HANS SACHS.
[Scherer D. 306, E. 304.]
Geboren 1494 zu Nürnberg. Er besuchte die lateinische Schule, wurde Schuhmacher, gieng auf die Wanderschaft und befleissigte sich der Dichtkunst. 1515 nach Nürnberg zurückgekehrt, heiratete er 1519 und starb 1576. Zwischen den Jahren 1514, wo er zu dichten angefangen, und 1567 hatte er 34 Bände mit 6048 Stücken gedichtet. Eine neue Ausgabe durch Keller und Götze begonnen (Tübingen 1870 ff.); eine Sammlung der Fastnachtspiele von Götze (Halle 1880 ff.); eine Auswahl veranstalteten Gödeke und Tittman (3 Bde. Leipzig 1870, 1871).
1.
WARUMB BETRÜBSTU DICH.
Warumb betrübstu dich mein hertz,
bekümmerst dich vnd tregest schmertz
Nur vmb dz zeitlich gut,
Vertraw du deinem Herren vnnd Gott,
der alle ding erschaffen hat. 10
Er weyss gar wol, was dir gebricht,
Himel vndt Erdt ist sein,
Mein Vatter vnnd mein Herre Gott,
der mir beisteht in aller not.
Weil du mein Gott vnnd Vatter bist,
Dein Kind wirst du verlassen nicht,
du Vätterliches hertz,
ich bin ein armer erden Kloss,
auff Erden weiss ich keinen trost. 10
Der Reich verlest sich auff sein zeytliches gut,
ich aber wil dir vertrawen mein Gott.
ob ich gleich werdt veracht,
So weiss ich vnd glaub vestiglich,
wer dir vertrawt dem mangelt nicht.
Helia wer erneret dich,
da es so lange regnet nicht,
Inn so schwer thewrer zeyt,
Eine Widwe auss Sodmer landt,
zu welcher du von Gott warst gesandt.
Do er lag vnter dem Wacholder baum,
der Engel Gottes vom Himmel kam,
bracht jm Speiss vnde tranck,
Er gieng gar einen weiten gang,
Biss zu dem berg Horeb genandt.
Des Daniels Gott nicht vergass,
da er vnter den Löwen sass: 10
sein Engel sand er hin,
vnd liess jm speise bringen gut
durch seinen diener Habacuck.
[Joseph in Egypten verkauffet ward,
von König Pharao gefangen hart
vmb sein Gottsförchtigkeit:
Gott macht jn zu eim grossen Herrn,
das er kundt Vatter vnd Brüder ernehrn.
Es verliess auch nicht der trewe Gott
die drey Menner im Fewer ofen rot: 20
sein Engel sandt er jhn,
Bewart sie für dess Fewres glut
vnd halff jhnen auss aller noht.]
Ach Gott du bist noch heut so Reich,
Als du gewesen Ewigkleich,
Mein trawen steht zu dir,
Mach mich an meiner Seelen reich,
so hab ich genug hie vnd ewigkleich.
Der zeitlichen ehr will ich gern entpern,
du wöllest mich nur des ewigen gewern,
das du erworben hast
durch deinen herben bittern todt,
des bit ich dich mein HERR vnd Gott.
Alles was ist auff diser Welt, 10
es sey Silber Gold oder gelt,
Reichtumb vnnd zeitlich gut,
das weret nur ein kleine zeit
vnd hilfft doch nichts zur seligkeyt.
Ich danck dir Christ O Gottes Son,
das du mich solchs hast erkennen lon[912]
durch dein Gottliches Wort,
Verley mir auch bestendigkeyt
zu meiner seelen seligkeyt.
Lob ehr vnd preiss sey dir gesagt 20
für alle dein erzeigte wolthat
vnd bit demütig,
Lass mich nicht von deim angesicht
verstossen werden ewigklich,
Amen.
2.
LANDS KNECHT SPIEGEL.
Dess Kriegs art, frucht vnd lohn,
Magst du hierinn verstohn.
