HEINRICH STEINHÖWEL.

[Scherer D. 265, E. 261.]

Geboren zu Weilderstadt an der Wirm, promovierte 1442 zu Padua in der Medicin, wurde Arzt in Esslingen und 1450 als Stadtarzt nach Ulm berufen, starb 1482. Er ist durch seine Übersetzungen aus dem Lateinischen für die deutsche Prosa wichtig. Von seinen Übersetzungen sind besonders hervorzuheben: der Roman ‘Apollonius von Tyrus’ Augsburg 1471 (her. von K. Schröder, Leipzig 1873); der ‘Äsop’ Ulm zwischen 1476–1480 (her. von Österley, Tübingen 1873); Boccaccio’s ‘de claris mulieribus’ Ulm 1473. Die Übersetzung von Boccaccio’s ‘Decameron’ (her. von von Keller, Stuttgart 1860) wird ihm mit Unrecht zugesprochen.

1.
DIE VIII FABEL VON DEN FABELN VND DEN SCHAUFEN.

Ain jünger hett besondern lust, mangerlay fabeln ze hören und batte synen maister, daz er im ain lange sagen wölte. Do sprach der maister zuo im: Wartt, daz zwischen uns itt beschehe[534] als ains mals zwischen ainem künig und synem fabelsager geschahe. Der {10} jünger batte den maister im das ze sagen; do sprach der maister: Ain künig hett ainen maister der gar vil und mangerlay hystorien sagen kunde, und wann der künig ruowen wolt, so waz syn ordnung, daz er im fünff fabeln sagen solte, damit er syn müdes gemüt und krefften wider erholet[535] und erkükte[536]. Uf ain zyt als der künig abends in syn bett gienge und den vergangen tag mit mangerlay geschäfftes überladen nun müd waz, daz er nit geschlaffen kund, begeret er mer fabeln zuo hören, wann syn gewonhait was. Der maister sagt im dry ander aber gar kurcze. Do sprach der künig: Du hast gar kurcze gesagt. Ich wolte gern ain {20} lange hören; darnach liesse ich dich schlauffen. Des verfolget[537] im der maister, und fieng an ze sagen: Ain rycher pawr[538] nam zuo im tusent pfund pfenning, und zoget uff ain iarmarkt und kouffet darumb zwei tusent schauff, ietlichs umb ain halbes pfund pfenning. Do er aber die schauff von dem jarmarkt haim trib, was der bach, über den er tryben muoss, so ser gewachsen von zuofliessendem güswasser, daz er weder durch den furt[539] noch über die brucken tryben mocht. Do suochet er mangerlai weg, wie er die schauff hinüber brächte. Ze letzt fand er ain kleines schifflin, darinne er nit mer dan ains oder zway zemal mocht überfüren. Also fänge {10} der paur an die schauff überzefüren je zwei und zwei. Mit disen worten entschlieffe der maister also by dem künige. Der künig weket in bittende, daz er die fabel gar uss wolt sagen. Do sprach der sager: Herr, das wasser ist gross und ist das schifflin klain und sint die schauff one zal. Lasse den pawren die schauff vor alle hinüber füren, so will ich darnach sagen, wie es im mit den schauffen ergienge. Mit disen schimpffworten[540] stillet er den künig, daz er benügig ward und vergündet[541] dem sager[542] ze schlaffen. Darumb, lieber sun, (sprach der lerer zuo dem jünger) wilt du mich fürbas bekümern ze sagen, so würd ich dir dises byspil für heben.

2.
{20} DIE XV FABEL VON DES KÜNIGES SCHNYDER UND SYNEM KNECHT.

