe ‖ eure Tochter mir gewann.’

‘Gedenkt eurer Treue, ‖ viel edler König hehr,

Und schickt euch Gott von hinnen,’ ‖ so sprach Rüdiger, 30

‘So soll es nicht entgelten ‖ die liebe Tochter mein:

Bei aller Fürsten Tugend ‖ geruht ihr gnädig zu sein.’

‘So sollt ichs billig halten,’ ‖ sprach Geiselher das Kind,

‘Doch meine hohen Freunde, ‖ die noch im Saale sind,

Wenn die vor euch ersterben, ‖ so muss geschieden sein

Diese stäte Freundschaft ‖ zu dir und der Tochter dein.’ 20

‘Nun möge Gott uns gnaden,’ ‖ sprach der kühne Mann.

Da hoben sie die Schilde, ‖ als wollten sie hinan

Zu streiten mit den Gästen ‖ in Kriemhildens Saal;

Überlaut rief Hagen da ‖ von der Stiege zu Thal:

‘Noch harret eine Weile, ‖ viel edler Rüdiger.’

Also sprach da Hagen: ‖ ‘Wir reden erst noch mehr,

Ich und meine Herren, ‖ uns zwingt dazu die Noth.

Was hilft es Etzeln, finden ‖ wir in der Fremde den Tod?’

‘Ich steh in grosser Sorge,’ ‖ sprach wieder Hagen.

‘Den Schild, den Frau Gotlinde ‖ mir gab zu tragen, 30

Den haben mir die Heunen ‖ zerhauen vor der Hand:

Ich bracht ihn doch mit Treue ‖ her in König Etzels Land.

Dass es Gott im Himmel ‖ vergönnen wollte,

Dass ich so guten Schildes ‖ geniessen sollte,

Als du hast vor den Händen, ‖ viel edler Rüdiger:

So bedürft ich in dem Sturme ‖ keiner Halsbergen mehr.’ 20

‘Gern wollt ich dir dienen ‖ mit meinem Schilde,

Dürft ich dir ihn bieten ‖ vor Kriemhilde.

Doch nimm ihn immer, Hagen, ‖ und trag ihn an der Hand:

Hei! dürftest du ihn führen ‖ heim in der Burgonden Land!’

Als er den Schild zu geben ‖ so willig sich erbot,

Da wurden Mancher Augen ‖ von heissen Thränen roth.

Es war die letzte Gabe, ‖ es durfte nimmermehr

Einem Degen Gabe bieten ‖ von Bechlaren Rüdiger.

Wie grimmig auch Hagen, ‖ wie zornig war sein Muth,

Ihn erbarmte doch die Gabe, ‖ die der Degen gut 30

So nahe seinem Ende ‖ noch an ihn gethan.

Mancher edle Ritter ‖ mit ihm zu trauern begann.

‘Nun lohn euch Gott vom Himmel, ‖ viel edler Rüdiger.

Es giebt eures Gleichen ‖ auf Erden nimmermehr,

Der heimatlosen Degen ‖ so milde Gabe gebe:

So möge Gott gebieten, ‖ dass eure Tugend immer lebe.’ 20

‘O weh mir dieser Märe,’ ‖ sprach wieder Hagen,

‘Wir hatten Herzensschwere ‖ genug zu tragen:

Da müsse Gott erbarmen, ‖ gilts uns mit Freunden Streit!’

Da sprach der Markgraf wieder: ‖ ‘Das ist mir inniglich leid.’

‘Nun lohn ich euch die Gabe, ‖ viel edler Rüdiger.

Was immer wiederfahre ‖ diesen Recken hehr,

Es soll euch nicht berühren ‖ im Streite meine Hand,

Ob ihr sie all erschlüget, ‖ Die von der Burgonden Land.’

Da neigte sich ihm dankend ‖ der gute Rüdiger. 30

Sie weinten allenthalben. ‖ Dass nicht zu wenden mehr

Dieser Herzensjammer, ‖ das war eine grosse Noth.

Der Vater aller Tugend ‖ fand an Rüdiger den Tod.