ALS ich vor dreyssig Jaren,
Noch Jung vnd vnerfahren,
Offt hört vom Kriege sagen,
Vnd mir auch hart anlagen
Mein Gsellen, das ich hin
Solt in den Krieg mit jhn,
Auch etwas zuerfahren, 10
Das ich in alten Jaren
Daruon zusagen west[913],
Fürsagten mir das best,
Das ich ein lust gewunn
Zum Krieg, vnd dem nachsunn,
Wie noch manch Junges blut,
Auss vnwissenheit thut.
Nun, eins Nachs gegem Tag,
Als ich frey munder lag,
Erschin mir hell vnd pur 20
Der gross Gott der Natur
Genius, sprach zu mir:
Wolauff Gsell, das ich dir
Den Krieg thu zeygen on,
Sein art, frucht vnd sein lohn,
Wenn ich dir den fürstell,
Nach dem dir ausserwel
In disen Krieg zuziehen,
Oder jhn gar zufliehen.
Nachdem da nam er mich, 30
Führt mich hoch vbersich
Hindurch den klaren lufft,
Vnd auff der Erden grufft
Mir zeigt ein weytes thal,
Verwüstet vberal,
Verhawen warn die Wälder,
Zertretten die Bawfelder,
Würtz, Kraut, Laub vnde Grass
Als abgefretzet was, 10
Sampt allerley Getreyd,
Vnd aller wunn vnd weyd,
Vnd die edlen Weinreben,
All fruchtbar Bäum darneben
Waren all abgehawen,
Die Ecker vngebawen,
Auch stunden die Weyer
Von Visch vnd Wasser leer,
Auch zeigt er mit darumb
Ein vber grosse sumb, 20
Lang vnd breyt etlich meyler
Dörffer vnd kleine Weyler
Die brunnen[914] hoch vnd lo,[915]
Eins theils die lagen do
In der Aschen, vnd rochen[916],
Zeigt mir wie sich verkrochen
Die Bawern in den Wälden,
In heckn vnd finstern hälden[917],
Der ich doch vil sah schetzn[918],
Fahen, Martern vnd pfetzn, 30
Auch wie da an den Strassen,
Vor den Dörffern sassen
Weib vnd die kleinen Kinder,
Hin war Rossz, Schaf vnd Rinder,
Auch jhr Schätzgelt eingraben,
War hin von den Kriegsknaben,
Sampt Futter vnd Getreyd,
Dess sassens in hertzleyd,
In hunger, durst vnd frost,
Elend ohn allen trost,
Vnd westen nit wohin,
Nach dem zeigt er mir in 10
Den Bergen mannich Schloss,
Welche durch das Geschoss,
Warn hart worden bekümmert,
Zerscherbet vnd zertrümmert,
Vnd aussgebrendt mit Fewer,
Doch stund noch etlich gmewer,
Sonst all NotFest[919] zerstört,
Kein Adel man drinn hört,
Hin war als Frawen Zimmer,
Vnd als was man vor jmmer 20
Geflöhnet[920] hett darein,
Das war hin gross vnd klein,
Nach dem er mir auch hat
Gezeiget die Hauptstatt,
Die vor war vest beschlossen,
Jetzt durch den Feind zerschossen,
Jhr Pastey[921] warn zerschellet,
Thürn vnd Brustwör gefellet,
Mit Pölern[922] hart gedrenget,
Vnd mit Puluer zersprenget, 30
Die Mawer vnd den Graben
Gar aussgefüllet haben,
Auch lag da noch vom sturm
Kriegsrüstung mancher furm[923],