Untrüw umb böslist iecz gemain ist, und das du dir nit beschenhen wilt, das tuo kainem andern. Des hör ein schimpffrede. Ain künig hettainen schnyder, der ieder zyt syne klaider wol kund machen, ouch iedem menschen nach synem wesen[543]. Er hette ouch vil guoter knecht, die fast wol[544] neyen[545] kunten, under denen was ainer, Nedius gehaissen, der für die andern alle der best was. Uff ain zyt als der hochzytlich tag nachnen was, berüffet der künig den selben schnyder, und sprach zuo im. Du solt mir und mynen {30} dienern uff dises fest kostliche klaider machen, und tuo das unverzogenlich[546], und dar umb daz kain verziehen dar inn beschähe, ordnet er inen ainen obmaister Eumicus gehaissen, der in uff wartet, daz sie ennlich[547] solten arbaiten, und sie mit essen und trinken wol versähe. Uff ain zyt als Nedius nit anhaimisch[548] was, gabe Eumicus den schnydern allen warmes brot und hönig zuo ander spys und sprach zuo inen: Ir söllen Nedio synen tail behalten. Do sprach der maister, Nedius ässe kain hönig, ob er ouch da wäre. Do Nedius komen was, sprach er: Ir habent on mich geessen und mir mynen tail nit behalten. Do sprach Eumicus: Dyn maister sagt, ob du wol hie gewesen waurest, dannocht hettest kain hönig geessen. Nedius schwige dar zuo, und gedacht emsiglichen[549], {10} wie er synem maister möcht widergelten. Und uff ain zyt, do der maister nit gegenwirtig was, füget sich under andern reden, daz Eumicus zuo Nedio sprach: Sag mir, Nedie, ob du ie kain bessern zuoschnyder gesehen habest, wann dyn maister ist. Antwürt Nedius: Ja, herr, er wäre fast gut, wa die krankhait in nicht so ser bschwärte. Do in Eumicus fraget, waz krankhait er an im hette, do sprach der Nedius zuo im: Ja, herr, er würt ouch etwan so wütend tobsüchtig und so gauchlingen[550], wa man nit bald dar vor wäre mit binden oder villycht mit ruotenschlahen, nieman möchte sicher by jm belyben. Do sprach Eumicus: Habt ir aber kain {20} zaichen, dar by ir kennen mügent, wann in die krankhait an wölle stossen? Nedius antwürt: Herr, ja. Wann er umb sich hin und her senhen würt und mit den füssen[551] uff die taffeln klopffen, mit den füssen strögeln[552] und synen stuol, dar uff er siczet, uff heben, so komt die tobsucht an in. Do sprach Eumicus: So will ich dester bas[553] warten, das niemand von im geleczet[554] werde. Du tuost wol dar an, sprach Nedius. Unlang dar nach, als Eumicus und syn diener by den schnydern warent, verbarg Nedius dem maister syne scher, und als er schnyden solt, und die scher nit enfand, ward er[555] umb sich senhen und uff die büny[556] klopffen mit den henden, {30} ob er die scher itt höte, und synen stuol uff heben. Do wenet Eumicus, in wolte die tobsucht an komen, und schuoff als bald, daz man in binden solt, und do er sich weret und schryen ward, schluogen sie in so lang, uncz daz sie müd wurden und er blöd[557] ward. Do er sich aber wider erholet, sprach er: O herre warum hast du mich so hart lassen schlahen? Antwürt Eumicus. Maister, ich hab das dir zenucz gethan, wann Nedius hat mir gesagt, wie du zuo ettlichen zyten tobsüchtig werdest und nieman vor dir sicher sie, und dir nit ee noch bass geholffen werden, wann durch binden und schlahen. Do sprach der maister in zorn bewegt zuo Nedio: Sag, du schalk, wa hast du erfaren, oder von wannen waist du, daz ich tobsüchtig würd? Nedius antwort und sprach: Zuo den zyten als du erfurest, daz ich warm brot und honig nit essen mocht, do ward mir dyn tobsucht kund gethan. Diser antwürt {10} lachent Eumicus und allen gesellen, und merktent, daz er syne schuld mit gelycher müncz wolte bezalen. Nach gemainem sprichwort: Ein gefatterschaft über den zon, die andern herwider. Darumb, was du dir nit beschenhen wellest, das tuo kainem andern.