Da sprach von der Stiege ‖ Volker, der Fiedelmann:

‘Da mein Geselle Hagen ‖ euch bot den Frieden an,

So biet ich auch so stäten ‖ euch von meiner Hand;

Das habt ihr wohl verdienet, ‖ da wir kamen in das Land. 20

Ihr sollt, viel edler Markgraf, ‖ mein Bote werden hier:

Diese rothen Spangen ‖ gab Frau Gotlinde mir,

Dass ich sie tragen sollte ‖ bei dieser Lustbarkeit;

Ihr mögt sie selber schauen, ‖ dass ihr des mein Zeuge seid.’

‘Wollt es Gott, der Reiche,’ ‖ sprach da Rüdiger,

‘Dass die Markgräfin ‖ euch geben dürfte mehr.

Die Märe sag ich gerne ‖ der lieben Trauten mein,

Seh ich gesund sie wieder: ‖ des sollt ihr ausser Zweifel sein.’

Nach diesem Angeloben ‖ den Schild hob Rüdiger,

Sein Muth begann zu toben: ‖ nicht länger säumt’ er mehr; 30

Auf lief er zu den Gästen ‖ wohl einem Helden gleich:

Viel kraftvolle Schläge ‖ schlug da dieser Markgraf reich.

Da wichen ihm die Beiden, ‖ Volker und Hagen, weit,

Wie ihm verheissen hatten ‖ die Recken kühn im Streit.

Noch traf er bei der Thüre ‖ so manchen Kühnen an,

Dass Rüdiger die Feindschaft ‖ mit grossen Sorgen begann. 20

Aus Mordgierde liessen ‖ in das Haus ihn ein

Gernot und Günther, ‖ das mochten Helden sein.

Zurück wich da Geiselher, ‖ fürwahr, es war ihm leid:

Er hoffte noch zu leben, ‖ drum mied er Rüdigern im Streit.

Da sprangen zu den Feinden ‖ Die in Rüdgers Lehn,

Man sah sie hohen Muthes ‖ bei ihrem Herren gehn,

Schneidende Waffen ‖ trugen sie an der Hand:

Da brachen viel der Helme ‖ und mancher schöne Schildesrand.

Da schlugen auch die Müden ‖ manchen starken Schlag

Auf die von Bechlaren, ‖ der tief und eben brach 30

Durch die festen Panzer ‖ und drang bis auf das Blut:

Sie thaten in dem Sturme ‖ viel Wunder herrlich und gut.

Das edle Heergesinde ‖ war nun in dem Saal;

Volker und Hagen, ‖ die sprangen hin zumal:

Sie gaben Niemand Frieden ‖ als dem Einen Mann;

Das Blut von ihren Hieben ‖ von den Helmen niederrann. 20

Wie da der Schwerter Tosen ‖ so furchtbar erklang,

Dass unter ihren Schlägen ‖ das Schildgespäng zersprang!

Die Schildsteine rieselten ‖ nieder in das Blut;

Da fochten sie so grimmig, ‖ wie man es nie wieder thut.

Der Vogt von Bechlaren ‖ schuf hin und her sich Bahn,

Wie Einer der mit Kräften ‖ im Sturme werben kann;

Des Tages ward an Rüdiger ‖ herrlich offenbar,

Dass er ein Recke wäre ‖ kühn und ohne Tadel gar.

Wohl erwies da Rüdiger, ‖ dass er stark genug,

Kühn und wohlgewaffnet; ‖ hei! was er Helden schlug! 30

Das sah ein Burgonde, ‖ dem schuf es Zorn und Noth:

Davon begann zu nahen ‖ des edeln Rüdigers Tod.

Gernot, der starke, ‖ rief den Helden an,

Er sprach sum Markgrafen: ‖ ‘Ihr wollt von unserm Bann

Niemand leben lassen, ‖ viel edler Rüdiger:

Das schmerzt mich ohne Massen; ‖ ich ertrag es länger nicht mehr. 20

Nun mag euch eure Gabe ‖ zu Unstatten kommen,

Da ihr mir der Freunde ‖ habt so viel benommen;

Nun bietet mir die Stirne, ‖ ihr edler, kühner Mann:

Eure Gabe wird verdienet, ‖ so gut ich immer nur kann.’

Bevor da der Markgraf ‖ zu ihm gedrungen war,

Ward noch getrübt vom Blute ‖ manch lichter Harnisch klar.

Da liefen sich einander ‖ die Ehrbegiergen an:

Jedweder sich zu schirmen ‖ vor starken Wunden begann.

