FRIEDRICH RUDOLPH LUDWIG FREIHERR VON CANITZ.

[Scherer D. 368, E. 372.]

Geboren 1654 in Berlin, studierte in Leiden und Leipzig, reiste in Italien, Frankreich und Holland, trat in den preussischen Staatsdienst und starb 1699 als Geheimer Staatsrath. Er hielt sich wie Weise von dem Schwulst fern und nahm die Franzosen, besonders Boileau, zu seinem Muster. Herausg. von König (Leipzig 1727).

VON DER POESIE.

Auf! säume nicht, mein Sinn, ein gutes Werck zu wagen,

Und aller Tichterey auf ewig abzusagen; 30

Gieb weiter kein Gehör, wenn die Syrene singt,

Und such ein ander Spiel, das bessern Nutzen bringt.

Wie? sprichst du, soll ich schon den Zeitvertreib verschwören,

Dadurch ich bin gewohnt die Grillen abzukehren,

Der mir, in Sicherheit, bisher die Stunden kürtzt?

An statt, dass mancher sich, aus Lust, in Unlust stürtzt,

Und, weil ein schwartzer Punct im Würffeln ausgeblieben,

Zuletzt aus dem Besitz der Güter wird getrieben.

Ich thu mir schon Gewalt, wenn ich viel Thorheit seh,

Die ich bescheidentlich mit Schweigen übergeh; 10

Das aber ding ich aus, nicht zu des Nechsten Schaden,

Nein, sondern nur mein Hertz der Bürde zu entladen,

Dass ich durch einen Reim, was ich den gantzen Tag

Geduldig angemerckt, mir selbst vertrauen mag.

Da schenck ichs keinem nicht, kein Ort ist, den ich schone,

Von schlechten Hütten an, biss zu des Königs Throne.

Ein bärtiger Heyduck, der, wie ein Cherubim,

Die Streit-Axt in der Hand, die Augen voller Grimm,

Der Auserwehlten Sitz verschleusst für meines gleichen,

Muss, wie ein schüchtern Reh, von seiner Wacht entweichen, 20

Wenn mein gerechter Zorn erst an zu brennen fängt,

Und sich bis in den Schoos des blinden Glückes drängt,

Die Larve vom Gesicht des Lasters weg zu reissen.

Weh dem, der thöricht ist, und dennoch klug will heissen!

Denn wo sein Nahme nur sich in die Verse schickt,

So wird er alsofort dem Mayer beygerückt.

In meinem Schüler-Stand, auf den bestaubten Bäncken

Hub sich die Kurtzweil an. Solt ich auf Sprüche dencken,

Die man gezwungen lernt, und länger nicht bewahrt,

Als biss der kluge Sohn, nach Papageyen-Art, 30

Sie zu der Eltern Trost, dem Lehrer nachgesprochen,

So ward mir aller Fleiss durch Reimen unterbrochen,

Da mahlt ich ungeübt, in meiner Einfalt, ab,

Wenn Meister und Gesell mir was zu lachen gab;

Biss, nach und nach, die Zeit den Vorhang weggeschoben,

Und mir, was scheltens-werth, hingegen was zu loben,

Was Hof und Kirch und Land, und Stadt für Wunder hegt

Und was mir selber fehlt, getreulich ausgelegt.

Das mach ich mir zu nutz, und durch des Himmels Güte,

Werd ich ie mehr und mehr bestärckt, dass ein Gemüthe,

Wenn es der Tyranney des Wahnes obgesiegt,

Und seine Freyheit kennt, gantz Peru überwiegt:

Das ists, was offt mein Kiel schreibt in gebundnen Sätzen.

Was mich nun dergestalt in Unschuld kan ergetzen,

Wozu mich die Natur ... Halt ein, verführter Sinn,

Drum eben straf ich dich, weil ich besorget bin,

Es möchte, was itzund noch leicht ist zu verstöhren, 10

Sich endlich, unvermerckt, in die Natur verkehren.

Wo hat Justinian das strenge Recht erdacht,

Durch welches ein Phantast wird Vogel-frey gemacht?

Und, da ein weiser Mann diss für was grosses schätzet,

Dass man noch keinen Zoll auf die Gedancken setzet,

Ist wohl der beste Rath, man seh und schweige still,

Und stelle jedem frey, zu schwärmen, wie er will;

Indem es fast so schwer, die rohe Welt zu zwingen,

Als mancher Priesterschafft das Beicht-Geld abzubringen.

Ein Spiegel weiset uns der Narben Hesslichkeit, 20

Doch wird er offtermahls deswegen angespeyt.

Du meinst zwar, was du schreibst, soll nie das Licht erblicken,

Wie bald kan aber diss auch dir eins missgelücken?

Von deinem schönen Zeug entdeck ich, wie mich deucht,

Schon manch geheimes Blatt, das durch die Zechen fleucht;

So wirst du ein Poet, wie sehr du es verneinest;

Wer weiss, ob du nicht bald in offnem Druck erscheinest?

Vielleicht wird dein Gedicht, des Müssigganges Frucht,

Noch bey der späten Welt einmahl hervor gesucht,

Und mit dem Juvenal in einem Pack gefunden, 30

Wenn man ihn ohngefehr in Löschpapier gewunden.