Von den die Statt ward gewunnen
Das Wasser vnd die Brunnen
Warn abgraben vnd gnommen,
Als wir darob sind kommen,
Zeigt er mir hin vnd her
All gassen öd vnd lär,
Elend stund das Rathauss,
All Grechtigkeit war auss,
Niemand hett straff noch schutz, 10
Es lag gemeiner Nutz,
Freyheit, Original,
All Pollicey zumal,
Es schwieg Rath, Gsetz vnd Recht
Es galt Herr wie Stadtknecht,
War als verjagt vnd blöd,
Auch stund die Kirch gar öd,
Geblündert jhrer zier,
Kein Freyheit war in jhr,
Kein Ampt noch Sacrament, 20
Als Kirchengsang hett end,
Kein Glocken noch kein Vhr,
In jhr gehöret wur,
Da war kein Priester mehr,
Hin war jhr Würd vnd Ehr,
Derhalb das Göttlich Wort
Ward darinn nit gehort
Mehr auff dem Predigstul,
Auch stund gantz öd die Schul,
Niemand da mehr studieret 30
In Künsten Arguiret,
Kein freye Kunst gelehret,
Dardurch würde gemehret
Die zucht, weissheit vnd Tugend,
Bei der blüenden Jugend,
Auch stunden all Hämmer vnd Mül,
Auch sah ich alle Stühl
In den Werkstätten lär,
Ich sah kein Handwercker
Darinn schmieden noch drehen,
Bachen[924], schneyden noch nehen,
Schmeltzen, Giessen noch Weben,
Graben, Zimmern, darneben 10
Buchtrucken noch Binden,
Blieb alles dahinden,
Sticken vnd Seidenfitzen,
Mahln, Gulden oder schnitzen,
Sah weder Badn noch schern,
Lär waren all Tafern[925],
Sah kein Hochzeit noch Tentz,
Kein Bulerey noch Krentz,
Kein Seytenspiel, hofiern,
Kein Kurtzweil noch Thurniern, 20
Trawrig war all jhr wandel,
Aller Gewerb vnd Handel
Vom Krieg gefeget was,
Vnsicher war die Strass,
Auff alle Mess vnd Märck,
In Summa all Handwerck
Vnd Händel lagen nider,
Ich schawet hin vnd wider
Die Häuser alle offen,
Das Volck hett sich verschloffen[926], 30
All winckel hin vnd dar
Mit klag erfüllet war,
Mit seufftzen, gschrey vnd weinen,
Von grossen vnd von kleinen,
Dann all Häuser in zorn
Zerrissn, geblündert worn,
Aller Haussrath war hin,
Pettgwand, Silber vnd Zinn,
Kleyder vnd die Barschafft,
Der gantzen Burgerschafft,
Dergleich gemeine Stadt, 10
War an jhrem vorrath,
Beraubt, sampt aller Schätz,
Erst sah ich das all plätz
Vnd Gassn vol Burger lagen,
Erschossen vnd erschlagen,
Im Blut geweltzt jhr Leiber,
Darbey Töchter vnd Weiber
Sassen ein grosse Schar,
Raufften jhr eygen Har,
Wanden vor leyd jhr Händ, 20
Ihr vil waren geschend
An jhr Weiblichen Ehr
Von dem vnzüchting Heer.
Genius sprach zu mir:
Nun will ich zeygen dir
Auch das gewaltig Heer,
Das mit blutiger Weer
Die Landschafft hat verhert,
Schlösser vnd Städt vmbkehrt,
Was sie für werth vnd lohn 30
Auch entpfangen daruon.