Ihre Schwerter waren schneidig, ‖ es schirmte nichts dagegen.

Da schlug Gernoten ‖ Rüdiger der Degen 30

Durch den steinharten Helm, ‖ dass niederfloss das Blut:

Das vergalt ihm balde ‖ dieser Ritter kühn und gut.

Da schwang er Rüdgers Gabe, ‖ die ihm in Händen lag:

Wie wund er war zum Tode, ‖ er schlug ihm einen Schlag

Durch des Helmes Bänder ‖ und durch den festen Schild,

Davon ersterben musste ‖ der gute Rüdiger mild. 20

Nie ward so reicher Gabe ‖ so schlimm gelohnet mehr.

Da fielen beid erschlagen, ‖ Gernot und Rüdiger,

Im Sturme gleichermassen ‖ von beider Kämpfer Hand.

Da erst ergrimmte Hagen, ‖ als er den grossen Schaden fand.

Da sprach der Held von Tronje: ‘Es ist uns schlimm bekommen:

So grossen Schaden haben ‖ wir an den Zwein genommen,

Dass wir ihn nie verwinden, ‖ noch auch ihr Volk und Land.

Uns Heimatlosen bleiben ‖ nun Rüdgers Helden zu Pfand.’

‘Weh mir um den Bruder! ‖ der fiel hier in den Tod:

Was mir zu allen Stunden ‖ für leide Märe droht! 30

Auch muss mich immer reuen ‖ der gute Rüdiger:

Der Schad ist beidenthalben ‖ und grossen Jammers Beschwer.

Als der junge Geiselher ‖ sah seinen Bruder todt,

Die da im Saale waren, ‖ die mussten leiden Noth.

Der Tod warb um Beute ‖ unter Rüdgers Heer;

Deren von Bechlaren ‖ entgieng kein Einziger mehr. 20

‘Uns raubt der Tod die Besten,’ ‖ sprach Geiselher das Kind,

‘Nun lasset ab mit Weinen, ‖ und gehn wir an den Wind,

Dass sich die Panzer kühlen ‖ uns streitmüden Degen:

Es will nicht Gott vom Himmel, ‖ dass wir länger leben mögen.’

Den sitzen, den sich lehnen, ‖ sah man manchen Mann.

Sie waren wieder müssig; ‖ Die in Rüdgers Bann

Waren all erlegen; ‖ verhallt war Drang und Stoss.

Die Stille währte lange, ‖ bis es Etzeln verdross.

‘O weh dieser Dienste!’ ‖ sprach des Königs Weib.

‘Er ist nicht so getreue, ‖ dass unser Feinde Leib 30

Des entgelten müsste, ‖ von Rüdigers Hand:

Er will sie wiederbringen ‖ in der Burgonden Land.

‘Was hilft uns, König Etzel, ‖ dass wir an ihn verthan

Wes er nur begehrte? ‖ Er hat nicht wohl gethan!

Der uns rächen sollte, ‖ will der Sühne pflegen.’

Da gab ihr Volker Antwort, ‖ dieser zierliche Degen. 20

‘Dem ist nicht also, leider, ‖ viel edles Königsweib;

Und dürft ich Lügen strafen ‖ ein so hehres Weib,

So hättet ihr recht teuflisch ‖ auf Rüdiger gelogen:

Er und seine Degen ‖ sind um die Sühne gar betrogen.

So williglich vollbracht er ‖ was der König ihm gebot,

Dass er und sein Gesinde ‖ hier fielen in den Tod.

Nun seht euch um, Kriemhilde, ‖ wem ihr gebieten wollt:

Euch war bis an sein Ende ‖ Rüdiger getreu und hold.

Wollt ihr das nicht glauben, ‖ so schaut es selber an.’

Zu ihrem Herzleide ‖ ward es da gethan: 30

Man trug den Held erschlagen hin ‖ wo ihn der König sah.

König Etzels Degen ‖ so leid wohl nimmer geschah.

Als sie den Markgrafen ‖ todt sahen vor sich tragen,

Da vermöcht euch kein Schreiber ‖ zu deuten noch zu sagen

Die ungebärdge Klage ‖ so von Weib als Mann,

Die sich aus jammernden Herzen ‖ da zu zeigen begann.