Schnell mit mir Genius
Durch die Wolcken hin schuss
Vber ein weittes Feld,
Das stund voller Gezeld,
Vnd darumb Circkel rund
Ein Wagnburg gschlossen stund,
Da lag die blutig Rott
An der Erd in dem Kot,
Samb[927] lebendig begraben,
In jrn Hüttn gleich den Raben,
Gantz Wetterfarb vnd hager,
Hungerig, dürr vnd mager,
Ihre Kleyder zerrissen, 10
Erfaulet vnd zerschlissen,
Bey der Nacht sie erfrurn,
Beym Tag hart peinigt wurn
Von der Sonn, hitz vnd staub,
Macht sie gantz matt vnd taub,
Regen vnd vngewitter,
Herb kalte Wind warn bitter,
Die Leuss in nassem Kleyd,
Theten auch vil zu leyd,
Offt ward gesperrt das Land, 20
Bracht mangel an Prouant,
Derhalb Alter vnd Junger
Musst leyden grossen hunger,
Wann sie dann hetten wol,
Warens denn gar stüd vol[928],
Frassens fleisch hinein gar,
Wans kaum halb gsotten war,
Durch so vnorndlich leben
Thet sich bey jhn begeben
Das jhr vil waren kranck, 30
Vmb sie war gross gestanck,
Sie hetten Breun vnd Ruhr,
Vil jhr begraben wur,
Kein rhu thetens auch haben
Mit schantzen vnd mit graben,
Mit Tagwach vnd schiltwachen,
Vnd andern Kriegessachen,
Der Pfenningmeister[929] gar
Offt zu lang aussen war,
Vil loffen auff die Beut,
Zaltens offt mit der heut[930],
Vil auch durch Armut kamen
Das Feind vnd Freunden namen,
Die henckt man dann an Galgen,
O wie sah ich ein palgen[931], 10
Ein Gottlestern vnd schwern,
Das niemand kund erwehrn,
Auff dem vmbplatz vil ringer
Lagen Händ vnde Finger,
Ohn zahl jhr worden wund,
Die man offt schlecht verbund,
Das sehr vil Krüppel gab,
Ich sah von oben ab,
Wie sie litten zumal
Vom Feind gross vberfal, 20
Auch kamen vom Scharmützel
Ihr offt herwider lützel,
Auch zeigt er mir von ferren
In eim Zelt die Kriegsherren,
Theten vil anschläg machen,
Felten doch in vil sachen,
Dess war jhn heimlich bang,
Der Krieg verzog sich lang,
Das Land gar zugewinnen,
Offt thet jhn Gelts zerrinnen, 30
Bey all jhren auffsetzen[932],
Der Vnderthanen schetzen,
Denn thet der Krieg sie tringen[933],
Eylend Gelt auffzubringen,
Musten zu underpfand
Versetzen jhr eygen Land,
Ihr Kleinat vnd Credentz,
Gieng auch dahin behends,
Ietzt fehlt Puluer, dann Bley,
Vnd ander Municey[934],
Dem reysing Zeug gebrach
Fütterung vnd Obtach,
Das wasser mancher zeyt 10
Dem Läger war zu weyt,
Offt ward Proviant verlegt,
Der Lerman[935] sie erschreckt,
Klag kam abend vnd morgen,
Auch mustens hart besorgen,
Ihn würd heimlich vergeben[936],
Ander aufsetz darneben,
Auch fürchtens mancherley
Auffruhr vnd Meuterey
In jhrem eygnen Heer, 20
Auch ereygnet sich mehr
Vntrew jhrer Amptleut,
Ihr vil trugen schalksheut,
Auch war jhr kundschafft schlecht
Offt falsch vnd vngerecht,
Auch wurd jhn hin vnd wider
Vil Post geworffen nider,
Dardurch kam an den Tag
Jhr heimlicher vorschlag,
Von jhnen fiel auch ab 30
Etlich Stätt, sich begab
Ir Bundgnossn wurden gweltigt,
Noth, angst wurd manigfeltigt,
Ihr Land vnd Fürstlich gnad
Stund als auff dem glückrad,
Der Feind auch auff sie zug,
Das Läger an sie schlug,
Beyd theil zuthun ein Schlacht,
Wurden ordnung gemacht,
Beyde zu Fuss vnd Ross,
Abgieng das Feldgeschoss,
Dass gleich das Erdrich kracht,
Nach dem gieng an die schlacht,
Vom Gschütz war ein gedöss, 10
Von Rossen ein gestöss,
Ein stechen vnde hawen,
In dem da thet ich schawen
Das ein Heer siegloss floch,
Der ander Hauff abzog.
Genius liess mich sehen,
Bald die schlacht ward geschehen,
Die Walstatt diser Wisen,
Sah ich mit Blute fliesen,
Da grosse hauffen lagn 20
Erstochen vnd erschlagn,
Eins theils lagen todwund
Echtzten noch mit dem Mund,
Eins theils hört ich laut gemmern
Seufftzen vnd kläglich wemmern
Vnd nach dem Tode schreyen,
Auss ängsten sie zu freyen.
Genius zeigt herab,
Wie man auch vrlaub gab
Dem gantzen hellen Hauffen, 30
Ach wie sah ich ein lauffen,
Beyde von Jung vnd Alt,
Dess Sold nicht gar bezahlt,
Derhalb die strassen schlecht
Lag gar vol Krancker Knecht,
Ihr vil sah wir gefangen,
Auch an den Baumen hangen,
Ihr vil die Bawern erschlugn,
Gantz elend sie heimzugn,
Wann der tausent theil gleich
Nit heim kam gsund vnd reich,
Der meist theil kam zu Hauss
Erger dann er zog auss, 10
Vol Laster vnd Vntugend,
Also die blüend Jugend
Im Krieg verdorben war,
Das jhr anhangt vil Jar.
Genius sprach zu mir:
Sag an Gsell, wie gfelt dir
Der Krieg vnd die Kriegsleut,
Sein art, frucht, lohn vnd peut?
Ich antwort jhm gar klug,
Dess Kriegs hab ich genug, 20
Dieweil ich hab mein leben,
So will ich mich begeben
In kein Krieg nimmermehr,
Weil er ohn nutz vnd Ehr
Handelt, allein mit schaden
Wirdt Land vnd Leut beladen,
Welche der Krieg thut rühren,
Sampt denen die jhn führen,
Derhalb der Krieg ich sag
Ist lautter straff vnd plag,
Dess gar soll müssig gan
Ober vnd Vnterthan.
Da antwortet Genius
Vnd sprach: Gesell man muss
Dess Feindes sich offt weren, 10
Der wider Recht vnd Ehren
Bekümmert Leut vnd Land,
Allda mit thewrer hand
Wehrt man sich recht vnd billig,
Da solt du auch gutwillig,
Deim Vatterland beystahn,
Als ein ehrlicher Mann,
Dran setze Leib vnd Blut,
Krafft, Macht, Gwalt vnde Gut,
Dein Vatterland zu retten, 20
Als auch die Alten theten,
Das frid vnd rhu jhm wachs,
Spricht von Nürnberg Hans Sachs.
3.
AUS DIE WITTEMBERGISCH NACHTIGALL, DIE MAN JETZT HÖRET ÜBERALL.
Wach auff, es nahend gen dem tag!
Ich hör singen im grünen Hag
Ein wunnigkliche Nachtigal,
Ihr stimb durchklinget Berg und Thal.
Die Nacht neigt sich gen Occident,
Der Tag geht auff von Orient,
Die rotbrünstige Morgenröt
Her durch die trüben Wolcken geht,
Darauss die liechte Sonn thut plicken
Dess Mondes schein thut sie verdrücken[937];
Des ist jetzt worden bleich und finster,
Der vor mit seinem falschen glinster[2]
Die gantzen Herd Schaf hat geblend,
Das sie sich haben abgewend
Von ihrem Hirten und der Weyd
Und haben sie verlassen beyd, 10
Sind gangen nach des Mondes schein
In die Wildnuss den Holzweg ein,
Haben gehört des Löwen stimb
Und sind auch nachgefolget jhm,
Der sie geführet hat mit liste
Gantz weit abwegs tieff in die Wüste;
Da habens ihr süss Weyd verlorn,
Hant gessen Unkraut, Distel, Dorn ...
Zu solcher Hut haben geholffen
Ein gantzer Hauff reissender Wolffen ... 20
Auch lagen vil Schlangen im Grass,
Sogen die Schaf ohn unterlass
Durch all Gelid biss auff das Marck.
Dess wurden die Schaf dürr und argk
Durchauss und auss die lange Nacht
Und sind auch allererst erwacht,
So die Nachtigall so hell singet,
Und des Tages Gelentz[938] herdringet,
Der den Löwen zu kennen geit[939],
Die Wölff und auch jhr falsche Weid. 30
Dess ist der grimmig Löw erwacht,
Er lawret und ist ungeschlacht
Uber der Nachtigal Gesang,
Das sie melt der Sonnen auffgang ...
Der schein niemand verbergen kan.
Nun das ihr klärer möcht verstan,
Wer die lieblich Nachtigal sey,
Die uns den hellen tag ausschrey,
Ist Doctor Martinus Luther,
Zu Wittenberg Augustiner,
Der uns auffwecket von der Nacht,
Darein der Mondschein uns hat bracht.
Der Mondschein deut die Menschen Lehr
Der Sophisten hin und her
Innerhalb der vierhundert Jaren, 10
Die sind nach ihr Vernunfft gefaren
Und hant uns abgeführet ferr
Von der Evangelischen Lehr
Unseres Hirten Jesu Christ
Hin zu dem Löwen in die Wüst.
Der Löwe wird der Bapst genennt,
Die Wüst das Geistlich Regiment,
Darinn er uns hat weit verfürt
Auff Menschensünd, als man jetzt spürt ...
Darumb, ihr Christen, auss der Wüste 20
Kehrt zu dem Hirten Jesu Christe!
Derselbig ist ein guter Hirt,
Hat sein Lieb mit dem Tod probiert[940],
Wie samlet er aber diss sein Lob?
Nämlich durch sein wort, die recht prob,
Das lasst er trewlich durch sein Lehrer
Theylen nach gelegenheit der Zuhörer,
Also, das ers auch nicht verschweigt
Den Kindern, wie diss Büchlein zeigt,
Darinn er ihn nach jhrm Verstand 30
Durch kurtze Fragstück macht bekant
Die fürnemst stück Christlicher Lehre,
Wie man jhn recht nach seim wort ehre.
Derwegen niemand nicht veracht
Die Fragen, hie kurtz eingebracht,
Sondern denck, das wir müssen all
Zu Kindern werden in dem fall,
Wollen wir anders glauben recht
Die gheimnuss unsers glaubens schlecht.
Die kindlich einfallt muss uns führen,
Und müssen lassen uns Regieren
Gotts wort, gleich wie das Kind regiert
Des Vatters Red, was der ordiniert;
Müssen von uns nicht hoch ding halten,
Sondern wie Kind demütig walten, 10
Welchs Christus damals hat gewelt,
Da er das Kind für die Jünger stelt.
Hierumb so brauch, mein liebe Jugend,
Diss Büchlin zu Lehr und rechter Tugend,
Die dann in Gotts Erkantnuss stehet,
Das man nach seinen Gebotten gehet.
Darzu wöll Gott sein gdegen[941] geben
Und nach disem das ewig Leben.
4.
FABEL.
{20} DER KRÄMER MIT DEM AFFEN.
Ein Krämer sein Krämerey trug
Darmit er hin vnd wider zug
Auff alle Kirchwey in dem Land,
Auff den Dörffern, wo er die fand,
Darmit er sich gar kaum ernehrt,
Mit müh vnd arbeit streng vnd hert[942],
Lid darbey hitz, frost, hunger vnd kommer
Nun begab sich im heissen Sommer,
Dass diser armer Krämer alt
Sein krämerskorb trug durch ein Wald, 30
Nun schien die Sonn so vberheiss,
Das vber sein Leib loff der schweiss,
Gieng daher helig[943], müd vnd schwach,
In dem ein Brünnlein er ersach,
Das in eim gelben sand auffqwül[944],
Gantz silberfarb, klar frisch vnd kül,
Zu dem der Krämer nider sass
In schatten in das grüne Grass,
Vnd sein Krämerskorb von jm setzt,
Vnd seines vnmuts sich ergetzt,
Thet sich mit disem Brünnlein laben,
Vnd gedacht jhm allda zu haben 10
Ein halbe stund ein stille rhu,
Vnd höret den Waldvögeln zu,
Wie sie sungen mit freyer stim,
In dem giengen die augen jm
Zu, vnd bey dem Brünnlein entschlieff,
In süssem schlaff gar hart[945] vnd tieff,
Vnter eim hohen Kistenbaum[946].
Im schlaff gedaucht jn in dem Traum
Wie er auff einr Dorff-Kirchwey wer,
Darauff sehr vil Gelds löset er, 20
Von Bawersvolck alten vnd jungen,
Die sich vmb seinen Kram vast drungen[947].
Dess wurd der Krämer frewden vol
Im schlaf, das es im gieng so wol,
In dem ein Aff ersehen was[948]
Den Krämer ligen in dem Gras.
Der lof, vnd bracht im Wald daher
Bey zweintzig Affen, oder mehr.
Die Affen alle vmb jn stuhnden,
Bleckten jr Zän, sein spotten kunden, 30
Aus fürwitz bald der Affen hauff
Brachen jm sein Krämers-Korb auff,
Vnd schütten jm herausser gar
All seine elende Krämers Wahr,
Als Brüch[949], Pfeiffen vnd Schlötterlein[950],
Niesswurtz, Zucker vnd Brentenwein,
Leckuchen[951] süssholtz, dergleich gneschlein[952]
Gürtel, Nestel vnd Kindstäschlein
Spiegel, Schelln, Kämb[953] vnd Harpand,
Fingerlein[954], Nadel, das alles sand[955]
Hieng der fürwitzen Affen Hauff
Im Walde in dem Baumen auff,
An den Esten hin vnde her,
Samb im Wald ein Dorfkirchwey wer.
Nach dem die Affn aneinander hiengen, 10
Ein Tantz vmb den Krämer anfiengen ...
Die Schu jm von sein Füssen zugen,
Vnd sie jhm in den Wald vertrugen ...
Von disem so ist munter worn
Der Krämer, vnd schnell aufferwacht,
Fuhr auff, vnd gar vngeschlacht[956],
Die Affen aber flohen bald,
Hin vnd her zerstrewt in dem Wald,
Vnd dem Krämer alle entloffen;
Der fund seinen Krämerskorb offen, 20
Der war von aller Wahr gantz ler,
Die hieng in Baumen hin vnd her,
Vnd dazu in Hecken vnd Stauden,
Die samlet er mit schweiss vnd schnauden[957].
Ein theil war jhm zu hoch gehangen,
Dieselben kund er nit erlangen.
Was er erlanget, packt er ein
Widerumb in den Kramkorb sein,
Vnd zog also barfuss darvon;
Must spot vnd schmach zum schaden hon. 30
DER BESCHLUSS.
Also sich hie in diser zeit
Manch Mann mit grossr müh vnd arbeit
Kan sich gar kümmerlich ernehrn,
Mit Weib vnd Kind hungers erwehrn,
Mit schwerer Armut ist beladen,
Vnd ist gantz jederman ohn schaden
Mit seim Gewerb was er thut treiben,
Kan doch vor den Affen nicht bleiben,
Welche man sonst nent die Spottvögel,
Welche sind frech, fürwitz vnd gögel[958],
Die öffnen vnverschembt allzeit
Eins guten Mannes heimligkeit
Spott weiss mit jhren hinterschlegen, 10
All sein ding zum ärgsten ausslegen,
In all seim Handl jn verunglimpffen,
Sehr grob mit wort vnd wercken schimpffen[959]
Wiewol mit solchem groben schimpff
Kompt der gut Mann vmb ehr vnd glimpff
Dardurch der gut Mann wird veracht,
Wenn aber der in ernst erwacht,
Vnd redet den vnd jenen an,
Was er geredt hat vnd gethan,
Als denn solch Spottvögel fliehen, 20
Vnd den Kopff auss der Schlingen ziehen
Wischen das Maul, drollen darvon,
Keiner wil nichts geredet hon,
Oder sie geben für jhm glimpff[960],
Es sey geschehn in gutem schimpff.
Solches sind recht vntrewe tück,
Vnd arg, neckische Bubenstück,
Welches thut gar kein Byderman,
Derselb schertzen vnd schimpffen kan,
In fröligkeit ohn allen schaden, 30
Dass sein Nechster bleibt vnbeladen,
Beyde an glimpff, Ehren vnd Gut;
Solchs abr der Schandvogel nicht thut,
Sonder schertzweiss aussbreit er das,
Vnd doch auss bitter neyd vnd hass,
Alls was er sicht, hört vnd erfehrt,
Er alle ding zum ärgsten kehrt.
Solch Affen vnd Schandvögel auff Erd
Die sind gar keiner Ehren werd.
Sie richten an vil vngemachs.
Nur mit jn hin! das wünscht Hans Sachs.
Anno Salutis MDLVIII.
Am 19. Tage Decembris.
5.
AUS DER COMEDIA: DIE UNGLEICHEN KINDER EVÆ.
{10} Ausgabe: Nürnberg bey Christoff Heussler 1558.
Actus III.
Adam vnnd Eua geen ein, vnd Abel selb sechst, Kain auch selb sechst.
Adam spricht.
Eua ist das hauss gezirt
Auff das wenn der Herr kummen wirt
Das es als schön vnd lüstig Ste
Wie ich dir hab befolhen Ee.
Eua spricht.
Alle ding war schon zu bereyt
Za nechten[961] vmb die versperzeit. 20
Adam spricht.
Ir kinderlein ich sich den Herrn
Mit seinen Engeln kummen von Ferrn
Nun stelt euch in die ordnung fein
Vnd bald der Herre dritt herein
Neygt euch und bietet jm die hend
Schaw zu wie stelt sich an dem End
Der Kain vnd sein Galgen-rott
Sam wöllen sie fliehen vor Gott.
{30} Der Herr geet ein mit zweyen Engeln, geyd den segen vnd spricht.
Der Fried sey euch jr Kinderlein.
Adam hebt sein hend auff vnnd spricht.
O Himelischer Vater mein
Wir dancken in vnsrem gemüt
Das du vns Sunder durch dein güt
Heimsuchst in vnser angst vnd not.
Eua hebt jr hend auff vnd spricht.
Ach du trewer Vatter vnd Got.
Wie soll wirs verdienen vmb dich
Das du kumbst so demütigklich 10
Zu vns elenden an diss ort
Dieweil ich hab veracht dein wort
Vnd gefolgt der hellischen schlangen
Da ich die gröst sünd hab begangen
Wider dich, drumb wirt mein gewissn
Bekümmert, geengst vnd gebissn.
Der Herr spricht.
Mein Tochter sey zu frieden eben
Deine Sünde seind dir vergeben
Wann ich bin barmhertzig vnd gütig 20
Genedig, Trew vnd gar langmütig
Ein Vater der trostlosen armen
Ich wirt mich vber euch erbarmen
So ich euch send in meinem namen
Des verheissenen weibes samen
Der wirt von übel euch erlösen
Zertretten die hellischen bösen
Schlangen doch mitler zeit vnd fort
Solt jhr euch halten an mein wort
Mit eim festen vnd starcken glaubn 30
Vnd last euch des niemand beraubn
Das sol die weil ewer trost sein.
Adam spricht.
O himelischer vater mein
Des sey dir lob, danck, preiss vnd ehr
Jetzund ewig vnd jmmer mehr
Nun jhr kinder euch hieher macht
Mit reuerentz den Herrn entpfacht
Sich, Sich, wie sich der Kain stelt
Mit seiner rott so vngschickt helt
Vnd wend vnserm herr gott den rück
Wend euch und habt euch als[962] vnglück
Empfacht jn nach einander rumb.
Kain entpfecht den Herrn mit der lincken hand vnd spricht.
Herr nun biss mir wilkumb. 10
Eua spricht.
Ey reicht jr denn an diesem end
Vnserm hergott die lincken hend
Ziecht auch ewre hütlein nit ab
Wie ich euch vor geleret hab
Ir groben filtz[963] an zucht vnd ehr
Mein Abel kum zum Herren her
Sambt den ghorsamen brüdern dein
Entpfahet Gott den herrn fein.
{20} Abel beut dem Herrn sein hand sampt den frommen kindern vnnd spricht.
O Herr Got du himlischer vater
Ich danck dir du höchster Wolthater
Der du dich vnser so gnedigklich
Annembst wer kan vol loben dich.
Der Herr spricht.
Abel vnd diese fünffe sind
Gehorsam wolgezogne kind
Kumpt thüt neher zu mir her trettn 30
Saget mir her wie künd jhr bettn.